Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Geschichte”

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein gelangt war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er doch den Augenblick und das beglückende Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren, der ihn sanft umschloss und ihn wie eine warme Decke in den Abgrund begleitete.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler; er hatte sich von ihm entfremdet; seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Ihn zwickte etwas, drückte, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln, stumpfer Taubheit in Fingern und Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin, die er sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben ließ und auch brav schluckte, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbillen erst verursachten und die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh – oft grausamer waren als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte. Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90, dachte er, so alt werde ich bestimmt nicht. Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderem Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und weinerliche Lektüren, bei denen man Erleichterung empfand, wenn man sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte und wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er am Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte. Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon. Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er es einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war. Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht stieg er ja auch empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genau so anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln. Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle! Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd, was ihm aus irgendeinem vergessenen Grund als ein wichtiges Indiz erschien. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinanderzwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht wieder in den Traum, sondern in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie eine Vision ein Gesicht vor sich, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau; überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem und zählte langsam bis drei. Dann versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Neujahrsgrüße 2020

31. Dezember 2019, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel erst am 25. Januar, die Juden ihr Rosch ha-Schana erst am 19. September und die Muslime genau einen Monat eher, am 19. August 2020. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war der Neujahrstag am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren – auch meiner Katze – ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und es ist absolut keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Wenn es nicht gelingt, es an einem anderen Tag zu machen, warum dann ausgerechnet am 1. Januar? Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2020 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und dann mein Dachfenster öffnen, „Ah!“ und „Oh!“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine persönliche, immer kürzer werdende, im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2020 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

Euer Nikolaus!

_______

(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in einer Intensiv-Frühgeburten-Abteilung, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, heute alleine sein. Übrigens startet das neue Jahrzehnt, die berüchtigten Zwanziger Jahre, erst am 01.01.2021 (Ich weiß, ich bin ein Klugscheißer, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut)!

Der Moment, der ändert – Eine Weihnachtsgeschichte für Nachdenkliche

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Oder spielen mir die anderen alle nur etwas vor? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … Schafscheiß! Mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber muss ich bis Silvester noch eine Semesterarbeit schreiben … Wie viele Seiten bleiben noch? Sieben … ohje, und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei! Hat das mit einem Unfall zu …

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, sich am vierundzwanzigsten Dezember nachmittags um drei Uhr in einen geschlossenen Stadtpark zu schleichen, auf einer Holzbank zu sitzen und Giordano Bruno (1) zu lesen.

– Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich ist.Wie in jedem Jahr. Nix mit White Christmas.

Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös unf schmutziggrau gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt! Ich spinn doch nicht!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verwittertes, verschwommenes und hässlich fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im barocken 18. Jahrhundert das Mittelalter vorgestellt hatte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Der Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

– Bisher hat er sich noch nie bewegt. Selbst wenn ich aus dem öffentlichen Bücherschrank einen Band genommen habe, ohne einen zurückzulegen.

Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert – nach der Schule oder wenn seine Oma mit ihm spazierenging.

– Trotzdem hat sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt! Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte. Für sein Philosophiestudium war sie unverzichtbar.

Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns, hat er mal gesagt. Hallelujah! Später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Christbaumkugeln, süßer die Glocken nie klingen … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Tamens movetur! Und er hat sich doch bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges: Das konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, idiosynkratisch, wie er eben gelesen hatte, jenes klugscheißerische Wort des 19. Jahrhunderts für burn-out. Er war ausgeschlafen, satt und sein Geschlechtsleben ausgewogen. Ihm war eher warm im Freien und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen – ganz sicher nicht.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans heute Mittag. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es bestimmt noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steinernen Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte ihm gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren, prohezeihe ich mal, können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und sich nicht einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und nahezu unverständliche Renaissance-Philosophie studierte. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits das Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien, stattdessen ein paar moderne Werke aufzustellen.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen von dem Künstler Johann Wolfgang Schindel verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

________________________________

(1) Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Unser Weihnachten, damals … (Teil 5)

[←zum Anfang …]

Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu unseren Altvorderen schon lange vor dem Hellwerden wieder auf den Bei­nen und spielten weiter mit unseren Legos. Die Eltern nüchterten nur lang­sam aus. Sie kämpften mit Sodbrennen und ihrer Verdauung, was sie allerdings für einen Sühne für die Völlerei des Vorabends nahmen. Aber auch sie mussten früh raus, zumindest meine Mutter: Es galt fürs Mittagsessen die obligatorische, traditionelle Gans zu bra­ten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi im Radio zu hören und später dann im Fernseher live zu sehen. Nur dann war die erzkonservative Katholikin für das kommende Jahr gerüstet. Das fette Mittagessen mit rohen Klößen und Blaukraut als Beilage mündete für alle im Mittagsschlaf. Ein fauler Tag war das! Am 2. Feiertag trafen sich dann meine El­ternregelmäßig mit dem On­kel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück (heute würde man das als einen Brunch bezeichnen) mit anschließendem Schafkopfspielen bis in die Nacht.(1) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäuf­nis und in einem formidablen Ehekrach, weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er -, und meine Mutter im­mer ver­lor. Dann war Weihnach­ten ganz plötzlich vorbei, viel, viel zu schnell, als hätte sich die Geschwindigkeit der Zeit ab der Bescherung mindestens verdreifacht. Man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Kata­strophen, Zerwürfnisse und Sauf- und Fressorgien lauerten.

Endlich Besche­rung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Meine Geschenke sind noch unter der Tischdecke hinten verborgen. Eine Anmerkung für die Nachge­borenen: Damals war die Welt schon farbig, glaubt es mir – mein Vater war einer der ersten mit einem Farbfernseher. Aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch Sepiatöne verschlei­ert. Ich habe keine Ahnung, was in dem riesigen Paket im Vordergrund links war – wahrscheinlich selbstgestrickte, neue Norwegerpullis von einer Berliner Großmutter; denn mein alter sitzt ja schon verdammt knapp.

*

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernom­men? Ich versuchte es anders zu machen, manches ging schief, doch einiges ist mir auch gelungen. Natürlich gab es nicht das gruslige »Gänseklein« zum Mittagessen(2), nicht die end- und ziellose Wan­derung am Hl. Abend, nicht den Geschenkerausch und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Ihre Vorstellung von Weihnachten ist die eines ruhigen, glücklichen Zusammenseins der Kernfamilie, in die Kindermesse am Nachmittag gehen, feiern, reden, die letzten Plätzchen essen, einen besonderen Wein öffnen, sich wertschätzen – und das ist gut so. Was uns aber immer wichtig war, war und ist es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Ein­zigartiges und Besonderes zu präsentieren – ih­nen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Das Christfest ist ein Wert. Hier wird nicht der Jahrestag einer Schlacht, die Gründung einer Nation, ein Toter oder irgendetwas Politisches gefeiert, sondern schlicht ein neugeborenes Baby und die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Leben, Liebe, Familie – welcher Feiertag hat das noch zu bieten? Und das sage ich, ob­wohl ich über­zeugter Atheist bin. Denn die Feier der Geburt Chris­ti‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusam­menhält. Am Nachmittag des Hl. Abends kommen in jedem Jahr die beiden Söhne zu uns; er­wachsene Männer, die längst ihr eigenes Le­ben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Eltern wieder zu erle­ben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht ha­ben.

Ich wünsche jedem solch ein Weihnachtsfest.


(1) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich noch die Geschichte schuldig, nämlich die, wie du und unser Bruder gemeinsam versucht habt, einen festsitzenden Stöpsel aus dem Hals einer riesigen Parfümfla­sche zu befreien, die meine Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Dazu habt ihr den Literflakon einfallsreich  im Wasserbad eines Küchentopf auf dem Herd erhitzt. Dabei ist die Flasche natürlich zerplatzt, das billiges Eau de Cologne vermengte sich mit dem sprudelnden Wasser und Dampfschwaden von billigem Parfüm machten die Wohnung neblig. Dies alles, während die Eltern beim Onkel Karten spielten und ich gleichzeitig ihrem im Schlaf­zimmer gruschtelte, wo ich meines Vaters Nachtkästchen schamvoll versteckte Perry-Rhodan-Romane und auch ganz andere Hefte entdeckte und anschließend über dem heimlichen Lesen ver­gaß, meine Spuren wieder zu verwischen. Jeder Versuch, den Gestank durch Lüften aus der Wohnung zu bringen, war vergebliche Mühe. Es roch in jedem Zimmer drei Tage lang aufdringlich und kopfschmerzenfördernd nach Veil­chen – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: »Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!«

Oder jene Geschichte, in der ich das Magnesium von 20 Wunderkerzen abkratzte, es in einer Schale auf den Küchentisch stellte und anzündete. Nach dem Löschen waren die schwelenden Brandlöcher im Tisch und im Linoleum des Bodens waren fast einen Zentimeter tief und alle Oberflächen bedeckte eine schmierige Ascheschicht. Manchmal wundere ich, wie ich meine eigene Jugend überlebt habe. Ich erzähle das aber alles ein andermal. Versprochen!

(2) Wir ernähren uns eh alle vegetarisch …

Unser Weihnachten, damals … (Teil 4)

[←zum Anfang …]

Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik ge­macht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(1) oder M. spielte auf dem Ak­kordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zer­knitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schall­platte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(2) und den Regensburger Domspatzen »Stil­le Nacht«, danach »Oh, du Fröhliche« (Über diese Rei­henfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Proble­me, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahl­te, die Nadel des Plattenspielers rich­tig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quiet­schen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: »Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderatta­bum!«

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl ge­schah übrigens während des besinnlichen Teils ei­nes Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wü­tend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besin­nung in einem monumen­talen Streit gipfelte.

Im Hintergrund M., dann meine Wenigkeit mit schickem Norwegerpulli und rechts die Stegherr-Omi in unserem alten Wohnzimmer in Pfärrle 19.

*

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: aus­dauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Be­mühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Ver­letzbarkeiten des anderen und beson­ders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hinein.(3) Die Trä­nen meiner Mutter flossen während der Be­scherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, son­dern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächt­nis stritten die bei­den an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Er­innerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunk­tionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische De­formationen und Neu­rosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue gera­dezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelunge­nes und behütetes Weihnachten erleben zu las­sen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schen­ken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brot­beruf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die ein­mal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide le­ben noch; mein Vater noch recht rüstig allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen de­ment und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist heute 91 Jahre alt gewor­den und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abge­magerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verlo­ren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Va­ter besucht sie trotzdem regelmä­ßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, strei­chelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tat­sächlich zufäl­lig die Augen öffnet, dann flüstert er:

»Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …«

*

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augen­blick endlich eitle Freude. Wir hatten es ge­schafft, unser Hl. Abend war durch seine schier end­lose Katharsis gegan­gen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen »Bunten Teller«. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Plastikguss-Cowboys und Indianer(4) ihre ers­ten Abenteuer erleben, blätter­te im neuen Fünf-Freun­de-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmanns­laden und keine Eisen­bahn bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Ver­wandtschaft, die uns besuch­te, wollte verköstigt wer­den. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, ver­putzte halbe Eier, die mit Mayonnaise und Fake-Kaviar be­legt wa­ren, Fischhap­pen und Schinken, fläzte hemdsärmel­ig und zumin­dest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgend­wann mit rot­glühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebern­den Schlaf, die El­tern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

[Hier geht es weiter →]


(1) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine El­tern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusika­lisch.

(2) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldenten­or gewe­sen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und in seiner sehr übersichtlichen Plattensammlung nachzusehen. Über den Ver­such meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die »Silent Night« singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

(3) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Sol­dat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefan­genschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überle­ben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis sei­ne Jugend und seine Idea­le geraubt hatten.

(4) Auch so beginnen Schriftstellerkarrieren: Im Jahr 1968 be­kam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag da­mit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: Johnson, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jah­re später ge­meinsam mit dem tapferen Cheyenne Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ers­ten Schreibversu­che.

Beitragsnavigation