Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (10)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (10. Teil)

Der Regno wollte etwas Grobes erwidern, eine Beleidi­gung, die dieses generöse und überraschende Friedens­angebot zunichte gemacht hätte, aber Galves beugte sich zu ihm und flüsterte ihm erneut etwas zu, das ihn zu Vernunft zu bringen schien. Yves nickte und sah zu­rück zu seinen Rittern, die zwar alle von dem Kampf erschöpft waren, sich aber auf sein Wort hin mit dem Adlerlied der Freien Lamargue auf den Lippen in den Tod gestürzt hät­ten. Am längsten verharrte sein Blick auf seinem ver­wundeten Sohn, dem die Männer aus zwei Treuwäch­terpiken und in Streifen gerissenen Hemden eine pro­visorische Trage gebastelt hatten. Raul lag still und ohne Bewusstsein da, aber er atmete ruhig und gleich­mäßig. Wie sich später herausstellte, war die Kugel aus Dagors kleiner Waffe an einer Rippe abgeprallt und nicht tief in den Brustkorb eingedrun­gen. Seine Verlet­zungen waren nicht lebensgefährlich, aber der Blutver­lust aus dieser und der durch den Streifschuss am Arm verursachten Wunde hatte end­lich sogar diesen Bären von einem Mann niedergerun­gen. Irta hielt weiterhin zärtlich seinen Kopf und tupf­te ihm mit dem Ärmel die Schweißperlen von der Stirn. Yves sah ihr eine Weile dabei zu, dann seufzte er und wandte sich wieder zu dem Namenlosen.

„Mir ist in der Hitze des Gefechts entgangen, wer Adalante hinterrücks ermordete, doch ich stehe für meine Männer ein und schwöre den Eid eines Regnos, dass es keiner von ihnen war. Ich habe Adalantes Ver­stand und ihre Weisheit immer geschätzt. Sie war uns eine teure Verbündete und wir sind heute hier angetre­ten, um sie zu beschützen. Wahrscheinlich ist sie längst gerächt und ihr feiger Mörder liegt hier zertre­ten wie eine Wanze zu unseren Füßen.“ Er machte eine nachdenkliche Pause. „Du hast recht, Dagor, der du dich nun der Unterwer­fer nennst. Wir haben an diesem Morgen keinen Grund mehr, uns weiterhin zu bekämp­fen. Ich werde mich mit meinen Rittern zurückziehen. Die Delegation und ich werden bis Sonnenuntergang die Mauern von Karuko­ra hinter uns gelassen haben und auf den Karawanen­wegen gen Norden ziehen. Was später geschieht, wird uns die Zukunft weisen. Möge mich Maraia, die Trä­nenreiche, im Schlafe ersticken, wenn ich nicht die Wahrheit sprach.“

Ich sehe auf vielen Lippen meiner Zuhörer ein bitteres Lächeln. Ja, große Reden können sie in allen Überle­benden Landen schwingen, unsere hohen Herren. Und schnell schwö­ren sie bei ihrer Göttin, die ja eigentlich nur eine einzi­ge ist und sich niemals um die menschli­chen Dinge und ihre Eide kümmert. Aber auf diese Weise konnten sich beide Parteien ehrenvoll aus dem Kampf zurückziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Id­richson Galves und Paşha Ul­tem gaben ihren Männern bereits Anweisungen, sich zurückzuziehen, als sich der graubärtige Regno und der frischgebackene Namenlo­se noch der gegenseiti­gen Wertschätzung versicherten –, obwohl sie freilich insgeheim dem anderen die Blau­en Pocken an den Hals wünschten. Vier Ritter nahmen Raul an den Enden der improvisierten Trage hoch und traten mit ihrer Last achtsam im Gleichschritt zum Tor des Serails hinaus. Irta wollte ihnen selbstverständlich folgen und hielt sie mit einem Ruf auf, aber Galves er­griff sie beim Vorbeige­hen.

„Was, Kind, glaubst du da zu tun?“, zischte er, wäh­rend er sie fest am Arm hielt. Meine Schwester starrte die Schwalbe von Avríl verwundert an, doch obwohl ihr plötzlich war, als würde sich eine eisige Hand um ihr Herz schließen, antwortete sie gefasst:

„Ich folge meinem geliebten Mann in seine Heimat. Lass mich los, Soldat.“ Die Angst einer plötzlichen Er­kenntnis funkelte feucht in ihren dunklen, großen Au­gen. Galves senkte verlegen den Kopf und hob mitlei­dig die Augen­brauen. Seine Stimme wurde dunkler und sanfter:
„Mädchen, du warst uns eine große Hilfe, aber du bist dem Namenlosen untertan und kein Teil unserer Ab­machung mit ihm. Du kannst Karukora nicht mit uns verlassen.“ Er zögerte, denn die nächsten Sätze fie­len ihm schwer. „Deine Hoffnungen trügen dich. Du wirst niemals die Gattin des Thronfolgers der La­margue werden können. Das war ein schöner Traum, doch nun musst du aus ihm erwachen. Der Regno wird eurer Verbindung niemals zustimmen, denn Raul ist Dora Kahlja von Drybnisfelt versprochen, die er im Winter, wenn er hoffentlich von seinen Wunden genesen ist, ehelichen wird.“

Irta duckte sich unter den Worten von Galves. Jeder seiner Sätze war wie ein Peitschenhieb gewesen, der mit voller Wucht auf sie niedersauste und ihr tiefe, un­heilbare Wunden in die Haut schnitt. Sicherlich tat das Mädchen Galves leid, denn er war kein Unmensch. Aber er war ausschließlich seinem Regno verpflichtet, dem Rauls natürlich nicht unbemerkt gebliebenes Ha­remsabenteuer ein Dorn im Auge war. Auch das Glück der Tochter eines seiner tüchtigsten Spione und endlich auch das des jungen Prinzen hatte sich diesem Kada­vergehorsam, der keine Ausnahme duldete, unterzu­ordnen. Raul hatte das Gespräch belauscht und öffne­te plötzlich auf der Trage seine Augen.

„Irta, meine süße Wüstenblume …“, flüsterte er, rich­tete sich etwas auf und hob schwach seine zitternde Rechte. Dies war der härteste Schlag, den Galves vor­her vermieden hatte. Irta konnte es in Rauls Augen le­sen: Er stimmte der Schwalbe zu. Aber nein, sie musste sich täuschen. Das konnte einfach nicht geschehen! Sie war sich doch seiner Liebe und seiner Schwüre so si­cher. Irta riss sich von Galves los und fiel vor dem ver­letzten Prinzen auf die Knie. Verlegen senkte Galves seinen Blick noch tiefer.

„Raul! Sage diesem Mann, dass das nicht wahr ist! Du hast mir versprochen, mich mit dir zu nehmen. Ich meine, wenn ich nicht deine Frau werden kann, dann … dann nimm mich trotzdem mit mir“, erniedrigte sie sich vor ihrem Geliebten, der sie nur stumm betrachte­te. Helles, mit Tränen vermischtes Blut tropfte von sei­ner Nase. „Ich werde dir und deiner Frau Kahlja die­nen und mich nicht be­klagen. Es genügt mir, in deiner Nähe zu sein. Bitte …“ Sie schluchzte auf. „Raul, du liebst mich, das weiß ich. Und ich liebe dich. Ohne dich kann ich nicht leben!“, sagte sie weinend. Es war ein letzter Versuch, aber da hatte sie schon die Hoffnung verloren. Sie schwankte und ihr wurde schwarz vor den Augen. Sie erblickte in die­ser Dunkelheit ihr weiteres, schreckliches Schicksal.

Und der junge Prinz? Er schloss einfach wieder seine Augen und täuschte lieber eine weitere Ohnmacht vor, als sich länger mit Irta auseinanderzusetzen. Diese Feigheit erschütterte meine Schwester mehr als alles, was sie in der Nacht erlebt hatte. Sie bemerkte kaum, dass Galves neben sie trat und ihr mit einer vorsichti­gen Berührung aufhalf. Eilig gab er den Trägern, die die Szene mit versteinerten Gesichtern betrachtet hat­ten, ein Zeichen, Raul endlich fortzubringen.

Inzwischen hatte sich der erste Hof des Serails fast geleert und nur noch Galves und Irta standen zwischen den Leichen, die der Kampf gefordert hatte. Sie wur­den vom Tor her von Paşha Ultem beobachtet, der nachdenklich die Lippen spitzte. Doch es gab noch zwei Augen, die verborgen im Dunkel eines Hauseingangs auf die beiden starrten. Sie gehörten dem feisten Ver­schnittenen Radik Emre, dessen unversöhnlicher Hass geduldig auf seine Gelegenheit wartete, die er nun nä­herkommen sah. Schließlich lös­te Galves den Arm von Irta und trat zurück, folgte zö­gernd den anderen durch das Tor, das Ultem schulterzuckend hinter sich schloss.

Irta hatte weder die Anwesenheit noch das Fortschlei­chen der Schwalbe bemerkt. Erschüttert blickte sie weiterhin in ihr Inneres und auf den Scherbenhaufen, der von ihrer Liebe und von ihrem Leben übriggeblie­ben war. Sie stand lange so, während die Sonne immer höher stieg und mit unbarmherziger Wucht ihre Hitze in den Hof schleuderte. Der süßliche Duft des vergosse­nen Bluts hatte sich mit dem scharfen Brandgeruch zu einer Übelkeit erregenden Melange vermischt. Doch meine arme Schwester nahm den Gestank überhaupt nicht wahr. Sie fühlte sich hohl, leer, ausgebrannt und hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu weinen oder ih­rer Verzweiflung mit einem Schrei Ausdruck zu verlei­hen. Irgendwann wandte sie dann doch ihren Blick von dem inneren Abgrund ab und stellte fest, dass sie wie die Totengöttin Helda, an die die verrückten Hinder­söhne glaubten, inmitten eines Leichenbergs stand; als sei dies der schaurige Hofstaat, mit dem sich die barba­rische Helda umgab. Die meisten der Leichen, die um sie herumlagen, hatte sie gekannt. Es waren aus­schließlich Eunuchen und Diener von Adalante; die an­deren Opfer der Schlacht hatten ihre Kamera­den mit sich genommen. Die unheimliche Stille, die wie eine er­stickende Decke über dem Serail lag, dröhnte in ihren Ohren. Doch Irta war noch zu keiner Regung fä­hig, stumpf sah sie in die im Tode verzerrten Gesichter; Trauer, Entsetzen und Grauen waren ihr noch fern. Wie eine Schlafwandlerin begann sie, ziellos über den Hof zu wandern. Sie achtete nicht auf die in der Hitze stockenden Blutlachen und ihre nackten Fußsohlen hinterließen kreuz und quer Spuren auf dem ockergelb glitzernden Porphyr des Bodens. Sie schien etwas zu suchen; auch wenn sie selbst nicht wusste, was das war.

Nachdem Irta nach einer Weile gedankenlos und mechanisch wie ein eiserner Golem die Stufen zum Haus der Gattinnen emporgeschlendert war und vor dem er­starrten Körper ihrer Hohen Herrin verharrte, schien sie jedoch gefunden zu haben, nach was sie instinktiv geforscht hatte. Aus einem Winkel ihrer Seele, jenem Ort, an den sie sich zu ihrem Schutz zurückgezogen hatte, tauchten Erinnerungen auf, ließen sie Worte for­men und die traditionellen Gesten machen. Sie betete das Totengebet an die Allerbarmerin, so wie ihr Vater Alis es ihr in ihrer frühen Jugend in Avríl beigebracht hatte, damit sie es sprach, wenn sie mit ihm und mir das Grab unserer Mutter besuchte. Irta schloss in ihre Gebete nicht nur Adalante, sondern auch die anderen Ermordeten und Gefallenen ein. Plötzlich flossen ihre Tränen wieder so reichlich, als wäre sie ein mit Meer­wasser gefülltes Gefäß. So hatte sie für jeden Toten ei­nen salzigen Tropfen übrig, den sie klagend der Göttin opferte.

Jad al-voi Ba’alcha!“, hörte Irta einen lästerlichen Fluch in ihrem Rücken. Ihr stockte der Atem und sie fuhr herum. Hatten denn die Schrecknisse dieses grau­envollen Morgens noch immer nicht geendet, waren die Gefahren noch nicht vorbei? Wer stand mit ihr in die­sem Leichenhaufen und lästerte der Allerbarmerin? Sie kannte den Mann, der hinter ihr stand: Es war Radik Emre, der oberste Eunuch, der sich herangeschlichen hatte und Irta mit vor Hass brennenden Augen ab­schätzte. Er spuckte vor ihr aus.

„Das ist nicht wahr. Sta’Ach! Ausgerechnet du Dirne hast dieses Massaker überlebt – von allen Eunuchen, Frauen und Dienerinnen des Serails bist nur noch du am Leben? Was für eine Ironie!“ Er lachte irre und schüttelte den fetten, nackten Schädel. Die erlebte Ge­walt und das viele Blut um die beiden herum schienen ihn vollkommen wahnsinnig gemacht zu haben. Irta hatte in diesen Augenblick keine Angst vor ihm; sie stand noch jenseits solcher Gefühle. Doch sie wich in­stinktiv zurück, denn Radik hob nun das blutige, klei­ne Messer, das er fest in der Rechten hielt und deutete auf sie. Irta erkannte die Zusammenhänge:

„Du warst das!“, rief sie aus. „Du hast die Hohe Her­rin Adalante ermordet. Mögen deine Vorfahren auf ewig in der Gehenna schmoren. Wenn das der Unter­werfer erfährt, wird er dich vierteilen lassen und deine Reste seinen Krokodilen zum Fraß vorwerfen.“

„Oh, mache dir keine Sorgen, du kleine, billige Hure des lamargischen Prinzleins, davon wird niemand je­mals erfahren und die M‘Gaviâ werden hungrig blei­ben. Das ist ein kleines Geheimnis zwischen uns bei­den. Und du wirst es doch nicht ausplaudern – oder?“ Er trat näher. „Nein, ganz sicher nicht!“ Erst jetzt konnte Irta den schrecklichen Gestank riechen, den er wie ei­nen Mantel mit sich führte. Offenbar hatte er sich vor­hin im Kampf eingekotet. Sie war in ihrem Le­ben noch nie einem Menschen begegnet, der ihr so wi­derwärtig war; dabei so feige – und so gefährlich! Ge­gen ihn war ein Ifrit ein Freund!

Radik griff nach ihr und langte dabei nach vorne stol­pernd ins Leere. Sein Messer verfehlte sein Ziel. Irta hatte sich geschickt seines Zugriffs entzogen und schon flüchtend den halben Hof überquert, bevor er sich über­rascht nach ihr umsehen konnte. Ihre besudelten Füße patschten auf den Fliesen und hinterließen eine deut­lich sichtbare Spur. Meine Schwester rannte in ihrer Panik zurück in den Wohntrakt der Dienerinnen. Ein böses Lächeln erschien auf Radiks Gesicht, während er ihr langsam folgte. Er konnte sich Zeit lassen und seine kleine Jagd genießen, denn dieser Weg, den Irta einge­schlagen hatte, war eine Sackgasse, das wusste er. Der Beschnittene dachte ja, es gebe nur einen einzigen Ein­gang in das Serail – und das war eben das eiserne Tor, das er für die Meuchelmörder geöffnet und bei dieser Gelegenheit den ahnungslosen Wächter, der ihn ihm ei­nen Freund sah, hinterrücks ermordet hatte.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (9)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (9. Teil)

„Einen Schritt weiter und ich schieße!“, brüllte er ver­zweifelt. Jeder erstarrte für einen Moment erschro­cken und das gab seinen Männern die Gelegenheit, sich auf den unvermeidlichen Kampf vorzubereiten. Dann rück­ten die Lamarger näher, in ihrer vordersten Front gin­gen Galves und der Regno, der mit seiner gewalti­gen Axt, seiner mit Panzerplatten verstärkten, rotgefärbt­en Lederrüstung und dem kastenförmigen Helm, aus dem sich zwei Büffelhörner erhoben, wie einer der un­überwindlichen Golem-Ungeheuer der Vorzeit wirkte. Galves grinste schief.

„Ich bezweifle, dass du dazu den Mut hast, Jüngel­chen“, rief er. Die roten Flammenaugen von Dagor musterten flackernd die Nähertretenden.

„Vielleicht hast du recht, lamargischer Spion, doch du kannst dir nicht sicher sein“, zischte er. Der Namenlose wirkte weiterhin so kalt und gefühllos wie ein Fisch, doch Galves hatte die Wut, die in ihm kochte, unter­schätzt. Dagor bewegte den Lauf seiner Waffe herum und feuerte. Adalante schloss ergeben die Augen, doch die Kugel hatte nicht ihr gegolten. Sie traf Raul – mit­ten in die Brust. Der „Bär“ fiel und wankte nicht, son­dern stürzte sich sofort mit einem wütenden Aufschrei auf Dagor. Es sah aus, als hätte er nur einen lästigen Mücken­stich und keine lebensgefährliche Wunder erlit­ten. Da­gor gab noch einen zweiten Schuss ab – es war aller­dings nur ein harmloser Treffer am Arm und kratzte kaum die Haut von Raul auf -, und riss noch sei­nen Säbel aus dem Gürtel, dann prallten die Kontra­henten mit klirrenden Waffen aufeinander. Dies war das Signal für die Kämpfer auf beiden Seiten:

Der Streit Mann gegen Mann begann und er wurde so erbarmungslos und ohne Gnade geführt, dass er erst enden würde, wenn eine der beiden Seiten vernichtet war. Die Lamarger waren in der Überzahl und es sah nicht gut für den neuen Namenlosen und seine Gefolgs­leute aus. Seine Bogenschützen sandten zwar ihren mit Gänsefedern geschmückten Tod in die Reihen ihrer Gegner, doch viele der Pfeile prallten harmlos an deren Rüstun­gen und Schilden ab. Nur wenige der Schützen beka­men noch die Gelegenheit, einen zweiten Pfeil auf­zulegen, denn schon war der Regno heran und mähte sie mit gewaltigen Schwüngen seiner Axt nieder, als wäre sie die Sense eines Bauern, der das Gras seiner Wiese schneidet.

Idrichson Galves pfiff ein paar Kämpfer an seine Seite und ori­entierte sich. Er war nicht um die Sicherheit seines Re­gnos besorgt, denn der konnte sehr gut auf sich allein aufpassen und hatte seine kampferprobte Garde an der Seite. Mehr Sorgen machte er sich um Raul, der mit Dagor einen erbitterten Kampf ausfocht und nun doch durch seine Schusswunde sichtbar beein­trächtigt wur­de. Der junge Prinz wurde immer langsamer und seine Bewegungen unsicherer. Wie es seine Art war, wenn er nachdachte, hob Galves eine Au­genbraue. Er entschied sich gegen Raul, denn selbst in diesem Zustand war er seinem Gegner noch überlegen. Die Aufgabe der „Schwalbe von Avríl“ war es, Adalante zu beschützen, denn ihre Not war am größten und nur ihre Autorität konnte die Palastrevolution vielleicht noch aufhalten. Umringt von den unbewaffneten Ne­benfrauen und Dienerinnen, die mit ihren bloßen, ge­bundenen Händen gegen die von Radik angeführte Mordbande kämpften, wehrte sich die Un­glückliche verzweifelt, hatte aber nicht die geringste Chance. Der Kreis um sie schloss sich immer enger. Und Galves hat­te zu lange überlegt, wen er unter­stützen wollte. Er und seine Männer kamen zu spät. Gerade als sie sich die Stufen emporgekämpft hatten, traf die hohe Frau ein hinterhältig geführter Dolch­stich von hinten in den Hals. Es war in dem Tumult nicht zu erkennen, wer ihn geführt hatte, aber nach­dem die Bluttat begangen war, stolperten sofort alle be­troffen zurück. Der letzte gurgelnde Schrei von Adalante, bevor sie niedersank, unterbrach für einen kurzen Moment das Kampf-ge­schehen und alle Augen richteten sich auf die Untat.

Nur Raul und Dagor fochten weiter, denn sie waren so in ihren Zwist verbissen, dass sie alles andere um sich herum vergessen hatten. Dass sich Dagor, der inzwi­schen ebenfalls verletzt war und aus einer Vielzahl kleinerer, aber nicht weiter gefährlicher Wunden blute­te, die ihm der Säbel von Raul zugefügt hatte, noch ge­gen seinen Feind behauptete, lag nur an seiner Flink­heit und Geschicklichkeit, mit der es ihm immer wie­der in letzter Sekunde gelang, unter die ausladen­den Hiebe des „Bären“ zu tauchen oder sich durch einen überraschenden Sprung zur Seite aus des­sen Reichwei­te zu bringen. Raul hatte sich längst den Tur­ban vom Kopf gerissen und benutzte ihn um die Hand gewickelt als einen provisorischen Schild, den er gegen die Wun­de in seiner Brust presste, durch die er trotz des klei­nen Kalibers der Pistolenkugel viel Blut verlor. Sein Gesicht war bläulich angelaufen, er keuch­te und japste wie ein Ertrinkender nach Luft. Der Schweiß lief ihm in breiten Bächen über das Gesicht und biss in sei­nen Augen, was sein Blickfeld ein­schränkte. Er stand in­zwischen unsicher und manche seiner Angriffe gli­chen denen eines Betrunkenen. Den­noch stand außer Zwei­fel, wer den Kampf am Ende ge­winnen würde, denn auch Dagor ermüdeten seine wag­halsigen Sprün­ge, mit denen er sich immer wieder im letzten Moment vor Rauls Klinge rettete.

„Für die Lamargue!“, rief endlich Galves aus und be­endete damit den kurzen Waffenstillstand. Mit seinen Männern mähte er zornig die sich nur halbherzig weh­renden Soldaten nieder, die selbst von dem Mord an Adalante schockiert waren. Das Antlitz zu einer grin­senden Maske verzogen, teilte Galves den Tod großzü­gig nach rechts und links aus, um zu dem käsebleichen Eu­nuchen Radik durchzudringen, der mit dem Rücken an der Wand stand. Der Regno kümmerte sich mit sei­nen Elitesoldaten inzwischen um die letzten verspreng­ten Reste von Dagors Treuwächtern. Der Kampf war ent­schieden und es war nur noch eine Frage von Au­genblicken, bis der letzte Widerstand gebrochen war. Dagors Palastrevolution schien fehlgeschlagen. Doch da änder­te sich plötzlich die Lage vollkommen: Ein gro­ßer Trupp Solda­ten erreichte unter der Führung des abtrünnigen Oberst Paşha Ultem über die Brücke das eiserne Tor und nun waren es die plötzlich die Lamar­ger, die in Bedrängnis gerieten, als diese ihnen überra­schend in den Rücken fielen. Das Schlachtenglück wechselte. Ul­tem allein war schon ein gewaltiger Geg­ner, der es mit zehn Männern gleichzeitig aufnehmen konnte, und sei­ne erfahrenen Wüstenkrieger, die sich in vielen Feldzü­gen gegen die westlichen Barbaren­stämme bewährt hatten, waren den gepanzerten und relativ unbewegli­chen Rittern aus der Lamargue über­legen. Dieser Wild­heit hatten sie wenig entgegenzuset­zen. Der Oberst, der heute neben Vezir Ómer der mäch­tigste General des „Unterwerfers“ ist, hatte in dieser Blutnacht die Gelegenheit ergriffen, trotz seiner niedri­gen Herkunft Karriere zu machen und einige Ränge in der Militärhi­erarchie zu überspringen.

Der Regno sammelte seine Männer hinter sich, wäh­rend er weiterhin mit seiner gewaltigen Axt Halbkreise zog, die keiner der Wüstenkrieger zu betreten wagte. Auch Ultem hielt respektvollen Abstand; er hatte Zeit. Er konnte abwarten, bis der Arm von Yves III. erlahm­te. Raul und Dagor bekamen von alldem nichts mit. Sie kämpften in der Nähe von Irta, die verzweifelt ihre Hände rang, verbissen weiter, schlugen erbittert und ohne Gnade aufeinander ein. Sie waren ein erschre­ckender Anblick. Wie zwei der grausamen heidnischen Gottheiten der Kling’Arta standen sie voller Hass ein­ander gegenüber und keiner wollte vor dem anderen zurückweichen. Es sah inzwischen so aus, als würden sie nicht Wasser, sondern Blut schwitzen. Da stolperte Raul über den Rand des großen Bassins hinter sich und vernachlässigte für einen Augenblick seine Deckung. Dagor juchzte siegessicher auf und sein Stich zielte nach der ungeschützten Flanke seines Gegners, die er nicht verfehlen konnte.

Das war der Moment, auf den Irta gewartet hatte, denn er machte auch Dagor angreifbar. Sie sprang nach vorn, hob die Hand zum Schlag und krallte ihre spitzen Nägel in die Wange des jungen Mannes, riss ihm dabei die goldene Halbmaske vom Gesicht. Dagor kreischte auf und versuchte die Furie von sich zu sto­ßen, stolperte dabei seinerseits über den Beckenrand und fiel hinein. Sein Säbel klatschte weiter hinten ins Wasser. Irta war sofort bei Raul und stützte ihn, denn sie hatte erkannt, wie erschöpft er war und wie knapp er davor war, zusammenzubrechen. Sie schwankte un­ter seinem Gewicht und wäre beinahe mit ihm gemein­sam zu dem prustenden und Wasser schlagenden Da­gor gefallen, der wie jeder echte Wüstensohn nicht schwimmen konnte und für den schon der kaum hüft­hohe Wasserspiegel des Bassins gefährlich werden konnte. Doch da war schon Idrichson Galves heran und gemeinsam mit ihm zog sie ihren schwer verwundeten Ge­liebten hinter den von seiner Axt gezogenen Bann­kreis des Regnos. Die beiden legten Raul in Yves brei­tem Rü­cken vorsichtig auf den Boden. Irta bettete Rauls blei­chen Kopf in ihren Schoß und strich ihm leise singend über den kahlen Schädel. Sorgenvoll unter­suchte Gal­ves die Verletzungen des jungen Prinzen und versorgte mit raschen Handgriffen notdürftig die stark blutende Brustwunde, in der noch immer die Pistolen­kugel steckte. Währenddessen stellte sich die Garde schüt­zend im Kreis auf.

Durch die Ereignisse war es zu einem unausgespro­chenen Waffenstillstand zwischen den Parteien gekom­men. Während die Sonne im Osten über der Toten Wüste aufging und ihre ersten Strahlen, die genau wie dieses La­gerfeuer glühten, schräg in den Hof sandte, kümmerten sich die Kontrahenten um ihre verwunde­ten oder im Kampf gefallenen Kameraden. Paşha Ul­tem half Dagor aus dem Wasser und reichte ihm seine Maske, die der neue Namenlose so eilig und fast schamvoll über sein kindliches, an der Wange bluten­des Gesicht zog, als läge in ihr das Geheimnis seiner Macht verborgen. Es schien zu funktionieren: Allein durch das Anlegen dieses Herrschaftssymbols sah es so aus, als würde er einen halben Fuß wachsen. Im Licht des jungen Morgens sah er sich wie ein Sieger auf dem Schlachtfeld um. Nur wenige der Lamarger, aber fast alle seiner Treuwächter und die meisten der Eunuchen und Dienerinnen von Adalante waren gefallen oder la­gen schwer verwundet in ihren letzten Zügen. Auch Najadhe lag erschlagen in ihrem Blut. Dagor registrier­te dieses Massaker mit rotflammendem Blick. Dann aber fiel sein Blick auf den Leichnam seiner Mutter, deren heimtückische Ermordung er während seines Kampfs mit Raul überhaupt nicht bemerkt hatte. Er musste sich an der Schulter seines unerschütterlichen Verbündeten Ultem festhalten, sonst hätten seine Bei­ne nach­gegeben und er wäre wieder zurück in das Bas­sin ge­fallen.

Dieser eine Tod, den er hatte vermeiden und mit dem er seine Seele nicht hatte belasten wollen, beendete die blutige Palastrevolte und der Junge, der in seiner Un­geduld ein Massaker verursacht hatte, um sich so schnell wie möglich auf den Falkenthron setzen zu kön­nen, der gleichgültig Menschen wie Zinnsoldaten zer­brochen hatte, erkannte, dass er ein anderer, ein besse­rer Herrscher sein wollte. Er blinzelte in den fahlen, ausgewaschenen Sonnenball, der sich über den Dä­chern des Elfenbein-Palastes erhob und den weißen Marmor an den Wänden wie die Lichter im großen All­erbarmerin-Tempel zum Leuchten brachte. Tränen ran­nen unter seiner Halbmaske herab und formten Bäche auf seinen blutverschmierten Wangen.

Dann atmete er langsam ein und richtete sich wieder auf. Er wandte sich an Yves, der inzwischen mit über­kreuzten Unterarmen auf den Griff seiner Axt lehnte und ihn unter seinen buschigen Augenbrauen heraus mit scharf funkelnden, kleinen Augen musterte. Auch wenn ein Fortführen der Schlacht wegen der drücken­den Übermacht von Paşha Ultems Soldatenabteilung selbstmörderisch war, war der Regno gewillt, sie auf der Stelle wieder aufleben zu lassen, wenn der Namen­lose nur eine einzige falsche Bewegung machte. Würde sich heraus­stellen, dass sein Sohn den Verletzungen, die ihm zuge­fügt worden waren, erlag, war es seine einzige Option, in den heranstürmenden Fluten seiner Gegner zu er­trinken und möglichst viele von ihnen mit sich zu neh­men. Sollten die Skalden an den Fürstenhö­fen und Ba­ronien seines Landes ein Heldengedicht davon singen; denn des Infanten beraubt, würde die lange Geschichte des seit der Kokardenrevolution re­gierenden Herrscher­hauses der Lamargue an diesem Tag enden. Der Namen­lose schien diese Möglichkeit aus der versteinerten und finsteren Miene von Yves herauslesen zu können, denn er hob eilig und be­schwichtigend die Hand.

„Die Nacht brachte den Krieg“, begann Dagor mit zö­gernder, leicht zittriger Stimme; doch er wurde sich mit jedem Wort seiner Sache sicherer, „aber der leuchtende Morgen der Allerbarmerin soll uns nun den Frieden bringen. Denn ihr schaudert beim Anblick des Blutes, das vergossen wurde. Der unnötige und gemeine Tod von Adalante, meiner Mutter, hat meine Augen geöff­net. Regno Yves! Lass uns diesen Kampf beenden, der die heiligsten Hallen dieses Palastes entweiht hat. Lautet so nicht ein Sprichwort in deiner Heimat? Der Zorn ist nur eine kurze Raserei, die man aber lange bedauern wird.“Yves antwortete nicht, aber er begann, sich nachdenk­lich mit einer Hand über seinen mächtigen, zu zwei grauen Zöpfen gefloch­tenen Bart zu streichen. Galves stellte sich neben ihn und flüsterte ihm eilig ein paar beruhigende Worte in sein Ohr.

„Die Nacht des Krieges ist nun vorbei und der Morgen hat Karukora seinen neuen Herrscher geschenkt“, fuhr Dagor fort. „Der ‚Unterwerfer‘ ist großzügig. Er ge­währt euch treu­en und tapferen Kriegern freies und si­cheres Geleit aus dem Palast. Yves, kehre zurück in deine kalte, ferne Heimat jenseits des Großen Walls. Lass uns ohne Ra­chegelüste und Zorn auseinanderge­hen und den Rest sollen dann nach der Trauerzeit un­sere Diplomaten er­ledigen. Ich bin zu jeder angemesse­nen Sühnezahlung bereit, um dich für den Tod deiner tapferen Ritter zu entschädi­gen. Vergeben seien euch von meiner Seite eure Intri­gen, meinen Thron mit Hilfe der Falken der Rache zu untergraben. Dieser erste Tag meiner Herrschaft soll kein Tag der Kleinlichkeit sein, sondern ein Tag der Freude für die Stadt und die Wüs­te, über die immer ein Namenloser wacht. So soll die Ära des Unterwerfers beginnen. Respektiert nun bitte meine Trauer um meiner Mutter und zieht euch zu­rück.“

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (8)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (8. Teil)

Irta wusste im ersten Moment nicht, ob sie glücklich über sein Einschreiten sein sollte oder entsetzt über die Brutalität, mit der der „Bär“ über sein Opfer hergefal­len war und es kaltblütig gerichtet hatte. Aber dann warf sie sich ihm schluchzend an die breite Brust. Lan­ge konnte sie nicht so verharren, auch wenn sie sich nichts mehr wünschte und ihren Geliebten eigent­lich nie mehr loslassen wollte, denn es näherten sich aus dem Gebäude eilig weitere Personen mit Waffen und Fackeln in den Händen. Die beiden Liebenden mussten sofort fliehen! Unschlüssig sahen sie sich um; am ge­eignetsten erschien ihnen der Weg über die Brü­cke. Doch gerade, als sie sich herumwandten und auf das große Tor zulaufen wollten, tauchte zwischen des­sen aufgerissenen Flügeln ein weiterer Haufen Bewaffnet­er auf. Sie wurden von niemandem geringeren als von Dagor persönlich angeführt, der an seiner ihm viel zu weiten und blendend weißen, mit goldenen Verzierung­en geschmückten Rüstung gut zu erkennen war, ob­wohl er einen Wüstenhelm mit einem an ihm befestigt­en Schleier auf dem Kopf und vor seinem Gesicht trug. Er war ein entsetzlicher Anblick. Er wirkte wie ein aus Inets Gehenna entsprungener und in den hage­ren und kleinen, beinahe noch jungenhaften Körper von Dagor gefahrener Dybbuk; einen drohenden Säbel in der Hand, die nicht passende Rüstung blutbespritzt und mit feuersprühenden Augen, die wie rote Flammen durch dem Schleier hindurchleuchteten. Der junge Thronfolger bemerkte die engbeieinanderstehenden und hob die Hand. Das Dutzend verräterischer Treu­wächter, das mit ihm durch das eiserne Tor gedrungen war, gehorchte seinem Befehl und blieb sofort stehen, baute sich als seine Leibwache rechts und links von ihm auf. Dagor schob seinen bluttriefenden Säbel in den Gürtel seiner Rüs­tung und kam näher heran. Irta spürte, wie sich Rauls Muskeln wieder spannten. Er schob sich schützend vor seine Geliebte und wich mit ihr langsam zurück.

„Dagor!“, sagte Raul mit eisiger Stimme und warf mit unbewegten Gesichtszügen einen Blick auf die Toten zu seinen Füßen. „Ich sehe, du schaffst Tatsachen.“ Ein hustendes Geräusch war hinter Dagors Gesichtsschlei­er zu hören. Er lachte, denn im Gegensatz zu den ande­ren im Hof hatte er Rauls Anspielung verstanden. Sie bezog sich auf die zähen Verhandlungen zwischen der Delegation der Lamargue und dem Karukorer Diwan, an dem auch Dagor in seiner Rolle als zukünftiger Thronfolger zwar nicht stimmberechtigt, aber umso lautstarker teilgenommen hatte und mehrmals vom peinlich berührten Regenten und vom Vezir ermahnt werden musste, weil er immer wieder aufs Gröbste die Regeln des diplomatischen Austauschs verletzte. Dagor hatte während der Gespräche immer wieder gefordert, man müsse Tatsachen schaffen und keine Verträge – denn Abmachungen werde der Feind ignorieren, Solda­ten und Waffen nicht. Niemand, am wenigsten sein ei­gener Großonkel, hatte ihn ernstgenommen. Doch in dieser Nacht zeigte sich blutig, was Dagor unter „Tat­sachen schaffen“ verstand: Er hatte mit der Unterstüt­zung von Ómer Sud eine Revolte begonnen, die ihn selbst auf den Falkenthron befördern sollte.

Nun nahm der junge Mann seinen Helm ab und reich­te ihn an einen seiner Soldaten weiter, der neben ihm Stellung bezogen hatte. Dabei wurde auch der Grund sichtbar, aus dem seine Augen so unnatürlich funkel­ten. Er trug bereits die goldene Halbmaske der Namen­losen mit ihren feuerroten Rubinaugenlöchern vor sei­nem blasierten und blassen Gesicht und über den zu ei­nem spöttischen Lächeln verzogenen dünnen Lippen. Er wischte sich den Schweiß von der Glatze und wurde ernst. Irta sah den Infanten, der zwei Jahre jünger als sie selbst war, zum ersten Mal aus der Nähe. Bislang hatte sie ihn nur von Ferne erblickt; bei Staatsparaden oder Allerbarmerin-Prozessionen oder bei der alljährli­chen Flusssegnung, bei der er in Vertretung seines Va­ters dem Marat, von der Mitte einer ausschließlich für die­sen Zweck gebauten Pontonbrücke aus, ein paar Trop­fen seines königlichen Blutes opferte. Obwohl sie nun schon zehn Monate im Palast arbeitete und mehre­re Monate im Serail, war sie ihm noch nie begegnet. Er hatte den Sommer im kühlen Palmwedel-Palast an der Mahala-Oa­se verbracht und seit er wieder wegen der Verhandlun­gen mit der Lamargue in Karukora war, hatte er sich meist in seinen Gemächern aufgehalten, in denen er auch unterrichtet wurde. Vom Serail und seiner Mutter Adalante bewahrte er Abstand. Er hatte seinen eigenen Kreis von Günstlingen und Speichelle­ckern, unter de­nen der intrigante Cavuşbaşi Ómer, der oberste Eu­nuch Radik und der ehrgeizige Treuwachtof­fizier Paşha Ultem hervorstachen, die heute, wie ihr alle wisst, die wichtigsten Staatsbeamten des Namen­losen sind. Nun, da Dagor nur wenige Schritte von Irta entfernt stand und Helm und Schleier vom Kopf gezo­gen hatte, war sie erstaunt, wie weich und fahl seine Gesichtszüge unter der goldenen Maske waren. Er wirkte, als habe er sein Leben nur in den Schatten und Kellerräumen des El­fenbein-Palastes verbracht und seine durchscheinende Haut, die einer Odaliske aus Frostje gut gestanden hätte, niemals den hitzigen Strahlen der Wüstensonne ausgesetzt. Er wirkte so un­bedeutend und sah in seiner leichten, weißen Rüstung, die ihm ja viel zu groß war, wie ein halbwüchsiger Fle­gel aus, der sich für einen Streich als Mann verkleidet hatte. Aber in seinen schmalen, zusammengekniffenen Lippen lag ein grau­samer, sadistischer Zug, der eine andere Geschichte er­zählte.

Dagor“, sagte er langgezogen, als wäre ihm der Sinn dieses Wortes entfallen. „Ich kenne diesen Namen nicht mehr. Ich bin Der Unterwerfer. Siehe, ich bin der na­menlose Herrscher über das Reich Karukora, das vom Südwall bis zum Meer und von der Grauen bis zur To­ten Wüste reicht. Ich sitze auf dem Falkenthron und bin der Erquicker meines Volkes, der Günstling und ge­liebte Sohn der Allerbarmerin und der Alptraum mei­ner Feinde!“ Bei jedem Titel, den der selbsternannte Bişra stolz ausrief, musste er eine Pau­se machten, denn die Horde Soldaten, mit denen er den Frauenhof betreten hatte, jubelte ihm zu und pries in rituellen Worten die Göttin. Wer weiß, wie lange er noch so wei­tergemacht hätte – denn der Namenlose hat ja 99 sol­cher hochtrabenden Titel, die ihn zieren -, wenn ihn nicht ein spötti­sches Klatschen in Rauls und Irtas Rü­cken unterbro­chen hätte. Die beiden waren inzwischen rückwärts die flachen Stufen zur Kammer der Gemah­linnen empor­gestiegen und standen nun auf der schmalen Terrasse des großen Gebäudes. Sie drehten sich um und Rauls Mut sank gemeinsam mit Irtas er­schrockenem Seufzen. Der Prinz sah sich nach einer Waffe um und fand in seiner Nähe den Säbel des Bo­genschützen, dem er eben das Genick gebrochen hatte. Er hob ihn auf und hielt ihn schützend vor sich.

Auch der Fluchtweg durch das Haus war jetzt abge­schnitten. Ungefähr zwanzig Bogenschützen und Sol­daten standen in der weit geöffeten Flügeltür. Ange­führt wurden sie von dem Verräter, der den Torwächter Minikuş rücklings ermordet, für sie das Eisentor geöff­net und sie in den verbotenen Serail gelassen hatte: Es war kein anderer als der ruchlose Radik Emre, der Oberste Kastrat. Er stand ein wenig abseits und be­trachtete das junge Paar mit einem grimmigen Lä­cheln.

„Ich habe es ja gewusst“, sagte er, aber niemand nahm von ihm Notiz, denn sein Haufen Marodeure führte in seiner Mitte als Gefangene Adalante, die Mutter des Un­terwerfers, und ein paar weitere Frauen aus dem in­neren Serail mit sich. Wie Irta bemerkte, war auch Na­jadhe unter ihnen. Die Mutter von Dagor stand hoch aufgerichtet zwischen ihnen und sie war es, die trotz ihrer Handfesseln langsam und ironisch Beifall klatschte. Radik trat gedankenschnell neben sie und gab ihr einen groben Stoß in die Seite.

„Knie nieder, Weib, vor deinem Herrscher“, zischte er. Adalante ließ sich den Schmerz nicht anmerken. Sie bewegte sich nicht, sah den Beschnittenen nicht einmal an.

Dagor schnalzte mit der Zunge. „Rühre meine Mutter noch einmal an und du spürst meinen Säbel in deinem fetten Bauch …“, sagte er scharf und fügte nach einem flüchtigen Blick auf die Leiche von Aismek hinzu: „… Seneschall Radik Emre.“

Der Eunuch dienerte eifrig und mit glänzenden Au­gen. „Mögen noch fünfzigtausend Sonnenaufgänge dei­ne Herrschaft bescheinen, mein geliebter Herr …“, rief er aus und hatte offensichtlich im Sinn, für jeden die­ser fünfzigtausend Sonnenaufgänge auf der Stelle eine Verbeugung zu machen.

Adalante, die sich unter dem schmerzenden Schlag von Radik etwas gekrümmt, aber keine Miene verzogen hatte, spitzte spöttisch den Mund. „Heute Nacht wer­den wohl einige Karrieren gemacht“, sagte sie. Dann trat sich furchtlos nach vorne und stellte sich neben Raul und Irta. Ein vernichtender Blick fiel wie ein Ton­nengewicht auf ihren Sohn, der sich tatsächlich ein we­nig unter dieser Last duckte. „So, so, der „Unterwerfer“ … Wiegt dieser Titel nicht ein wenig zu schwer auf dir, Dagor-Neq? Es ist noch nicht lange her, da bist du heu­lend und mit blutiger Nase unter meinen Rock geflüch­tet, weil die anderen Jungen wieder einmal so gemein zu dir waren. Wenn ich mich recht erinnere, war das erst in der letz­ten Woche.“

Nun war es ganz still in dem Hof. „Mutter“, setzte Da­gor an, „ich wollte dich stolz machen. Karukora braucht einen Namenlosen, der machtvoll und nicht geistesschwach ist.“

„Stolz! Meinst du, es erfüllt das Herz einer Mutter mit Stolz, wenn die von dir ausgeschickten Mörder verge­waltigen und plündern und in die heiligen Hallen des Harems eindringen, die außer der engen Familie des Namenlosen kein einziger Mann betreten darf? Was für ein Sakrileg hast du begangen! Du hast diesen Ort des Friedens entweihen lassen und ihn besudelt mit dem Blut unschuldiger Frauen und Kinder. Seit tausend Jahren, seit dem Barbarenüberfall des Sefredo Sud, gab es solch einen Frevel nicht mehr! Und nenne mich nicht mehr Mutter, denn ich kenne dich nicht, der du dich „Unterwerfer“ nennst und doch nur ein Ungeheuer bist. Ich bin Adalante, Gattin des wahren und einzigen Namenlosen, der „Erquickenden Wüstenoase“, den die Allerbarmerin mit all ihrer Macht beschützen möge.“ Adalantes Stimme zitterte nicht, aber eine plötzliche, wilde Angst trat in ihre Augen, als sie ihren schwach­sinnigen Mann erwähnte; eine Furcht, die allerdings nur Irta und Raul sahen, die direkt bei ihr standen und sie bewundernd ansahen. Es war eine Furcht, die be­rechtigt war: Dagor starrte gedankenverloren vor sich hin. Seine Rubinaugen warfen rote Reflexe auf Adalan­tes Sarê, als würden sie das helle Kleidungsstück mit Blut bespritzen. Dann hatte er sich entschieden. Er nickte.

„Wüstenoase. Ich erinnere mich. Das war der Name dieses kranken Idioten, der schon vor Jahren seinen Kopf verloren hat. Ich habe ihn heute Nacht gefunden – seinen Kopf. Er lag im Staub neben dem seines On­kels. So enden Schwächlinge.“ Dagor machte ein herri­sches Zeichen und zwei der abtrünnigen Treuwächter, die sich bisher etwas im Hintergrund gehalten hatten, traten nach vorne. Sie hoben ihre Piken, auf denen sie ihre grausige Last aufgespießt hatten; es waren die ab­getrennten Häupter von „Wüstenoase“ und von Bathu Pasha. Irta schrie auf und barg schluchzend ihr Ge­sicht an der Brust ihres lamargischen Prinzen, damit sie diesen grauenvollen Anblick nicht länger ertragen musste. Adalante, die wohl bis zuletzt gehofft hatte, dass ihr Gatte noch am Leben und in Sicherheit war, stolperte zurück und ihre Stimme brach fast.

„Sadon!“, kreischte sie. „Ich habe den verfluchten Ver­räter Sadon an meine Brust gelegt, ihn gesäugt, gehät­schelt und großgezogen. Sei tausendmal verdammt, du Ungeheuer!“ Sie spuckte vor Dagor aus und gewann dabei ihre königliche Fassung wieder. Die Allerbarme­rin allein weiß, wieviel Kraft sie das kostete. Sie reckte tapfer ihr Kinn nach vorn; nur der Tod konnte diese hohe Frau brechen. Sie wusste, dass ihr eigener Sohn ihn in den Harem getragen hatte, denn niemand aus seiner Familie durfte die Nacht überleben, wenn er sich seiner Herrschaft sicher sein wollte. „Du nimmst dir heute mit grausamer Gewalt, was dir in zwei Jah­ren als Geschenk in den Schoß gelegt worden wäre. Du bist ein Kind, das ein wertvolles Spielzeug lieber zer­bricht, als es kurz auszuleihen. Doch noch ist diese Nacht nicht vorbei.“

Adalante zwinkerte Raul zu und hielt plötzlich eine kleine Pfeife zwischen ihren gebunden Händen, nahm sie an die Lippen und blies kräftig hinein. Auf ihr Si­gnal hin traten aus den anderen Gebäuden, die auf den Hof führten, Bewaffnete und lamargische Krieger. Noch war der Widerstand gegen Dagors Putsch nicht gebrochen.

Während die dem Regenten treuen Soldaten unten auf dem Platz mit den Abtrünnigen einen erbitterten Kampf ausfochten, aber langsam und sicher gegen die Überzahl aufgerieben und immer weiter zurückge­drängt wurden, unter Ómers Führung Meuchelmörder und ein blutrünstiger Mob durch die Straßen zogen und regierungstreue Angehörige des Diwans und Bür­ger im Schlaf überraschten und abschlachteten, gab es im Palast selbst eine Gruppe starker und furchtloser Männer, die auf alles vorbereitet waren, weil sie selbst im Stillen an Umsturzplänen gearbeitet hatten. Es wa­ren die „Falken“ und die lamargische Delegation. Sie schliefen schon seit einigen Nächten mit gezückten Schwertern und griffbereiten Pistolen in ihren schwe­ren Rüstungen, weil die „Schwalbe“ von ihren Spionen gewarnt worden war. Dagor wurde angesichts der plötzlichen Umkehrung der Machtverhältnisse noch bleicher als zuvor, aber er zögerte nicht. Er riss eine kleine Pisto­le aus seinem Gürtel und zielte mit ihr auf seine Mut­ter.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (7)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (7. Teil)

Dann, es waren bereits gut zwei Monate vergangen, stand ei­nes Tages Irta wie ein Wiedergänger aus dem Grab vor unserer Hintertür. Sie war gebro­chen und krank. Wer die fröhliche, unbe­kümmerte Schönheit von früher kannte, hätte sie kaum wiederer­kannt. Es war kein Leiden, das ihren Körper befallen hatte, unter dem sie litt und dahin­siechte, sondern es war ihre Seele selbst, die Schaden genommen und eine unheilbare Wunde erlitten hatte. Sie war nur heimge­kommen, um im Kreis ihrer Familie zu sterben. Wir konnten nichts tun, außer sie zu pflegen und ihr dabei verzweifelt zuzusehen, wie sie mehr und verfiel. Das einzige, was ihren Lebensfunken noch weiterglühen ließ, war das ungeborene Kind Rauls, das sie unter dem Herzen trug.

In der Nacht des Staatsstreichs des „Unterwerfers“ wusste Irta noch nichts von ihrer Schwangerschaft. Sie lebte mit ihrem Raul einen verbotenen, glückseligen Traum. Die Liebe hatte sie zwar nicht so blind ge­macht, dass sie nicht auch die Gefahren sah, aber sie glaubte fest an die Macht ihres zärtlichen Bundes mit dem Prinzen und an eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Was war das für ein süßer, wie Nimmenhonig schme­ckender Wahn und wie schrecklich war das Er­wachen aus ihm!

Irta schreckte mitten in der Nacht aus ihrem Lager hoch. Sie hatte im Schlaf Geräusche im Inneren des Se­rails gehört, eilige Schritte, zornige Stimmen und er­schreckte Rufe – das Geklirr von gegeneinander-schla­genden Waffen. Sie rüttelte Raul wach, der neben ihr tief und fest schlummerte. Er war kurz nach Mitter­nacht auf dem üblichen geheimen Weg durch die Sta­tue des Prächtigen und den verwunsche­nen Garten zu ihr gekommen und hatte in ihren Armen die Zeit ver­gessen. Irta sah hastig zum verschlossenen Fenster: Draußen war zwar noch immer finsterste Nacht, aber Raul hätte längst wieder in seinem Quar­tier sein müs­sen, denn der Tag kommt schnell über der Wüste. Der in den soldatischen Künsten ausgebildete Prinz war so­fort wach und bei sich. Er sprang auf und lugte – nackt wie er war – durch die engmaschigen Arabeskenschnit­zereien der Fensterläden. Er unter­drückte einen Fluch. Sein Fluchtweg war versperrt! Unten zwischen den Blumenrabatten des kleinen Gartens mit der Statue stand ein größe­rer Trupp Treuwächter und sicherte dessen Ausgänge. In ihrer Mitte hatte sich ein ver­schrecktes Häuflein Eunuchen und Dienerinnen ver­sammelt, die eng beieinan­derstanden und sich zitternd in den Armen hielten. Ob sie Gefangene waren oder Schutz gesucht hatten, ließ sich auf die Schnelle nicht feststellen. Ratlos wandte sich Raul an Irta, die ihm sein knöchellanges Wüsten­gewand zuwarf, zu dem sie ihn hatte überreden können und das er seit geraumer Zeit statt seiner nördlichen Lederkluft trug. Unter dem weiten und schwarzen Bendâh-Umhang konnte er sei­ne Muskeln und seine helle Haut verstecken und wenn er nicht so groß gewe­sen wäre, hätte man ihn auf den ersten Blick mit ei­nem der Nomaden der nördlichen Wüsten verwechseln können. Irta selbst selbst schlüpf­te eilig in ihren einfa­chen Sarê.

„Was geht da vor?“, fragte sie und stellte sich an Rauls Seite, küsste ihn flüchtig. Der „Bär“ zuckte zur Ant­wort mit den mächtigen Schultern und band sich sei­nen Turban um den Kopf. Irta nickte ent­schlossen. „Du bleibst am besten hier und verbirgst dich in meiner Kammer. Ich werde nachsehen.“ Bevor der verwirrte Prinz antworten konnte, legte sie ihren Zeigefinger warnend auf seine Lippen und öffnete dann die Tür ei­nen Spalt, durch den sie nach draußen spähte. Fer­ner Kampflärm drang an ihr Ohr, aber in dem Flur vor ih­rer Kammer, der zu dem großen Eingangshof führte, war alles ruhig. Sie trat hinaus.

„Sei vorsichtig!“, rief ihr Raul trotz ihres Gebots, leise zu sein, besorgt hinterher. Irtas winzige Kammer war nicht die einzige, die einen Ausgang auf den Flur hatte, doch die Türen zu den anderen Mäd­chenzimmern wa­ren alle verschlossen. Offenbar war keine unter ihnen so mutig oder auch nur so neugierig wie meine Schwes­ter. Vor­sichtig ging sie zum Vorplatz, von dem an drei Seiten ein paar Stufen hinauf in die Hallen und die Da­menhöfe der Gattinnen führten. An der Stirnseite ver­sperrte an normalen Tagen ein hohes, mit schweren Balken verschlossenes Eisentor den Serail. Hinter ihr führte in luftiger Höhe eine breite, geschwungene Brü­cke zu den Hauptgebäuden des Palastes hinüber. In ei­nem der Flügel des Tors befand sich ein von beiden Sei­ten streng bewachter Durchlass, der – sah man einmal von den zahlreichen geheimen Gängen und Durchläs­sen ab – die einzige Verbindung zwischen den Frauen­gemächern und der Außenwelt darstellte. Irta hatte durch diese unscheinbare Tür in den letzten Wochen fast täg­lich den Harem verlassen und war nach ihren Einkäu­fen und heimlichen Botengängen wieder durch ihn in die verbotene Welt der Frauen zurückgekehrt. Das hohe, eiserne Tor selbst wurde nur ein-, zweimal im Jahr zu besonderen Anlässen geöffnet; doch heute Nacht stand es weit offen und seine Flügel ragten in den Vorhof hinein, in dem munter die Brunnen plät­scherten und das schwarze Wasser der Becken im Lich­te der Fackeln glitzerte.

Irta war unheimlich zumute. Auch hier konnte sie kei­ne Menschenseele entdecken. Sie sah vorsichtig aus dem Tor auf die gepflasterte Brücke. In den Gebäuden jenseits brannten erstaunlich viele Lichter, aber sonst schien ihr alles ruhig zu sein – gespenstisch ruhig. Sie nahm ihren Mut zusammen, trat ein paar Schritte hin­aus und spähte über die nur hüfthohe Brüstung der Brücke in die Tiefe. Von ihrem Aussichtspunkt aus sah sie viele Stockwerke unter sich auf den „Platz der All­barmherzigen Eintracht“, das mächtige Haupttor des Elfenbein-Palastes und den Ersten Hof hinab. Aus den Gebäuden unten schlugen Flammen aus den Fenster­höhlen und ihn de­ren Licht erkannte sie erschrocken, dass auf den Plät­zen erbittert gekämpft wurde. Sie konnte jedoch nicht erkennen, welche Parteien dort un­ten miteinan­der ran­gen, denn alle trugen Treuwachts- oder Heeres­uniformen und waren einfach zu weit von ihr entfernt, um Einzelheiten ausmachen zu können. Von der Brücke sah es so aus, als würden zwei Armeen von blau-schwarz und grün schimmernden Wüsten-Skarabäen auf­einanderprallen. Es fiel Irta schwer, ihren Blick von dem blutigen Geschehen weg und auf die Stadt zu ihren Fü­ßen zu richten. Sie blickte auf Ka­rus, den Teil Karuko­ras, den sie von ihrem Standort aus überblicken konn­te. Hier und dort waren kleinere Brandherde zu sehen und wenn sie die Augen zusam­menkniff, erkann­te sie Bewegung in ein paar der Gas­sen und Barrikaden auf den Straßen. Aber im Großen und Ganzen lag die Stadt friedlich in der tiefen Fins­ternis kurz vor der Dämmerung, dem toten Moment der Nacht, der den Daimonen des Schlaf gehört. Ganz offenbar wurde sie Augenzeuge einer Pa­lastrevolution, an der sich die Bewohner der Stadt nicht beteiligen und sie fragte sich kurz, ob ihr Vater oder Raul darin verwickelt waren. Sie ging auf die an­dere Seite der Brücke und spähte über den Fluss nach Osten.

Weit entfernt, am Horizont über den fernen Dünen der Toten Wüste, flackerten ein paar unruhige Lichter auf, die ein Fremder, der zum ersten Mal in Karukora weilte, für einen verfrühten Sonnenaufgang halten mochte. Doch Irta wusste besser, was dort vor sich ging: Es war der Widerschein der nächtlichen Kämpfe der Golemarmeen auf den Ebenen des Krieges. Obwohl sie über hundert Meilen entfernt waren, konnte man in man­chen Nächten die Lichter der Explosionen und Ge­schützfeuer sehen, manchmal sogar – wenn der Wind kräftig aus Osten blies – die Erschütterungen hören, als würde dort in der Ferne ein Gewitter grummeln. Die kurze Dämmerung und der echte Sonnenaufgang wür­den noch etwas auf sich warten lassen.

Irta hörte in ihrem Rücken ein scharrendes Geräusch und drehte sich erschrocken um, doch es war nur einer der großen Torflügel gewesen, der sich durch eine Böe ein wenig weiter geöffnet hatte und über den Boden ge­schabt war. Trotzdem bekam Irta nun Angst. Sie spürte einfach, dass die Ruhe hier oben in den Damengemä­chern trügerisch und sie nicht allein war. Sie fühlte sich noch unbehaglicher und beobachtet, obwohl sie kein Augenpaar fand, das sie aus der Finsternis an­starrte. Aber irgendjemand musste das Eisentor schließlich geöffnet haben, was jedoch nur von in­nen ging. Fragte sich nur, wen er oder sie hereingelassen hatte und wo diese Eindringlinge sich jetzt aufhielten. Obwohl alles in ihr danach schrie, die Gelegenheit zu nutzen und den El­fenbein-Palast auf der Stelle durch einen stillen Hinterausgang zu verlassen, machte sie doch kehrt und ging zögernd zurück in den Innenhof, wandte sich dort nach links, in Richtung des Wohn­trakts von Adalante, der Hauptfrau des Na­menlosen und Mutter des Thronfolgers Dagor Bişra. Niemand außer ihr hatte in der Zwischenzeit hier oben auf den Kampflärm und die Feuer reagiert. Der Hof lag ausge­storben und so still im Fackellicht wie eben. Das beun­ruhigte Irta noch mehr und deshalb schlich sie auf Ze­henspitzen an dem großen Mittelbassin vorbei. In dem ruhigen Was­ser lag ein Verschnittener, den sie erst jetzt sah. Erschrocken zuckte sie zusammen. Der nack­te Rücken des Mannes, in dem eine tiefe, lange Wunde klaffte, die nur ein brutaler Säbel­hieb in ihn geschnit­ten haben konnte, ragte halb aus dem Wasser, der rest­liche Körper war untergetaucht. Irta ekelte sich zwar, aber sie trat in das bis zu ihren Knien gefüllte Becken und stupste die Leiche an, die sich dadurch herumdreh­te. Sie erkannte den jungen Toten, der nicht viel älter als sie selbst war. Es war einer der Bediensteten der Hauptfrau, der von al­len Minikuş – Vögelchen – gerufen wurde, weil er eine hohe Singstimme hatte und den ganzen Tag die fröhli­chen Lieder pfiff, die er von seiner Heimat, dem Fi­scherdorf Erkos an der Mahala-Oase, in den Palast mitgebracht hatte. Ein plötzlicher Schmerz krampfte Irtas Herz zusammen und Tränen stiegen ihr in die Au­gen. Auf den vom Wasser schon ein wenig auf­gedunsenen Gesichtszügen von Minikuş lag ein ab­schätziger, fast hochmütiger Ausdruck, den er im Le­ben niemals gezeigt hatte. Wie sich jetzt zeigte, war er nicht an der Schnittwunde am Rücken gestorben. Je­mand hatte ihm von einem Ohr zum anderen die Kehle durchschnitten.

Irta wischte sich mit dem Zeigefinger eine ihrer Trä­nen aus einem Augenwinkel und berührte dann die Stirn des Toten. Sie hätte nun eigentlich ein Totengebet an die Allerbarmerin sprechen müssen, um ihn vor den eisigen Qualen in Inets Hölle zu bewahren, aber dafür gab es im Moment keine Zeit. Sie wandte sich schau­dernd ab und hoffte, ein anderer würde später diese Aufgabe für sie übernehmen. Sie verließ so eilig das Becken, als wäre es mit Egeln gefüllt und stieg über den Rand. Im Licht einer nahen Laterne sah sie, dass ihr Sarê nicht nur nass, sondern auch blutfleckig ge­worden war. „Irta! Irta Dabinghi!“ Sie bemerkte eine Gestalt, die aufgeregt auf sie zurannte. „Schnell! Verstecke dich!“ Irta erkannte Aismek, den Seneschall, der während des Laufens Ges­ten machte, als wolle er Irta wie einen läs­tigen Stra­ßenköter vertreiben. Er öffnete den Mund zu einem weiteren Warnruf, aber dann verharrte er plötz­lich mitten in seiner Bewegung, als habe ihn der Blick ei­nes der grausigen Basilisken aus der Tiefe der Erde versteinert. Meine Schwester machte einen Schritt auf Aismek zu und sah verwundert in seine weit aufgeris­senen, angstvollen Augen. Ein schaumiger Schwall Blut spritzte zwischen den Lippen des Seneschalls her­vor, als wäre er ein Wasserspeier. Irta schrie entsetzt auf.

„Aismek!“ Der Seneschall fiel wie eine Puppe, der je­mand von hinten einen Stoß versetzt hat, und klatschte mit dem Gesicht nach vorn auf die weißen Marmorflie­sen des Hofs. Der Schaft eines gefiederten Pfeils zitter­te zwischen seinen Schulterblättern. Im Türrahmen des Gebäudes, aus dem Aismek eben gerannt war, stand ein Soldat und fischte ruhig einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, den er an seiner Seite trug, um ihn auf seinen Bogen zu legen. Für wen dieser Pfeil be­stimmt war, musste Irta nicht raten. Aber ihr Schock über den unerwarteten Tod ihres väterlichen Freundes war so groß, dass sie wie ein in die Enge getriebenes Wild verharrte und zitterte. Der Soldat erkannte, welch ein leichtes Spiel er mit ihr hatte. Er lächelte zy­nisch und hob seine Waffe, spannte sie und zielte auf die Bewegungslose, die ihm vollkommen ausgeliefert war. Da ließ ein zorniger Schrei den Bogenschützen zu­sammenzucken und halb herumfahren. Sein Pfeil, der sich dabei löste, verfehlte Irta knapp und tauchte sir­rend und harmlos hinter ihr in das Becken. Gleichzei­tig warf sich eine schattenhafte, riesige Gestalt auf den Soldaten, riss ihn mit sich zu Boden, stürzte mit ihm die breiten Stufen hinunter, begrub ihn unter sich. Zwei eiserne Hände umklammerten die Kehle des Überwältigten und wirbelten seinen Kopf herum. Der Bogenschütze war nicht mehr in der Lage, sich zu weh­ren; es knackte einmal hässlich, als ihm Raul den Hals brach und die Leiche anschließend achtlos zur Seite stieß. Dann richtete sich der junge Prinz knurrend auf. Seine Au­gen funkelten im Licht der aufgehenden Sonne wie die eines blutdurstigen Raubtiers.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (6)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
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Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (6. Teil)

In den nächsten Wochen begann für Irta eine neue Zeit, in der sie nur wenig zum Schlafen kam. Tatsäch­lich wurde sie bereits am nächsten Morgen zum Sene­schall gerufen, der ihr die neue Aufgabe zuteilte, mit zwei weiteren Dienerinnen jeden Morgen auf den gro­ßen Bazaar zu eilen, um mit ihnen gemeinsam die an­spruchsvollen Einkaufslisten der Haremsdamen abzu­arbeiten, deren Wünsche so vielfältig wie ihre Haut- und Haarfarben waren. Das war eine vertrauensvolle Arbeit, die vor ihr der Hare’Ağaşi Radik Emre erledigt hatte –, was ihr Verhältnis zu dem ehrgeizigen Eunu­chen, der sie weiterhin misstrauisch überwachte, nicht unbe­dingt verbesserte. Irta wusste nicht, ob Aismek in die Verschwörung ver­wickelt war, bestochen wurde oder einfach dem ekelhaften Radik eins auswischen wollte und es war ihr auch egal. Sie freute sich auf je­den Morgen, an dem sie dem goldenen Käfig des Se­rails für ein paar Stunden entkommen konnte und un­ter Menschen kam; teure Kleider, edle Stoffe, Spezerei­en, Düfte und andere Kleinigkeiten einkaufte, ohne auf das Geld ach­ten zu müssen. Obwohl sie diese Güter nicht für sich selbst besorgte, wurde sie von den Händ­lern doch wie eine große Dame behandelt und das ge­noss Irta, denn es gab ihr ein wenig von ihrem frühe­ren Leben zurück. Dass sie es sich erkaufte, indem sie kleine handgeschriebene Botschaften und Briefum­schläge in die Hände bestimmter Kaufleute legte und ihr im Gegenzug wel­che unauffällig in die Taschen ge­schoben wurden – sie also einen Hochverrat an ihrem Herr­scher verübte -, galt ihr nicht viel. Im Gegenteil, sie ge­noss das Abenteuer und die nächtlichen Begeg­nungen zwischen ihr und Raul, deren Liebe zueinander von Tag zu Tag neue Gipfel erklomm.

Schon bald wurde Irta bewusst, dass das Netzwerk, für das sie geheime Nachrichten und Botschaften transportierte, aus mehr Personen bestand als aus Raul, Alis und ihr selbst. Kurz nachdem sie begonnen hatte, für den „Bären“ Informationen aus dem Palast zu schmuggeln, wurde sie von Najadhe, einer der neun­unddreißig Nebenfrauen des Namenlosen, leise ange­sprochen. Sie ließ der hochnäsigen und eitlen Schön­heit, die an normalen Tagen kaum fünf Worte mit ihr wechselte und Irta behandelte, als wäre sie ihr persön­licher Golem, der nur darauf wartete, auf ihren Wink hin zu ihr zu eilen und sie zu bedienen, gerade ein Bad in deren privaten Gemächern ein. Da formte Najadhe plötzlich neben ihr das geheime Zeichen der Falken, das Alis seiner Tochter gezeigt hatte; am Handgelenk gekreuzte und offene Handflächen, deren Daumen sich verschränkten und dadurch den stilisierten Raubvogel andeuteten. Von der arroganten Nebenfrau erfuhr Irta nun zu ihrer Verblüffung, dass das Karukorer Haupt der „Falken der Rache“ niemand geringeres als die Hochgattin des Namenlosen selbst war, die edle Adalante von Apte­ra, die ihm auch den Infanten Dagor geboren hatte. Wie sich bei dieser Gelegenheit heraus­stellte, war auch Aismek Teil der Verschwörung, und dies war der eigentliche Grund, aus dem er Irta aus der Küchengruft in den Serail geholt hatte.

„Ich bin die Verbindung zwischen Adalante, dir und dem hübschen, nordländischen Prinzen, der dich jede Nacht in deiner Kammer aufsucht“, flüsterte ihr Na­jadhe zu. „Schau nicht so erstaunt, Mädchen; deine nächtlichen Tête-à-Têtes sind uns nicht verborgen ge­blieben. Doch habe keine Angst, dein Geheimnis ist in guten Händen. Der Hohen Frau wirst du dich aller­dings weiterhin nicht nähern und keinen Kontakt zu ihr pflegen. Deine Befehle erhältst du von Aismek oder von mir.“ Obwohl die beiden allein in dem Bade­raum standen, sah sich Najadhe eilig um, bevor sie Irta zwei kleingefaltete und engbeschriebene Papiere überreicht­e, die sie aus den Ärmeln ihres Kleides fischte. Meine Schwester ließ sie schnell in ihrem Salbenbeutel ver­schwinden.

„Eine der beiden Nachrichten ist für Alis bestimmt. Du wirst sie morgen Früh an deinen Mittelsmann auf dem Markt weiterreichen, die andere ist an die „Schwalbe“ gerichtet und du wirst diese in der Nacht deinem Raul geben. Hast du verstanden?“ Irta nickte stumm und nahm eine Flasche Badeöl aus ihrem Beu­tel, leerte ihren Inhalt in die mit lauem Wasser gefüllte Wanne, das sich sofort milchig verfärb­te. Auf diese Wei­se war Irta nun auch noch die Spionin von Adalante ge­worden.

Die aufknospende Liebe zwischen ihr und Raul er­blühte in der Folge zu einer herrlichen, strahlend leuchtenden Blume und wurde von Nacht zu Nacht, die sie gemeinsam verbrachten, inniger und vertrauter. Die ständig drohende Gefahr, durch die Treuwacht oder durch Radik entdeckt zu werden, feuerte dabei den Brand ihrer Leidenschaft und ihren Leichtsinn immer weiter an. Sie schworen sich ewige Liebe und Treue und es war zwischen ihnen bald eine ausgemachte Sa­che, dass Irta Raul nach den Verhandlungen an den Hof des Regnos in Jasir folgen und er sie dort unver­züglich zu seiner Gemahlin nehmen würde. Die Hin­dernisse dabei und die düster drohenden Wolken am Horizont sahen sie in ihrer Vernarrtheit ineinander nicht. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Doch sie wa­ren nicht die einzigen, die blind waren. Auch Alis er­kannte die Gefahr nicht. Er starrte zufrieden auf die Figuren auf seinem Schachbrett und nahm die Züge seiner Gegner kaum wahr. So stolz war auf das Fort­schreiten seiner Pläne und das Geschick seiner Tochter, die er weiterhin nur einmal am Ende des Monats traf. Wie sich das Verhältnis zwischen seinen Spionen ent­wickelte und welche intimen Bande sie knüpften, be­merkte er nicht. Ich bin mir sicher, er hätte dem so­fort ein Ende gesetzt, wenn er davon erfahren hätte. Auch ich war damals vollkommen unwissend, denn meine Arbeit für den Vezir Syddhin hielt mich von meiner kleinen Schwester und von Zuhause fern. Mir ist leider nicht bekannt, was genau die „Falken der Rache“ und die La­marguer vorhatten, denn die Nachrichten, die Irta aus dem Elfenbein-Palast schmuggelte, wurden von Alis nach Erhalt und Lesen sofort vernichtet. Ich musste mir das Meiste später aus den oft stockenden und unzusammenhängend­en Erzählungen von Irta zu­sammenreimen. Doch auch meine Schwester war ja nicht in die eigent­lichen Pläne unseres Vaters einge­weiht und kannte den Inhalt des Briefwechsels, den sie besorgte, nicht. Alis selbst schwieg sich aus und hatte sich vollkommen aus dem öffentlichen Leben zurückge­zogen. Er verließ für viele Jahre seine Zimmer nur noch, wenn ihn eine Notwen­digkeit oder Besorgung dazu zwang.

Dafür war ich dann dabei, als das ganze Kartenhaus von Alis zusammenbrach. Der Vezir Sydhinn und seine gesamte Familie und Dienerschaft waren die ersten, die dem Putsch des Infanten Dagor an dessen 16. Ge­burtstag zum Opfer fielen. Dies geschah übrigens durch die Hand seines Nachfolgers Ómer Sud selbst, der mit ein paar Handlan­gern mitten in der Nacht ge­waltsam in die Wohnung des Vezirs eindrang, die Wa­chen erschlug und anschließend alle meuchelte, die er dort schlafend vorfand – vom taub­stummen Großvater von Sydhinns Frau bis hin zu ihren Kindern in den Krippen. Das jüngste, ein Mädchen na­mens Elysa, das ich abgöttisch liebte, hatte eben das Laufen gelernt.«

Sirtis musste erneut eine Pause in ihrer Erzählung machen, damit ihr Publikum die Möglichkeit hatte, das Gehörte zu verdauen. Die Karukorer sahen jeden Tag die Grausamkeiten ihrer Herrscher, die längst sprich­wörtlich geworden waren, aber der Mord an unschuldi­gen Kindern ging dann doch weit über ihre Vorstel­lungskräfte hinaus. Egal, ob Sirtis in diesem Fall log oder die Wahrheit sagte, als sie Ómer dieser furchtba­ren Verbrechen anklagte: Sie musste doppelt wahnsin­nig geworden sein, wenn sie diese Behauptungen in al­ler Öffentlich­keit aussprach. Doch niemand erhob sich und wider­sprach ihr, denn jeder glaubte ihr sofort; egal, ob es Hüsëttin, der Wirt der Alhaşra war, oder die von fernen Orten angereisten Kaufleute und ihre Die­ner, ob es die Küchenmägde und Pferdeburschen, die längst ihre Ar­beiten liegengelassen und ebenfalls am Feuer saßen, ob es die Kameltreiber, Krämer, Reisen­den, Herumlunge­rer, Taschendiebe der Gilde oder Ómers Spione selbst waren –, denn auch von ihnen sa­ßen mehrere im Publi­kum und trauten ihren Ohren nicht. Alle wussten um die Grausamkeit des Vezirs, wenn es darum ging, seine Macht zu erhalten und aus­zuweiten; dass er zu den entsetzlichsten Untaten bereit war, wenn er sich von ihnen persönliche Vorteile erhoff­te. Denn er war ein Sud und diese Sippe, die sich von Turini Sud, dem Eroberer, herleitete, jenem legendären Fürsten des Blutes, der die zwei gro­ßen Königreiche des Alten Reiches und ihre Herrscher Launin und Máe­riqas ver­nichtet hatte, ist erst zufrie­den, wenn sie auf einem Berg errichtet mit den abge­schlagenen Köpfen ihrer Feinde sitzt. So wurde es zu­mindest in den dunk­len Gassen und Hinterhöfen von Kora geraunt. Auch dass Ómer seine gierigen Finger nach der goldene Mas­ke der Namenlosen ausstreckte, war kein Geheimnis. Doch laut wagte niemand, es aus­zusprechen. Wer es dennoch tat, erlebte meist das nächste Morgenrot nicht mehr. Es ging das Gerücht, der Vezir habe zu diesem Zweck die alte Mördergilde der „Kalten Hand“ wieder­belebt.

Und hier saß nun eine gutmütige, dicke, alte Frau am Feuer, bleckte ihre weißen Zähne zu einem süffisanten Lächeln und plauderte unverdrossen Staatsgeheimnis um Staatsgeheimnis aus und erzählte eine ketzerische Geschichte von Intrigen und Meu­chelmord. Das war Hochverrat! Hatte sie denn bereits mit ihrem Leben abgeschlossen oder war sie tatsäch­lich komplett irre geworden? Sirtis wartete ab, bis die Unruhe ihres Pu­blikums ihren Höhepunkt erreichte. Dann klatschte sie einmal entschlossen in die Hände und sorgte auf diese Weise augenblicklich für Ruhe. Alle zuckten zusammen und verstummten.

»Es war ein blutiges Geschäft, das Ómer erledigte, denn sogar seine Handlanger, hartgesottene und grau­same Halsabschneider und Schläger aus dem Hafen­viertel, scheuten davor zurück, Hand an die kleinen Kinder des alten Vezirs zu legen. Wie ich selbst diese Tat als einzige überlebte, die ich doch im Zimmer der Mädchen wie alle anderen schlief und weshalb es aus­gerechnet das verfluchte Fass des Küchenbeys Türbin war, das mir das Leben rettete, ist eine weitere Ge­schichte, die ich in einer weiteren Nacht erzählen wer­de, falls mir die Allerbarmerin noch eine schenken will. Auf je­den Fall wurde mir kein Haar gekrümmt. Gut, ich war verängstigt, durchgefroren, stank tagelang nach saurem Bier und erwachte noch Jahre darauf schweißgebadet und schreiend aus grausamen Traum­bildern, die mich sogar an manchen Tagen verfolgten. In ihnen musste ich immer und immer wieder diese hilflosen und ent­setzlichen Momente wiedererleben, in denen meine unschuldige Elysa hingemetzelt wurde. Aber ich erreichte am Mor­gen danach unverletzt das Haus meines Vaters. Wie es in meinem Inneren aus­sah, will ich euch nicht be­schreiben.

Alis hatte längst von dem Putsch erfahren und von den Gräueltaten, die im Elfenbein-Palast und allen Ecken der Stadt begangen wurden und sich aus Furcht, dass auch seine Rolle in den Ränkespielen der letzten Wochen bekannt geworden war, verbarrika­diert. Ich musste lange gegen die verschlossenen Fens­terläden klopfen und lautstark versichern, dass nur ich es sei – seine verzweifelte Tochter Sirtis -, die Einlass begehrte, bis er mich endlich durch die versteckte Hof­tür einließ.

„Wo ist Irta?“, war meine erste Frage, doch er schüt­telte nur in Tränen aufgelöst den Kopf. Er wusste es ebenso wenig wie ich selbst. Die spärlichen Nachrich­ten, die im Laufe des Tages auf verborgenen Wegen bei uns einliefen, verhießen nichts gutes. Die unteren Stockwerke des Palastes brannten offenbar seit der Nacht und dem Re­genten Bathu Pasha gehorsame Treuwächter kämpften angeblich gegen die von Dagor bestochenen Verräter. Es war eine strenge Ausgangs­sperre ver­kündet worden. Die Soldaten, die aus den Garnisonen vor der Stadt ausge­rückt waren, hatten Karukora ab­geriegelt, vielerorts Straßensperren errich­tet, um Mor­de und Plünderun­gen zu verhindern und die öffentliche Ordnung wieder­herzustellen. Deshalb verbargen sich die meisten wie mein Vater und ich in ihren Häusern. Gerüchte über die Geschehnisse im Pa­last sickerten nur langsam in die Stadt hinab. Was mit den Delegier­ten aus der La­margue oder gar mit meiner Schwester geschehen war, ob das Komplott der „Falken der Ra­che“ aufgedeckt war, vermochte im Durcheinander die­ser Tage nie­mand zu sagen, der sich doch hinausschlich. Alis und mir blieb nur, verzweifelte Ge­bete an die Allerbarmerin zu richten und heiße Trä­nen des Kummers zu vergie­ßen, um sie zu erweichen.

Bereits wenige Tage später war die blutige Palastrev­olution beendet. Dagor setzte sich mit dem Herrscher­namen „Der Unterwerfer“ die goldene Maske der Na­menlosen auf und Ómer Sud übernahm als Vezir Bey die Kontrolle über den Diwan. Der „Unterwerfer“ legiti­mierte seinen Staatsstreich mit der frechen Behaupt­ung, ausgerechnet sein friedfertiger Großonkel habe mit Hilfe ausländischer Mächte und einer Verschwörerg­ruppe einen Anschlag auf sein Leben ge­plant, dem er nur zuvorgekommen sei. So steht es auch in den Geschichtsbüchern und so soll es eben gewesen sein. Die Soldaten kehrten jedenfalls geordnet und mit einem Lied zu Ehren des Namenlosen auf den Lippen zurück in ihre Kasernen. Hier und da wurde noch je­mand verhaftet, gefoltert und eilig hingerichtet oder verschwand ein­fach spurlos. Diesen oberflächlichen Säuberungsaktio­nen fielen fast alle Mitglieder der „Falken der Rache“ zum Opfer; nur mein Vater blieb unbehelligt. Er wurde zwar mehrmals verhört, aber nie angeklagt. Wir konn­ten uns nicht erklären, warum. Es schien fast, als wür­de eine geheimnisvolle Macht ihre Fäden im Hinter­grund ziehen und ihre Hände schüt­zend über uns hal­ten. Achtzehn Jahre ist dies nun bald her und wir wis­sen noch immer nicht, wer uns damals behütete.«

Sirtis zuckte mit den Schultern und sah über das Dach der Karawanserei hinweg hinüber zu den ange­strahlten Türmen des Elfenbein-Palastes auf dem an­deren Fluss­ufer. Während mancher im Publikum ohne viel Begeis­terung die üblichen Lobpreisungen auf den Namenlos­en flüsterte, folgten viele Augen nachdenk­lich ihrem Blick und die Männer und Frauen warteten auf die Fortsetzung der Geschichte der Märchenerzäh­lerin, die sich ganz offensichtlich ihrem Schlusskapitel zu­neigte. Sie alle wussten, dass ein schlimmes Ende auf sie war­tete.

»In dieser schrecklichen Zeit waren wir lange Zeit im Ungewis­sen um das Schicksal von Irta, die in den Wir­ren der Palastrevolution wie vom Erdboden verschluckt worden war. Wir zogen diskrete Erkundigungen bei den wenigen Vertrauten ein, die wir noch besaßen und die Ómer noch nicht hatte hinrichten lassen, aber nie­mand konnte oder wollte uns etwas sagen oder wusste, was in der blutigen Mord­nacht im Serail vorgegangen war. Dann tauchten überall in der Stadt Fahndungs­plakate auf, die eine Daguerrotypie meiner Schwester zeigten und auf denen vom neuen Seneschall Radik Emre persönlich ein hohes Kopfgeld für ihre Ergrei­fung ausgelobt wurde. Irta wurde auf diesen Steckbrie­fen nichts geringeres als die heimtückische Ermordung von Adalante vorgeworfen, der Mutter des Namenlo­sen. Selbstverständlich glaubten wir dieser Anschuldi­gung nicht und machten uns furchtbare Sorgen. In was für eine Intrige war meine Schwester aufgrund der Plä­ne meines Vaters nur geraten? Die Vorwürfe, die Alis sich selbst machte, seine geliebten Töchter wegen sei­nes törichten Rachespiels solchen Gefahren ausge­setzt zu haben, lagen wie eine Zentnerlast auf seinen Schultern und drückten seinen bis dahin aufrechten Rücken krumm. Davon erholte er sich nie mehr voll­kommen. Er alterte in diesen Wochen der Ungewissheit um Jahre.«

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