22.02.21 – Ich … ein weißer Mann, ein Rassist?

Alltägliches, Aufreger, Der Autor, Fragen, Gedankensplitter, Geschichte, Gesellschaft, Kolumne, Leben, Literatur, Sprache

Montag, 22.02.21

Liebe Leserin,

wie wir alle, werde auch ich ohne mein Zutun immer wieder in eine neue Gruppe eingeteilt. Was oder wer letztlich bestimmt, zu welcher Menschengruppe ich gehöre, bleibt dabei recht diffus und es ist für mich meist nicht durchschaubar. Dies wird in einem gesellschaftlichen Dialog entschieden, der nur allzu oft ein Monolog ist, der über meinen Kopf hinweg bestimmt, was oder wer ich bin – oder gefälligst zu sein habe. Oft sind es äußere Faktoren, die mich definieren und auf die ich wenig oder überhaupt keinen Einfluss habe; z. B. mein inzwischen bibliesches Alter von 58 Jahren, das mich automatisch der Personengruppe der Boomer zuordnet und mir gewisse Eigenschaften unterstellt. Diese Eingruppierung konnte ich mir nicht aussuchen. Es ist ein Anzug, der mir nicht passt, aber ich muss ihn tragen. Und dann bin ich nicht einmal LSBTIQ* – ich hoffe, ich habe niemanden vergessen und beleidigt -, sondern nur ein unaufälliger, heterosexueller Mann, dessen Hautfarbe aufgrund seiner Ahnenreihe zwischen schweinchenfarben rosig und käsig weiß diffundiert und im Hochsommer an ungeschützten Körperteilen auch mal ins Hellbraune geht. Als Kind verkleidete ich mich u. a. als Cowboy oder Indianer und habe Huckleberry Finn und Jim Knopf gelesen. Ich gendere weder beim Schreiben meiner Literatur, noch beim Sprechen und sehe auch keinen Grund, dies zu tun. (1)

Ich hatte nie eine Chance: Aufgrund alldessen bin ich ein Rassist. Punkt.

Dies unterstellt mir zumindest die Erzählung, die die gesellschaftliche Diskussion in den Medien, der Politik und in den Universitäten dominiert. Es scheint mir jedoch die aus den USA herübergeschwappte Erzählung einer sehr übersichtlichen Anzahl von Personen zu sein, einer studentischen Avantgarde, der es trotzdem gelungen ist, kulturelle Dominanz zu erreichen und ihre Forderungen vielerorts durchzusetzen. Eine Diskussion ist nicht erwünscht und ich wüsste auch nicht, mit wem ich sie führen sollte. Inzwischen ähneln die schlimmsten Auswüchse wie shitstorms und die cancel culture Buchverbrennungen und Hexenverfolgungen (2) und führen in Extremfällen zur Vernichtung ganzer Karrieren.

Doch zurück zum Thema. Zweifelsohne gibt es in meiner Generation zuhauf Rassisten. Die Anzahl der Deppen stagniert auf hohem Niveau. Wer sonst würde die AfD wählen? Aber mich ohne Kenntnis meiner Person nur aufgrund meiner Lebensumstände zu den Rassisten zählen, ist eine Unverschämtheit. Diese ist zwar nicht –  wie manche argumentieren – „rassistisch“, aber zumindest ein Vorurteil, das mir entgegengebracht wird. Denn ich werde nicht über meine Person, sondern über meinen gesellschaftlichen Status eingeordnet.

Zwischen Vorurteilen und Rassismus ist ein gerne vergessener Unterschied. In meiner Familie gab und gibt es unverbesserliche Rassisten. Ich kann den Unterschied durchaus erkennen. Vorurteile kann man im Gegensatz zu Rassismus überprüfen und korrigieren. Aber „Ausrotten“ (LTI!) kann man sie beide nicht. Das Schubladendenken ist Teil der menschlichen Existenz, gehört zur Überlebensstrategie und wird übrigens auch oft mit der festen Meinung einer Person verwechselt. Ich habe Vorurteile – ja – wie alle anderen auch. Es gibt keinen vorurteillosen Menschen und es wird auch nie einen geben. Manche meiner Vorureile sind kleinlich, manche lächerlich, die meisten halten einer Überprüfung nicht stand. Aber im Gegensatz zum Rassisten setze ich mich mit meinen Vorurteilen auseinander und schere nicht alle aufgrund einer zufälligen Äußerlichkeit über einen Kamm.

Aber ich bin kein Rassist. Wir sind alle homo sapiens sapiens und stammen wahrscheinlich alle von einer einzigen „Eva“ ab, die vor 200.000 Jahren in Botswana lebte. Ihrer Hautfarbe war klimabedingt schwarz. Der Begriff „Rasse“ ist also höherer Blödsinn. Wir bald 8 Milliarden Menschen sind alle Familie und der Coronavirus macht keine Unterschiede. Warum dann wir? Das einmal als Erstes. Nun wird mir natürlich trotz dieser Aussage unterstellt, ich wäre zumindest unterschwellig und unterbewusst „Rassist“. Ich habe auf diesen Vorwurf hin meine Literatur untersucht. Freilich kommen in den meisten meiner Erzählungen und Romanen ausschließlich „Weiße“ vor. Sie spiegeln die gesellschaftliche Realität wider, in der ich existiere. In meinen Fantasy-Romanen sind übrigens nahezu alle „Nicht-Weiß“. Aber dies nur am Rande. Wie gehe ich nun mit den Personen, die in meinen Texten auftauchen und ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angehören, um? Obwohl selbstverständlich das eine oder andere Stereotyp und Vorurteil durchschimmern mögen, kann ich keinen Rassismus entdecken, ich entwürdige niemanden aufgrund einer Äußerlichkeit. Ich überprüfe immer wieder meine Texte darauf. Das gleiche gilt auch für mein alltägliches Leben, in dem ich wegen meines Brotberufs mit sehr vielen Angehörigen von gesellschaftlichen Minderheiten begegne. Sehr bewusst versuche ich, die Einzelperson zu „beurteilen“ und nicht ihr Umfeld oder ihre Herkunft.


(1) Ich habe Lingua Tertii Imperii, 1984, Babel-17  und Die Kriegssprachen von Pao gelesen. Ich weiß, dass Sprache das Denken einer ganzen Gesellschaft und Generation beeinflusst, ja, manchmal mittels Sprache gezielt gesteuert wird. Wer auch immer die Sprache der Menschen diktiert, beherrscht sie, denn was nicht sagbar ist, ist auch nicht denkbar. Das Experiment, die deutsche Sprache durchzugendern und nicht nur Frau und Mann, sondern jede noch so winzige geschlechtliche Minderheit dabei mitaus- und anzusprechen, ist grotesk und muss meiner Meinung nach scheitern. Denn gerecht wäre Sprache nur dann, wenn ich tatsächlich jeden einzelnen von uns 81 Millionen persönlich ansprechen würde. Nur in diesem – unmöglichen – Fall könnte ich wirklich sicherstellen, dass alle mitgemeint sind und ich niemanden übersehen habe. Zumindest müsste sich eine gerechte Sprache nicht nur an Geschlechtsidentitäten, sondern auch an alle gesellschaftlichen Gruppen wenden, denn viele Menschen definieren sich nicht über ihr Geschlecht, sondern z. B. über ihren akademischen Grad. Wären die Sprachgenderapologethen konsequent, so müssten sie bei einer allgemeinen Anrede auch immer alle Doktortitel, die es gibt, alle Berufe, alle Heimatorte etc. aufzählen. Das kann höchstens ein Computer leisten. Diese babylonische Sprachverwirrung wird im schlimmsten Fall genau auf die Minderheiten zurückfallen, die man eigentlich einbeziehen wollte. Selbstverständlich ist Sprache eine scharfe Klinge ohne Griff, die man vorsichtig verwenden sollte, denn sie kann die Sprechenden wie die Hörenden verletzen. Aber wie weit soll dies gehen? Schon jetzt wird mancher brav ausgegenderte Zeitungsartikel unverständlich  – und wie ich finde anbiedernd.

(2) Ich werfe hier nur einmal nebenzu ein, dass es weniger die katholische Kirche war, die den Hexenwahn in Gang brachte, sondern die „modernen“ Kirchenreformer um Luther und Calvin. Im Mittelalter eher die Ausnahme, wurde die Hexenverfolgung erst mit der Neuzeit en vouge. Die meisten Scheiterhaufen brannten in protestantischen Gegenden. Warum ich dies erwähne und die Fußnoten mal wieder länger als den Haupttext mache? Selbstverständlich will ich auch beweisen, dass ich ein belesenes, schlaues Kerlchen bin. Aber dazu denke ich, dass die heutigen Sprachreformer den gleichen Fehler wie die Kirchenreformer machen und mit den Boomern eine Gruppe verteufeln, in die sie auch mich eingereiht haben. Versteh mich richtig: Ich betrachte ich mich nicht als ein Opfer von Verfolgung und würde auch nie die Unverschämtheit besitzen, mich einem zu vergleichen. Aber ich sehe auch, wohin solch ein radikaler Reformeifer führen kann.

In den Bücherkellern des Vatikans (18)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 17. Teil …

Nachdem er den Toten endlich über den Grubenrand hinausgezogen hatte, rutschte der schlaffe Körper auf dem weichen Matsch problemlos und fast heiter wie ein Kufenschlitten im Schnee den steilen Hang hinunter. Fedor folgte ihm, bis seine Schnur fast vollkommen abgewickelt war. Die beiden landeten wie erhofft eine Ebene tiefer in dem Grabungsquadrat, in dem wir die Mumie der Eiszeitfrau gefunden hatten. Dort lag noch immer die Ausschachtung offen, aus der später ihre Überreste geborgen worden waren, die man hoch zu Krakows Labor transportiert hatte. Das ganze Areal sah im Nebel wie ein vorbereitetes Grab aus. Es war der ideale Ort, um die Leiche des Angreifers vorläufig zu verbergen. Mit einem letzten Kraftakt gab Fedor ihr einen Stoß und einem dumpfen Aufprall fiel sie in das rechteckige Loch hinunter. Mein Freund machte sich nicht einmal die Mühe, den Körper mit Erde zu bedecken oder über ihr ein Gebet zu sprechen. Er zuckte mit den Schultern, wandte sich ab und begann, den Hang wieder emporzusteigen. Inzwischen schmerzte ihn jeder Schritt und die Wunde blutete munter weiter.

In der nächsten Zeit, zumindest so lange, wie der Nebel auf Antenora lag, würde sich bestimmt niemand in die Nähe der verfluchten Ausgrabungsstätte wagen. Wenn man den Toten dann später irgendwann entdeckte, würde man wohl glauben, der Mann hätte sich verirrt, wäre dabei versehentlich in die Ausschachtung gestürzt und so unglücklich gefallen, dass er sich das Genick gebrochen hatte. Solche Unfälle geschahen ja immer wieder im Gulag. Da wurde nicht weiter nachgeforscht, ob jemand nachgeholfen hatte.

Erleichtert und gerade noch rechtzeitig vor den Wachen, die ihn abholen kamen, gelangte Fedor wieder bei seinem Arbeitsabschnitt an. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen, sich an den Wärtern vorbei ins Lager zu schleichen, ohne dass sie seine Verletzung bemerkten. Doch er machte sich unnötige Sorgen, dann oben bei den Baracken war man in heller Aufregung. Niemand interessierte sich für ihn und der dichte Nebel half zusätzlich: Im Lager war die Hölle los.

Denn alles war noch viel schlimmer gekommen: Gegen Mittag hatte ein patrouillierender Wärter in der Nähe von Baracke 14 unter einem Bretterstapel den übel zugerichteten Leichnam der armen Schwester Aljona gefunden. Du erinnerst dich bestimmt. Das war die fette, ältere Pflegekraft, die in der Krankenstation jene Fälle behandelte, bei denen Timofejs Rosskuren nicht anschlugen. Ich habe ihren Vatersnamen nie erfahren. Man stelle sich das Entsetzen vor: Sie war gefesselt, brutal vergewaltigt und anschließend erdrosselt worden. Den Spuren nach zu urteilen, hatten mehrere Männer diese grauenvolle Untat begangen.

Als Fedor und die anderen Grubenarbeiter von unten zurückkehrten, hatte sich das Lager in einen Ameisenhaufen verwandelt, in den jemand einen Stock gesteckt hatte. Er hatte deshalb keine Probleme, sich an allen vorbei in die heimatliche Baracke 6 zu schleichen. Dort vernähte er selbst notdürftig seine Schnittwunde und ließ sich von Väterchen Himbeere versorgen und verbinden. Trotz sofortiger Suche, einer Razzia in allen Baracken und in den Unterkünften der Wachsoldaten und einigen ›hochnotpeinlichen‹ Verhören blieben die Täter übrigens im Verborgenen. Auch ein von Krakow ausgesetzter, hoher Rubelbetrag führte nicht zur Aufklärung dieses und einiger anderer Verbrechen, die in der ›Nebelzeit‹ begangen wurden.

Ich selbst, der ich ja weiterhin in meinem Zimmerchen in Krakows Laborgebäude gefangen gehalten wurde, hatte freilich von all dem wenig bemerkt. Was ich erfuhr, teilte mir Fedor mit, wenn es ihm mal wieder gelungen war, sich davonzuschleichen und über den Lichtschacht in meinem Badezimmerchen Kontakt aufzunehmen. Dies geschah in den ersten zwei Wochen meines Aufenthalts trotz des Nebels selten und musste dann ganz aufhören, als er von dem Angreifer verwundet worden war. Vergeblich verbrachte ich meine Abendstunden auf der Toilette sitzend und machte mir Sorgen. Oh, es gab wirklich schlechtere Orte in Antenora, um sich die Zeit zu vertreiben! Ich war jeden Tag aufs Neue von dem unerhörten Luxus begeistert, ein eigenes Bett und ein Badezimmer zu besitzen, die ich nicht mit einer Hundertschaft ungewaschener und rüpelhafter Proletarier aus allen Winkeln der Sowjetrepubliken teilen musste. Mir wurde es nicht langweilig, an der Seife zu riechen, zärtlich über die sauberen, gestärkten Handtücher, die täglich gewechselt wurden, zu streichen und mir das weiche Toilettenpapier an die Wange zu halten. Dazu hatte mir Krakow mit Wastijas Roman eine wirklich interessante Lektüre befohlen, in der ich fasziniert las.

Doch davon später, Towarischtsch – falls es mir die Zeit und die Muße erlauben, alles aufzuschreiben, was ich noch erlebt habe. Denn der Morgen naht schnell und dann muss ich ja das Kollontai für immer verlassen. Weißt du, wohin mich mein Schicksal führen wird? Ich nicht.

Krakow ließ mich in den ersten Tagen in Ruhe. Wahrscheinlich war er voll und ganz mit seinem Mumienfund ausgelastet. Ich bekam nicht nur nicht mit, was draußen im Nebel vor sich ging, sondern erfuhr auch nichts von den Vorgängen direkt vor meiner Tür und warum er mich überhaupt hier in seiner Nähe wollte. Mein einziger sozialer Kontakt in diesen zwei Wochen war neben den Stippvisiten von Fedor die schweigsame junge Krankenschwester, die mir frische Wäsche und zweimal am Tag Essen und Trinken brachte. Bald schon fieberte ich ihren kurzen Besuchen ebenso entgegen wie Fedors Auftauchen im Luftschacht. Sah man mal von der armen Schwester Aljona ab, dann war sie die erste Frau, der ich seit über einem Jahr begegnet war. Mein Freund, es dauerte nicht lang, und ich war bis über beide Ohren in sie verliebt und ihr rettungslos verfallen. Der gewaltige Altersunterschied, schließlich war sie nur halb so alt wie ich, kam mir dabei gar nicht in den Sinn.

Wie soll ich sie beschreiben, ohne auf irgendwelche Plattitüden zurückzugreifen, die dich langweilen würden? Ihr rundes Gesicht schien nur aus ihren zwei Augen zu bestehen. Dieser Eindruck wurde noch durch die Gläser ihrer Brille verstärkt. Ich habe in meinem ganzen Leben kein weiteres Mal solch einen selbstbewussten, selbstsicheren und dabei abschätzenden Blick in einem weichen Frauengesicht gesehen. Aber was mühe ich mich mit dem Erzählen ab! Ich trage doch immer eine kleine Fotografie von Ksenia Matulowa bei mir, die ich zu diesen Aufzeichnungen legen werde. Ich habe sie nie lächeln sehen und auch auf der Aufnahme, die sie mir auf meinen Wunsch hin schenkte, war sie reserviert und ernst.

Es heißt, man würde härter stürzen, wenn man zum ersten Mal fällt. Aber bei mir war es das zweite Mal, das mich mehr verwundete. Nach dem frühen Tod von Nadja, meiner ersten Liebe, hatte ich längst die Hoffnung aufgegeben, noch einmal einen Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben teilen wollte. Ach, mein Bruder! Wir sind in ein dunkles Jahrhundert hineingeboren, in dem Welt- und Bürgerkriege, Hunger und Gefangenschaft, Seuchen und Revolutionen sich wie Pferde auf einem Karussell abwechseln. Da war einfach kaum Platz mehr für anderes in meinem Leben gewesen.

Es mag nicht glaubhaft klingen. Obwohl ich später in den Sechzigern dann mein ›Vögelchen‹ heiratete und mit ihr bis zu ihrem Tod eine glückliche Ehe führte, bin ich noch heute in Ksenia verliebt. Inzwischen weiß ich, dass es nur die Ausdünstungen der Eiszeitjägerin waren, die diese Leidenschaft für meine Krankenpflegerin erweckten und für die Vorfälle im Lager verantwortlich waren. Aber ich hatte im Gegensatz zu meinen armen Mitgefangenen ein Ziel für meine plötzliche Liebestollheit. Irgendwann war der Duft verflogen und ich erwachte aus dem Rausch. Die lebenslange Liebe ist mir aber geblieben. Und ist es nicht vollkommen gleichgültig, welcher Einfluss sie ausgelöst hat? Hat uns denn nicht die Wissenschaft erklärt, Liebe sei nur eine chemische Reaktion, der wir hilflos ausgeliefert sind? Trotzdem bleibt das eigentliche Geheimnis bewahrt und wir nie offenbart werden. Wir wissen nicht, was das ist: Liebe.

Dies ist erneut einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich könnte weinen. Doch wie kann sich Trauer in eine Seele schleichen, die so wahrhaft lieben darf?

[Zum 19. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (17)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 16. Teil …

Fedor legte seinen Kopf auf seine verschränkten Arme und war dabei, in dieser Stellung einzuschlafen. Wie die meisten Gefangenen hatte er gelernt, in jeder Lage die Augen zu schließen und ein wenig zu dösen, wenn sich die Gelegenheit dazu fand. Da hörte er plötzlich einen Warnruf seines Ahnen Peptaj – er erklang so deutlich in seinem Ohr, als würde der Schamane direkt neben ihm stehen. Fedor zuckte erschrocken zusammen. Er ließ die Schaufel fallen, fuhr herum und sprang gleichzeitig einen Schritt zur Seite. Jemand hatte sich, von dem Dösenden unbemerkt, an ihn herangeschlichen. Eine lange, gerade Klinge, die wie ein Schwert geformt war, blitzte kurz an seiner Seite auf. Fedor vermutete später, dass das Bajonett von der Kalaschnikow eines Wächters gestohlen worden war. Wie bei einer Kontrolle festgestellt wurde, war einen Tag vorher genau so eines aus der gut verschlossenen Waffenkammer verschwunden.

Seine reflexhafte Bewegung rettete Fedor das Leben. Aber ganz entkam er der grausamen, rasiermesserscharfen Waffe nicht. Sie bohrte sich allerdings anstatt in seinen Bauch, auf den der überraschende Angriff ursprünglich gezielt war, in seine Kleidung, riss sie auf und traf ihn knapp oberhalb der rechten Hüfte ins Fleisch. Dabei schnitt das Bajonett eine hässliche und stark blutende Wunde an der Seite auf. Den Schmerz nahm Fedor in seinem Schock kaum wahr – er war damit beschäftigt, zu überleben. Er ließ sich rückwärts in seine kniehohe Grube hinter sich fallen und riss dabei eilig an seinem Seil, dessen aufgewickelten Rest er dabei vom Gürtel löste. Gleichzeitig brüllte er aus Leibeskräften:

» На помощь! Zur Hilfe!« Doch bevor er die Unterstützung der anderen in seiner Nähe erhoffen konnte, hätte ihn sein Angreifer längst abgeschlachtet. Er war vollkommen auf sich allein gestellt, das wusste er!

Scheinbar besiegt, lag er als leichtes Opfer im matschigen Erdreich seiner Grube und machte rudernde, hilflose Bewegungen. Dabei wickelte er sich wie zufällig sein Seil um die Füße. Die Schaufel lag in Griffweite neben ihm im Dreck. Doch bevor er wieder auf die Beine kommen und nach greifen konnte, um sich mit seinem Werkzeug zu verteidigen, trat auch schon eine verwaschene Gestalt aus den aufgewirbelten Nebelschwaden heraus und zu ihm in die Ausschachtung hinunter. Sie kam knurrend näher, um ihm den Rest zu geben. Ja, er knurrte wie ein Hund! Das war kein menschlicher Ton, der dem Angreifer dabei über die Lippen kam, sondern der tierische Laut eines tollwütigen Werwolfs. Ihm stand sogar schaumiger Geifer vor dem gefletschten Gebiss. Und dieser Oboroten kannte kein Zögern und kein Erbarmen! Er hob mit beiden Händen sein Bajonett über seinen schmutzigen Glatzkopf und wollte damit zustechen.

Da rollte sich Fedor geschickt herum und zog durch diese Bewegung sein Seil mit den Füßen straff. Der Plan ging auf. Der ohnehin unsicher stehende Mörder kam aus dem Gleichgewicht, stolperte über die Schnur. Er stürzte neben Fedor wie ein gefällter Baum in das aufgeweichte Erdreich. Er fiel direkt aufs Gesicht, schlug scher auf und blieb für einen Moment wie betäubt liegen. Sein Bajonett rammte er dabei in den Boden, wobei ihm der Griff aus den Fingern und seine Hände über den Teil der Klinge glitten, der noch aus dem Schmutz ragte. Er schnitt sich beide Handflächen blutig, aber gab keinen Schmerzenslaut von sich. Nur ein weiteres Knurren drang aus seinem Mund.

Jetzt hatte Fedor die Oberhand. Er war vor seinem Gegner auf den Beinen. Er packte seine Schaufel, holte aus und zog ihr Blatt mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, über den Kopf des Mannes. Der wollte gerade seinen Oberkörper heben und bot ein leichtes Ziel. Es gab ein widerwärtiges, klatschendes Geräusch. Der Angreifer sackte endgültig in sich zusammen. Mein Freund hatte ihm mit seinem Schlag das Genick gebrochen und ihm dabei die halbe Kopfhaut vom eingeschlagenen Schädel heruntergerissen. Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert.

Fedor legte die Schaufel zur Seite und drehte die Leiche auf den Rücken. Er starrte in ein dreckverschmiertes, blutiges Gesicht, das ihm vollkommen fremd war – auch nachdem sich verzerrten Züge im Tod entspannt hatten. Dies war eindeutig ein Antenora-Sträfling; wer sonst sollte ihn auch hier überfallen? Aber Fedor konnte sich nicht erinnern, ihn jemals bewusst wahrgenommen oder gar mit ihm gesprochen zu haben. Er suchte neugierig die Tätowierung am Unterarm, die jeder Gefangene bei seiner Ankunft erhielt. Die eingestochene Nummer war ›1/12/У‹, also Baracke 1, Insasse 12. ›У‹ stand für ›Уголовник‹ – ›Schwerverbrecher‹. Aufgrund der niedrigen Nummer konnte Fedor davon ausgehen, dass der Mann ein langjähriger Lagerinsasse im Gulag von Dr. Krakow war. War Fedor ihm irgendwann in den letzten Monaten unbeabsichtigt auf die Füße getreten oder war dies ein missglückter Auftragsmord gewesen? Vielleicht war ihm diese Aufgabe von unserem Bandenchef Senja Oblow gegeben worden, der ja noch eine Rechnung mit meinem Freund offen hatte.

Auf jeden Fall fühlte mein Freund weder in diesem Moment, noch später irgendwelche Gewissensbisse. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt Teil von seinem moralischen Kodex waren. Ihn beschäftigte etwas anderes. Er hatte auch keine Zeit, über solche Dinge nachzudenken, denn Fedor musste die Leiche schnell loswerden, bevor die Sirene das Ende der Schicht einläutete. Fedor hatte zwar morgen noch genug Zeit, die Kampfes- und Blutspuren in seiner Grube zu beseitigen, aber der Leichnam durfte auf keinen Fall in seiner unmittelbaren Nähe gefunden werden. Da würde er sich nicht rausredenkönnen. Jetzt hätte er gut die Hilfe von Sascha gebrauchen können, der ja unweit von ihm im nächsten Abteil arbeitete. Mit der Unterstützung des kräftigen ehemaligen Tänzers wäre es kein Problem gewesen, den Toten unter einem Abraumhaufen zu verbuddeln. Es war nur merkwürdig, dass Sascha offenbar weder seinen Schrei noch den Kampf gehört hatte.

Mein Freund nahm sein Seil auf und begann, es aufzuwickeln. Er tastete sich mit dessen Hilfe hoch auf den Weg und dann an der Hauptleine weiter. Nach ein paar Schritten erreichte er den Knoten, mit dem Saschas ›Ariadnefaden‹ befestigt war. Er zog an dessen Seil und holte es zu sich heran. Zu seiner Überraschung gab es keinen Widerstand. Beunruhigt holte er eilig das Seil ein und hielt bald das abgeschnittene andere Ende in der Hand.

»Himmelblauer? Wo bist du?«, rief er und versuchte vergeblich, die Nebelwand mit seinen Blicken zu durchdringen. Doch inzwischen hatte die von unten schnell herannahende Dämmerung schwarze Farbe in den Nebel gekippt. Fedor konnte kaum mehr seine Hand vor den Augen sehen. Weit entfernt von ihm schienen am Boden des Trichters ein paar winzige Lichter zu tanzen. Er wusste nicht, ob er sie sich nur einbildete. Das Schlimmste aber war die stumpfe Stille um ihn herum. Sie ängstigte ihn mehr als alle Mörder und Halsabschneider von Antenora.

»Sascha?«, flüsterte er erneut, nun schon resigniert. Er fürchtete sich vor dem namenlosen Grauen, das mit dem Nebel in die Grube gelangt war.

Die einzige Antwort, die er erhielt, war die ferne Lagersirene, die mit einem Mal laut erscholl. Ihr Lärm erschreckte den Lauschenden so sehr, dass er seinen Herzschlag hektisch am Hals pochen fühlte. Nun würde sich ein Trupp Wärter auf den Weg machen und die Arbeiter einsammeln. Nicht mehr lange, dann würden sie auch bei ihm ankommen – er hatte vielleicht noch eine Viertelstunde, eher weniger. Nun musste er sich beeilen! Er konnte nicht mehr weiter auf eine Antwort von Sascha warten und rannte zurück zu seinem Abschnitt. Dort hatte sich nichts verändert. Der Leichnam lag unberührt im Schlamm. Fedors Gedanken rasten. Was nun? Er nahm zuallererst das Bajonett an sich und steckte es der Leiche vorne in die Jacke. Dann packte hektisch den schlaffen Körper an seinen Füßen und zerrte an ihm. Zuerst ging es sehr schwer, als würde sich ein im Erdboden versteckter Gumenik an ihm festklammern.

[Zum 18. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (16)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 15. Teil …

Aber dann kam der Nebel. Sein erstickender Schleier leuchtete blendend von innen heraus und merkwürdige Lichtreflexe funkelten in ihm. Er wurde auch in der Nacht kaum düsterer, sondern nur ein wenig gelber, als würde jemand Kurkuma in den Milchbrei einer каша rühren. Da war es bereits ein abenteuerliches Unterfangen, sich von den Baracken zu den Latrinen zu tasten, ohne sich dabei hoffnungslos zu verirren. Dieses Mikroklima in der künstlichen Caldera von Antenora war selbst jetzt im beginnenden Herbst einzigartig und ein Naturphänomen, das man hier im Oblast noch nie gesehen hatte. Zu dieser Jahreszeit zogen von Norden her heftige Sturmwinde über die eisigen, staubtrockenen Hochebenen des Putorana-Gebirges. Sie nagten an den Spitzen unserer aufgehäuften Erdpyramiden und verwehten deren Dreck und Staub bis weit hinunter ins Flachland und bis nach Nganatgi, auf das der Staub aus unserer Grube wie ein Ascheregen fiel. Die die LKW-Fahrer berichteten, allein unsere tiefe Grube sei mit dem merkwürdigen Nebel gefüllt und sie hatten es sehr eilig, wieder fortzukommen. Diese abergläubischen Wogulen flüsterten untereinander davon, dass Xul’ater, der Herrscher der Unterwelt, den Nebel geschickt hätte, weil er erzürnt war, dass wir in seine heiligen Stätten vordrangen und seine Gebeine entwendeten. Sie sagten, von der Ferne würde Antenora wie ein milchiger See wirken, wie das blinde Auge eines Urweltungeheuers, das hier begraben lag.

Die Gefangenen, die tief unten am Grund der Grube schufteten, waren aufgeklärte Sowjetmenschen. Sie glaubten nur an die Geister, die sie nach dem Genuss einer Flasche Wodka zu Gesicht bekamen. Aber auch sie wussten furchtsam zu erzählen, dass der Dampf tatsächlich von unten wie direkt aus der Hölle käme und nicht über Nacht vom Himmel gefallen wäre. Er würde handwarm und stickig aus mehreren Spalten aus dem Erdreich der Ausgrabung emporquellen, als wäre dort unter unseren Füßen ein tätiger Geysir. Der Dampf würde an den Austrittsorten merkwürdigerweise intensiv nach Zitrusfrüchten riechen und in unangenehm in der Nase stechen.

Wenn die Gefangenen am Morgen mal ihr Arbeitsquadrat gefunden hatten, war es in dem Nebel allerdings beinahe angenehm. Trotz des Seiles, durch das alle miteinander verbunden waren, damit sich niemand verlief oder den Wahnwitz eines Fluchtversuchs unternahm, war er fast ein angenehmerer Aufenthaltsort als die Baracken, in dem es seit einiger Zeit immer häufiger zu Streitigkeiten und spontanen Gewaltausbrüchen kam. Die Temperatur glich unterhalb des Lagers der in einem Badeort am Schwarzen Meer. Man fühlte sich in dem hell leuchtenden, fürs Auge kaum durchdringbaren Wattemeer, in dem die Wassertropfen wie Diamantenstaub glitzerten, merkwürdig geborgen. Die Wärter kontrollierten einen kaum und verließen nur selten ihre Kontrollpunkte. Erst nach Ende der Schicht holten sie die Seile ein. Doch da waren die vielen geisterhaften Stimmen und Geräusche um einen herum. Sie klangen seltsam verzerrt durch die Milchweiße heran. Es war, als hätte man seinen Kopf in Wasser getaucht. Unmöglich, festzustellen, ob die Gesprächsfetzen und Töne von nah oder fern ans Ohr drangen oder gar die Richtung anzugeben, aus der sie kamen – manche schienen von einem anderen, fremden Ort oder einer anderen Zeit zu stammen. Es gab Gefangene, die schworen bei den Honigtöpfen ihrer бабушка, sie hätten gregorianische Chorgesänge gehört. Dann wieder echoten dunkle Schlagschatten herum, tauchten aus dem Nichts, erschreckten einen, wuchsen zu gewaltiger Größe, um dann blitzartig wieder in sich zusammenzufallen. Die Schatten grotesker Fabelwesen waren zu entdecken, verwachsene Riesen und die ruhelosen Seelen der im See Ertrunkenen gaukelten einem vor den Augen.

So weit es möglich war, ignorierte jedermann diesen Irrwitz, der wie ein Albdruck auf den Gemütern der Gefangenen und selbstverständlich auch der Wächter lastete. Aber je länger die seltsame Inversionslage andauerte und wir im ›Milchsee‹ schwammen, umso nervöser und gereizter ging es in den Baracken zu und langsam breitete sich Verfolgungswahn aus. Das Gerücht machte die Runde, es wäre etwas in der Luft, das diese Zustände auslöse. Alle in Antenora sehnten sich nach der Kälte und der Finsternis zurück.

Ihren allgemeinen Höhepunkt erreichte die Hysterie in der zweiten Woche, als kurz hintereinander ein Anschlag auf das Leben von meinem Fedor verübt wurde und Sascha Senjunin, der das Planquadrat neben ihm bearbeitete, spurlos verschwand. Es war, als hätte ihn eines der Nebelungeheuer gefressen. Habe ich dir schon von Sascha erzählt, mein Freund? Ich glaube nicht, deshalb lasse es mich hier rasch nachholen und verzeihe mir die Wut, mit der ich zurückblicke: Um Senjunin von den anderen Saschas, die wir zuhauf im Lager hatten, zu unterscheiden, wurde er von allen голубое саша – ›himmelblauer Sascha‹ gerufen. Er war vor seiner Karriere als Gulageinsasse Tänzer im Kirow-Ballett der berühmten Waganowa gewesen. Sascha, was ja eigentlich ›der Männer Abwehrende‹ heißt, war wirklich kein sehr passender Name für jemanden, der als Prinz Siegfried im ›Schwanensee‹ einige Erfolge feiern konnte und mit unserem großen Nationalkomponisten die Vorliebe fürs eigene Geschlecht teilte. Er hatte auch das gleiche verschreckte Mopsgesicht Tschajkowskys, in dem der gleiche kurz geschorene und hellbraune Vollbart wuchs. Die zärtliche Pflege seiner Manneszierde kostete Sascha fast seine ganze freie Zeit. Er war aber trotzdem eine zartgliedrige, überaus elegante Erscheinung geblieben, die in keine Schublade passte und für die das Wort androgyn erfunden wurde. Trotzdem war er wie jeder Balletttänzer sehr muskulös und zäh.

Seit 1934 ging das homophobe Väterchen Stalin auch massiv gegen Schwule vor und ließ sie zu Tausenden in Arbeitslager deportieren oder gleich exekutieren. Sie gehören zu den vielen vergessenen Opfern seiner Säuberungen. Die miefig bäuerlichen Vorstellungen unseres ›Stählernen‹ von Gesellschaft und Familie hatten die Vorstellungen der kulturell-liberalen Avantgarde der Zwanzigerjahre verdrängt und fanden bei uns Russen einen überaus fruchtbaren Nährboden. Auch heute sind noch in der realsozialistischen Gesellschaft der UdSSR fest verankert, wo jeder Homosexuelle als ›Päderast‹ bespuckt und geächtet wird. Dennoch ließ man den ›himmelblauen Sascha‹ in Antenora meist in Ruhe. Tatsächlich erweckte er bei einigen kaum eingestandene Begehrlichkeiten, über die ich lieber Stillschweigen bewahren möchte. Rückte ihm doch einer zu nahe, war er durchaus in der Lage und auch willens, ihn sich notfalls mit einem gezielten Fausthieb vom Leib zu halten. Er war ein Einzelgänger und hatte eigentlich nur näheren Kontakt zu Fedor und damit auch zu mir. Mein Freund, der sich ja als ein geschickter Schwarzmarkthändler entpuppt hatte, ließ Sascha häufig an seinen kleinen Geschäften teilnehmen und besorgte für ihn die Döschen mit ungarischer Bart-Wichse, Borodist-Öle und die Bürsten aus Wildschweinborsten. Frage mich nicht – ich habe keine Ahnung, über welche Kanäle Fedor im tiefsten Sibirien an solche exquisiten Dinge kam. Obwohl ich ebenfalls von seinem Handel profitierte, hielt ich mich ja von der illegalen, aber äußerst lukrativen Schattenwirtschaft fern, in die die Hälfte der Gefangenen, Wärter und Arbeiter von außerhalb verwickelt war.

Aber nun lass mich von dem Anschlag auf Fedors Leben berichten. Es war bereits später Nachmittag. Fedor, der nicht besonders fleißig den ganzen Tag unten in seinem Planquadrat gearbeitet hatte, stand am Rand seiner Ausschachtung. Er stützte die gekreuzten Arme entspannt auf den Querholm seiner Schaufel und wartete geduldig auf das zweimalige Zerren an dem Seil, das mit einem Haken an seinem Gürtel befestigt war. Dies war das Signal für die Gefangenen, dass es Zeit für den langen und blinden Rückmarsch war. Fedors ›Ariadnefaden‹ war wie der der anderen weiter oben mit einer dicken Hauptleine verknotet, die auf dem Weg zurück zum Lager lag. Mit dieser sinnreichen Erfindung war es dem Direktor gelungen, trotz des dichten Nebels weiter an seiner Ausgrabung arbeiten zu lassen. Wenn dann am Abend endlich die Lagersirene heulte, gingen mehrere Wächter von dem dicken Tau geleitet den Weg ab. Dabei zogen sie an den Seilen und sammelten auf diese Weise langsam die Arbeiter ein. Bisher hatte das sehr gut funktioniert.

 

[Zum 17. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (15)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 14. Teil …

Auf jeden Fall konnte ich Krakows geheimes Reich ungehindert und ohne Probleme betreten. Ich machte Licht und war enttäuscht. Meine alten Erinnerungen an das Eiszeitmuseum und die Laboranlagen in Antenora hatten mich die mit allen technologischen und architektonischen Raffinessen ausgestatteten unterirdischen Hallen eines James-Bond-Bösewichts erwarten lassen. Ich betrat jedoch nur einen nüchtern und karg eingerichteten Kellerraum ohne Fenster. Er war kaum besser als eine Besenkammer: Gurgelnde Heizungsrohre liefen an der Decke entlang und die grauen Betonwände, die die Maserung ihrer ehemaligen Bauverschalung zierte, waren nicht einmal überstrichen. An einer Seite entdeckte ich eine weitere, diesmal abgesperrte Tür, in der allerdings der Schlüssel steckte. Wie ich gehofft hatte, ist dort ein Ausgang aus dem Altersheim: Wie ich durch einen schnellen Blick feststellte, gelangt man durch diese Tür in die Heizungsgänge. Von hier aus werde ich später bestimmt einen Weg ins Freie finden und unbemerkt entschlüpfen können. Sicherlich wird man dann schon nach mir suchen. Wenn der Frühdienst bemerkt hat, dass ich nicht in meinem Zimmer geschlafen habe und mich scheinbar in Luft aufgelöst habe, wird man das Heim gründlich durchforsten.

Es heißt, die Persönlichkeit eines Menschen würde sich nicht zuletzt auch in seiner Einrichtung widerspiegeln. Wenn dies so ist, dann hat Krakow keinerlei Persönlichkeit – oder er ist kein Mensch. Wenn ich je eine Bestätigung für diesen Verdacht benötigt hätte, dann hatte ich ihn hier gefunden. Die Einrichtung in diesem Raum besteht aus einem unbequemen Holzstuhl, einem großen Tisch, auf dem seitlich der blinkende Kasten der Abhöranlage, ein Magnetaufzeichnungsgerät und ein CM-1810-Personal Computer neuester sowjetischer Fertigung stehen. Von solchen technischen Geräten, von denen ich absolut nichts verstehe, lasse ich besser meiner Finger. Doch dass auf dem Sideboard neben dem Eingang Krakows Samowar bereitstand, versöhnte mich mit meinem unfreiwilligen Versteck. Ich hätte es schlechter treffen können.

Ich entschied also, es mir hier bis zum frühen Morgen gemütlich zu machen. Der Stuhl ist ungepolstert und die Sitzfläche drückt hart auf meine Hämorriden. Aber immerhin ist es wegen der kaum isolierten Rohre angenehm warm, während ich draußen im Fahrstuhlschacht wie ein Hund gefroren habe. Ich konnte mir sogar kurz erlauben, ein wenig die schweren Augen zu schließen und mich auszuruhen, bevor ich meine Aufzeichnungen fortsetzte. Die Wirkung des starken Tees hielt mich zwar wach, aber in meinem Alter benötigt man nicht mehr viel Schlaf. Außerdem fürchtete ich mich vor den Geistern, die mich nächtens in meinen Träumen heimsuchen. Nun ist ja wahrscheinlich auch noch der junge Wyschnin hinzugekommen. Anstatt in die vorwurfsvollen Augen all der Menschen zu starren, die ich überlebt habe, konnte ich stattdessen meinen heutigen Tag planen. Ich werde später versuchen, mich durch die Keller und die Wäscherei unbemerkt aus dem Kollontai hinauszuschleichen. Dann werde ich den ›Schlüssel‹ aus seinem Versteck holen und ihn zur Buchhandlung bringen. Weiter will ich nicht nachdenken. Ein weiteres meiner sieben Leben ist vorbei, aber das neue hat noch nicht begonnen. Dieses Geheimbüro ist ein Wartesaal und ich hoffe, mir wird es nicht wie Lew Tolstoi ergehen, der der Tod auf dem Bahnhof von Astapowo einholte, wo er gerade auf den nächsten Zug wartete.

Nachdem ich meine verklebten Augen wieder geöffnet hatte, fiel mein Blick auf die breite Schublade des Tischs, die ich natürlich sofort neugierig öffnete. Darin fand ich endlich ein paar wirklich nützliche Dinge: Da lag Krakows Füllfederhalter, mit dem ich jetzt auf meinen Blättern schreibe. Daneben ein ordentlich dickes, mit einer Geldklammer zusammengehaltenes Bündel Rubelscheine – insgesamt 1500 Rubel, also etwa das Zehnfache meiner Rente. Für mich ist das ein kleines Vermögen, das nun in meiner rechten Hosentasche ruht und das ich gut investieren werde. Und dann lag in der Schublade noch eine gut geölte Makarow Typ PB (pistolet bes’schumnyj) mit einem abschraubbaren Schalldämpfer. Die Armeevariante war unter Generalmajor Nischenko meine Ordonnanzpistole gewesen und ich kenne mich deshalb gut mit ihr aus. Mit einem raschen Handgriff entlud ich sie und nahm das Magazin heraus. Von den acht 9 x 18 mm Standardkugeln fehlte eine. Die Makarow war erst kürzlich abgefeuert worden. Wahrscheinlich hielt ich die Mordwaffe in der Hand, mit der sich Krakow von seinem Sekretär befreit hat und nun waren meine Fingerabdrücke drauf. Auch sie werde ich mitnehmen müssen und sie später in einem Newa-Kanal entsorgen. Oder ich behalte sie vielleicht, fällt mir gerade ein. Denn auch ein Krakow ist nicht gegen Kugeln gefeit.

Der bemerkenswerteste Fund aber war meine mit ein paar Blutspritzern besudelte Wodkaflasche ohne Etikett, in der noch ein paar Schlucke durchsichtige, mit öligen Schlieren versetzte Flüssigkeit schwamm. К черту! – ›Zum Teufel!‹ Selbstverständlich ließ ich die Finger von dem Schnaps, denn diese Flasche hatte ich sofort wiedererkannt. Es war meine eigene, mit deren Hilfe ich Lasar vergiftet hatte. Sie war die ganze Zeit – wie ich es vermutet hatte – im Besitz von Krakow gewesen. Er hatte sie tatsächlich an sich gebracht und sie hier verborgen. Es lag auf der Hand, weshalb er dies getan hatte. Das Blut war wohl das von Wyschnin …

So! Nachdem ich dich nun auf den neuesten Stand gebracht habe, mein lieber Leser, will ich die Stunden bis zum Morgen nutzen, um meine Erlebnisse in Antenora fortzusetzen. »Na, endlich«, höre ich dich sagen, »das wird auch langsam Zeit, Towarischtsch!« Gut, dann gib mir noch einen Moment, damit mein Geist wieder durch die Zeit zurückwandern kann. Mit einem Gläschen in meinen vom vielen Schreiben krampfenden Fingern fiele es mir leichter …

›С лёгким паром!‹ – ›Möge dich der Dampf umschmeicheln!‹

Diese Tage im Herbst waren aus Watte gemacht. Glaube mir, mein eifriger Leser, der Nebel fühlte sich genau so an und er sah auch so aus, als sei eine feuchte, kalte Wolke direkt aus dem Himmel in die Grube von Antenora gefallen. Sie lag nun gärend in der Kuhle des Gulags wie ein Brotteig in seinem Backkorb. Der nasse Nebel war beinahe greifbar dicht; er besaß eine schwere Stofflichkeit, die jedermann das Atmen so erschwerte, als würde er an einer Wasserlunge leiden. Man sah keine drei Meter durch sein Wabern hindurch. Wäre es in der Grube wärmer gewesen, hätte man den Eindruck bekommen können, man genieße einen freien Tag im баня einer der zwei großen Leningrader Badeanstalten, die Aleksandr Nikol‘skij Anfang der Dreißigerjahre erbaut hat. Doch du kannst ruhig mich beim Wort nehmen, Freund. Es war keine Oase zum Entspannen und Wohlfühlen, sondern ein Land, das aus schier undurchdriglichem Dampf und bald auch aus Tod errichtet war. Begonnen hatte das alles urplötzlich in der Nacht, nach der wir die eiszeitliche Frauenhand und ihr Armband entdeckt hatten, und es dauerte nur wenige Tage, bis sich die Antenora-Grube mit dem unheimlichen Nebeldunst füllte.

Nachdem mich Krakow ins Labor bestellt hatte, legte man auf seine Anweisungen hin auch vorsichtig den Rest des Leichnams freigelegt und brachte sie ebenfalls nach oben in seine Privatanlage. Die Männer, die die Mumie auf einer Krankenbahre abtransportierten, mussten dabei Gasmasken tragen und durften den wertvollen Körper nur mit Kunststoffhandschuhen berühren. Obwohl die federleichte Mumie steifgefroren und unbeweglich wie ein Stück Astwerk war, hatten die Träger den verstörenden Eindruck, die Tote würde nur schlafen und könnte in jedem Augenblick die Augen aufschlagen. Ihre Wangen waren eingefallen und die Haut dunkel und lederartig. Aber ihre Kleidung, die aus einer Hose aus grob zusammengenähten Fellstücken, einem langen, an der Taille gegürteten Hemd aus Hanffasern bestand, war nahezu unversehrt und von der Zeit kaum in Mitleidenschaft genommen. Dazu trug sie an den Füßen hohe Schnürstiefel aus Robbenfell – war also insgesamt nicht wesentlich anders angezogen als die örtlichen Jäger und Hirten, die im Gebirge lebten. Nach Aussage der Männer wirkte die Frau aus der Eiszeit, die sicher schon 12.000 Jahre alt war, lebendiger als mancher unter ihnen. Alle waren froh, als die Mumie ohne Zwischenfall im Labor hinter verschlossenen Türen angelangt war und der Alltag wieder beginnen konnte.

[Zum 16. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.