Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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8 Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren – hier sind selbstredend immer auch das Autor und die Autorin gleich welcher geschlechtlichen Vorliebe, Ausprägung und körperliche und seelischer Ausgestaltung und Ausstattung mitgemeint – denn ich werde niemals den un­säglichen Gendergap oder einen anderen semiotischen Unfug in meinen Tex­ten einführen1 -, machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädt­chen der Republik, um ihre Bücher anzupreisen und aus ihnen vorzutragen, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, Werbung für ihr neues Werk oder sich selbst zu machen.

Durchaus jeder Au­tor – der ja, wie allgemein be­kannt -, am liebsten in seinem Dachjuchhe (Das Wort Dachjuche ist wie molestieren2 oder Idiosynkrasie eines von meiner privaten roten Liste der schönen, aber leider beinahe ausgestorbenen Wörter. Ich mag es und habe es gerade wieder bei dem leider schon verstorbenen Dieter Kühn gefunden. Es ist also auch eine Verneigung vor diesem Schriftsteller, wenn ich es in diesem Büchlein ein-, oder zweimal verwenden werde) einsam in sein Moleskine kritzeln oder auf die Tastatur hämmern möchte und alltäglich nach dem Motto »Ich will nichts erleben, denn ich bin Schriftsteller« lebt, hasst es, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und sich dort zu pro­stituieren und vor Publikum zu »lesen«. Es gibt eine große Anzahl von Autoren wie z. B. Patrick Süskind oder Thomas Pynchon, die sich dieser Zumutung komplett entziehen und sich nicht einmal für ein Werbefoto ihres Verlags ablichten lassen. Schließlich sollte doch, auch wenn es heute aus der Mode ist, der Schriftsteller hinter seinem Werk verschwinden und nicht umgekehrt.

Denn solch ein literarischer Abend mit dem Autor geht selten gut. Vor einer äußerst über­schaubaren Gruppe beflissener Zuhörerinnen – in aller Regel sind das liebreizende Buchhändlerinnen, neugierige Leh­rerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Kli­makterium, denn das »Lesen« ist ja heut­zutage eine rein weibliche Beschäftigung –, gibt der Autor mehr oder weniger verschämt Aus­schnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Ein­druck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner ei­genen Texte ist, dass er zu leise oder zu laut spricht, nu­schelt, ohne oder mit viel zu viel melodramatischer Betonung spricht, stottert, blättert, zö­gert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassi­sche Le­sung hat viel Ähnlichkeit mit der Pre­digt in der Kir­che; viele klappen nach ein, zwei Sät­zen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schwe­ben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Ta­lente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Ihnen gilt meine volle Bewunderung. Ich könnte das nicht, denn wie die meisten Schriftsteller bin ich als real-existierende Person anstrengend und überaus langweil­ig – fade, schüchtern, menschenfeindlich. Würde je­mand schreiben und sich hinter sei­nen Werken und einem Pseudonym ver­stecken, wenn er ein offener, freundli­cher und sympa­thischer Zeitge­nosse wäre? Wohl kaum. Wie gesagt: Der kon­servative Schrift­steller ist ein eher widerbors­tiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in ei­nem kleinen, ab­schließbaren Kämmerchen nach­geht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Ma­schine tippt oder gar aufs Pa­pier kritzelt. Er ist voller »promethi­scher Scham«, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimms­te ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der wie der Donner zum Blitz gehörigen und daher oft unver­meidbaren anschließenden Diskussion aussetzen zu müs­sen. Das schlimmste für den Autor: Selten will je­mand über den Inhalt sei­ner Texte sprechen oder sei­ne beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft bewundern, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in die offe­nen Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessie­ren sich ausschließlich für Privates, Intimes, Peinliches, das er ei­gentlich nicht preisgeben will. Auch deshalb schreibt er ja.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, falls Nikolaus M. Klammer dem­nächst in der Buch­handlung deines Vertrauens auf­treten muss und Verwirren­des aus seinen Essays, An­strengendes aus dem »Jahrmarkt in der Stadt« oder gar den »Erinnerten Memoiren des Dr. Geltsa­mers« vor­trägt, dann meide bei der an­schließenden Diskus­sion die folgenden acht Fragen. Du quälst ihn damit. Und da die Qualität der hastigen Antworten in die­sem Fall nicht die Qualität der Fra­gen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen. Denn eigentlich möchte ich den Abend schnell beenden, direkt ins Hotelzimmer gehen, den Minikühlschrank plündern und mich mit der Beute unter der Bettdecke verkriechen.

*

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfra­gen:

I. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Wie fällt Ihnen so etwas nur ein?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er mal wieder viel zu viel gegessen und anschlie­ßend schlecht ge­träumt hat? Dass er das bei Dosto­jewski oder bei Facebook klaute? Mit Absinth experi­mentiert hat? Seine Nachbarn mit einem Nachtsicht­gerät beobachtete und den Nebentisch im Café be­lauschte? Oder dass er schlicht ein psychotis­ches, menschliches Wrack ist, dem so etwas Krankes ein­fach zwischendurch mal so einfällt?

In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

II. Wie kann man nur etwas so etwas abartiges, misogynes, sadistisches, pornografisches oder politisch unkorrektes schreiben?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publi­kum öffnet und das innere Ungeheuer befreit und versucht, sich selbst durch Schreiben zu heilen.> Er­zählt man etwas Monströses, wird man für ein Mons­ter gehalten. Erfindet man einen üblen Rassisten oder Macho, ist man selbst einer. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Mi­nenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen kön­nen; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

III. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest du gerne wissen, liebe Leserin. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist au­tobiografisch. Auch wenn ich reife Jo­hannisbeeren vom Busch pflü­cke und sie mit Gelier­zucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade autobiogra­fisch. Genau wie die Bee­ren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen, Stängel und Ker­ne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzu­cker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, auto­biografisch. Ich ma­che mir nicht die Mühe und arbei­te jahrelang an ei­nem Schlüsselro­man, um anschlie­ßend bei einer Le­sung den Schlüs­sel zu verschenken.

IV. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zuge­traut. Sie sollen auf dem Stand der Forschung ste­hen, sich auf allen geisteswissenschaftli­chen und so­zialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Autoren stehen bei Demonstrationen in der ersten Reihe, lesen auf Wohltätigkeitsveranstal­tungen und schreiben glühende J’accuse…!-Artikel. Man sieht sie als Gutmen­schen und belesene Intel­lektuelle. Doch nicht alle heißen Jean Paul Sartre. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, die über­lassen sie anderen, besseren. Aber sie machen sie manch­mal durch einen Text populär. Auch in Deutschland sollte es sich lang­sam einmal durchspre­chen: Schriftsteller sind Men­schen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, überblättern den Politik- oder Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, um schnell zum täglichen Sudoku-Rät­sel zu gelangen und wissen nichts Vernünf­tiges über AHAL-Regeln, Klimawandel, transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie ha­ben eine Meinung und einen Standpunkt und die finden sich in ihren Wer­ken. Wer sie kennenler­nen will, sollte die Bücher des Schriftstellers lesen. Ist es sinnvoll für Autoren, ihre Weltsicht wie all die Faceboo­ker, Istagramer und Twitterer wütend oder gar hasserfüllt hinauszupo­saunen? Ich denke nicht.

V. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Tatsächlich halte ich die Rechtschreibung für ein Gut, das immer mehr verloren geht und es macht mich verrückt, wenn in einem Buch auf ein »wegen« ein Dativ folgt oder gar die Rede von den »Einzigsten« ist. Trotzdem sträubt sich etwas in mir, »Leid tun«, »platzieren« oder »Frisör« zu schreiben. Denn Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur we­nige haben Germanistik studiert und schlagen bei jedem Wort nach, welche Schreibweise Duden und Wahrig emp­fehlen. Ich behaupte frech, wer Germanistik studiert hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachre­gelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Das gleiche gilt für Kritiker und Lehrer. Heinrich Böll soll der Unterschied zwischen »das« und »dass« nicht be­kannt gewesen sein (Da ist er ja in guter Gesell­schaft). Ich selbst habe mit Konjunktivsätzen und de­ren Verbformen erhebliche Schwierigkeiten und ken­ne zum Beispiel keine Kommare­geln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das Komma dann doch genau an der richtigen Stelle, auch wenn ich viel zu viele mache. Den Rest sollte ein Lektor erledigen3. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meis­ten Leser sehr großzügig über gewisse Rechtschrei­bunsicherheiten hinweggehen, weil sie selbst nicht so genau wissen, was denn nun eigentlich richtig ist.

VI. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Können wir das gleich überspringen? Denk doch noch einmal ernsthaft über diese Frage nach. Da könntest du mich ja gleich fragen: Bei wem ha­ben Sie Ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie ge­habt. Das sind nur Gerüchte. Doofe Frage eigentlich. Kein Autor hat Vorbilder. Vor mir gab es eh nieman­den, der mir das Wasser rei­chen konnte. Außer Balzac vielleicht, oder …

VII. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser Fanboys in mei­ner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt, die man – warum auch immer – »verteidigen« muss. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine einzige Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt oder gar negativ über ihn geredet habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden und nicht über Daniel Glattauer oder den Herrn Kehl­mann. Die können sehr gut für sich selbst einstehen.

Und dann gibt es noch diese letzte, gefürchtete Fra­ge, die ich auf keinen Fall beantwor­ten will:

VIII. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Auch wenn es so klingt: Diese naive Frage ist leider kein geschmackloser Witz, sondern sie wird ernstge­meint und wohlwollend immer und immer wieder ge­stellt. Nicht nur Autoren, sondern jeder Künstler kennt sie, denn sie taucht in geselliger Runde mit der gnadenlosen Unvermeidbarkeit eines Naturgesetzes grundsätzlich nach Lesungen, bei Vernissagen, nach Konzerten, Theateraufführungen auf. Sie rangiert ne­ben der Frage, woher nun eigentlich die Ideen herkä­men, unangefochten auf Platz Eins der dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

*

Diesen und andere Texte findest du, liebe Leserin, in meinem Essayband „Noch einmal daran gedacht“, der überall im Handel als Taschenbuch oder als günstiges E-Book erwerbbar ist.


1 Ich bin wie die meisten Schriftsteller in dieser Hinsicht au­ßerordentlich konservativ. Die Abschaffung des grammatischen Geschlechts, die Vergewaltigung der Schrift und der Sprache, um durch Sternchen oder geschlechtsneu­tralere Formulierungen eine Gendergerechtig­keit zu schaffen, die dann allenfalls auf dem Papier, aber noch lange nicht in Wirklichkeit existiert, ist nicht mehr ein Dummer-Jungen-Streich (oder muss man jetzt Dumme*r-Heran-wachsende_n_s-Streich sagen?).

2 Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von »molestieren« ist »belästigen«. Es kommt von dem lateinischen molestare und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhun­derts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den »Jugenderinne­rungen eines alten Mannes« von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867). Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirk­lich lesens- und empfehlenswerten »Volksbuchs« des Bieder­maiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücher­ramschkiste gezogen habe und an denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen selbst ausdrücken wür­de, immer wieder einmal angeregt delektiere. In den »Erinne­rungen« findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzt wiedergegebener Satz: »[..] mir ward ir­gendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spat­zen mit der Windbüchse zu molestieren.« Ich lie­be solche alt­väterlichen Formulierungen, wie sie insbesonde­re Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt hat. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieb­lingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Ra­senmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen auf meinem Deckchair zu unter­nehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmüll­tonne, während ich mich gerade zu dichteri­schen Höhenflü­gen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter gewor­den sein, aber sie hat eindeutig an Schön­heit verloren. Aber ich will euch nicht ennuieren.

Samstag, 17.10.20 – Nikolaus Klammer, der Gefährder der Jugend …

Samstag, 17.10.2020

Liebe unbekannte Leserin,

dies ist schon der „Herbst meines Missvergnügens“. Mich im Internet zu bewegen, macht mir gerade in den letzten Wochen immer weniger Freude. Von den ganzen Verschwörungsirren, Nazis, russischen Bots und Covidioten habe ich schon geschrieben, sie gehen mir täglich auf’s Neue auf den Geist. Aber da ist seit kurzem auch noch der ständige Zwang, auf jeder Site, auf die man surft, irgendwelche „Cookies“ zu akzeptieren; was vor allem am Smartphone zur nervenverzehrenden Folter ausartet. Und das muss ich jedes Mal wieder machen, wenn ich auf die Site gehe, da ich meinen Browser jetzt so eingestellt habe, dass er die doofen Spionagedateien automatisch wieder löscht, wenn ich ihn schließe. Schließlich geht mein Surfverhalten Amazon, Google und Facebook einen ***-Dreck an. Zudem ja auch Frau Klammerle meinen Internetzugang eifrig mitbenutzt. Wenn sie z. B. – wie letztens geschehen – im Netz nach einem passenden BH für sich gesucht hat, den sie dann doch im Einzelhandel in Augsburg erwarb, dann ist seither jede zweite Werbeeinblendung in meinen sozialen Medien eine Reklame für Damenwäsche – was mich nur in äußerst begrenztem Rahmen interessiert.

Neu ist auch, dass ich nun für den Verlag epubli, über den ich als Selfpublisher meine Werke veröffentliche, als Jugendgefährder und Pornograf gelte. Dort hat ihr neuer Algorithmus meine literarische Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“ aus Gründen, die nicht in Erfahrung zu bringen sind, bereits zweimal zensiert und auf dem Shop das so unanständige Cover und den Beschreibungstext aus „Jugendschutzgründen“ ausgeblendet. Inzwischen ist die Zensur mal wieder aufgehoben, aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich der cancel culture erneut zum Opfer falle.

Der Beschreibungstext lautet übrigens:

DAS ROTE HAUS – Kurze Geschichten

Der durch seine Romane bekannte Autor Nikolaus Klammer erweist sich in diesem Auswahlband mit 25 kurzen Geschichten auch als ein Meister der kleinen Form. Die hier versammelten Kurzgeschichten sind voller Experimentier- und übersprudelnder Erzählfreude. Sie berühren, machen nachdenklich und überraschen durch ihre Themenbreite, ihren Einfallsreichtum, ihre Eleganz und ihren Sprachwitz. Sie beweisen aufs Neue, wie bunt die Palette des Autors der Romanreihen »Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren«, »Brautschau« und »Jahrmarkt in der Stadt« und der beiden Essaybände „Noch einmal davon gekommen“ und „Noch einmal daran gedacht“ ist.


Über den Autor
Nikolaus Klammer erblickte am 10. Februar 1963 das Licht dieser besten aller Welten. Er übt den Beruf des Geschichtenerzählers aus, seit er sprechen kann – also schon eine lange, lange Zeit. Er lebt und schreibt im verträumten Diedorf bei Augsburg und ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Sein bisher veröffentlichtes und umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen und zwei Bände mit Essays und Glossen.

Das ist schon heftig! Aber nun gut. Ich gestehe, dass eine der Geschichten, nämlich der „Engel im Spiegel“, den man hier im Blog nachlesen kann, die kurze Beschreibung eines einvernehmlichen, heterosexuellen und für die Handlung wichtigen Geschlechtsverkehrs zwischen zwei Erwachsenen beschreibt. Dabei bewerbe ich mich aber eher für den Bad sex in ficition-Award der britischen Zeitschrift Literary Review, den diese an zeitgenössische Romanautoren für die schlechteste Beschreibung einer Sex-Szene vergibt. Der Rest der Kurzgeschichtensammlung, der sich selbstverständlich an ein literarisch gebildetes und erwachsenes Publikum wendet, ist freilich „schmuddelfrei“. Welche stinkenden Sumpfblüten wird die gerade grassierende, voreilige und vorauseilende political correctness noch austreiben? Und was stellt sie mit unserem kulturellen Leben an? Ich finde, sie zerstört es noch nachhaltiger, als es der Virus gerade tut. Und was ist das für eine amorphe Clique von Personen, die offenbar gerade die öffentliche Diskussion übernommen hat und munter alles und jedes unter Generalverdacht stellt und zensieren will, das sich nicht ihren Regeln unterwirft? Warum kuschen die Denker und Philosophen vor ihnen? Jenen, die erfolgreich einfordern, dass Bücher zensiert, Gedichte gelöscht oder mit Triggerwarnungen für sensible Gemüter ausgestattet werden und Künstler- und Hochschulkarrieren vernichten? Jene, die wollen, dass alte Kinderbücher entweder sprachlich gereinigt oder doch zumindest den Kindern vorenthalten werden? Die auch von mir verlangen, dass ich als zufällig männliche/r/s Literat*In (grundsätzlich in Rassismusverdacht und frauen- und transgenderfeindlich) die deutsche Sprache vergewaltigen soll, weil sie selbst den Unterschied zwischen einem grammatikalischen und einem tatsächlichen Geschlecht nicht begreifen? Was geht da vor?

Aber um Herrn Rether zu zitieren: „Was rege ich mich auf?“

*

Zumindest ist es mir endlich gelungen, vorerst die Arbeit an meiner nächsten literarischen Veröffentlichung – dem Roman „Aber ein Traum“ – abzuschließen. Es sind doch über 300 Seiten und wie ich meine, ein großes Leseerlebnis geworden.

„Ende“ unter ein Buch zu schreiben, erfüllt mich immer mit Stolz und setzt Glückshormone frei, die dann jedoch bald wieder verfliegen. Denn das Wort „Ende“ ist eigentlich eine Lüge. Nun kommt der – zumindest für mich – lästigste Teil der Arbeit, nämlich die Zeit, in der meine Testleserinnen das Werk kritisch begutachten, alles ein letztes Mal korrigiert und verbessert wird (ärgerlicherweise werden trotzdem viele Fehler übersehen), Vorder- und Rückcover entstehen, Werbetexte geschrieben werden. Ich muss trotz meiner Ungeduld viel, viel warten, obwohl ich mein „weltbewegendes“ Werk endlich meinen Leserinnen übermitteln möchte und auf ihre Reaktionen erhoffe. Zumindest kann ich garantieren, dass „Aber ein Traum“ keinerlei jugendgefährdende Inhalte hat, sondern einfach und schlicht gute Literatur ist. Im Moment rechne ich damit, dass der durchaus phantastische Roman um die Brüder Waldescher und ihre große Liebe, der sehr aufmerksame Leserinnen benötigt, im nächsten Monat erscheinen kann.

Auf den dringenden Wunsch von Frau Klammerle und anderen Leserinnen (Hallo, Luna!) habe ich meine Schreibblockade heruntergeschluckt und arbeite jetzt am 4. Teil meiner Geltsamer-Romane, die offenbar – und das schmeichelt mir sehr -, jeder liebt, der sie gelesen hat. (Der 1. Band „Die Frau, die der Dschungel verschluckte“, hat es bei Amazon immerhin auf 10 begeisterte Rezensionen gebracht). Es ist bereits etwa ein Viertel des neuen Buchs geschrieben, das den Titel „In den Bücherkellern des Vatikans“ erhalten wird. In bewährter Weise werde ich in der nächsten Woche damit beginnen, die Beta-, oder eher Gammaversion des Romans hier in homöopathischen Häppchen als Fortsetzungsgeschichte zu bloggen. Das wird hier zwar kaum gelesen, aber es ist für mich eine gute Methode, mich selbst zur Arbeit zu zwingen und für regelmäßigen Nachschub zu sorgen. Vielleicht willst du ja doch mitlesen.

*

Ist es dir aufgefallen, meine liebe und einzige Leserin? Ich habe diesmal auf Fußnoten verzichtet. Irgendwie habe ich jetzt aber das Gefühl, es fehlt etwas. Aber es geht wohl auch ohne …(1)

Liebe Grüße, Nikolaus


(1)  … manchmal zumindest.

Samstag, 03.10.20 – Ach, dieses schreckliche Jahr …

Samstag, 03.10.2020

Liebe unbekannte Leserin,

du hast bestimmt schon auf meinen allwöchentlichen Samstagsbrief gewartet, der seit Wochen der einzige, irgendwie an Literatur erinnernde Text ist, der mir noch gelingen will. Und selbst diese regelmäßige kleine Botschaft kostet mich Überwindung. Ja, du wirst es dir schon beim Lesen meiner letzten Briefe gedacht haben: Ich befinde mich gerade in einer veritablen und hartnäckigen Schreibkrise, die mich wie ein unsichtbarer Virus hinterrücks überfallen hat und gefangen hält. In den letzten, sehr fleißigen Schreibjahren voller kreativen Outputs und 12 veröffentlichten Büchern hätte ich nicht gedacht, dass mir so etwas noch einmal passieren könnte. Das war mir unvorstellbar. Ich hielt mich überheblich vor dem berühmt-berüchtigten schriftstellerischen Burnout gefeit, über den so viele Autoren jammern. Denn ich hatte ein Ziel, eine Botschaft und wusste, dass ich ein „guter“ Autor bin. Dieses ungeheuerliche, nicht enden wollende 2020 hat mich eines Besseren belehrt. Spätestens mit dem Beginn der Corona-Pandemie im März und ihren unangenehmen Begleiterscheinungen(1), dem Tod meines Vaters und der Übernahme der Betreuung meiner dementen Mutter, meinem mir immer bewusster werdenden Versagen als Autor, dem es einfach nicht gelingen will, sich eine Leserschaft aufzubauen, befinde ich mich in einer Dauerkrise. Tatsächlich befand ich mich wohl auf einem Irrweg und jetzt sehe ich mich verwirrt an einer Kreuzung um und weiß nicht mehr weiter.

Nun trage ich aber seit Vorgestern eine nagelneue und sauteure Brille, meine erste mit Gleitsicht(2). Ich habe mich noch längst nicht an sie und meinen neuen, schärferen Blick auf die Dinge gewöhnt. Aber vielleicht schenkt mir ja der Ausblick durch den schwarzen Metallrahmen neue Perspektiven und Einsichten und mir gelingt es, gelassener zu sein, den richtigen Weg wiederzufinden und endlich an meinen Texten weiterzuarbeiten. Es kann nicht länger damit weitergehen, dass ich meine eigentlich viel zu kostbare freie Lebenszeit mit Netflix, Computerspielen, Essen und dem Smartphone verplempere.

*

Ein kräftiger Föhnwind schenkt dem Augsburger Land zumindest heute Vormittag eine gewisse Wärme und viel Sonnenschein. Er soll wohl mittags zusammenbrechen. Aber er hat mit leichter Hand die trüben Wolken (auch die, die in meinen Gedanken hingen, als ich zu schreiben begann), weggeblasen und eigentlich ist es schade, dass ich in meinem Kämmerlein an der Tastatur sitze und tippe. Dieser Tag schreit nach einer Bergwanderung, aber leider hat Frau Klammerle gerade Nachtwache und schläft den gerechten Schlaf der skandalös mies bezahlten, aber überaus fleißigen »Systemrelevanz«. Dringend wäre ein Aufräumen im kleinen Garten hinter dem Haus notwendig. Er verwandelt sich gerade langsam in den »totgesagten Park« von Stefan George(3). Zumindest die Büsche müssten beschnitten werden. Aber heute ist ja Feiertag und meine Nachbarn würden es nicht goutieren, wenn ich einen lautstarken Auftritt mit der elektrischen Heckenschere hinlege. Also werde ich weiter gelassen an dieser Glosse feilen, leisen »Gypsy-Jazz« laufen lassen, würzigen Chai trinken und ab und an sehnsüchtig aus dem Fenster sehen, während Frau und Katze nach ihren anstrengenden nächtlichen Beschäftigungen noch ein paar Stunden friedlich schlummern. Vielleicht schaffe ich es und schreibe noch ein paar Zeilen vom Schlusskapitel meines Roman-Projekts »Aber ein Traum«, das ich eigentlich in diesen Tagen veröffentlichen wollte, das aber wohl noch einen Monat intensiver Pflege und ein, zwei Korrekturleser benötigt(4). Zu 99,9 % bin ich fertig mit dem 300-Seiten-Werk, aber gerade die letzte Promille macht mir ordentlich zu schaffen. Der erste Satz ist einfach, ich habe gefühlt 1000 erste Sätze im Kopf, aber der letzte ist schwer, vor allem, wenn er auf den geplanten zweiten Teil Appetit machen soll. Im Moment sieht er so aus:

Kann es sein, dass die ausweglose Düsternis des Romanendes es mir gerade so schwer macht, daran weiterzuarbeiten? Was meinst du?

Liebe Grüße, dein Nikolaus.

___________________________________

(1) Als da wären: Eine beständige innere Unruhe, eine unterschwellige Ängstlichkeit, ja, Furcht, schlechter Schlaf, Gewichtszunahme, noch weniger soziale Kontakte als vorher, eine depressive, sehr pessimistische Grundhaltung und viel Arbeit im Brotberuf. Oft fühle ich mich, als wäre das Ende der Welt oder zumindest mein eigenes nah. Ich bin häufig brummig und schlecht gelaunt. Vor allem ist es aber ein heftiger, Übelkeit erregender Ekel vor dem überlauten Geschrei von Nazis, Rassisten und anderen rechtsradikalen Arschlöchern, AfD’lern(1a), Irren, zynischen ausländischen Machtpolitikern mit der Intelligenz einer Fruchtfliege und vollkommen in ihre eigene, schreckliche Welt abgetrifteten Verschwörungsfanatikern, der mir meine Tage vergällt. Überall und von allen Seiten, auch in meinem privaten Leben, wollen sie mir ihre kranken Meinungen und idiotischen Wahnvorstellungen aufdrängen und mich dabei mundtot machen. Dieser Hass, der sich schneller als der Virus verbreitet, liegt mir den ganzen Tag wie ein fauliges Stück Fleisch auf der Zunge und ich kann ihn nicht loswerden. In den 80ern und 90ern, als es noch wenig oder gar kein Internet gab, durfte ich mir noch einreden, es wäre nur eine kleine Minderheit in Deutschland, die so spinnt – tatsächlich habe ich nun den Eindruck, wenn ich die Kommentare zu Tagesnachrichten lese, es wäre jeder vierte ein geistesgestörter Nazi. Es ist grotesk, dass genau jene, die ständig schreien, man könne hier nicht mehr seine Meinung sagen, wie in einer Dauerschleife ununterbrochen zu hören sind und die Stimmen der Vernunft überbrüllen. Ich jedenfalls bin sprachlos und entsetzt und knirsche hilflos mit den Zähnen, weil ich dieser brutalen Gewalttätigkeit nichts entgegensetzen kann.

(1a) Ja, ich weiß, dass nicht alle AfD-Wähler und AfD-Politiker Nazis sind – es gibt auch eine ganze Menge Deppen unter ihnen.

(2) Ja, ja, das Alter … siehe auch hier: »Die Welt durch Glas«

(3) Damit spiegelt das Gärtlein jetzt mit seiner etwas ranzigen Überfülle, seiner überbordenden natürlichen Unordnung und dem doch überall kränkelnden Blattwerk, den klebrigen Spinnweben und bleichen Herbstblüten als Gleichnis ziemlich exakt mein Lebensalter wider. Wenn es nicht einen dramatischen Einschnitt gibt und der Tod frühzeitig die elektrische Heckenschere ansetzt, dann befinde ich mich gerade im Herbst meines Lebens. Nun, das könnte schlimmer aussehen, oder?

(4) Vielleicht weißt du ja jemanden, der/die daran interessiert ist. Okay, wohl eher nicht.

Die Bilder an meiner Wand – EINS (Sehen und Warten)

Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider schon verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“, der Ende des Monats erscheinen soll.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Frühen Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester. Es war eine toxische Beziehung. Kühn hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, machte sie es auf die einzig richtige Weise. Sie zog einen Schlussstrich, von heute auf morgen. Sie vernichtete in ihrer damaligen Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende, surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig umgedreht als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann Ende der Achziger gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag, wenn ich an meinem Esstisch sitze.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die zerfließenden Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht so bekannt vorkommt. Kühn hat den Kopf auf der Radierung übrigens seitenverkehrt nachgearbeitet und leicht verändert, so dass es tatsächlich nicht mehr Hayes, sondern eher dem Maler selbst gleicht. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die mit dem Künstler in eine ungewisse und, im Nachhinein betrachtet, sehr kurze gemeinsame Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel, die in den Spinnenfäden der Zeit gefangen sind.

Mir erzählte dieses Bild  schon von Anfang an eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild beschrieben wird) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich in dem Bild nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern die beiden Hauptfiguren meines Romans „Aber ein Traum“.

Liest man übrigens den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar meiner Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor E. A. Poe zu meinem Werk inspiriert. Die Wahrheit ist viel komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und auch beeinflusst, als ich mit Vierzehn das von Arno Schmidt & Co. übersetzte Gesamtwerk las (auch „Eureka“) und ich habe ihn in der Geltsamer-Reihe ein Denkmal gesetzt. Aber er ist nur indirekt durch das weiter unten wiedergegebenen Gedicht mit „Aber ein Traum“ verknüpft. Zurück zu Dieter Kühn, dessen Radierung „Sehen und Warten“ ja neben meinem Kühlschrank hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ hat einige Züge von Kühn übernommen).

Ein Teil der schwarzen Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört; sie waren für sie von der Beziehung nicht „vergiftet“. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen Musikern gab es die eine oder andere exemplarische Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast. Dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf und wurde mir bewusst. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. In den Jahren danach entdeckte ich den Blues für mich und die Platte von Alan Parsons verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Die Chance verpasst – Postkarte DREI


Mein lieber unbekannter Leser, liebe unbekannte Leserin!

Tja, das war’s. Seit heute kosten die E-Book-Ausgaben meiner Bücher wieder ihren alten Preis von 2,49 €. Ich wollte es nur sagen, damit später niemand enttäuscht ist. Aber eigentlich ist es vollkommen egal. Sehe ich mir die Zugriffszahlen auf meinen Blog an, spielt es überhaupt keine Rolle, was ich hier schreibe oder ankündige oder so von mir gebe. Würde ich meine Texte auf die Unterseite meines Autos (ziemlich rostig, 12 Jahre alt, 300.000 km, noch 1 Jahr TÜV. Hat jemand Interesse?) heften, würde ich mehr Leser erreichen. Ich gebe es offen zu: Meine Lustlosigkeit, diesen frustrierend erfolglosen Blog weiterzuführen, tendiert gerade gegen 0. Vielleicht ändert sich das wieder, aber irgendwie bezweifle ich es. Wenn du dich nur einmal melden würdest, liebe unbekannte Leserin, dann wäre es für mich anders. Aber du schweigst und allzu oft muss ich daran zweifeln, ob es dich überhaupt gibt.

Ich habe übrigens in meiner kleinen Sommeraktion doch einige Bücher verkaufen können – in der Hauptsache an Leute, die mir auf Instagram folgen. Dieses vielgeschmähte Selbstdarstellerportal, die sich selbst, ihr Essen oder ihre Kaffeetasse fotografieren, ist wie der laute Club neben dem Friedhof, auf dem dieser Blog und meine Twitter- und Facebook-Accounts beerdigt liegen. Auf der einen Seite braucht man als Selfpublisher offenbar soziale Medien, aber – um beim Bild zu bleiben – Instagram ist bisher der einzige Club, in den mich der Türsteher reingelassen hat und ich an der Bar ein paar (zugegebenermaßen) oberflächliche Gespräche führen kann. Das ist für mich, der ich als Autor besser ins 19. Jahrhundert gepasst hätte und gegen das Verdikt anschreibe, dass „der Roman tot“ sei, ausgesprochen paradox und verwirrend.

Noch bin ich im Urlaub. Wie du siehst, weilen Frau Klammerle und ich gerade im Spreewald, sind aber erstaunlicherweise nicht vollkommen vom Internet abgeschlossen. Das liegt am WLAN in unserer Ferienwohnung, denn einen Handyempfang gibt es hier draußen am A… der Welt nirgendwo. Allerdings auch kein Corona; was diese Gegend als Urlaubsziel gerade recht anziehend macht, obwohl es hier für einen Vegetarier die Hölle ist (Es sei denn, er ernährt sich nur von eingelegten Gurken). Du hast es schon richtig vermutet: Wir gehen hier Frau Klammerles Lieblingsfreizeitvergnügen nach, mich zu bewegen: Wir wandern, machen ausgedehnte Radtouren (Muskelkater in den Beinen), paddeln kreuz und quer durch die Spreearme (und schleppen unser Leihboot über versperrte Schleusen – Muskelkater in den Armen), besuchen die Burger Spreewald-Therme, spielen abends Mensch-ärgere-dich-nicht (Ich verliere grundsätzlich! Muskelkater im Gehirn) und trinken abgrundtief grauenvolles „Gurkenradler“, das neben schlechtem Bier tatsächlich gezuckertes Gurkenwasser enthält. Wir haben einen Ausflug nach Berlin gemacht und standen wegen den Aluhut-Idioten und Nazis, die am Wochenende den Bundestag stürmen und die Diktatur der Vollpfosten ausrufen wollten, lange im Stau. Oh, wie ich diese Arschlöcher hasse! Ich könnte kotzen, wenn ich nur an sie denke und bevor ich einem von diesem Gesocks und der AfD die Hand reiche, würde ich sie mir lieber abhacken! (Wie gesagt, es hat Vorteile, dass niemand diesen Blog liest. Ich kann schreiben, was ich will) Ruhig Blut! Ende dieser Woche brechen wir dann hier unsere Zelte ab und machen noch ein Wanderwochenende im Fichtelgebirge, das günstig auf halber Heimatroute liegt.

Dann erwartet mich wieder mein Brotjob, für den obiges Foto eine gute gute Metapher ist. Ich bin irgendwie der Falsche am falschen Ort und niemand holt mich hier raus! Die Aufnahme entstand freilich nicht im Spreewald, sondern im August 2019, jener unbeschwerteren Zeit, als wir unseren Sommerurlaub am Iseosee in der Lombardei verbrachten. Ich denke mit einer Mischung aus Trauer und Sehnsucht daran. Trauer, wenn ich bedenke, was der Gegend während der Pandemie an Leid geschah und Sehnsucht, weil ich mich so sehr danach sehne, wieder nach Italien fahren zu können. Dort gehöre ich hin: In die Hitze eines toskanischen Nachmittags, in den Schatten unter einem silberblättrigen Olivenbaums, während ein leichter Wind vom Meer heraufweht und den Geruch von Salz, Thymian und Wacholder mitbringt. Vor mir auf dem Tisch, an dem ich an meiner Schreibmaschine an meinem Roman „Aber ein Traum“ (Wird Ende dieses Monats veröffentlicht!) tippe, stehen ein Glas herber, tanninreicher Rotwein, Weißbrot und ein paar Brocken gereifter Pecorino aus Pienza. Frau Klammerle sonnt sich hinten am Pool unseres Feriendomizils. Kein Muskelkater: Es ist viel zu warm, um zu radeln oder zu denken. Vielleicht bleiben wir auch für immer.

Ach, ja …

Zum letzten Mal Grüße aus dem Urlaub,

Dein Nikolaus

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