Aber ein Traum …

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Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

*

Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

NEU – »Die Verliese des elfenbeinernen Palastes« – NEU

DIE VERLIESE DES
ELFENBEINERNEN PALASTES
*
Der Weg, der in den Tag führt – Buch ZWEI
Jetzt überall im Online Buchhandel
als Taschenbuch oder günstiges E-Book erhältlich!

»Herrin der Nacht, du Allessehende und Allerbarmende. Höre mich.
Sechs Männer waren es, die meine Schwester töteten.
Heute Nacht werden sie für die Untat büßen,
die sie vor 20 Jahren begangen haben.
Keiner von ihnen wird seinem Schicksal entkommen!« 

Die Saga um die Suche nach der verlorenen Stadt Pardais geht endlich weiter.

Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen ein paar Diebe die Gunst der Stunde. Sie wollen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora eine Landarte stehlen. Sie soll einen Weg aufzeigen, der durch die »Ebenen des Ewigen Krieges« hinein das sagenhafte Pardais führt.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes in die Tote Wüste flüchten und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

DIE VERLIESE DES
ELFENBEINERNEN PALASTES

Neue Abenteuer in den »Überlebenden Landen«
Buch 2 der Trilogie
»Der Weg, der in den Tag führt«

Und hier noch zwei neue, recht schmeichelhafte Besprechungen des 1. Buches der Trilogie »Karukora«. Von beiden Rezensenten erhielt ich 5 Sterne:

Kürzlich fiel mir Karukora – Der Weg, der in den Tag führt (Teil1) von Nikolaus Klammer in die Hände und dazu möchte ich folgendes anmerken:

Im Mittelpunkt stehen der Geschichtenerzähler Alis und sein Neffe Selin, die durch eine List in den Palast des namenlosen Herrschers gelangen, wo sie sich während eines rauschendes Festes einer alten Schatzkarte bemächtigen wollen. Vezir Omer plant zeitgleich einen Putsch, doch dann kommt alles anders …

Nikolaus Klammer steigt ein mit einem spannenden Prolog, der den Leser neugierig macht. Dann beginnt die 379 Seiten umfassende Geschichte, die zunächst als Märchen aus 1000 und einer Nacht daherkommt. Nicht zuletzt durch die sehr detailreiche Beschreibung eines orientalischen Marktes mit all seinen Menschen, Tieren, Gerüchen und Eindrücken. Ebenso werden Gebräuche, Sprachen, Siegel, Gesetze, Rituale und Namen erläutert bzw. beschrieben, ja sogar erklärt, wie man eine Sehschwäche mit Hilfe eines Quarz-Ringes ausgleichen kann. Solche Informationen, egal ob erfunden oder irgendwo abgeleitet, verleihen Geschichten stets eine gewisse Authentizität. Dazu kommen genre-typische Vergleiche wie z.B. „Worte wie einen Teppich zu knüpfen“ oder „Dein Angebot ist bitter wie der Auswurf einer Niga-Echse“. Und nicht zuletzt sind es Titel, Namen und der Palast mit seinen Märchenerzählern und Bauchtänzerinnen, die den Leser Glauben machen, er befinde sich irgendwo im Orient, vielleicht in der Zeit der Umayyaden, so um 700 nach Christus.

Aber spätestens, als die aus den 1950er Jahren stammenden Zeichentrickfiguren „Road Runner“ und „Coyote“ in einem Kaleidoskop auftauchen, zweifelt man an dem Zeitalter, in dem sich unsere Helden befinden. Und tatsächlich, wie schon der Klappentext verrät, befinden wir uns rund 6000 Jahre in der Zukunft. Offensichtlich haben zu irgendeinem Zeitpunkt die Maschinen über die Menschen gesiegt. Erstere befinden sich noch immer im Krieg, während letztere wieder in einer nicht ganz unbekannten vergangenen Welt leben. Informationen darüber, wie es soweit kam, erhält der Leser durch die Geschichten der Märchenerzähler. Und so wird der Leser im letzten Drittel des Buches vom Orient in ein Fantasy-Abenteuer entführt, in dem Computer, Cybertechnik und Androiden auftauchen.

Nikolaus Klammer präsentiert uns hier eine spannende und in sich runde Geschichte, die Laune macht und gleichzeitig fesselt, sodass es einem schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen, bevor die letzte Seite erreicht ist, wo man überrascht feststellen muss. Es ist noch nicht vorbei!

Sabine Schmitt

Dieses Buch hat mich echt begeistert. Ein unerschöpfliches Meer an phantasivollen Geschichten wird zu einem bunten Märchenteppich wie aus „Tausend und eine Nacht“ gekonnt und sprachlich elegant verknüpft. Ein echter Tipp für alle, die sich gerne in das Reich der Phantasie entführen lassen wollen, um neue Welten, beeindruckende Charaktere und spannende Abenteuer zu entdecken. Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil.

Toni Garber (Autor der Lifelinegames)

 

Das Abenteuer geht weiter!

Also ich, ich würde es lesen …

 

Und hier noch ein Ausschnitt aus der Landkarte zum Buch (bei einem Fantasyroman unverzichtbar!), mit deren Hilfe man sich in ferne Märchenwelten träumen kann:

 

Auch der Beginn der

spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (6)

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. »Berichte mir!« Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete ungeduldig auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein geliebtes Karukora endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Wespenbau. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weitere Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen, um das Raubtier einzufangen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt«, antwortete Der Namenlose. »Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will am Morgen in aller Frühe als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

»Da ist noch etwas.« Ultem hob den Zettel in seiner Hand. »Es sieht so aus, als hätten ein paar Diebe die Gelegenheit ausgenutzt und lange Finger gemacht. Sie sind während der Kämpfe in den Thronsaal eingedrun­gen und haben zu allem Überfluss noch frech eine Nachricht hinterlassen. Ein paar meiner Wüstenkrieger haben den Frevel zufällig entdeckt, als sie die Spur von zwei Lamargern verfolgten, die ihnen leider entkommen sind.« Ul­tem verschwieg, dass es sich bei einem der Flüchtigen um Idrichson Galves handelte. Er machte einen Schritt nach vorn und überreichte dem Namenlosen das Blatt in seiner hand, dann wich er sofort zurück. Er machte es kurz, denn er war kein Freund von vielen Worten und Ausflüchten, wie sie Radik Emre so gerne benutzte:

»Diese Diebe haben den Thron geschändet, mein Herr … indem sie die Augen des Falken herausgebrochen und mit sich genommen haben. Noch ist nicht klar, auf welchem Weg sie in den Thronsaal gelangt und wie sie ihn wieder verlassen haben.«

Der Namenlose fuhr auf. »Was? Die zwei Trigonjuwelen wurde ge­stohlen?«, stotterte er. Den Zettel hielt er achtlos in der Hand. Er war viel zu weitsichtig und mit den Rubinen vor seinen Augen noch zusätzlich behindert, um den kleingeschriebenen Text zu entziffern. Aber diese Schwäche wollte er Ultem nicht eingestehen. »Diese Diebe müssen noch in dieser nacht ergriffen und bestraft werden! Weit können sie doch nicht gekommen sein!«

»Leider sind unsere Sbirren und Wächter durch die Vorkommnisse an den Palast gebunden, doch ich habe veranlasst, alle Tore zu schließen und die Flussketten über den Marat zu heben, damit kein Schiff die Stadt verlassen kann. Niemand kommt im Moment aus Karukora heraus. Allerdings wird es wohl eine mühsame Suche nach den Tätern werden, die sich sicher im Hamdala-Viertel verbergen werden.«

»Steckt da die Diebesgilde dahinter? Das sieht mir ganz nach ihrer Handschrift aus. Wollen sie sich rächen? Vielleicht sollten wir bei ihnen ein paar Köpfe rollen lassen. Das macht die Überlebenden redselig. Wie hieß noch einmal ihr Erzmeister? Abu Da‘Ad?«

»Abu Du‘Bur. Aber ich halte dies für keine gute Idee, mein Herr!«, wagte Ultem zu widersprechen. Ihn traf einer der roten Feuerblicke seines Bişras, aber er hielt ihm stand. Äußerlich vollkommen ruhig, verlagerte er nur sein Gewicht auf das linke Bein und schob gleichzeitig die rechte Schulter etwas nach vorn. Der General, der befürchtete, er müsse sich nun zwischen zwei Loyalitäten entscheiden, nämlich der zur Diebesgilde und seinem Vater Abu Du‘Bur auf der einen und seinem Herrscher auf der anderen Seite, wappnete sich, flink seinen Säbel ziehen zu können. Dabei suchte ein unruhiger Blick nach einem Fluchtweg. Der „Unterwerfer“ wusste nicht, wie nah er daran war, selbst den Kopf zu verlieren.

»Ein paar Meister der Gilde hinzurichten, würde nichts bringen, Herr«, fuhr Ultem gelassen fort, während er seine Rechte wie von Ungefähr auf den Knauf seiner Waffe legte. »Das wäre, als würdest du mit einer flachen Hand aufs Wasser klatschen. Ja, es würde Lärm machen und ein paar Wellen geben, aber der Untergrund bliebe ruhig und unbewegt und die Juwelen bekämen wir nicht zurück. Bedenke, mein Herrscher: Auch wenn dich die „Flinken Finger“ ab und an ärgern und das eine oder andere wertvolle Teil aus deinem Palast entwenden, so treu stehen sie doch seit den Gründungsjahren Karukoras beim Namenlosen und diese Treue ist sogar Teil ihres Diebeseides, den jedes neues Mitglied leisten muss …« Ultem zögerte. Er musste wirklich besser auf seine Worte achten, denn er wusste nicht, ob die ganz und gar nicht unberechtigten Gerüchte über seine geheimen Verbindungen zur Diebesgilde bereits an die Ohren des Namenlosen gedrungen waren. Doch so, wie er den Schleimer Radik Emre kannte, musste er davon ausgehen.

»… so weit ich über die Gildenregeln informiert bin, natürlich. Doch eines ist sicher: Die Diebe haben kein Interesse an einem Umsturz und Chaos in der Stadt. Sie sind treuere Anhänger der Dynastien als der Adel und die Kaufleute. Unruhen und eine Umwälzung der Gesellschaft würden ihre Geschäfte ruinieren. Sie verstehen sich als die Laus im Pelz der Reichen und nicht als der Murlan, der sie frisst. Nein, ich glaube nicht, dass die Diebesgilde mit dieser unerfreulichen Sache zu tun hat, das sieht mir doch eher nach der Tat von Eingeweihten aus, die die Verhältnisse im Palast genau kennen. Wir sollte die Diebe nicht mit übereilten Schuldzuweisungen verärgern, sondern uns vielmehr ihrer Unterstützung versichern, denn sie können es überhaupt nicht leiden, wenn Freischaffende in ihrem Jagdgebiet wildern. Wenn wir – selbstverständlich diskret und heimlich -, den Erzmeister Abu Du‘Bur ins Boot holen, werden sie viel zuverlässiger und sicherer verhindern, dass die Trigonsteine die Stadt verlassen oder ihre neuen, unrechtmäßigen Besitzer sie über einen Hehler zu Gold machen. Die Vorarbeiter der Hafengilde und die Betreiber der Karawansereien und Handelsgesellschaften arbeiten Hand in Hand mit der Gilde.«

Der Namenlose nickte.

»Verschone mich mit deinen Räuberspielen und Machenschaften. Das Knäuel an Intrigen hier in diesem Palast erscheint mir inzwischen so verwirrt und verknotet, dass es nicht mehr lösbar oder auch nur durchschaubar ist. Jeder in meiner Umgebung kocht sein eigenes Süppchen und ist dazu eifrig dabei, dem anderen in den Topf zu spucken oder ihm seine eigene Würze beizumischen. Wenn ich nur daran denke, bekomme schon wieder Kopfschmerzen davon. Hauptsache, es kehrt wieder Ruhe ein und wir bekommen die Steine schnell wieder zurück. Welche Wege du beschreitest, um dieses Ziel zu erreichen, ist mir gleichgültig, aber du stehst mir das Gelingen mit deinem Kopf ein. Im Moment wünschte ich fast, der Sud wäre noch mein Vezir. Der hätte mit solchen Gaunern kurzen Prozess gemacht. Oder steckt gar Ómer selbst hinter dem Raub? Schließlich ist er im Besitz des dritten Trigonsteins, der jeden seiner abnormen Turbane ziert.«

»Ómers Verbindungen in die Unterwelt und seine Spitzel, Halsabschneider und Ohren sind wie eine tausendbeinige Giftspinne, die ihr Netz über ganz Karukora gewoben hat. Aber diese Spinne steht uns nicht mehr zur Verfügung, nachdem wir ihr das verräterische Haupt abgetrennt haben«, sagte Ultem und zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich ist der unersättliche Radik Emre gerade dabei, Ómers Informantennetz zu übernehmen und sich den Turban mit dem Smaragd auf den Kopf zu setzen, dachte er bei sich. Schade, nur dass ich hier beim Namenlosen meine Zeit verschwende, die Gilde und ich könnten die Ohren des Vezirs ebenfalls gut gebrauchen.

Ultem machte eine auffordernde Geste: »Auf jeden Fall haben die Diebe diese Nachricht in deinen Händen hinterlassen und wir wissen deshalb, wer der wahrhschliche Hintermann der Tat ist. Es wird dich überraschen: Es sind Alis Dabinghi und seine Familie.«

»Der Märchenerzähler, der uns heute mit seiner Geschichte von Lakmi-âs-Sekr gelangweilt hat? Aber warum sollte er das tun? Hat ihn Ómer nicht bezahlt?«

»Es steht auf diesem Papier, Herr.«

Der Namenlose reichte erstaunt das Blatt Papier an Ultem zurück.

»Lies es mir vor« forderte er. Ultem kniff die Augen zusammen und hielt das Blatt von sich, damit er den mit einer sauberen, aber zittrigen Handschrift geschriebenen Text lesen konnte, denn auch er litt unter einer Augenschwäche. Wie die meisten Karukorer war er daran gewöhnt, laut zu lesen. Zuerst murmelnd und dann immer wütender erklang seine Stimme:

»Die Bingh leben. Die Bingh beschützen ihr Karukora. Sie werden sich den Falkenthron, der ihr rechtmäßiges Erbe ist, von den Ursurpatoren des Bişra-Abschaums zurückholen! Die heutige Nacht war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Wir haben die Steine des Trigons an uns genommen. Sehr bald werden auch die goldene Maske und Karukora selbst den echten Nachkommen des ersten Namenlosen gehören. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern des Elfenbeinpalastes. Die Dynastie der Bişra wird bald enden. Sie sind endlich vorbei, die Jahre der Tyrannenherrschaft, die der Bişra, der elende Vater- und Muttermörder, ausübte. Komm und stelle dich deinem Schicksal, du „Unterwerfer“! Ich bin Selin Dabinghi, der einzige und wahre Erbe über das Reich der Namenlosen. Ich bin zum Herrschen geboren und du lausiger Abfall hast mir meinen Thron gestohlen. Ich erwarte dich jenseits der Felder des Ewigen Krieges vor den Toren von Pardais. Ich werde das Urteil, das die Allerbarmerin über dich gesprochen hat, vollstrecken. Oder bist du gar zu feige, mit deiner lächerlichen Armee und deinen speichelleckerischen Generälen gegen einen Einzelnen zu kämpfen, kleiner Dagor?« Ultem zerknitterte den Zettel zu einer kleinen Kugel und warf ihn durch den Raum.

»Kennt noch jemand außer dir den Inhalt?«, fragte der Namenlose scheinbar gelassen.

»Leider scheinen während der Revolte überall in der Stadt gedruckte Kopien davon verteilt worden zu sein.«

»Jeder, der solch einen Zettel besitzt oder weitergibt, soll den M‘Gaviâ zum Fraß vorgeworfen werden!«, brüllte der Namenlose plötzlich, sprang auf und wütete und schimpfte. Ultem machte sich noch ein wenig kleiner, wartete geduldig das Ende des Tobsuchtsanfalls seines Herrn ab, das tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten ließ. Der Bişra presste seine Hand gegen die Stirn.

»Ah, diese Schmerzen …«, sagte er und lehnte sich mit dem Gesäß kraftlos gegen die Brüstung des Fensters, das über ein paar niedrige Dächer des Palastes einen Ausblick auf die Marathäfen und den Leuchtturm zeigte. Dort draußen, kurz vor Sonnenaufgang, herrschte eine gespenstische Stille.

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Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda betroffen und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach, wenn es denn tatsächlich wahr wäre!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Die beiden hatten sich gemeinsam mit Hilfe seiner nun draußen vor den Türen patrouillierenden Leibwache vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in die Sicherheit von Eóras abgelegenen Gemächern im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben den Namenlosen auf das Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige, wahrscheinlich Wolken darstellende Gipsornamente die vorherrschenden Stilelemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „wolkigen Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten und alle Besucher mit Geschmack innerlich erseufzen ließ. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen und der Wände rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras für kleinste Vergehen zum Tode verurteilt und auf der Stelle hingerichtet wor­den waren. Wie dem auch immer war, in den „wolkigen Abendsonnenge­mächern“ war es auch an Hochsommertagen angenehm kühl und dämmrig, dafür sorgte auch ein raffiniertes Belüftungssystem. Die vie­len Stoffbahnen und Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den seit seiner Ankunft eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten. Ab und an huschte auf Zehenspitzen flink eine der Dienerinnen Eóras durch die Schatten, die die Raumteiler warfen und jedes Mal, wenn der Namenlose eine Bewegung im Dunkel wahrnahm, zuckte er erschrocken und mit von Schmerz verzogenem Gesicht zusammen.

»Glaubst du, es war die Druşba, die hinter dem Anschlag steckt? Ich hielt diese Assassinengilde immer für eine Legende. Ist sie eigentlich hinter mir her und war der Tod des „Bären“ vielleicht nur ein Irrtum, eine Verwechslung? Wollen diese Meuchelmörder uns etwa alle vergiften? Und steckte wirklich Ómer dahinter? Hat er die Druşba beauftragt? Ist auch die Botschafterin der 5 Städte bedroht? Ach, was soll nur werden?«, sprudelten Fragen aus seinem Mund, die ihm Eóra nicht beantworten konnte. Obwohl der „Unterwerfer“ nun seit fast zwanzig Jahren die Geschicke der Wüstenperle lenkte, war er doch ohne die Empfehlungen seiner engsten Ratgeber hilflos und wusste nicht weiter. Seine Stütze Ómer, der ihm im Laufe der Jahre Stück für Stück fast alle Entscheidungen und Staatsgeschäfte abgenommen hatte, schmorte irgendwo tief unter ihm in seinen eigenen Verliesen in den Eingeweiden des Palastes. Radik hatte sich bestimmt zitternd und voller Angst in irgendeinem Loch verkrochen und Pasha Ultem, der oberste General des Namenlosen, focht wohl noch in der Schlacht gegen die Lamarger. Blieb ihm nur noch Eóra über, an der er sich verzweifelt festklammerte und die alles in ihrer Macht stehende unternahm, ihren schwachen und kopfschmerzgeplagten Gatten zu stützen.

Seit Eóra schwanger war und – so hatten es zumindest die Priesterinnen der Allerbarmerin prophezeit – den Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten und öffentlichen Auftritte der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur noch bei unvermeidbaren Terminen an ihrer Seite gezeigt und war sogar für einige Wochen ohne sie in die Sommerresidenz der Namenlosen verzogen. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Auch wenn sie nicht sehr tief ging, brachte er ihr in Wirklichkeit auch weiterhin alle Liebe entgegen, die dieser kalte und selbstsüchtige Mann aufbringen konnte. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ würde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Ruhig, Dagor«, flüsterte sie. Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. »In dieser Nacht müssen wir keine Entscheidungen mehr treffen. Wir sind am Leben und haben uns, das muss genügen. Die Last der Regierung wird zurückkehren und die Zeit wird kommen, wieder Entscheidungen zu treffen, die Toten zu betrauern und die Mörder zu bestrafen. Vielleicht«, sie erschauderte, »werden wir bald in einen Krieg gegen die Lamargue ziehen müssen, den uns jemand aus Motiven, die wir noch nicht kennen, aufzwingen will. Doch du bist der geliebte Sohn der Allerbarmenden Mutter und der Einzige unter der Sonne. Du wirst weise, entschlossen und siegreich sein. Dein Weg mag gerade in ein dunkles Tal führen, doch er wird dich anschließend auf einen strahlenden Gipfel leiten. Doch jetzt wollen wir diesen Weg noch nicht beschreiten. Lass uns erst noch ruhen und dankbar sein, dass wir einander haben. Es ist dieser Moment, der zählt – nicht die vergangenen und besonders nicht die zukünftigen. „Die Vergangenheit ist die Lüge, der wir kopfschüttelnd lauschen. Das Morgen liegt in undurchdringlichem Nebel verborgen. Nur das Jetzt ist wahr und liegt klar vor unseren Augen“, zitierte sie den Blinden Cazalb von Saint Cobillôtte, in dessen Sprücheschatz sich immer etwas Passendes finden ließ, woran der Weise wahrscheinlich selbst nicht geglaubt hatte. Doch es war vollkommen egal, was Eóra sagte. Sie hätte auch ein Rezept für scharfe Mirak-Selleriesuppe aufsagen können. Es war nicht der Inhalt ihrer Worte, sondern der beruhigende Klang ihrer Stimme, der in diesem Moment zählte. Denn der Namenlose, ihr geliebter Gatte, war in einen unruhigen Halbschlaf gefallen. Als die Schwangere es bemerkte, summte sie leise einen altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wund geschlagen hatten und pustete dabei warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann, wegen eines leisen Geräusches aufschauend, eilig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er war von dem Speisesaal zurückgekehrt, in den sie ihn geschickt hatte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Noch waren die Tränen auf seinen Wangen nicht getrocknet, aber das konnte Eóra nicht sehen. Der Stumme verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er glaubte, für den Namenlosen unsichtbar zu sein. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich doch zu ihr zurückgekehrt. Der Verrat an ihrem Vater hatte sich für sie gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Sie war es gewesen, die Putschpläne ihres Vater an Ultem weitergegeben hatte, nachdem ihr Muhar von ihnen berichtet hatte. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön und dekorativ, aber stumm und gehorsam. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten der endlosen Reihe der Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer endlich eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor genauso wie e sie und sie schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Schachfigur in Alis‘ kompliziertem Rachefeldzug war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf, schreckte aus seinem kurzen Schlummer, der seine Migräne etwas besänftigt hatte. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Sein Blick fiel aber auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun wieder sein aufgeschwemmtes und weiches Gesicht verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau aufwartete, ließ er sich dies nicht anmerken. »Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich augenblicklich tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss befehlen und erfahren, was im Palast vor sich geht. Karukora bracht in dieser schweren Stunde seinen „Unterwerfer“.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zurück zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich erleichtert aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, das geheime Erkennungszeichen der Diebesgilde zu machen und Ring- und Zeigefinger seiner erhobenen rechten Hand zu überkreuzen. Dann machte er eine weitere Verbeugung, drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“, der im Geheimen auch einer der drei Großmeister der „Flinken Finger“ war und mit dem Muhar über ihre Mithilfe bei dem von ihm und Alis geplanten Raubzug verhandelt hatte, blies nachdenklich seine Wangen auf und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Dann lies er die Luft mit einem leisen Piff aus seinem Mund entweichen. Es waren die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, die ihn im Antichambre hatten zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General ihm berichten musste. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus dem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

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