Aber ein Traum …

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Tschingelbells, Tschingelbells … weihnachtliche Ohren- und andere Leiden

You gave it away …

Musik wird oft nicht schön gefunden,
weil sie stets mit Geräusch verbunden.

So. Damit habe ich auch einmal den Herrn Busch (Wilhelm, nicht George W.) zi­tiert. Das wäre auch abgehakt.

Tatsächlich jedoch erfreut mich Musik, sie ist ein wich­tiger, um nicht zu sagen, ein dominanter Teil meines alltäglichen Lebens, ich kann kaum ohne sie. Mein erster Gang am Morgen führt mich nicht ins Badezimmer oder zum geräuschvol­len Kaffeevollautomaten von Frau Klammerle, sondern noch vor dem Füttern meiner sich jeden Tag kurz vor dem Hungertod befindlichen Katze zum Radio. Auf dem Weg zur Arbeit dann und wieder zurück (immerhin eineinhalb Stunden an jedem Werktag) höre ich meine CD’s oder – ich gehe mit der Zeit –  bringe meinen neuen Bluetooth-Lautsprecher mithilfe des Smartphones zum Erklingen. Wenn ich schreibe oder lese, läuft immer im Hintergrund meine Musik (1) und ein Sonntag­morgen ohne Butterbreze, J. S. Bach oder Albert King ist kein gelun­gener für mich. Freilich goutiere ich nicht jede Art von Gesang – oder das, was manche dafür halten. Vieles ist für mich der oben zitierte an mei­nen Nerven zerrende Lärm, dazu gehören zum Beispiel moderner R&B, Hip-Hop, Gangsta-Rap, Volksgetümel, Schlager, Popgeträller, Death Metal und dazu eigentlich alles, was einen deutschen Text hat. Meine Welt sind der erdige Blues, der harte Rock, der schmelzende Soul der 60’er und 70’er, eleganter Jazz, Barock und die frühe, klassi­sche Musik mit ihren klaren, eindeutigen Strukturen. Dort fühle ich mich zuhause, in diese Kuscheldecke aus Klang wickle ich mich wohlig ein und lasse mich von ihr durch den Tag bringen und beim Schreiben begleiten.

Ich bin auch nicht unbedingt ein Feind von Weih­nachtsliedern, das will hier ich einmal deutlich sagen und auf meine weiche, sentimentale Seite hinweisen, die auf diesen Seiten viel zu kurz kommt. Wenn Slade „Merry Xmas“ gröhlen, AC/DC sich eine „Mistress for Christmas“ wünschen, Ian Anderson „Hey! Santa! Pass us that bottle, will you!“ ruft, dann singe ich voller Inbrunst mit. Wenn John Lennon „War is over“ anstimmt oder Mahi­lia Jackson mit ihrer göttlichen Stimme „Stille Nacht“ interpretiert, dann erwärmt sich sogar mein durch und durch kaltes, atheistisches Herz und ich werde ganz still und melancholisch.

Es gibt jedoch einen Popsong, den viele – aus was für Gründen auch immer, die sich mir nicht erschließen -, für ein Weih­nachtslied halten und der so furchtbar schlecht ist, dass er mir körperliches Unbehagen erzeugt, anhaltende Übelkeit und pochende Kopfschmerzen, pfeifende Ohren und einen eklen, langanhaltenden Geschmack auf der Zunge, den ich mit keiner Zahnbürste wegrubbeln, höchstens mit einem doppelten Glas Whiskey hinunterschlucken kann. Er ist noch grusliger als die grausamen Häns­chen-Klein-Melodien von Modern Talking oder das völkische Ge­winsel von Xavier Naidoo; schlimmer noch als alle Hei­no- oder Boygroup-Untaten zusammen. Meine Finger weigern sich gerade, den Titel dieses Verbrechens einzu­tippen, um zu verhindern, dass in einer Schublade mei­nes Gedächtnisses seine „Melodie“ einem Springteufel­chen gleich heraushüpft und mich quält. Obwohl man mir wahrlich kei­ne Homophobie unterstellen kann, werde ich dann für endlose 04:38 Minuten zum Schwulenhasser und suche, obwohl ich Pazifist bin,  in meiner Umgebung nach schweren Gegenständen, mit denen ich mir oder meiner Umgebung Schäden zufügen kann –  in erster Linie dem Lautsprecher, aus dem das vermeintliche Weihnachts-„Lied“ erklingt. Der eine oder andere wird es schon ahnen: Ich rede von „Last Christmas“ von Wham!, der größten musikalischen Katastrophe seit der Erfindung der „Melodica“!

Seit Jahren entspinnt sich in der schönen Vorweih­nachtszeit ein Kampf zwischen mir und George Michael. Wird es ihm gelingen, mir seinen Katzenjammer erneut um die Ohren zu blasen oder werde ich diesen Song  vier Wochen lang vermeiden können? Denn es vergeht kein Tag in der Adventszeit, an dem er nicht schleimig und schmalzig aus dem Radio, einem Glühmarkt- oder einem Kaufhauslautsprecher tropft. Auf vielen Top-Ten-Listen der beliebtesten Weihnachtslieder steht er tatsächlich ganz oben! So viel zu der Hoffnung von Immanuel Kant, der Mensch fände doch noch einen Ausweg aus seiner selbstgewählten Dummheit. Was muss in jemandem vorgehen, der dieses Lied mag, das wahrscheinlich ganz allein daran schuld ist, dass jedes Jahr vor dem Hl. Abend der Schnee weg­taut und sich Menschen von Brücken stürzen? Ich will es mir gar nicht vorstellen.

In den letzten drei, vier Jahren ist es mir gelungen, dem „letzten Weihnachten“ aus dem Weg zu gehen, die­ser Heimsuchung, gegen die die apokalyptischen Reiter ein heiterer Ausritt auf einem Pony sind. Diese Weihnachten je­doch sind Wham! die Sieger. Sie haben mich fertigge­macht. Dreimal haben sie bereits gnadenlos und un­barmherzig zugeschlagen, überraschend aus einer De­ckung heraus, ohne dass ich ihnen entfliehen oder meine Ohren abdecken konnte.

Es begann am Donnerstag, am Nikolausabend: Aus altruistischen Motiven heraus half ich meinem Vornamen verpflichtet auf dem Günzburger Altstadt-Weihnachtsmarkt jungen Menschen beim Crêpes- und Glühweinverkauf, als George Michael plötz­lich aus dem Lautsprecher neben dem Stand heraus sein Herz verschenkte. Eilends stellte ich mit Kennerblick fest, dass der Belag für die Crêpes knapp zu werden drohte und hetzte in einen nahegelegenen Supermarkt. Als letzter an der Kassenschlange – Sie wissen ja, ich bin immer der letzte – wurde ich mit sechs gro­ßen Nutellagläsern in den Armen zwischen Einkaufswü­tigen und meinem Nuss- und Mandelkern verteilenden Namensvetter eingezwängt und so zur völligen Bewe­gungslosigkeit verurteilt. Und im Kaufhausradio erklang 04:38 Minuten lang: „Last Christmas“! Die tür­kische Mutter, die vor mir zehn Schoko-Nikoläuse auf das Förderband legte, sang selig mit.

Auf dem langen Heimweg zurück nach Diedorf gelang es mir in der Nacht endlich, mithilfe meines Twitter-Freundes Eric Burdon die Ohrmuscheln zu reinigen und ich hoffte, dass es jetzt auch gut war. Aber George Michael hatte wohl Blut ge­leckt, denn am Wochenende schlug er wieder zu, vollkommen über­raschend und so hinterhältig, dass ich überlege, ob ich ihn über seinen Tod hinaus nicht mit einer Zivilklage überziehen und Schmer­zensgeld verlangen kann. Und das kam so:

Frau Klammerle hat in ihrem unnachahmlichen Sinn für Humor ausgerechnet den letzten Freitag dazu aus­erwählt, für mich einen Termin beim Zahnarzt zu ver­einbaren. Um 09:41 Uhr lag ich wehrlos auf seinem Stuhl. Er hielt mir etliche metallene Gegenstände in den Mund und kratzte hartnäckig und mit zunehmender Begeisterung an irgendwelchen Belä­gen. Und wer  begleitete aus dem Praxisradio heraus be­geistert meine Tortur 04:38 Minuten lang mit seiner un­vergleichlichen Stimme, die schmerzhafter und spitzer in meinen Zähnen bohrte, als das mein Zahnarzt je ver­mag? Begleitet von der Helferin, die begeistert mits­ang und den Absaugschlauch im Takt in meinen Gau­men stieß? Na, wer in der Klasse kann mir das sagen?

You gave it away …

Wann ist endlich diese endlose Vorweihnachtszeit vorbei? (2)

Eine schöne Adventswoche mit der Musik Eures Geschmacks wünscht Euch allen

 

 

 

 

Nikolaus Klammer

 

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(1) Im Augenblick singt sich gerade James Brown die Seele aus dem Leib: I’m A Sex Machine…

(2) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

 

 

Unser Weihnachten, damals … (Teil 5)

[←zum Anfang …]

Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu unseren Altvorderen schon lange vor dem Hellwerden wieder auf den Bei­nen und spielten weiter mit unseren Legos. Die Eltern nüchterten nur lang­sam aus. Sie kämpften mit Sodbrennen und ihrer Verdauung, was sie allerdings für einen Sühne für die Völlerei des Vorabends nahmen. Aber auch sie mussten früh raus, zumindest meine Mutter: Es galt fürs Mittagsessen die obligatorische, traditionelle Gans zu bra­ten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi im Radio zu hören und später dann im Fernseher live zu sehen. Nur dann war die erzkonservative Katholikin für das kommende Jahr gerüstet. Das fette Mittagessen mit rohen Klößen und Blaukraut als Beilage mündete für alle im Mittagsschlaf. Ein fauler Tag war das! Am 2. Feiertag trafen sich dann meine El­ternregelmäßig mit dem On­kel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück (heute würde man das als einen Brunch bezeichnen) mit anschließendem Schafkopfspielen bis in die Nacht.(1) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäuf­nis und in einem formidablen Ehekrach, weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er -, und meine Mutter im­mer ver­lor. Dann war Weihnach­ten ganz plötzlich vorbei, viel, viel zu schnell, als hätte sich die Geschwindigkeit der Zeit ab der Bescherung mindestens verdreifacht. Man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Kata­strophen, Zerwürfnisse und Sauf- und Fressorgien lauerten.

Endlich Besche­rung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Meine Geschenke sind noch unter der Tischdecke hinten verborgen. Eine Anmerkung für die Nachge­borenen: Damals war die Welt schon farbig, glaubt es mir – mein Vater war einer der ersten mit einem Farbfernseher. Aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch Sepiatöne verschlei­ert. Ich habe keine Ahnung, was in dem riesigen Paket im Vordergrund links war – wahrscheinlich selbstgestrickte, neue Norwegerpullis von einer Berliner Großmutter; denn mein alter sitzt ja schon verdammt knapp.

*

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernom­men? Ich versuchte es anders zu machen, manches ging schief, doch einiges ist mir auch gelungen. Natürlich gab es nicht das gruslige »Gänseklein« zum Mittagessen(2), nicht die end- und ziellose Wan­derung am Hl. Abend, nicht den Geschenkerausch und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Ihre Vorstellung von Weihnachten ist die eines ruhigen, glücklichen Zusammenseins der Kernfamilie, in die Kindermesse am Nachmittag gehen, feiern, reden, die letzten Plätzchen essen, einen besonderen Wein öffnen, sich wertschätzen – und das ist gut so. Was uns aber immer wichtig war, war und ist es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Ein­zigartiges und Besonderes zu präsentieren – ih­nen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Das Christfest ist ein Wert. Hier wird nicht der Jahrestag einer Schlacht, die Gründung einer Nation, ein Toter oder irgendetwas Politisches gefeiert, sondern schlicht ein neugeborenes Baby und die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Leben, Liebe, Familie – welcher Feiertag hat das noch zu bieten? Und das sage ich, ob­wohl ich über­zeugter Atheist bin. Denn die Feier der Geburt Chris­ti‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusam­menhält. Am Nachmittag des Hl. Abends kommen in jedem Jahr die beiden Söhne zu uns; er­wachsene Männer, die längst ihr eigenes Le­ben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Eltern wieder zu erle­ben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht ha­ben.

Ich wünsche jedem solch ein Weihnachtsfest.


(1) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich noch die Geschichte schuldig, nämlich die, wie du und unser Bruder gemeinsam versucht habt, einen festsitzenden Stöpsel aus dem Hals einer riesigen Parfümfla­sche zu befreien, die meine Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Dazu habt ihr den Literflakon einfallsreich  im Wasserbad eines Küchentopf auf dem Herd erhitzt. Dabei ist die Flasche natürlich zerplatzt, das billiges Eau de Cologne vermengte sich mit dem sprudelnden Wasser und Dampfschwaden von billigem Parfüm machten die Wohnung neblig. Dies alles, während die Eltern beim Onkel Karten spielten und ich gleichzeitig ihrem im Schlaf­zimmer gruschtelte, wo ich meines Vaters Nachtkästchen schamvoll versteckte Perry-Rhodan-Romane und auch ganz andere Hefte entdeckte und anschließend über dem heimlichen Lesen ver­gaß, meine Spuren wieder zu verwischen. Jeder Versuch, den Gestank durch Lüften aus der Wohnung zu bringen, war vergebliche Mühe. Es roch in jedem Zimmer drei Tage lang aufdringlich und kopfschmerzenfördernd nach Veil­chen – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: »Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!«

Oder jene Geschichte, in der ich das Magnesium von 20 Wunderkerzen abkratzte, es in einer Schale auf den Küchentisch stellte und anzündete. Nach dem Löschen waren die schwelenden Brandlöcher im Tisch und im Linoleum des Bodens waren fast einen Zentimeter tief und alle Oberflächen bedeckte eine schmierige Ascheschicht. Manchmal wundere ich, wie ich meine eigene Jugend überlebt habe. Ich erzähle das aber alles ein andermal. Versprochen!

(2) Wir ernähren uns eh alle vegetarisch …

Dienstag, 10.12.19 – Facebook, Werbung, Isabella und der Weihnachtshund

Dienstag, 10.12.19

Facebook, Werbung, Isabella und der Weihnachtshund

Ich verbringe im Moment aufgrund meines harnäckigen Hexenschusses, der mich zu relativer Bewegungslosigkeit ins Haus verdammt, viel Zeit am PC und kann an einigen Projekten arbeiten, die im Lauf des Jahres liegengeblieben sind. Sollten meine Texte und Blogeinträge im Moment etwas rührselig, klagend oder gar weinerlich wirken, so entschuldige ich mich an dieser Stelle. Das  bin nicht ich, sondern aus mir spricht das Leid. Das liegt ausschließlich an meinen Rückenschmerzen, die sich weiterhin bei jeder Drehung meines Körpers melden. Erstaunlich, wie schnell ich mich an sie gewöhnt habe und sie inzwischen fast für selbstverständlich nehme. Aber insgesamt gesehen, geht es aufwärts, langsam zwar, nur graduell, aber inzwischen spürbar. Der Schmerz kam abrupt, von einem Augenblick auf den anderen, aber er hat es sich bequem in meiner Hüfte eingerichtet und verlässt diesen warmen Ort nur zögernd und unwillig. Aber die Hoffnung ist da, dass ich zumindest bis Weihnachten wieder einigermaßen hergestellt bin. In der Zwischenzeit jammere ich weiter, schreibe, fresse zuviel Loible und warte.

*

Gestern habe ich den Abschlussteil des bellend-tristischen Meisterwerks „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ hier im Blog veröffentlicht und er bleibt nun für die nächsten drei, vier Wochen an dieser Stelle online lesbar, bis ich ihn wieder privat stellen werde.

Ich weiß nicht, was mich ritt, aber ich wollte dem satirischen Weihnachtsmärchen, das ich wirklich mag, einen breiteren Auftritt gönnen und habe es auf  Facebook beworben, wo ich ja eine Künstlerseite betreibe, die noch niemals einer der wenigen Besucher meines Blogs aufgerufen hat oder gar ein „Gefällt mir“ dort zurückließ. Dieser „Spaß“ hat mich verschmerzbare zehn Euro gekostet und der Erfolg war – wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte -, äußerst durchwachsen. In der letzten Woche bekamen etwa 3000 Facebooker in Bayern zwischen 30 und 65+ auf ihrer Seite meine Werbung angezeigt, die die meisten von ihnen selbstverständlich sofort weiterscrollten, ohne einen weiteren Blick zu verschwenden. Unten auf der Statistikabbildung, die einem FB zur Verfügung stellt, kann man, nach Männlein und Weiblein aufgeschlüsselt, sehen, wieviele der von mir Umworbenen das Angebot doch angenommen haben, tatsächlich auf die Anzeige klickten, ihre Facebook-Höhle verließen und dann, zu ihrem fassungslosen Erstaunen von der blendenden Schönheit und Helle meines Blog geblendet, hier landeten. Es waren immerhin ungefähr 2 % von allen, die meine Werbung bekamen, übrigens in der überwältigenden Mehrheit von 87,5 % Frauen, die meisten zwischen 50 und 60 Jahre alt und damit aus meiner Altersstufe. Das bestätigt mich in meiner Meinung, dass Literatur heutzutage nur noch von Frauen und in der Hauptsache von der Babyboomer-Generation konsumiert wird. Die müsste ich also umschmeicheln, wenn ich mit meinen Texten mehr Erfolg haben will(1). Die Männer hingegen verdummen und wählen die AfD … vielleicht sollte ich mal eine Geschichte über einen Fußballhund schreiben, der einen SUV fährt. Von diesen 60 mutigen Frauen (Danke!) haben mir dann fünf übermittelt, dass ihnen mein Karl-Heinz gefallen hätte – es sind übrigens ausschließlich Damen gewesen, die Hunde lieben.

Ich habe zeitgleich auch auf meinem nigelnagelneuen Instagram-Account für den Hund geworben – aber dort findet man offenbar zwar viele „Gefällt mir“-Klicker, doch keine Leser, die sich trauen, die schöne, neue Instagram-Welt zu verlassen und auf meinen Blog zu gehen. Diese Welt der sozialen Netzwerke, auch die hier auf WordPress, bleibt mir weiterhin verschlossen und ich weiß auch nach beinahe 8 Jahren „Aber ein Traum“ nicht, wie ich Menschen finden kann, die sich für meine Literatur interessieren.

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Da es einige gibt, die es ablehnen, meine Texte hier im Blog in kleine Dosen zerhackstückt zu lesen (das kann ich durchaus verstehen), stelle ich hier bis zum „Drei-Königs-Tag“ als Zip-Datei gratis die E-Book-Varianten (azw und epub) des „Weihnachtshundes“ ein, die man sich durch einen Klick auf das Cover unten herunterladen und dann auf dem Lesegerät des Vertrauens genießen oder die 60 spannenden, abenteuerlichen, phantastischen und humorvollen Seiten meiner Weihnachtsmärchen-Satire meinetwegen ausdrucken kann. Ich bin gespannt, ob jemand dieses Angebot annimmt.

Zur kostenlosen E-Book-Ausgabe von
Karl-Heinz, der Weihnachtshund

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Schließlich schreit der gute Weihnachtshund nach einer Fortsetzung. Es sind ja auch noch 2 Wochen bis Weihnachten. Deshalb werde ich in den nächsten Adventstagen auch das atemberaubende Märchen von Isabella, der Krippenkatze folgen lassen, in denen alle liebgewonnenen Hauptfiguren von Karl-Heinz auftauchen und in ein neues, unvorstellbares Abenteuer verwickelt werden. Es kommt sogar ein Drache vor! Diesmal stammt der Text ausschließlich von mir und da ich es wie Bukowski halte, nämlich „Hunde mehr mag als Menschen und Katzen mehr als Hunde“, dreht sich diesmal alles um die geschmeidigen Zimmertiger, die die Welt und im Speziellen die biblische Weihnachtsgeschichte ändern wollen.

Möge auch diese Geschichte mit dem gleichen Ernst gelesen werden, mit dem sie geschrieben wurde.


(1) Allerdings liegt tonnenschwer ein Gewicht auf meinen Büchern: Das Genre „Fantasy“, das die meisten Leserinnen gar nicht oder nur mit Vorsicht berühren wollen. Dabei sind von meinen zehn veröffentlichten Büchern momentan nur zwei diesem Genre zuzuordnen.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 4)

[←zum Anfang …]

Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik ge­macht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(1) oder M. spielte auf dem Ak­kordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zer­knitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schall­platte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(2) und den Regensburger Domspatzen »Stil­le Nacht«, danach »Oh, du Fröhliche« (Über diese Rei­henfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Proble­me, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahl­te, die Nadel des Plattenspielers rich­tig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quiet­schen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: »Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderatta­bum!«

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl ge­schah übrigens während des besinnlichen Teils ei­nes Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wü­tend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besin­nung in einem monumen­talen Streit gipfelte.

Im Hintergrund M., dann meine Wenigkeit mit schickem Norwegerpulli und rechts die Stegherr-Omi in unserem alten Wohnzimmer in Pfärrle 19.

*

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: aus­dauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Be­mühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Ver­letzbarkeiten des anderen und beson­ders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hinein.(3) Die Trä­nen meiner Mutter flossen während der Be­scherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, son­dern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächt­nis stritten die bei­den an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Er­innerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunk­tionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische De­formationen und Neu­rosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue gera­dezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelunge­nes und behütetes Weihnachten erleben zu las­sen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schen­ken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brot­beruf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die ein­mal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide le­ben noch; mein Vater noch recht rüstig allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen de­ment und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist heute 91 Jahre alt gewor­den und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abge­magerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verlo­ren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Va­ter besucht sie trotzdem regelmä­ßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, strei­chelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tat­sächlich zufäl­lig die Augen öffnet, dann flüstert er:

»Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …«

*

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augen­blick endlich eitle Freude. Wir hatten es ge­schafft, unser Hl. Abend war durch seine schier end­lose Katharsis gegan­gen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen »Bunten Teller«. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Plastikguss-Cowboys und Indianer(4) ihre ers­ten Abenteuer erleben, blätter­te im neuen Fünf-Freun­de-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmanns­laden und keine Eisen­bahn bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Ver­wandtschaft, die uns besuch­te, wollte verköstigt wer­den. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, ver­putzte halbe Eier, die mit Mayonnaise und Fake-Kaviar be­legt wa­ren, Fischhap­pen und Schinken, fläzte hemdsärmel­ig und zumin­dest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgend­wann mit rot­glühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebern­den Schlaf, die El­tern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

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(1) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine El­tern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusika­lisch.

(2) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldenten­or gewe­sen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und in seiner sehr übersichtlichen Plattensammlung nachzusehen. Über den Ver­such meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die »Silent Night« singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

(3) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Sol­dat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefan­genschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überle­ben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis sei­ne Jugend und seine Idea­le geraubt hatten.

(4) Auch so beginnen Schriftstellerkarrieren: Im Jahr 1968 be­kam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag da­mit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: Johnson, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jah­re später ge­meinsam mit dem tapferen Cheyenne Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ers­ten Schreibversu­che.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 3)

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Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentor­straße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle 19, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten(1). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden gedauert haben mögen, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit abschlie­ßendem Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Er­innerung als die längsten verblieben, die ich je erlebt­e – nicht einmal der Vormittag vor den Sommerfe­rien in der Schule dauerte so lang.  Ich habe diese Nach­mittag grundsätzlich als eisig kalt, düster, grauver-hangen und neblig im Gedächtnis; ob­wohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Land­schaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wol­ken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben auszureichen schien. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstver­ständlich schief und nach hin­ten los. Je län­ger der Marathon-Lauf durch die pitto­resken Landschaften rund um Augsburg an­dauerte, um so hippeliger, kin­discher und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Ber­lin auf­gewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Sü­den der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nach­mittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss deshalb viel schnel­ler. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(2). Meine Mutter hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es aus­drückte, »besinnlich«, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, ge­platzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Ge­schmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Va­ter und wir durchgefroren vom Fried­hof kamen und, nach­dem wir unsere Hände am kal­ten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

*

Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts ge­boren wurde, inzwi­schen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älte­ren, weißen und »toxischen« Männern, die das Narra­tiv des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rassismus und ihrem misogynen Antifeminismus unterdrü­cken. So behauptet es zumindest das Imago, das heu­te unsere Gesellschaft be­stimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der aller­dings nur in den Köpfen mancher Leute existiert. Gut so, in die­ser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grund­stein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei de­nen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Krei­se mei­ner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepu­blikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – in unserem privaten Mi­krokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspä­tet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug.

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzten Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abge­spült und abgetrocknet werden, während der Haus­herr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, spä­ter dann die elek­trischen Lichter am Baum entzünde­te. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen er­wartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditio­nell wurde der Höhepunkt des Abends dann von mei­nem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stim­mungsvolle Musik und die Le­sung der Weihnachtsge­schichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zer­fletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unter­nahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bi­bel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Mei­ne Mutter las salbungsvoll und getragen, aber nie­mals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und um­blättern musste. Sie begann klassisch mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und beweg­te sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hat­ten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ih­rer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen anti­quierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwür­dige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ab­lief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewo­gen wurde. War­um der römische Kaiser sich für das Ge­wicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegt­e, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man ei­nen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wie­der das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrt­e. Meine Schwester M.(3) hat mir mal erzählt, sie be­mühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf be­kommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein über­fahrener Frosch ausgese­hen haben.

Nikolaus & Nikolaus

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(1) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausste­hen konn­te, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendel­duft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese selt­same Mi­schung, wenn ich die Augen schließe und in mei­ner Vorstel­lung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Ge­schichte, die ich ein andermal er­zählen werde.

Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der mit mir etwa gleichaltrige Roland Krabbe, der heute als Herr Braun ge­meinsam mit dem unsäglichen Silvano Tuiach der bekanntes­te Augsburger Ka­barettist ist. Ursprünglich wollte er Pfarrer werden, also ei­gentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mut­ter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erin­nern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(2) Das »Watscheln« ist wörtlich zu nehmen, denn sie hat­te die dürrsten und krummsten O-Beine, denen ich jemals außer­halb von Lucky-Luke-Comics in meinem echten Leben begeg­net bin. Je­der Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

(3) M. ist übrigens kein Pseudonym, um sie vor der Öffentlich­keit zu schützen. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist »Trulle«. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwis­tern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhi­gen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging auch noch eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit har­ten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Jimi­Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine »Menschenfres­ser« im Haus dulde­te, teilte Ohrfeigen aus und prophezeite ihr eine Karrie­re als Prostituierte. Mir hat er übrigens später geweis­sagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bru­der fand Gnade unter seinen allzu gestrengen Augen. Tat­sächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung Förder­lehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befoh­len werden, den Müll vors Haus zu bringen.

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