Aber ein Traum …

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Der Moment, der ändert – Eine Weihnachtsgeschichte für Nachdenkliche

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Oder spielen mir die anderen alle nur etwas vor? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … Schafscheiß! Mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber muss ich bis Silvester noch eine Semesterarbeit schreiben … Wie viele Seiten bleiben noch? Sieben … ohje, und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei! Hat das mit einem Unfall zu …

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, sich am vierundzwanzigsten Dezember nachmittags um drei Uhr in einen geschlossenen Stadtpark zu schleichen, auf einer Holzbank zu sitzen und Giordano Bruno (1) zu lesen.

– Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich ist.Wie in jedem Jahr. Nix mit White Christmas.

Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös unf schmutziggrau gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt! Ich spinn doch nicht!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verwittertes, verschwommenes und hässlich fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im barocken 18. Jahrhundert das Mittelalter vorgestellt hatte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Der Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

– Bisher hat er sich noch nie bewegt. Selbst wenn ich aus dem öffentlichen Bücherschrank einen Band genommen habe, ohne einen zurückzulegen.

Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert – nach der Schule oder wenn seine Oma mit ihm spazierenging.

– Trotzdem hat sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt! Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte. Für sein Philosophiestudium war sie unverzichtbar.

Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns, hat er mal gesagt. Hallelujah! Später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Christbaumkugeln, süßer die Glocken nie klingen … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Tamens movetur! Und er hat sich doch bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges: Das konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, idiosynkratisch, wie er eben gelesen hatte, jenes klugscheißerische Wort des 19. Jahrhunderts für burn-out. Er war ausgeschlafen, satt und sein Geschlechtsleben ausgewogen. Ihm war eher warm im Freien und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen – ganz sicher nicht.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans heute Mittag. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es bestimmt noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steinernen Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte ihm gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren, prohezeihe ich mal, können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und sich nicht einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und nahezu unverständliche Renaissance-Philosophie studierte. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits das Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien, stattdessen ein paar moderne Werke aufzustellen.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen von dem Künstler Johann Wolfgang Schindel verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

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(1) Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Isabella, die Krippenkatze (Teil DREI)

 

[zum ersten Teil …]

Die von der Haustür von Friederbuschs Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht einer billigen LED-Kerze in die Finsternis, die dadurch eher noch dunkler als heller wirkte. Der Esel stapfte tapfer voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was der Hund und der Mensch, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu Karl-Heinz, der in dem engen Abwassergang direkt hinter ihm trottete. Was jedoch aus dem Mund des Schriftstellers kam, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen. Der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll und Friederbusch war dankbar, dass er in der Dunkelheit nicht so genau erkennen konnte, worauf genau seine Fußsohlen traten. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn ein fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Weil er auf die Schnelle keinen der seltenen Advents-Waschbären hatte auftreiben können, benötigte er den Menschen Friederbusch und dessen zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men. Deshalb musste er ihn in der müffelnden Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version der Weihnachtsgeschichte, die ich kenne – der alten, der einzig wahren – kam keine Katze vor; keine einzige. Da schlummerte das Jesuskindlein friedlich im Stall bei Ochs und Esel ganz allein in der Krippe. Irgendjemand hat an der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer rutschte er über etwas Undefinierbarem, Weichen aus, stolperte tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Erschrocken atmete er tief ein und ihm wurde sofort speiübel. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog betreten sein Bein aus der Brühe. Singing Sam kicherte schadenfroh, das gelang ihm auch mit einer Lampe im Maul.  Friederbusch war nicht dabei gewesen, bei dem legendären gewaltigen und apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Hoffentlich gab es hier keine Krokodile. Es herrschte, von dem kleinen Lichtkreis, den die trübe Lampe von Singing Sam schuf, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit dem kitschigen Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte nun, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind also ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? Nun, sie waren ja auf dem besten Wege … „Wie oft soll ich dir das noch erklären, Friedi? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März. Von dort aus haben sie massiv in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März ist nämlich der historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. Wo blieb die action? War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Das eine Fach verstand er nicht, das andere pfuschte ihm ständig mit historischen Wahrheiten ins literarische Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. „Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Weihnachtsmärchen, wäre es meine Aufgabe, an dieser Stelle dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir agathodaimonische Geschöpfe sind, geschaffen von der alchymischen Kraft eines Rumpelstilz im Dolmensteinkreis des mystischen Karlnickelwalds, von dessen Bäumen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz von Brombach steht und dessen Wurzeln hier herunter reichen. Sam und ich, wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm … Guter Stoff für eine Fantasy-Trilogie. Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Karl-Heinz sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Er sammelte sich und Dann hob der uralte Weihnachtshund stolz seinen mächtigen Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und das Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleines, unbedeutendes Menschlein und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Der Pinkelbaum ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, in alle Geschichten, in die Träume und die Fieberfantasien, in alle Räume und Bücher, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viele Orte mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangaea und zu den schleimigen Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und sich gegenseitig fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst. Du gelangst direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbenen Ringe des Enceladus, zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Dimensionslöcher von Telvis und sogar bis in die trüben Keller unter Diedorf. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht – in dieser Dimension oder in einer anderen. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert in alle Richtungen, auch in die vierte Dimension. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

 

 

[Zum 4. Teil]

Isabella, die Krippenkatze (Teil ZWEI)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer

weihnachtsband

[zum ersten Teil …]

„Es ist ein Skandal“, fauchte der alte Perser Murrle mit sich vor Zorn überschlagender Stimme in kaum verständlichem Falsett. Murrle! – ausgerechnet Murrle, das war der grausam höhnische Name, den sein gedankenloser Mensch dem edlen Tier gegeben hatte. Denn eigentlich hieß dieser schon beinahe zwanzig Jahre alte und längst zahnlose Methusalem Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall, war Edler vom Hohen Hohenstein auf Werthersberg und er war der Eine Kater, der gleicher war als alle anderen Katzen. Er war der, dessen Pfotendruck im Katzenrat zu Bromberg an der Fiesel am schwersten wog und der die tiefsten Abdrücke hinterließ. Auch dass man in seinen jungen Jahren an seinen Kronjuwelen herumgeschnitten, sein Miauen deshalb selten gehörte und es in den empfindlichen Ohren der feliden Zuhörer schmerzhaft klirrende Höhen erreichte, änderte nichts daran, dass seine Meinung im Rat der Katzen die bedeutendste und gewichtigste war.

Murrles Fell war mit dem Alter längst räudig geworden und er verlor bei jeder Bewegung büschelweise weiße Haare, die im Lichte der Straßenlaterne wie dicke Schneeflocken herumwirbelten. Manchmal wusste er nicht mehr so genau, wo er war und wie all die jungen Streuner hießen, die ihm ergriffen lauschen, doch heute waren ihm von der Last seiner Jahre und seiner Vergesslichkeit wenig anzumerken. Der greise Erste unter den Katern schnüffelte kurz an dem kleinen Beutel mit getrockneten Baldrianblättern, den er um den Hals trug; ein mildes Aufputschmittel, nach dem er ebenso süchtig war wie sein Mensch nach dem beißenden und stinkenden Qualm seiner Zigaretten.

„Ein Skandal“, wiederholte der Perser mit plötzlich glitzernden, wie brennenden Augen und wartete er dann ungeduldig, bis es im sichtlich erregten Kreis der um ihn versammelten Vertreter der Katzen-Kommune der pfahlbürgerlichen Stadt ruhiger wurde. Dann legte Murrle seine samtige Pfote auf das zerfledderte Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf dem umgedrehten Deckel einer Mülltonne lag. „Seht hier, das ist das große Buch der Menschen! Ich habe es studiert.“

Anerkennendes Schurren glitt wie eine La-Ola-Welle durch den Kreis der Versammelten. Grüne, kreisrunde Augen funkelten in der Nacht. Nur wenige Katzen lasen gerne und wenn sie es taten, dann genügte ihnen ein kurzer Blick auf die verwirrend sinnlosen Schlagzeilen der Menschenzeitungen, auf denen sie so gerne schlummerten.

„Ja, ich habe es gelesen, das heilige Buch – von seinem wüsten und leeren Beginn bis zu den Plagen, die Gott über denjenigen bringen wird, der auch nur ein Wort zu SEINEM Text hinzufügen oder von ihm entfernen wird. Doch diesen Fluch des Herrn will ich gerne über mich kommen lassen, wenn es mir gelingt, das große Unrecht auszumerzen, das ich zu meinem Erschrecken in diesen Zeilen fand: Denn in der Bibel werden über 130 Tierarten erwähnt – allen voran die Menschen, aber auch Schafe, Ziegen, Kamele, Wale, Pferde, Enten, Bienen, Schweine, sogar Mücken  – die Liste ist lang. Selbst die bösartigen Hunde haben einen Platz in dem Buch der Bücher gefunden, auch wenn ihrer nicht das Himmelreich ist. Aber ausgerechnet über uns Katzen, meine lieben jungen Freunde, über Katzen jedoch steht dort nichts! Das ist ein Skandal, nein, das ist noch schlimmer: Das ist Katzenlästerung – blasphemia ailouros! Hat nicht der unfehlbare Gott die Katze erschaffen und den Hund nur der  fehlbare Mensch? Sind wir Katzen nicht SEIN großartigstes Werk, die Vollendung SEINES Schaffens?“, steigerte sich Murrle in seinen heiligen Zorn und von überall her im Rund wurde zustimmend gemaunzt und aufgeregt mit aufgeplusterten Schwänzen gezittert. Auch wenn der älteste Katzenfürst von Bromberg nicht von allen verstanden wurde – er hatte einen recht altertümlichen, von einem Leben mit den Menschen geprägten Dialekt und benutzte Wörter, die den meisten unter ihnen unbekannt waren -, stimmten ihm doch alle aus Prinzip in seiner Schlussfolgerung zu: Es war ein Skandal! Und es war beschämend! Eine Gruppe von Claqueuren, die Murrle vor seiner Rede genau unterwiesen hatte, fauchte und heulte eindrucksvoll. Der uralte Perserkater hob seinen Schwanz und formte ein Fragezeichen mit ihm. Der Beifall verstummte sofort. Atemlos lauschte nun die aufgepeitschte Menge seinen weiteren Worten:

„Ihr glaubt, dass man da einfach nichts machen könne, dass die Dinge seien, wie sie sind? Ihr irrt euch gewaltig! Was für erbärmliche Schmusekatzen seid ihr alle! Keinen Mumm in den Knochen. Einer entschlossenen Katze wird alles gelingen, glaubt mir. Deshalb werde ich – ja, ihr habt richtig gehört: Ich, Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall! – diese unerträgliche Schande ausmerzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt noch tun werde. Beim gestiefelten Kater, bei Mikesch, Karlo und dem edlen Murr! Dreimal schwarzer Kater: Es ist das mindeste, dass auch wir Katzen in der Bibel erwähnt werden. Wir haben ein Recht darauf. Und wir werden es uns holen, wenn die Menschheit es uns nicht gewährt …“

„Und wie willst du das anstellen, Baron Maunzger?“, knurrte eine tiefe Stimme von hinten und unterbrach den von seiner eigenen Sprachgewalt beeindruckten Murrle. Der einäugige Cassius, ein zäher, dürrer, aber großer Kater, Sieger ungezählter Schlachten und Kämpfe und Stammvater ebenso unzähliger Nachkommen im Viertel, schob sich vorsichtig und geduckt nach vorne. „Sollen die Vatikan-Katzen vielleicht den Papst bestechen?“Cassius war über diese vom Altvater Murrle überraschend einberufene vorweihnachtliche Versammlung nicht erfreut, da sie ihm ein Liebesabenteuer versalzt hatte und auch noch ausgerechnet in seinem Viertel stattfand, in dem er als Blockwart das große Wort führte. Der massive Katzenauflauf würde für Wochen alle Mäuse und Ratten, die dem unbemenschten Cassius zur Nahrung dienten, aus der Gegend vertreiben. Er wünschte sich deshalb, dass die Sache schnell erledigt war und er wieder zu seinen selbst bei den nicht allzu moralischen Straßenkatzen doch recht verrufenen Geschäften zurückkehren konnte. Allerdings hatte er auch Respekt vor dem Alten, der den Rat schon geleitet hatte, als Cassius noch ein süßes, kleines Kätzchen war und täppisch hinter einem zufälligen Lichtreflex hinterherjagte. Deshalb duckte er sich auch entschuldigend und eingeschüchtert, als Murrle einmal kurz und beleidigt fauchte.

„Ich danke dir für deinen Einwand, Cassius von der Seuchgasse“, stellte der Älteste trotzdem freundlich fest, auch wenn die sarkastische Betonung der niedrigen Herkunft des Straßenkaters für schadenfrohes Gelächter unter den anderen Katzen sorgte. „Ich hätte euch nicht belästigt und zu dieser Versammlung eingeladen, wenn ich nicht einen Plan hätte. Ich würde es ja alleine machen, doch ich muss es euch gestehen: Mein Alter …“ Obwohl außer den mit Sardinen bestochenen Beifallsjublern niemand einen Einwand machte, hob Murrle abwehrend eine Pfote. Er brachte dadurch ein paar der weißen Haarbüschel, die ihn im Lichte der Straßenlampe hartnäckig umtanzten, in Bewegung.

„Ich weiß, meine lieben Freunde und Miezengesichter, ich weiß das doch. Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Einmal werde ich euch verlassen müssen, ihr Treuen. Der Tag ist nicht mehr fern. Sieben Leben habe ich aufgebraucht, vielleicht auch die neun, die nur den englischen Katzen zustehen – ich habe nicht mitgezählt. Der Katzentod ist in diesen Tagen mein steter Begleiter. Jeden Abend sehe ich sein hohles Grinsen im Silberspiegel meines leer gefressenen Whiskas-Fressnapfs. Die Tage meiner wilden Abenteuer sind lange vorbei. Doch, doch. Für mich wird es langsam Zeit, die Verantwortung in die scharfen Krallen anderer, jüngerer und gesünderer, Katzen zu legen.“ Sein Blick fiel auf Cassius, der gerade das Gerücht Lügen strafte, Katzen könnten nicht rückwärts laufen und der sich eilig in der Menge verbarg, denn er wollte auf keinen Fall dieser jüngere und gesündere sein. „Aber diese empörende Sache mit der Bibel bringe ich noch in Ordnung. Das wird mein Vermächtnis an die Katzenökumene. Doch dazu benötige ich einen Freiwilligen, der mit mir die Ehre der Katzenökumene wieder aufrichtet.” Schweigen. Stille. Nicht einmal ein Pfotenscharren – auch nicht von den Claqueuren. Einige hielten sogar die Luft an.

Ganz weit hinten leckte sich gerade anmutig eine kleine Katze an einer verfilzten Stelle über ihr flauschiges Fell. Da sie plötzlich die lastende Ruhe um sich herum bemerkte, sah sie sich neugierig um. Die hübsche und schwarz-weiß gemusterte Katzendame war zur falschen Zeit am falschen Ort, das war ihr durchaus bewusst. Aber irgendetwas zog sie immer wieder auf geradezu magische Weise fort von ihrem gepflegten, sauberen Zuhause mit Fußbodenheizung und immer gut gefüllter Brekkies-Schale, wo sie verwöhnt und verhätschelt wurde und sogar im Bett ihres Menschen schlafen durfte. Es zog sie hin zu den dunklen, feuchten und schmuddligen Gassen, den Gefahren und dem Gestank der Hinterhöfe und Anlagen – und dort ausgerechnet zu dem zwar glut-, aber einäugigen und geheimnisvollen Cassius, dem so viele Katzen rollig zu den Pfoten lagen. Sie nannte diese Süchte bei sich selbst ihre Mrs-Hide-Phasen, denn die Katzendame war eine der seltenen belesenen Feliden. Oft kauerte sie neugierig auf der Rückenlehne des Lesesessels ihres Menschen, schnurrte und las mit ihm gemeinsam in seinen aufregenden Büchern, die von Abenteuern in fremden Ländern und längst vergangenen Zeiten erzählten. Wenn dann ihr Mensch ermattet über den Seiten einschlief, schlich sie sich manchmal sogar heran und blätterte heimlich um, um zu erfahren, wie es in dem Roman weiterging.

„Ach“, dachte sie, „warum verliebe ich mich immer wieder in den falschen Kerl? Ich bin doch aus gutem Hause. Es gibt so herzenswarme, treue und brave Kater. Doch die interessieren mich nicht. Ich suche mir immer die Nichtsnutze und Hundlinge aus! Und warum war ausgerechnet heute Abend meine Sehnsucht so groß und drängend, dass ich mich durch die Katzenklappe ins kalte Freie zwängte und das Abenteuer in den Abtritten und Seuchgassen suchte? Was tue ich hier bei dieser Versammlung? Ich wollte doch auf den Gartenzäunen singen, im Garagenclub tanzen, vielleicht ein wenig schimmligen Lachs-Tatar aus den Mülltonnen des Zwei-Sterne-Lokals dort hinten naschen und eine nette Herrengesellschaft genießen. Doch jetzt bin ich in eine finstere Verschwörung geraten. Mädchen, sei gescheit und halte dein hübsches Mäulchen. Mach dich klein und grau in der Nacht! Geh zurück zu deinem Menschen!“ Aber genau bei diesen Gedanken blies ihr ein mutwilliger Windhauch einen von Murrles räudigen Haarballen direkt vor ihre Nase, wo er aufreizend auf- und abschwebte. Der Dame kitzelte es im Näschen. Sie nieste und schon zuckte ihre Pfote empor.

„Diese dummen Katzeninstinkte bringen mich noch einmal ins Grab“, kam ihr in den Sinn. Aber da war es bereits zu spät. Sie schlug nach dem Büschel und maunzte dabei zierlich. Da alle im Rund absolute Katzenstille bewahrten, klang der Ruf wie ein Schrei.

„Ha!“, rief der uralte Murrle sofort, „es gibt sie doch noch, die mutigen Katzen! Dass da eine ist, die in dem Fell des Raubtiers steckt, das wir einmal waren, konnte ich schon gar nicht mehr glauben! Auf diese Weise haben wir einst die Welt und die Menschheit erobert!“ Der alte Kater sprang von der Kiste, auf der er gesessen war und knickte dabei mit den rheumatischen Hinterläufen ein. Dann schlich er auf die Dame zu, die sich verwirrt umsah und nicht glauben konnte, dass sie gemeint war. Sie bemerkte, wie Cassius sein sehendes Auge fest zukniff. Murrle baute sich vor ihr auf und seine Helfer schoben sich unauffällig in den Hintergrund, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden.

„Wir haben also eine Freiwillige, die mich in die Vergangenheit begleiten wird. Darf ich deinen Namen erfahren, holde Dame?“ Er stubste sie vorsichtig mit der Schnauze an. Geschmeichelt verbeugte sich das Katzenmädchen, auch wenn sie noch immer nicht begriff, was eigentlich gerade geschehen war.

„Man nennt mich die Immerschöne, Gottes Schwur. Ich bin Isabella.”

 

[Zum 3. Teil]

Isabella, die Krippenkatze (Teil EINS)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer
und die Fortsetzung von

Karl-Heinz, der Weihnachtshund.

(Diesmal ohne die Mitwirkung von Hans-Dieter Heun,
der Katzen verabscheut,
dem Obengenannter Homme de lettres
allerdings zum Plaisir der geneigten Leser
sintemalen die Anregung
zu seinem neuen köstlichen Werk
verdankt.)
Ich wünsche so viel Vergnügen beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte.

weihnachtsband

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, las Egon M. Friederbusch sich selbst laut den Satz vor, den er eben in dem Textverarbeitungsprogramm seines Laptops getippt hatte. Er bekam von den Wörtern einen schlechten, fauligen Geschmack im Mund – ganz, als hätte er eine vergessene alte Fleischfaser zwischen den Zähnen, die er mit Zahnseide nicht entfernen konnte. Stirnrunzelnd hob er seinen rechten Zeigefinger. Er schwebte drohend über der Backspace-Taste der Tastatur – dem Fallbeil eines Scharfrichters gleich.

„Ach“, dachte er mit viel Mitleid mit sich selbst, „ich bin mir doch selbst der ärgste Kritiker. Einer von diesen Hobbydichterlingen, der kein ernsthafter Autor ist, kennt die Qualen des Schreibens und den Kampf mit dem ersten Satz nicht. Aber ist der einmal geschrieben, kommt der Rest ganz von selbst.“

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, war jedoch nicht dieser erste Satz, der wie eine Bombe einschlug. Da musste Friederbusch noch mehr Spreng- und Klebstoff anhäufen, damit der Leser hängen blieb und mit in die Luft flog. Der Schriftsteller seufzte und sein Finger fiel herab wie ein Habicht, der im Gras tief unter sich eine Maus erblickt hat. Kurz darauf war der Monitor des Computers wieder eine weiße, jungfräuliche Fläche und wirkte auf ihn wie der frisch gefallene Schnee auf dem Rasenrechteck hinter seinem Haus. Nichts verriet mehr von diesem ersten, missglückten Versuch, der nun im digitalen Orkus von Friederbuschs verunglückten Romananfängen bei vielen Leidensgenossen lag und sich bitter über einen solch herzlosen Schöpfer beklagte.

Für heute hatte sich Friederbusch, den seine wenigen Freunde liebevoll Friedi nannten, fest vorgenommen, endlich den vierten Teil seiner Romanserie um den heldenhaften Zauberlehrling Edwin Egard zu beginnen. Es war ein bitterkalter, nebliger Sonntagnachmittag Mitte Dezember; der dritte Advent. Bei diesem Wetter jagte man nicht einmal einen Hund vor die Tür, geschweige denn einen erfolgreichen Schriftsteller. Nachdem er also ausgiebig zu Mittag gegessen, ein kleines Verdauungsschläfchen und aufgrund der gestern verputzten Lebkuchenmengen einen bemerkenswerten Stuhlgang genossen hatte, waren ihm einfach die Ausreden ausgegangen, mit denen er sich normalerweise vor seiner Arbeit drückte. Also bereitete er erst einmal sein unordentliches Schreibzimmer vor. Er startete den Computer, legte drei gespitzte Bleistifte und einen Notizblock neben der Tastatur auf die blanke Schreibtischplatte, wählte bei Spotify die Musik, die ihn in die richtige Stimmung brachte – John Williams‘ Harry PotterSoundtrack, von dem er schon lange glaubte, dass er an die Machwerke dieser unverschämten Britin, die Friederbusch so schamlos plagiierte, verschwendet war – und kochte sich anschließend noch vorausschauend einen kräftigen Kamillentee, in dem gehobelter Ingwer schwamm, der nun in einer von ihm selbst getöpferten Tasse auf einem Stövchen thronend in Griffweite köchelte und seinen strengen Duft nach schlecht gelüftetem Krankenzimmer und nassen Windeln verbreitete.

„Oh, nein, der beste Freund des Autors sind durchaus nicht LSD, Absinth, kubanischer Rum oder ein Highball, sondern wärmende und der Verdauung förderliche Kräutertees“, dachte Friederbusch, „besonders wenn mir später an diesem Abend noch ein Schäferstündchen mit meinem geliebten Mariele droht.“

Bei diesem Stelldichein würde Marie-Theres Kienbauer – sein etwas ungeordnetes Verhältnis und seine Verlegerin in Personalunion – ein weiteres Mal völlig talentfrei, aber nicht weniger enthusiastisch demonstrieren, dass aufgrund ihrer abgründigen Kochkünste die Liebe zu ihr eben nicht durch den Magen führte. Im Moment hatte sie die Weihnachtsbäckerei für sich entdeckt und quälte ihren Friedi mit halbverbrannten, unförmigen Plätzchen, die zwar alle unterschiedliche, wohlklingende Namen und leckere Zutaten hatten, aber jedes wie ein zertretender alter Hundehaufen auf einer Oblate aussah und auch entsprechend schmeckte. Dazu war das Kienbauersche Gebäck so hart wie die Kiesel im Fluss Fiesel, der durch das altehrwürdige Brombach – erneut der Schauplatz unserer gar erstaunlichen Geschichte – floss. Friederbusch konnte die Plätzchen nur unzerkaut mit viel Glühpunsch herunterwürgen, wenn er das Amalgan in seiner Zähnen behalten wollte. Anschließend lagen diese granitenen Steinklumpen noch gefühlte achtundvierzig Stunden unverdaut in der Magensäure. Ihnen konnte nicht einmal das hochkochende Sodbrennen etwas anhaben. Friederbusch verbrauchte gerade jede Woche eine Großpackung Bullrich-Salz. Aber was tut man nicht alles für die Liebe?

Über diesen Vorbereitungen und düsteren Gedanken war es draußen langsam dunkel geworden und Friederbusch musste Licht machen, zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an, um sich in die geeignete Stimmung für seinen Zauberlehrling zu bringen. Dabei fröstelte es ihn plötzlich. Erschrocken sah er an sich herunter. Das hatte er doch glattauer vergessen! Er holte eilig seine schäbige und löchrige Schreibjacke und zog sie sich über. In ihrer filzigen, rostfarbenen Wolle heimelig wie in den Armen seiner Mutter geborgen, hatte er die besten seiner Geschichten geschrieben. Das fadenscheinige, mottenzerfressene Kleidungsstück war ihm ein Talisman, den er nicht missen wollte.

Dann setzte er sich ächzend auf seinen bequemen Bürostuhl. Zuerst verschränkte er seine Finger, streckte sie von sich und ließ sie knacken. Jetzt gab es nichts mehr, was Egon M. Friederbusch von einer leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Muse und einem Kuss von ihr abhalten konnte. Selbstverständlich meinte er in diesem Moment Kalliope, die weise, herzerquickende und hervorragendste von allen Musen -, und nicht sein Mariele, die voluminöse, rosenhäuptige und treulose, die nach einer kurzen Affaire mit dem Besitzer einer Dönerbude reumütig zu der Liaison mit ihrem Friedi zurückgekehrt war, obwohl dieser ihre Abwesenheit eigentlich kaum bemerkt und noch weniger vermisst hatte. Doch obwohl er die Olympische Muse sehnsuchtsvoll erwartete, wollte sie sich nicht einstellen. (Kalliope war verhindert, denn ihr Lieblingsautor Nikolaus Xaver Maria Klammer verwöhnte sie gerade an diesem Tag mit einem kleinen privaten Souper. Im Moment ließ sie ein heißes, duftendes Schaumbad für sie beide ein.)

Dafür klingelte es plötzlich an Friederbuschs Haustüre Sturm. Erzürnt schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Es gab nur drei verzeihbare Gründe für eine Störung, wenn er sich zum Schreiben zurückzog – ein Dachbrand, Zombies im Keller oder einen Scheck von seinem Verleger. Schier endloses Geläute gehörte nicht dazu, auch wenn es zu Friederbuschs Erstaunen nicht nach dem normalen Klingelton, sondern nach Jingle Bells klang – mit einem Kinder-Xylophon nicht ganz taktsicher gespielt. Sogar eine sonore Gesangsstimme ertönte dazu:

„Dschungel-Bäh, Dschungel-Bäh,
Handtuch, Handtuch, hey!“

Eiswürfel schmolzen langsam von Friederbuschs Nacken herab. Er kannte den Sänger, auch wenn er verzweifelt den Kopf schüttelte und es nicht wahrhaben wollte. Und richtig: Als er zögernd von seinem Schreibzimmer zur Haustür ging, konnte er bereits im Flur die Ausdünstungen der Besucher riechen. Es stank atemberaubend nach Stall, Dung, Kuhfladen, nassem Hund, das Ganze exquisit vermischt mit Glühwein, Tannennadelschaumbad und Christstollenduft. Der Autor öffnete die Tür und die Ahnung, die ihm eben noch kalt den Rücken hinunter gelaufen war, bestätigte sich.

Auf dem Fußabtreter vor seinem Haus standen Singing Sam, der graue, singende Christmas-Donkey-Kuschelesel, der seinen rechten Vorderhuf auf Friederbuschs Klingel presste, und neben ihm

Karl-Heinz, der Weihnachtshund,

der sofort seinen mächtigen schwarzen Labrador-Körper in Bewegung setzte und sich grußlos an Friederbusch vorbei in dessen Wohnung quetschte, als wäre sie sein Zuhause – was sie ja tatsächlich für eine Weile auch gewesen war. Sein Ziel war das Wohnzimmer, in dem er mit feuchten, schmutzstarren Pfoten auf dem Teppich verharrte. Sam beendete seinen Vortrag auf dem hohen C und schob sich ebenfalls an dem zur Salzsäule erstarrten Schriftsteller vorbei, den er problemlos zur Seite und so fest gegen die Wand drückte, dass diesem der Atem stockte.

„Was …?“, ächzte Friederbusch.

„Hey, Friedi“, sagte Sam kryptisch wie immer, „ist voll stabil die Location hier, Homie. Gib mir eine Fünf auf den Huf, Alter. Yiaah!“

Dann war auch der Esel in der Wohnung. Er bog in die große, offene Küche ab, die der einzige Raum war, der für ein Grautier mit seinen Ausmaßen ausreichend proportioniert war. Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbst­verständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allge­meinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gese­hen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Her­bert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über her­umtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigent­lich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwi­schen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in sei­nem Leben funktionieren und seinen Alltag bewälti­gen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzu­merken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemüh­te. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich sonst meine Geschichten? Manchmal brauche ich die Ein­gebung des Herrn … also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreib­zimmer“, antwortete der Autor und stolperte die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit was Richtiges, nicht diese Kamillentee-Pisse“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit ab­mühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schie­ferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskri­minierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Recht­schreib-Duden und dem Großen Büchmann (geflü­gelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdge­schoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in ei­ner Krippe liegend.‘

Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Er spürte plötzlich wieder sein Al­ter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Hundeknochen. Sam hätte wahr­scheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick. Friederbusch klappte das Buch zu.

„Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hin­ter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkat­zen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kau­fen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

[Zum 2. Teil]

Unser Weihnachten, damals … (Teil 5)

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Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu unseren Altvorderen schon lange vor dem Hellwerden wieder auf den Bei­nen und spielten weiter mit unseren Legos. Die Eltern nüchterten nur lang­sam aus. Sie kämpften mit Sodbrennen und ihrer Verdauung, was sie allerdings für einen Sühne für die Völlerei des Vorabends nahmen. Aber auch sie mussten früh raus, zumindest meine Mutter: Es galt fürs Mittagsessen die obligatorische, traditionelle Gans zu bra­ten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi im Radio zu hören und später dann im Fernseher live zu sehen. Nur dann war die erzkonservative Katholikin für das kommende Jahr gerüstet. Das fette Mittagessen mit rohen Klößen und Blaukraut als Beilage mündete für alle im Mittagsschlaf. Ein fauler Tag war das! Am 2. Feiertag trafen sich dann meine El­ternregelmäßig mit dem On­kel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück (heute würde man das als einen Brunch bezeichnen) mit anschließendem Schafkopfspielen bis in die Nacht.(1) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäuf­nis und in einem formidablen Ehekrach, weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er -, und meine Mutter im­mer ver­lor. Dann war Weihnach­ten ganz plötzlich vorbei, viel, viel zu schnell, als hätte sich die Geschwindigkeit der Zeit ab der Bescherung mindestens verdreifacht. Man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Kata­strophen, Zerwürfnisse und Sauf- und Fressorgien lauerten.

Endlich Besche­rung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Meine Geschenke sind noch unter der Tischdecke hinten verborgen. Eine Anmerkung für die Nachge­borenen: Damals war die Welt schon farbig, glaubt es mir – mein Vater war einer der ersten mit einem Farbfernseher. Aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch Sepiatöne verschlei­ert. Ich habe keine Ahnung, was in dem riesigen Paket im Vordergrund links war – wahrscheinlich selbstgestrickte, neue Norwegerpullis von einer Berliner Großmutter; denn mein alter sitzt ja schon verdammt knapp.

*

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernom­men? Ich versuchte es anders zu machen, manches ging schief, doch einiges ist mir auch gelungen. Natürlich gab es nicht das gruslige »Gänseklein« zum Mittagessen(2), nicht die end- und ziellose Wan­derung am Hl. Abend, nicht den Geschenkerausch und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Ihre Vorstellung von Weihnachten ist die eines ruhigen, glücklichen Zusammenseins der Kernfamilie, in die Kindermesse am Nachmittag gehen, feiern, reden, die letzten Plätzchen essen, einen besonderen Wein öffnen, sich wertschätzen – und das ist gut so. Was uns aber immer wichtig war, war und ist es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Ein­zigartiges und Besonderes zu präsentieren – ih­nen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Das Christfest ist ein Wert. Hier wird nicht der Jahrestag einer Schlacht, die Gründung einer Nation, ein Toter oder irgendetwas Politisches gefeiert, sondern schlicht ein neugeborenes Baby und die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Leben, Liebe, Familie – welcher Feiertag hat das noch zu bieten? Und das sage ich, ob­wohl ich über­zeugter Atheist bin. Denn die Feier der Geburt Chris­ti‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusam­menhält. Am Nachmittag des Hl. Abends kommen in jedem Jahr die beiden Söhne zu uns; er­wachsene Männer, die längst ihr eigenes Le­ben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Eltern wieder zu erle­ben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht ha­ben.

Ich wünsche jedem solch ein Weihnachtsfest.


(1) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich noch die Geschichte schuldig, nämlich die, wie du und unser Bruder gemeinsam versucht habt, einen festsitzenden Stöpsel aus dem Hals einer riesigen Parfümfla­sche zu befreien, die meine Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Dazu habt ihr den Literflakon einfallsreich  im Wasserbad eines Küchentopf auf dem Herd erhitzt. Dabei ist die Flasche natürlich zerplatzt, das billiges Eau de Cologne vermengte sich mit dem sprudelnden Wasser und Dampfschwaden von billigem Parfüm machten die Wohnung neblig. Dies alles, während die Eltern beim Onkel Karten spielten und ich gleichzeitig ihrem im Schlaf­zimmer gruschtelte, wo ich meines Vaters Nachtkästchen schamvoll versteckte Perry-Rhodan-Romane und auch ganz andere Hefte entdeckte und anschließend über dem heimlichen Lesen ver­gaß, meine Spuren wieder zu verwischen. Jeder Versuch, den Gestank durch Lüften aus der Wohnung zu bringen, war vergebliche Mühe. Es roch in jedem Zimmer drei Tage lang aufdringlich und kopfschmerzenfördernd nach Veil­chen – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: »Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!«

Oder jene Geschichte, in der ich das Magnesium von 20 Wunderkerzen abkratzte, es in einer Schale auf den Küchentisch stellte und anzündete. Nach dem Löschen waren die schwelenden Brandlöcher im Tisch und im Linoleum des Bodens waren fast einen Zentimeter tief und alle Oberflächen bedeckte eine schmierige Ascheschicht. Manchmal wundere ich, wie ich meine eigene Jugend überlebt habe. Ich erzähle das aber alles ein andermal. Versprochen!

(2) Wir ernähren uns eh alle vegetarisch …

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