Aber ein Traum …

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Neue Cover für meine Brautschau-Romane

Bereits jetzt schon kann man im einen oder anderen Online-Shops der Buchhändler meine Brautschau-Bücher mit ihrem von mir neugestalteten Titelblatt erwerben. Ich bin ziemlich stolz darauf.

Zum Beispiel hier bei Hugendubel:

Vielleicht findet sich ja zufällig der eine oder andere Leser, der Geschmack an diesen Covern findet und sich auf das Abenteuer einlässt, meine Romane zu lesen. Ich verspreche spannende und faszinierende Lektüre. Hier noch ein paar begeisterte Stimmen zu den Brautschau-Büchern.

»Ich bin mit gemischten Gefühlen an diese Geschichte gegangen. Aber im Gegensatz zum Cover ist die Geschichte sofort fesselnd und absolut märchenhaft. Man muss sich natürlich in die Namen und Städte reinlesen, auch in die Herrscher und Gottheiten, aber da führt einen der Autor gekonnt Schritt für Schritt rein. Zwischen 1000 und einer Nacht, Fantasy und Science Fiction würde ich dieses Buch einsortieren. Der Schreibstil ist flüssig und sorgte vor meinem geistigen Auge für tolle Bilder. Die Charaktere sind ausführlich und glaubhaft beschrieben und man fühlt sich mit ihnen verbunden, fast so, als würden sie hinter einem stehen. Der Spannungsaufbau ist da und es gibt Geschichten in der Geschichte, die alleine für sich auch wieder sehr schön sind. An einem absoluten Spannungshoch endet der erste Teil und man möchte augenblicklich zu Teil 2 greifen. Fazit: abgesehen vom Cover ein wundervolles fantasyreiches Buch mit einem Touch ins märchenhafte. Definitiv lesenswert!«

»Das erste Buch der Fantasyreihe bietet einen durchweg gelungenen und spannenden Auftakt eines tollen Abenteuers durch eine fazinierende Welt. Neugierigen ist vor allem empfohlen, in den Prolog reinzulesen, der zeitlich losgelöst von der Haupthandlung spielt, aber einen sehr guten Einblick in die packende Erzählweise und der liebevollen Kreativität bietet, mit der diese Fantasywelt behutsam gebaut wurde. Alles in allem ein echter Geheimtipp.«

»Kopfkino allererster Güte. Für alle die Fantasygeschichten lieben sehr zu empfehlen. Hoffe es gibt bald mehr von Meister Siebenhardt und Co zu lesen.«

»Ich bin kein Fan von SF & Fantasy, aber die märchenhaften Brautschaubücher sind eine wirklich lohnende Lektüre. Meine Empfehlung!«

Und nicht vergessen! Noch in diesem Jahr erscheint »Band Zwei von Der Weg, der in den Tag führt«.

Montag, 20.10.19 – Alles neu macht der … Oktober?

Montag, 20.10.19

Nein, ich bin durchaus nicht der Auffassung, dass der Herbst der Frühling des Winters ist!

Dieser Spruch, der mal Adalbert Stifter und mal Henri de Toulouse-Lautrec und mal einem anderen schlauen Geist zugeschrieben wird und den man in der letzten Zeit immer häufiger hört, klingt zwar höchst hintersinnig, er ist aber nur höherer Blödsinn.  Denn dann müsste doch der Frühling der Herbst des Winters sein? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht ist gar der Herbst der Herbst des Herbstes? A rose is a rose is a rose. Sollte aber doch etwas an dem Spruch dran sein, dann ist kein Wunder, dass ich gerade unter einer gewissen Frühjahrsmüdigkeit leide … oder gibt es kurz vor dem Winterschlaf auch eine Herbstmüdigkeit? Wie dem auch sei. Man könnte das klinische Ergebnis meiner Anamnese auch altmodisch einen schwachen Fall von Ideosynkrasie oder auch neumodisch einen Anflug von Burnout nennen, woran ich in diesen Tagen leide. Und da ich ja recht wehleidig bin (ich bin ein Mann), jammere und klage ich über mein schweres Schicksal und falle allen damit auf die Nerven. Früher hätten die Ärzte in solch einem Fall Bewegung in frischer Luft, Sommerfrische und wegen des Überschusses an schwarzer Galle einen kräftigen Aderlass empfohlen.

Auf jeden Fall fühle ich mich an diesem Montag, an dem sich mal wieder einer meiner „Follower“ von meinem Blog abgemeldet hat – gerade was auch die Sinnhaftigkeit meine literarischen Ergüsse angeht –  wie ein angeschlagener, schwankender Boxer, der sich mit unzureichender Deckung seit zehn Runden gegen einen übermächtigen Gegner behauptet und eigentlich längst das Handtuch hätte werfen sollen; nur noch Starrsinn und Trotz hält ihn auf den Beinen. Sein – mein – Widersacher ist die öffentliche Wahrnehmung, das Publikum, das ich manchmal viel zu verzweifelt zu erreichen suche, obwohl mir mein Verstand sagt, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Deshalb geht auch jeder meiner Konter ins Leere; ich habe z. B. noch keines meiner beiden neuen Bücher verkaufen können und bei niemandem Interesse oder gar Aufmerksamkeit erweckt, nicht einmal bei meinen Freunden und Verwandten. Ich blute längst aus Mundwinkeln und Nase, alles tut mir weh und ich schaffe es kaum mehr, die müden Arme schützend vors Gesicht zu heben. Jeder Schlag lässt mich zurücktaumeln.

Ich ziehe deshalb an dieser Stelle die Reißleine und werde ein wenig Urlaub machen und zwar in einer Gegend, wo zumindest die recht zuverlässige Wettervorhersage von Bergfex für das nächste Wochenende Großes verspricht; nämlich ins Martelltal im Südtiroler Vinschgau. Ich hoffe, dass dort der Herbst noch viel Sommer und Wärme in sich trägt(1). Und falls die Wetterfrösche sich doch irren sollten und es nasskalt und regnerisch wird – na, nicht so schlimm: Das Bergsteigerhotel, in dem Frau Klammerle und ich residieren, hat eine große Sauna- und Wellnesslandschaft. Nur das mit dem Aderlass, das werde ich sein lassen und mir vielleicht stattdessen eine Massage verschreiben. Ich werde also über die kommenden, massiv gehäuften, dunkelschwarzen Feiertage (2) in den Süden zur Sonne und in meine Berge verreisen und dem Blog und mir selbst mal wieder eine kleine Pause gönnen; mein Treibstofftank muss wieder gefüllt werden.

*

Übrigens war ich an diesem Wochenende sehr fleißig, wenn auch nicht gerade literarisch. Ich habe an den Titelbildern meiner „Brautschau“-Romane gearbeitet, dessen nächsten – „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ – ich in den nächsten Wochen zum Abschluss bringen werde, um ihn vielleicht noch in diesem Winter zu veröffentlichen. Da es mir trotz verzweifelter Hilferufe nicht gelungen ist, einen talentierten Gestalter oder Zeichenkünstler für mein Werk zu interessieren, musste ich dann eben doch in den sauren Apfel beißen und diese Arbeit selbst machen. Dies, obwohl ich für das Designen keinerlei Talent besitze, was man meinen anderen Titelbildern ja auch ansieht. Aber mir wurde ja von einigen glaubhaft versichert, die „Brautschau“-Cover seien besonders mies und würden einen potentiellen Käufer nur abschrecken. Auch wenn das sicher nicht der einzige Grund ist, aus dem ich keine Leser finde, ist an diesem Vorwurf sicher etwas dran. Daher habe ich mich an die Arbeit gemacht und die Titel der Serie komplett verändert; sie ein wenig an die Gepflogenheiten der professionellen Genre-Illustratoren angepasst. Und so sehen meine „Brautschau“-Bücher ab der nächsten Auflage aus:

Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein Seemann dort draußen auf dem weiten Meer des Internets, der zufällig auf diesen Text, den ich wie meine anderen als Flaschenpost losgeschickt habe, seine Meinung zu meinen neuen Covern äußern könnte. Herzlichen Dank im Voraus!

Dann lesen wir uns im November wieder! Ich wünsche eine schöne Zeit und hoffe, dass ihr alle gut über die düsteren Feiertage kommt.

Euer Nikolaus.

Psst! Hier ist noch ein Entwurf für ein Brautschau-Geheimprojekt, an dem ich seit geraumer Zeit nebenzu arbeite (Aber nicht weiterverraten, bitte …).

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(1) Ich will ja niemanden neidisch machen:

(2) Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen, Samhain, Halloween, wie man diese Tage der Trübnis und der Beschwichtigungsrituale an die angebetete Todesgottheit auch nennen und begehen will – auf eurer Feier des Beginns der winterlichen Düsternis müsst ihr diesmal auf mich verzichten.

Am letzten Halloweenabend 2018 stand ein kleines, schüchternes Gespenst vor meiner Haustür und hielt mir stumm und fordernd seine noch leere Beutetasche entgegen. „Na, musst du mich nicht ‚Süßes oder Saures‘ sagen?“, fragte ich und er sah mich an, als sei ich komplett irrsinnig geworden. „Nein, nix Saures. Ich will Süßes“, erwiderte er nach einem Moment des Überlegens. Genauso will ich es nächste Woche halten – nix Saures, nur Süßes.

Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Montag, 07.10.19 – Pläne und Vergeblichkeiten

Montag, 07.10.19
Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.
Fontane, Brücke am Tay

*

Das Tiroler Lechtal, das mit seinen überaus schroffen Bergspitzen und herrlichen Seitentälern von einer wildromantischen Flusslandschaft geprägt ist, die an die Weiten Kanadas erinnert, ist von Augsburg aus ein lohnendes Ziel für Natursüchtige und Wanderer, die auch beim Bergwandern nicht auf Marillenschnaps und Kaiserschmarrn verzichten wollen. Wenn es normal läuft, dann fährt man mit dem Auto von meiner Haustür in knapp zwei Stunden bis zum Eingang des Tals.

Das Lechtal – ein Sehnsuchtsort

Seit einigen Jahren versuchen Frau Klammerle und ich trotz vieler Rückschläge immer wieder unverdrossen – manche würden es naiv nennen – dort ein paar unbeschwerte Urlaubstage zu verbringen, zuletzt über den Brückentag zwischen dem 3. Oktober und dem darauffolgenden Wochenende hinweg. Wir waren auch schon im Frühjahr und zwei-, dreimal im Sommer dort. Doch obwohl wir als Augsburger ebenfalls Lechanrainer(1) sind, mag uns dieses Tal offenbar nicht. Denn es wird uns grundsätzlich jeder unserer Aufenthalte dort massiv verregnet. Schon die Anreise am Donnerstag war ein mittleres Desaster, denn bereits die B17 Richtung Süden war ab Steingaden wegen einer Baustelle gesperrt und ich musste auf einer kurvigen Umleitungsstrecke eine Stunde hinter einem italienischen Laster hinterherzuckeln, der offenbar noch nie etwas vom Feiertagsfahrverbot gehört und es auch nicht gerade eilig hatte, aber so breit war, dass man ihn einfach nicht überholen konnte. Dann, kurz hinter Füssen, noch immer hinter dem Italiener her, begann auf der österreichischen B179 der übliche Stau Richtung Fernpass um die Ortschaft Reutte herum. Da ließen wir dann noch einmal über eine Stunde auf dem grauen Asphalt liegen und kamen deshalb erst in der Abenddämmerung an unserem Ziel in Stanzach(2) an. Lassen wir der Wahrheit Gerechtigkeit erfahren: Es war zwar kalt, aber schön. Doch schon der nächste Tag begann wolkenverhangen und brachte ab Mittag anhaltenden und starken Regen, den wir gestern auch wieder brav mit nach Hause genommen haben und der gerade gegen die Fensterscheibe meines gut eingeheizten Arbeitszimmers prasselt, während ich dies schreibe. Goldener Oktober? Zumindest in diesem Jahr ist das ein ziemlich makaberer Witz.

Beeindruckend, aber nass und arsc*kalt.

Am Samstag ging dann überhaupt nichts mehr. Der stürmische Westwind trieb die Wolken tief ins Tal hinunter, die hinter sich die Berge versteckten; es hatte höchstens 5° C und ergiebigen Land- und Schnürlregen. Die Schneefallgrenze sank auf 1500 m herab. Die Rettung vor der Herbstdepression war die Ehrenberger Therme mit ihrer schönen und ausgedehnten Saunaanlage, die jedoch spätestens ab Mittag vollkommen mit schwitzenden, wohlgenährten Leibern überfüllt war.(3) Nein, dieses Lechtal mag uns nicht. Aber wir sind unverbesserlich und werden in knapp drei Wochen wieder in die Alpen fahren (diesmal ins Martelltal) und auf Sonnenschein und Wärme hoffen. Drückt uns die Daumen!

So war das letzten Herbst in Südtirol.

*

Mein nächstes Buch ist fertig und demnächst bestellbar. Es ist auf über 250 Seiten eine weitere Sammlung meiner besten Blogartikel und trägt den Titel „Noch einmal daran gedacht“. Im Gegensatz zum Vorgänger „Noch einmal davon gekommen“ wird der Fokus auf meinen Texten zur Literatur im Allgemeinen und meiner eigenen im Besonderen liegen. Es werden dort also Kritiken, Essays und dazu Gedanken zu meinem literarischen Schaffen und Schöpfen und meinem Leben als Autor, aber auch die eine oder andere Glosse zu finden sein, die im Lauf der letzten 7 Jahre für „Aber ein Traum“ entstanden sind. Ich habe diese Blogartikel erweitert, umgeschrieben, aktualisiert und in Zusammenhänge gebracht und glaube, dass mir dieses Buch ganz gut gelungen und originell ist. Im Moment warte ich auf mein Korrekturexemplar vom Verlag, dann kann ich zusammen mit meiner kleinen Helferlein-Lektorin die üblichen kleinen Tippfehler ausmerzen. Die Chancen stehen gut, dass der Band noch Ende Oktober vor meinem Herbsturlaub in den Regalen der Online-Buchhandlungen stehen wird und von meinen „begeisterten“ Lesern in Massen erworben und genossen werden kann.

Noch einmal daran gedacht, 260 Seiten, illustriert

Anschließend werde ich in den nächsten Wochen endlich die Arbeit am 2. Teil meiner Fantasy-Saga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, um den Band noch vor Weihnachten zu veröffentlichen. Auf diese Weise bleibe ich 2019 in meinem Edititonsplan. „Die Verliese des elfenbeinernen Palasts“ leisteten mir im Sommer heftigen Widerstand und ich musste den Roman mehrmals komplett umschreiben und umstrukturieren, als mir deutlich wurde, dass ich noch einen 3. Teil benötige, um alles zu einem befriedigenden Ende zu führen und auszuerzählen. Dadurch wird „Der Weg, der in den Tag führt“ zu einer umfangreichen Trilogie anwachsen. Ein längerer Abschnitt, der der Einstieg zum 2. Teil sein sollte, flog raus und wird nun den 3. Teil  eröffnen. „Die Schlacht um Paradis“ wird aber noch eine Weile auf sich warten lassen, weil ich 2020 endlich als erstes die Geltsamer-Reihe beenden (zumindest aber fortsetzen) will und anschließend den zweiten Brautschau-Roman und einen Band Erzählungen aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“ in Angriff nehmen möchte. Zumindest ist das mein Plan, der sich freilich auch noch ändern kann. Da ich kaum Leser habe, muss ich ja keine Erwartungshaltungen erfüllen und kann in meinem eigenen Tempo an den Texten schreiben, an denen ich gerade Interesse habe. Es hat auch durchaus Vorteile, ein unbekannter, selten gelesener Autor ohne Fangemeinde zu sein …

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(1) Der Tiroler würde uns „Anstößer“ nennen …

(2) Dort feierte man an diesem Wochenende übrigens „Oktoberfest“. Deshalb waren die Gaststätten geschlossen und nur ein feuchtklammes Bierzelt, das 9 Euro Eintritt kostete, hatte geöffnet. Dort gab es natürlich nichts für Vegetarier, dafür spielten „Igor und seine Oberkrainer“(!). Nein, wir waren nicht dort, wir blieben in unserem Zimmer in der Pension und hungerten bei einer kargen Brotzeit. Zum Glück hatten wir wenigstens einen Flachmann und eine Flasche Wein dabei, die uns diesen Abend retteten.

(3) Nebenbei: Gibt es eigentlich außer mir noch einen Menschen, der sich kein hässliches Tatoo hat stechen lassen?

 

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

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