Aber ein Traum …

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Archiv für die Kategorie “Phantastik”

Mánis Fall (Kapitel 1.11)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.«

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Meter Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er flog in einem sanften Bogen heran und stieg dabei etwas in die Höhe, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räümung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Auf­stand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unter­warfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und im All an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologi­sche und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas über­trafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durch­schnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei einge­schlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets be­schränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte üb­rigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

»Teile mir jetzt die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Omicron aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen sofort, sich über ihre Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung über Funk mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte. Sie wusste nur nicht, was und hätte gerne in der VR seiner Zentraleinheit einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Omicron.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Omicron an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Un­tersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, re­agieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklabo­ren der Pariser Universität den ersten komplett men­schenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem „Sommernachtstraum“ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genopti­mierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fa­bias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiter zu entwi­ckeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr inti­mes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom sich sehr langsam entwickelnden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. »Begebe dich sofort zur Behandlungslie­ge. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informierte er jetzt nicht die Behörden. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit komplizier­tem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Omicron rollte ihm wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltun­tergang hin, Armageddon her –, doch sicher die evaku­ierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuch­ten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle stand­rechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Fabia lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekann vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kanne zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin des atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia durch den Kopf. »Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

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Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

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Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.10)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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»Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Stand­by«, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLEM blieb sofort stehen und blinkte stumm. Obwohl er sich nicht mehr bewegte, machte er einen vorwurfsvollen Eindruck.

»Na, Mädchen?«, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, »doch nicht so stark und mu­tig?«

»Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.« Sie sah sich um und deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an ei­nem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. »Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.«

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

»Ich helfe dir«, bot sich Leon an. »Die Ärzte sind sicherlich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glau­be nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.«

Fabia richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne fremde Hilfe schaffen.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein«, lehnte sie Le­ons Angebot ab. »Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn aber doch schon abgezogen haben sollten, kann mich auch mein Omi­kron unterstützen. Er hat ein komplettes Medizin-Update.«

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle aufbrechen und nicht in irgendwelche Bunker, sondern zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schwe­ber habt ihr eine echte Chance.«

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er seufzte.

»Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns eben nicht zufällig abgepasst haben? Die Polizeischweber haben auf uns gewartet. Du bist verraten wor­den und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur un­gern alleine.«

Ja, es war Fabia bewusst, dass man sie verraten hatte. Es war nicht schön, damit konfrontiert zu werden, denn sie hätte die Überlegungen, wer das getan hatte, gerne verdrängt.

»Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge«, winkte sie ab. »Von Babel aus kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …«

Leon beulte mit der Zunge seine linke Wange aus.

»Da gibt es noch etwas, das ich für dich tun kann. Wenn du willst, kann ich deine Augreyes komplett ausschalten und anschließend fliegst du unter dem Radar der 2MC.« Er holte aus seiner Hosentasche ein handgroßes Gerät, das wie eine kleine Pistole aussah, und zeigte es Fabia.

»Dieses Spielzeug hat mich auf dem Untergrund-Schwarzmarkt Unsummen gekostet, aber es ist sein Geld wert. Es ist ein sogenannter Jailbreaker und er ist kinderleicht zu bedienen. Aber wahrscheinlich hast du mehr Ahnung von solchen Dingen als ich. Keine Sorge, es tut nicht weh. Du wirst dich danach nur ein wenig … verlassen vorkommen.«

»Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe«, erwiderte Fabia. Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber das würde schnell vergehen.

»So, das war es schon. Deine Augreyes sind heruntergefahren«, sagte er. »Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug.

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du es denn nicht selbst?«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hat­te. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahen­den Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit sei­nen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantik­küste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Kata­strophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union auf­geflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerrei­ben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude er­reicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm heruntergekühle Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Be­vor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste, die von Milliarden von Menschen überschwemmt wurden, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbro­chen. Sie wandte sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt war. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte von einem langgezogenen Tresen heran. Die medizi­nischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volks­mund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medi­zinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à und ein paar der überall anzufinden­den, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Fabia hatte großes Glück, dass man sie noch nicht geschlossen hatte.

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Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

Mánis Fall (Kapitel 1.9)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig be­fahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng bei­einander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Poli­zeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie mit ge­ringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Pro­bleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unter­binden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf ei­ner scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüp­pel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben er­ahnte, leg­te seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mör­derisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes einge­blendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zwei­mal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu ei­ner ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem al­ten Bois de Bologne nachemp­funden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständ­lich war es nur die zeitgenössische Ko­pie eines Tri­umphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der be­wegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszuset­zen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr per­fekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheits­dämpfung einge­schaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fa­bias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläser­ne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant empor­steigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu fol­gen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Allee­bäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winzi­ger Droh­nen aufstieg, die auf allen landwirtschaftli­chen Flä­chen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestor­benen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde auswei­chen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explo­dierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Garten­mauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

»Bürgerin Winterfeld …«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbin­dung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn über die nahe Seine steuerte und in gemäßigtem Tem­po und niedriger Höhe auf das weitläufige Universi­tätsgelände zu­hielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia wäh­renddessen um den jammernden Ra­phaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Ban­dage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Re­spekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC ken­nen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids „Recht­gläubigem Rotem Reich“ verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regie­rung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die na­türlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindru­ckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünf­zehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenl­osen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schrift­steller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residier­ten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Pro­fessor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenom­mene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperatu­ren, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Men­schen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden an­deren Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltum­spannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur weni­ge NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuel­len Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugech­sen zu, die in der Ther­mik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Ein­samkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Lee­re und litt an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räu­me voller Menschen gewechselt, als die wenigen hun­dert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und er­brach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Omicron drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

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Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.8)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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Wie bei jedem Aufenthalt im Cyperspace hatte Fabia ihr Zeitgefühl verloren und war einige Augenblicke ori­entierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand ei­nige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die letz­ten Lichtreflexe der virtuellen Umgebung von ihren Augreyes weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Geistes in ihren Körper gewartet hatten.

»Der Schweber sollte gleich kommen«, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort einer der kugel­runden gläsernen Personentransporter vor der Brüs­tung der Terrasse auf und senkte sich dann geräusch­los auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen klappten nach au­ßen. Es war nur ein kleines Modell, das Fabia hatte ru­fen kön­nen. Es war eigentlich nur für zwei Passagiere ge­dacht, die nebeneinander in den Schweber passten, aber auf die Schnelle hatte sie keinen geräumigeren Schweber auftreiben können.

»Das wird ja ganz schön eng«, stellte Leon kritisch fest.

»Ich bin auch nicht begeistert, doch dies ist der einzi­ge verfügbare Schweber. Hoffent­lich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steu­ern«, überlegte Fabia. »Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.«

Raphaël sprang wütend auf. »Das geht auf keinen Fall«, empörte er sich. »Meine wertvollen Gedichtbän­de! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!«

Sein Freund versuchte ihn zu beschwichtigen, wäh­rend Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für die Roboter vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Pilot über­nahm.

»Da!« Raphaël deutete zornig auf Omicron. »Diese Me­tallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?«

Fabia platzte der Kragen.

»Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurücklas­sen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm ein­stürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.«

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem immer wolken­verhangener werdenden Himmel keine Anzeichen da­für, dass die Katastro­phe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

»Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?«,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Ge­dicht.

Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend ge­schlagen. Nachdem er zögernd ein einziges Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche ge­steckt hat­te, ließ er sich von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

»Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht«, murmelte Raphaël beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das klei­ne Fluggerät zu passen. Fabia hatte die Armfrei­heit, sich über Omicron mit der Steuerung zu verbin­den. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa fünfhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leit­strom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüber­schaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz von Menschen und Fahrzeugen, die alle durch die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Kranken­häuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Auf­wand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu eva­kuieren, war für einen Einzelnen unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordi­nierte und organisierte.

Fabia gab dem automatischen Piloten den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog gehorsam an der nächsten Kreuzung ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Leon. »Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung der Deutschen Länder abfahren, liegen doch alle in öst­licher Richtung. Bist du so sentimental und möchtest zum Abschluss noch ei­nen kleinen Stadt­rundflug machen?«

»Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber wei­terfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Um­weg.«

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

»Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kom­men willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Im an­schluss an den Impact des großen Mondbrockens im At­lantik, der nach den neuesten offiziellen Schätzungen 23:30 Uhr bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später überschwemmen. Uns bleiben vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Stunden. Wenn wir bis da­hin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden.«

Fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff.

»Hast du dich etwa aktiv mit dem Netz verbunden? Ver­dammt noch mal«, fluchte sie, »kappe sofort die Ver­bindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.«

»Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder komplett abgeschaltet. Wenn I-Net nach uns sieht, fin­det er nur deine Kontaktlinsen.«

Fabia atmete auf, aber ihr Instinkt warnte sie weiterhin. Sie ka­men gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutziges graues Band die Innenstadt in zwei Hälften zerschnitt. Die beiden Val-d’Oise-Wohn­türme kamen in Sicht. Fabia wies den Schweber an, Höhe zu gewinnen, damit sie einen besseren Überblick bekam.

In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimms­ten Befürchtungen:

Der Schweber hatte inzwischen eine kaum mehr be­fahrene Flugstraße hinaus aus den verstopften Routen der Flüchtlingsströme eingeschlagen, als wie aus dem Nichts von oben zwei wendige Polizeiflieger jäh herab­fielen und vor ihnen drohend den Weg versperrten. Der auto­matische Pilot reagierte sofort, stoppte pflicht­schuldig und der Schweber ruhte bewegungslos vor den beiden anderen in der Luft.

»Verdammt! Verdammt! Verdammt«, wiederholte Fa­bia nach ei­ner Schrecksekunde, denn im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. »Wo kommen die so plötzlich her?«

»Landen Sie sofort diesen gestohlenen Schweber, Bür­gerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Ab­satz 4 der vor 52 Minuten in Kraft getretenen Allge­meinen Notstandsverordnung sind wir gezwungen, so­fort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie und eventuelle Begleiter jetzt wegen schweren Verstößen gegen die Artikel 217 b, 56 und 14 a der Ers­ten Allgemeinen Strafgesetze der Notstands­verordnung in unmittelbaren polizeilichen Gewahrsam neh­men.«

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönte eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehör­te, dem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEM, der in Krisenzeiten allerdings die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses sofort auszuüben. Er be­saß sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit den sturen und schwerfälligen Robotern war nicht zu denken. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern nur go­LEMs befanden. Ein Mensch – direkt mit einer Flug­steuerung verbunden – war jeder KI in Reflexen und Geschwindigkeit überlegen, zumal ihn keine Sicher­heitsbeschränkungen behinderten. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Über­legung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wich­tigeres.

»Haltet euch fest, das wird etwas holprig«, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbe­wegungen reagierte und ihr ihre Augreyes mehrere Flucht­routen einblendeten, ging sie in einen gemächli­chen Sinkflug, als würde ihr automatischer Pilot noch arbeiten und der Auffor­derung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erhebli­chem Tempo nach un­ten wegsackte, aber ihr gemeinsa­mer Angstschrei wur­de von dem aufheulenden Motor übertönt.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

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