Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.5)

[Zum 1. Teil]

„Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. „Darf ich euch daran erinnern, dass wir es eilig haben? Welki ist in höchster Gefahr!“ Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den vorbeifahrenden Vespas und dem ekstatischen Glockengeläut, das Klammer wie einen Zahnschmerz in seinem ganzen mitvibrierenden Schädel fühlte.

„Ich weiß nicht, warum, aber Elena scheint immer wenige Probleme mit diesen Erscheinungen und Zuständen zu haben, wenn wir die Dimensionen wechseln“, bemerkte Marini nachdenklich. „Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr … Vielleicht liegt es an ihrem merkwürdigen Metabolismus.“

Klammer schüttelte nur den schmerzenden Kopf. Metabolismus! Er hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich sprach. Er wusste nicht einmal, was genau dieses Wort bedeutete. Und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife an immer wieder erscheinenden Déjà-vu‘s gefangen war! Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgewacht und hätte in seinem Bett in Augsburg das unbelastete Leben fortgesetzt, das er bis vorgestern noch selbstzufrieden und unwissend geführt hatte.

Als hätte ihn endlich eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei, endete das enervierende Vesperläuten und es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Menter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Vermutung: Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur für dein Landen geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und gleich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären nun alle Schwierigkeiten überwunden, alle Bösewichter geschlagen und das rätselhafte Abenteuer würde sein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt, fast wieder am Anfang seiner Suche. Er stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen und Geheimnissen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger saß nicht mehr auf seinem bequemen Sessel auf der Dachterrasse des Hotels. Auch im seinem Zimmer befand er sich nicht und hatte weder dort noch an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Niemand in Raphael hatte sein Weggehen bemerkt oder eine Ahnung, wohin er aufgebrochen war. Der fette Karl-Heinz Welkenbaum war mitsamt dem wertvollen Geltsamer-Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurde, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah, denn hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrgenommen hatte, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seine eigene Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten, schon lange offenen, Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herabhing. Ihrem Licht gelang es nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten, rohen Backsteinwände lagen im Dunklen. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sie sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebelten Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Raphaels in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und nebenzu viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträfling zu sein, war eine sepiafbraune Fotografie beigelegt gewesen, die ihm in den Schoß gerutscht war. Auf der Abbildung war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was Welkenbaum jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher, irgendeine KO-Droge, die ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt hatte. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch aus auf der Dachterrasse des Hotels beobachtet hatten.

[Zum 6. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.4)

[Zum 1. Teil]

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden, wie sich schützend einander zuneigenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln. „Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, nicht?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Ja, ich gebe es zu. Seit dem Sommer 1816 hat sich hier einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.“ 1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt war diese Frau?

„Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“, fuhr sie fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine im Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Sprache verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … transitiert. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in der näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die Lücke ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

*

Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

*

Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war ja sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiter hinvollkommen in mit ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen, denn ich dachte, er wäre dort sicher. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isabellachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag rettete, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen „Elena“ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden“, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte, was ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

„Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Das rote Haus – Die Illustrationen

Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

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