Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

Dennoch bleibt etwas zurück

Kunst1

Nikolaus Klammer, Blauer Schmetterling – Acrylfarbe auf handgeschöpftem Papier, 1984

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„So zwingt das Leben uns,
zu scheinen, ja, zu sein wie jene,
die wir kühn und blind verachten konnten.“
Goethe, Torquato Tasso

Dieses Gemälde habe ich heute unter einem Stapel von alten Texten, die ich schon seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen habe, begraben gefunden. Ich suchte eigentlich nach der Fortsetzung der Kriminalerzählung Das schwarze Urteil. Den Text fand ich leider nicht mehr vollständig (ich werde den Rest wohl nachdichten müssen, falls Interesse besteht), aber einige meiner Jugensünden, die ich der Welt ersparen und wahrscheinlich demnächst im Altpapiercontainer entsorgen werde – falls meine Sentimentalität das zulässt.

Dieses Bild jedoch –  auf von mir auf selbst geschöpftem Papier gemalt – an das ich ich keinerlei Erinnerung mehr hatte, löste eine Vielzahl von Gefühlen in mir aus – in der Hauptsache Bedauern. Es ist mit Sicherheit kein Meisterwerk, das ich da zwischen den grauen Ausdrucken meines ersten Theaterstücks auf „Umweltpapier“ (1), Gedichten und einem frühen Romanentwurf gefunden habe, aber es weist weit in die Vergangenheit in eine Zeit zurück, als ICH ein anderer war. Ein weit entferntes und fremdes ICH. Freilich, diese ICH-Schicht von damals gibt es noch, aber sie ist verborgen unter anderen Persönlichkeitsschalen, die über die Dekaden darüber wuchsen wie die Häute einer Zwiebel oder die Jahresrinden eines Baums. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir heute mein unausgegorenes und arrogantes Vergangenheits-ICH von damals sympathisch wäre. Mein früheres ICH wäre jedenfalls von meinem heutigen maßlos enttäuscht; da hatte es sich von seiner Zukunft mehr erwartet als den einigermaßen gutsituierten, aber vollkommen desillusionierten älteren Mann, der ich heute bin. Er hätte mich kühn und blind verachtet.

Mit Anfang 20 hatte ich für mich einen imaginären Anzug geschneidert, den ich für den Rest meiner Tage tragen wollte, den des „romantischen, larmoyanten und zynischen Künstlers“, des Hemingway-Schriftstellers. Der Anzug passte nirgendwo und zwickte beim Tragen. Am Bauch war er zu eng, an den Ärmeln zu kurz, an den Hosenbeinen zu lang. Sehr schnell wurde der Stoff an Knie und Ellbogen fadenscheinig und seine breiten Schulterpolster kamen aus der Mode. Aber ich konnte mich glänzend in ihm verstecken, selbstgefällig und überlegen auftreten, mich als das Genie ausgeben, das ich zwar nicht war, aber unbedingt und bald werden wollte. Wie viele „romantische Künstler“ besaß ich eine Doppelbegabung: Neben dem Schreiben hatte ich mich der Malerei verschrieben und dilettierte in beiden Kunstrichtungen fröhlich und von der Weltbedeutung meiner Werke überzeugt vor mich hin (Jonas Nix aus Die Wahrheit über Jürgen ist meinem damaligen ICH nachgebildet). Nicht von ungefähr zeigt das Gemälde oben einen „blauen Schmetterling“, weist auf Novalis hin und auf die Schönheit eines flüchtigen Moments. Auf die Wiedergabe des seltsamen Gedicht-Prosa-Zwitters, den ich auf der Rückseite des Kunstblattes fand und den ich damals für echte, tiefempfundene Lyrik hielt, verzichte ich an dieser Stelle voller Scham (2).

Doch schon bald kam in meinem Leben der Augenblick, an dem ich mich zwischen der Malerei und dem Schreiben entscheiden musste. Es waren die Jahre, in denen ich gezwungen wurde, mich mit der „braunen“ Schuld meines Vaters auseinanderzusetzen, der Frage, ob er ein Mörder war: „Die Väter genießen die Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ Ich schrieb über die Vergangenheitsbewältigung in der Nazi-Söhne-Generation meinen Roman Das Spiel, von dem ich hier bislang nur ein paar Bruchstücke veröffentlicht habe. Das Buch und sein Thema beschäftigten mich viele Jahre, ließen mich reifen. Die Literatur ist eine eifersüchtige Geliebte. Sie duldet keine andere Muse neben sich. Sie will den ganzen Menschen mit Haut und Haar und ich war ihr seit unserer ersten Begegnung leidenschaftlich verfallen. Das wollte ich wirklich und das will ich auch heute noch: In und mit und vielleicht auch von der Literatur leben. Danach habe ich mein ganzes Leben ausgerichtet, Schreiben ist mein Lebensziel und -zweck. Ich hatte keine wirkliche Wahl – die Literatur entschied sich für mich.

Dennoch (hier bewusst das weiche, bedauernde „dennoch“, nicht das trotzige, zornige „trotzdem“), dennoch bleibt etwas zurück, wenn ich meine frühen Versuche auf dem Gebiet der Malerei betrachte. Es ist eine nachgiebige, melancholische Stimmung; eine Nachdenklichkeit, die Erkenntnis, dass alles auch anders hätte werden können, mein Leben und damit ich selbst ein völlig anderer hätten werden können. Was wäre geschehen, wenn ich mich damals für die Malerei und die Lyrik entschieden hätte? Oder wenn ich einfach aufgehört hätte, Kunst zu machen? Wäre alles besser verlaufen? Das ist ein nutzloser Gedanke, wie das bunte Herbstblatt eines alten Baumes, das der Sturm endlich herabgezerrt hat und das nun wie ein toter Schmetterling im feuchten Dreck der grauen Straße liegt.

Ein kurzer bedauernder Blick sei mir jedoch vergönnt, dann gehe ich auch brav meinen einsamen Weg weiter …


(1) Gibt es das überhaupt noch, graues Umweltschutzpapier? Wahrscheinlich ist sie ausgestorben wie die Jutetasche und die Anti-Atomkraft-Buttons. Manchmal glaube ich, es sind mehr Dinge aus meinen jungen Jahren verloren gegangen, als neue in den späteren dazu kamen. Heute bekam ich von meinem Bruder eine Urlaubspostkarte vom Bodensee; er ist wahrscheinlich der letzte Mensch auf Erden, der kein Instagram oder Whats-App hat. Wann habe ich eigentlich die letzte Postkarte geschrieben? Vor fünf, vor zehn Jahren? Merkwürdig, man erinnert sich meist, wann man etwas zum ersten Mal getan hat, aber nie, wann man es zum letzten Mal tat. – Und ich habe jetzt überhaupt keine Ahunung, was diese Gedanken mit meinem Text oben zu tun haben …

(2) Also gut, weil ich so nett gefragt wurde:

Blauer Schmetterling

Heute schneit es direkt in mein Herz.
Heute ist die Straße glatt, die mich zu dir führt.

Heute dampft Nebel über den Böden.
Heute verliere ich meinen Weg im Schnee.

Heute liegt Kälte wie ein Leichentuch auf den Feldern.
Heute friert meine Seele, liegt nackt vor dir.

Doch schon morgen wird das anders sein.
Morgen bin ich dein Schmetterling,
tanze wie Staub in der Sonne,
flattere wie ein Lachen durch die Luft.

Morgen.

Antilopen – Ein Theaterstück (2. Akt)

Bis zum Ende. Achtung: Auch im 2. Akt tauchen Wörter auf und werden Handlungen beschrieben, die empfindliche Gemüter verletzen könnten! Das Stück ist nicht für Jugendliche geeignet (obwohl die heutzutage ganz andere Dinge gewöhnt sind).
Bitte nur auf eigene Verantwortung weiterlesen.

2. AKT.

ERSTE SZENE.

Antons Bude. Sein Wohnzimmer. An den Wänden hängen die gleichen Bilder wie im Lokal. Links ein Sofa, ein Couchtisch, ein paar Stühle. Rechts führt eine Tür ins Schlafzimmer. Anton hockt im Hintergrund vor einer Stereoanlage und durchwühlt seine CD-Sammlung. Manchmal zögert er bei einer Platte, legt sie dann aber wieder zurück. Die Mädchen sitzen auf dem Boden vor dem Sofa. Sie halten sich wieder an den Händen. Bernd steht vorn. Er liest einen Text von einem Blatt ab.

Bernd sehr pathetisch So stehe ich vor euch, mich zu rechtfertigen und muss doch Vorsicht walten lassen, damit mir meine Rede nicht zur Klage wird. Ihr habt recht. Wir achteten unserer Väter wenig: spotteten über die Worte, die ihnen die Weisheit riet. Wir belachten sie, die wir ehren sollten. Waren überzeugt, allein zu wissen, wie man richtig lebt. Dies war aber kein Verbrechen. Nur eine Schuld, die zu tragen uns unser Gewissen zwang. Ja. Wir waren jung und stolz. Roh oft. Eros Pfeile trafen uns so achtlos, dass die Scham mir Stille auferzwingt. Die Werte der Väter galten uns gleich. Wir schufen eigene. Wohl andere. Aber genau so tiefe und ehrfürchtige. Wir erkannten. Die Götter waren tot. Deshalb war unsere Ehrfurcht nicht ihrem Grabe. Wir hatten nicht Sorge um die Toten. Ihrer ist der Himmel. Wir kümmerten uns um die Lebenden. Das war unser Ziel. Es kann sein. Wir haben versagt. Es ist wahrscheinlich. Aber dies ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Bernd, Bernd, Bernd.

Bernd hebt warnend die Hand. Wenn ihr uns aber Verbrecher nennt. Weil wir zusahen, wie die Welt zugrunde ging. Die Welt, die ihr uns überreicht habt. So lasst euch sagen. Ihr hattet sie schon dem Untergang geweiht. Nie hätten wir unmündigen Kinder die Erde von dem Fieberwahn, der sie schüttelte, heilen können. Vielleicht das Fieber aufhalten. Wer weiß. Heilen? Nein. Gut. Wir haben versagt. Wir waren jung und unerfahren. Aber das ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Geht das. Noch lange so. Meine ich. Ach je.

Bernd zornig Wir hätten den Mächtigen, die eurer Welt entsprungen waren und sie sklavten, unsere Stirn bieten sollen. Wir hätten unseren Widerstand brüllen sollen. Aber der Zorn hatte unsere Stimmen heiser gemacht und eure Schulmeister uns gelehrt, stumm die Stirn zu senken. Aber das ist kein Verbrechen. Das ist unsere Schuld. Er verstummt mit einer dramatischen Geste, wartet auf Beifall.

Anton Der Künstler hat sich gerade für vierzig Euro den Kühlschrank gefüllt. Das ist deine Kunst? Bernd nickt eifrig. Weißt du. Das ist keine Kunst. Die hängt an den Wänden. Das ist blond. Das ist. Das ist.

Bernd Musst es nicht aussprechen. Hat mit deiner Verdauung zu tun. Stimmts. Spar es dir auf. Für deinen Monolog. Der fehlt noch. Dann sind wir alle durch.

Gitte steht auf, nimmt nun Bernd an der Hand. Komm. Du Künstler. Mir gefällt das. Ich mag volle Kühlschränke.

Sie zieht den Widerstrebenden durch die Tür ins nächste Zimmer. Anton und Steffi sehen den beiden nach.

Bernd Stimme aus dem Schlafzimmer Hat doch. Genau, was ich will. Und da sage noch einer. Brotlose Kunst. Frauen und Schokolade.

Gitte Stimme aus dem Schlafzimmer Sei still. Sei nett zu mir. Ich bin nett zu dir.

Tür fällt zu.

Steffi Ich liebe dich nur diese Nacht. Oh, oh, oh. I-gitte. Hab ich schon gesagt.

ZWEITE SZENE.

Anton spielt ein Stück von Pearl Jam an. Gefällt dir das. lauter Gefällt dir das. schreit Gefällt! Dir! Das!

Steffi Nein.

Anton Oh. Was dann.

Steffi Hm?

Anton stellt die Anlage ab. Was dann?

Steffi Nein. Und da sage einer. Ich hätte keinen Geschmack.

Anton Nein.

Pause.

Steffi Und du? Schreibst du?

Anton Wie Bernd? Nein. Na ja. Ab und an ein Gedicht. So ein paar Wörter, die nur mir Sinn geben. Ich nicht. Bernd schreibt. Ich habe geilen Stuhlgang. Ist das gleiche. Vom Ergebnis her. Abwischen. Runterspülen. Man befreit sich. Der Darm wird leer. Ein schönes Gefühl. Kennst du das? Du hast am Abend Bier getrunken. Das geht nur mit Bier. Viel Bier. Dunkler Doppelbock. Fettes Essen, reichlich Bier. Aber keinen Schnaps. Der Rausch muss allein vom Bier kommen. Das muss man können. Die meisten nuckeln an ihrer Halben ewig rum. Dann schaffst du es nicht. Du musst es auf den Punkt bringen. Schaum wegblasen. Ansetzen. Nicht schlucken, laufen lassen. Du musst ganz entspannt sein. Eins mit dir. Das Glas an die Unterlippe. Gemeinsam mit dem Kopf hoch. In den Nacken. Das Bier schwappt über. Es fließt die Speiseröhre runter. Gleitet. Ein Zen-Moment.

Steffi Nein. Zen. War mal. Als wir alle Buddhisten waren. Ist langweilig.

Anton Also gut.

Steffi Nein. Zen. Nein.

Anton Habs. Kapiert. Mein ich. Aber es ist wichtig. Du darfst dich von nichts ablenken lassen. Erst fett essen. Dann saufen. Vier Liter. Eine Viertelstunde. Mindestens. Geh dann sofort ins Bett. Bevor dich der Rausch wachhält und du den Rest des Abends aufm Klo bist. Am nächsten Morgen wachst du auf. Hast ein Riesending. Einen Mordsständer in der Hose. Meine ich. Weißt ja. Die Männer.

Steffi Zen. Ob Buddha? Oder Jesus? Eine Morgenlatte hatten?

Anton Egal. Das Bier drückt jetzt nach vorne. Das Essen nach hinten. Du darfst dich nicht eilen. Stehe langsam auf. Gehe langsam aufs Klo. Setz dich. Das ist der Moment. Der Stuhl ist ganz weich. Wie Schokoladenmus. Flutscht es. Raus damit. Das ist Befriedigung. Der absolute Stuhlgang. Keine Anstrengung. Es geht einfach. So stelle ich mir das unbewusste Schreiben vor. Es läuft. Und ist gut. Du weißt. Es ist gut. Da brauche ich sonst nichts. Nichts mehr. Aber perfekt ist nichts. Das Problem ist der Ständer. Wenn du auf der Schüssel sitzt. Er ragt darüber hinaus. Schmerzt. Aber erst pissen und warten. Das geht nicht.

Steffi Mach lieber wieder Musik.

Anton legt Nick Cave auf. Steffi sagt etwas, sie ist nicht zu verstehen. Anton geht zur Tür, öffnet sie einen Spalt. Späht hinein.

DRITTE SZENE.

Die Musik wird plötzlich so leise, dass man Steffi hören kann.

Steffi Ich muss es nicht sehen. Ich stell es mir vor.

Pause.

Kaum hatte sie ihre Beine geöffnet, sprang er schon auf sie. Drängte sich keuchend heran. Mit geschlossenen Augen. Zog die Oberlippe bis zur Nase hoch. Bleckte seine vorstehenden Zähne. Grotesk. Er sah wie ein fickendes Kaninchen aus. Sie hatte den Eindruck, er hatte sogar die Ohren angelegt. Sie biss sich fest auf die Zunge, um nicht zu lachen.

Die Musik wird wieder lauter. Steffi ist kaum zu verstehen.

Sein Plan war es offensichtlich, ihren Körper zu ignorieren und sich ausschließlich um ihr Geschlecht zu kümmern. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, ihre Brüste zu bewundern. Schon er in ihr. Und der Kerl fast hinterher.

Die Musik endet abrupt.

Ich könnte einen Sack über dem Kopf haben. Ach was. Wenn ich in Leinwand eingenäht wäre. Bis auf dieses kleine Loch. Er wäre genau so glücklich.

Steffi zögert, setzt dann noch einmal an.

Sie könnte einen Sack über dem Kopf haben. Wenn sie in Leinwand eingenäht wäre. Sie bewegt ihren Unterleib kaum, lässt ihn wühlen. Unterstützt ihn nicht. Aber sie klammert ihre Beine um ihn. Packt ihn mit einer Hand am Haarschopf. Fest. Zieht ihn gewaltsam zwischen ihre Brüste. Mit der freien Hand tastet sie nach dem Nachttisch. Öffnet die Schublade. Greift hinein. Umsonst. Auch hier ist kein Brief. Der Kerl verkrampft sich. Atmet zischend aus. Kippt zur Seite. Sie spürt feuchte Wärme. Sonst nichts.

Ein Schuss fällt. Anton springt zurück.

Anton Herr. Schaft. Nein.

Steffi deutet mit den Fingern eine Pistole an. Zwischen die Augen. Ich stelle es mir vor.

VIERTE SZENE.

Gitte kommt herein. Sie trägt nur Unterwäsche. In ihrer Hand hält sie eine Pistole. Ich war ganz in Ordnung. Ich habe Feuer. Schau mich an. Die mögen das. Ich habe Figur. Esse gesund. Gehe ins Studio. Zweimal. Mit Steffi spiele ich Squash. Einmal. In der Sauna schwitze ich. Regelmäßig. Schau doch. Das geht. Ich bin in Ordnung. Ich bin hübsch. Ich komme an. Meine Hüften. Na, die kann man sich absaugen lassen. Und dann gleich den Busen ein wenig größer. Nicht viel. Eine Körbchengröße reicht. Setzt sich neben Steffi. Ich spare schon jetzt Geld dafür. Für mich. Den Jungs ist das egal. Die interessieren sich nicht für meine Hüften. Die haben nur. Aber mein Bauch. Fühl mal, wie fest.

Steffi Ja.

Gitte Fest und warm.

Steffi Ja.

Gitte Lebendig.

Steffi Ja!

Gitte Geil!

Steffi Geil. Ja.

Gitte Aber die Jungs, die wollen. Ja. Ich bin in Ordnung.

Anton Die Waffe.

Gitte sieht auf die Pistole in ihrer Hand. Sie deutet mit dem Lauf auf Anton.

Gitte Die lag unter deinem Bett. In einer Schachtel. Ich habe eigentlich deine Pornos gesucht.

Anton macht einen Schritt zur Seite Die lag. Die ist ein Erbstück. Gut eingeölt. Mein Großvater war im Krieg. Ostfront. Das ist Standardausrüstung der Wehrmacht.

Steffi Erzähl.

Anton Es ist eine P38. Sie wurde von der Firma Carl Walther entwickelt. Die ersten Waffen wurden im August 1939 an das Heer ausgeliefert. Die Waffe ist 215 Millimeter lang, besitzt einen 125 Millimeter langen Lauf. Sie wiegt 0,94 Kilogramm. Leer.

Gitte Das Ding ist sauschwer.

Steffi Nicht die Waffe. Dein Großvater. Krieg. Der hat gelebt. Erzähl. Hat er. Ich meine Juden?

Anton unbeirrt Die P38 war viel einfacher zu fertigen. Unempfindlicher gegen Schmutz im Einsatz als die P8, das Vorläufermodell. Die Kugel hat am Lauf eine Geschwindigkeit von 355 Metern in der Sekunde, das Magazin fasst acht Schuß. Für die Waffe wurde auch ein Schalldämpfer geliefert. Den hab ich aber nicht.

Gitte Der Revolver ist geladen.

Anton Pistole. Es ist eine Pistole.

Steffi Gib.

Nimmt Gitte die Waffe aus der Hand.

Gitte Und entsichert. Das ist leichtsinnig.

Anton Habe ich eben nach dem Reinigen vergessen. Aber wer ahnt das schon.

Gitte Gefährlich. Und knallt ganz schön.

Steffi Die ist schwer. Macht Löcher. Steht auf, streckt wie in einem Krimi die Waffe mit beiden Händen von sich. Jetzt war sie am Zug. Sie sah Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. Ziehlt mit der Waffe auf Anton. Er hatte seine Chance gehabt. Er hatte sie verspielt.

Anton Du. Die ist entsichert. Und der Abzug geht ganz leicht.

Gitte Ich wollte gar nicht schießen. Ich wollte ihn nur erschrecken. Wie heißt er?

Anton Bernd?

Gitte Bernd. Ja.

Steffi An ihn hatte sie Jahre verschwendet. Immer war er ihr entwischt. Jetzt stand er vor ihr. Und machte sich in die Hose.

Anton tritt vorsichtig auf Steffi zu. Hör zu. Jetzt wird der Witz blond.

Steffi Einfach so in die Hose.

Anton Ein Gedicht habe ich geschrieben. Das letzte Mal auf dem Klo. Willst du es hören?

Steffi Er stank und wusste. Es war das letzte, was er in diesem Leben tun würde.

Anton Komm. Ein Gedicht. Wir lernen es auswendig.

Er macht noch einen Schritt, steht nun direkt vor Steffi.

Gitte Das ging einfach los. Ich fuchtelte rum. Bernd. Ja. ein netter Name, er passt zu mir.

Steffi zielt auf Antons Stirn Merkwürdig, denkt sie. So ein kleines Stück Metall kann einen Menschen wie ihn töten. Ich muss nur den Finger krümmen. Wieviele Muskeln bewege ich da? Wieviele Kalorien werden verbraucht? Ein Zucken. Er ist tot.

Anton Es ist ein schönes Gedicht. Er hebt langsam die Hand Es handelt von Liebe.

Steffi Sie hat ihn einmal geliebt, dachte sie. Aber es war eine Lüge. In dieser kalten Welt gibt es so etwas nicht. Gefühle aus zweiter Hand. Nur der Tod ist echt. Man kann ihn nicht wiederholen. Üben. Er ist nur einmal. Er ist wirklich. Er ist nicht langweilig.

Steffi drückt den Lauf auf Antons Stirn.

Gitte Ich muss was mit meinem Haar machen.

Anton flüstert stockend. Seht. Diese blinden Narren. Auf den Wiesen des Mondes. Sie tanzen. Ihr Leben hinweg. Längere Pause. Ihr Leben. Hinweg.

Steffi Peng.

LETZTE SZENE.

Bernd kommt zur Tür herein. Er ist angekleidet, hat aber sein Sweatshirt verkehrt herum an Na, was steht ihr hier? Na.

Steffi senkt die Waffe, gibt sie Anton in die Hand. father.

Anton yes son.

Steffi i wanna kill you.

Gitte mother.

Steffi i wanna fuck you.

Bernd singt this is the end.

Anton Hab ich irgendwo. Auf einer best of.

Geht zu seiner Anlage, beginnt zu suchen.

Bernd zu Gitte. Du hast ihm ein Loch ins Kopfkissen geschossen. Ich bin allergisch gegen Federn. Aber es war nett. Mal was anderes. Du bist in Ordnung. Und ich auch. Ich werde dir eine Geschichte widmen. Wie heißt du?

Steffi setzt sich wieder. Seufzt. Und jetzt? Was? Jetzt. Und jetzt. Was?

Anton Das Geistige allein ist das Wirkliche. Der Papst hat Angst davor.

Bernd Mal wieder. Die falsche Antwort. Gehen wir tanzen. Ja?

Vorhang. Die Anfangsklänge des Doorstitels „The End“ sind zu hören.

Gitte Stimme hinter dem Vorhang. 1968. Das war ein gutes Jahr.

ENDE

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt. Szenen 4 – 5, Zwischenspiel)

VIERTE SZENE.

Anton Jetzt kommt das Loch.

Steffi Das Loch? Erzähl.

Anton Nicht was du denkst. Das Verlegenheitsloch. Weißt. Das kommt. Immer. Gehört zum Spiel. Da müssen wir durch.

Steffi Erzähl mir doch vom Onanieren. Ich lang…

Anton So. Ich bin ein guter Erzähler. Aber was. Habe ich denn nicht alles gesagt?

Steffi Ist das wild? Ist das ehrlich? Ist das echt?

Anton Koketterie. Sollte man mit „c“ schreiben: Coquetterie. Ich bin selten. Ehrlich, meine ich. Ich gebe nur Antworten. Manchmal ohne Fragen, manchmal die falschen. Ich reagiere. Ehrlich. Du sagst es: langweilig.

Steffi Ich hasse dich.

Anton küsst Steffi auf die Wange. Entschuldige. Ich mag dich. Das ist wichtig. Vergiss den Rest. Ich habe mich entschlossen, ehrlich zu sein. Das ist der Punkt. Ab jetzt. Alles, was vorher war, vergiss es.

Steffi Jetzt bist du auch noch langweilig.

Anton Ich sag dir was. Du willst es hören. Du wartest drauf. Du sitzt nur deshalb hier. Sitzt da und wartest drauf. Aber keiner hat es dir gesagt. Bis ich kam, ehrlich, wie ich bin. Also. Du. Du bist es. Du bist langweilig. genießerisch. Ster-bens-lang-wei-lig. Gut. Ich hör auf, vergiss es. Wollte nur ehrlich sein. Ich habs dir versprochen. Du bist auf der miesen Tour. Ich mag dich, aber jetzt geh ich Scheißen. Das ist noch viel besser.

Anton geht ab. Schweigen.

FÜNFTE SZENE.

Steffi Ich bin allein. Jetzt erzähle ich. längere Pause. Sie musste reagieren. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie bald tot sein. Das Gesicht ihres Gegenübers verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Die Nerven lagen bloß. Der kleine Lauf seiner Pistole starrte wie ein Spanner auf das Piercing in ihrem Bauchnabel. Eine Unachtsamkeit. Darauf wartete sie. Wenn er nur eine Unachtsamkeit begehen würde! Sie würde ihre Chance nutzen.

Die Tür knarrte vom Wind, sein Kopf zuckte aufgeregt zurück.

„ Jetzt“, dachte sie, „jetzt.“

Sie riss ihr Bein hoch, schlug seine Waffe zur Seite. Ein Schuss pumpte aus dem Lauf, bohrte sich gipssprühend in die Wand. Die Pistole flog durch die Luft. Das andere Bein in die Höhe, in die Eier. Ein Tritt und es ist vorbei.

Er sackte zusammen, keuchend, Schaum vor dem Mund, das fette Schwein. Er ist hilflos. Verdammt, er japst.

Sie trat nach, in sein Gesicht. Etwas knirschte. Die Nase platzte wie eine Wanze unter ihren scharfen Pumps.

„Seine Waffe“, dachte sie plötzlich. Ein Schritt, ein Bücken, eine fließende Bewegung. Sie war schnell. Bevor er wieder zur Besinnung kam, hatte sie das ganze Magazin geleert.

Dann war Ruhe, sie hatte sich befreit.

Penibel untersuchte sie die gelochte Leiche. Aber den Brief fand sie nicht. Er hatte ihn nicht, er war der falsche. Die Suche ging weiter.

Pause.

Und ich sitze hier in einem Café. Ja, hast recht, undu ohne Namen. Ich bin langweilig und mir ist. Alles. Das. Es ist blond. Wo passiert es? Kann heute noch etwas kommen? Oder morgen? Oder überhaupt? Ich erdrücke mich selbst, aber ich kann. Was soll? Zum. Weil alle so. Ich sind. Fragen, weil nur die Frage, nicht die Antwort zählt. Man stellt fest. Sich fest. Langweilig. Ich sagte es schon. Selbst das ist langweilig. Bernd und Gitte kommen herein. Sie halten sich umarmt, bleiben vor Steffi stehen, küssen sich demonstrativ. Ist das alles? Morgen wollen sie sich nicht mehr kennen. Ich liebe dich. Oh, oh. Oh, ja. Oh. Nur diese Nacht. Mir ist laut zum Sterben!

Bernd Na? Noch immer das gleiche Thema? Wird es dir nicht? Ich meine, langweilig?

Gitte Macht es dir was aus, wenn wir. Ich meine, gehen?

Bernd zu Gitte. Zu dir.

Gitte Spinnst du? Meine Eltern.

Bernd Ich… hab auch Eltern.

Gitte Ja, dann.

Steffi lacht

Bernd Wo ist Anton?

Steffi Undu heißt Anton. Ja. Ist beim Scheißen.

Bernd Seine Lieblingsbeschäftigung. Er hat eine Bude allein. Vielleicht. Ich meine, bei ihm. Das müsste, auch wenn der das nicht mag. Ich muss ihn fragen. Dem schmiert man um den Bart, das geht. Anton ist ganz eitel. Frag ihn nach seinen Waffen.

Gitte Ich werde ganz lieb zu ihm sein. Weißt du, ich bin eine ganz Liebe. Mein Betragen ist tadelsfrei. Ich bin aufmerksam im Unterricht.

Bernd Habe ich bemerkt.

Gitte zu Steffi Oder versuchst es du? Ich glaub. Da läuft was zwischen euch.

Steffi Der Anton ist ein Arsch.

Gitte Gut.

Steffi Ja.

Gitte Du hast Geschmack.

Steffi Eben.

Bernd Verstehe ich das?

Steffi Er ist ein Arsch, aber du, du bist blond. Klar bin ich nett zu ihm. Wie kommst du zu so einem tollen Freund?

Bernd So toll ist er auch nicht. Alles Tünche. Und vieles von mir abgeschaut. Ne kleine Nummer. Der tut nur so.

Steffi Und du bist Bruce Wayne.

Bernd Wie ich ihn. Mein Gott, er saß, ich daneben. Gemeinsame Bekannte. So geht das. Wir mögen uns. Weil wir uns mögen. Das ist ganz einfach.

Anton kommt herein. Er setzt sich an einen anderen Tisch, redet dort mit Bekannten (Improvisation mit dem Publikum). Gitte, Steffi und Bernd beobachten ihn eine Weile, lauern.

Bernd Anton. lauter Anton!

Anton Gleich.

Bernd Sofort!

Anton Entschuldigt bitte. Meine Alte wird eifersüchtig. Kommt an den Tisch der anderen. Also, wo brennt’s?

Bernd Setz dich.

Anton Ich sitze.

Gitte Du bist ja einer.

Steffi Wie war’s denn beim Scheißen?

Anton Ihr wollt was. Ich merk das. Falsche Antwort. Nein.

VORHANG

ZWISCHENSPIEL.

Kellnerin steht vor dem Vorhang. Die anderen sind nur zu hören.

Kellnerin kommt nach vorn, schlüpft wie eine Tänzerin durch die Vorhangfalten, zwinkert dem Publikum zu. Ursprünglich hatten die Berge große Flügel. Sie flogen über den Himmel und landeten auf der Erde, wo es ihnen passte. Die Erde erzitterte dann und schwankte. Gott hatte irgendwann von den Erdbeben genug und schnitt ihnen die Flügel ab. Er machte die Berge an der Erde fest, damit diese endlich zur Ruhe kam und die Menschen nicht mehr erschraken. Die Flügel warf Gott hoch hinauf in die Luft. Aus ihnen wurden Wolken. Seit diesem fernen Tag sammeln sich die Wolken um die Gipfel der Berge und weinen. Schweigt und überlegt. Auf der Dokumenta hat ein Künstler mal die Zeit zu seinem Thema gemacht.

Bernd hinter dem Vorhang. On Kawara.

Kellnerin Klugscheißer. Als ob irgend jemand hier On Kawara kennt!

Bernd one million years (past and future), um genau zu sein.

Kellnerin Ja! one million years. So lange ist das. Aber das ist mein Monolog. Mensch, Bernd! Es ist der einzige, den ich habe. Im zweiten Akt, verstehst du, da komme ich nicht mehr vor. lauscht. Also. Da haben zwei Leute Jahreszahlen vorgelesen. Auf der Dokumenta. Abwechselnd. Jahreszahlen.

Bernd Beliebige Jahreszahlen zwischen neunhundertachtundneunzigtausendeinunddreißig vor Christus und eine Million und eintausendneunhundertfünfundneunzig. Der eine hatte die Zahlen vor 1970, der andere die danach. 1970 war der Knackpunkt. Warum? Frage ich mich.

Kellnerin Bernd! Du Arsch! Lass mich erzählen!

Bernd 230.354 vor Christus.

Anton 67.987.

Gitte 1993.

Steffi 654.744 .

Gitte lacht 1993, in dem Jahr bin ich geboren.

Kellnerin Dabei geschah etwas Interessantes. Manche Jahreszahlen stoßen das Gedächtnis an. Sie sind eine Markierung in der Zeit. Wie ein Berg.

Anton 1492.

Kellnerin Ja. Ein Künstler und seine Zeit. Die Zeit fliegt dahin. Heißt es. Aber das ist falsch. Der Standpunkt ist verkehrt. Es ist nicht die Zeit, die sich bewegt. Sie ist ein Monolith.

Steffi 654.745.

Kellnerin Ein Beispiel: Du sitzt in einem Zug. Der Zug neben dir fährt an. Kennst das schon? Du glaubst, du fährst, aber es ist der andere Zug. Anders.

Bernd 230.353 vor Christus.

Kellnerin Anders. Du siehst an einem Kamin hinauf. Die Wolken bewegen sich hinter ihm. Du meinst, der Kamin fällt um. Doch nicht er bewegt sich. Das ist nur Einbildung. Wie dein Zug. Er steht still. Wie die Zeit.

Gitte 1984. Orwell.

Kellnerin schreit Ist ja gut. Sie haben es kapiert.

Wendet sich ans Publikum.

Ihr habt es doch? Kapiert, meine ich? Gut. Gut. Weiter. Die Zeit ist ein Monolith. Wie eine lange Mauer. Du wirst an der Mauer vorbeigezogen. Ein kleines Stück weit. Glaubst, die Mauer bewegt sich, aber dein Standpunkt ist falsch. Die Mauer ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Die Zeit ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Du bleibst nicht gleich, du bewegst dich und du veränderst dich. Die Zeit. Nicht.

Bernd Ist ja gut. Sie haben es kapiert. Die Zeit steht still. Na und?

Kellnerin unbeirrt Zeit heißt Ortsveränderung. Wir gehen. Von hier nach dort. Nicht die Zeiten ändern sich. Wir ändern uns in der Zeit.

Bernd Na und?

Kellnerin Na und. Bald bin ich alt. Bald bin ich tot.

Steffi Gehen wir jetzt? Oder was? 654.746. 654.747. 657.748.

Anton singt in the year twentyfive-twentyfive.

Bernd fällt ein when man is still alive

Kellnerin Wir sind die Flügel. Die Zeit ist der Berg, um den wir kreisen. Und weinen.

Ab, winkt noch einmal.

[Zum 2. Akt —>]

 

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt – Szenen 1 – 3)

Antilopen

Personen: Bernd und Anton, zwei junge Männer * Gitte und Steffi, zwei junge Frauen * Kellnerin

Erster Akt: Ein Café in der Innenstadt

Zwischenspiel

Zweiter Akt: Antons Wohnzimmer

ERSTER AKT.

ERSTE SZENE.

Das Lokal ist mit kleinen Tischen eingerichtet, um die jeweils vier Stühle stehen. Seitlich verstauben ein paar vertrocknete Pflanzen, der Thekenbereich ist vom Publikum nicht einsehbar. An der Wand hängen numerierte Hobbymalerbilder. Im Hintergrund läuft eine CD mit schnulzigen Oldies (hey saint peter, a whiter shade of pale, nights in white satin, sailin’ etc.)

Bernd und Anton kommen zögernd von links, brauchen eine Weile, um einen Platz zu finden.

Bernd sieht sich um. Manchmal denke ich, man sollte statt der Bilder die Maler aufhängen.

Anton lehnt sich zurück Ich sitze.

Bernd Verstehe dich nicht. Red lauter.

Anton Weißt. Ist eh alles blond. Die Leute und so. Das ist alles Mist. Ich bin auch blond. Nicht in echt, klar. Als ob ich verstehe. Verstehst du? Nein, du hast gerade gesagt. Egal. Kleine Pause. Ich rede auch nur. Die Luft muss in Bewegung bleiben. Was sagt man, wenn man nichts. Absolut nichts. Ich wiederhole. Egal. Mein Vater sammelt Pornohefte. Heimlich. Klar. Ich habe sie ihm früher geklaut. Weißt du, ich kann mir nichts Geiles im Kopf vorstellen. Da ist alles schwarz. Ich muss es sehen, sonst kommt es mir nicht. Meine Mutter hat mich erwischt und gemeint, die Hefte hätte ich mir vom Taschengeld geleistet. Er war fein raus, der Vater. Hat sich nie beklagt.

Bernd Tragisch.

Anton Ich wusste auch nie, was ich mit den. Unterm Bett ein Stapel. War blond. Zur Kellnerin, die schon eine Weile wartend neben ihm steht. Kaffee.

Bernd Das Selbe mit Milch.

Anton Wie geht’s?, fragte er und lachte. Lacht.

Bernd Verwirrt über die plötzliche Frage sah er sich hilfesuchend um. Sieht sich hilfesuchend um. Dann sagte er: Ich lebe. Das ist verdammt viel. Mehr, als ich erwarten kann.

Anton Geschwätz.

Bernd Er ist entrüstet. Sagt. Tiefere Gedanken waren dir schon immer ein Greuel. Wie schaffst du es? Viele halten dich für klug.

Anton Mimikri. Perfekte Anpassung. Fällt nicht weiter auf. Ehrlich, mein IQ unter neunzig. Aber immer eine auswendig gelernte Antwort auf den Lippen, die zwar wahllos fällt. Die Trefferquote ist hoch. Danke, Wahrscheinlichkeitsrechung. Meist ist es richtig. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Bernd Tust du noch etwas anderes, als dich über mich lustig machen? Ich meine irgend etwas Menschliches?

Anton Ich kann unglaublich gut scheißen.

Bernd Du bist ordinär. Bäh! Wenn du ordinär bist, bist du einfallslos.

Anton Ich bin nicht ordinär. Wie schreibt man das? Meine Verdauung ist einfach klasse. Sie ist in Ordnung. Ich versuche. Das beschäftigt mich eben. Jetzt kenn ich mich. Ordinär, ha! Erhaben. Separat vom Normalen. Heilig.

Bernd Erzähle. Anton schweigt. Okay. Ich versteh schon. Dann eben ich. Eine klare Antwort kann ich mir geben. Zwei Sätze bilden einen klaren Sinn. Heute war ein harter Tag. Obwohl ich nicht in der Uni war. Trotzdem. So ein Haushalt macht eben viel Arbeit. Ich möchte wissen, wann ich lernen soll. Ich habe heute für 40 eingekauft. Der Kühlschrank ist voll. Ob das reicht? Heute ist Donnerstag. Das Wochenende lang. Und weit. Ich habe Brot, Käse und Butter. Und Schokolade! Gespannte Pause, aber Anton reagiert nicht. Die war billig. Im Sonderangebot. Egal, was sie kaufen. Sie liegen immer richtig. Sie können gar nicht falsch. Greifen sie zu. Occassion. Einmalige Rabatte. Ich bin so drin im Kreislauf. Fühl mich wohl. Kaufe Schokolade. Du, ich mag Schokolade gern. Mit Nüssen. Sie ist wie Regen im Winter, wenn du weißt, was ich meine. Lyrik, halt Schokolade. Das Wort drückt alles aus. Ich werde das ganze Wochenende Schokolade essen.

Anton Ich habe erst gestern.

Bernd Ich freue mich auf das Wochenende. Aber heute ist erst Donnerstag.

Anton Onaniert.

Bernd Dein Thema Nummer Eins.

Anton Thema Zwei. Zuerst kommt meine Verdauung.

Bernd Bei mir die Frauen. Noch vor Schokolade. Sind die süß.

Anton Sag. Was ist das? Frauen? Manchmal frag ich mich. Nicht nötig. Meine Mutter war ein Mann. Die Kellnerin bringt die Getränke, klopft Anton auf die Schulter.

Kellnerin Wie geht´s?

Anton Die Scheibenwischanlage war kaputt.

Bernd Was?

Anton Die falsche Antwort, Entschuldigung. Manchmal habe ich die falsche Antwort auf der Zunge. Es ist ein Kreuz mit der Stochastik. Kellnerin ab.

Bernd  Du bist schon ein selten blöder Hund, behauptete er.

Anton Ich hätte noch einmal eine falsche Antwort, antwortete er trocken.

ZWEITE SZENE.

Zwei Mädchen kommen von links. Sie halten sich zu Anfang an den Händen, sehen sich suchend um und setzen sich dann an einen leeren Tisch neben dem der Jungen. Sie setzen sich so, dass sie Bernd und Anton im Auge behalten können. Vieles von dem, was sie sagen, scheinen sie an den Nebentisch zu richten.

Steffi Mir ist langweilig.

Gitte Wem nicht?

Steffi Mir ist buchstabiert l-a-n-g-w-e-i-l-i-g.

Gitte Gehen wir doch zu mir. Noch ist nichts bestellt. Ich habe eine CD von Cohen, eine neue. Immer wenn ich Cohen höre, kriege ich eine miese Stimmung. Dann ist mir Weltschmerz, dann bin ich geknickt, traurig. Nur wer die großen Gefühle kennt, kann die kleinen genießen. Ich mag das. Und so viel mehr. Ich lache gerne. Ich bin erwachsen und. Du hast recht. Langweilig. Das bin ich. Kurze Pause. Ich bin rothaarig. Rotblond eigentlich. Ist dir das schon aufgefallen? Das ist in. Ich brauche mir die Haare nicht zu färben. Mach ich eh nicht gern. Das macht die Haare kaputt. Und dann muss ich mir die Spitzen schneiden lassen. Ich hasse das. Als ich das letzte Mal war. Ich denke mir anschließend, da stimmt was nicht. Ich nehme ein Lineal. Messe vom Scheitel nach. Drei Zentimeter! Sauerei. Mein Gott, was fällt denen ein! Entstellt. Links zu kurz. Die erlauben sich alles. Dafür zahl ich. Kurze Pause. Ich habe beim ersten Mal geblutet wie ein Schwein. Wir mußten die Laken waschen, damit es meine Eltern nicht merkten. Kochwäsche, neunzig Grad. Alles ist eingelaufen, aber der Fleck in der Matratze blieb. Ging nicht raus. Meine Mutti hat nichts gesagt. Der Andi ist nett. Ein Freund von mir. Immer noch. Manchmal treffe ich ihn.

Steffi Mir ist langweilig. L-a-n-g-w-e-i-l-i-g.

Gitte Sprich doch die Jungs da an. Schauen eh dauernd her. Ach so, heute ist Donnerstag, nicht? Schon klar, aber man kann Ausnahmen machen. Ich rufe daheim an. Die verstehen das. Meine Mutti sagt nichts. Dann probiere ich es mit den Jungs. Oder lieber vorher. Und dann anrufen. Falls es nichts wird. Was meinst du?

Steffi Langweilig.

Gitte Ja. Findest du? Ich bin schwer in Ordnung. Viele mögen das, wie ich bin. Mein Gesicht ist auch in Ordnung, irgendwie. Nicht. Die Nase. Ja, die wirkt. Komm, ich habe Erfolg. Ich bin rotblond. Das kommt an.

Steffi lall-langweill-lall- langwie? Lang-weilig.

Gitte Mein Problem sind die Hüften. Die könnten. Ein bisschen weniger wäre. Du weißt. Die Hüften. Die habe ich von Mutti, was soll ich machen? Die sind so hässlich. Was soll ich tun? Ich mag meine Hüften nicht. Sie sind dick.

Steffi ja. Sie sieht auf.

Gitte Richtig dick.

Steffi Ja.

Gitte ordinär.

Anton dazwischen Was heißt eigentlich ordinär?

Steffi Ja.

Gitte fett.

Steffi Ja.

Gitte widerlich.

Steffi Ja.

Gitte Geil!

Steffi schreit Ja!

Gitte Nicht so laut. Braucht nicht jeder zu wissen.

Steffi Ich liebe dich. Sie streicht Gitte über das Haar.

Gitte Ich weiß. Fettig, nicht? Ich muss es ständig waschen. Aber trotzdem. Nach nur einer Stunde. Fettig! Wie meine Hüften.

Steffi lang, lang, lang. langweilig.

DRITTE SZENE.

 Bernd tritt an den Tisch der Mädchen.

Bernd Dir ist langweilig.

Gitte Setz dich doch.

Anton ruft herüber. Ich sitze.

Bernd Achtet nicht auf den. Der spinnt. Der ist blond.

Anton Ich höre zu.

Steffi Ja.

Gitte Ich bin heute gut drauf. Setz dich doch. Ich heiße Gitte.

Bernd Und du?

Steffi I-Gitte. Ja. Undu.

Bernd Bernd. Was ist dein Sternzeichen? Setzt sich.

Gitte Ich bin Widder. Mein Horoskop für diese Woche: Ich habe mich in den vergangenen Monaten so überanstrengt, dass gesundheitliche Störungen nicht ausbleiben können. Nur mit eiserner Disziplin und einer Umstellung meiner Lebensweise komme ich wieder auf die Beine. In der Partnerschaft setze ich alles auf eine Karte und mache aus meinen Gefühlen kein Geheimnis. Im Beruf bleibt die Woche ohne Probleme.

Bernd Und du?

Steffi Ich bin Antilope. Undubernd.

Anton Ich bin Antilope. Setzt sich nun ebenfalls an den Tisch der Mädchen. Antilope ist ein gutes Sternzeichen. Das Beste.

Gitte Du willst mich doch verarschen.

Bernd Ich will leben. Das ist das Einzige, was ich will. Das ist schwieriger, als man glaubt.

Gitte Erzähl.

Steffi Mir ist langweilig.

Anton Das Gegenteil von langweilig ist kurzgehig. Lacht. Das ist grotesk. Aber ein schönes Wort: kurzgehig. Mir ist kurzgehig. Gehst du auch kurz? Die unerträgliche Kurzgehe.

Bernd gleichzeitig. Ich will Leben. Nicht zum Bund oder so, nicht Geld verdienen, den Scheißkram, heiraten. So ein Mist, das ist blond. Das alles. Davon habe ich genug. das ist so kompliziert. Leben ist viel einfacher, viel besser. Denke ich.

Gitte Bist du ein Künstler?

Bernd Ja. Anton lacht schallend.

Gitte Und du?

Anton Ich züchte Joghurtkulturen.

Steffi Ja. Undann.

Anton Und dann verkaufe ich sie.

Steffi langw…

Anton Sehr. That’s life.

Gitte zu Bernd Du bist nett. So ruhig und seltsam. Magst du Cohen?

Bernd Ich sage ja, weil ich will, dass du nett bist. Aber eigentlich finde ich ihn zum Kotzen.

Gitte Das ist es, was mir an ihm gefällt.

Kellnerin tritt an den Tisch. Sitzt ihr jetzt hier?

Anton Ich sitze.

Bernd Witze werden nicht besser, wenn man sie oft wiederholt.

Kellnerin Soll ich noch etwas bringen?

Steffi Salomes Kopf.

Kellnerin Was ist mit euch los? Spinnt ihr?

Anton Quatsch. Anmache. Kellnerin nickt wissend, ab.

Bernd Erst gestern habe ich einen alten Dokumentarfilm über den Ingeborg-Bachmann-Preis gesehen. Klagenfurt. Da komme ich auch mal hin. War alles echt. Die armen Autoren, die. Verstehst du? Eine harmlose Geschichte. Gutgläubig. Dann kommt der Verriss. Von diesem fetten Kerl. Wie heißt er gleich? Schrecklich. Ich hätte mir nicht die Stirn aufgeschnitten, ich hätte den Kerl vergewaltigt.

Gitte Tragisch. Was sagst du eigentlich?

Anton Ich bin inzwischen so weit, daß ich zufrieden onanieren kann. Wenn ich jetzt mit einer Frau schlafe, habe ich immer das Gefühl, ich würde jemanden betrügen. Als ob ich mit einer festen Freundin zusammen wäre.

Gitte Du liebst dich zu sehr.

Steffi interessiert. Wie ist das?

Bernd Bitte. Sei still. Das muss doch nicht.

Anton zu Steffi. Ich meine, er ist nicht groß, eher mittel, ach, eigentlich genau richtig für mich. Ich lange ihn gerne an. Das ist ein gutes Gefühl. Fähig. Total. Ich erlebe den Orgasmus auch intensiver allein. Das ist ehrlich wild. Total.

Bernd Halt doch dein Maul.

Steffi zu Bernd. Undu bist langweilig. Ich mag ich nicht.

Anton Verstehst du? Klar, verstehst. Das ist einfach wilder. Ehrlicher. Es gab mal. Es war. Einmal. Machmal. Es ist eben gut. Aber dazu muss ich Pornohefte kaufen. Ohne ist es zum Kotzen.

Gitte Möchtest du gerne zuschauen?

Anton Nein, das ist es nicht. Ich muss allein sein. Und ich brauche die glänzenden, geruchsfreien Fotos. Stille. Die brauche ich. Bewegungslosigkeit. Zur Konzentration. Die dürfen sich nicht bewegen. Ich darf mich nicht ablenken. Durch Geräusche. Licht. Schlimm.

Steffi Wann hast du dich zuletzt betrogen?

Bernd Interessiert euch das? Ehrlich? Ich finde es nur zum Kotzen. Darüber spricht man doch nicht. Hinlegen und kotzen. Aber immer noch besser, als wenn er von seiner Verdauung spricht. Steht auf. Entschuldigt mich. Ich hab nen Termin.

Gitte steht ebenfalls auf. Wir haben den gleichen Weg.

Bernd verwirrt. Ich muss bloß aufs Klo.

Gitte hakt sich bei ihm unter. Ein Stück weit. Ich geh nicht gern allein.

Anton zu Bernd. Wenn du nicht ständig schlucken würdest, liefe dir der Speichel aus den Mundwinkeln.

Bernd Depp, blonder!

Bernd und Gitte gehen ab. Schweigen.

[Zum nächsten Teil —>]

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