Aber ein Traum …

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Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

*

Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

*

Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

Sonntag, 24.05.20 – Der ewige Turm

Sonntag, 24.05.20

Wann werdet ihr es begreifen, Freunde?
Ich schreibe auch, wenn mein Computer aus ist
und ich weder Notizbuch noch Bleistift in der Hand halte.

Nikolaus M. Klammer

Ein Verlagslektor würde beim Lesen des Anfangs dieses Textes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, ihn bedenklich schütteln und in ihm den Gedanken wälzen, ob er überhaupt noch zu retten sei  – beide, der Text und der Schriftsteller(1). Aber spätestens seit dem „Mann ohne Eigenschaften“ ist es guter Ton unter uns Autoren, mit dem Wetterbericht zu beginnen. Deshalb ignoriere ich das. Also:

Gestern war so ziemlich der scheußlichste Regentag seit langer Zeit. Ein zorniges Tief aus dem Nordwesten brandete mit enormer Wucht gegen die Alpen und entließ bei seinem Vorüberziehen in deren herrlichen Vorland (in dem ich das Glück habe, leben sein zu dürfen), enorme Wassermassen. Es hinterließ Kälte und bei mir eine bemerkenswert deprimierte Stimmung. Sie hat sich trotz des sonntäglichen Sonnenscheins, in dem wieder muntere weiße Wolkenschafe ungestört von hässlichen Kondenzstreifen (2) über den bayerisch-blauen Himmel treiben, nicht verbessert. Das mag auch daran liegen, dass ich müde und unkonzentriert bin. Ich habe die halbe Nacht in meinem Schlafzimmer (Frau Klammerle hat Nachtwache) hinter einer kleinen, äußerst munteren Feldmaus hergejagt, die Amy, meine Katze fröhlich maunzend angeschleppt und dann sehr schnell aus den Augen verloren hat. Eine Weile begleitete sie noch aufmunternd meine Bemühungen, das Tier einzufangen, aber dann wurde es ihr schnell langweilig und sie suchte sich andere Vergnügungen. Jedenfalls schläft sie jetzt friedlich auf meinem Sofa (Frau Klammerle auch, allerdings im ehemaligen Zimmer von Sohn Nr. 2 unterm Dach). Die Maus ist noch immer nicht gefangen – wahrscheinlich versteckt sie sich hinter dem Kleiderschrank. Ich habe zwei Fallen aufgestellt (3) und nun warte ich. Meine Laune hat sich dadurch nicht eben gebessert.

Doch worum geht es eigentlich? Es ist das alte Lied und es ist von Rilke. Mein Vater, der vor gut einem Monat verstarb, wollte es übrigens auf seiner Todesanzeige stehen haben und ich habe ihm den Wunsch erfüllt:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Da er nicht religiös war, mochte mein Vater nur die erste Strophe dieses Gedichts abgedruckt haben, doch es geht noch weiter:

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Dieser Turm, um den ich kreise – ungefähr einmal im Jahr -, das ist die Literatur (mein persönlicher Gott, wenn man so will). Er ist nicht nur uralt, sondern auch hoch und mächtig und erweist sich als vollkommen interesselos und unbeeindruckt von meinen Bemühungen, in seiner Umgebung emporzusteigen, um seine Spitze zu erreichen. Immer wieder aufs Neue komme ich an einen Punkt, an dem mich Abwinde ins Trudeln und fast zum Abstürzen bringen. Dann sacke ich ab und muss nach einer Thermik suchen, die mich langsam höher bringt. Im Moment befinde ich mich mal wieder bei solch einem Niedergang. Es hat sich viel angestaut in den letzten Monaten und es liegt als Gewicht auf meinen Schultern, das mir das Gleiten um den Turm noch schwerer macht: Die bedrückende äußere Situation, in der wir alle sind, die soziale Verarmung und Vereinsamung, die Trauer, die Brot-Arbeit. Mit meiner Gesundheit geht es bergab, ich nehme zu und bin launisch wie ein alter Straßenkater. Die Erfolglosigkeit und auch Sinnlosigkeit meiner literarischen Bemühungen (gerade habe ich ein neues Buch veröffentlicht, das niemanden zu interessieren scheint) gibt mir gerade den Rest.

Und da ist auch noch diese Maus! Ich bräuchte dringend Abstand und Urlaub, doch der ist ja gecancelt. Statt über Pfingsten wie ursprünglich geplant ins Burgund zu fahren und die Abtei Cluny zu besichtigen, gibt es – falls Herr Söder es uns gestattet – Tagesausflüge ins Ammergau und ins Kloster Ettal. (4) Deprimierend, nicht wahr? Ich weiß, vielen geht es ähnlich oder sie sind noch schlechter dran. Aber einmal im Jahr, wenn ich meine Runde um den uralten Turm gedreht habe, dann darf ich auch jammern. Schließlich gehört das Selbstmitleid schon immer zu meinen stärksten Gefühlen.

Aber genug jetzt. Leben ist mehr. Hier noch ein Bild von einer Hummel, die sich auf einer Schnittlauchblüte in Frau Klammerles Kräutergarten niedergelassen hat und dort „Pollenklößchen“ formt.(5) Das ist der Zopf, mit dem ich mich selbst aus dem Sumpf meines Selbstmitleids ziehen kann. So flauschig …

 


(1) Zum Glück wird nie ein Verlagslektor (oder meinetwegen auch eine Verlagslektorin) einen meiner Texte in die Finger bekommen. Dieser Beruf ist eh wie „Torfstecher“ oder „Stenotypistin“ nahezu ausgestorben.

(2) So entsetzlich diese Pandemie ist, die gefühlt nun schon zwei Jahrhunderte währt: „Corona“ nimmt viel, aber sie gibt auch zurück.

(3) Selbstverständlich sind das Lebendfallen. Ich bin Tierfreund und Vegetarier. Der beste Köder ist übrigens Marzipan, wie ich festgestellt habe. Freilich ist keines im Haus, deshalb habe ich Popcorn und Schokolade in die Fallen. Keine Ahnung, ob Feldmäuse das mögen. Kommt Zeit, kommt Maus. Im Winter haben wir 3 Wochen gebraucht, bis wir eine gefangen hatten, die sich unter dem Kühlschrank versteckt hielt und sich an unseren Lebensmittelvorräten bediente. Meine Schwiegertochter in spe hat sie „Piepsi“ getauft.

(4) Geheimtipp: In der dortigen Schaukäserei kann man den besten Käsekuchen der Welt essen. Ungelogen!

(5) Ja, ich wurde auch durch die „Biene Maja“-Zeichentrickfilme sozialisiert. Willi war immer mein Lieblingscharakter.

Sonntag, 03.05.20 – Ein zögernder Neuanfang

Sonntag, 03.05.20

Ich wollte, ich wäre irgendeine Beethovensche Sinfonie
oder irgend etwas, das fertig geschrieben ist.
Das Geschrieben-Werden tut weh.
Balzac

Heute wird mein Blog „Aber ein Traum“ 7 Jahre alt. (1)

Happy Birthday!

Deshalb wird es für mich höchste Zeit, ihn wiederzueröffnen und in ihm fortzuschreiben, mit ihm gemeinsam in meiner momentan etwas stagnierenden Entwicklung als Autor fortzuschreiten. Diese neun Wochen Schweigen nicht nur von meiner Seite waren die längste Auszeit, die ich mir je von meinem Blog-Tagebuch genommen habe. Selbstverständlich wollte ich meinen ganz persönlichen lockdown(2) schon früher beenden; der Gedanke an den Blog war wie eine lästiger Mückenstich,  der von Tag zu Tag stärker juckte. Aber zugleich wurde es für mich auch schwieriger, diesen Schritt auch tatsächlich zu tun und mein Verstummen zu beenden – mich endlich zu kratzen. Ich gewöhnte mich schnell an die Stille und hatte auch das Gefühl, dass meine Stimme von niemandem wirklich vermisst wurde. Also schob ich den Tag, an dem ich hier wieder schreiben würde, immer weiter vor mir her – oft aus guten Gründen, aber immer mit durchaus schlechtem Gewissen. Mit einigen Menschen geht es mir übrigens ganz ähnlich. Je länger die schweigende Phase zwischen mir und einem alten Freund dauert, um so weniger gelingt mir, über meinen Schatten zu springen und wieder Kontakt aufzunehmen.

Mein letzter Eintrag hier stammt vom 25. Februar. Es ist in der Zwischenzeit einiges geschehen, das mir die gut zwei Monate Schweigen in meiner Erinnerung viel länger erscheinen lässt. Ich wurde noch im Februar krank (kein Covid-19, vermute ich, sondern eine ganz stinknormale, aber sehr hartnäckige und mich niederschmetternde Influenza). Gleich nach meiner Genesung wurde ich wie viele andere von meinem Brot-Arbeitgeber in die Heimarbeit an meinen PC verbannt. In diesem Heimat-Exil befinde ich mich im Großen und Ganzen noch immer. Während Frau Klammerles Leben und Alltag als „systemrelevante“ (ein neuer Euphemismus für „mies bezahlt“ und „gefährlich“) Krankenschwester im Intensivbereich zwar arbeitsreicher, aber nicht unbedingt anders wurden, hat sich sich mein Zeitempfinden dadurch auf merkwürdige Weise verändert. Im Ewiggleichen der auferzwungenen Quarantäne, in der soziale Kontakte, sieht man mal von denen zu meiner Frau ab, nur noch über Videokonferenzen stattfinden, ich manchmal den Wochentag vergesse und das Fortschreiten in der Zeit nur an dem Wachstum der Pflanzen in meinem Gärtchen und der Zahlen auf der Waage messbar ist, entwickelte sich eine neue Art Alltag, die bitter-süß ist, die viel nimmt, aber auch gibt.Vielleicht muss man sich das Paradies ähnlich vorstellen.

Ich kümmere mich viel um Frau Klammerle (4), lese dicke Bücher und schreibe viel regelmäßiger als vorher an meinen Texten. Urlaube wurden storniert, doch der kleine Garten hinter dem Haus war in dem herrlichen Wetter des Aprils beinahe ein Ersatz für die Feriendomizile in Frankreich und in der Toskana. Wir wandern und radeln statt im Gebirge in den heimatlichen Westlichen Wäldern herum und entdecken durch aus Schönes, Sehenswertes, das uns bisher verborgen blieb.  Und ich habe den Roman „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“, von dem es hier im Blog einige Leseproben gibt, fertiggestellt. Ich bin gerade mit Hilfe meiner fleißigen Testleser auf Fehlersuche und bei den letzten Korrekturabeiten. Dieser 2. Band meiner dystopischen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie ist mir meiner bescheidenen Meinung nach gut gelungen. Falls noch jemand hier Lust hat, das Buch (und selbstverständlich auch den 1. Band „Karukora“) als E-Book zum Testlesen oder gar zum Rezensieren gratis zu bekommen, sollte er/sie sich bitte bald bei mir melden, da ich das Buch spätestens Ende Mai in den Handel bringen möchte.

Lieber von mir mal wieder etwas voreilig herbeiphantasierter Leser, der du – wie ich hoffe -, erneut zu mir in mein Heim gefunden hast und mir zuhörst: Du siehst also, dass mir vieles wichtiger als der Blog war.  Mit ihm konnte ich nichts zum momentanen Weltgeschehen beitragen, was nicht schon hunderttausend Stimmen vor mir formuliert haben und du wirst sicherlich auch anderes zu tun gehabt haben. Auch deshalb habe ich bis heute geschwiegen, denn manchmal – auch wenn ich es nicht wahrhaben will – muss die Literatur hinter der Realität zurückstehen. Doch das soll sich nun wieder ändern.

Eine Sache bleibt mir noch übrig, die ich berichten muss. Wie ich befürchte, wird sie noch eine ganze Weile meine Gedanken und mein Leben beherrschen. Es ist das grausame Schicksal meines Vaters.

Das ist eine Fotografie von ihm irgendwann am Anfang der Sechziger Jahre. Mein alter Herr, der den 2. Weltkrieg und fünf Jahre russische Gefangenschaft überlebte und als begeisterter Bergsteiger die höchsten Gipfel der Welt erklommen hat, wurde am 13. April 93 Jahre alt. Aber eine Feier durfte nicht mehr stattfinden. Er hatte zwar ein paar Herzbeschwerden und konnte inzwischen nicht mehr gut laufen, aber er war bis vor kurzem noch recht rüstig und bei klarem Verstand gewesen. Er wohnte allein in seiner riesigen, mit Erinnerungsstücken vollgestopften Wohnung, aber ein unglücklicher Treppensturz Ende Februar zwang ihn knapp vor der Corona-Isolierung zurerst ins Krankenhaus, wo ich ihn wegen meiner Erkältung nicht besuchen konnte und dann in ein Heim, in dem übrigens auch seit über zehn Jahren meine vollkommen demente Mutter gepflegt wird, die niemanden mehr erkennt und inzwischen gefüttert werden muss. Von diesem Moment an hatten meine Geschwister und ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu unserem Vater. Es herrscht ja in Bayern ein strenges Besuchsverbot. Da er fast vollständig taub war, konnte auch nicht mehr mit ihm telefonieren. Wir haben ihm noch Briefe geschrieben, aber ich weiß nicht, ob er sie gelesen hat. Denn sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag, auch sein Geist verwirrte sich. Kurz nach seinem einsamen Geburtstag wurde er erneut ins Krankenhaus eingeliefert und starb nach einer meiner Meinung nach vollkommen sinnlosen Knie-OP am 20. April – alleine und ohne seine Familie wiederzusehen. Die Urnen-Beerdigung muss wegen der Quarantänebestimmungen in kleinstem Familienkreis und ohne die üblichen tröstenden Rituale stattfinden.

 


(1) Dies war der erste Eintrag: „But a dream“

(2) Man lernt in diesen – um einen alten klingonischen Fluch zu zitieren – „interessanten“ Zeiten viele neue Wörter (und Verhaltensweisen).

(3) Ich habe inzwischen 5 verschiedene Konferenzprogramme auf meinem Rechner, weil jeder meiner Kontakte ein anderes präferiert. Ab und an spiele ich mit einem Freund über die Webcams Schach. Wir trinken dabei Bier und tun so, als würden wir wie früher im Abraxas sitzen. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut.

(4) Wir hatten gerade unseren 33. Hochzeitstag und es soll ja nicht der letzte bleiben. Siehe auch hier: 29 Jahre

Ein paar Gedanken zur der Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

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Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor fünfunddreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute viel aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: Was man aus dem Brunnen ißt lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt und von dem ich erst kürzlich ein paar Ausschnitte bloggte. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (nach dem Motto: Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als eine Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: laute und, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt, die immer wieder, wie zuletzt in Hanau, in Mord und Terror mündet. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den social media. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von diesen geistigen und realen Brandstiftern aus der rechtsradikalen Ecke wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sich ihre ekelhaften Demagogen erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen, denn es ist Literatur. Die liest niemand. Die Nazis können lauter schreien als ich, ihre WORTe sind einfache und im Zweifelsfalle werden sie mich eben totschlagen. Darin sind sie ja besonders gut.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest mich hier und deshalb kann ich hier auf diesem Blog schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird man vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meiner Roman Aber ein Traum und Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie deren WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd und hilflos von Neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, Instagram-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

Der frühe Morgen und ich – Die Geschichte einer innigen Feindschaft

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens gegen 05:45 Uhr aufzustehen.

„Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschriftsteller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn diese Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und gestehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Angesicht zu Angesicht – denn sonst liest ja diesen Text eh niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so ertragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken (und so riskant). Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Internet-Aktivisten) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibe und froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarforderungen herschenken dürfe. Für Literatur Geld zu verlangen, erachten viele als niederträchtig und einen unfreundlichen Akt.

„Was?,“ werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von meinem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert mir wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein, zweimal in der Woche gegen 05:45 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“ Halt, sage ich, ihr habt ja recht! Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den altersschwachen, rheumageplagten Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr braven Bauern, Arbeiter und Angestelle, Beamte und Köche, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlverdiente (und kostenfreie) Entspannung bei meinen Texten sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch wochenends klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen – ihr habt meinen Respekt. Ich klage mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung geprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Erbarmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Mantel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne hoch oben am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieblingskneipen, nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgendämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grauen Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 604.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen gefühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolkenfinger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikalische Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich einer: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend – wenn nicht gar in der Nacht – zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen.

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:30 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstanden werden; ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidigungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit niemand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Berlin 87-4

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nachtschichten von Neuem über mich herfallen – ich kann bereits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken –, ich weiß, dass ich auf höchstem Niveau jammere. Aber ein-, zweimal in der Woche zwingt mich mein Brotberuf, bereits gegen 05:45 Uhr aufzustehen und ich hasse das. Der Herr hat den Menschen nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen, schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Ich bin kein Langschläfer, aber vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem unbarmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein seelenloser Körper  sich vor dem Spiegel stehend oberflächlich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein noch vom Schlaf verwirrter Geist kommt hinter mir her ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit zahnpastaverschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisierenden Algenextrakten“ und „Hairenergizer“ (wird wahrscheinlich „Här-Einischeißer“ ausgesprochen) entscheide, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und nehme die Zeitung (ja, es gibt Leute, die vor mir wach sind: Danke), trage sie in die Küche und schmeiße den lärmenden Kaffeevollautomaten von Frau Klammerle an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens. Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Frequenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bayern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist, singen meist AC/DC, Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ist es jedoch Rammstein, die sich immer so anhören, als hätten die Nazis den Krieg gewonnen, muss ich passen und schalte wieder aus. Das geschieht in der letzten Zeit leider immer häufiger. Mir ist es vollkommen unverständlich, wie man mit dieser Marschmusik morgens wach werden kann. Ich packe also an allen Nicht-Rammstein-Tagen meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund. Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes gequatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radiomoderatoren – insbesonder Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich darüber gelacht und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch mit einem Trötgeräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbejingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig eine Autofinanzierung ist und welche Nummer die Telefonauskunft hat – dazwischen singen mal wieder Boston What a feeling, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderatoren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wetter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen oder wenigstens in einem der tausend anderen Sender keine klinischen Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich?  Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhysteriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar Informationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Cohen oder The Cure jammern lässt oder ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation gründen: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

„First we take your morning, than we take your day…“

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