Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

Es war also eine sehr kluge Entscheidung meiner Schwester, sich nicht in den Hallen des Palastes zu zei­gen, sondern zuerst in ihrem Versteck zu Kräften zu kommen. Nach ein paar Tagen ging es ihrem Fuß wie­der besser und die Aufmerksamkeit der Wächter in den Gängen ließ nach. Aus einer festen Wache wurde eine Streife, die in regelmäßigen Abständen durch die Gän­ge patrouillierte. Trotzdem schlich sich Irta nur mit al­ler Vorsicht und immer tief in den Schatten verborgen hinaus und dies auch erst nach Mitternacht, wenn au­ßer den wenigen Nachtwächtern scheinbar alle schlie­fen. Doch sie wusste, wie trügerisch diese Ruhe war. Der Elfenbein-Palast hatte tausend Augen und sie spähten auch in der Finsternis in alle Räume und Win­kel. Für Irta war es gleichgültig, ob diese heimlichen Beobachter vom Namenlosen selbst, von Radik Emre, vom neuen strengen Vezir Ómer oder von einem ande­ren der zahllosen Ehrgeizigen bezahlt wurden. Wenn sie sie zufällig bei ihren Streifzügen entdeckten, hatte sie ihr Leben verspielt. Deshalb waren ihre nächtlichen Ausflüge nur kurz und sie wagte sich nicht allzu tief ins Gebäude hinein. Beim ersten besorgte sie sich fri­sche Wäsche in der Gesindekammer der Nişaski, deren Amtsstuben unweit ihres Verstecks lagen; während ih­rer zweiten Erkundigungstour durchforschte sie die leeren Zimmerfluchten der lamargischen Delegation, wo sie vergebens nach einem Erinnerungsstück an ihren Raul suchte.

Viel interessanter als die leeren Komptore des Diwans und die verwaisten Räumlichkeiten des seit des Ab­zugs der lamargischen Delegation praktisch ausgestor­benen Flügels des Palastes war jedoch eine Entde­ckung, die Irta ungefähr eine Woche nach dem Beginn ihres Exils machte. Bereits nach dieser kurzen Zeit war sie sich nicht mehr sicher, wie viele Tage und Nächte sie bereits in ihrem lichtlosen Versteck zugebracht hat­te, aber eine Flucht mit ihrem verstauchten Fuß durch die weiterhin bewachten Gänge erschien ihm noch im­mer zu gefährlich. Nach wie vor waren ja tagsüber und auch in der Nacht viel mehr Wachen und Treuwächter auf Patrouille als üblicherweise und sie kontrollierten gerade die dunklen Ecken, in denen Irta sich bei ihren Streifzügen verbarg. Radik Emire hatte noch lange nicht aufgegeben, nach ihr zu fanden. Er wusste, dass der Elfenbein-Palast ein gewaltiges Trojaspiel war, in dem es tausendundeine Möglichkeit gab, sich zu ver­stecken. Irta glaubte sich zwar in ihrer kleinen Kam­mer hinter der Mauer vor seinen Nachstellungen eini­germaßen sicher, es gab jedoch einen Gedanken, der sie immer wieder aufschreckte und ängstigte: Nachdem sie dem Verschnittenen so knapp entkommen war, wusste er doch, wo der Einstieg in den verborgenen Gang lag, der sie hierhergeführt und den ihr verlorener Geliebter so oft benutzt hatte: Es war diese hässliche Statue des „Prächtigen“ in dem kleinen Garten hinter dem Serail. Irgendwann würde es ihm gelingen, den geheimen Öff­nungsmechanismus im Sockel zu enträtseln und die verriegelte Falltür doch noch zu öffnen – wenn er nicht gleich Gewalt anwendete und sie aufbrach oder gleich das ganze Denkmal abtragen ließ. War dies erst einmal geschehen, würde Radik auch sehr bald auf Irtas Ver­steck stoßen. Es war nur eine Frage der Zeit und es verwunderte meine Schwester, dass es nicht schon längst geschehen war.

Doch Irta hätte beruhigt sein können: Selbstverständ­lich war sich auch Radik bewusst, wo der Eingang zu ihrem Versteck lag, aber er hätte für ihn genausogut im Allerheiligsten des Titania-Tempels von Italmar lie­gen können, so unerreichbar war er für ihn. Denn der junge Namenlose hatte in einer seiner ersten Amts­handlungen das Serail und seine Außenanalgen für ausnahmslos jeden sperren und die Eingänge versie­geln lassen, um zu verhindern, dass irgendjemand von den schrecklichen Vorfällen in den Frauengemächern erfuhr. Für den „Unterwerfer“ war dies ein Ort, an dem die Geister seines schlimmsten Verbrechens umgingen. Es war seine Art, damit umzugehen, indem er einfach alles wegsperrte und verbot, was die Erinnerung wie­der lebendig werden lassen konnte. Weil sie dies nicht wusste, machte es sich Irta, nachdem ihr Fuß soweit ausgeheilt war, dass er sie wieder kürzere Strecken tragen konnte, zur Gewohnheit, über die Säulengalerie nach oben zu steigen und dort nach dem Rechten zu se­hen. Stundenlang verharrte sie auf dem ersten Absatz vor dem Gang, der zu der Leiter hinführte, und lausch­te. Sie wartete auf Geräusche, die von dort zu ihr dran­gen und sie warnen würden. Doch alles blieb still, was sie jedoch kaum beruhigte. Die ständige Ungewissheit fraß wie eine heimtückische Krankheit an ihr und ließ sie immer wieder dem ihrem unruhigen Schlaf hoch­schrecken, der sie häufig und ohne Vorankündigung überfiel.

Es war wie eben gesagt nach ungefähr einer Woche, als Irta mal wieder von ihrem Horchposten über die Wendelgalerie herabstieg, da bemerkte sie auf halber Höhe eine Tür im Mauerwerk, an der sie bislang im­mer achtlos vorbeigegangen war. Meine Schwester füll­te zwar sorgfältig jedesmal die Lampen in dem Gang mit dem Ölvorrat aus ihrer Kammer nach, doch dieses Teilstück lag im Schatten und dazu war die Tür auch noch getarnt, indem man eine dünne Schicht Mörtel auf ihr verteilt hatte, die sich kaum von der umgeben­den Wand unterschied. Irta hätte die Öffnung in der Mauer wahrscheinlich nie bemerkt, wenn sie sich nicht zufällig mit der Hand gegen sie gelehnt hätte, um ihr wehes Bein kurz zu entlasten und der Putz dabei nicht großflächig abgeplatzt wäre. Es fehlt mir die Zeit, euch davon zu berichten, was für ein Wunder sich hinter die­ser so sorgfältig verborgenen Tür, verbarg,die seit Jahrhunderten niemand mehr geöffnet hatte. Denn die Nacht ist schon weit fortgeschritten und uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Schade, aber dies ist eine der Ge­schichten, die ich an einem anderen Tag erzählen wer­de.«

Sirtis seufzte und befeuchtete die Lippen. Dann fuhr sie fort. Was sie nun erzählte, schien ihr sehr schwer zu fallen.

»Auch wenn sich Irtas Seele niemals von dem Schlag erholen würde, der sie im Inneren so tief verletzt hatte, waren nach etwa vierzehn Tagen ihre körperlichen Wunden nahezu verheilt. Doch nun wurde ihr morgens regelmäßig speiübel. Sie wollte dieses erste Anzeichen ihrer Schwangerschaft nicht wahrhaben und schob es auf die eingemachten Lebensmittel in ihrer Kammer, die dort ja schon seit Ewigkeiten lagerten und viel­leicht nicht mehr ganz in Ordnung waren. Doch sie traute sich nicht, sich frisches Essen zu besorgen, denn der Weg zu den Küchen war weit und dort hätte sie je­der wiedererkannt, dem sie zufällig begegnet wäre. Bei einem neuerlichen Ausflug in die Wäschekammer fiel ihr ein großes Plakat in die Hände, auf der die Daguer­reotypie abgebildet war, die der Hof-Fotograf von ihr ge­macht hatte, als sie in das Serail eingetreten war. Sie fand sich auf der Aufnahme gut getroffen. Mit diesem Steckbrief, der gerade überall in Karukora verteilt wurde, fahndeten die Gerichtsdiener des Vezirs nach ihr. Irta wurde gesucht, weil sie heimtückisch die Mut­ter des Namenlosen ermordet habe. Es war eine hohe Belohnung auf ihren Kopf ausgesetzt.

Natürlich steckte Radik hinter dieser Verleumdung, aber Irta war trotzdem wie vor den Kopf geschlagen, als sie las, was ihr vorgeworfen wurde. Diese verlogene, stinkende Dreckskröte hatte es tatsächlich fertigge­bracht, seine eigene Untat auf meine arme, unschuldi­ge Schwester abzuwälzen! Sie konnte keine Sekunde länger im Palast ausharren. Auch wenn ihr Versteck in der Wand noch so sicher war; irgendwann würde sie doch ertappt werden. Es gab für sie nur einen einzigen Ort, zu dem sie sich noch flüchten konnte und das war das Haus ihres Vaters Alis, durch dessen Verbindung mit den „Falken der Rache“ es ihr vielleicht gelingen konnte, ins Ausland, sprich, in die Arme ihres lamargi­schen Prinzen zu fliehen, den sie noch immer verzwei­felt liebte. Allerdings war der Geheimbund längst zer­schlagen und als es Irta schließlich doch noch gelang, als Wäscherin verkleidet aus dem Elfenbein-Palast zu entkommen, um sich auf tausendundeinem Umweg zu ihrer Familie zu schleichen, konnte sie sich selbst nicht mehr über ihren Zustand täuschen: Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und ich hatte Mühe, meine früher so lebenslustige und immer heitere Schwester wiederzuerkennen. Nach der Geburt ihres Kindes, des Sohnes und wahren Thronfolgers des Regnos der La­margue, verstarb sie vor Erschöpfung in meinen Ar­men. Doch auch dies ist eine Geschichte nach der Ge­schichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.«

Sirtis schwieg und niemand unterbrach die plötzliche Ruhe. Sie warf einen verstohlenen Blick hinauf zu dem im Schein der Lichter so fahl erscheinenden Elfenbein-Palast, der von der Ferne so wirkte, als wäre er aus den bleichen Knochen unzähliger Erschlagener errich­tet. Und tatsächlich: Wie viele Opfer mochte dieses Ge­bäude in den Jahren seit seiner Errichtung schon ge­fordert haben? War seine Schönheit nicht wie die grin­sende Fratze eines von der hitzigen Wüstensonne aus­geblichenen Totenschädels, hinter dessen leeren Au­genhöhlen sich Maden in Tod und Verwesung suhlten?
Nachdem Sirtis verstummt war, lag lange betretene Stille über der Versammlung am erloschenen großen Feuer der Karawanserei. Sie wurde nicht einmal von einem Räuspern oder Husten unterbrochen, so erschüt­tert waren alle von der Geschichte der Märchenerzäh­lerin.
»Inzwischen sind bald zwanzig Jahre vergangen und die Täter von damals feiern ein gewaltiges Fest, als wä­ren ihre Untaten niemals geschehen«, hob sie noch ein­mal an und rief dann plötzlich laut und anklagend: »Sechs Männer waren es, die meine Irta vernichteten: Wehe, Raul von Jasir, wehe, Idrichson Galves, wehe, Ómer Sud, wehe, Radik Emre, wehe, Paşha Ultem und wehe dir, du infamer Namenloser! Der Moment der Re­vanche ist schließlich doch noch gekommen! Heute Nacht werdet ihr alle sechs endlich für die Untaten bü­ßen, die ihr vor zwanzig Jahren meiner geliebten Schwester angetan habt; jeder einzelne von euch Nie­mand wird seinem Schicksal entkommen!«

Sirtis deutete hinauf zum Palast, aus dem mit einem Mal Stimmen und Schreie erklangen und von dem lau­ter Kampfeslärm herübertönte. Feuerzungen schlugen aus den Fenstern im Erdgeschoss.

»Seht nur, meine Freunde, die Rache hat endlich be­gonnen!«, rief Sirtis, während alle von ihren Plätzen aufsprangen und hilflos gestikulierten. Von einem Augenblick zum anderen war sie vergessen. Die Aufregung und Panik in der Karawanserei tobte um sie und die niedergebrannte, qualmende Feuerstelle wie ein Sturm um sein Auge. Die Tochter des Märchenerzählers ließ ihre Blicke wandern und lächelte müde. Leise flüsterte sie ein Gebet:

»Herrin der Welt, Du Allessehende und Allerbarmende und Du, Tränenreiche, trauernde Zwillingschwester! Ihr, die Ihr zwei und doch nur eine Einzige seid: Beschützt meinen Vater und meinen Neffen in dieser furchtbaren Nacht …«

Ende des Kapitels

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Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Bücher sind da!

Gestern hat der nette Paketbote von der DHL endlich das ersehnte Paket von meiner Druckerei gebracht und ich bin schließlich doch noch in den Besitz meiner beiden bisher erschienen „Brautschau“-Romane mit den von mir selbst gestalteten neuen Coverbildern gelangt. Ich finde, sie sind mir gut gelungen und machen hoffentlich Lust auf den spannenden Inhalt. Vielleicht locken diese Titelbilder ja ein oder zwei neuer Leser an. Vergesst nicht, in nur 35 (in Worten: fünfunddreißig) Tagen ist Weihnachten! Diese Bücher machen sich perfekt unter dem Gabentisch und kann sich während der Tage zwischen den Jahren in ihren Seiten und Geschichten verlieren. Wie angekündigt, wird noch in diesem Jahr der 2. Band der Karukora-Trilogie erscheinen, dessen erstes Kapitel (120 Seiten) ihr hier lesen könnt. Für Lesestoff ist also gesorgt.

Nebenzu: Ich höre immer wieder die bedauernde Ausrede „Das sind zwar tolle Bücher, aber ich lese eigentlich keine Fantasy.“(1) Ich finde es schade und auch ein wenig verbohrt, einfach ein Genre auszuschließen und sich damit einen großen Lesegenuss zu verschließen. Denn einige Werke, die der deutsche Leser überheblich einem Genre zuordnet und damit den Stempel „minderwertig“ verpasst, sind Weltliteratur (z. B. „Gormenghast“ von Mervyn Peake(2)). Marcel Reich-Ranicki hat zum Beispiel grundsätzlich keine Kriminalromane gelesen und wahrscheinlich auch nie einen SF- oder einen Fantasyroman in der Hand gehalten. Wir arm und karg muss die Lektüre des Kritikerpapstes gewesen sein! Es ist wie mit Loriots Möpsen. Ein Leben ohne Genreliteratur ist möglich, aber sinnlos. Keine Angst. Bei mir gibt es keine Elfen oder Orks und auch keine Zauberei und Fantasy habe ich es nur genannt, weil mir kein adäquater anderer Begriff zur Verfügung stand – Sage oder Märchen würde zwar auch passen, führt aber ebenso in die Irre.

Aber genug geplappert. Lest meine Bücher, verflixt!

______________________

(1) Dabei weiß ich genau, das die Hälfte dieser Leute überhaupt nichts lesen!

(2) Kennst du nicht? Das ist wirklich eine Sünde. „Gormenghast“ zählt zu den zehn besten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe.

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (12)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (12. Teil)

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstau­chung kaum wahr, denn die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Glocke des Astris-Tempels fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde, deren Licht nur noch blakte und bald erlöschen würde. Diesen Schein hatte Irta schon von oben gese­hen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg an­scheinend mehrere Grundmauern des Palastes durch­schnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil wäh­rend der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber ko­lossalen und während des Interregnums teilweise zer­störten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel er­hob. Der Tunnel führte Irta durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrun­den Schacht hineinragte. In dessen Mitte war gerade noch eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; beide verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen fiel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging ihr Weg weiter: Es war ein gale­rieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten in die Wand eingelassen in regelmäßigen Abständen flackern­de kleine Öllichter, die wahrscheinlich von Raul entzündet worden waren, als er Irta in dieser Nacht besucht hatte. Obwohl dieser Geheimgang hinter den Palastmauern – einer von vie­len, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Per­sonen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bo­denlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen ver­wischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie nun die Spirale der Ram­pe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem unwirklichen und bedrückenden Ort zu fin­den. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könn­te sich doch noch deren Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen in eine wundervolle, ge­meinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freis­tehende Granitsäule hinabschraubte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem wei­teren Absatz in einem Raum mündete, an dessen ge­genüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Irta lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nach­denklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie schließlich geführt hatte, diente offen­sichtlich nicht nur als Eingang, sondern stellte sich zu ihrer Überraschung als ein Schutzraum heraus und er war von Raul oder einem anderen Eingeweihten aus ihr unbekannten Gründen für einen längeren Aufent­halt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frisch bezogene Stroh­pritsche und ein deckenhohes Regal, das mit Lebens­mittelkonserven, eingelegtem Obst und Gemüse, ge­trocknetem Fleisch und Wasserflaschen, Ölkanistern und Holzscheiten gefüllt war. In der Ecke befand sich sogar ein Ofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzug­rohr in der Wand verschwand, und daneben stand ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Für ausreichend Licht sorgte eine große Lampe, die von der Decke hing. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wo­chen oder gar Monate vor den neugierigen Augen des Elfenbein-Palastes verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hat­te, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe ent­deckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hin­aussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guck­loch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnupperte gierig die frische Luft, die sofort durch sie hindurch in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges angelangt: Dort draußen erkann­te sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht baden­den Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karu­korer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gitter­tür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, im traditionellen leuchtenden Grün der Treuwacht gekleidet und mit ihren scharfen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschie­den, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite näherten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zu­rück: Es war kein anderer als Radik Emre, der ver­fluchte Beschnittene, der wie aus dem Nichts aufge­taucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

„Sind diese Hunde aus dem Norden endlich abge­reist?“, hörte Irta Radiks verhasste Stimme fragen und von der körperlichen Nähe und dem ekelen Geruch, den er verströmte, wurde ihr übel.

„Ja, Aufseher“, erwiderte einer der Treuwächter mit verschnupfter Stimme. Wahrscheinlich atmete er nicht mehr durch die Nase, sondern durch den Mund. „Die Allbarmherzige möge sie alle mit juckender Krätze quälen …“

„Ja, Seneschall“, unterbrach ihn Radik zornig.

„Ja, Seneschall. Verzeih mir meine Achtlosigkeit, Ra­dik, mein Herr!“, wurde ihm sofort aus zwei Kehlen ge­antwortet. Dann fuhr der erste eingeschüchtert fort: „Wir bewachen nur noch leere Zimmerfluchten. Aber wir haben noch keine Order bekommen, zur Kaserne zurückzukehren.“

„Ihr werdet euch auch nicht vom Fleck rühren, bis ich es euch befehle! Habt ihr das verstanden?“ Radik zö­gerte kurz, während die beiden Treuwächter aufgeregt nickten. „Sagt mir, habt ihr eine Dienerin des Serails gesehen? Ist sie hier vorbeigekommen? Ihr Sarê ist zer­rissen, schmutzig und blutbefleckt.“

Irta sah erschrocken an sich herab. Radik hatte recht: Ihre dünne Seidenkleidung unter dem dunklen Um­hang von Raul, den sie ihn ihrem Kämmerlein mitge­nommen hatte, hing nur noch in Fetzen an ihr herab, sie war verdreckt und tatsächlich voller dunkler Fle­cken, die nur getrocknetes Blut sein konnten. Sie sah schrecklich aus, das wurde ihr erst jetzt bewusst. In diesem Aufzug würde sie nicht weit kommen – beson­ders, nachdem die Palastrevolte offenbar schon wieder Geschichte und Ordnung eingekehrt war.

„Nein, Herr Auf … Seneschall! Hier ist seit der Abrei­se der lamargischen Delegation vor einigen Stunden niemand vorbeigekommen. Auch in den Räumlichkei­ten der Untervezire des Auswärtigen Diwans weiter hinten im Gang ist heute niemand anwesend. Bedenke …“

Der neue Seneschall winkte ab und sofort verstummte der Wächter. „Gut. Seid aber trotzdem wachsam und habt ein Auge auf alles. Ich werde dafür sorgen, dass ihr am Abend abgelöst werdet. Solltet ihr doch noch diesem Mädchen begegnen, haltet sie fest und bringt sie zu mir persönlich. Ich werde mich in meinen neuen Gemächern, die früher Aismek gehörten, aufhalten. Gebt nur mir Bescheid, ja? Habt ihr das verstanden?“

„Ja, oberster Hofmeister! Möge das Licht des Namen­losen immer über unseren Häuptern und besonders über deiner Glatze leuchten.“
„So … sei es“, erwiderte Radik und verließ murmelnd den Gang.

„Setet! – Puh! Dieses fette Schwein stinkt wie die Kloake hinter dem Haus des Gerbers Zithar“, sagte ei­ner der Wächter leise, nachdem er sicher war, dass Ra­dik außer Hörweite war. „Mögen ihm die Zähne verfau­len und unter Schmerzen ausfallen!“

Irta setzte sich auf die Pritsche. Hier war ihre Flucht erst einmal zu Ende. An den Wachen würde sie sich nicht vorbeistehlen können und es sah nicht so aus, als würde Radik, der genau wusste, dass sie sich hier ir­gendwo verbarg, die Treuwächter so schnell von den Gemächern für die ausländischen Delegationen abzie­hen. Zudem war sie barfuß und ihr geschwollener Knö­chel schmerzte immer stärker; sie hatte sich am Ende nur noch mühsam den großen Wendelgang hinunter in dieses Refugium schleppen können. Reine Willenskraft und die Hoffnung, sich doch noch in die Arme ihres Prinzen retten zu können, hatten sie noch aufrechtge­halten. Doch nun war sie hier erst einmal auf nicht ab­sehbare Zeit gefangen. Irta warf sich schluchzend auf das Lager und wickelte sich in den Umhang ein. Eine Weile hörte sie noch den Gesprächen der Wachen zu, die dem neuen Seneschall mit unermüdlichem Eifer al­les Mögliche und Unmögliche an den Hals wünschten, dann forderte ihre Erschöpfung ihren Preis und ein barmherziger Schlaf senkte sich auf ihre Lider. Die trä­nenreiche Barmherzige schenkte der Leidenden einen mitleidigen, wundervollen Traum von der vergangenen Nacht, die sie in den Armen ihres Geliebten begonnen hatte. Welch einen Unterschied hatte eine einzige, ent­setzliche Morgendämmerung bedeutet!

Doch nun lasst mich langsam zum Ende meiner Ge­sichte kommen, ihr überaus geduldigen Zuhörer! Aller­dings gibt es noch ein paar Dinge zu berichten. Irta verbrachte ein Dutzend Tage und Nächte in ihrem recht komfortabel ausgestatteten Versteck. Ihre weite­re Flucht wollte sorgfältig geplant sein, denn der Sene­schall Radik Emre, der sich sicher war, dass sie sich noch in den Mauern des Palastes befand, ließ weiterhin überall nach ihr suchen. Er musste Irta unbedingt aus­findig machen, denn er wusste, er würde auf dem Platz der Allbarmherzigen Eintracht gevierteilt und Kroko­dilfutter werden, wenn dem Namenlosen hinterbracht wurde, dass ausgerechnet sein neuer Seneschall es ge­wesen war, der dessen Mutter Adalante ermordet hat­te. Radik wusste, diese spontane Tat würde ihm der „Unterwerfer“ niemals verzeihen können, auch wenn er sie nicht nur ausgeführt hatte, weil Adalante eine un­versöhnliche Feindin gewesen war, die ihn nur mit Ver­achtung behandelt hatte, sondern weil er meinte, dass es für den neuen Herrscher ein viel besserer Anfang war, wenn er seine ersten unsicheren Schritte als Na­menloser von Karukora ohne die Lasten der Vergan­genheit beschreiten konnte. Der frischgebackene Sene­schall, der heimlich schon lange in den jungen Dagor verliebt gewesen war, setzt nicht nur wegen seiner ei­genen Karriere seine Hoffnungen auf ihn.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (11)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (11. Teil)

Doch Irta wusste es besser, sie hatte einen Plan. Ihr Ziel war der kleine, rückwärtige Garten, in dem die Statue des „Prächtigen“ stand, von der sie wusste, dass ihr Sockel einen Geheimgang enthielt, der in die Räumlichkeiten der Diplomaten an der Westmauer des Palastes führte. Raul hatte sie ja seit Wochen in jeder Nacht auf diesem Weg heimlich besucht und wieder verlassen. Er hatte ihr auch erzählt, wie man den Ein­gang in den unterirdischen Tunnel öffnete. Es musste ihr nur gelingen, durch das Fenster in ihrer winzigen Kammer in den Garten hinabzusteigen, dann konnte sie sich vor dem Beschnittenen in Sicherheit bringen. Radik wäre nicht so siegessicher und langsam ihren Fußspuren gefolgt, wenn ihm diese Fluchtmöglichkeit bekannt gewesen wäre.

Er schüttelte überheblich seinen kahlen Kopf über die Dummheit dieses Mädchens, das sich wie ein Mäuslein vor der Katze im nächstbesten Loch verkriechen wollte und erreichte eine Weile nach ihr pfeifend die Unter­künfte der Dienerinnen, als Irta am hinteren Ende des Flurs bereits ihre Kammertür zuschlug und diese von innen verriegelte. Meine Schwester wusste natürlich, dass das Schloss der aus halbierten Bambusrohren ge­fertigten Tür für ihren Verfolger kein größeres Hinder­nis darstellte und kaum einem festen Fußtritt stand­halten würde. Sie hatte sich also zu beeilen. Trotzdem verharrte ihr Blick viel zu lange auf dem ungemachten Lager zu ihren Füßen, das sie noch vor wenigen Stun­den mit ihrem Geliebten geteilt hatte. Eine einzelne, bereits verwelkende gelbe Rose, ein Brautgeschenk Rauls in dieser Nacht, lag neben dem Kopfkissen, in das noch immer die Kopfform des Prinzen eingedrückt war. Ach, es erschien Irta, als wäre dies alles in einem anderen Leben geschehen – so viel war inzwischen pas­siert!

Radik klatschte mit der flachen Hand dreimal von au­ßen gegen die Kammertür, die unter seinen Schlägen erzitterte. „Eins-zwei-drei. Hab ich dich!“, lachte er. „Als nächstes darf ich mich verstecken und du musst mich suchen.“

Irtas Herzschlag setzte einmal aus, aber der Schreck riss sie aus ihrer Selbstvergessenheit, durch die ihr wertvoller Vorsprung zusammengeschmolzen war. Eilig er­griff sie einen herumliegenden weiten Umhang, den sie sich überwarf, dann schwang sie sich auch schon mit den Beinen voraus seitlich auf die Fensterbank. Der Boden des Gartens lag erschreckend tief unter ihr. Was für Raul nur ein kleiner Sprung gewesen war, er­schien ihr wie ein Fall in einen Abgrund. Sie sammelte ihren Mut und schob auch den Rest ihres Körpers durch das enge Fenster. Dabei hielt sie sich mit den Händen ver­zweifelt am Rahmen fest.

Hinter ihr wurde die Tür ihrer Kammer mit grober Gewalt aus den Angel gerissen und flog zerbrechend gemeinsam mit Radik in den Raum. Der feiste Be­schnittene hatte sich mit seiner ganzen Körperfülle ge­gen die Tür geworfen. Mit einem Blick war er auf den Beinen und erfasste die Situation. Seine Hand mit dem Messer zuckte nach vorn, berührte aber Irtas Rücken kaum, denn im gleichen Augenblick stieß sie sich los und sprang hinab. Sie landete in der Blumenrabatte unter ihrem Fenster, die ihren Sturz ein wenig milder­te. Trotzdem knickte ihr linker Fuß um und sie fiel mit einem Schrei der Länge nach zu Boden, rollte in den Rasen. Radik zwängte seinen Kopf und seinen Ober­körper durch die Fensteröffnung, um ihr auf diesem Weg zu folgen, doch weiter kam er nicht, denn er war viel zu fett, um es ihr gleichzutun. Der Eunuch spuckte und geiferte zornige Verwünschungen. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn und zog sich zurück, rannte eilig aus der Kammer. Wenn er zu Irta in den Garten hinabwollte, dann führte ihn der kürzeste Weg rund um das Gebäude und dann durch die Waschküche. Irta hatte sich durch ihren mutigen Sprung ein wenig Zeit erkauft, doch sie musste sich beeilen. Es würde nicht sehr lange dauern, dann würde der vor Wut schnau­bende Radik bei ihr sein und ihrer Flucht ein Ende ma­chen.

Sie versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Knöchel trieb ihr Tränen in die Au­gen und vereitelte diesen Versuch. Frustriert schimpfte sie sich selbst für ihr Ungeschick und mit einer neuen Kraftanstrengung gelang es ihr doch, aufzustehen. Die Schmerzen waren dabei kaum auszuhalten, aber es gab keine Alternative, wenn sie nicht in die Hände des Tob­süchtigen fallen wollte. Auf einem Bein hüpfend und humpelnd näherte sie sich der als kleines Labyrinth angelegten Drillingsblumen-Hecke, in deren Mitte das Haupt der Statue des „Prächtigen“ emporragte und sie mit sehr abschätzigen und arroganten Blicken zu be­trachten schien. Als Radik vom Waschhaus kommend suchend den hinteren Win­kel des Gartens erreichte, war Irta schon hinter die mannshohen Büsche getaucht und für seine Blicke un­sichtbar. Es würde aber sicher­lich nicht sehr lange dauern, bis er ihr Versteck entdecken würde, denn es gab nicht viele Möglichkei­ten, sich in dem kleinen Park zu verbergen. Doch wäh­rend der Beschnittene sich aufmerk­sam und noch ver­geblich nach ihr umsah, hatte Irta trotz ihres ver­stauchten Beins genug Zeit, bis zum Zentrum des Tro­jaspiels vorzudringen, wo das steinerne Abbild des Na­menlosen von ein paar Marmorbänken umringt auf ei­nem etwa fünf Fuß hohen, achteckigen Sockel stand, auf dessen Seiten ab­wechselnd Steintafeln mit Arabes­ken und mit Szenen aus seinem Leben zu sehen waren. Das Kunstwerk war insgesamt von minderer Qualität und nicht ohne Grund an diesem ab­seits gelegenen Ort hinter hohen Hecken versteckt.

Hier war der Ausgang des geheimen Weges verborgen, der nahe der Gemächer der Diplomaten hinter einer versteckten Tür begann. Es war einer der Nachfolger des „Prächtigen“ aus der Adin-Dynastie gewesen, der ihn vor 600 Jahren hatte errichten lassen, um dezent und auf dem kürzesten Wege seine wilde Favoritin be­suchen zu können, die jedoch nicht im Serail bei den anderen Frauen lebte, sondern sich in diesem Garten in einer hölzernen Hütte vor den Augen der Welt ver­barg; einer Hütte, die es im Gegensatz zu der Statue heute längst nicht mehr gibt. Doch auch die Geschichte von Fanime, der Zuckerwölfin ist eine Geschichte, die ich in einer anderen Nacht erzählen will. Auf jeden Fall war der unterirdische Gang nach dem Bürgerkrieg, der die Bişra an die Macht schwemmte, vollkommen ver­gessen worden, bis ihn Raul zufällig wieder entdeckt und für seine Pläne benutzt hatte. Nun schien der Gang, der bisher nur Prinzen auf ihrem Weg von und zum Stelldichein mit ihren Geliebten gesehen hatte, Ir­tas Leben retten zu können.

Und welch ein Glück, dass Raul Irta erklärt hatte, wie man den Zugang zum Tunnel durch eine Geheimtür im Sockel von außen öffnen konnte! Er hatte es in einer Nacht getan, in der sie gemeinsam in dem Garten, der nur für die Liebenden zu existieren schien, lustgewan­delt waren und sich auf einem duftenden Lager zwi­schen den Hecken unter einem blauschwarzen Himmel geliebt hatten, der nirgendwo auf der Welt tiefer hängt als in der Wüste. Es hatte für Irta den Anschein ge­habt, die Sterne würden nur eine Handbreite über den Palmen und den Zinnen des elfenbeinernen Palastes im grundlosen Ozean der Nacht schwimmen.

Zum Öffnen des Sockels musste auf jeder der vier Sei­ten, die ein sehr einfach ausgeführtes Relief verzierte, das die Heldentaten des „Prächtigen“ verherrlichte, ein bestimmtes Symbol niedergedrückt werden. Dadurch wurde der Mechanismus ausgelöst, der das raffinierte Schloss entriegelte. Leider mussten diese steinernen Symbole, die nichts anderes als verborgene Schalter waren, in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt wer­den, damit das Öffnen klappte. Es waren die Herr­schaftszeichen und Wappenelemente des berühmten Namenlosen, also Sonne, Taube, Maske und Goldmün­ze. Irta wusste noch, dass sie die Taube zuerst nieder­drücken musste, die auf dem ersten der vier Reliefwän­de aller Welt die Geburt des neuen Namenlosen ver­kündete, aber wie sie weitermachen musste, hatte mei­ne Schwester in ihrer Aufregung vergessen. Kam da­nach schon die Maske oder doch zuerst die Münze? Ein Fehlversuch würde das Schloss komplett verriegeln, bis es jemand von innen wieder aufsperren würde. Das hatte ihr Raul erklärt und es würde ihre Flucht verei­teln. Sie wäre dem irren Radik wehrlos ausgeliefert, nachdem sie mit ihrem verstauchten Fuß nicht mehr in der Lage war, ihm davonzurennen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Beschnittenen, die so laut und deutlich zu verstehen war – ganz als ob er er be­reits hinter ihr stünde.

„Na, mein glutäugiges Häslein, in welchem Loch hast du dich denn verkrochen? Versteck dich nur gut, dann macht dem Fuchs die Suche mehr Spaß!“ Irta sah nach allen Seiten, aber Radik hatte den inneren Ring des Hecken-Labyrinths um die Statue herum noch nicht er­reicht. Jedoch war er nah – sehr nah! Sie konnte schon seine Ausdünstungen riechen und vermeinte bei seinen Worten seine feuchte Hand auf ihrer Schulter zu spü­ren.

Kurz entschlossen drückte Irta die leicht hervorste­hende Taube in das Relief hinein, die auch mit einem leisen Klicken einrastete. Der erste der vier Sperrbol­zen war gelöst. Sie kroch auf die andere Seite und ihr Finger verharrte zögernd über der Maske, die auf die­sem Relief über der Hand des Prinzen schwebte. Doch dann fiel es ihr siedend heiß ein: Als sie noch im Haus ihres Vaters gelebt hatte, hatte sie auf Wunsch eines ihrer Hauslehrer die schier endlose und langweilige Geschichte des Namenlosen in der Historia Derer Adini und ihrer An­verwandten Geschlechter lesen müssen. Darin hatte sich ein recht grausames Gedicht befunden, das über den „Prächtigen“ berichtet hatte:

Willst du die Zahl jener nennen,
die ich unter meinen Füßen zermahlte?
Willst du die Zahl der Münzen kennen,
die in meinen Besitz gelangten?
Dann sage mir die Zahl der Tränen,
die aus den Augen der Allerbarmerin rinnen.

Willst du die Zahl jener nennen,
die mich unter meinem Thron huldigen?
Willst du die Zahl der Jahre nennen,
die ich Karukora beherrsche werde?
Dann sage mir die Zahl der Tropfen,
die das Südmeer füllen.

Der „Prächtige“ hatte als junger Kronprinz zuerst ein märchenhaftes Vermögen bei seinen Feldzügen gegen die westlichen Barbaren errungen, bevor er sich die goldene Herrschaftsmaske der Namenlosen aufgesetzt hatte! Hektisch rollte Irta sich herum, hin zu der Seite, auf der der Namenlose dargestellt war, wie er in der ei­nen Hand eine Münze und in der anderen einen Sadji-Säbel jonglierte, mit dem er eben einige Feindesköpfe von ihrem Rumpf getrennt hatte. Irta hatte die zweite und die dritte Strophe des Gedichts verwechselt, wie ihr noch rechtzeitig in den Sinn gekommen war.

Nun machte sie alles richtig: Zuerst die Münze, dann die Maske. Nachdem sie zuletzt auch noch auf das Son­nensymbol gedrückt hatte, das der Namenlose auf der letzten Bildtafel mitten auf seiner göttlichen Stirn trug, klappte ihr die Wand des letzten Reliefs entgegen und gab einen tiefen Schacht frei, an dessen Rückseite eine angelaufene, metallene Leiter angebracht war. Sie führte senkrecht hinab in eine undurchdringliche Fins­ternis und Irta konnte nicht ausmachen, wo sie endete. Auf einem kleinen Sims an der Seite stand eine Later­ne, doch meiner Schwester blieb nicht die Zeit, diese anzuzünden und mit ihrer Hilfe ihren Abstieg zu be­leuchten, denn gerade, als sie sich mit dem Oberkörper hineinbeugte, um die erste Sprosse der Leiter ergreifen zu können, damit sie sich vollständig in den Schacht hineinziehen konnte, wurde sie grob am Fuß gefasst.

„Hab dich!“, rief Radik triumphierend. Irta trat zu Tode erschrocken mit dem heilen Bein nach hinten aus – und traf den Eunuchen durch einen rettenden Zufall mitten auf der Brust. Ihr Tritt war nicht allzu fest ge­wesen, aber er genügte, den Verfolger, der sich halb zu ihr heruntergebeugt hatte, nach hinten straucheln zu lassen. Dabei lockerte sich sein Griff und Irta kam wie­der frei. Bevor sich Radik wieder sammeln konnte, hat­te sich Irta ganz in den Schacht gezogen und die kleine Tür im Sockel der Statue fiel sofort hinter ihr ins Schloss, denn ihr innerer Öffnungs- und Verschlussme­chanismus war mit der obersten Sprosse der Leiter ver­knüpft, die unter Irtas Gewicht eine Handbreite nach unten kippte.

Für einen kurzen Moment, der sich für Irta wie eine Ewigkeit anfühlte, hing sie in absoluter Finsternis mit beiden Händen an dieser unzuverlässigen Sprosse über einer – wie sie sich einbildete – bodenlosen Tiefe. Dann fanden ihre Füße endlich ebenfalls auf der Leiter Halt. Bevor sie sich an den Abstieg machte, verharrte sie eine Weile und klammerte sich an das rostige, klebrige Metall, während sie darauf wartete, dass sich ihr ja­gender Puls wieder etwas beruhigte. Sie lauschte: Er­staunlicherweise war nichts von Radik zu hören. Es war fast so, als habe er nie existiert. Diese Stille mach­te sie jedoch nervöser, als wenn sie ihn fluchen und schreien gehört hätte. Hatte er wirklich so schnell auf­gegeben oder verschloss der Deckel diesen Schacht so fest, dass nichts von seinem Zorn darüber, dass ihm sein bereits gefangen geglaubtes Opfer in letzter Se­kunde entwischt war, an ihr Ohr drang? Während Irta lauschte und doch langsam ruhiger wurde, bemerkte sie, dass die Dunkelheit ums sie herum doch nicht komplett und absolut war. Von tief unter ihr drang ein wenig Licht durch den Schacht nach oben.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (10)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (10. Teil)

Der Regno wollte etwas Grobes erwidern, eine Beleidi­gung, die dieses generöse und überraschende Friedens­angebot zunichte gemacht hätte, aber Galves beugte sich zu ihm und flüsterte ihm erneut etwas zu, das ihn zu Vernunft zu bringen schien. Yves nickte und sah zu­rück zu seinen Rittern, die zwar alle von dem Kampf erschöpft waren, sich aber auf sein Wort hin mit dem Adlerlied der Freien Lamargue auf den Lippen in den Tod gestürzt hät­ten. Am längsten verharrte sein Blick auf seinem ver­wundeten Sohn, dem die Männer aus zwei Treuwäch­terpiken und in Streifen gerissenen Hemden eine pro­visorische Trage gebastelt hatten. Raul lag still und ohne Bewusstsein da, aber er atmete ruhig und gleich­mäßig. Wie sich später herausstellte, war die Kugel aus Dagors kleiner Waffe an einer Rippe abgeprallt und nicht tief in den Brustkorb eingedrun­gen. Seine Verlet­zungen waren nicht lebensgefährlich, aber der Blutver­lust aus dieser und der durch den Streifschuss am Arm verursachten Wunde hatte end­lich sogar diesen Bären von einem Mann niedergerun­gen. Irta hielt weiterhin zärtlich seinen Kopf und tupf­te ihm mit dem Ärmel die Schweißperlen von der Stirn. Yves sah ihr eine Weile dabei zu, dann seufzte er und wandte sich wieder zu dem Namenlosen.

„Mir ist in der Hitze des Gefechts entgangen, wer Adalante hinterrücks ermordete, doch ich stehe für meine Männer ein und schwöre den Eid eines Regnos, dass es keiner von ihnen war. Ich habe Adalantes Ver­stand und ihre Weisheit immer geschätzt. Sie war uns eine teure Verbündete und wir sind heute hier angetre­ten, um sie zu beschützen. Wahrscheinlich ist sie längst gerächt und ihr feiger Mörder liegt hier zertre­ten wie eine Wanze zu unseren Füßen.“ Er machte eine nachdenkliche Pause. „Du hast recht, Dagor, der du dich nun der Unterwer­fer nennst. Wir haben an diesem Morgen keinen Grund mehr, uns weiterhin zu bekämp­fen. Ich werde mich mit meinen Rittern zurückziehen. Die Delegation und ich werden bis Sonnenuntergang die Mauern von Karuko­ra hinter uns gelassen haben und auf den Karawanen­wegen gen Norden ziehen. Was später geschieht, wird uns die Zukunft weisen. Möge mich Maraia, die Trä­nenreiche, im Schlafe ersticken, wenn ich nicht die Wahrheit sprach.“

Ich sehe auf vielen Lippen meiner Zuhörer ein bitteres Lächeln. Ja, große Reden können sie in allen Überle­benden Landen schwingen, unsere hohen Herren. Und schnell schwö­ren sie bei ihrer Göttin, die ja eigentlich nur eine einzi­ge ist und sich niemals um die menschli­chen Dinge und ihre Eide kümmert. Aber auf diese Weise konnten sich beide Parteien ehrenvoll aus dem Kampf zurückziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Id­richson Galves und Paşha Ul­tem gaben ihren Männern bereits Anweisungen, sich zurückzuziehen, als sich der graubärtige Regno und der frischgebackene Namenlo­se noch der gegenseiti­gen Wertschätzung versicherten –, obwohl sie freilich insgeheim dem anderen die Blau­en Pocken an den Hals wünschten. Vier Ritter nahmen Raul an den Enden der improvisierten Trage hoch und traten mit ihrer Last achtsam im Gleichschritt zum Tor des Serails hinaus. Irta wollte ihnen selbstverständlich folgen und hielt sie mit einem Ruf auf, aber Galves er­griff sie beim Vorbeige­hen.

„Was, Kind, glaubst du da zu tun?“, zischte er, wäh­rend er sie fest am Arm hielt. Meine Schwester starrte die Schwalbe von Avríl verwundert an, doch obwohl ihr plötzlich war, als würde sich eine eisige Hand um ihr Herz schließen, antwortete sie gefasst:

„Ich folge meinem geliebten Mann in seine Heimat. Lass mich los, Soldat.“ Die Angst einer plötzlichen Er­kenntnis funkelte feucht in ihren dunklen, großen Au­gen. Galves senkte verlegen den Kopf und hob mitlei­dig die Augen­brauen. Seine Stimme wurde dunkler und sanfter:
„Mädchen, du warst uns eine große Hilfe, aber du bist dem Namenlosen untertan und kein Teil unserer Ab­machung mit ihm. Du kannst Karukora nicht mit uns verlassen.“ Er zögerte, denn die nächsten Sätze fie­len ihm schwer. „Deine Hoffnungen trügen dich. Du wirst niemals die Gattin des Thronfolgers der La­margue werden können. Das war ein schöner Traum, doch nun musst du aus ihm erwachen. Der Regno wird eurer Verbindung niemals zustimmen, denn Raul ist Dora Kahlja von Drybnisfelt versprochen, die er im Winter, wenn er hoffentlich von seinen Wunden genesen ist, ehelichen wird.“

Irta duckte sich unter den Worten von Galves. Jeder seiner Sätze war wie ein Peitschenhieb gewesen, der mit voller Wucht auf sie niedersauste und ihr tiefe, un­heilbare Wunden in die Haut schnitt. Sicherlich tat das Mädchen Galves leid, denn er war kein Unmensch. Aber er war ausschließlich seinem Regno verpflichtet, dem Rauls natürlich nicht unbemerkt gebliebenes Ha­remsabenteuer ein Dorn im Auge war. Auch das Glück der Tochter eines seiner tüchtigsten Spione und endlich auch das des jungen Prinzen hatte sich diesem Kada­vergehorsam, der keine Ausnahme duldete, unterzu­ordnen. Raul hatte das Gespräch belauscht und öffne­te plötzlich auf der Trage seine Augen.

„Irta, meine süße Wüstenblume …“, flüsterte er, rich­tete sich etwas auf und hob schwach seine zitternde Rechte. Dies war der härteste Schlag, den Galves vor­her vermieden hatte. Irta konnte es in Rauls Augen le­sen: Er stimmte der Schwalbe zu. Aber nein, sie musste sich täuschen. Das konnte einfach nicht geschehen! Sie war sich doch seiner Liebe und seiner Schwüre so si­cher. Irta riss sich von Galves los und fiel vor dem ver­letzten Prinzen auf die Knie. Verlegen senkte Galves seinen Blick noch tiefer.

„Raul! Sage diesem Mann, dass das nicht wahr ist! Du hast mir versprochen, mich mit dir zu nehmen. Ich meine, wenn ich nicht deine Frau werden kann, dann … dann nimm mich trotzdem mit mir“, erniedrigte sie sich vor ihrem Geliebten, der sie nur stumm betrachte­te. Helles, mit Tränen vermischtes Blut tropfte von sei­ner Nase. „Ich werde dir und deiner Frau Kahlja die­nen und mich nicht be­klagen. Es genügt mir, in deiner Nähe zu sein. Bitte …“ Sie schluchzte auf. „Raul, du liebst mich, das weiß ich. Und ich liebe dich. Ohne dich kann ich nicht leben!“, sagte sie weinend. Es war ein letzter Versuch, aber da hatte sie schon die Hoffnung verloren. Sie schwankte und ihr wurde schwarz vor den Augen. Sie erblickte in die­ser Dunkelheit ihr weiteres, schreckliches Schicksal.

Und der junge Prinz? Er schloss einfach wieder seine Augen und täuschte lieber eine weitere Ohnmacht vor, als sich länger mit Irta auseinanderzusetzen. Diese Feigheit erschütterte meine Schwester mehr als alles, was sie in der Nacht erlebt hatte. Sie bemerkte kaum, dass Galves neben sie trat und ihr mit einer vorsichti­gen Berührung aufhalf. Eilig gab er den Trägern, die die Szene mit versteinerten Gesichtern betrachtet hat­ten, ein Zeichen, Raul endlich fortzubringen.

Inzwischen hatte sich der erste Hof des Serails fast geleert und nur noch Galves und Irta standen zwischen den Leichen, die der Kampf gefordert hatte. Sie wur­den vom Tor her von Paşha Ultem beobachtet, der nachdenklich die Lippen spitzte. Doch es gab noch zwei Augen, die verborgen im Dunkel eines Hauseingangs auf die beiden starrten. Sie gehörten dem feisten Ver­schnittenen Radik Emre, dessen unversöhnlicher Hass geduldig auf seine Gelegenheit wartete, die er nun nä­herkommen sah. Schließlich lös­te Galves den Arm von Irta und trat zurück, folgte zö­gernd den anderen durch das Tor, das Ultem schulterzuckend hinter sich schloss.

Irta hatte weder die Anwesenheit noch das Fortschlei­chen der Schwalbe bemerkt. Erschüttert blickte sie weiterhin in ihr Inneres und auf den Scherbenhaufen, der von ihrer Liebe und von ihrem Leben übriggeblie­ben war. Sie stand lange so, während die Sonne immer höher stieg und mit unbarmherziger Wucht ihre Hitze in den Hof schleuderte. Der süßliche Duft des vergosse­nen Bluts hatte sich mit dem scharfen Brandgeruch zu einer Übelkeit erregenden Melange vermischt. Doch meine arme Schwester nahm den Gestank überhaupt nicht wahr. Sie fühlte sich hohl, leer, ausgebrannt und hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu weinen oder ih­rer Verzweiflung mit einem Schrei Ausdruck zu verlei­hen. Irgendwann wandte sie dann doch ihren Blick von dem inneren Abgrund ab und stellte fest, dass sie wie die Totengöttin Helda, an die die verrückten Hinder­söhne glaubten, inmitten eines Leichenbergs stand; als sei dies der schaurige Hofstaat, mit dem sich die barba­rische Helda umgab. Die meisten der Leichen, die um sie herumlagen, hatte sie gekannt. Es waren aus­schließlich Eunuchen und Diener von Adalante; die an­deren Opfer der Schlacht hatten ihre Kamera­den mit sich genommen. Die unheimliche Stille, die wie eine er­stickende Decke über dem Serail lag, dröhnte in ihren Ohren. Doch Irta war noch zu keiner Regung fä­hig, stumpf sah sie in die im Tode verzerrten Gesichter; Trauer, Entsetzen und Grauen waren ihr noch fern. Wie eine Schlafwandlerin begann sie, ziellos über den Hof zu wandern. Sie achtete nicht auf die in der Hitze stockenden Blutlachen und ihre nackten Fußsohlen hinterließen kreuz und quer Spuren auf dem ockergelb glitzernden Porphyr des Bodens. Sie schien etwas zu suchen; auch wenn sie selbst nicht wusste, was das war.

Nachdem Irta nach einer Weile gedankenlos und mechanisch wie ein eiserner Golem die Stufen zum Haus der Gattinnen emporgeschlendert war und vor dem er­starrten Körper ihrer Hohen Herrin verharrte, schien sie jedoch gefunden zu haben, nach was sie instinktiv geforscht hatte. Aus einem Winkel ihrer Seele, jenem Ort, an den sie sich zu ihrem Schutz zurückgezogen hatte, tauchten Erinnerungen auf, ließen sie Worte for­men und die traditionellen Gesten machen. Sie betete das Totengebet an die Allerbarmerin, so wie ihr Vater Alis es ihr in ihrer frühen Jugend in Avríl beigebracht hatte, damit sie es sprach, wenn sie mit ihm und mir das Grab unserer Mutter besuchte. Irta schloss in ihre Gebete nicht nur Adalante, sondern auch die anderen Ermordeten und Gefallenen ein. Plötzlich flossen ihre Tränen wieder so reichlich, als wäre sie ein mit Meer­wasser gefülltes Gefäß. So hatte sie für jeden Toten ei­nen salzigen Tropfen übrig, den sie klagend der Göttin opferte.

Jad al-voi Ba’alcha!“, hörte Irta einen lästerlichen Fluch in ihrem Rücken. Ihr stockte der Atem und sie fuhr herum. Hatten denn die Schrecknisse dieses grau­envollen Morgens noch immer nicht geendet, waren die Gefahren noch nicht vorbei? Wer stand mit ihr in die­sem Leichenhaufen und lästerte der Allerbarmerin? Sie kannte den Mann, der hinter ihr stand: Es war Radik Emre, der oberste Eunuch, der sich herangeschlichen hatte und Irta mit vor Hass brennenden Augen ab­schätzte. Er spuckte vor ihr aus.

„Das ist nicht wahr. Sta’Ach! Ausgerechnet du Dirne hast dieses Massaker überlebt – von allen Eunuchen, Frauen und Dienerinnen des Serails bist nur noch du am Leben? Was für eine Ironie!“ Er lachte irre und schüttelte den fetten, nackten Schädel. Die erlebte Ge­walt und das viele Blut um die beiden herum schienen ihn vollkommen wahnsinnig gemacht zu haben. Irta hatte in diesen Augenblick keine Angst vor ihm; sie stand noch jenseits solcher Gefühle. Doch sie wich in­stinktiv zurück, denn Radik hob nun das blutige, klei­ne Messer, das er fest in der Rechten hielt und deutete auf sie. Irta erkannte die Zusammenhänge:

„Du warst das!“, rief sie aus. „Du hast die Hohe Her­rin Adalante ermordet. Mögen deine Vorfahren auf ewig in der Gehenna schmoren. Wenn das der Unter­werfer erfährt, wird er dich vierteilen lassen und deine Reste seinen Krokodilen zum Fraß vorwerfen.“

„Oh, mache dir keine Sorgen, du kleine, billige Hure des lamargischen Prinzleins, davon wird niemand je­mals erfahren und die M‘Gaviâ werden hungrig blei­ben. Das ist ein kleines Geheimnis zwischen uns bei­den. Und du wirst es doch nicht ausplaudern – oder?“ Er trat näher. „Nein, ganz sicher nicht!“ Erst jetzt konnte Irta den schrecklichen Gestank riechen, den er wie ei­nen Mantel mit sich führte. Offenbar hatte er sich vor­hin im Kampf eingekotet. Sie war in ihrem Le­ben noch nie einem Menschen begegnet, der ihr so wi­derwärtig war; dabei so feige – und so gefährlich! Ge­gen ihn war ein Ifrit ein Freund!

Radik griff nach ihr und langte dabei nach vorne stol­pernd ins Leere. Sein Messer verfehlte sein Ziel. Irta hatte sich geschickt seines Zugriffs entzogen und schon flüchtend den halben Hof überquert, bevor er sich über­rascht nach ihr umsehen konnte. Ihre besudelten Füße patschten auf den Fliesen und hinterließen eine deut­lich sichtbare Spur. Meine Schwester rannte in ihrer Panik zurück in den Wohntrakt der Dienerinnen. Ein böses Lächeln erschien auf Radiks Gesicht, während er ihr langsam folgte. Er konnte sich Zeit lassen und seine kleine Jagd genießen, denn dieser Weg, den Irta einge­schlagen hatte, war eine Sackgasse, das wusste er. Der Beschnittene dachte ja, es gebe nur einen einzigen Ein­gang in das Serail – und das war eben das eiserne Tor, das er für die Meuchelmörder geöffnet und bei dieser Gelegenheit den ahnungslosen Wächter, der ihn ihm ei­nen Freund sah, hinterrücks ermordet hatte.

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