Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 28.09.19 – Enthülltes

Samstag, 28.09.19
Ich glaube, eines meiner Killkenny gestern im Pub war schlecht.
Es kann aber auch an den 4cl Caol Ila liegen, dass ich heute nicht so ganz auf der Höhe bin.

*

Um noch einmal auf meine Gedanken über Künstlernamen zurückzukommen:

Wie auch die Schauspieler benutzen sehr viele Autoren welche; durchaus auch aus dem Grund, weil der eigene, den man Eltern und Vorfahren verdankt, nicht eingängig, hässlich oder einfach lächerlich ist.(1) Jemand wie ich, der sein ganzes Schülerleben den Spitznamen „Knödel“ ertragen musste, kann davon ein trauriges Lied singen. Manche Künstler verwenden auch mehrere Pseudonyme, je nach Lust und Laune – oder besser gesagt -, je nach Werk, das sie veröffentlichen. Dieser Zug ist bereits abgefahren, aber das hätte ich vielleicht auch machen sollen. Denn die stilistische Vielfalt meiner Literatur macht es meinen potentiellen und auch tatsächlichen Lesern schwer, den Nikolaus Klammer, der mit den Brautschau-Romanen unterhaltsame und spannende Fantasy schreibt, mit dem Nikolaus Klammer, dessen Jahrmarkt-Zyklus klassische Belletristik ist, unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt noch die Geltsamer-Reihe, die sich irgendwo zwischen historischem Roman, E.T.A. Hoffmann, Kafka und SF ihren ganz eigenen Platz sucht.(2) Eigentlich wäre es besser gewesen, ich hätte für diese Romanprojekte jeweils einen anderen Autor erfunden; für Brautschau vielleicht Erin Athavar(3) und für den Jahrmarkt Rainer Maria Hauser. Kann sein, dass sich die einzelnen Reihen dann besser verkaufen würden.

Die Anfangsseite meines Augsburg-Romans, den ich vor 25 Jahren als Toni Kappnath geschrieben habe.

Ich hatte übrigens schon einmal ein anderes Pseudonym, als ich 1994/95 zusammen mit dem Augsburger Künstler und Architekten Claus M. Scheele (Nein, dieser Name ist weder erfunden noch ein Alias) die Heimatromanreihe „Augsburg-Chronik“ plante, die leider nie verwirklicht wurde, weil der Haupt-Geldgeber überraschend absprang. Das Projekt war da bereits weit fortgeschritten und ausgearbeitet und wir waren schon seit Wochen in Vertragsverhandlungen. Geplant war ein einmal im Monat erscheinender Heftroman, der neben einer interessanten Handlung auch eine ganz spezielle Chronik von Augsburg erzählen und sich über Werbung auch innerhalb des Textes finanzieren sollte. In die Fiktion, die ich alleine übernahm, wollten wir tatsächliche Ereignisse und Personen der Augsburger Gesellschaft einbinden. Für die ersten Hefte war eine Kriminalhandlung geplant, in der eine Gruppe von Terroristen (die Augsburger Separatisten-Organisation ASO) den Bürgermeister entführen will, um für ihre Anliegen (Augsburg wieder freie Reichstadt, Einführung des Fuggertalers „Fuggerle“ als Zahlungsmittel, mehr Parkplätze in der Innenstadt, keine Verkäuferinnen aus Sachsen an der Aldikasse, etc.) Öffentlichkeit zu bekommen. Die Hauptfigur Sebastian Rudler erfährt zufällig von ihren Plänen, versucht sie zu durchkreuzen und verliebt sich in eine der Terroristinnen. Der Autor und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Arno Löb übernahm dann später teilweise unsere Idee und schrieb unter dem Namen Peter Garski seine Augsburg-Krimis.

Ein paar Seiten vom Projekt-Konzept.

Damals nannte ich mich Toni Kappnath. In der vom ersten bis zum letzten Satz gelogenen Autorenbeschreibung im Konzept, das dem Vertragsentwurf beilag und das ich heute noch besitze, hieß es über ihn:

Toni Kappnath, geboren am 12.12.1958 in Dießen a. A.; lebt seit seinem 12. Lebensjahr in Augsburg, alleinstehend. Er arbeitet als selbstständiger Übersetzer und Informatikdozent. Seit 1980 ist er unter verschiedenen Pseudonymen (!) literarisch tätig. Er veröffentlichte 1988 im Augsburger Maroverlag den Roman Weißenstein(4), der von Presse und Feuilleton sehr positiv aufgenommen wurde. Seither Mitarbeit an Literaturzeitschriften, Essays (Das Ende der Poesie), Theaterstücke, Kurzgeschichten. Toni Kappnath ist der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Das wird sich durch die „Augsburg-Chronik“ ändern.

Daraus wurde nichts, wie gesagt; Toni Kappnath vulgo Nikolaus Klammer ist noch immer der vielleicht begabteste und gleichzeitig der unbekannteste Augsburger Autor. Kappnath hat es immerhin noch in meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ geschafft, heißt dort allerdings mit Vornamen Stefan. Weil mir gerade danach ist, gibt es in den nächsten Tagen hier auf meinem Blog ein paar kleine Ausschnitte aus dem Probekriminalroman, den ich damals für das Augsburg-Chronik-Projekt schrieb, damit die Geldgeber eine Vorstellung hatten, was sie erwartete. Der Augsburgkrimi hieß reißerisch

Terror in Klein-Venedig – Rudler in den Klauen der ASO!

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(1) Es gibt auch noch andere Gründe, seine Identität zu verbergen. Als z. B. Honoré Balzac mit seinen Büchern endlich Erfolg hatte, verwendete er als Autor in der Regel zwar durchaus den eigenen Namen – vom kess hineingeschmuggelten Adelstitel de einmal abgesehen -, wohnte aber als M. de Peugnol in seinem Pariser Haus in der Rue Raynouard, um seinen Gläubigern und seinen hysterischen Fans zu entgehen. Heute, in den Zeiten von Einwohnermeldeamt, Yellow Press und Internet, würde ihm solch eine Mystifikation allerdings wenig bringen.

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich im Stile der Radioessays von Arno Schmidt einen bislang unveröffentlichten Text über Balzac geschrieben habe und ich ihn für den großartigsten Autor aller Zeiten halte?

(2) Die auf fünf Teile ausgelegte Trilogie Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ist übrigens das bei Lesern und Kritikern beliebteste Werk von mir. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich die beiden Abschlussbände erscheinen. Ich plane auch noch ein Prequel für die Trilogie, in dem von E. A. Poe der Mord an Goethe und Schiller aufgeklärt wird.

(3) Ein Künstlername, bei dem nicht einmal klar ist, ob eine Frau, ein Mann oder jemand Diverses dahintersteckt, ist gerade für phantastische Literatur ideal.

(4) Weißenstein. Das ist ein toller Titel für ein Buch, fällt mir auf. Dahinter kann sich alles verbergen: vom Berg-, Arzt- und Schicksalsroman über Historienschinken, vom Gesellschaftsdrama bis zum Elfenkrimi. Ich beanspruche hiermit das Copyright.

Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

Dennoch bleibt etwas zurück

Kunst1

Nikolaus Klammer, Blauer Schmetterling – Acrylfarbe auf handgeschöpftem Papier, 1984

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„So zwingt das Leben uns,
zu scheinen, ja, zu sein wie jene,
die wir kühn und blind verachten konnten.“
Goethe, Torquato Tasso

Dieses Gemälde habe ich heute unter einem Stapel von alten Texten, die ich schon seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen habe, begraben gefunden. Ich suchte eigentlich nach der Fortsetzung der Kriminalerzählung Das schwarze Urteil. Den Text fand ich leider nicht mehr vollständig (ich werde den Rest wohl nachdichten müssen, falls Interesse besteht), aber einige meiner Jugensünden, die ich der Welt ersparen und wahrscheinlich demnächst im Altpapiercontainer entsorgen werde – falls meine Sentimentalität das zulässt.

Dieses Bild jedoch –  auf von mir auf selbst geschöpftem Papier gemalt – an das ich ich keinerlei Erinnerung mehr hatte, löste eine Vielzahl von Gefühlen in mir aus – in der Hauptsache Bedauern. Es ist mit Sicherheit kein Meisterwerk, das ich da zwischen den grauen Ausdrucken meines ersten Theaterstücks auf „Umweltpapier“ (1), Gedichten und einem frühen Romanentwurf gefunden habe, aber es weist weit in die Vergangenheit in eine Zeit zurück, als ICH ein anderer war. Ein weit entferntes und fremdes ICH. Freilich, diese ICH-Schicht von damals gibt es noch, aber sie ist verborgen unter anderen Persönlichkeitsschalen, die über die Dekaden darüber wuchsen wie die Häute einer Zwiebel oder die Jahresrinden eines Baums. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir heute mein unausgegorenes und arrogantes Vergangenheits-ICH von damals sympathisch wäre. Mein früheres ICH wäre jedenfalls von meinem heutigen maßlos enttäuscht; da hatte es sich von seiner Zukunft mehr erwartet als den einigermaßen gutsituierten, aber vollkommen desillusionierten älteren Mann, der ich heute bin. Er hätte mich kühn und blind verachtet.

Mit Anfang 20 hatte ich für mich einen imaginären Anzug geschneidert, den ich für den Rest meiner Tage tragen wollte, den des „romantischen, larmoyanten und zynischen Künstlers“, des Hemingway-Schriftstellers. Der Anzug passte nirgendwo und zwickte beim Tragen. Am Bauch war er zu eng, an den Ärmeln zu kurz, an den Hosenbeinen zu lang. Sehr schnell wurde der Stoff an Knie und Ellbogen fadenscheinig und seine breiten Schulterpolster kamen aus der Mode. Aber ich konnte mich glänzend in ihm verstecken, selbstgefällig und überlegen auftreten, mich als das Genie ausgeben, das ich zwar nicht war, aber unbedingt und bald werden wollte. Wie viele „romantische Künstler“ besaß ich eine Doppelbegabung: Neben dem Schreiben hatte ich mich der Malerei verschrieben und dilettierte in beiden Kunstrichtungen fröhlich und von der Weltbedeutung meiner Werke überzeugt vor mich hin (Jonas Nix aus Die Wahrheit über Jürgen ist meinem damaligen ICH nachgebildet). Nicht von ungefähr zeigt das Gemälde oben einen „blauen Schmetterling“, weist auf Novalis hin und auf die Schönheit eines flüchtigen Moments. Auf die Wiedergabe des seltsamen Gedicht-Prosa-Zwitters, den ich auf der Rückseite des Kunstblattes fand und den ich damals für echte, tiefempfundene Lyrik hielt, verzichte ich an dieser Stelle voller Scham (2).

Doch schon bald kam in meinem Leben der Augenblick, an dem ich mich zwischen der Malerei und dem Schreiben entscheiden musste. Es waren die Jahre, in denen ich gezwungen wurde, mich mit der „braunen“ Schuld meines Vaters auseinanderzusetzen, der Frage, ob er ein Mörder war: „Die Väter genießen die Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ Ich schrieb über die Vergangenheitsbewältigung in der Nazi-Söhne-Generation meinen Roman Das Spiel, von dem ich hier bislang nur ein paar Bruchstücke veröffentlicht habe. Das Buch und sein Thema beschäftigten mich viele Jahre, ließen mich reifen. Die Literatur ist eine eifersüchtige Geliebte. Sie duldet keine andere Muse neben sich. Sie will den ganzen Menschen mit Haut und Haar und ich war ihr seit unserer ersten Begegnung leidenschaftlich verfallen. Das wollte ich wirklich und das will ich auch heute noch: In und mit und vielleicht auch von der Literatur leben. Danach habe ich mein ganzes Leben ausgerichtet, Schreiben ist mein Lebensziel und -zweck. Ich hatte keine wirkliche Wahl – die Literatur entschied sich für mich.

Dennoch (hier bewusst das weiche, bedauernde „dennoch“, nicht das trotzige, zornige „trotzdem“), dennoch bleibt etwas zurück, wenn ich meine frühen Versuche auf dem Gebiet der Malerei betrachte. Es ist eine nachgiebige, melancholische Stimmung; eine Nachdenklichkeit, die Erkenntnis, dass alles auch anders hätte werden können, mein Leben und damit ich selbst ein völlig anderer hätten werden können. Was wäre geschehen, wenn ich mich damals für die Malerei und die Lyrik entschieden hätte? Oder wenn ich einfach aufgehört hätte, Kunst zu machen? Wäre alles besser verlaufen? Das ist ein nutzloser Gedanke, wie das bunte Herbstblatt eines alten Baumes, das der Sturm endlich herabgezerrt hat und das nun wie ein toter Schmetterling im feuchten Dreck der grauen Straße liegt.

Ein kurzer bedauernder Blick sei mir jedoch vergönnt, dann gehe ich auch brav meinen einsamen Weg weiter …


(1) Gibt es das überhaupt noch, graues Umweltschutzpapier? Wahrscheinlich ist sie ausgestorben wie die Jutetasche und die Anti-Atomkraft-Buttons. Manchmal glaube ich, es sind mehr Dinge aus meinen jungen Jahren verloren gegangen, als neue in den späteren dazu kamen. Heute bekam ich von meinem Bruder eine Urlaubspostkarte vom Bodensee; er ist wahrscheinlich der letzte Mensch auf Erden, der kein Instagram oder Whats-App hat. Wann habe ich eigentlich die letzte Postkarte geschrieben? Vor fünf, vor zehn Jahren? Merkwürdig, man erinnert sich meist, wann man etwas zum ersten Mal getan hat, aber nie, wann man es zum letzten Mal tat. – Und ich habe jetzt überhaupt keine Ahunung, was diese Gedanken mit meinem Text oben zu tun haben …

(2) Also gut, weil ich so nett gefragt wurde:

Blauer Schmetterling

Heute schneit es direkt in mein Herz.
Heute ist die Straße glatt, die mich zu dir führt.

Heute dampft Nebel über den Böden.
Heute verliere ich meinen Weg im Schnee.

Heute liegt Kälte wie ein Leichentuch auf den Feldern.
Heute friert meine Seele, liegt nackt vor dir.

Doch schon morgen wird das anders sein.
Morgen bin ich dein Schmetterling,
tanze wie Staub in der Sonne,
flattere wie ein Lachen durch die Luft.

Morgen.

Antilopen – Ein Theaterstück (2. Akt)

Bis zum Ende. Achtung: Auch im 2. Akt tauchen Wörter auf und werden Handlungen beschrieben, die empfindliche Gemüter verletzen könnten! Das Stück ist nicht für Jugendliche geeignet (obwohl die heutzutage ganz andere Dinge gewöhnt sind).
Bitte nur auf eigene Verantwortung weiterlesen.

2. AKT.

ERSTE SZENE.

Antons Bude. Sein Wohnzimmer. An den Wänden hängen die gleichen Bilder wie im Lokal. Links ein Sofa, ein Couchtisch, ein paar Stühle. Rechts führt eine Tür ins Schlafzimmer. Anton hockt im Hintergrund vor einer Stereoanlage und durchwühlt seine CD-Sammlung. Manchmal zögert er bei einer Platte, legt sie dann aber wieder zurück. Die Mädchen sitzen auf dem Boden vor dem Sofa. Sie halten sich wieder an den Händen. Bernd steht vorn. Er liest einen Text von einem Blatt ab.

Bernd sehr pathetisch So stehe ich vor euch, mich zu rechtfertigen und muss doch Vorsicht walten lassen, damit mir meine Rede nicht zur Klage wird. Ihr habt recht. Wir achteten unserer Väter wenig: spotteten über die Worte, die ihnen die Weisheit riet. Wir belachten sie, die wir ehren sollten. Waren überzeugt, allein zu wissen, wie man richtig lebt. Dies war aber kein Verbrechen. Nur eine Schuld, die zu tragen uns unser Gewissen zwang. Ja. Wir waren jung und stolz. Roh oft. Eros Pfeile trafen uns so achtlos, dass die Scham mir Stille auferzwingt. Die Werte der Väter galten uns gleich. Wir schufen eigene. Wohl andere. Aber genau so tiefe und ehrfürchtige. Wir erkannten. Die Götter waren tot. Deshalb war unsere Ehrfurcht nicht ihrem Grabe. Wir hatten nicht Sorge um die Toten. Ihrer ist der Himmel. Wir kümmerten uns um die Lebenden. Das war unser Ziel. Es kann sein. Wir haben versagt. Es ist wahrscheinlich. Aber dies ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Bernd, Bernd, Bernd.

Bernd hebt warnend die Hand. Wenn ihr uns aber Verbrecher nennt. Weil wir zusahen, wie die Welt zugrunde ging. Die Welt, die ihr uns überreicht habt. So lasst euch sagen. Ihr hattet sie schon dem Untergang geweiht. Nie hätten wir unmündigen Kinder die Erde von dem Fieberwahn, der sie schüttelte, heilen können. Vielleicht das Fieber aufhalten. Wer weiß. Heilen? Nein. Gut. Wir haben versagt. Wir waren jung und unerfahren. Aber das ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Geht das. Noch lange so. Meine ich. Ach je.

Bernd zornig Wir hätten den Mächtigen, die eurer Welt entsprungen waren und sie sklavten, unsere Stirn bieten sollen. Wir hätten unseren Widerstand brüllen sollen. Aber der Zorn hatte unsere Stimmen heiser gemacht und eure Schulmeister uns gelehrt, stumm die Stirn zu senken. Aber das ist kein Verbrechen. Das ist unsere Schuld. Er verstummt mit einer dramatischen Geste, wartet auf Beifall.

Anton Der Künstler hat sich gerade für vierzig Euro den Kühlschrank gefüllt. Das ist deine Kunst? Bernd nickt eifrig. Weißt du. Das ist keine Kunst. Die hängt an den Wänden. Das ist blond. Das ist. Das ist.

Bernd Musst es nicht aussprechen. Hat mit deiner Verdauung zu tun. Stimmts. Spar es dir auf. Für deinen Monolog. Der fehlt noch. Dann sind wir alle durch.

Gitte steht auf, nimmt nun Bernd an der Hand. Komm. Du Künstler. Mir gefällt das. Ich mag volle Kühlschränke.

Sie zieht den Widerstrebenden durch die Tür ins nächste Zimmer. Anton und Steffi sehen den beiden nach.

Bernd Stimme aus dem Schlafzimmer Hat doch. Genau, was ich will. Und da sage noch einer. Brotlose Kunst. Frauen und Schokolade.

Gitte Stimme aus dem Schlafzimmer Sei still. Sei nett zu mir. Ich bin nett zu dir.

Tür fällt zu.

Steffi Ich liebe dich nur diese Nacht. Oh, oh, oh. I-gitte. Hab ich schon gesagt.

ZWEITE SZENE.

Anton spielt ein Stück von Pearl Jam an. Gefällt dir das. lauter Gefällt dir das. schreit Gefällt! Dir! Das!

Steffi Nein.

Anton Oh. Was dann.

Steffi Hm?

Anton stellt die Anlage ab. Was dann?

Steffi Nein. Und da sage einer. Ich hätte keinen Geschmack.

Anton Nein.

Pause.

Steffi Und du? Schreibst du?

Anton Wie Bernd? Nein. Na ja. Ab und an ein Gedicht. So ein paar Wörter, die nur mir Sinn geben. Ich nicht. Bernd schreibt. Ich habe geilen Stuhlgang. Ist das gleiche. Vom Ergebnis her. Abwischen. Runterspülen. Man befreit sich. Der Darm wird leer. Ein schönes Gefühl. Kennst du das? Du hast am Abend Bier getrunken. Das geht nur mit Bier. Viel Bier. Dunkler Doppelbock. Fettes Essen, reichlich Bier. Aber keinen Schnaps. Der Rausch muss allein vom Bier kommen. Das muss man können. Die meisten nuckeln an ihrer Halben ewig rum. Dann schaffst du es nicht. Du musst es auf den Punkt bringen. Schaum wegblasen. Ansetzen. Nicht schlucken, laufen lassen. Du musst ganz entspannt sein. Eins mit dir. Das Glas an die Unterlippe. Gemeinsam mit dem Kopf hoch. In den Nacken. Das Bier schwappt über. Es fließt die Speiseröhre runter. Gleitet. Ein Zen-Moment.

Steffi Nein. Zen. War mal. Als wir alle Buddhisten waren. Ist langweilig.

Anton Also gut.

Steffi Nein. Zen. Nein.

Anton Habs. Kapiert. Mein ich. Aber es ist wichtig. Du darfst dich von nichts ablenken lassen. Erst fett essen. Dann saufen. Vier Liter. Eine Viertelstunde. Mindestens. Geh dann sofort ins Bett. Bevor dich der Rausch wachhält und du den Rest des Abends aufm Klo bist. Am nächsten Morgen wachst du auf. Hast ein Riesending. Einen Mordsständer in der Hose. Meine ich. Weißt ja. Die Männer.

Steffi Zen. Ob Buddha? Oder Jesus? Eine Morgenlatte hatten?

Anton Egal. Das Bier drückt jetzt nach vorne. Das Essen nach hinten. Du darfst dich nicht eilen. Stehe langsam auf. Gehe langsam aufs Klo. Setz dich. Das ist der Moment. Der Stuhl ist ganz weich. Wie Schokoladenmus. Flutscht es. Raus damit. Das ist Befriedigung. Der absolute Stuhlgang. Keine Anstrengung. Es geht einfach. So stelle ich mir das unbewusste Schreiben vor. Es läuft. Und ist gut. Du weißt. Es ist gut. Da brauche ich sonst nichts. Nichts mehr. Aber perfekt ist nichts. Das Problem ist der Ständer. Wenn du auf der Schüssel sitzt. Er ragt darüber hinaus. Schmerzt. Aber erst pissen und warten. Das geht nicht.

Steffi Mach lieber wieder Musik.

Anton legt Nick Cave auf. Steffi sagt etwas, sie ist nicht zu verstehen. Anton geht zur Tür, öffnet sie einen Spalt. Späht hinein.

DRITTE SZENE.

Die Musik wird plötzlich so leise, dass man Steffi hören kann.

Steffi Ich muss es nicht sehen. Ich stell es mir vor.

Pause.

Kaum hatte sie ihre Beine geöffnet, sprang er schon auf sie. Drängte sich keuchend heran. Mit geschlossenen Augen. Zog die Oberlippe bis zur Nase hoch. Bleckte seine vorstehenden Zähne. Grotesk. Er sah wie ein fickendes Kaninchen aus. Sie hatte den Eindruck, er hatte sogar die Ohren angelegt. Sie biss sich fest auf die Zunge, um nicht zu lachen.

Die Musik wird wieder lauter. Steffi ist kaum zu verstehen.

Sein Plan war es offensichtlich, ihren Körper zu ignorieren und sich ausschließlich um ihr Geschlecht zu kümmern. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, ihre Brüste zu bewundern. Schon er in ihr. Und der Kerl fast hinterher.

Die Musik endet abrupt.

Ich könnte einen Sack über dem Kopf haben. Ach was. Wenn ich in Leinwand eingenäht wäre. Bis auf dieses kleine Loch. Er wäre genau so glücklich.

Steffi zögert, setzt dann noch einmal an.

Sie könnte einen Sack über dem Kopf haben. Wenn sie in Leinwand eingenäht wäre. Sie bewegt ihren Unterleib kaum, lässt ihn wühlen. Unterstützt ihn nicht. Aber sie klammert ihre Beine um ihn. Packt ihn mit einer Hand am Haarschopf. Fest. Zieht ihn gewaltsam zwischen ihre Brüste. Mit der freien Hand tastet sie nach dem Nachttisch. Öffnet die Schublade. Greift hinein. Umsonst. Auch hier ist kein Brief. Der Kerl verkrampft sich. Atmet zischend aus. Kippt zur Seite. Sie spürt feuchte Wärme. Sonst nichts.

Ein Schuss fällt. Anton springt zurück.

Anton Herr. Schaft. Nein.

Steffi deutet mit den Fingern eine Pistole an. Zwischen die Augen. Ich stelle es mir vor.

VIERTE SZENE.

Gitte kommt herein. Sie trägt nur Unterwäsche. In ihrer Hand hält sie eine Pistole. Ich war ganz in Ordnung. Ich habe Feuer. Schau mich an. Die mögen das. Ich habe Figur. Esse gesund. Gehe ins Studio. Zweimal. Mit Steffi spiele ich Squash. Einmal. In der Sauna schwitze ich. Regelmäßig. Schau doch. Das geht. Ich bin in Ordnung. Ich bin hübsch. Ich komme an. Meine Hüften. Na, die kann man sich absaugen lassen. Und dann gleich den Busen ein wenig größer. Nicht viel. Eine Körbchengröße reicht. Setzt sich neben Steffi. Ich spare schon jetzt Geld dafür. Für mich. Den Jungs ist das egal. Die interessieren sich nicht für meine Hüften. Die haben nur. Aber mein Bauch. Fühl mal, wie fest.

Steffi Ja.

Gitte Fest und warm.

Steffi Ja.

Gitte Lebendig.

Steffi Ja!

Gitte Geil!

Steffi Geil. Ja.

Gitte Aber die Jungs, die wollen. Ja. Ich bin in Ordnung.

Anton Die Waffe.

Gitte sieht auf die Pistole in ihrer Hand. Sie deutet mit dem Lauf auf Anton.

Gitte Die lag unter deinem Bett. In einer Schachtel. Ich habe eigentlich deine Pornos gesucht.

Anton macht einen Schritt zur Seite Die lag. Die ist ein Erbstück. Gut eingeölt. Mein Großvater war im Krieg. Ostfront. Das ist Standardausrüstung der Wehrmacht.

Steffi Erzähl.

Anton Es ist eine P38. Sie wurde von der Firma Carl Walther entwickelt. Die ersten Waffen wurden im August 1939 an das Heer ausgeliefert. Die Waffe ist 215 Millimeter lang, besitzt einen 125 Millimeter langen Lauf. Sie wiegt 0,94 Kilogramm. Leer.

Gitte Das Ding ist sauschwer.

Steffi Nicht die Waffe. Dein Großvater. Krieg. Der hat gelebt. Erzähl. Hat er. Ich meine Juden?

Anton unbeirrt Die P38 war viel einfacher zu fertigen. Unempfindlicher gegen Schmutz im Einsatz als die P8, das Vorläufermodell. Die Kugel hat am Lauf eine Geschwindigkeit von 355 Metern in der Sekunde, das Magazin fasst acht Schuß. Für die Waffe wurde auch ein Schalldämpfer geliefert. Den hab ich aber nicht.

Gitte Der Revolver ist geladen.

Anton Pistole. Es ist eine Pistole.

Steffi Gib.

Nimmt Gitte die Waffe aus der Hand.

Gitte Und entsichert. Das ist leichtsinnig.

Anton Habe ich eben nach dem Reinigen vergessen. Aber wer ahnt das schon.

Gitte Gefährlich. Und knallt ganz schön.

Steffi Die ist schwer. Macht Löcher. Steht auf, streckt wie in einem Krimi die Waffe mit beiden Händen von sich. Jetzt war sie am Zug. Sie sah Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. Ziehlt mit der Waffe auf Anton. Er hatte seine Chance gehabt. Er hatte sie verspielt.

Anton Du. Die ist entsichert. Und der Abzug geht ganz leicht.

Gitte Ich wollte gar nicht schießen. Ich wollte ihn nur erschrecken. Wie heißt er?

Anton Bernd?

Gitte Bernd. Ja.

Steffi An ihn hatte sie Jahre verschwendet. Immer war er ihr entwischt. Jetzt stand er vor ihr. Und machte sich in die Hose.

Anton tritt vorsichtig auf Steffi zu. Hör zu. Jetzt wird der Witz blond.

Steffi Einfach so in die Hose.

Anton Ein Gedicht habe ich geschrieben. Das letzte Mal auf dem Klo. Willst du es hören?

Steffi Er stank und wusste. Es war das letzte, was er in diesem Leben tun würde.

Anton Komm. Ein Gedicht. Wir lernen es auswendig.

Er macht noch einen Schritt, steht nun direkt vor Steffi.

Gitte Das ging einfach los. Ich fuchtelte rum. Bernd. Ja. ein netter Name, er passt zu mir.

Steffi zielt auf Antons Stirn Merkwürdig, denkt sie. So ein kleines Stück Metall kann einen Menschen wie ihn töten. Ich muss nur den Finger krümmen. Wieviele Muskeln bewege ich da? Wieviele Kalorien werden verbraucht? Ein Zucken. Er ist tot.

Anton Es ist ein schönes Gedicht. Er hebt langsam die Hand Es handelt von Liebe.

Steffi Sie hat ihn einmal geliebt, dachte sie. Aber es war eine Lüge. In dieser kalten Welt gibt es so etwas nicht. Gefühle aus zweiter Hand. Nur der Tod ist echt. Man kann ihn nicht wiederholen. Üben. Er ist nur einmal. Er ist wirklich. Er ist nicht langweilig.

Steffi drückt den Lauf auf Antons Stirn.

Gitte Ich muss was mit meinem Haar machen.

Anton flüstert stockend. Seht. Diese blinden Narren. Auf den Wiesen des Mondes. Sie tanzen. Ihr Leben hinweg. Längere Pause. Ihr Leben. Hinweg.

Steffi Peng.

LETZTE SZENE.

Bernd kommt zur Tür herein. Er ist angekleidet, hat aber sein Sweatshirt verkehrt herum an Na, was steht ihr hier? Na.

Steffi senkt die Waffe, gibt sie Anton in die Hand. father.

Anton yes son.

Steffi i wanna kill you.

Gitte mother.

Steffi i wanna fuck you.

Bernd singt this is the end.

Anton Hab ich irgendwo. Auf einer best of.

Geht zu seiner Anlage, beginnt zu suchen.

Bernd zu Gitte. Du hast ihm ein Loch ins Kopfkissen geschossen. Ich bin allergisch gegen Federn. Aber es war nett. Mal was anderes. Du bist in Ordnung. Und ich auch. Ich werde dir eine Geschichte widmen. Wie heißt du?

Steffi setzt sich wieder. Seufzt. Und jetzt? Was? Jetzt. Und jetzt. Was?

Anton Das Geistige allein ist das Wirkliche. Der Papst hat Angst davor.

Bernd Mal wieder. Die falsche Antwort. Gehen wir tanzen. Ja?

Vorhang. Die Anfangsklänge des Doorstitels „The End“ sind zu hören.

Gitte Stimme hinter dem Vorhang. 1968. Das war ein gutes Jahr.

ENDE

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt. Szenen 4 – 5, Zwischenspiel)

VIERTE SZENE.

Anton Jetzt kommt das Loch.

Steffi Das Loch? Erzähl.

Anton Nicht was du denkst. Das Verlegenheitsloch. Weißt. Das kommt. Immer. Gehört zum Spiel. Da müssen wir durch.

Steffi Erzähl mir doch vom Onanieren. Ich lang…

Anton So. Ich bin ein guter Erzähler. Aber was. Habe ich denn nicht alles gesagt?

Steffi Ist das wild? Ist das ehrlich? Ist das echt?

Anton Koketterie. Sollte man mit „c“ schreiben: Coquetterie. Ich bin selten. Ehrlich, meine ich. Ich gebe nur Antworten. Manchmal ohne Fragen, manchmal die falschen. Ich reagiere. Ehrlich. Du sagst es: langweilig.

Steffi Ich hasse dich.

Anton küsst Steffi auf die Wange. Entschuldige. Ich mag dich. Das ist wichtig. Vergiss den Rest. Ich habe mich entschlossen, ehrlich zu sein. Das ist der Punkt. Ab jetzt. Alles, was vorher war, vergiss es.

Steffi Jetzt bist du auch noch langweilig.

Anton Ich sag dir was. Du willst es hören. Du wartest drauf. Du sitzt nur deshalb hier. Sitzt da und wartest drauf. Aber keiner hat es dir gesagt. Bis ich kam, ehrlich, wie ich bin. Also. Du. Du bist es. Du bist langweilig. genießerisch. Ster-bens-lang-wei-lig. Gut. Ich hör auf, vergiss es. Wollte nur ehrlich sein. Ich habs dir versprochen. Du bist auf der miesen Tour. Ich mag dich, aber jetzt geh ich Scheißen. Das ist noch viel besser.

Anton geht ab. Schweigen.

FÜNFTE SZENE.

Steffi Ich bin allein. Jetzt erzähle ich. längere Pause. Sie musste reagieren. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie bald tot sein. Das Gesicht ihres Gegenübers verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Die Nerven lagen bloß. Der kleine Lauf seiner Pistole starrte wie ein Spanner auf das Piercing in ihrem Bauchnabel. Eine Unachtsamkeit. Darauf wartete sie. Wenn er nur eine Unachtsamkeit begehen würde! Sie würde ihre Chance nutzen.

Die Tür knarrte vom Wind, sein Kopf zuckte aufgeregt zurück.

„ Jetzt“, dachte sie, „jetzt.“

Sie riss ihr Bein hoch, schlug seine Waffe zur Seite. Ein Schuss pumpte aus dem Lauf, bohrte sich gipssprühend in die Wand. Die Pistole flog durch die Luft. Das andere Bein in die Höhe, in die Eier. Ein Tritt und es ist vorbei.

Er sackte zusammen, keuchend, Schaum vor dem Mund, das fette Schwein. Er ist hilflos. Verdammt, er japst.

Sie trat nach, in sein Gesicht. Etwas knirschte. Die Nase platzte wie eine Wanze unter ihren scharfen Pumps.

„Seine Waffe“, dachte sie plötzlich. Ein Schritt, ein Bücken, eine fließende Bewegung. Sie war schnell. Bevor er wieder zur Besinnung kam, hatte sie das ganze Magazin geleert.

Dann war Ruhe, sie hatte sich befreit.

Penibel untersuchte sie die gelochte Leiche. Aber den Brief fand sie nicht. Er hatte ihn nicht, er war der falsche. Die Suche ging weiter.

Pause.

Und ich sitze hier in einem Café. Ja, hast recht, undu ohne Namen. Ich bin langweilig und mir ist. Alles. Das. Es ist blond. Wo passiert es? Kann heute noch etwas kommen? Oder morgen? Oder überhaupt? Ich erdrücke mich selbst, aber ich kann. Was soll? Zum. Weil alle so. Ich sind. Fragen, weil nur die Frage, nicht die Antwort zählt. Man stellt fest. Sich fest. Langweilig. Ich sagte es schon. Selbst das ist langweilig. Bernd und Gitte kommen herein. Sie halten sich umarmt, bleiben vor Steffi stehen, küssen sich demonstrativ. Ist das alles? Morgen wollen sie sich nicht mehr kennen. Ich liebe dich. Oh, oh. Oh, ja. Oh. Nur diese Nacht. Mir ist laut zum Sterben!

Bernd Na? Noch immer das gleiche Thema? Wird es dir nicht? Ich meine, langweilig?

Gitte Macht es dir was aus, wenn wir. Ich meine, gehen?

Bernd zu Gitte. Zu dir.

Gitte Spinnst du? Meine Eltern.

Bernd Ich… hab auch Eltern.

Gitte Ja, dann.

Steffi lacht

Bernd Wo ist Anton?

Steffi Undu heißt Anton. Ja. Ist beim Scheißen.

Bernd Seine Lieblingsbeschäftigung. Er hat eine Bude allein. Vielleicht. Ich meine, bei ihm. Das müsste, auch wenn der das nicht mag. Ich muss ihn fragen. Dem schmiert man um den Bart, das geht. Anton ist ganz eitel. Frag ihn nach seinen Waffen.

Gitte Ich werde ganz lieb zu ihm sein. Weißt du, ich bin eine ganz Liebe. Mein Betragen ist tadelsfrei. Ich bin aufmerksam im Unterricht.

Bernd Habe ich bemerkt.

Gitte zu Steffi Oder versuchst es du? Ich glaub. Da läuft was zwischen euch.

Steffi Der Anton ist ein Arsch.

Gitte Gut.

Steffi Ja.

Gitte Du hast Geschmack.

Steffi Eben.

Bernd Verstehe ich das?

Steffi Er ist ein Arsch, aber du, du bist blond. Klar bin ich nett zu ihm. Wie kommst du zu so einem tollen Freund?

Bernd So toll ist er auch nicht. Alles Tünche. Und vieles von mir abgeschaut. Ne kleine Nummer. Der tut nur so.

Steffi Und du bist Bruce Wayne.

Bernd Wie ich ihn. Mein Gott, er saß, ich daneben. Gemeinsame Bekannte. So geht das. Wir mögen uns. Weil wir uns mögen. Das ist ganz einfach.

Anton kommt herein. Er setzt sich an einen anderen Tisch, redet dort mit Bekannten (Improvisation mit dem Publikum). Gitte, Steffi und Bernd beobachten ihn eine Weile, lauern.

Bernd Anton. lauter Anton!

Anton Gleich.

Bernd Sofort!

Anton Entschuldigt bitte. Meine Alte wird eifersüchtig. Kommt an den Tisch der anderen. Also, wo brennt’s?

Bernd Setz dich.

Anton Ich sitze.

Gitte Du bist ja einer.

Steffi Wie war’s denn beim Scheißen?

Anton Ihr wollt was. Ich merk das. Falsche Antwort. Nein.

VORHANG

ZWISCHENSPIEL.

Kellnerin steht vor dem Vorhang. Die anderen sind nur zu hören.

Kellnerin kommt nach vorn, schlüpft wie eine Tänzerin durch die Vorhangfalten, zwinkert dem Publikum zu. Ursprünglich hatten die Berge große Flügel. Sie flogen über den Himmel und landeten auf der Erde, wo es ihnen passte. Die Erde erzitterte dann und schwankte. Gott hatte irgendwann von den Erdbeben genug und schnitt ihnen die Flügel ab. Er machte die Berge an der Erde fest, damit diese endlich zur Ruhe kam und die Menschen nicht mehr erschraken. Die Flügel warf Gott hoch hinauf in die Luft. Aus ihnen wurden Wolken. Seit diesem fernen Tag sammeln sich die Wolken um die Gipfel der Berge und weinen. Schweigt und überlegt. Auf der Dokumenta hat ein Künstler mal die Zeit zu seinem Thema gemacht.

Bernd hinter dem Vorhang. On Kawara.

Kellnerin Klugscheißer. Als ob irgend jemand hier On Kawara kennt!

Bernd one million years (past and future), um genau zu sein.

Kellnerin Ja! one million years. So lange ist das. Aber das ist mein Monolog. Mensch, Bernd! Es ist der einzige, den ich habe. Im zweiten Akt, verstehst du, da komme ich nicht mehr vor. lauscht. Also. Da haben zwei Leute Jahreszahlen vorgelesen. Auf der Dokumenta. Abwechselnd. Jahreszahlen.

Bernd Beliebige Jahreszahlen zwischen neunhundertachtundneunzigtausendeinunddreißig vor Christus und eine Million und eintausendneunhundertfünfundneunzig. Der eine hatte die Zahlen vor 1970, der andere die danach. 1970 war der Knackpunkt. Warum? Frage ich mich.

Kellnerin Bernd! Du Arsch! Lass mich erzählen!

Bernd 230.354 vor Christus.

Anton 67.987.

Gitte 1993.

Steffi 654.744 .

Gitte lacht 1993, in dem Jahr bin ich geboren.

Kellnerin Dabei geschah etwas Interessantes. Manche Jahreszahlen stoßen das Gedächtnis an. Sie sind eine Markierung in der Zeit. Wie ein Berg.

Anton 1492.

Kellnerin Ja. Ein Künstler und seine Zeit. Die Zeit fliegt dahin. Heißt es. Aber das ist falsch. Der Standpunkt ist verkehrt. Es ist nicht die Zeit, die sich bewegt. Sie ist ein Monolith.

Steffi 654.745.

Kellnerin Ein Beispiel: Du sitzt in einem Zug. Der Zug neben dir fährt an. Kennst das schon? Du glaubst, du fährst, aber es ist der andere Zug. Anders.

Bernd 230.353 vor Christus.

Kellnerin Anders. Du siehst an einem Kamin hinauf. Die Wolken bewegen sich hinter ihm. Du meinst, der Kamin fällt um. Doch nicht er bewegt sich. Das ist nur Einbildung. Wie dein Zug. Er steht still. Wie die Zeit.

Gitte 1984. Orwell.

Kellnerin schreit Ist ja gut. Sie haben es kapiert.

Wendet sich ans Publikum.

Ihr habt es doch? Kapiert, meine ich? Gut. Gut. Weiter. Die Zeit ist ein Monolith. Wie eine lange Mauer. Du wirst an der Mauer vorbeigezogen. Ein kleines Stück weit. Glaubst, die Mauer bewegt sich, aber dein Standpunkt ist falsch. Die Mauer ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Die Zeit ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Du bleibst nicht gleich, du bewegst dich und du veränderst dich. Die Zeit. Nicht.

Bernd Ist ja gut. Sie haben es kapiert. Die Zeit steht still. Na und?

Kellnerin unbeirrt Zeit heißt Ortsveränderung. Wir gehen. Von hier nach dort. Nicht die Zeiten ändern sich. Wir ändern uns in der Zeit.

Bernd Na und?

Kellnerin Na und. Bald bin ich alt. Bald bin ich tot.

Steffi Gehen wir jetzt? Oder was? 654.746. 654.747. 657.748.

Anton singt in the year twentyfive-twentyfive.

Bernd fällt ein when man is still alive

Kellnerin Wir sind die Flügel. Die Zeit ist der Berg, um den wir kreisen. Und weinen.

Ab, winkt noch einmal.

[Zum 2. Akt —>]

 

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