Ein Epos wird geboren (Teil 3) – So viele Geschichten, so wenig Zeit

Ein Epos wird geboren (Teil 3) – So viele Geschichten, so wenig Zeit
Inzwischen ist es Juel, dem ich ähnle.

 „Doch dies ist eine Geschichte nach meiner Geschichte
und ich werde sie an einem anderen Tag erzählen.“

Der Märchenerzähler Alis

Ich startete also im August 2013 auf meinem noch jungen Blog „Aber ein Traum“ mit der erstmaligen Veröffentlichung meines Fantasy- und SF-Fragments „Brautschau“. Es sollte noch einmal fast vier Jahre – bis ins Frühjahr 2017 – dauern, bis ich den fertiggestellten Roman als das erste meiner Werke im Eigenverlag veröffentlichte. Doch bis es so weit war, lagen noch viel Arbeit vor mir und einige Felsbrocken auf dem steinigen Weg.

Faiaba. Bereits nach wenigen Fortsetzungen war es mit dem einfachen copy & paste vorbei. Im 2. Kapitel der Geschichte, in dem der Brautwanderer Half in dem Gasthof „Zum freundlichen Becquerel“ zuerst auf Juel und dann auf den mysteriösen Geschichtenerzähler Sahar trifft, klaffte eine große Lücke. Sahar hat in dem Gasthof einen Auftritt und gibt ein Märchen zum Besten, doch es fehlt in meinem Urtext. Mir war damals nichts passendes eingefallen. Da konnte so nicht bleiben. Doch auch diesmal tat ich mir schwer. Also bestahl ich mich einfach selbst. Ich stieg tief hinab in die Katakomben, in denen ich aufgegebene Texte, Fragmente, Gedichte, Skizzen und Einfälle lagere und wurde tatsächlich fündig. Mir kam eine der schlimmsten meiner Jugendsünden in die Hände: „Kampf um Udgard“.

Mit 15 hatte ich Felix Dahns „Germanische Göttersagen“ gelesen und unverfroren einen gewaltigen Fantasy-Epos begonnen, das in den Tagen nach Ragnarök, also nach dem Weltuntergang spielt, der in der Edda berichtet wird. Die Asengötter sind tot. Die Wölfe Hati und Skalli haben den Mond (Máni) gefressen und die Sonne verdunkelt, die Welt erstickt im Finbulwinter. Das Schicksal der Welt – und dies ist nun mein Beitrag – liegt in den Händen des Findelkinds Straif, des letzten Abkömmlings der alten Könige von Midgard. Das Ganze wurde unter meiner Feder (1) – der eines pubertierenden, dicklichen und pickligen Jungen, der keine Freude hatte – zu einer faschistoiden, misogynen und kruden Mischung aus der Edda, dem „Herrn der Ringe“, den „Shannara-Chroniken“, Conan und vielen anderen Einflüssen. In diesem Alter war ich maßlos. Ich bastelte mir eine gigantische Welt und wollte tausend Romane und kürzere Texte über sie schreiben. Selbstverständlich gelangte ich nie über ein paar Seiten hinaus. Ich vollendete allerdings zwei Texte, die ich später beide überarbeitet in „Brautschau“ übernahm und sie von Sahar erzählen lasse. Eine Geschichte war das Märchen von Faiaba, der schlafenden Schönheit in ihrem Eissarg.

Die letzte Seite des Märchens von der holden Faiaba aus dem Jahr 1979. Ich habe auf einer alten Schreibmaschine getippt. Und, ja, ich habe schon damals meine Bücher selbst illustriert.

Erson. Auf diese Weise gelangten einige Figuren und Handlungsstränge in die Welt von Brautschau, die ich in den ursprünglichen Plot hineinpuzzelte. Während ich mich intensiver mit der Geschichte auseinandersetzte und mein Vorrat an Fortsetzungen für den Blog immer karger wurde, bemerkte ich auch einige Motivationslöcher. Eines betraf den Kaufmann Juel, der unbedingt in die verseuchten „Jenseitigen Lande“ in die Stadt Pars gelangen will. Dass er nur ein Schatzjäger ist, war mir nun zu schwach. Ein anderer Grund musste her. Ich schrieb Juel eine Ursprungsgeschichte auf den Leib. Auf diese Weise erhielt „Meister Siebenhardts Geheimnis“ seinen Titel und seinen Prolog, der selbst die Länge eines kleinen Romans hat (2). Mit diesem Prolog, der 20 Jahre vor der Hauptgeschichte spielt, hatte ich genug Vorrat für meine Blogfortsetzungen und verknüpfte die Faiaba-Geschichte mit dem Rest. Neben zu fing ich dann an, im 5. Kapitel weiterzuschreiben, das ich vor 35 Jahren abgebrochen hatte und die zweite Hauptfigur Hetha Sanft einführt.

Karukora. Beim Überarbeiten meines alten Textes stieß ich im 4. Kapitel auf folgenden Satz:

„Diese goldene Münze, auf der im Halbprofil Regno Raul IV. ab­gebildet war – jener kürzlich in Karukora ermordete Herrscher der Lamargue – ersetzte den Verlust des eige­nen Geldes um ein Vielfaches.“

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich damals vorhatte. Der Regno wird im Urtext nicht noch einmal erwähnt. Doch dies war die Gelegenheit, einen buchstäblich verlorenen Text von mir zum Leben zu erwecken – die Geschichte von der Stadt Pardais, die Flüchtlinge, die in einer grausamen Diktatur von einem Namenlosen Herrscher geknechtet wurden, unbedingt erreichen wollen, weil sie glauben, dass es das Paradies sei. Das etwa 150 Seiten starke zynische Original, das ich ungefähr mit 20 geschrieben hatte, hatte ich damals tatsächlich in einem Café vergessen und nie mehr wiederentdeckt. Es ist sicher der bittersten Verlust, den ich je als Autor verkraften musste. Aber nun bot sich mir die Gelegenheit, das Buch noch einmal zu schreiben. Die Idee zum „Weg, der in den Tag führt“ war geboren und ich begann neben „Meister Siebenhardt“ auch an der Prequel-Story „Karukora“ zu arbeiten(2), in der auch Juel und Sahar ihr Unwesen treiben und mit Miladí da Hiever eine Hauptfigur der „Siebenhardt“-Fortsetzung „Faiabas Erwachen“ eingeführt wird. Miladí habe ich übrigens direkt bei den 3 Musketieren gestohlen, so wie der Vezir Ómer Sud die Comicfigur Isnogud als Vorbild hat.

Regno Raul VI. Herrscher über die Lamargue.

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(1) Seit er Lesen und Schreiben gelernt hatte, wollte Nikolaus Klammer nur eines: Er wollte ein Schriftsteller sein.

(2) Mit meinen heutigen Erfahrungen als Selfpublisher würde ich diesen Prolog als Einzelband veröffentlichen.

(3) Den ersten Band habe ich 2018 veröffentlicht, 2020 dann den zweiten.

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