Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Ein paar Anmerkungen zu meinem Blog „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Vor bald acht Jahren begann mit den folgenden, hier ein wenig erweiterten Artikeln mein persönlicher Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden zu können … Nun, aus diesem Traum bin ich dann doch bald erwacht. Nach all der Zeit fasse muss ich nun nüchtern zusammen: Fast niemand verirrt meinen Blog, meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen, um sie dann für mich persönlich in ansprechender Form binden zu lassen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In der Zeit habe ich über 1000 Einträge erstellt, jede Woche, manchmal sogar jeden Tag, etwas Neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, Kurzgeschichten, „Freitagsaufreger“, „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, Theaterstücke und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, Glossen und Momentaufnahmen, Gedankensplitter, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 800 eigene Fotos eingebunden. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren. Allerdings gefiel mir aber deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum … Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das zweite Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

„Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Ich will ehrlich sein: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – buchstäblich Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

In Aber ein Traum … geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von Aber ein Traum …

Schlussbemerkung:

Am Anfang kommt die Handschrift – das Aufsetzen.

Das hat zwei Gründe:

Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren! Ich schreibe handschriftlich meist nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Manche Tage haben eine Farbe – Neujahrsgedanken

Manche Tage haben eine Farbe.

Wie kann es sein, dass sich ein ganzes Leben in einem kurzen Moment verdichtet, ganz wie das Spektrum der Lichtstrahlen im Brennpunkt einer Linse? Wie ein ruhiger, breiter Strom fließt es manchmal dahin, behäbig und ausgeglichen. Plötzlich, weil zu Beginn unmerklich, nimmt die Strömung zu, beschleunigt sich. Alles strudelt nun rasend schnell auf ein drohend nahes Ziel hin, das Flussbett wird unbequem und schmal. Das Leben ist mehr, aber nun konzentriert es sich in einem Punkt, einer felsigen, bedrohlichen Enge, durch die es schäumend und Wirbel schlagend seinen Weg bricht. Dahinter, nur wenige Augenblicke später, verbreitert sich der Fluss und atmet ruhiger, aber er ist doch nie mehr der, der er vorher war. Es dauert lange, bis sich der aufgewühlte Schlick, der das Wasser schmutzt und dunkelt, wieder setzt.

Diese besonderen Tage der Entscheidung haben in meiner Erinnerung eine Farbe. Ich bin versucht, vom Hochnebelgrau eines Herbsttages zu erzählen, einem nasskalten Grau, das zäh an die Häuserfronten klammert und in mein Gemüt beißt.

Ich würde gerne vom Blau einer hellen Sommernacht sprechen, einem Blau, das Liebe fordert und Trauer findet, berichten vom schmerzhaft hellen Milchton eines Neujahrmorgens, der in der Tat wie eine Wiedergeburt war, von der Prüfung am Tag der braunen Hitzeschlieren, vom hoffenden Ausflug in die rote Stadt, dem Grün eines von Nebelschwaden eingehüllten Alpengipfels.

Obgleich tief und ernst empfunden, wird mir das alles beim Aussprechen schon allzu seicht, die Sprache gleitet mir wie Sand durch die Finger. All das hat erschreckend wenig Belang und ist voller Lüge und falscher Sentimentalität. Deshalb will ich lieber davon schweigen, denn jeder auch nur mit einem Hauch von Empfindsamkeit begabte wird mit ein wenig Mühe in seiner eigenen Erinnerung fündig werden und dabei überrascht feststellen können, dass, je älter das aufgedeckte Gestern ist, er um so weniger von Gesichtern, Daten und Bewegungen behalten hat, es bleiben, unentwirrbar miteinander verwoben, die Gefühle und die Farbe, jene leuchtende Melodie in den Dingen. Ich glaube, dies ist das geheime Raster, nach dem das Gehirn seine Erinnerungen ordnet.

Dieser Tag gestern war gelb und er vermischte sich auf magische Weise mit einem Tag in meiner Vergangenheit, den ich lange vergessen wähnte. Beide hatten sie die Farbe von blühendem Löwenzahn auf einer ungemähten Frühlingswiese, das gallebittere Gelb der endlosen, die Augen überfordernden Rapsfelder, die glitzernden Reflektionen der Sonnenstrahlen auf feuchten Butterblumen – komplementär gespiegelt in den purpunen Wolkenfäusten eines nahenden Gewitters. All das hat sich ins Schwarz meiner Pupillen gebrannt wie ein goldener Glanzfleck.

Das schimmernde, flirrende Gelb dieser Tage wird mich immer frisch und immer neu begleiten. Ich möchte mein Leben gerne beenden, während ich mich an den Gedanken an meinen gelben Tag festklammere; seine Nuancen stetig wieder neu entdeckend, sie mit den zögernden, letzten Atemzügen in den Raum hauchend, in dem ich ein letztes Mal zu liegen komme.

Jenes aggressive und aufdringliche Gelb beherrscht mich, denn es ist mir ein Synonym für ein Glück geworden, das ich einmal kennenlernte und allzu schnell wieder verlor.

(Sozialistische Selbstkritik: So nicht! Sentimentales Geschwurbel, akute Adjektivdiarrhö, schwieriger, verschachtelter Satzbau für einfache, klare Empfindungen; zu viel erlesen, zu wenig selbst entwickelt – viel zu lang. Und nie, nie einen Text mit einer rhetorischen Frage beginnen oder gar mit einem „Als…“. Goldene Regel: Wenn ein Buch mit „Als…“ beginnt, ist es Mist. Solche Bücher will ich selbst nicht lesen – also sollte ich sie auch nicht schreiben.)

Dennoch, beim Schreiben habe ich das tief und echt empfunden. Mein Tag war gelb.

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. »Berichte mir!« Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete ungeduldig auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein geliebtes Karukora endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Wespenbau. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weitere Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen, um das Raubtier einzufangen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt«, antwortete Der Namenlose. »Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will am Morgen in aller Frühe als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

»Da ist noch etwas.« Ultem hob den Zettel in seiner Hand. »Es sieht so aus, als hätten ein paar Diebe die Gelegenheit ausgenutzt und lange Finger gemacht. Sie sind während der Kämpfe in den Thronsaal eingedrun­gen und haben zu allem Überfluss noch frech eine Nachricht hinterlassen. Ein paar meiner Wüstenkrieger haben den Frevel zufällig entdeckt, als sie die Spur von zwei Lamargern verfolgten, die ihnen leider entkommen sind.« Ul­tem verschwieg, dass es sich bei einem der Flüchtigen um Idrichson Galves handelte. Er machte einen Schritt nach vorn und überreichte dem Namenlosen das Blatt in seiner hand, dann wich er sofort zurück. Er machte es kurz, denn er war kein Freund von vielen Worten und Ausflüchten, wie sie Radik Emre so gerne benutzte:

»Diese Diebe haben den Thron geschändet, mein Herr … indem sie die Augen des Falken herausgebrochen und mit sich genommen haben. Noch ist nicht klar, auf welchem Weg sie in den Thronsaal gelangt und wie sie ihn wieder verlassen haben.«

Der Namenlose fuhr auf. »Was? Die zwei Trigonjuwelen wurde ge­stohlen?«, stotterte er. Den Zettel hielt er achtlos in der Hand. Er war viel zu weitsichtig und mit den Rubinen vor seinen Augen noch zusätzlich behindert, um den kleingeschriebenen Text zu entziffern. Aber diese Schwäche wollte er Ultem nicht eingestehen. »Diese Diebe müssen noch in dieser nacht ergriffen und bestraft werden! Weit können sie doch nicht gekommen sein!«

»Leider sind unsere Sbirren und Wächter durch die Vorkommnisse an den Palast gebunden, doch ich habe veranlasst, alle Tore zu schließen und die Flussketten über den Marat zu heben, damit kein Schiff die Stadt verlassen kann. Niemand kommt im Moment aus Karukora heraus. Allerdings wird es wohl eine mühsame Suche nach den Tätern werden, die sich sicher im Hamdala-Viertel verbergen werden.«

»Steckt da die Diebesgilde dahinter? Das sieht mir ganz nach ihrer Handschrift aus. Wollen sie sich rächen? Vielleicht sollten wir bei ihnen ein paar Köpfe rollen lassen. Das macht die Überlebenden redselig. Wie hieß noch einmal ihr Erzmeister? Abu Da‘Ad?«

»Abu Du‘Bur. Aber ich halte dies für keine gute Idee, mein Herr!«, wagte Ultem zu widersprechen. Ihn traf einer der roten Feuerblicke seines Bişras, aber er hielt ihm stand. Äußerlich vollkommen ruhig, verlagerte er nur sein Gewicht auf das linke Bein und schob gleichzeitig die rechte Schulter etwas nach vorn. Der General, der befürchtete, er müsse sich nun zwischen zwei Loyalitäten entscheiden, nämlich der zur Diebesgilde und seinem Vater Abu Du‘Bur auf der einen und seinem Herrscher auf der anderen Seite, wappnete sich, flink seinen Säbel ziehen zu können. Dabei suchte ein unruhiger Blick nach einem Fluchtweg. Der „Unterwerfer“ wusste nicht, wie nah er daran war, selbst den Kopf zu verlieren.

»Ein paar Meister der Gilde hinzurichten, würde nichts bringen, Herr«, fuhr Ultem gelassen fort, während er seine Rechte wie von Ungefähr auf den Knauf seiner Waffe legte. »Das wäre, als würdest du mit einer flachen Hand aufs Wasser klatschen. Ja, es würde Lärm machen und ein paar Wellen geben, aber der Untergrund bliebe ruhig und unbewegt und die Juwelen bekämen wir nicht zurück. Bedenke, mein Herrscher: Auch wenn dich die „Flinken Finger“ ab und an ärgern und das eine oder andere wertvolle Teil aus deinem Palast entwenden, so treu stehen sie doch seit den Gründungsjahren Karukoras beim Namenlosen und diese Treue ist sogar Teil ihres Diebeseides, den jedes neues Mitglied leisten muss …« Ultem zögerte. Er musste wirklich besser auf seine Worte achten, denn er wusste nicht, ob die ganz und gar nicht unberechtigten Gerüchte über seine geheimen Verbindungen zur Diebesgilde bereits an die Ohren des Namenlosen gedrungen waren. Doch so, wie er den Schleimer Radik Emre kannte, musste er davon ausgehen.

»… so weit ich über die Gildenregeln informiert bin, natürlich. Doch eines ist sicher: Die Diebe haben kein Interesse an einem Umsturz und Chaos in der Stadt. Sie sind treuere Anhänger der Dynastien als der Adel und die Kaufleute. Unruhen und eine Umwälzung der Gesellschaft würden ihre Geschäfte ruinieren. Sie verstehen sich als die Laus im Pelz der Reichen und nicht als der Murlan, der sie frisst. Nein, ich glaube nicht, dass die Diebesgilde mit dieser unerfreulichen Sache zu tun hat, das sieht mir doch eher nach der Tat von Eingeweihten aus, die die Verhältnisse im Palast genau kennen. Wir sollte die Diebe nicht mit übereilten Schuldzuweisungen verärgern, sondern uns vielmehr ihrer Unterstützung versichern, denn sie können es überhaupt nicht leiden, wenn Freischaffende in ihrem Jagdgebiet wildern. Wenn wir – selbstverständlich diskret und heimlich -, den Erzmeister Abu Du‘Bur ins Boot holen, werden sie viel zuverlässiger und sicherer verhindern, dass die Trigonsteine die Stadt verlassen oder ihre neuen, unrechtmäßigen Besitzer sie über einen Hehler zu Gold machen. Die Vorarbeiter der Hafengilde und die Betreiber der Karawansereien und Handelsgesellschaften arbeiten Hand in Hand mit der Gilde.«

Der Namenlose nickte.

»Verschone mich mit deinen Räuberspielen und Machenschaften. Das Knäuel an Intrigen hier in diesem Palast erscheint mir inzwischen so verwirrt und verknotet, dass es nicht mehr lösbar oder auch nur durchschaubar ist. Jeder in meiner Umgebung kocht sein eigenes Süppchen und ist dazu eifrig dabei, dem anderen in den Topf zu spucken oder ihm seine eigene Würze beizumischen. Wenn ich nur daran denke, bekomme schon wieder Kopfschmerzen davon. Hauptsache, es kehrt wieder Ruhe ein und wir bekommen die Steine schnell wieder zurück. Welche Wege du beschreitest, um dieses Ziel zu erreichen, ist mir gleichgültig, aber du stehst mir das Gelingen mit deinem Kopf ein. Im Moment wünschte ich fast, der Sud wäre noch mein Vezir. Der hätte mit solchen Gaunern kurzen Prozess gemacht. Oder steckt gar Ómer selbst hinter dem Raub? Schließlich ist er im Besitz des dritten Trigonsteins, der jeden seiner abnormen Turbane ziert.«

»Ómers Verbindungen in die Unterwelt und seine Spitzel, Halsabschneider und Ohren sind wie eine tausendbeinige Giftspinne, die ihr Netz über ganz Karukora gewoben hat. Aber diese Spinne steht uns nicht mehr zur Verfügung, nachdem wir ihr das verräterische Haupt abgetrennt haben«, sagte Ultem und zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich ist der unersättliche Radik Emre gerade dabei, Ómers Informantennetz zu übernehmen und sich den Turban mit dem Smaragd auf den Kopf zu setzen, dachte er bei sich. Schade, nur dass ich hier beim Namenlosen meine Zeit verschwende, die Gilde und ich könnten die Ohren des Vezirs ebenfalls gut gebrauchen.

Ultem machte eine auffordernde Geste: »Auf jeden Fall haben die Diebe diese Nachricht in deinen Händen hinterlassen und wir wissen deshalb, wer der wahrhschliche Hintermann der Tat ist. Es wird dich überraschen: Es sind Alis Dabinghi und seine Familie.«

»Der Märchenerzähler, der uns heute mit seiner Geschichte von Lakmi-âs-Sekr gelangweilt hat? Aber warum sollte er das tun? Hat ihn Ómer nicht bezahlt?«

»Es steht auf diesem Papier, Herr.«

Der Namenlose reichte erstaunt das Blatt Papier an Ultem zurück.

»Lies es mir vor« forderte er. Ultem kniff die Augen zusammen und hielt das Blatt von sich, damit er den mit einer sauberen, aber zittrigen Handschrift geschriebenen Text lesen konnte, denn auch er litt unter einer Augenschwäche. Wie die meisten Karukorer war er daran gewöhnt, laut zu lesen. Zuerst murmelnd und dann immer wütender erklang seine Stimme:

»Die Bingh leben. Die Bingh beschützen ihr Karukora. Sie werden sich den Falkenthron, der ihr rechtmäßiges Erbe ist, von den Ursurpatoren des Bişra-Abschaums zurückholen! Die heutige Nacht war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Wir haben die Steine des Trigons an uns genommen. Sehr bald werden auch die goldene Maske und Karukora selbst den echten Nachkommen des ersten Namenlosen gehören. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern des Elfenbeinpalastes. Die Dynastie der Bişra wird bald enden. Sie sind endlich vorbei, die Jahre der Tyrannenherrschaft, die der Bişra, der elende Vater- und Muttermörder, ausübte. Komm und stelle dich deinem Schicksal, du „Unterwerfer“! Ich bin Selin Dabinghi, der einzige und wahre Erbe über das Reich der Namenlosen. Ich bin zum Herrschen geboren und du lausiger Abfall hast mir meinen Thron gestohlen. Ich erwarte dich jenseits der Felder des Ewigen Krieges vor den Toren von Pardais. Ich werde das Urteil, das die Allerbarmerin über dich gesprochen hat, vollstrecken. Oder bist du gar zu feige, mit deiner lächerlichen Armee und deinen speichelleckerischen Generälen gegen einen Einzelnen zu kämpfen, kleiner Dagor?« Ultem zerknitterte den Zettel zu einer kleinen Kugel und warf ihn durch den Raum.

»Kennt noch jemand außer dir den Inhalt?«, fragte der Namenlose scheinbar gelassen.

»Leider scheinen während der Revolte überall in der Stadt gedruckte Kopien davon verteilt worden zu sein.«

»Jeder, der solch einen Zettel besitzt oder weitergibt, soll den M‘Gaviâ zum Fraß vorgeworfen werden!«, brüllte der Namenlose plötzlich, sprang auf und wütete und schimpfte. Ultem machte sich noch ein wenig kleiner, wartete geduldig das Ende des Tobsuchtsanfalls seines Herrn ab, das tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten ließ. Der Bişra presste seine Hand gegen die Stirn.

»Ah, diese Schmerzen …«, sagte er und lehnte sich mit dem Gesäß kraftlos gegen die Brüstung des Fensters, das über ein paar niedrige Dächer des Palastes einen Ausblick auf die Marathäfen und den Leuchtturm zeigte. Dort draußen, kurz vor Sonnenaufgang, herrschte eine gespenstische Stille.

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Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda betroffen und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach, wenn es denn tatsächlich wahr wäre!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Die beiden hatten sich gemeinsam mit Hilfe seiner nun draußen vor den Türen patrouillierenden Leibwache vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in die Sicherheit von Eóras abgelegenen Gemächern im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben den Namenlosen auf das Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige, wahrscheinlich Wolken darstellende Gipsornamente die vorherrschenden Stilelemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „wolkigen Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten und alle Besucher mit Geschmack innerlich erseufzen ließ. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen und der Wände rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras für kleinste Vergehen zum Tode verurteilt und auf der Stelle hingerichtet wor­den waren. Wie dem auch immer war, in den „wolkigen Abendsonnenge­mächern“ war es auch an Hochsommertagen angenehm kühl und dämmrig, dafür sorgte auch ein raffiniertes Belüftungssystem. Die vie­len Stoffbahnen und Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den seit seiner Ankunft eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten. Ab und an huschte auf Zehenspitzen flink eine der Dienerinnen Eóras durch die Schatten, die die Raumteiler warfen und jedes Mal, wenn der Namenlose eine Bewegung im Dunkel wahrnahm, zuckte er erschrocken und mit von Schmerz verzogenem Gesicht zusammen.

»Glaubst du, es war die Druşba, die hinter dem Anschlag steckt? Ich hielt diese Assassinengilde immer für eine Legende. Ist sie eigentlich hinter mir her und war der Tod des „Bären“ vielleicht nur ein Irrtum, eine Verwechslung? Wollen diese Meuchelmörder uns etwa alle vergiften? Und steckte wirklich Ómer dahinter? Hat er die Druşba beauftragt? Ist auch die Botschafterin der 5 Städte bedroht? Ach, was soll nur werden?«, sprudelten Fragen aus seinem Mund, die ihm Eóra nicht beantworten konnte. Obwohl der „Unterwerfer“ nun seit fast zwanzig Jahren die Geschicke der Wüstenperle lenkte, war er doch ohne die Empfehlungen seiner engsten Ratgeber hilflos und wusste nicht weiter. Seine Stütze Ómer, der ihm im Laufe der Jahre Stück für Stück fast alle Entscheidungen und Staatsgeschäfte abgenommen hatte, schmorte irgendwo tief unter ihm in seinen eigenen Verliesen in den Eingeweiden des Palastes. Radik hatte sich bestimmt zitternd und voller Angst in irgendeinem Loch verkrochen und Pasha Ultem, der oberste General des Namenlosen, focht wohl noch in der Schlacht gegen die Lamarger. Blieb ihm nur noch Eóra über, an der er sich verzweifelt festklammerte und die alles in ihrer Macht stehende unternahm, ihren schwachen und kopfschmerzgeplagten Gatten zu stützen.

Seit Eóra schwanger war und – so hatten es zumindest die Priesterinnen der Allerbarmerin prophezeit – den Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten und öffentlichen Auftritte der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur noch bei unvermeidbaren Terminen an ihrer Seite gezeigt und war sogar für einige Wochen ohne sie in die Sommerresidenz der Namenlosen verzogen. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Auch wenn sie nicht sehr tief ging, brachte er ihr in Wirklichkeit auch weiterhin alle Liebe entgegen, die dieser kalte und selbstsüchtige Mann aufbringen konnte. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ würde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Ruhig, Dagor«, flüsterte sie. Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. »In dieser Nacht müssen wir keine Entscheidungen mehr treffen. Wir sind am Leben und haben uns, das muss genügen. Die Last der Regierung wird zurückkehren und die Zeit wird kommen, wieder Entscheidungen zu treffen, die Toten zu betrauern und die Mörder zu bestrafen. Vielleicht«, sie erschauderte, »werden wir bald in einen Krieg gegen die Lamargue ziehen müssen, den uns jemand aus Motiven, die wir noch nicht kennen, aufzwingen will. Doch du bist der geliebte Sohn der Allerbarmenden Mutter und der Einzige unter der Sonne. Du wirst weise, entschlossen und siegreich sein. Dein Weg mag gerade in ein dunkles Tal führen, doch er wird dich anschließend auf einen strahlenden Gipfel leiten. Doch jetzt wollen wir diesen Weg noch nicht beschreiten. Lass uns erst noch ruhen und dankbar sein, dass wir einander haben. Es ist dieser Moment, der zählt – nicht die vergangenen und besonders nicht die zukünftigen. „Die Vergangenheit ist die Lüge, der wir kopfschüttelnd lauschen. Das Morgen liegt in undurchdringlichem Nebel verborgen. Nur das Jetzt ist wahr und liegt klar vor unseren Augen“, zitierte sie den Blinden Cazalb von Saint Cobillôtte, in dessen Sprücheschatz sich immer etwas Passendes finden ließ, woran der Weise wahrscheinlich selbst nicht geglaubt hatte. Doch es war vollkommen egal, was Eóra sagte. Sie hätte auch ein Rezept für scharfe Mirak-Selleriesuppe aufsagen können. Es war nicht der Inhalt ihrer Worte, sondern der beruhigende Klang ihrer Stimme, der in diesem Moment zählte. Denn der Namenlose, ihr geliebter Gatte, war in einen unruhigen Halbschlaf gefallen. Als die Schwangere es bemerkte, summte sie leise einen altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wund geschlagen hatten und pustete dabei warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann, wegen eines leisen Geräusches aufschauend, eilig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er war von dem Speisesaal zurückgekehrt, in den sie ihn geschickt hatte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Noch waren die Tränen auf seinen Wangen nicht getrocknet, aber das konnte Eóra nicht sehen. Der Stumme verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er glaubte, für den Namenlosen unsichtbar zu sein. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich doch zu ihr zurückgekehrt. Der Verrat an ihrem Vater hatte sich für sie gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Sie war es gewesen, die Putschpläne ihres Vater an Ultem weitergegeben hatte, nachdem ihr Muhar von ihnen berichtet hatte. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön und dekorativ, aber stumm und gehorsam. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten der endlosen Reihe der Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer endlich eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor genauso wie e sie und sie schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Schachfigur in Alis‘ kompliziertem Rachefeldzug war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf, schreckte aus seinem kurzen Schlummer, der seine Migräne etwas besänftigt hatte. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Sein Blick fiel aber auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun wieder sein aufgeschwemmtes und weiches Gesicht verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau aufwartete, ließ er sich dies nicht anmerken. »Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich augenblicklich tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss befehlen und erfahren, was im Palast vor sich geht. Karukora bracht in dieser schweren Stunde seinen „Unterwerfer“.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zurück zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich erleichtert aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, das geheime Erkennungszeichen der Diebesgilde zu machen und Ring- und Zeigefinger seiner erhobenen rechten Hand zu überkreuzen. Dann machte er eine weitere Verbeugung, drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“, der im Geheimen auch einer der drei Großmeister der „Flinken Finger“ war und mit dem Muhar über ihre Mithilfe bei dem von ihm und Alis geplanten Raubzug verhandelt hatte, blies nachdenklich seine Wangen auf und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Dann lies er die Luft mit einem leisen Piff aus seinem Mund entweichen. Es waren die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, die ihn im Antichambre hatten zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General ihm berichten musste. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus dem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

»Sicher nicht. Pardais ist so wirklich wie der Sand der Wüste. Glaubt mir, „Der Weg, der in den Tag führt“ ist der größte Schatz, der in Karukora verborgen liegt, und er ist die besondere Würze, mit der ich meine Rache servieren wollte. Ich hatte nie vor, reich werden, son­dern wollte Vergeltung für das einfordern, was meiner unschuldigen Irta einst angetan wurde. Sechs Mörder waren es, die meine Rache spüren sollten: Der machtgierige Ómer Sud, der bösartige Radik Emre, der intrigante Paşha Ultem, der verschlagene Idrichson Galves und verräterische Raul aus der Lamargue und schließlich auch noch der Namenlose selbst, das schlimmste Ungeheuer von allen. Ich habe einen Fluch über diesen Verbrechern ausgesprochen, der sie alle ins Verderben lenken wird – einen nach dem anderen.«

Alis spuckte die Namen aus, als wären sie eine Verwünschung, dann stockte er und sah zärtlich zu dem um Fassung ringenden Stummen auf. »Mein alter, weicher Freund Muhar! Ich wusste, du würdest meinen Plänen niemals zustimmen, wenn ich dir von ihnen erzählt hätte. Deshalb habe ich vor dir davon geschwiegen und dich nur in einen kleinen Teil eingeweiht. Sirtis allein weiß über al­les Bescheid und sie wird mein Werk jetzt fortsetzen müssen. Sie wird hoffentlich been­den, was ich begonnen habe. Fast zwanzig Jahre haben wir gemeinsam gewartet und wie Spinnen in ihren Netzen geduldig unsere Fäden geknüpft, auf unseren Mo­ment gewartet. Und dann hatten wir tatsächlich alle unsere Widersacher bei­sammen, schließlich an einem einzigen Ort beieinander: Jene sechs nieder­trächtigen, bösen Männer, die den Tod meines Augen­sterns verursacht haben, als wäre sie ein Spielzeug, das man wegwirft, nachdem man es mutwillig kaputt gemacht hat. Sie würden sich nach fast zwanzig Jahren wieder in diesem Saal begegnen, zurückkehren zum Ort ihrer Schuld. Mir war klar, dass sich mir in der Lebens­spanne, die mir noch verbleiben wird, solch eine Möglichkeit nicht ein zweites Mal bieten würde. Doch wie konnte ich mich an allen zusammen rächen? Denn schließlich durfte ja keiner von ihnen seinem Schicksal entgehen. Da fiel mir die Sage vom „Weg, der in den Tag führt“ ein und es dauer­te nicht lange, bis ich mei­nen Plan entwickelt hatte. Der Zufall, dass Ómer aus­gerechnet diese Nacht für seinen kleinen, kindischen Putsch erwählt hat, machte alles perfekt.« Alis nickte zufrieden in sich hin­ein.

»Ich begreife langsam.« In Sahars Stimme schwang eine leise Wut mit. »Du hast die Meuchelmörder der „Kalten Hand“ be­zahlt, damit sie den „Bären“ ermor­den und diese Untat an­schließend dem Namenlosen und seinem Vezir in die Schuhe geschoben wird. Der geheimnisvolle Verschwörer, dem Adelf auf die Spur ge­kommen ist, das warst also du?“, fragte Sahar erschüttert. »Jede Untat gebiert ein Ungeheuer, sagt Baruch. Mögen uns die Göt­ter vor den Einflüste­rungen Inets bewahren!«

Sahar traf ein fast mitleidiger Blick von Alis. »Es gibt keine Götter und auch keinen Scheitan. Sie werden nicht gebraucht. Ihre Arbeit erledigen wir Menschen besser, als die Daimonen der eisigen Finsternis dies jemals könnten. Das Gute und das Böse, es ist in uns selbst und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, auf welche von den Stimmen wir hören wol­len, die da da in uns flüstern. Die Liste der Verbrechen dieser sechs Männer ist schier endlos, in ihnen ist längst nur noch Böses. Nur mit ihrem Tod können sie sühnen und ihr Urteil habe ich schon vor langer Zeit gesprochen. Du fragst dich sicherlich, woher das Geld kam, mit dem ich die Assassinenkönigin der „Kalten Hand“ entlohnte, so arm, wie ich bin? Es waren lamar­gische Écu d‘or, die ich von kei­nem anderen als vom späteren Regno selbst erhielt, der sie mir von Idrichson Galves überbringen ließ. Ihn plagte wohl sein schlechtes Gewissen, weil er meine Irta verführt und entehrt hatte. Dass er einen Sohn mit ihr gezeugt hatte, hat er nie erfahren. Ich habe von diesem Blutgeld nie auch nur eine einzige Münze angerührt, sondern es verwahrt, bis ich schließ­lich den passenden Verwendungszweck fand. Der Re­gno hat für seine eigene Ermordung be­zahlt. Ist das nicht ironisch? Die Druşba Es Sakr wollte übrigens nur einen symbolischen Lohn; es lag ihr nichts an dem Geld. Mir scheint, als hätte sie ohnehin vorge­habt, diese Tat auch ohne meinen Auftrag zu begehen. Welch eine Iro­nie …«, wiederholte Alis und lächelte in sich hinein, bis ein plötzlicher Schmerz seine Gesichts­züge verzerrte. Der Sterbende atmete pfeifend ein und aus und wurde dabei immer schwächer. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen:

»Und abgesehen davon, dass nun auch unschuldiges Blut vergossen wird und mich diese dumme Pistolen­kugel mitten in die Brust traf, geht alles den von mir vorausbestimmten und vorhergesehenen Gang. Leider konnten Radik, Ultem und der Namenlose dem Kampf im Saal entfliehen, aber sie kleben längst an den Fäden, die ich gesponnen habe. Ich hoffe nur, der fette Dieb hält sein Wort, das er mir vorhin gegeben hat.« Er hus­tete erneut und war dann offenbar der Meinung, er hätte zu diesem Thema genug gesagt.

»Mich friert, Muhar. So kalt war mir zu­letzt vor dreißig Jahren in den bleigrauen Wäldern des Nordens, als ich unter den ewig weißen Gipfeln des Newtongebirges mitten im tiefsten Winter Bäume für den Landbaron Egelharm schlagen musste und mir dabei drei Zehen abfaulten. Ach, da fällt mir ein: Dort be­gegnete mir eines Tages der Nachtalb Lorin Sigdat. Er kam von Litna über den Eisensteinpass und war auf der Suche nach Hygmir, dem Dolch der fünf Welten, und seiner geliebten Frau Süfsa, die ihm Hasud Loderbend geraubt hatte …, ach, das ist eine uralte Geschichte, die ich nun leider niemandem mehr erzählen werde –, heute nicht und auch an kei­nem anderen Tag.« Er überlegte, sammelte seine Ge­danken, die dabei waren, sich endgültig in sei­nen Erinnerungen zu verlieren. »Aber nun fühle ich mich, als würde ich in diese Wälder zurückkehren. Ich kann die wirbelnden Eiskristalle in meinem Ge­sicht spüren, den gelben Staub der blühenden Kiefern rie­chen und das bittere, metallische Aroma ihres Harzes auf meiner Zunge schme­cken. Sage Selin …« Er stockte und ein dünner Blutfa­den rann aus einem seiner Mundwinkel. Alis Au­gen rutsch­ten nach oben. Sahar rüttelte ihn an der Schulter.

»Bis zum Schluss ein Märchenerzähler, hm? Aber so einfach stiehlst du dich mir nicht davon, Alis Dabinghi. Du hast eine andere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, mein Freund. Wenn du, wie du behauptest, die Schuld an diesem Massaker trägst, dann sage mir, wie du das eingefä­delt hast. Wer verbirgt sich hinter der Maske der Druşba Es Sakr?«

Der alte Mann war schon weit fort und immer tiefer in die rauschenden Wälder geschritten, wo sein Bruder und seine Familie, die sanfte Irta und seine geliebte Frau Jade schon so lange geduldig auf seine Heimkehr warteten, aber er machte noch einmal kehrt und richtete sich in Sahars Armen etwas auf. Er musterte den jungen Mann, als würde er ihn zum ers­ten Mal erblicken. Alis sah durch grüne, mitleidige Augen tief hinein in die Seele des Adep­ten. Die Vergangenheit Sahars und auch seine Zukunft lagen in diesem Augenblick wie zwei geöffnete Bücher vor ihm.

»Ich kenne dein Geheimnis und deine Macht«, sagte er klarsichtig und Sahar errötete unter der Larve aus schwarzer Spitze, die sein weiches Knabengesicht und seine Regungen verbarg. »Oh, das ist der Stoff für ein wundervolles Märchen und ich hätte es gerne aus dei­nem Mund ge­hört und auf dem Bazaar weitererzählt.« Er winkte Sa­har mit einer schwachen Handbewegung näher zu sich heran und flüsterte ihm etwas zu, das der weinende Muhar nicht verstehen konnte. Lauter sagte er und deutete auf den Stummen:

»Jetzt lass mich endlich gehen, Mönch! Lass mich. Fliehe diesen Ort. Trage weiterhin die uralten Ge­schichten hinaus in die Welt, schenke ihr Träume und Hoffnun­gen. Sie braucht es, denn das Ende der Welt ist nah. Vergiss das nicht: Du gehörst zu den wenigen, die es aufhalten kön­nen … Und du, mein treuer Muhar, erzähle meinem Enkel nicht, wie viel Schuld ich mir auf die Seele geladen habe. Richte ihm nur von mir aus, wie sehr ich ihn liebe und passe weiterhin gut auf ihn auf. Denn all diese Taten habe ich für ihn getan, für seine Zukunft. Schließlich muss er eines Tages … eines Tages …«

Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln erschien auf seinen dün­nen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszü­ge, die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber als Gegengabe seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar schloss die Augen des Leichnams, legte ihn vorsichtig neben sich.

»Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
noch des grimmen Winters Drohn;
jetzt dein irdisch Treiben ruht,
heim nun gehst, nahmst deinen Lohn«

,sprach er die ersten Zeilen eines kurzen Gebets. Dann richtete er sich vorsichtig auf und wendete sich ab. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Mu­har, der sein Gesicht in seinen Händen barg. »Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was Alis uns erzählte, aber er hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn schnell ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegent­lich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm jedoch sein Blatt, das er abriss und dem Adepten entgegenstreck­te, nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und spähte nach unten ins Kampfgetümmel. Er suchte nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend die wahre Schuldige am Mord am Regno mitteilen musste. Er hatte des­sen Namen gerade durch den greisen Märchenerzäh­ler erfahren. Vielleicht gelang es ihnen gemein­sam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden, so lange noch ein paar Lamarger am Leben waren. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kann­te, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufan­gen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die Mörderin ihres Herrschers zu präsentie­ren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf ei­nem der langen Tische zwischen den exquisiten Spei­sen ste­hend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entris­sen hat­te, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverach­tung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halb­es Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versucht­en vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzu­dringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß der Schädel gespal­ten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leich­ten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in sei­nem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die einfache Melodie ei­nes Wiegenlieds aus den Büchern des Baruch, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überle­benden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brach­te, auch wenn kaum mehr je­mand die uralte Vorgän­ger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Um alles weitere an diesem Ort werde ich mich nun kümmern, denn Alis hat seine Rache nicht beenden können. Zwar ist der Regno tot und über Ómer und der „Schwalbe“ schwebt schon das Richtschwert, aber noch sind Radik, Ultem und der Namenlo­se am Leben. Ich werde vollenden, was mein alter Meister begonnen hat. Das ist sein Auftrag an mich.«

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