Aber ein Traum …

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Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 5)

[<– Zum 1. Teil]

4.

Klaus Wendlbaur, ein achtundsechzigjähriger, breiter Rentner und Witwer mit einer häßlichen, feuerroten Narbe quer über der Stirn, die er sich im Krieg zugezogen hatte, fühlte sich nur wenig erleichtert, als er die Grottenaupost verließ und sich nach rechts wand. Ob­wohl es ja ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit war, fröstelte ihn und er vergrub sich tiefer in seinen Trenchcoat. Er hatte zwar Oliver Heyses Wunsch erfüllt und dessen brisante Unterlagen per Einschreiben an ihn zurückge­schickt, aber er machte sie ernste Sor­gen um den Vetter seiner vor über zehn Jahren verstorbenen Frau, der sich nach einer längeren Frist so plötz­lich bei ihm gemeldet und ihm eine phantastische Geschichte erzählt hat­te. Es war wahrscheinlich ein Fehler ge­wesen, dieses geheime Grundsatzpa­pier der ASO nicht zu kopieren, jedoch­ wehrte sich jede Faser in ihm, mit der ganzen Angelegenheit etwas zu tun zu haben. Wenn Heyse nicht übertrieben hatte und jene seltsame Vereinigung von Augsburg-Freunden, an die er geraten war, tatsächlich so radikal und extremi­stisch wie in ihrem Manifest war, dann schwebten sie unter Umständen beide in tödlicher Gefahr. Nun, heute Abend würde er sich ja mit Heyse treffen, dann würde er ihm si­cherlich die Andeutungen erklären, die er gestern spät in der Nacht merkwür­dig gehetzt und kurz angebunden am Telefon gemacht hatte. Wendlbaur wusste nur, dass es um die Verleihung des Brechtpreises am Wochendende ging.

An der Kreuzung hielt er sich rechts und betrat die Annastraße, Augsburg Haupteinkaufsmeile. Er är­gerte sich kurz darüber, dass sein altes Postamt an der Kreuzung Frauentor­straße/Pfärrle geschlossen worden war. Dort war jetzt ein übrigens gut ausgestattetes Schreibwarengeschäft. Deshalb musste er jetzt wegen eines Einschreibebriefes bis in die Stadt ge­hen. Er ging beim Attinger vorbei und sein Blick streifte oberflächlich über die Auslagen. Er konnte es nicht genau festmachen, aber irgendein Reflex im Spiegel der Schaufensterscheiben ließ ihn aufmerksam werden. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber in diesem Augenblick war er sich plötzlich sicher, verfolgt zu werden. Das ist verrückt, dachte er bei sich, jetzt lasse ich mich schon von Olivers Psychosen anstecken. Terroristen von der Augsburger Separatisten Organisa­tion!, das war wirklich lächerlich. So et­was gab es nur in schlechten amerika­nischen Fernsehserien. Trotzdem ging er sehr unsicher wei­ter, immer versucht, den Kopf blitz­schnell zu drehen und den hinter ihm gehenden Menschen ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich jedoch, dieser Versuchung nicht nachzugeben, damit er, falls er tatsächlich einen Verfolger hatte, nicht verriet, dass er ihn bemerkt hatte.

Erst in der Hartmannpassage blieb er vor einem Ssgaufenster des Spielwarengeschäfts stehen und tat so, als würde er sich für die ausgestellten Brettspiele interessieren. Dabei sah er, wie er meinte, unauffällig zurück. Es waren heute viele Leute unterwegs, aber niemand sich um ihn zu küm­mern. Die Menschen, die an ihm vor­beigingen, starrten ihm zwar nahezu ausnahmslos ins Gesicht, aber daran war er wegen seiner auffälligen Narbe ge­wöhnt. Er musste sich also getäuscht haben. Trotzdem blieb ein großer Zweifel in ihm und er spürte, während er anschließen die Passage verließ und den Rat­hausplatz querte, einen bohrenden Blick in seinem Rücken. Für einen Mo­ment wühlte wieder Angst in seinem Magen.

Ein Straßenbahnwagen der Linie Zwei näherte sich gemütlich vom Moritzplatz her der Rathaushaltestelle. Wendlbaur begann zu schnel­ler zu gehen, um sie noch zu errei­chen. Die Bahn hielt mit stotterndem Quietschen vor dem großen Tor des gewaltigen Renaissance-Rathauses und öff­nete zischend ihre Türen. Er lief um den hinteren Teil der Tram herum, dabei warf er wieder einen Blick hinter sich. Niemand hatte wie er seinen Schritt beschleunigt und Wendlbaur war auch der letzte, der hinten in den Wagen stieg. Die Bahn war nicht sehr voll, trotzdem blieb der ältere Mann auf der hinteren Plattform stehen; es lohnte nicht, sich für die drei Stationen, die er fahren wollte, zu setzen. Er streckte sich nach einem Haltegriff, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr an, am Perlachturm vorbei, die Karolinenstra­ße hinab. Wendlbaur fühlte sich erleichtert. Ihm war, als wäre ihm ein tonnenschweres Gewicht von der Seele genommen.

Da kreuzte er den scharfen Blick eines ungewöhnlich muskulösen, breitschultrigen Mannes, der ihn schon fixiert hatte, als Wendlbaur eingestiegen war und Panik brannte wie Sodbrennen seinen Schlund empor. Fast hätte er um Hilfe geschrien. Der brutal wirkende Bodybuilder stand bei der nächsten Tür, lässig gegen eine Stange gelehnt, die Arme verschränkt. Wie er es bei der ruckelnden Fahrt um die Domkurve fertigbrachte, scheinbar mühelos im Gleichgewicht zu bleiben, als wäre er mit dem Boden und der Haltestange verwachsen, war dem Wit­wer ein Rätsel. Natürlich, jetzt fiel es ihm ein. Dieser Muskelberg war vorhin in der Passage an ihm vorbeigegangen und er war der einzige gewesen, der ihn nicht beachtet hatte. Das hätte ihn gleich stutzig machen sollen. Er hatte sich also doch nicht geirrt! Sein Verfolger war nur nicht hinter, sondern vor ihm gewesen, hatte wahr­scheinlich auch schon gewusst, dass der Rentner mit der Zweier heimfahren wollte. Und nun starrte er ihm frech in die Augen und grinste breit. Er sah dabei wie ein Affe aus, ein roher, brutaler Gorilla, der das Rückgrat eines alten Mannes wahrscheinlich wie ein Streichholz brechen konnte. Wendlbaur konnte diesem grausa­men Blick nicht standhalten und senkte die Lider.

Was nun, was konnte er tun? Er war ein alter Mann, gegen solch ein Tier hatte er nicht den Hauch einer Chance. Und weshalb verfolgte ihn die­ser Body-Builder? War das vielleicht doch einer dieser Terroristen von der ASO, von denen Heyse gesprochen hatte? War es klug, an seiner Zielhalte­stelle auszusteigen oder nicht vielleicht besser, einfach weiter zu fahren und ir­gendwo zu versuchen, den Verfolger abzuschütteln? Die Entscheidung wurde Wendelbau­er auf überraschende Weise abgenom­men: Die Tram hielt vor dem Englischen Institut und der vermeindliche Verfolger stieg lächelnd aus. Er ging draußen am Wagen entlang; als er an dem Wit­wer vorbeikam, sah er ihn noch einmal kurz an und fletschte dabei wie ein Raubtier die Zähne. Die Bahn setzte sich wieder in Bewe­gung und Wendelbauer sah hinter dem Fleischberg her, der nun über die Straße ging und ihm nun den Rücken zuwandte. Er atmete erleichtert aus und drückte den Halteknopf. Sein Herz pochte noch immer bis zum Hals. Dieses Wechsel­bad der Gefühle war fast zu viel für ein schwaches Herz. Sein Arzt hatte ihm schon vor geraumer Zeit jede Aufre­gung verboten. Innerlich schimpfte er auf Heyse, der ihn mit seinem Verfolgungswahn infi­ziert hatte. Was war heute nur mit ihm los? Überall sah er Verbrecher, die es auf ihn abgesehen hatten.

Als er am Fischertor ausstieg, fiel ihm auf, dass er vor lauter Aufregung ver­gessen hatte, seine Streifenkarte abzustempeln. Ein wenig schämte er sich, dass er die VGA betrogen hatte und er ent­schloss sich, bei seiner nächsten Fahrt eben zwei Streifen mehr zu entwerten. Er ging die Frauentorstraße hinunter und dann in die Georgenstaße, in deren Mitte er gegenüber der Kirche wohnte. Niemand verfolgte ihn, da war er ganz sicher.

Sie wartete auf ihn in dem Torbogen, durch den er gehen musste, wenn er in seine Wohnung wollte. Die Eingangstür war auf der Rückseite des Hauses. Er sah sie erst, als er praktisch vor ihr stand. Er erkannte sie sofort, obwohl er ihr nur einmal begegnet war. Eine Frau wie sie vergaß ein Mann nicht. Obwohl Wendlbaur alt war, war nicht unempfindlich für ihre offenherzig zur Schau gestellten Reize. Er muster­te sie und war erstaunt, wie ruhig er plötzlich war. Sie trug ein hautenges, tief ausgeschnittenes Minikleid und schwarze Seidenstrümpfe, die ihren wohlgeformten Körper und das perfekte Rund ihrer Brüste hervorragend zur Geltung brachten. Sie sah trotz ihrer Aufmachung kein bißchen nuttig aus, sie trug diese Kleidung mit nachlässi­ger Eleganz. Auf ihrem engelhaften Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Herr Wendelbauer«, sagte sie ruhig und kam noch näher. Der unauffällige Hauch ihres herben Parfüms gelangte in sein Bewußtsein. Der Mund des Rentners wurde trocken. Wie war es einem so faden und unauf­fälligen Mann wie es Oliver Heyse nur gelungen, eine Liebesbeziehung zu dieser Frau zu beginnen? Dabei war der Vetter seiner Frau auch noch zehn oder mehr Jahre älter als sie.

»Guten Tag, Julia«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Es ist nett, dass sie wieder einmal bei mir vorbei schauen.« Plötzlich begann er zu verstehen. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch auf. Wendlbaur fiel auf, daß die dunklen Ringe unter den Augen keine Schminke, sondern ein Zeichen ihrer Übermü­dung waren. Julia legte den Kopf schief und ein Schwall roter Locken schmiegte sich auf ihre rechte Schulter. Ihr feuchter, roter Mund klaffte einen Spalt auseinander und für einen Moment konnte Wendlbaur ihre Zungenspitze sehen. Welches perverse Vergügen hatte sie dabei, ihn zu reizen?

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, Klaus. Es geht um Oliver«, sagte sie und sah an ihm vorbei. Ein kurzer, scharfer Fußtritt war hinter ihm zu hören. Wendlbaur brauchte sich nicht um­zudrehen, er wusste, wer hinter ihm stand und er zuckte nicht einmal zu­sammen, als ihn eine behaare, riesige Hand am Oberarm packte. Er blicktekurz zu dem Body-Builder, der nun ne­ben ihm stand.

»Julia, was hast du getan? Was ist mit Oliver?«, fragte der Rentner matt.

Ihre Stimme wurde noch sanfter. »Lassen Sie uns in Ihre Wohnung ge­hen, dort können wir besser reden. Darf ich ihnen übrigens Erwin vorstel­len; er ist ein guter Freund.«

Klaus Wendlbaur war kein Held. Nach einer Viertelstunde erzählte er Julia alles, was sie wissen wollte. Erwin brauchte kaum nachdrücklicher zu wer­den. Doch dann hörte das Herz des Witwers plötzlich auf zu schlagen und er kippte vornüber vom Sofa auf den Teppich. Eine Weile ruderte er noch epileptisch mit seinen Armen und Beinen. Dann wurden seine Augen starr. Julia glaubte erst an einen Trick, dann suchte sie vergeblich an seiner Hals­schlagader nach seinem Puls. Sie wechselte einen überraschten Blick mit ihrem treuen Helfer, anschließend zuckte sie mit den Schultern. Sie sah hinunter auf die zusammengesunkene Leiche. Dieser Zufall nahm ihr viel Arbeit ab. Wendlbaur war nur ein weiterer alter Mann, der in seiner Wohnung einem Herzanfall erlag. Für einen Moment regte sich tatsächlich ein wenig Mitleid in ihr, obwohl sie nur ein paar Minuten vorher die feste Absicht gehabt hatte, Wendlbaur zu töten. Schnell schüttelte Julia dieses unerwünschte, ihr fremde Gefühl ab und begann sorgfältig, ihre Spuren zuvernichten und evenuelle Fingerabdrücke abzuwischen. Auch wenn sie zu spät gekommen war, Roman würde mit ihr zufrieden sein. Nun musste sie nur noch morgen in Olivers Wohnung auf den Postboten mit dem Einschreibebrief warten.

*

Die Untertassensektion der U.S.S. Enterprise-D hatte sich gerade vom Rumpf getrennt und war auf volle Im­pulsgeschwindigkeit gegangen, als es zum gefürchteten Warpkernbruch kam, sich Materie und Antimaterie vermischten und der untere Teil des Raumschif­fes explodierte. Die Druckwelle erfaßte die nicht schnell genug fliehende Untertasse und trieb sie wie ein trockenes Blatt vor sich her in die Atmosphäre eines Pla­ neten, wo sie in gebirgiger Landschaft abschmierte. Während die Brückenbesatzung unter dem Konstruktionsfehler aller Enterpri­semodelle, nämlich den fehlenden Sicherheitsgurten, litt und durch die Luft geschleudert wurde, suchte Anna, im­mer wieder von der Zerstörung ihres Lieblingsraumschiffes ergriffen, er­schaudernd nach Sebastians Hand. Sie ergiff sie, ohne den gebannten Blick von dem Geschehen auf der Kinoleinwand zu lassen. Erst als sie spürte, dass seine Hand ihren Druck unerwidert ließ und schlaff blieb, run­zelte sie verwundert die Stirn und warf einen kurzen Blick zu ihm.

Tief in den Sitz gerutscht, den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne ge­sunken, schlief er fest und schnarchte sogar ein wenig. Anna stieß ihn belei­digt mit dem Ellbogen in die Seite. Sebastian zeigte keine Reaktion. Als er dann gegen Ende des Filmes endlich erwachte, war der Platz neben ihm leer; Anna war beleidigt und vor Wut kochend gegangen. James T. Kirk starb gerade feist lächelnd unter einem großen Haufen ro­stigen Alteisens. Obwohl er zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt war, war sein Toupet nicht verrutscht.

»Das war ein Spaß«, waren seine letzten Worte. Sebastian konnte ihm nicht zustimmen. Er hatte extra auswendig gelernt, wie die Eltern von Spock (Sarek und Amanda) hießen und nach wem die Jeffries-Röhre (nach dem Bühnenbildner Matt Jefferies, dem Designer der ersten Enterprise) benannt war. Wehmütig zuckte er mit dem Achseln und verließ fünf Minuten vor Schluss das Kino. Es war an der Zeit, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Er fragte sich, warum er an diesem Tag über­haupt aufgestanden war.

[Zum 6. und letzten Teil der Leseprobe …]

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 4)

[<– Zum 1. Teil]

3.

Aschermittwoch, 01.03.
13.20 Uhr

Der erste Tag der Fastenzeit brachte einen herrlichen und warmen Frühlingstag nach Augsburg, der einem starken Föhnsturm in den Alpen zu verdanken war. Geschäftstüchtig und eilig hatten die Caféhausbesitzer in der Maximilian­straße ihre Tische ins Freie gestellt. Wer hier nach zwölf Uhr seinen winterlichen Vitamin-D-Mangel beheben wollte und noch einen der begehrten Sonnenplätze erhaschen wollte, suchte bereits vergebens. Wer zu spät kam, den bestrafte nicht gerade das Leben, aber er musste drinnen im Schatten sitzen.

Schorre Hauser hockte nun schon seit über einer Stunde in der Sonne vor dem Sommacal, rauchte seine selbstgedreh­ten, stinkenden Zigaretten und nippte vorsichtig an seinem inzwischen abgestandenen Pils. Er hatte nicht genug Geld in der Tasche, um sich ein weiteres Bier leisten zu können. Ab und an verteidigte er mannhaft den Sitzplatz neben sich, auf dem er deutlich sichtbar die Augsburger Allgemeine von heute ausgebreitet hatte. Trotzdem versuchte man immer wieder, ihm den weißen Plastikstuhl abspenstig zu ma­chen und zu entführen. Schorre wartete auf seinen Freund Seba­stian, der jetzt seit fast einer Stunde überfällig war und wie immer zu spät kam. Ihm gegenüber an dem runden Tisch sa­ßen zwei Männer in wie lackiert glänzenden, blauen Anzü­gen und farbenfrohen Krawatten. Schorre schätzte sie zielsicher als Versicherungs­vertreter ein. Obwohl sie mit dem Rücken zur Sonne saßen, trugen sie spiegelnde Zuhälter-Carrera-Sonnenbrillen, in denen sich der junge Maler viermal erkennen konnte. Das Paar zogen über gemeinsame Bekannte und Kunden her, trank Espresso und Prosecco. Ab und an sahen sie wie gehetzt die Maximilianstraße hinab zu ihren in der Nähe parkenden Sportwägen, ob sich viel­leicht eine Politesse näherte. Natürlich hatten sie keinen Parkschein gezogen. Würde eine der städtischen Parkwächterinnen die Maximilianstraße kontrollieren, würden sie eilig aufspringen, in ihre Autos steigen und eine Runde um den Block fahren. Schorre schielte auf ihre Requisiten, die sie zur neidvollen Ansicht vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatten: Forbes-Magazin, die Schlüssel ihrer BMW’s und, unvermeidlich, ihre klobigen Handys. Heute Morgen hatte er in einer Zeit­schrift gelesen, amerikanische Wissenschaftler hätten festgestellt, die elektromagnetischen Felder der Handtelefone würden in einer Frequenz strahlen, die Gehirnströme beeinflusse und Krebszellen und Tumore zum Wuchern bringen. Ihm als Salonrevolutionär gefiel dieser Gedanke, dass diesen Schmarotzern ein kurzes Leben drohte.

Schorre sah auf seine Armbanduhr.

Jetzt war es schon halb zwei Uhr. Er beugte sich vor und sah hinüber zum Café Stadler. Dort hielt Claus Scheele im Freien Hof und diskutierte leidenschaftlich mit fünf oder sechs Leuten. Drei von ihnen kannte Schorre. Es waren der zynische ältere Beamte Nikolaus Klammer, der immerhin vorhin freundlich zu ihm herübergegrüßt hatte, neben ihm Siegfried Sontheimer und dessen enger Freund Horst Favelka, allesamt erfolgreiche Kunst- und Kulturschaffende in Augsburg. Schorre seufzte neidisch und nahm erneut seine Zeitung zur Hand. Zum wiederholten Mal überflog er die Überschriften des Lokalteils. Allzu viel hatte sich gestern nicht ereignet. Einige Zugereiste, ernsthafte Honoratioren des Augsburger Karnevalvereins und zwei oder drei Einheimische hatten in einem abgesperrten Bereich auf dem Rathaus­platz das Ende des Faschings mit der den Augsburgern eigenen Ausgelas­senheit und Geselligkeit in nahezu rhei­nischer Fröhlichkeit gefeiert und kehrten nun zu ihrem Alltag zurück, den der Rest der Bewohner dieser Stadt nie verlassen hatte. Diese Karnevalszone (KZ) hatte man längst wieder abgebaut.Hauptthema auf der letzten Seite der AZ war die Aktion Autofasten, in der die Augsburger überredet werden soll­ten, ihre Autos bis zum 15. April mög­lichst in der Garage zu lassen. Natür­lich waren alle Befragten für solch eine Aktion, an der sie aber zu ihrem Bedauern nicht teilnehmen konnten und die genauso gut gemeint wie erfolglos war.

Die Kripo hatte in der Nacht zum Faschingsdienstag ein illegales Glückspiel in einer Spielhalle am Schmiedberg ausgehoben, dabei Unterlagen der – wie es hieß – Wettmafia konfisziert und einige Verdächtige Serben festgenommen. Die schwarze Nachricht des Tages war die übrigens die kleine, versteckte Mitteilung, dass die Augsburger Brauereien mit dem heutigen Tag ihre Bierpreise an­hoben. Schorre schielte traurig auf sein Pils, dessen Preis das Sommacal be­reits im letzten Monat vorsorglich er­höht hatte. Eigentlich konnte er sich so einen Nachmittag im Café nicht mehr leisten, seit er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Wenn es ihm nur gelingen würde, sich endlich das Rauchen abzugewöhnen!

Da sah er endlich Sebastian, er rann­te vom Moritzplatz kommend mitten auf der Straße. Das war eine symbolische Tat. Er setzte sich dieser Gefahr nur aus, weil er demon­strierten wollte, dass seine Verspätung nicht seine Schuld war und er sich wirklich anstrengte, noch rechtzeitig zu kommen. Schorre war ihm nicht böse, obwohl er diesen Trick kannte und wusste, dass es Sebastians hart­näckigste Eigenart war, unpünktlich zu sein So war sein Freund eben, er hatte sich in den Jahren, in denen er ihn kannte, längst daran gewöhnt.

Sebastian warf seine Jacke nachlässig über die Stuhllehne und ließ sich abge­hetzt auf den freien Platz neben Schorre fallen. Noch bevor er zu Atem und zu einer Begrüßung gekommen hatte, stand schon der quirlige Kellner am Tisch.

»Kaffee. Viel Kaffee«, sagte Seba­stian keuchend. »Eine Portion«, erwiderte der Kellner und trat ab.

»Ist das heute ein Wetterchen! Meine Jacke habe ich umsonst mitgenommen.« Sebastian bemerkte die hocherhobenen Augenbrauen und hob die Hand. »Ich bin spät, ich weiß. Und es tut mir leid.« Schorre lehnte sich zurück. Jetzt kamen die Ausreden. Sebastian fuhr zweigleisig. Zum einen machte er sei­nen Vater verantwortlich, der ihn den ganzen Vormittag beschäftigt hatte, zum anderen gab er, und das war neu, sich selbst die Schuld. Auch wenn sein Argument merkwürdig klang:

»Seit die Einser verlängert wurde und die Endhaltestelle nur noch zweihundert Meter von meiner Wohnung ent­fernt ist, komm ich regelmäßig zu spät. Ich muss jetzt nicht mehr umsteigen und habe ständig das Gefühl, ich woh­ne näher an der Stadt.« Der Kellner brachte den Kaffee und zwang Sebastian zu einer Pause, die Schorre dazu nutzte, zu Wort zu kommen.

»Was macht dein Roman?«, fragte er wie jedes Mal und eröffnete damit ihr übliches, nicht ernst gemeintes Geplänkel. Während andere Leute sich zur Eröffnung über das Wetter unterhielten, waren die beiden daran gewöhnt, sich gegen­seitig zu ärgern.

»Es geht voran«, antwortete Sebastian vage.

»Ach komm! Seit du vor acht Jahren vor Publikum aus ihm gelesen hast und Alfons Andernaj ihn in der AZ positiv rezensierte, hast du doch vor Stolz – oder sollte ich Faulheit sagen? – kaum mehr eine Zeile hinzugefügt.«

»Und du? Seit Harry Meyer dir alle Kunstpreise vor der Nase weg­schnappt, ärgerst du dich nur noch neidisch, aber du malst nicht mehr, sondern wilderst in meinem Metier«, retournierte Sebastian.

»Ist doch wahr!« Schorre schlug mit der flachen Hand auf den Plastiktisch, dass die Gläser schepperten und Seba­stians Kaffee überschwappte. Er be­kam von den anderen am Tisch böse Blicke und sprach merklich kleinlauter weiter:

»Harrys Karriere beweist doch nur, dass in diesem kulturellen schwarzen Loch nicht die Qualität, sondern nur Beharrlichkeit und Beziehungen zäh­len. Wenn dein Zug einmal durch Zufall doch ins Rollen kommt, dann springen natürlich alle auf und haben es immer schon gewusst. Und Harry trägt jetzt die Nase zehn Zentimeter höher. Er grüßt mich kaum mehr.« führte Schorre aus. Obwohl er ein paar Jahre älter als sein Freund war, stand ihm die Rolle des zornigen, jungen Mannes.

Es ist Zeit, das Thema zu wechseln, fand Sebastian. Ihn langweil­ten die Intrigen des Berufsverbandes bildender Künstler. Er sah einem wohlgefüllten, kurzen Rock hinterher, der auf hohen Pumps an ihm vorbeiflanierte. Es wird Frühling, dachte er.

»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Frauen im Frühjahr regelrecht exhibitionistisch sind? Kaum wird es etwas wärmer, holen sie zur allgemeinen Bewunderung ihre Miniröcke raus«, fragte er. Scharre winkte gelassen ab und kämmte seine langen, fettigen Haare zurück, die jedoch sofort wieder zurück in sein Gesicht fielen.

»Wenn du mich fragst, bist du diesen Anblick nur nicht mehr gewöhnt. Des­halb kommt dein Hormonhaushalt durcheinander. Im Frühjahr sind Kleidungsstücke Sensation, nach denen im Sommer kein Hahn kräht. Aber ich wollte eigentlich mit dir nicht über Mode reden.«

»Richtig. Worum geht es?«

»Wenn wir es geschickt anfangen, um sehr viel Geld«, erwiderte Schorre be­deutungsvoll. Die zwei Männer am Tisch hoben aufmerksam geworden die Köpfe und der Maler beugte sich vertrau­lich zu Sebastian.

»Pass auf«, erläuterte er. »Du hast doch sicher auch schon von der großen, gemeinsamen Aktion der Augs­burger Kirchen gehört?«

»Zwangsläufig. Sie wollen alle Bürger anrufen und bekehren.«

»Genau! Sie starten damit in der nächsten Woche. Die Kirchen schrei­ben gerade die Eigenwerbung so groß, weil ihnen die Mitglieder weglaufen. Man ruft dich an und fragt dich, ob man dir kostenlos ein Heft zuschicken kann. Das Werk heißt Von Wegen und am Rande bemerkt outen sich darin einige Augsburger als Christen, von denen ich so etwas Grusliges nicht einmal im Traum vermutet hätte.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Pass auf«, wiederholte er. »Es ist so simpel, dass es zum Lachen ist. Ich habe mir folgendes gedacht: Im Moment erwarten alle Leu­te in der Stadt, dass sie zwecks Bekehrung angerufen werden. Wie wä­re es, wenn wir sie vor den Kirchenleu­ten anrufen würden? Wir geben uns salbungsvoll und schicken ihnen ein Heft religiösen Inhalts, aber nicht ko­stenlos, sondern gegen Nachnahme. Du kannst dir sicher sein: Zwei Drittel nehmen unser Heft. Ich habe das schon durchkalkuliert: Die Herstellung von so einem Erbauungsbändlein kostet uns vielleicht zwei Mark; zwanzig Seiten kopierter und mit Klammern gehefteter Text. Verkaufen werden wir es für acht Mark. Wenn wir 20.000 herstellen und so lange herumtelefonieren, bis wir sie los sind, haben wir Unkosten von 40.000 Mark und, vorsichtig gerechnet, zusätz­lich Telefonkosten von acht- oder neun­tausend Mark. Dagegen stehen Ein­nahmen von 160.000 Mark. Genieße das: 160.000 Eier! Das sind fast 60.000 Mark Cash für dich und mich! Jeder von uns versechsfacht sein ein­gesetztes Kapital innerhalb eines Monats. Nicht schlecht, was?«

Schorre war von seiner Idee so hingerissen, dass er nicht bemerkte, wie schwer es Sebastian fiel, ernst zu bleiben. »Ist das nicht Betrug?« fragte er.

»Ach, was! Wir geben uns am Telefon ja nicht direkt als Vertreter der Kirche zu erkennen und wir verheimlichen natürlich auch nicht, dass unsere Broschüre ein wenig Geld kostet, das guten Zwecken zugeführt wird. Und unser Wohlleben ist doch ein guter Zweck, hehe.«
»Und ich soll das Heft schreiben? Da­für brauchst du mich?«

»Genau. lch habe viele gute Eigen­schaften, aber solch eine Schreiberei gehört wirklich nicht dazu. Das kannst du doch dafür umso besser: Ein bisschen religiöse Erbauung, ein paar Gebete, ein paar salbungsvolle Worte, du weißt schon, das kriegst du doch in drei Tagen hin. Na, was sagst du?«

Sebastian schüttelte den Kopf und gähnte. »Heute Früh war einer vor meiner Wohnungstür und wollte von mir wis­sen, wo das Grab von Roy Black ist«, lenkte er ab. Er hielt Schorres Idee, zu Reichtum zu kommen, für vollkommenen Unsinn.

»Verrückt!«, kicherte Schorre.

»Ja. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich heute noch jemandem begegnen würde, der noch verrückter ist. Aber du, Schorre, bist es«, sagte er ruhig. Die beiden Vertreter am Tisch, die natürlich gelauscht hatten, begannen laut­hals zu lachen. »Glaube mir, das war mit Abstand die blödsinnigste Idee von dir, seit du vor­hattest, während der Dult heimlich deine privaten Parkuhren in der Jakober­straße aufzustellen und wahrscheinlich ist sie ebenso kriminell«, fügte er hin­zu. Schorre schnaubte beleidigt und senkte den Blick. Für einen Moment wirkte er wie ein angeschlagener Boxer.

»Das ist das Ende unserer Freund­schaft«, sagte er mit dramatischer Grabesstimme, sprang auf und murmelte ein »Lebewohl«, das aus seinem Mund wie eine Beschimpfung erklang. Dann ging er in Richtung Café Max, wo er in zwanzig Minuten ein weiteres Treffen mit einem erfolglosen Autor hatte. Zu seinem Glück gab es von ih­nen in Augsburg zur Genüge. Vielleicht würde dieser seiner Idee mehr Begei­sterung entgegenbringen. Sebastian ließ ihn gehen und sah ihm ruhig hinterher, denn Schorre war höchstens eine Woche beleidigt, dann hatte er ein neues, phantastisches Ge­schäft ausgebrütet, ebenso gewinnbringend und unausführbar. Dann würde er sich ganz selbstverständlich wieder bei ihm melden, als wäre nichts geschehen. Sebastian hob gleichgültig die Schul­tern. Mit Verrückten reden und Bäume schneiden; das waren also die Dinge, mit denen er seinen freien Tag verplemperte. Sicher hatte Schorre sein Pils noch nicht bezahlt und es blieb typi­scherweise an seinem schmalen Geld­beutel hängen. Es gab Leute, die Schorre aus gutem Grund Schnorre nannten.

Sebastian schloss die Augen und ließ die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht ruhen. Hier vor dem Sommacal konnte man es aushalten und er würde diesen Platz erst aufgeben, wenn er sich kurz vor 16 Uhr vorne am City-Kino mit Anna treffen würde. Eine Weile genoss er den Moment. Dann kramte er umständlich aus seiner Jackentasche sein Startrek­-Lexikon und begann, sich für den Abend mit seiner Vulkaniern zu präparieren. Er wäre sicher nicht so ruhig gesessen, wenn er gewusst hätte, dass gar nicht weit von ihm entfernt ein Mann etwas tat, das sein Leben ändern und ihn in Lebensgefahr bringen würde.

Der Mann hieß Klaus Wendlbaur und er gab gerade ein Einschreiben mit Rückschein an Oliver Heyse auf.

[Zum 5. Teil …]

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 3)

[<– Zum 1. Teil]

Anna hatte eine Leidenschaft und an dieser Schwachstelle hatte Sebastian sie erwischt: Sie einen »Trekkie« zu nennen, war fast schon eine Untertreibung. Sie konnte stundenlang von den Serien der Reihe schwärmen und wollte jedermann von ihrer Qualität überzeugen. Es hätte Sebastian nicht überrascht, wenn die Ohren unter ihren langen, glatten und weizenblonden Haaren spitz zuliefen und ihr Blut grün war. Er hatte sie nur mit Mühe dazu über­reden können, an diesem Abend mit ihm ihre selbstgeschneiderte, äußerst schmucke, rot-schwarze Starfleet-Uniform zu Hause zu lassen, zudem sie den Film ja schon zum vierten Mal sah. Ihm war vollkommen klar, dass er seine Verabredung mit ihr nicht seinem Charme, sondern nur ihrem Missionierungsbedürf­nis zu verdanken hatte. Zur Vorbereitung ihrer Konversation nach dem Kinogang in der Pizzeria Dragone in der Wintergasse ganz in der Nähe des Kinos, wo er einen Platz reserviert hatte und es hervorragende Piz­zas gab, hatte er sich in den letzten Tagen die sechs alten Raumschiff­-Enterprise-Filme auf Video angesehen und sich zusätzlich bei Bücher Pustet ein Startrek-Lexikon gekauft, das er allerdings bis­her nicht einmal durchgeblättert hatte. Es ruhte in Frieden auf dem Bücherstapel neben seiner Schlafcouch und war dick genug, als stabiler Untersetzer für eine Bierflasche zu dienen. Sebastian hoffte, diese teure Investition würde sich in der Nacht „amor“-tisieren.

Die Kaffeemaschine gab stotternde, hustende Geräusche von sich. Gleich­zeitig öffnete sich die Zimmertür und sein Vater, vollständig angezogen und munter, kam ohne zu Zögern herein. Sein erster Blick fiel auf den getigerten Kater in Sebastian Armen.

»Schmeiß das Vieh raus, du weißt, Mutti ist gegen Katzen allergisch«, sagte er vorwurfsvoll. Sebastian drückte das Tier, dem dabei recht unbehaglich wurde, trotzig gegen seine Schulter.

»Guten Morgen«, antwortete er mit Nachdruck. Der Vater nickte. Ein nicht ganz verwischtes Aschekreuz auf sei­ner Stirn zeigte, dass er von der Frühmesse kam.

»Ah, du bist ja auch schon angezogen – ganz erstaunlich. Ich habe gesehen, wie du deinen Vorhang geöffnet hast. Ich brauche nach deinem Frühstück mal deine Hilfe. Du hast doch Zeit,« sagte er, ohne den Gruß seines Sohnes zu erwidern. Sein letzter Satz klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung. Er musterte seinen Sohn kritisch, den Kopf zur Seite gelegt. »Sag mal, willst du nicht Mama deine Hemden zum Bügeln raufbringen? Sie macht das doch gern. Das Hemd, das du gerade anhast, sieht aus, als hättest du darin geschlafen.«

Sebastian seufzte und bedauerte mal wieder, dass er in dem Eigenheim seiner Eltern wohnte, auch wenn es noch so billig war. Selbstverständlich hatten sie einen Schlüssel und nahmen sich oft genug das Recht heraus, unange­meldet hereinzuplatzen. Seit geraumer Zeit war fest entschlossen, umzuziehen, sobald sich ihm eine preiswerte Gelegenheit bot. Sein Vater, Karl Rudler, war ein dür­rer, erzkatholischer Mann, den Magen­geschwüre plagten und der nur aus Mo­ral, Prinzipien und Pflichterfüllung zu bestehen schien, allerdings keinen Ero­tikfilm bei RTL ausließ, jedoch nur, wie er vorgab, um über den Sitten­verfall des späten 20. Jahrhunderts auf dem Laufenden zu sein. Er war kaufmännischer Angestellter im unteren Management bei KUKA, bei seinen Untergebenen vielleicht noch mehr gefürchtet als bei seiner Familie und hatte nur noch wenige Jahre bis zu seiner Pensionierung, der die Mutter mit Grauen entgegensah. Als Kind und Jugendlicher hatte Sebastian sich vor seinem Vater gefürch­tet, der so etwas wie ein personifizier­tes Über-Ich darstellte und auch mit körperlichen Züchtigungen und anderer schwarzer Pädagogik nicht eben zim­perlich war.

»Warte nur, bis Papa zuhause ist.« Diese Drohung seiner Mutter war jahrelang der Schrecken von Sebastian und seinen beiden Geschwistern gewesen. Erst als Sebastian die Rolle des schwarzen Schafes an seine um fast neun Jahre jüngere Schwester Tina ab­gegeben hatte, die mit geradezu masochistischer Begeisterung über die Stränge schlug und gleichgültig den Blutdruck ihres Vaters mit ihren Eskapaden strapazierte, war das Ver­hältnis zu seinem Altvorderen ein wenig besser – zumindest gewaltloser – gewor­den. Karl Rudler missbilligte allerdings entschieden den Lebensweg seines zwei­ten Sohnes, der das Gegenteil des Erstgeborenen war. Dieser war inzwi­schen gut situierter Finanzbeamter, hatte geheiratet und für den ersehnten Enkel gesorgt. Sebastian jedoch schien zum ewigen Studenten und zum den elterlichen Geldbeutel strapazierenden Müßiggänger, sprich Versager, gebo­ren. Jeder zweite Satz, den der Vater zu Sebastian sagte, war ein mehr oder weniger verhohlener Vorwurf.

»Mach doch mal ein Fenster auf. Hier stinkt es ja wie im Pennerheim am Rabenbad. Hast du wieder die ganze Nacht durchgesoffen? Und mach die Musik leiser. Willst du, dass sich die Nachbarn wieder beschweren?« Sebastian beschloss, sich nicht provozieren zu lassen, denn gerade began­nen seine Kopfschmerzen, nachzulassen. Er setzte die Katze auf sein Bett, wo sie sich sofort demonstrativ einrollte und die Augen schloss, und schenkte sich mit gespielter Ruhe eine Tasse Kaffee ein, die er mit mehr Zucker süßte, als das heiße Gebräu aufnehmen konnte. Dann wandte er sich zu seinem Vater.

»Du wirst es nicht für möglich halten, aber gestern war Kehraus und Normal­sterbliche feiern ihn auch. Da ist es tatsächlich etwas später als gewöhnlich geworden. Das soll mal vorkommen. Aber, ja, ich habe heute frei und zumindest am Vormittag Zeit. Was kann ich für dich tun?« Karl Rudler nickte und zeigte kurz ein freudloses Lächeln.

»Ich habe den Rest der Woche Urlaub genommen, um den Frühjahrsputz zu beginnen. Morgen soll es wieder regnen. Also ist heute ist der ideale ‚Tag zum Baumschnitt. Wir müssen auch Leimringe um die Obstbäume machen. Wenn du mir hilfst und die Leiter hältst, schaffen wir es heute Vormittag.« führ­te er aus und hatte einen Tonfall, bei dem kein Widerspruch möglich war. »Die frische Luft wird deinem Kater gut tun. Und zieh dir Socken an. Du wirst dich noch erkälten.«

*

Roman hob den Telefonhörer mit zwei Fingern seiner Rechten ab und führte ihn vorsichtig zum Ohr. »Ja, bitte?«, fragte er absichtlich leise und nuschelnd.

»Hier ist…, äh, kann ich bitte Herrn Heyse sprechen?« Die Nervosität des Mannes am anderen Ende der Leitung stand spürbar im Raum. Roman strich sich über sein kratziges Kinn. Gerade jetzt war Julia nicht in der Nähe, sie hätte vielleicht die zögernde, hohe Stimme erkannt.

»Das ist leider im Moment nicht möglich. Er ist gerade im Badezimmer und … etwas unpässlich. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Ach, nein, das ist dann doch nicht nötig. Ich rufe wahrscheinlich später noch einmal an.«

»Kann ich etwas ausrichten? Wie war doch gleich noch einmal ihr Name?«, fragte Roman schnell. Es knackte in der Leitung. Der andere hatte aufgelegt. Der große Mann spitzte nachdenklich die Lippen und legte den Hörer behutsam zurück in die Gabel. Dann sah er sich langsam in Hey­ses Wohnung um, wo er das Unterste zuoberst gekehrt hatte. Die gesuchten Aufzeichungen hatte er dabei nicht gefunden, obwohl er nahezu drei Stunden nach ihnen gesucht hatte. Oliver hatte diese Unterlagen offen­sichtlich an einem anderen Ort ver­steckt, vielleicht sogar dem vorsichti­gen Anrufer von eben gegeben. Draußen war es inzwischen hell geworden. Roman bog sein Kreuz durch. Es war ihm kaum anzumerken, dass er seit mindestens zwei Tagen nicht mehr ge­schlafen hatte. Er musste etwas unternehmen. Die Sache begann, ihm aus der Hand zu gleiten und das war ein Gefühl, das ihm überhaupt nicht behagte.

Roman kehrte in seine eigene Wohnung zurück, die im gleichen Stock­werk neben der von Heyse lag. Er trat ins Wohnzimmer, wo sich trotz der frü­hen Stunde alle seine Getreuen versammelt hatten, denn Roman wollte ih­nen heute seinen Plan eröffnen; er nannte das spöttisch seinen politischen Aschermittwoch. In dem Zimmer warteten neun Männer und eine Frau: Julia, die treuste Kampfgenossin, die er je gehabt hatte. Sie ging für die Idee durch das Feuer und ihr hatte er die wichtigste Rolle in seinem Plan zugedacht. Er gab ihr ein Zeichen und winkte sie beiseite. Sie kam lächelnd näher und Roman konnte die mit Bewunderung vermischte Liebe in ihrem Blick funkeln sehen, die sich manchmal zu einer dem Irrsinn nahen Heiligenverehrung steigerte. Er streichelte Julia an der Wnage und er wünschte sich, alle Augen auf diese einfache Weise zum Leuchten bringen bringen zu können.

»Was machen wir mit Olli?«, fragte er flüsternd. Ihre Miene wurde sofort ernst.

»Für den Moment ist er in seiner Badewanne gut aufgehoben. Erwin und ich hatten noch keine zündende Idee, was wir mit ihm anstellen wollen. Vielleicht sollten wir ihn erst einmal in handlichere Stücke aufteilen. Erwin hat eine starke Handkreissäge in seinem Hobbykeller«, erwiderte sie. Für einen Moment graute Roman vor seinem schwarzen Engel.

»Denkt euch etwas Hübsches aus. Ich kann mich im Augenblick nicht um solche Kleinigkeiten kümmern.« Er runzelte die Stirn. »Etwas anderes macht mir mehr Sorgen. Du warst etwas voreilig; wir wissen noch immer nicht, an wen Olli uns eigentlich verraten hat.«

Julia senkte beschämt den Kopf. »Es tut mir leid, aber meine Wut war stärker als meine Vernunft«, verteidigte sie sich etwas kleinlaut. Roman nahm ihre Hand beschwichtigend in seine.

»Mach dir keine Vorwürfe«, beruhigte er sie. »Hättest du nicht zufällig sein Telefongespräch belauscht, wüssten wir nicht einmal, dass Olli uns verpiffen hat. Trotzdem ist unser Plan gefährdet. solange wir nicht wissen, mit wem er tele­fonierte. Du warst doch eine Zeitlang mit ihm befreundet.« Julia machte eine Geste des Abscheus.

»Es war für die Sache«, warf sie ein.

»Das spielt jetzt keine Rolle. Kennst du jemanden, zu dem er Vertrauen hat­te, an den er sich wenden konnte. Wahrscheinlich einen Mann.«

»Olli hatte keine Freunde oder Verwandte. Er stand ganz allein auf der Welt. Aber mir fallen schon zwei, drei Namen von flüchtigen Bekannten von ihm ein. Ich werde mich noch heute Vormittag darum kümmern.« Roman nickte zufrieden.

»Auf dich kann ich mich verlassen. Das ist in unserer Zeit ein sehr seltenes Gut geworden«, sagte er und die attraktive Rothaarige errötete leicht.

» … und wenn ich den Richtigen finde?«, fragte sie nach. Roman verzog sein kantiges, wie geschnitztes Gesicht zu seinem schmalen, bösen Lächeln und kratzte wieder in seinen Bartstoppeln, die wie Holzsplitter aus seinem Kinn ragten. Julia nickte verstehend und wollte sich abwenden, aber der Führer der ASO hielt sie auf.

»Etwas anderes. Hat Werner die Ju­goslawen inzwischen bei der Polizei angeschwärzt?« Julia, wieder auf siche­rem Geleise, lachte auf.

»Die Bullen haben ihm die Füße für seine Informationen geküsst.« Sie überkreuzte Mittel- und Zeigefinger und hob sie. »Er steht mittlerweile so mit ih­nen; er ihr bester und erfolgreichster Spitzel. Da wird es sicher sehr bald ein paar ordentliche Razzias in ihren Stammlokalen geben.«

»Das ist ausgezeichnet. Wenn es endlich zur Revolution kommt, muss die Ordnungsmacht auf unserer Seite sein.« Er machte eine Pause. »Sehr schön. Aber ich will unsere Gefährten nicht länger warten lassen.« Julia trat zurück. Es fehlte nicht viel und sie hätte sich dabei verbeugt. Ro­ man sah hinter sich auf das an der Wand hängende Bildnis von Kaiser Maximilian I. Stumm hielt er mit seinem großen Vorbild Zwiesprache. Heute war ein wichtiger, ein entschei­dender Tag. Heute musste er überzeu­gend wirken wie nie. Er sammelte sich; atmete langsam ein und aus. Dann wandte er sich an die zehn Personen, die vor ihm saßen und geduldig auf seine Worte warteten. Er räusperte sich, warf die Arme emphatisch in die Luft.

»Für die Befreiung von Augsburg und seine Renaissance!«, rief er und es wurde ihm im Chor geantwortet:

»Alles für die ASO!«

Meine Getreuen, wie sie mich lieben!, dachte Roman gerührt und war ver­sucht, jeden von ihnen zu umarmen. Mit ihrer Hilfe würde er seine verschlafene Heimatstadt in ihren Grundfesten erschüttern und sie zu alter Größe und Weltbedeutung zurückführen …

[Zum 4. Teil …]

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