Ich lüge mir selbst in die Tasche

Machen wir reinen Tisch: Ich lüge mir selbst in die Tasche.

Ich muss meinen Blog zu überdenken. Eine Pause machen, Luft holen, mir über ein paar Dinge Klarheit verschaffen.

So, wie es im Moment läuft, kann es nicht mehr weitergehen. Seit geraumer Zeit gelangen eigentlich nur noch diese strunzdummen Spammer-Arschlöcher und Suchmaschinen-Bots auf meinen Internetauftritt. Meine annähernd eintausend veröffentlichten Texte hier werden nicht gelesen oder diskutiert, nicht einmal wahrgenommen werden sie. Fast keiner meiner „Follower“ verirrt sich mal auf eine meiner Seiten, interessiert sich gar für meine Literatur oder nimmt mit mir Kontakt auf. Die Arbeit, die ich mir hier mit meinen Texten, Glossen und Essays mache, – täglich etwa zwei bis vier Stunden – steht dazu in einem grotesken Widerspruch. Hinzu kommt: Meine bis jetzt acht veröffentlichten Bücher werden nicht gekauft; es gelingt mir nicht einmal, sie zu verschenken. Ich bin im Augenblick genauso weit wie vor fast 6 Jahren, als ich mich entschloss, mein Glück in der „Öffentlichkeit“ zu suchen:

Ich stehe vor dem Scherbenhaufen meiner Existenz als Autor.

Ichkönnte mich nun in die Ausrede flüchten, dass Literatur im Internet einen schweren Stand hat und tot ist. Das mag sein, aber die Wahrheit ist: Ich habe versagt. Meine Träume sind wieder einmal geplatzt. Das kann ich mir nicht länger schönreden. Diese allgemeine Missachtung für meine Texte kann eigentlich nur bedeuten, dass meine Literatur ganz einfach „Scheiße“ ist und nicht den Ansprüchen der Leser genügt. Ich langweile die Leute und offensichtlich belästige ich sie nur. Auf die Dauer sind diese Gleichgültigkeit und Ablehnung, dieses achselzuckende Wegklicken meiner Arbeit nicht mehr erträglich. Sie sind tägliche Pfeile in mein Herz, denen ich mich nicht weiter aussetzen will. Ich bin waidwund geschossen, deprimiert, wehrlos. Und ich kann keine weiteren Verletzungen erleiden.

Ich werde daher die Konsequenzen ziehen:
Ich werde mich für noch unbestimmte Zeit aus dem Internet zurückziehen und meinen Blog schließen.

Ich hoffe, diese Pause tut mir gut. Ich bin niemand, der sich aufdrängt. Deshalb werde ich meine Zeit besser nutzen, keine Blogartikel schreiben, keine Bücher veröffentlichen und vorerst nur noch für die Schublade schreiben.  Ich weiß nicht, ob es mir noch ein weiteres Mal gelingen wird, mich wie Münchhausen an meinem eigenen Zopf aus diesem Sumpf zu ziehen. Aber ich hoffe, dass es noch nicht das Ende, sondern nur eine Atempause ist, in der ich viel nachdenken werde. Vielleicht sehe ich die ganze Angelegenheit im nächstne Monat, vielleicht schon in der nächsten oder der übernächsten Woche aus einem anderen Blickwinkel, denn ich bin nur selten mit mir einer Meinung und streite mich auch häufig mit mir selbst. Auf jeden Fall werde ich den Blog, wenn ich ihn weiterführe, komplett umkrempeln.

 

 

 

Nikolaus Klammer

PS. Auf dumme „Gefällt mir!“-Bekundungen, ohne obigen Text überhaupt gelesen zu haben, bitte ich  – wohl vergeblich – zu verzichten.

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Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Schluss)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Schluss)

Die nicht mehr junge Bedienung geht zu dem Mann hinüber. Besitzergreifend hebt er seine Arme. Sie lässt sich von ihm an ihrer Hüfte umfas­sen, während sie in seinen Block sieht und beifällig lacht. Sie beugt sich dabei  vornüber. Ihre Bluse klafft auf; sie trägt keinen BH. Der Maler sagt ein paar Worte und greift ohne Scham an eine der dargebotenen Brüste. Die Frau schlägt ihm sofort auf die Fin­ger. Aber sie lächelt, als sie sich geschickt aus seinen Armen schäl und einen Schritt zurückweicht. Szczes­ny bemüht sich nicht, wegzusehen. Die Bedienung strahlt eine ranzige Sexualität aus, der Rock ist viel zu kurz für die stämmigen Bei­ne und wirft Falten am Gesäß. Und damit bin ich wieder beim Thema, denkt Szc­zesny. Alles dreht sich nur ums Ficken. Alle tan­zen ums goldene Kalb. Sie haben den Sex im Kopf. Das ist der Ort, an den er am wenigsten gehört. Ich habe mal gelesen, dass die jungen Japaner überhaupt keinen Sex mehr haben, weil sie nur noch an ihn denken.

Bei Szczesny ist das nun anders. Seit eben, seit er hier sitzt. Er ist ein anderer Mensch. Er kann an­ders lie­ben, die Balz ist ihm fremd geworden. Sie stößt ihn ab. Er hat sich ver­ändert. Keinen Weg gibt es mehr zurück. Alles wird nun anders, besser. Noch sind diese Gedanken unklar und ver­worren. Aber er erkennt eine Linie, er hat das Puz­zle, kennt das Bild, nur die vielen Teile verwirren ihn noch. Im Moment ist ihm das noch neu und un­gewohnt, aber er wird es verstehen, damit leben, besser als bisher.

Ich habe das Ficken hinter mir. Ich bin das Ende. Jetzt kann ich mein Leben ganz auf Clara konzen­trieren. Was kümmert mich Henry mit seiner Stier­potenz? Ich bin edel, wie ein Priester. Das ist wie Epilepsie, etwas ehrfurchtgebietendes. Es macht mein Leben wertvoller, tiefer. Das werde ich ihrem Bruder sa­gen. Das muss ich unbedingt Clara sagen. Sie wird es verstehen. Szczesnys Gedanken verwirren sich, immer wichti­gere Erkenntnisse kommen ihm in den Sinn. Er hält die Lösung aller Probleme in der Hand; er hat den Sinn des Lebens erfasst.

Er hat es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Er winkt der Bedienung, obwohl er seinen Kaffee noch nicht getrunken hat. Sie beugt sich auch über seinen Tisch, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Offenbar ist das ihre Masche, mehr Trinkgeld einzustreichen. Nun darf Szczesny exklusiv unter ihre Bluse sehen und ihre schlaffen Brüste mit dem gro­ßen, dunklen Warzenhof bewundern. Aber er lächelt nur spöttisch  und kneift die Augen zusammen. Nirgendwo ist Begierde in ihm, nirgendwo spürt er Verlangen. Da ist nur Gleichgültigkeit. Er begegnet der Frau gelas­sen, sein Geschlecht ist gesichert und ruhig. Er sieht sie wissend an und sein Lächeln wird breiter, überheblich. End­lich bin ich gesund, denkt er und erfreut sich an dem Paradox. Er nickt dem Maler zu, der ihn nun nachdenklich und zögernd mustert. Offenbar hat er erkannt, dass das Bild, das er von ihm skizziert hat, nicht die ganze Persönlichkeit aufdeckt.

Szczesny verlässt das Lokal. Es schneit wieder, kleine, harte Flocken wehen in Szczesnys Gesicht und brennen wie glühende Funken auf seinen Wangen. Das Wet­ter passt zu seiner Stimmung. Endlich geht er heim, auf dem geraden Weg, denn er muss der Konfrontation nicht mehr ausweichen. Schon von der Eingangstür aus sieht er Clara ihre Erwartung an und bemerkt er ihre Neugierde. Sie sitzt im Wohnzimmer und strickt, aber sie lässt ihn keinen Moment aus den Augen, während er in den Gang tritt. Das Radio läuft. Mozart. Das ist ihre Schreibmusik.

Sorgfältig hängt Szczesny seinen Mantel in den Schrank, stopft seine nassen Schuhe mit Zeitungs­papier aus. Er lässt sich Zeit, bevor er ins Zimmer geht. Denn er will alles richtig machen. Er küsst seine Frau auf die Wange, setzt sich neben sie auf das Sofa. Clara fragt nicht, wo er so lange gewesen ist und was er gemacht hat. Eine Weile schweigen die beiden. Szczesny blättert in der Fernsehzeitung. Wo ist die Fernbedienung?

„Ich habe deine Lohnsteuerkarte nicht bekommen“, sagt er plötzlich, wirft das Heft vor sich auf den Tisch. „Die wollten mir keine geben …“ Ein Anfang ist gemacht, denkt er. Er holt aus, erzählt von sei­nem Erlebnis auf dem Amt, spürt dabei wieder die Wut und die Hilflosigkeit. Clara sieht nur kurz von ihrer Strickarbeit auf, runzelt unwillig die Stirn.

„Und was wusste der Arzt?“, unterbricht sie ihn schließlich. Sie klingt sehr beiläufig.

„Kein Ergebnis. Bei mir ist alles in Ordnung“, lügt Szczesny glatt. Warum mache ich das? Ich wollte ihr doch die Wahrheit sagen. Ganz entspannt, einfach mich zu ihr setzen, sie in Arm nehmen und von der neuen Liebe erzählen. Ihr deutlich machen: Das ist belanglos. Sie soll spüren, dass es nicht wichtig ist. Wir wollen doch beide keine Kinder. Jetzt hat alle Lösungen, die er im Café gefunden hat, verloren. Sie haben sich in diesem Zimmer auf­gelöst, sind wie Rauch an die Decke gestiegen. Der Magen schmerzt wieder und der alte Gedan­ke kehrt zurück:

Ich bin ein Versager. Szczesny sieht seine Frau trot­zig an, nimmt seine Lüge nicht zurück. Sag was, denkt er. Tu was. Sein Blick gleitet an ihr herab, bleibt an dem dunklen Nylon ihrer Strumpfhose hängen. Szc­zesny will rauchen, aber er hat die Schachtel mit den Zigaretten im Café liegengelassen. Außderdem hat ihm Clara verboten, sich im Haus eine anzustecken. Und bei diesem Wetter geht er ganz sicher nicht noch einmal vor die Tür.

„Ich will mit dir schlafen“, sagt er schlicht, um sie und sich selbst abzulenken, rückt dabei an seine Frau heran. Er küsst sie, sucht mit seiner Zunge in ihrem Mund, der sich nur zögernd öffnet. Noch ist Clara unentschlossen, aber dann legt sie mit einem leisen Seufdzer das Strickzeug beiseite. Sie wehrt sich nicht. Szczesny schiebt eine Hand unter ihren Rock. Jetzt begehrt er sie wirklich. Das Paar kippt seitwärts auf die Couch. Noch ist Clara ein we­nig starr. Szczesny schiebt mit der freien Hand ihren Pullover nach oben, küsst halb beißend den durch­sichtigen Stoff ihres BH’s, spürt an den Lippen, wie ihm ihre Brustwarzen entgegenwachsen. Nun be­wegt sich Claras Unterleib, ihre Beine gleiten aus­einander, Szczesny findet einen Weg unter die Strumpfhose, er fühlt Feuchtigkeit an den Fingern. Zielbewusst und fest reibt Clara an seiner Hose, öff­net ungeschickt den Reißverschluss. Sie atmet schnell und flach, greift nach.

Plötzlich ist das Ticken der Küchenuhr zu hören, der Sekundenzeiger wandert angestrengt empor.

Beide sind still. Szczesny spürt hitzige Scham. Ein Vorwurf ist zuerst in Claras Augen, dann eine Frage. Sie zieht ihre Hand von seinem schlaffen Penis zu­rück, richtet sich halb auf. In ihrem Gesicht tauchen hektische rote Flecken auf. Szczesny fühlt Endgültig­keit, ein letztes Versinken.

„Ich bin schwanger“, sagt Clara in die entstehende Stille hinein. Szczesny erwidert kein Wort.

ENDE

 

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Doch manche dieser Platinen haben noch ihre Kraft«, fuhr der dicke Dieb hinter vorgehaltener Hand leise fort. »Sie können Goleme besänftigen, jahrtausendelang verschlossene Türen öffnen, Geister erwecken und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht Der Weg, den du da in deinen Händen hältst, deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine direkt hinein nach Pardais führen kann. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch an diesen legendären Ort gehen. Vielleicht finde ich dort, was ich seit fast zwanzig Jahren suche.« Den letzten Satz sagte Juel mehr zu sich als zu Selin.

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphie­rend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Ei­lig kletterte sie von dem entweihten Thron, der durch den Verlust der funkelnden Falkenauben viel von seiner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

» Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden!« Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin. »Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.« Laut sagte er:

»Einen Moment noch, isch ‚abe beinahe etwas verges­sen …«

Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgsam einen Zettel auf den Sitz, dann be­festigte er ihn mit dem geliehenen Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz der Sitzfläche trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin, der schon hinter den anderen, die Jalah zu ihrem geheimen Ausgang führte, hergehen wollte, drehte sich noch einmal neugierig um. »Was ist das denn?«

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Isch sollte sie ‚ier zurücklassen. Isch weiß nicht, was auf ihr steht.«

Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Der junge Mann hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe seines Großva­ters zu machen. Er vertraute ihm einfach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semi­ra würde ihn bei der Flucht nach Pardais begleiten, auch wenn er noch immer nicht ganz fassen konnte, dass sie so einfach im Thronsaal aufgetaucht war. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, drehte das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächelte ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

Ómers Verzweiflung war in eine neue Phase getreten. Nachdem er getobt und sich selbst in blindwütigem Zorn das Gesicht blutig gekratzt und seine seidene Kleidung zerrissen hatte, saß er nun als ein in sich zu­sammen gesunkener Haufen Elend in einer dunklen Ecke der fauligen, kleinen Zelle und bemitleidete sich.

Er war in den Palastverliesen vollkommen allein. Die Treuwächter hatten den ehemaligen Vezir ohne Umwe­ge zum Kerker des Elfenbeinpalasts gebracht und dort erschrocken feststellen müssen, dass die beiden Ge­fängniswärter betäubt am Boden lagen und eine der Zellen mit deren Schlüssel geöffnet worden war. Dort hatte man den Mönch gefangen gehalten, der sich Adelf von Südermar nannte und vor einigen Wochen ein missglücktes Attentat auf den Namenlosen verübt hat­te. Er war nur deshalb noch nicht hingerichtet worden, weil Ómer Näheres über seine Hintermänner hatte er­fahren wollen. Adelf hatte seine schweren Verletzungen zwar überlebt, war aber noch viel zu schwach für eine selbständige Flucht. Jemand musste ihm ge­holfen und die Wachen ausgeschaltet haben.

Die Treu­wächter hatten Ómer einfach durch die geöff­nete Tür, in der noch immer der Schlüsselbund steckte, in die Zelle dahinter geworfen und ihn dort einge­sperrt. Dann hatten sie die verwirrten Wachen, die kei­ne Aussagen, was mit ihnen geschehen war, machen konnten, wach­gerüttelt und waren mit ihnen fortgeeilt, um den Aus­bruch zu melden und in dem Durcheinan­der der miss­glückten Palastrevolte, wo überall Treu­wächter gegen abtrünnige Soldaten und lamargische Krieger kämpf­ten, nach dem Flüchtigen und seinem Helfer zu su­chen. Sie waren seitdem nicht mehr zu­rückgekehrt.

Ómer hob den Kopf und lauschte angestrengt. Durch das dicke Mauerwerk drang kein Laut von den Ausein­andersetzungen zu ihm herab. Das letzte, was er gese­hen hatte, als ihn die Wachen aus seinem eigenen Spei­sesaal führten, waren die über den überra­schenden Tod ihres Herren wütenden und verwirrten Soldaten des Regno ge­wesen, die sich selbstmörderisch auf die Pa­lastwache und auf Paşa Ultem und seine Männer, die sie für die Untat verantwortlich machten, stürzten. Ómers Ge­danken gingen zu dem unglücklichen Raul. Wenn den Herrscher über die mächtige Lamargue nicht der Schlagfluss ge­troffen hatte, weil er zu viel aß und trank, dann hatte ihn jemand ermordet. Wer konn­te dafür verantwortlich sein? Seine Frau Dora Kahlja und seine beiden Söhne würden nach dieser Untat nicht einfach zum Alltagsgeschäft übergehen, sondern die Köpfe der Verantwortlichen fordern. Wer also profi­tierte vom Tod des Bären und dem nun unvermeidli­chen Krieg zwischen der Lamargue und Karukora?

Wer auch immer das getan hatte, er hatte bei Ómer eine letzte Hoffnung erweckt: Vielleicht kam ja in die­sem Scharmützel im Speisesaal, das die Garde des Re­gno nicht ge­winnen konnte, weil sie zahlen- und waf­fenmäßig voll­kommen unterlegen war, auch der „Un­terwerfer“ um. Das konnte doch im Eifer des Gefechts schon mal pas­sieren. Dann käme doch noch sein unge­borener Enkel an die Macht. Er hoffte nur, seine Toch­ter Eóra hatte sich in Sicherheit bringen können. Und vielleicht konnte sie überzeugend darlegen, nichts von dem Verrat ihres Va­ters gewusst zu haben, was übri­gens ja nach Ómers Meinung auch der Wahrheit ent­sprach. Er hatte nie­mals mit seiner Tochter über seine Pläne gesprochen. Dann bestand doch noch alle Hoff­nung, das eines Tages ein Namenloser aus dem Ge­schlecht der Sud den Fal­kenthron betrat – den Eóra noch unter ihrem Herzen trug.

Die Zellentür wurde quietschend geöffnet und riss den so tief Gefallenen aus seinen rosigen Träumen. Drei Schemen traten her­ein, die nicht hätten unterschiedli­cher sein können. Ei­ner von ihnen brachte eine Later­ne mit in das düstere, fensterlose Gefängnis. Nachdem sich Ómers Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er die drei. Es waren sein Todfeind Radik Emre, der wahrscheinlich gekommen war, um ihn zu verhöhnen und sich an seinem erbärmlichen An­blick zu weiden, sein Diener Muhar und … seine hoch­schwangere Tochter Eóra! Sie hatte viel geweint, aber nun waren ihre Tränen getrocknet und ein entschlosse­ner Aus­druck, den Ómer an ihr nicht kannte, lag auf ihrem Ge­sicht.

Der entmachtete Vezir richtete seinen Oberkörper stolz auf und reckte seine Adlernase in die Höhe.Wie war sie ausgerechnet in die Gesellschaft dieser beiden Männer geraten? Ihm kam ein ungeheuerlicher Ver­dacht. Doch noch wollte er ihn nicht wahrhaben. Statt­dessen erkundigte er sich zuerst nach dem Verlauf der Kämp­fe im Speisesaal. Der Seneschall antwortete:

»Sie sind vorbei. Es war ein schreckliches Blutbad, aber die Treuwächter waren siegreich und haben fast alle der Barbaren des Regno erschlagen. Nur noch we­nige sind auf der Flucht, doch sie werden den Palast nicht lebend verlassen. Sie sind ein merkwürdiges Volk, diese Lamarger. Stolz, aber dumm.«

»Sie wollten ohne ihren geliebten Regno nicht mehr leben. Was ist daran dumm? Ach ja, da fällt mir ein: Wie geht es denn dem Namenlosen?«

»Dem „Unterwerfer“ – alle Daimona des Himmels und der Erde und des Wasser singen von seiner Macht – wurde kein Haar gekrümmt. Der Allerbarmerin sein Dank.« Radik, der, wie Ómer erst jetzt bemerkte, tat­sächlich an seinem Turban den Edelstein des Vezirs trug, machte eine Pause, die er sichtlich genoss.

»In seiner grenzenlosen Güte hat übrigens der Na­menlose mich zu seinem treuen Vezir erhoben.«

[Fortsetzung nächsten Montag …]

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Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 2)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

Beachtlich sind die zahlreichen Tierarten im Na­turschutzgebiet, wobei besonders zu erwähnen sind: das Damwild, Reh- und Schwarzwild, Hase, Fasan und Rebhuhn, aber auch die weniger auf­fälligen Tierarten wie Marder, Iltis, Fledermaus, Igel, Eich­hörnchen, Fuchs und Dachs sind im Natur­parkgebiet beheimatet. Neben zahl- und artenrei­chen Sing­vögeln sind noch eine Reihe von Greif­vögeln zu beob­achten, so insbesondere Mäuse­bussard, Sperber, Ro­ter Milan, Baum- und Turmfalke, Waldohreule, Waldkauz, Steinkauz und Schleiereule. Immer häu­figer konnen nun auch der Graureiher und der Weißstorch beobachtet werden.

Daniel ging die Wellenburger Straße hinunter zum Anhauser Weiher, dem ersten einer ganzen Kette, die das Anhauser Tal löchrig und sumpfig macht. Er nahm den Weg westlich um den Tümpel herum, bis er sich nach rechts wandte, um spontan einer Forststraße zu folgen. Die bisher reine Fichtenschonung wandelte sich in einen schönen Mischwald, in dem Buchen das lichtfleckige Grün saftig dunkelten. Nach etwa zehn Minuten verließ er diesen Hohlweg nach halb­links und gelangte schließlich zu einer Weggabel, an der er stehen blieb.

Die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten im Natur­park wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf die Zeugnisse vor- und frühgeschichtlicher Besied­lung.

Und Elegorn war des Weges und der Kriege müde. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, wandte sein Ge­sicht hinauf zu der hitzigen Sonne des späten Wid­dar. Dann betrachtete er nach­denklich den vor ihm liegenden Scheideweg. Wo­hin er sich auch wen­den würde, keiner der in den Wald geschlagenen Pfade würde ihn in die Heimat führen. Denn er hat­te keine, sie war längst verlo­ren. Und schau, da senkte sich eine verirrte Tau­be auf seine Schulter. Er schmiegte seinen Kopf gegen das gurrende Tier und weinte. Elegorn, der große Kämpfer der Inseln, der Bezwinger von Asha, der Grünen und Held von Fafnersaat, war einsam.

ich muss mal dumme wurzel hängengeblieben der hosenfall immer klemmt das gleiche mit wenn jetzt den neuen jeans jemand kommt aber außer mir ist wohl und latscht niemand so blöd bei der hitze im wald rum

„Ich werde ein Tagebuch in Gedichtform schrei­ben.“

gut das ist ein beim pinkeln guter gedanke habe ich immer die besten das erste gedicht einfälle wird die stille des waldes die blätter beschreiben erdrü­cken den laut so wird es was reimt sich auf laut be­ginnen scheiße auf die turnschuhe was gibt es ekli­geres ge­schifft als warme pisse zwischen den da ist eine ameisenstraße zehen die erreiche ich noch im urin mit dem strahl der strahl gotttes ersaufen auch eine art in meinem urin zu sterben es gibt sicher schlech­tere

„Wo habe ich meine Schultasche hingestellt?“

ach neben dem stift und papier baumstamm bevor ich den vers kein hauch an meinem ohr die haut ich fror vergesse ja klasse wollte ich mir nicht noch et­was was ist denn das aufschreiben zeugnis der kriti­sche schüler das zeugnis verfolgte bla bla bla den unterricht religion eins mathe fünf im fach sport konnte der schüler nicht idioten warum benotet wer­den habt ihr nicht geschieben der ziegler dass er sich den verstand weggesoffen hat während wir ein jahr lang aber nein fußball spielten der schüler konnte nicht der baum benotet werden da ist ideal ich hänge es dran wie einen vielleicht steckbrief fin­det ihn eine kopfgeldjäger und setzt sich was bedeu­ten auf meine spur eigentlich die geschmierten blau­en kreuze an alle fünfzig meter den bäumen ist ei­ner sollen die gefällt werden oder ist das ein wan­derweg für kurzsichtige

27. Juli, gegen Abend

die blätter erdrücken jeden laut, kein hauch kommt an mein ohr.
Streichelt sanft meine haut, so ich trotz der hitze fror.
ich wandte mich um und war allein, nur die tannen neig­ten sich
trunken von harz‘gem wein und ich fürchtete mich.
die sonne sandte ihre letzten Strahlen runter zu der erde,
lichtschwerter die verletzten, ich spüre, dass es nacht wer­de.

und scheiße oh die letzte strophe ist scheiße aber mir ist ich werde wohl heiß in der nähe übernachten da ist irgendwo die da habe ich schon buchkopfquel­le einmal einen wandertag gemacht hab mich verlaufen und damals da kann ich pennen die polizei gesucht

*

„Schau mal, der Zettel da.“

„Wo?“

„Na, dort, an der Tanne, nein, wo siehst du denn schon wieder hin?“

„Ach, ja, das sieht aus wie — Hast du meine Brille?“

„In der Tasche. Warte, ich suche sie.“

„Einmal möchte ich wissen, was du alles in deiner Tasche hast.“

„Hier.“

„Wirklich ein Wunder, dass du sie gefunden hast. Das ist tatsächlich ein Schulzeugnis. Ist heute nicht der erste Ferientag?“

„Nein, morgen. Heute war der letzte Schultag.“

„Mein ich ja. Zeugnis der Fachoberschule in Augs­burg. Für Daniel Sonnenberg.“

„Den kenne ich nicht.“

„Ja. Geboren ist er am neunzehnten März 19.., dann ist er jetzt auch neunzehn und in der 11. Klas­se. Folglich müsste er, ja, er müsste einmal durchge­fallen sein.“

„Ob er sein Zeugnis verloren hat?“

„Ruhe, ich lese.“

„Nehmen wir es mit oder lassen wir es hängen? Der arme Junge wird bestimmt danach suchen.“

„Was? Ach, das glaube ich nicht. Das Zeugnis hängt bestimmt nicht zufällig da. Aber hör doch mal: Der kritische Schüler folgte dem Unterricht meist auf­merksam und interessiert. Allgemein und im beson­deren im Fach Mathematik ließ jedoch seine Arbeits­moral zu wünschen übrig. Das Amt des Klassenspre­chers versah er mit Umsicht und Fleiß. Das ist eine wirklich schlechte Zeugnisbemerkung. Und erst die Noten! Hauptsächlich Vierer. In Religion hat er eine Eins, ausgerechnet. Und in Deutsch einen Zweier. Nicht gerade überragend. Dem Thomas hätte ich was erzählt, wenn damit nach Hause gekommen wäre. Ich hätte das Ding an seiner Stelle auch an ei­nen Baum gehängt. Und mich selbst dazu.“

„Das ist ein Dokument.“

„Und ein wichtiges auch noch.“

„Ja, ja, mach dich nur lustig.“

„Nimm meine Brille und stecke sie zurück, aber so, dass du sie gleich wiederfindest, wenn ich sie brau­che.“

„Nehmen wir das Zeugnis nicht mit? Wie könnten es doch mit der Post schicken.“

*

Daniel wachte sehr früh auf. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zu finden. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Seine dünne Kleidung war voller Tau und feuchten Grasflecken, aber die Sonne, die durch die Stämme der Tannen zu seinem Schlafplatz her­über spähte, trug bereits die Wärme eines heißen Tages mit sich. Daniel riss zwei Seiten Gauss’schen Algorithmus aus seinem Mathematikordner und trat ins Ge­büsch, um sich zu erleichtern. Hier schreckte er ein kleines Tier auf, das pfeifend ins Unterholz flüchte­te. Er konnte nicht erkennen, was es war – ein Marder vielleicht? An der Buchkopfquelle wusch er sich und stillte trotz eines Warnschildes seinen Durst. Dann hockte er sich wieder in das feuchte, hohe Gras, das er in der Nacht niedergelegen hatte und genoss den jun­gen Morgen. Er schrieb ein Gedicht. Eine gute Stunde später schlenderte er den Weg weiter nach Burgwalden hinein, um im dortigen Gasthaus zu frühstücken.

28. Juli, sehr früh.

Wald
natürlich wäre hier nur
mein ekel.
aber die morgensonne
malt streifen
zwischen die fichten.
der tag erwacht.
vögel begrüßen den tag.
der necropole entkommen
fängt mich die romantik.

sitzen liegen das ist gehen nicht mein fall ich muss um nicht wieder gehen hereinfallen auf den alltag brüder grüßt mir die sonne brüder grüßt mir den burgwalder golfplatz im lichterschein

Der Weiler Burgwalden ist ein beliebtes Ausflugs­ziel inmitten der reizvollen Landschaft der Westli­chen Wälder. Hier am Ausgang des Anhauser Ta­les bilden Wälder, Wiesen und Weiher ein reizvolles Bild. Die Siedlung Burgwalden entstand vermutlich im elften Jahrhundert durch Brandrodung und hieß bis 1513 Ettenhofen. Besitzer war das Augsbur­ger Benedikti­nerkloster St. Ulrich und Afra, das die Herrschaft an verschiedene Augsburger Handels­familien verlieh. An den Kirchenbau von 1513 durch Ambrosius Höchstätter erinnert eine Inschrif­tentafel an der In­nenwand des hübschen Kirch­leins, das nach dem Übergang des Besitzes an das Haus Fugger eine Er­neuerung und im 18. Jahrhun­dert eine üppige spät­barocke Ausgestaltung er­lebte. Reizvoller Stuck und bemerkenswerte Holzfi­guren zeichnen den freundli­chen und gutgepfleg­ten Kirchenraum aus.

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

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Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

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Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 9)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 9)

Jetzt brauchte sie nur noch ein Kind oder besser zwei, um den Moment festzumauern, der ihr Frei­heit war, auf den sie seit ihrer Pubertät hingearbei­tet hatte: Dann hatte sie es endlich geschafft und ihr Le­ben war in trockenen Tüchern. Aber ausgerechnet zum Kindermachen war ihr von Ehr­geiz zerfressener Mann nicht in der Lage. Aber auch da hatte sie end­lich einen einfachen, recht auf­wandslosen Ausweg gefunden. Dieser Sturm war ausgestanden. Sie war der Grashalm, stolz und un­gebrochen, allerdings ei­ner mit einer kleinen Schreibblockade.

Gitta räusperte sich. Ihr wurde das Schweigen zwi­schen ihr und ihrer in sich selbst versunkenen Freundin zu lang. Deshalb kramte sie einen neuen Gesprächsbeginn aus ihrer schier unerschöpflichen Kiste mit Konversations-Satzbausteinen, mit denen sie ganze Partys überstehen konnte. Vielleicht gelang es ihr auf diese Weise, sich den Themen anzunähern, die sie wirklich interessierten: „Habt Ihr euch schon entschieden, wo ihr an Ostern Ferien macht? Geht es wieder nach Südtirol?“, fragte sie.

Clara nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, deren Inhalt für ihren Geschmack viel zu schnell abge­kühlt war. Kaffee konnte sie nur brühendheiß genie­ßen. Aber sie trank tapfer weiter, denn sie hatte sich inzwischen mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie heute Nachmittag einfach kein ordentliches Heißgetränk mehr zustande bringen würde. Wahr­scheinlich hatte dieses Versagen psychologische oder neurotische Gründe, die tief in ihrem Unterbewuss­ten verankert waren und von de­nen sie keine Ah­nung hatte. „Es wäre eigentlich eine interessante Erfahrung, sich mal mit dem eigenen Über-Ich zu unterhalten“, dachte sie und schob ihre leere Tasse kopfschüttelnd zur Seite. „Aber wahrscheinlich würde es mich verrückt machen, wenn ich erfahren würde, wie viel ich dort vor mir selbst verstecke. Mein Unterbewusstsein ist das Gemälde von Dorian Gray.“ Auch diesen Gedanken sollte sie sich bald notieren, bevor sie ihn wieder verlor. Sie wischte sich mit dem Daumen den Milchschaum aus den Mundwinkeln und ließ sich endlich herab, Gittas Frage zu beant­worten. Sie hätte sie jetzt gerne aus dem Haus kom­plimentiert, aber sie wusste, dass das nicht ging.

„Ostern und Pfingsten werden wir ganz brav zuhause bleiben. Ich muss schreiben und Norbert hat viel zu viel Arbeit in seiner neuen Stellung, um im Moment an Urlaub zu denken. Seltsam, jetzt haben wir endlich das Geld, aber keine Zeit, es auszugeben. Ende Juli, zu Beginn der Sommerferien, werden wir wahrscheinlich für eine Woche oder so meine Schwester in Bad Hindelang besuchen und dort ein bisschen wandern. Henry kommt wahrscheinlich auch mit seiner Familie. Du weißt ja, Hanna führt mit ihrem Mann Josef eine kleine Pension mit Zimmern und Ferienwohnungen am Hinterstein. Das war es dann aber auch. Das ist auch noch eine ganze Weile hin. Mir würde es schon mal reichen, wenn dieser Februar endlich vorbei ist – 28 Tage, aber gefühlt der längste Monat des Jahres!“

„Und wie geht es deinen Nichten? Wie heißen sie doch gleich?“

„Marga und Bettina. So weit ich weiß, ist alles im grünen Bereich. Marga ist in einem schwierigen Alter; sie wirkt wesentlich erwachsener und reifer, als sie ist. Es ist kein Spaß, mit sechzehn in der Provinz zu leben. Sie schreibt. Ganz merkwürdige Sachen, sehr kompliziert und für einen Teenager erstaunlich tiefgründig, Essays und so, Philosophisches. Sie hat mir vor Weihnachten etwas geschickt und ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Ich muss zugeben, dass ich nur die Hälfte davon verstehe. Zumindest bin ich nicht die einzige in meiner prosaischen Familie, die Literatur macht. Vielleicht gibt es doch ein Schriftsteller-Gen bei uns. Auch Henrys Sohn Daniel schreibt, seit er in die Schule kam; allerdings nur so Fantasy- und Herr-der-Ringe-Zeug. Und natürlich Gedichte; in dem Alter dichten die Jungs alle. Daniel ist irgendwie noch ein richtiges Kind, obwohl er zwei Jahre älter als Magda ist. Jungs stecken ewig in der Pubertät. Ich glaube, bei Männern endet sie erst, wenn sie über dreißig sind.“

Gitta lächelte unverbindlich und tauchte nachdenklich ihren Löffel in den Milchschaum, der an der Innenseite ihrer Tasse klebte. Genussvoll schob ihn sich in den Mund und leckte ihn ab. Sie konstatierte für sich, dass dieses Gespräch über Claras Nichten und Neffen zu nichts führte. Ihre Geduld war zuende. Sie deutete deshalb mit dem mit dem Löffel in Richtung Bücherregal und spritzte dabein ein paar Milchflecken auf den Tisch.

„Apropos Literatur: Willst du nicht endlich diesen Umschlag aufma­chen, den dir der nette Briefträger gebracht hat? Ich bin ja so gespannt“, fragte sie.

Clara nick­te. Sie hatte sich längst entschieden. Und der Gedanke an ihre Nichte Marga, die voller Wut war und aus den beengten Verhältnissen ausbrechen wollte, in denen sie lebte und ebenfalls die Literatur entdeckt hatte, bestätigte sie. Warum auch nicht? Dies war ein Tag der Entscheidungen. Sie trat zu ihren Büchern, die ihr mehr bedeuteten als ihr Leben, mehr als ihre Familie, ihre Freunde und viel mehr als ihr Mann. Leben oder Schreiben, das war die Alternative. Clara hatte sich für das Schreiben entschieden. Sie benötigte kein aufre­gendes Leben. Sie war Schriftstellerin – egal, ob ihr Verleger ihr neues Manuskript annahm oder nicht. Schriftstellerin zu sein, das war kein Beruf und auch nicht von äußerem Erfolg abhängig, sondern eine Eigenschaft von ihr wie die Farbe ihrer Haare und ihre Eigenarten. Sie zog den schlichten, braunen Umschlag heraus und riss ihn umstandslos auf. Daran bemerkte sie ihre Aufre­gung. Normalerweise hätte sie zuerst aus ihrem Ar­beitszimmer den rasiermesserscharfen Brieföffner geholt und den Umschlag sorgsam aufgeschnitten, damit sie ihn noch einmal verwenden konnte.

Clara griff in die Versandmappe. Wie erwartet fand sie in dem mit kleinen Plastikluftpolstern gefütterten Umschlag ihr Manuskript, daran geheftet eine mehrere Seiten dicke Korrekturliste des Lektors, die sie noch nicht beachtete. Sie würde sich noch lange genug mit den Anmerkungen des überpeniblen und strengen Dr. Engold befassen müssen. Die Autorin interessierte sich allein für den beiliegenden Brief ihres Verlegers. Ihre Augen brannten und es fiel ihr schwer, den Text zu verstehen, den sie las.

„Und …?“ Gitta beugte sich interessiert nach vorn. „Was schreibt dein Verleger denn?“

Clara lächelte.

Szczesny rührt in der Kaffeetasse, doch der Zucker löst sich nicht auf. Er raucht. Eben hat er sich von der Bedienung eine neue Schachtel bringen lassen. Ihm ist wieder übel, der Espresso wühlt in seinem Magen, auch der Durchfalldruck ist zurückgekehrt. Szczesny weiß: Diese Unbilden sei­nes Körpers existieren nur in sei­ner Einbildung. Einzig seine verkrüppelten Spermi­en sind echt, alles andere ist psychosomatisch. Dabei ist er in Sicher­heit. Im Warmen im Café sitzen, rau­chen, in einer Tasse Kaffee rühren, ziemlich nahe dran am Glück. Was Cla­ra nur mit diesen grauenvollen Tees hat? Manchmal riecht bereits ihre Kleidung nach Ingwer und Melisse.

Szczesny hat sich einen Platz in der Nähe der Hei­zung ausgesucht. Sie blubbert und strahlt kaum Wärme aus. Viele Tische sind leer. Das Lokal ist am frühen Nachmittag kaum besucht. In der Ecke hockt ein junger, ungepfleg­ter Kerl. Er hat fettige Haare und einen Voll­bart. Aufmerksam zeichnet er in ei­nem großen Block, die Koh­lestifte liegen vor ihm auf dem Tisch.

Das ist ein Maler, denkt Szczesny. Er sieht oft auf und zu mir herüber. Ich bin sein Modell. Er fragt sich, ob man ihm seine Behinderung in seinem Ge­sicht entdecken kann. Ich könnte ihn fragen, sollen ja gute Beobachter sein, die Maler. Aber ich bin ja selbst ein guter Beobachter. Der Spiegel starrt zurück, Maler.

[Zum Schluss …]

 

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (18)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Für einen kurzen Moment, der sich für Irta wie eine Ewigkeit anfühlte, hing sie in absoluter Finsternis mit beiden Händen an dieser unzuverlässigen Sprosse über einer – wie sie sich einbildete – bodenlosen Tiefe. Dann fanden ihre Füße endlich ebenfalls auf der Leiter Halt. Bevor sie sich an den Abstieg machte, verharrte sie eine Weile und klammerte sich an das rostige, klebrige Metall, während sie darauf wartete, dass sich ihr jagender Puls wieder etwas beruhigte. Sie lauschte: Erstaunlicherweise war nichts von Radik zu hören. Es war fast so, als habe er nie existiert. Diese Stille machte sie jedoch nervöser, als wenn sie ihn fluchen und schreien gehört hätte. Hatte er wirklich so schnell aufgegeben oder verschloss der Deckel diesen Schacht so fest, dass nichts von seinem Zorn darüber, dass ihm sein bereits gefangen geglaubtes Opfer in letzter Sekunde entwischt war, an ihr Ohr drang? Während Irta lauschte und doch langsam ruhiger wurde, bemerkte sie, dass die Dunkelheit ums sie herum doch nicht so komplett und absolut war. Von unter ihr drang ein wenig Licht in den Schacht.

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstauchung kaum wahr, den die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Tempelglocke von Astris fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde. Deren Licht hatte Irta schon von oben gesehen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg anscheinend mehrere Grundmauern des Palasts durchschnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil während der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber kolossalen und während des Interregnums teilweise zerstörten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel erhob. Der Tunnel führte Ira durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrunden Schacht hineinragte. In dessen Mitte war eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; sie verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen viel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging der geheime Weg weiter: Es war ein galerieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen Abstand um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten an der Außenseite in regelmäßigen Abstanden flackernde Öllichter, die wahrscheinlich Raul entzündet hatte. Obwohl dieser geheime Weg hinter den Palastmauern – einer von vielen, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Personen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bodenlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen verwischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie die Spirale der Rampe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem Ort zu finden. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könnte sich doch noch ihrem Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen doch noch in eine wundervolle, gemeinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freistehende, Granitsäule hinabdrehte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem weiteren Absatz in einen Raum mündete, an dessen gegenüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Sie lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nachdenklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie geführt hatte, diente offensichtlich nicht nur als Eingang, sondern auch als Schutzraum, denn es war von Raul oder einem anderen Eingeweihten für einen längeren Aufenthalt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frischbezogene Strohpritsche und und ein deckenhohes Regal mit Lebensmittelkonserven und Wasserflaschen gefüllt. In der Ecke befand sich sogar ein Holzofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzugrohr in der Wand verschwand, und daneben ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wochen vor den neugierigen Augen im Elfenbein-Palast verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hatte, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe entdeckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hinaussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guckloch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnuppterte gierig die frische Luft, die sofort durch sie in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges gelangt: Dort draußen erkannte sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht badenden Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karukorer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gittertür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, die traditionellen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschieden, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite nährerten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zurück: Es war kein anderer als Radik Emre, der verfluchte Beschnittene, der wie wie aus dem Nichts aufgetaucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

 

»All die Namenlosen müssen diese Macht und die Stärke des Ygdras gespürt und benutzt haben, wenn sie hier saßen – auch wenn sie wahrscheinlich nicht wussten, aus welcher Quelle sie sie schöpften. Dies ist das Geheimnis der Strenge der Herrscher von Karuko­ra und ich spüre, wie der Baum mich ebenfalls zu überwälti­gen sucht. Es ist kein Märchen, dass die Stadt seit ih­rer Gründung durch den ersten Namenlo­sen von einem Einzigen, von einer einzigen Macht re­giert wird und die Thronfolger ihre Namen vergaßen, nachdem sie auf diesem Sitz Platz genommen hatten. Denn dieser Ein­zige war immer nur die Seele des Bau­mes, derer sie alle teilhaftig geworden sind.«

Adelf zögerte, als suche er nach den passenden Worten. »Doch dieser Thron bewahrt seit Jahrhunderten noch ein weiteres Geheimnis, das ihm selbst kaum bewusst ist – denn für ihn in seiner fast vollkommenen Zeitlosigkeit hat der Prinz Selin aus der ersten Dy­nastie der Bingh seinen Schatz gerade eben erst in seinem Holz versteckt … und hier ist er!«, rief er wie ein Zauberer, der ein Künststückchen präsentiert.

Die suchenden Hände des Mönchs hatten links und rechts an den Seiten der Armlehnen zwei identische, geschnitzte Arabesken gefunden, die wie die starren Augen von Ba­silisken aussahen. Auf deren Mitte, auf die schlitzför­mige Iris, legte er nun entschlossen seine Mittelfinger und drückte sie fest nach innen. Adelf musste sich da­bei anstrengen, denn der Mechanismus war alt und eingerostet, aber dann schnappten geräuschvoll zwei Riegel an der Hinterseite des Throns auf. Auf Rücken­höhe senkte sich dort kleine versteckte Klappe herab, hinter der sich offenbar ein Geheimfach verbarg, das der Mönch mit seinen seltsamen Sinnen erspürt hatte.

»C’est le noyau du caniche«, murmelte Juel überrascht. Selin nutzte die Gelegenheit und wand sich aus dem Griff des Meisterdiebs. Er eilte hinter den Falkenthron. Die anderen folgten ihm neugierig. Auch Adelf stand schwankend auf. Er schien sich nur schwer von seinem Sitz lösen zu können, ganz so, als wäre er mit einem zähen Teer dort festgeklebt worden, als wäre dort etwas, das ihn beim Aufstehen behinderte. Selin langte aufgeregt in das kleine Fach im Holz der schwarzen, verkohlten Rückfront und beförderte eine schmale, in ein brüchi­ges Pergament eingeschlagene Platte hervor. Er befreite die Platte grob von ihrer schützenden Hül­le. Das uralte, von den Jahrhunderten braune und brüchige Papier zerfiel ihm unter der Hand in Einzelteile und segelte wie Herbstlaub zum Boden. Selin hob das rechteckige Fundstück etwas enttäuscht ins Licht.Er hatte etwas anderes – etwas viel spektakuläreres und aufregenderes – erwartet, als diesen merkwürdigen Gegenstand. Das war nur eine recht hässliche grüne Scheibe, auf der messingfarbene Linien ein seltsames und chaotisches Muster bildeten.

»Ist das alles?«, fragte er. »Was soll das denn sein? Das ist doch keine Landkarte!« Juel trat neben in und bückte sich, untersuchte die ausgeblichenen, bräunlichen Tintenspuren auf den Pa­pierstücken, die um Selin herum am Boden lagen. Er hob eines auf, musterte es und zerrieb es dann achselzuckend zwischen den Fingern zu Staub.

»Die Karte hast du eben zerstört«, sagte er spöttisch und stand wieder auf. »Das ist nicht so tragisch, denn du hast et­was viel Besseres …« Juel nahm die eigenartige Platte vorsich­tig aus Selins Hand. Er betrachtete sie fasziniert. »Nein, das ist zwar keine Karte, aber das ist viel, viel mehr!« Er drehte die einen Handteller große Platte ein paarmal im Lichtschein der Fackeln herum und reichte sie dann ehrfürchtig an Selin zurück.

»Pass gut darauf auf«, flüsterte er, »dies scheint mir ein Vorgängerrelikt von unschätzbarem Wert zu sein und du solltest es niemandem zeigen. Es ist gut mög­lich, dass du damit sogar den Ewigen Krieg beenden kannst. Manchmal genügt es, ein kleines Steinchen an einer bestimmten Stelle ins Wasser zu werfen und alles ändert sich. So haben schon Weltreiche geendet – mit einem kleinen Stein, der alles ins Rollen brachte. Ceci est parfois le cours du destin. Ich will behaupten, dass diese Platte, die die Vorgänger übrigens eine Platine genannt haben, viel wertvoller ist als die funkelnden Brillanten im Auge des Falken, für die sich die Diebesgilde interessiert. Wenn sie das wüss­te, könnte es sein, dass sie ihr Abkommen mit deinem Großvater ein wenig zu eurem Nachteil … modifiziert.« Er warf einen warnenden Blick auf Semiras Dienerin, die jedoch längst wieder das Interesse an dem Fund verloren hatte und gerade auf den Thron geklettert war, wo sie – breitbeinig auf den Arm­lehnen balancierend – mit ihrem Dolch an einem der großen Brillanten in den Augen des Falken herumsto­cherte, um diesen aus seiner Fassung zu hebeln. Das Holz des Stuhls knirschte und ächzte unter ihrem Gewicht. Es klang, als wolle es sich über diese ruchlose Tat beklagen. Auch Adelf, der in der Nähe stand und mit einer Hand weiterhin die glatte, schwarze Oberfläche des Throns streichelte, schien nicht einverstanden. Er verzog das Gesicht und litt eine Qual, als fühle er den kalten Stahl am eigenen Leib, als würde die Diebin ihm selbst ihr Werkzeug in die Augenhöhlen bohren. Doch er sagte nichts und ließ sie gewähren.

Selin versteckte die Vorgänger-Platine eilig unter seinem Hemd. Sollte sein Großvater entscheiden, was mit dem Fund anzufangen war. »Aber wie soll uns dieser alte Gegenstand helfen, die Ebenen des Ewigen Krieges zu durchqueren?«, fragte er Juel, zu dem er immer mehr Vertrauen fasste. Ob­wohl er wusste, dass der Dicke ein Dieb war und wahr­scheinlich eine beachtliche Liste von Gaunereien und anderen Gesetzesübertretungen auf dem Kerbholz hat­te, hatte er doch das Gefühl, jener angebliche Kauf­mann meinte es gut mit ihm. Dieser seltsame, dicke Mann verbarg wahrscheinlich einige Geheimnisse und eine Geschichte, die er zu ger­ne einmal gehört hätte.

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die der Märchenerzähler vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »diese … Platine ist et­was ganz ähnliches. Sie ist der echte Weg, der in den Tag führt und nicht diese Papierfetzen, in die sie einge­wickelt war. Diese Platine ist ebenfalls eine Art Schlüssel, mit der man ein Schloss aufsperren kann. Doch in ihr sind nicht die wirren Schriften Baruchs verborgen, wie in dem von Straif. Ich bin solchen Gegenständen schon häufi­ger begegnet. Im Moment ist die Platine so nutzlos wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die niemand versteht. Wir werden ein Gerät brauchen, das den In­halt lesen kann. Ich habe zum Glück eines in meinem Kaufmannswagen.« Er sah sich kurz um, zögerte. Doch dann schob er nur für Selin sichtbar seinen Kragen ein wenig zur Seite. Ein Hals­band wurde sichtbar, an dem eine weitere jener seltsa­men grünen Platten befestigt war. Sie war wesentlich kleiner als die Platine aus dem Thron und wirkte wie ein Schmuckstück.

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine Platte am Hals. Es ist das Symbol der Kirche der Gemeinschaft der lei­denden Gene, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer In­itiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit erkennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wert­loser Tand, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine er einmal steckte wozu er vor Jahrtausenden gedient hat. Das ist nur Schrott, wie er zuhauf bei Kel­lerausschachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefunden wird. Die irren Hindersöhne schmücken da­mit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märkten von Hossberg billig als Glücksbringer kau­fen.« Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senkte weiter seine Stimme noch weiter. Selin fiel auf, dass nun merkwürdigerweise inzwischen aus ihr je­der Ost-Akzent verschwunden war. Er musste sich anstrengen, ihn noch zu verstehen. Doch es schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren. Semira und Adelf sahen Jalah, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte, dabei zu, wie sie sich mit dem Herauslösen des zweiten abmühte.

[Zum 4. Teil …]

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Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 1)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

 

„Wer versteht die Welt?“
„Nur, wer sich selbst versteht.“
Goethe, Märchen

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder umfasst eintausendeinhundertfünfundsieb­zig Quadratkilometer Fläche. Er wird im Osten durch den Lauf der Wertach und der Schmut­ter, im Westen duch die Mindel begrenzt. Die Nord-Süd-Ausdehung reicht vom Donauried bis Türk­heim. Die sehr abwechslungsreiche Landschaft wird von zahlreichen Tälern durch zogen. Der hohe Waldanteil von vierzig Prozent setzt sich zu 80 Pro­zent aus Nadelbäumen und zu zwanzig Prozent aus Laubbäumen zusammen.

ob man magengeschwüre vom ehrgeiz bekom­men stillstehen kann heißt ich rückschritt stehe still aber ich gehe nicht sprichwörter zurück sind nicht sondern logisch eine emotion wer rastet irgendetwas der egal ausgerechnet heute hat der bus ausgerechnet heute hat er verspätung warten auf den sie bus sieht wieder hallo her

„Ich bin auch geil.“

ich fürchte wenn ich schuhfetischist ehrlich bin bin ich rote schuhfetischist pumps mit centabsätzen ihr körper ja tänzelt toll ja komm schon lass mich le­cken ja schon zehn nach wo bleibt eins der bus

„Ja. Stefan. Mir geht es gut. Klar, muss es ja.“

ja stef doch doch hast ja stehst recht aber in meiner blickfeld schuhe gesehen ich lecke sie siehst du mit den augen

„Ja. Stefan. Der Brunner ist ein Arsch. Am letzten Tag Mathe.“

rote lackpumps in seinem stecken arschloch span­nen hämorrhoiden

„Ja. Stefan. Ich warte auf den Bus. Ach, so, weiß ich nicht, vielleicht nach Spanien.“

hau zisch doch ich seh sie nicht stehst im weg komm

„Nein. Stefan. Ich weiß nicht, was bei der ersten Aufgabe rauskam. Ist mir auch egal jetzt. Wird eh nicht benotet. Ich bin beim Integral hängen geblie­ben.“

das ist jetzt nicht du dein ernst fragst die mathenull mich da bist du bist doch noch besser

„Nein. Stefan. x – i, ja, sicher.“

also als ob ich der stefan hat ferien und kommt mir mit mathe das ist sowas von tot

„Also, bis dann. Stefan. Klar, wünsche ich dir auch.“

endlich du als ob ich schwätzer also wenn sie das nächste mal werde ich lächeln herschaut das kann ich wenn ich gut mich traue ich habe heute früh die fische vergessen das schulhaus füttern sechs wochen zweiundvierzig tage kotze ich du bist grau auf dich schülerschreie in beton der satz gemauert ist gut schrei zu beton gemauert ich muss ihn bis daheim aufschreiben habe ich ihn sonst vergessen

„Wie die Fische.“

ach der bus drängle mann nicht kriegst schon so ei­nen hock dich endlich sitzplatz wo ist sie ah die schuhe los lächeln jetzt

„Nichts war‘s.“

Als Organisationsform haben die Initiatoren des Na­turparks am 30. Mai 1974 einen Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind der Freistaat Bayern (Staatsforstverwaltung), der Regierungsbezirk Schwaben, die Stadt Augsburg, der Landkreise Augsburg, Unterallgäu, Günzburg, Dillingen-Donau. Als weitere Mitglieder gehören demVerein an: Der Landkreis Donau-Ries, die Gemeinden bzw. Märkte Bonstetten, Dinkel-scherben, Horgau, Markt Wald, Welden, Zusmars-hausen und Fischach, der Bayeri­sche Wald-besitzerverband, der Bayerische Bauern­verband sowie zahlreiche Einzelpersonen als för­dernde Mitglieder.

Die zwei heruntergeklappten Stufen auf einmal neh­mend sprang Daniel in den Bus. Einen Sitzplatz er­haschte er nicht mehr. Er blieb beim Einstieg ste­hen, stemmte sich gegen die rempelnde Masse, die ihm nachfolgte und sich an ihm vorbei ins Innere schob. Im Gewühl verlor er den Kontakt zu dem Mädchen, das immer so vielversprechend zu ihm herüber sah. Zischend schloss sich die Tür und die Haltestelle glitt nach einem scharfen Ruck nach hinten davon. Daniel ließ die abgewetzte, braune Schultasche zwi­schen seine Beine fallen. Er bemühte sich, dabei ein lautes, endgültiges Geräusch zu machen.

Zu den vordringlichsten Aufgaben des Naturpark­vereins zählt, das großräumige Gebiet als Erho­lungsgebiet zu erschließen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Heute ist ein umfangrei­ches Wanderweg- und Radnetz von rund zweit­ausendfünfhundert Kilometer Länge markiert und mit zahlreichen Brunnenanlagen und etwa fünf­hundert Ruhebänken versehen. Außerdem sind zwanzig Kilo­meter Reitwege, fünf Naturlehrpfade und Liegewie­sen angelegt. Eine ständige Sorge beitete dabei vor allem die laufende Sauberhal­tung des Waldes und der Landschaft, wobe der Naturpark auf die bereit­willige Mitarbeit von Ge­meinden und Waldarbeitern bauen kann.

„Was für ein Gesicht der machen würde. Er kommt rein und alle haben den gleichen Bart wie er.“

„Auch die Mädchen.“

„Alle schauen aus wie er. Oder er kommt rein und hinter ihm kommt einer rein, der schaut aus wie er.“

„Und der sagt: Guten Tag, mein Name ist Paul Schludi.“ (Gelächter)

„Der hochanständige Schüler….“ (Lachen)

„Hochanständig! Das einzige, was an dir hoch …“

„Nächste: Rotes Tor.“ (Lachen)

„Oder es kommt einer rein und hat einen Schlafan­zug an und eine Zahnbürste in der Hand und sagt: Was machen Sie in meinem Hotelzimmer?“

„Weißt du noch, der Langer?“

„Ja, ja, im U-Bahnhof. „Waaß, ßo weiid??“ (Geläch­ter)

„Oder, wie er sein Blatt umdreht und gesagt hat: „Ich muuß doch mal schaun, oob daß Käätche da beii Ihne auf den Bläddern au auff der lingen Seide ißt?“

„He, Daniel, weißt du:Deutschör Dualißmuß!?“

„Ja, ja.“

„Wenn ich es dir sage: Obergrenze minus Untergren­ze. Nicht umgekehrt. x – i war doch fünf.“

„Schau, mal. Die Blaue, jetzt steigt sie ein. Oh, Mann.“

„Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“

„Oder es kommt einer rein …“

„Ich muss hier raus. Schöne Ferien, Jungs.“

„Schöne Ferien.“

„Schöne Ferien, Daniel.“

„Mach’s gut.“

Daneben ist das Augenmerk vor allem auf die Pflege und Erhaltung der Schönheit, Vielfalt und Ei­genart der Landschaft gerichtet, wobei die zahl­reichen Feldgehölze, Einzelbäume und Bachein­grünungen dem Besucher besonders angenehm auffallen. Aber auch die Waldbesitzer leisten ei­nen beachtlichen Beitrag bei ihren waldbaulichen Maßnahmen zu ei­ner abwechslungsreichen Ge­staltung der Waldbilder, insbesondere durch einen stufigen Waldaufbau, ent­sprechende Baumarten­mischung, Belassung von Altbäumen als soge­nannte Überhälter und harmoni­sche Gestaltung der Waldränder. Auf die diesbezüg­lichen beson­deren Anstrengungen sowohl der Oberforstdirektio­n Augsburg als auch der Kommu­nen und Großwaldbesitzer sollte in diesem Zusam­menhang dankbar verwiesen werden.

Daniel stieg langsam aus dem Bus. Er war nicht an der Endhaltestelle ausgestiegen und auch nicht in der Nähe der Wohnung seiner Eltern, bei denen er noch wohnte. Er verließ den Bus und ging willkür­lich die Straße hinab. Sie führte aus der Stadt her­aus. Zu seiner Rechten standen alte Fabrikbauten.

*

Es ist 17.23 Uhr Ortszeit an diesem Mittwoch, dem 27. Juli. Der Tag liegt staubig über der waidwunden Stadt. Eine angespannte Stille herrscht in den zer­narbten Straßen. Wenige verspätete Menschen eilen gehetzt zu ihren Wohnungen. Hinter hohlen Fens­terlöchern starren unruhige Augen.

Man erwartet die Nachmittagsflugzeuge mit ihrer Bombenfracht. Doch da wird in der Ferne das Wum­mern von Hubschrauberrotoren hörbar. Es gleitet näher. Ein junger Mann mit staubigem und fettig schwarzem Haar bleibt zögernd stehen, beschattet sein bärtiges Gesicht mit zitternder Hand. Sieben drohende Punkte sind über dem von der feindlichen Miliz beherrschten Stadtteil aufgetaucht. Sie vergrö­ßern sich rasch. Ihr Ziel ist ganz offensichtlich die­ses ehemals bessere Wohnviertel, auf dessen Haupt­straße sich der junge Mann nun besorgt umsieht. In seiner Nähe, aus einem Loch Schutt, das einmal ein Hotel ge­wesen ist, dringt Hundegebell. Notfalls kann er dort Deckung suchen, obwohl ihn, wie er weiß, nichts vor den Bomben schützen kann. Aber er wür­de sich geborgener fühlen und er müsste dem Tod nicht in die Augen sehen, wenn er kommt.

Jetzt schwärmen die Hubschrauber aus, einer hält direkt auf die Straße zu. Er kommt in niede­rem Flug heran, berührt fast die Dächer. Ein Auf­klärungsflug, will sich der junge Mann beruhigen, noch kommen nicht die Bomber. Da öffnet sich an der Seite der schweren Flugmaschine eine Tür, deutlich ist ein Soldat zu erkennen, der eine Last herabschüttet. Der junge Mann will fliehen, macht einen unsi­cheren Schritt, bleibt dann überrascht stehen. In seiner unmittelbaren Umgebung klatschen Gegenstände in den Sand. Es sind kleine Blech­autos, Puppen und Teddybären. Die Luftwaffe des Feindes wirft Spiel­zeug über dem zu Tode ver­wundeten Stadtteil ab.

Die Motorengeräusche verhallen hinter verkohl­ten Häuserleichen. Viele Menschen kommen aus ihren Verstecken, treten zaghaft ins ungeschützte Freie, als hätten sie Angst vor dem Sonnenlicht. Da bricht sich ein Kinderruf an den geschwärzten Wänden. Der junge Mann sieht sich um. Ein viel­leicht vier­jähriges Kind reißt sich von seiner tief verschleierten Mut­ter los. Sie versucht vergeblich, es zurückzuhal­ten. Das Kind trägt nur ein schmutziges Hemd, das ihm bis zum Knie reicht. Seine kleinen, kräf­tigen Füße stampfen zu dem jungen Mann, es patscht an ihm vorbei. Er erhascht ei­nen Blick auf leuchten­de Augen, die ein mageres, verhärmtes und schmutziges Gesicht überstrahlen. Das Kind stolpert auf einen größe­ren rosafarbenen Plüschbären zu, hebt das Ge­schenk der Luft vorsichtig und zärtlich in die Höhe und umarmt es. Jetzt treffen sich die Blicke der beiden. Sie lächeln.

Der Plüschbär explodiert. Das Kind wird in blu­tiges Fleisch zerfetzt. Durch den Sprengdruck de­toniert ein Spielzeugauto neben dem jungen Mann, dessen beide Beine abgerissen werden. Er fällt schwer zurück in den Staub. Dann ist es wieder still. Ruhe liegt auf dem Platz wie eine dicke Wolldecke. Spä­ter schreit eine Frau. Von der Ferne nähern sich Bomber mit ihrer Nachmittagsfracht.

[Zum 2. Teil …]

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Meister Siebenhardts Geheimnis (Leseprobe)

Prolog
20 Jahre vorher

Der Tod holte auf.

Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangs­los in ein dich­tes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nord­flanke des menschenfeindli­chen Berges Gynashort.

Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen aus­glitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Ab­grund sie oft nur eine Un­achtsamkeit und ein Stolpern trennte.

Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nas­sen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bil­dete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abge­schossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen und schwer ver­wundet. Erson hatte den Schaft zwar auf der Stelle direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und diese dann notdürftig ver­bunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Wi­derhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer her­auszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzufüh­ren. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris‘ Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.

Allerdings wurde der Schritt von Idris mit jeder Stun­de un­sicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich des­halb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zu­dem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftau­chen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der „Tod aus dem Himmel“, nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynas­hort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher er­tappt wor­den waren, jagte ein Trupp der besten Männer der Tudas­garda hinter ihnen her. Diese Elite­krieger hießen bei ihrem Volk, das ein primitives Wen­disch sprach, Kling’Arta, also „Himmelskrieger“. Sie verfolgten die drei Eindringlinge be­reits seit vier Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war der­selbe: Die Flüchtigen waren gefangen in einer Welt aus waberndem, eisigem Dampf und feuchtem Schneetrei­ben, aus der ihnen in jedem Mo­ment der Tod entgegen­treten konnte. So viele Arten zu ster­ben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Be­richt von Henne, dem Biberjäger, Sakket, Erson und Idris dazu verlei­tet hatte, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nä­hern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der grimmigen Tudasgarda, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüch­tig bewachten, zu schleichen. Glaubte man Hennes Erzäh­lungen, dann barg der mächtige Berg in seinem Inneren die verbor­gene alte Stadt Bridon und ihre unvorstellbaren Schät­ze. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfel und den Weg zu der alten Königsburg zu finden. Wie­der und wieder hatten sie unverrichteter Dinge und mit lee­ren Beuteln in ihre von Kanälen ge­musterte Heimatstadt Garda heimkehren und sich dem Spott ihrer im warmen Nest der Lahmen Curie zurückgebliebenen Kumpane stellen müssen.

Diese ständigen Grenzverletzungen konnten auf die Dauer nicht gutgehen und dieses Mal waren die drei Schatzjäger von einer Gruppe Himmelskrieger ertappt worden – gerade als die Gefährten endlich von weitem einen vielversprechen­den Pfad den Nordhang hinauf entdeckt hatten; ganz wie es ihnen vom alten Henne versprochen worden war. Seitdem hetzten sie nun schon auf der Flucht diesen Saumpfad empor und hat­ten längst das Ende ihrer Kräfte, aber nicht das Ende des Weges erreicht. Wenn sie nicht bald den Gipfel des Gynashorts und damit einen Ort betraten, den die Tu­dasgarda nach den Worten des Jägers angeblich nicht zu be­treten wagten, da sich dort der von ihren grauen­vollen Dai­mona bewachte Eingang zu der sagenhaften Stadt befand, dann würden über kurz die abgeschnitte­nen Köpfe der drei auf Pfähle gespießt den Tabor der Barbaren zieren und ihre Herzen bei einem ihrer grau­sigen Festmahle als Speise für die tapfersten der Krie­ger dienen.

„Halt!“, rief Erson und stemmte sich gegen den Fels. Er griff das Seil fester, das an seinem Gürtel befestigt war und ihn plötzlich nach hinten zog. Der verwundete Idris war an einer etwas breiteren Stelle erneut ins Stolpern geraten und nur seine Verbindung mit den an­deren hatte verhindert, dass er in die Schlucht stürzte. So kippte er, von Ersons Kraftakt ge­zwungen, auf die andere Seite gegen einen großen Felsblock, rutschte langsam an ihm zu Boden. Er rang dort pfeifend um Atem, der als dichte Wolke über seiner vermummten, in sich zusammengekauerten Gestalt stand. Sakket kam besorgt zu­rück, wollte sich an Erson vorbei quet­schen. Er versperrte ihr den Weg.

„Wir müssen weiter! Wir können nicht schon wieder pausie­ren“, drängte die gertenschlanke Frau. Erson sah sie mit ei­ner seltsamen Miene an und schüttelte den Kopf. Auch wenn er es noch nicht wahrhaben woll­te: Die Flucht war vorbei, hier und jetzt. Idris würde keine fünfzig Fuß mehr weiter gehen können. Wenn er sich überhaupt noch einmal erhob. Sakket erwiderte den Blick ihres Freundes, der ihr wie ein Bruder war. Sie kannte den dicken Erson schon seit den Ta­gen ihrer gemeinsamen Kindheit im düsteren Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene in Garda und ver­stand ihn auch ohne Worte. Die Zeit für eine verzwei­felte Entscheidung war gekommen und nur Sakket hatte von den Gefährten die Entschlossenheit, sich ihr zu stellen. Sie war eine geborene Anführerin und die treibende Kraft der klei­nen Gruppe. Sie drückte sich an Erson vorbei und beugte sich zu Idris hinab, sprach aufmunternd auf ihn ein.

Aber er reagierte nicht. Erst als Sakket einen Hand­schuh abstreifte und mit ihrer bloßen Hand die Wange des Verletz­ten berührte, bewegte er sich, hustete. Dann schien er sich zu fangen und kam wieder etwas zu sich. Trotzig schob er seine Kapuze vom kahlen Schädel und sah auf. Seine großen braunen Augen, die Sakket im­mer an den Blick eines treuen Hundes erinnerten – so überrascht und sanftmütig blickte ihr großer Freund in die Welt – ruhten sanft und fast mitlei­dig auf dem Mäd­chen, das er wie auch Erson heimlich liebte. Er hatte nie viel von diesen Schatzsuchen gehalten und nur ihr zuliebe an ihnen teilgenommen, weil er Sakket be­schützen und in ihrer Nähe sein wollte.

„Es geht nicht mehr“, stellte Idris nüchtern fest. „Hier ist mein Pfad zu Ende.“

Seine Stimme klang entschlossen. Auch Erson trat nun her­an, schob einen Arm hinter die Schulter von Idris und richte­te ihn ein wenig auf, weil er ihm das Atmen erleichtern woll­te. Dabei hob er den Mantel sei­nes Freundes leicht an und spähte nach dem Verband über dessen Wunde. Er klebte vollgesogen von feuch­tem, frischem Blut, das das starke Herz seines Freun­des großzügig aus der schweren Verlet­zung am Rücken pumpte. Es war ein Wunder, dass Idris es überhaupt bis hierher geschafft hatte. Bei dieser großen Wunde und dem Blutverlust hätte er eigentlich schon seit ei­nem Tag tot sein müssen.

„Komm, mein Freund“, sprach Erson wider besseren Wissens ihm und wohl auch sich selbst Mut zu, „es ist nicht mehr weit, denke ich, vielleicht noch einen Fur­long. Ich werde dich tragen.“ Idris musterte überrascht den kleinen, untersetzten Mann, mit dem er so viele Abenteuer erlebt hatte. Dann lachte er schallend.

„Vergiss es. Du kannst doch nicht einmal einen vollen Bier­krug stemmen!“ Idris‘ Lachen ging in ein gequältes Husten über und sein Gesicht verzerrte sich unter den Schmerzen. „Nein, hört: Ihr müsst mich zurücklassen. Vielleicht kann ich unsere Verfolger ein wenig aufhal­ten und euch etwas mehr Zeit verschaffen. Dann hätte das alles einen Sinn.“

Er tastete nach seiner Pistole, die er in einer Tasche an sei­nem Gürtel trug. Die kleine, schmale Waffe ver­schwand fast in seiner an Bärentatzen erinnernden Hand, die seltsamer­weise sechs Finger hatte. Er richte­te sich unterstützt von seinen Gefährten weiter auf, lehnte nun halb gegen den Fel­sen. Er spuckte Blut aus.

„Idris Henk Baldaar!“, rief Sakket vorwurfsvoll den ganzen Namen ihres Freundes. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wütend auf ihn war. „Das machen wir auf keinen Fall! Wir schaffen es alle gemeinsam!“

„Weißt du nicht mehr? Wir drei oder keiner“, wurde sie von Erson unterstützt. Idris schüttelte müde seine Glatze und deutete mit einem ironischen Blick zurück.

„Diese Entscheidung müssen wir nicht mehr treffen“, sagte er. Gleichzeitig war ein triumphierendes Heulen zu hören. Sakket und Erson zuckten zusammen und wirbelten herum. Durch ein mutwilliges Spiel des Sturms rissen für einen kur­zen Moment die dicken Schneewolken auf, zerfaserten über dem schwindeler­regenden Abgrund. Tatsächlich verirrte sich ein verlo­rener Sonnenstrahl hinab auf das schmale Fels­band. Die Sicht hinunter wurde plötzlich besser und man konnte ein langes Stück des Weges zurückblicken, den die drei geflohen waren. Erst jetzt bemerkten sie, wie hoch sie schon waren; ihr Pfad hatte sie schon viele Furlong über den Talgrund hinauf geführt. Und auf diesem engen Weg rann­ten ihnen auch weiterhin ihre Verfolger hinterher! Sie waren noch immer ihrer Beute auf der Spur.

Nur wenige hundert Fuß hinter und zwei Serpentinen unter ihnen kamen fünf, nein, sechs Krieger der Tudas­garda eilig näher. Wie Schweißhunde hetzten sie den Pfad entlang, missachteten dabei die Gefahren des schmalen Felsenab­satzes. Endlich hatten sie ihre Jagd­beute entdeckt und es war ihr vielstimmiger, zufriede­ner Ruf, der zu den dreien her­auf klang. Die Himmels­krieger beschleunigten noch ihr Tempo und kamen in halsbrecherischer Geschwindigkeit her­an, gerieten dann jedoch an der Bergflanke aus dem Blickfeld der wie zu Eis erstarrten Gejagten, weil der Pfad einen Bo­gen in einen kleinen Tobel machte, den ein Wasser­fall an dieser Stelle in den Fels gegraben hatte. Erson wuss­te noch, dass dort viel lockeres Geröll und Splitt über den Weg gerutscht war und die Stelle zusammen mit dem von oben herabstürzenden Wasser nur schwer begehbar machte; vor allem, wenn man wie die Tudas­garda kein festes Schuh­werk, sondern nur zusammen­gebundene Lederstreifen an den Füßen trug. Aber bald würden die furchterregenden Krieger wieder aus dem Einschnitt im Felsen auftauchen und dann gerieten Sakket, Erson und Idris in die Reichweite ihrer tod­bringenden Pfeile und den Bolzen ihrer Armbrüste. Den Gefährten blieben nur noch wenige Augenblicke.

Idris fingerte an dem feuchten Knoten, mit dem das Siche­rungsseil an seinem Gürtel befestigt war, das ihn mit den anderen verband. Seinen klammen Fingern ge­lang es nicht, ihn zu lösen.

„Bei Inets brennendem Schwanz! Vielleicht wollt ihr mir mal helfen?“, fluchte er. „Was wartet ihr noch? Ich bin der einzi­ge, der eine Waffe besitzt, auch wenn sie nur ein Spielzeug ist. Verdammt!“

Erson wurde rot. Dass die drei ihre Jagdflinte verlo­ren hat­ten, war seine Schuld gewesen. Er hatte unge­schickt nach ihr gegriffen. Dabei war sie ihm aus den feuchten Fingern geglitten und unwiederbringlich in eine tiefe Felsspalte ge­rutscht.

„Niemals“, antwortete er trotzig, aber da hatte Sakket schon kurzentschlossen ihr Messer gezogen und schnitt einfach das Führungsseil durch, an dem Idris verzwei­felt zerrte.

„Was …?“ Ohne auf seinen Protest zu achten, packte sie Er­son am Oberarm, zog ihn zurück, weg von seinem Freund. Ihr Griff war kraftvoll und zwingend. Sie nick­te Idris auf­munternd zu, der sich nun hinter dem nied­rigen Felsen eine Deckung suchte und mit seiner Pisto­le in die Nebelschwaden zielte, die sich wieder über den Weg gelegt hatten.

„Nein!“ Erson riss sich trotzig von Sakkets Umklam­merung los und drehte sich erneut zu Idris. Er wollte nicht wahrha­ben, dass die drei ihr Blatt bereits aus­gereizt hatten. Er wür­de seinen Freund hier am Ende der Welt nicht einfach im Stich lassen und den Kling’Arta der Tudasgarda opfern. Das konnte nicht sein, das passte nicht in sein Weltbild. Es musste einfach noch einen Ausweg geben. Bisher war da im­mer einer gewesen: Das eine Schlupfloch, das er zuver­lässig lange vor den beiden anderen entdeckte und durch das sie sich immer wieder aus einer Gefahr hat­ten retten können. Erson hatte es noch jedes Mal ent­deckt. Auch heute würde ihm etwas einfallen …

Ein schwarzer Schatten zischte so knapp an Ersons Kopf vorbei, dass er das dunkle Brummen einer wüten­den Libelle zu vernehmen meinte. Das Geschoss schlug direkt hinter ihm in die mürbe Felswand. Ein paar Holzsplitter von dem Bolzen und kleinere Steinbröck­chen spritzten Erson von der Seite ins Gesicht und ris­sen seine Wange blutig. Abgelenkt hob Erson die Hand zum plötzlichen Schmerz und sah über­rascht zurück. Gleichzeitig ertönte Idris erster Schuss und wurde grollend wie ein ferner Donner von den Felswänden zu­rückgeworfen, laut in den Ohren klirrend. Wie die Friedensglocke von Kalar hörte er sich an. Freilich ver­fehlte Idris auf diese Entfernung sein Ziel um einige Fuß, jenen er­sten und vorwitzigsten der Tudasgarda-Krieger, der jetzt auf dem Pfad nur eine einzige Kehre unter ihnen erneut aus dem Bergschatten aufgetaucht war und mit seiner Armbrust auf die Flüchtigen an­gelegt hatte. Dennoch erreichte der Schuss von Idris, dass sich der trotz der bitteren Kälte halb­nackte Mann eilig hinter den Felsvorsprung zurückzog.

Der große Mann wandte sich halb zu Erson, brüllte ihn an, ohne die Felskante aus den Augen zu lassen, hinter der der tätowierte Krieger Schutz gesucht hatte:

„Der Bolzen könnte jetzt auch in deinem Auge ste­cken. Und dann würde dir auch deine legendäre Ge­sundheit nicht mehr helfen. Hau endlich ab; du kannst hier nichts mehr tun! Ich habe ein volles Magazin im Lauf und eines im Gürtel ste­cken und solange ich schießen kann, wird sich keiner trauen, seine Nase vor­zustrecken!“ Wie zur Demonstration drückte er ein weiteres Mal ab und schoss ein flüchtiges Loch in die sich weiter verdichtenden wirbelnden Schneewolken.

„Aber sie werden dich töten!“

„Versteh endlich, Erson. Ich bin doch schon lange tot. Seit mich dieser beschissene Pfeil erwischt hat. Inet sei ver­dammt! Warum machst du es mir so schwer? Nimm mein Opfer an.“ Dann sah er doch noch flüchtig zu Er­son und in seinem dunklen Welpenblick lagen Zärtlich­keit und Ab­schied.

„Du hast mich vor dem Stadtbüttel von Garda geret­tet, weißt du noch? Und aus dem Straflager in Segda­heim befreit. Jetzt revanchiere ich mich, mein Freund.“ Seine Stimme brach und er wischte sich über die Au­gen.

„Blöder Schnee“, murmelte er und konzentrierte sich wieder auf die Flanke, hinter der sich ihre Feinde vor seinem Sperr­feuer verbargen. Er hatte alles gesagt. Sakket trat hinter Er­son und legte ihre Hand auf die Schultern des verzweifelten kleinen Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben um seine nächsten Worte rang und keine fand.

„Es hat keinen Sinn“, sagte sie nüchtern. „Lass uns endlich gehen.“ Kurz noch zögerte Erson, dann drehte er sich mit ei­nem Schulterzucken um und stapfte wie beleidigt den schmalen Pfad ein paar Fuß weiter hin­auf, bis das Seil zwi­schen ihm und Sakket gespannt war.

„Lebewohl, mein Geliebter. Die Mutter der Leidenden sei auf all deinen Wegen mit dir. Ihre Tränen sind mei­ne Tränen, ihr Schmerz wühlt in meiner Brust …“, flüs­terte Sakket den Anfang des Maraia-Gebets und folgte Erson. Sie ließ sich wi­derstandslos von ihm weiterzie­hen. Idris sah ihnen hin­terher, bis sie im Nebel ver­schwanden. Er murmelte etwas, aber niemand hörte seine Worte.

Verbissen und so eilig, wie es ihnen bei dem kaum er­kennbaren Pfad möglich war, stolperten Sakket und Erson weiter. Das Opfer von Idris durfte nicht verge­bens sein. Bald ver­breiterte sich die Felskante und da­mit auch der Pfad. Er war jetzt zwar leichter begehbar, aber die Fliehenden kamen trotzdem langsamer vor­wärts. Denn der Weg führte nun er­heblich steiler nach oben und auch das Schneetreiben wurde noch dichter. Doch stumm und stur setzten sie einen Schritt vor den nächsten, vom Grauen in ihren Rücken vorwärts ge­trieben. Allein auf ihren Weg konzentriert stapften sie weiter, nur selten blieb einer der beiden kurz um Atem ringend stehen. Keiner hatte dem anderen etwas mit­zuteilen. Aber beide lauschten sie immer wieder an­gestrengt nach hinten. Sie nahmen es erleichtert zur Kenntnis, wenn erneut ein oder zwei Schüsse zu hören waren. Einmal meinte Erson sogar, Idris triumphie­rend rufen zu hören.

Endlich, sie waren sicher schon eine Stunde auf diese Weise an der kahlen Flanke weiter den Berg empor gewandert, brach Sakket in Ersons Rücken das Schweigen:

„Nimmt dieser Kothaufen von einem Berg denn nie ein Ende? Ich habe das Gefühl, wir sind auf diesem verdammten Pfad schon dreimal um ihn herumgestol­pert …“ Erson blieb keuchend stehen und wartete kurz, bis Sakket ihn eingeholt hatte. Dann ging er weiter und erklärte:

„Der Gynashort ist nach der Wendspitze die höchste Erhe­bung zwischen Seeland und der Provinz“, spielte er den Reiseführer. Es tat ihm gut, lenkte ihn und viel­leicht auch Sakket etwas ab. „Höher ist nur noch das Babelmassiv jen­seits des Alten Südwalls. In Hennes Karte steht, dass der Gynashort nach dem alten wend­ländischen Längenmaß ex­akt 3296 Meter hoch ist. Wenn ich mich nicht täusche, sind das etwa 17 Fur­long, also zwei Meilen …“

„Exakt sind das, auf drei Stellen gerundet, 16,384 Furlong oder 2,048 Meilen“, unterbrach ihn Sakket und schaffte es fast, Erson zum Lächeln zu bringen. Jedes Kind, das der Or­den der leidenden Gene in seinem Waisenhaus in Garda auf­gezogen hatte, brachte etwas Besonders mit sich, das es für die Adepten und Magis­ter interessant machte. Bei Idris wa­ren das die zusätz­lichen Daumen, die auf dem Rist seiner Hände saßen, bei Erson selbst seine verblüffend schnelle Selbsthei­lung nach Verletzungen. Er war auch noch nie krank gewesen. Und Sakket? Nun, sie konnte erstaunlich gut mit Zahlen umgehen. Die Geschwindigkeit, mit der sie rechnete oder mathematische Zusammenhänge begriff, war einzigartig.

„Also gut“, fuhr er fort, „nehmen wir an, dass wir den Gynas­hort bereits zwölf Furlong hoch erklommen hat­ten, als wir diesen Felsenpfad fanden – also schon ein gutes Stück über der Baumgrenze waren – dann sollten wir es nicht mehr weit bis zum Gipfelplateau haben, vielleicht noch zwei Stunden oder drei, auf jeden Fall sind wir lange vor Sonnenuntergang …“

Ein entsetztes Kreischen unterbrach Ersons gelehrten Vor­trag. Obwohl es nach nichts Menschlichem klang, war es doch der verzweifelte Todesschrei eines in den Abgrund Stürzenden. Spitz und schrill drang er aus der Tiefe der Schlucht zu ihnen empor. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Schrei dort unten im boden­losen Nichts verklang, nur langsam leiser werdend. Beide lauschten. Aber es war nichts weiter zu hören, kein Rufen, keine Schüsse. Nur das Heulen des Windes drang an ihre Ohren. Der Berg hatte sich seine maje­stätische Ruhe zurückerobert. Was auch immer weit unter ihnen geschehen war, welches Drama sich abge­spielt hatte: Jetzt war es vorbei.

„Ob die Tudasgarda noch hinter uns her sind? Meinst du, er hat sie alle aufhalten können?“, fragte Erson und vermied es, den Namen seines Freundes auszuspre­chen. Sakket schüt­telte den Kopf.

„Wir müssen weiter“, presste sie zwischen ihren dün­nen Lip­pen hervor und übernahm wieder die Führung. Hatte der Wind den Schnee bislang so nass und schwer aus den Wol­ken getrieben, dass er sofort auf dem Bo­den und auf der dadurch wie ein Bleigewicht lastenden Kleidung der Flüchtenden schmolz, so verwandelten die sich Flocken jetzt in kleine und harte Kristalle. Sie bildeten eine gefährlich rutschige Eis­schicht auf dem Pfad. Sie knirschte wie mit ihren Zähnen zornig unter den Sohlen der festen Schuhe. Nur langsam tappend kamen die beiden voran. In der eisigen Höhe, deren Luft einem dünnen Messer gleich durch ihre Nasen in die Lungen stach, wurde es ihnen immer schwerer, Atem zu finden. Die Felleisen mit den Vorräten und dem Zelt drückten mit jedem Schritt heftiger auf ihre gebeugten Schultern. Für den di­cken und kurzatmigen Erson wurde es bald zur Qual. Fun­ken tanzten vor sei­nen Augen und er schwankte beim Gehen. Doch Sakket zog ihn einfach weiter.

Ersons Gedanken gingen zurück an den Tag, an dem er und seine Gefährten zum ersten Mal von der golde­nen Stadt im Herzen des Gynashorts gehört hatten. Das war in der Lah­men Curie gewesen, der etwas ver­rufenen Spelunke am großen Binnenhafen von Garda. Sie war eine schmierige und verräucherte Bruchbude, die wacklig auf ihren Stelzenfüßen über dem stinken­den Tryas-Kanal balancierte, der den ge­sammelten Un­rat und die Abfälle der Stadt zum Fluss schwemmte, oft auch einen Selbstmörder oder einen Leich­nam, aus dessen Rücken noch der Griff eines Messers ragte. Gar­da war eine arme, von Verbrechen und Streitigkei­ten gequälte Stadt ohne Recht und Ordnung. In ihr kämpf­ten drei mächtige Kaufmannshäuser und eine Diebes­gilde um die Vorherrschaft und die Diebe waren unter ihnen noch die ehrlichsten und den Gesetzen am treuesten. Der Stadtbüt­tel war bis in die Knochen kor­rupt und der Stadtrat eine Mördergrube, in der die Ver­treter der Kaufleute eine hand­feste Politik betrieben und regelmäßig mit Knüppeln über­einander herfielen.

In der Lahmen Curie gab es allerdings den besten Bi­samratten-Braten nördlich des Rauen Gebirges und das dunkle Bier war billig und süffig. Das allein hätte schon genügt, das Gasthaus zum beliebtesten Treff­punkt der Seefahrer, Kauf­leute und Gauner zu ma­chen. Oft waren auch alle drei Pro­fessionen in einer einzigen zwielichtigen Person vereint, die im Schatten einer der Nischen des Lokals ihren undurch­sichtigen Geschäften nachging. Die günstige Lage des Gast­hauses gegenüber des größten Bordells von Seeland machte die Lahme Curie allerdings zu einer wahren Goldgrube, in der die humpelnde Wirtin wie eine Spin­nenkönigin ihre Net­ze webte.

Auch die miteinander wie Geschwister verbundenen drei jungen Menschen, die sich nach ihren elenden Hungerjahren im Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene ewige Treue und Freundschaft ge­schworen hatten und sich im Ha­fen mit mehr oder we­niger legalen Handlangerarbeiten über Wasser hielten, waren Stammgäste bei der Lahmen Curie und lausch­ten jeden Abend mit roten Ohren begierig den Erzähl­ungen, die die weitgereisten Gäste am Kaminfeuer vor einer interessierten Runde zum Besten gaben.

Die großartigste Geschichte war jene gewesen, die der alte Jäger Henne mit leuchtenden Augen von der le­gendären Stadt Bridon zu erzählen wusste. Dreitau­send Jahre nach dem Fall der Vorgänger, jener legen­dären Vorzeit, als mit den Feuersternen, die vom Him­mel fielen, der Großen Welle nach dem Sturz des blei­chen Máni und dem buchstäblichen Zerbersten der Erde das diesige Morgenerwachen der Ge­schichte stattfand und die ersten ungenauen Erinnerungen der heutigen Welt begannen, hatte sich der Sage nach über Bridon in einem gewaltigen, jede Beschreibung spot­tenden Erdbeben innerhalb von Augenblicken der Gy­nashort emporgefaltet und die Stadt schlicht unter sich begraben – mitsamt ihren überraschten Bewohnern, all den Wundern ihrer Techné und ihren gewaltigen Schät­zen. Denn es steht geschrieben, dass in jener Stadt der diamantengeschmückte Palast der Könige vom Vorher, der goldene Hort der Vorgän­ger bewahrt würde. Dies geschah während der entsetzlichen Reichskriege zwi­schen den Herrschern Máeriqas, Turini Sud und dem weisen König Launin, Kriegen, die das Aussehen der Welt bis heute prägten und zugleich das letzte Aufblit­zen des Abendrots über der Welt der Vorgänger bedeu­teten. Bridon war der Mittelpunkt von Máeriqas‘ Reich gewesen – Máeriqas, der der Unglückselige genannt wurde. Er wurde mit seinem Land, seiner Königsburg und seinen Untertanen von den Gesteinsmassen des Rauen Gebirges verschüttet. Das war beinahe dreitau­send Jahre her oder auch viertau­send; niemand wusste das so genau. Doch noch immer hatte der Berg seine Geheimnisse nicht preisgegeben.

Seit der Erzählung von Henne suchten Sakket, Idris und Er­son nach einem Eingang in den Gynashort, einen Weg ins mythische Bridon. Fünf Jahre ihres Le­bens hatten die drei inzwischen für ihre Suche ver­schwendet. Und wohin hatte sie das alles geführt? Idris war wohl tot und Sakket und Er­son längst dabei, ihm auf seinem Weg zu folgen. Sie weiger­ten sich nur, es wahr zu haben.

Sakket blieb plötzlich stehen. Erson bemerkte es zu spät und rumpelte in ihren Rücken. „Schau“, sagte sie und deutete auf den Boden, „wir sind tatsächlich nicht die ersten hier oben.“

Neben dem Pfad hatte jemand ein paar Steine zu ei­nem Hü­gel aufgeschichtet. Oben auf der Spitze der künstlichen Py­ramide steckte ein kurzer Stab, an dem Bänder mit Fluch­sprüchen, Tierknochen und Sträuße von kleinen länglichen Gegenständen im Wind tanzten. Letztere sahen Erson ein wenig nach zusammenge­bundenen, vertrockneten Chilischo­ten aus. Er sah ge­nauer hin und erschauderte. Das waren mumifizierte menschliche Finger! Die Warnung der Tudas­garda war eindeutig: Bis hierher und nicht weiter!

Während der Pfad hinter ihnen auch auf natürliche Weise entstanden sein konnte, waren an dieser Stelle endlich Stu­fen in den Felsen gehämmert. Unter der Schneedecke konnte man sie kaum ausmachen, aber direkt vor den beiden Schatzsuchern endete der Felsen­weg. Es begann eine von Menschen geschaffene Treppe, die die ansonsten unüber­windliche Felsenklippe empor kletterte und die an einigen ausgesetzten Stellen sogar rostige eiserne Ketten als Gelän­der aufwies. Erson folgte dem weiteren Aufstieg mit dem Blick. Die beque­men Stufen waren etwa einen halben Fuß hoch und vier Fuß breit. Sie führten steil empor; nach je­weils vierzig von ihnen kam ein Absatz und sie änderten die Richtung. Das ging so weiter, bis die gewaltige steiner­ne Treppe sich weiter oben vor seinem Blick in den Wolken ver­barg. Erson bückte sich und wischte eine Stufe vom Schnee frei. Sie war erstaunlich sauber und glatt gearbeitet, wirkte wie poliert. Erson konnte sich nicht vorstellen, dass die bar­barischen Himmelskrieger zu solch einer feinen Arbeit in der Lage waren, noch dazu in diesen Höhen, in denen bereits die Luft dünn war. Das sah ihm tatsächlich nach einer Arbeit von er­fahrenen Steinmetzen aus, so unglaublich dies in die­ser Höhe sein mochte.

„Meinst du, das haben die Vorgänger geschaffen?“, fragte Sakket ehrfürchtig.

„Wohl nicht, die Treppe wurde sicher erst nach dem Unter­gang der Alten Reiche in den Fels gemeißelt; lan­ge, nachdem der Gynashort entstanden ist.“ Erson zö­gerte. „Es kann frei­lich auch sein, dass unsere Ge­schichtsschreibung irrt und Bridon später in den Berg hinein gebaut wurde. Es ist wie die Geschichte mit dem Ei und der Henne. Was war zuerst?“

Sakket lachte befreit auf und klopfte ihrem Gefährten aner­kennend auf die Schulter: „Auf jeden Fall ist hier oben et­was. Bisher habe ich die ganze Geschichte von dem Weg auf den Berg nicht geglaubt. Mich hätte es auch nicht gewun­dert, wenn der Pfad plötzlich vor ei­nem Abgrund zu Ende gewesen wäre. Aber das hier sieht mir doch ganz nach einer Einladung aus.“

„Die haben aber nicht die Tudasgarda ausgesprochen“, erwi­derte Erson und erntete einen der Pergamentstrei­fen von dem grausigen Speer neben der ersten Stufe. Er vermied da­bei sorgfältig eine Berührung der eklen Mumienfinger, die wie lebendig mit den Böen spielten. „’aSaqe dAlegk – w’Dan­Qo sol TudAsqo eLegk’“, entzif­ferte er mühsam die unleserli­che und verwische Schrift auf dem Papier. „Das ist altwen­disch und wenn ich es richtig übersetze, soll das heißen: ‚Gehst du weiter, dann frisst deine Eingeweide ein silberner Tod‘.“

„Charmant. Was ist das: Ein silberner Tod?“, erkun­digte sich Sakket. Erson zuckte mit den Schultern.

„Ich habe keine Ahnung. Eine Waffe vielleicht? Oder eine Krankheit? ‚TudAsq eLegk‘, ein Tod aus Silber. Je­denfalls wird er auch auf den anderen Spruchbändern erwähnt. Wer den Gipfel betritt, ist ihm ausgeliefert. Offenbar hatte der alte Henne Recht. Der Gipfel ist ein Tabu der Tudasgarda. Dieser Speer stellt eine Art letz­te Warnung dar. Etwas ver­birgt sich dort oben vor den Augen der Welt. Es muss den Himmelskriegern ver­dammt wichtig sein, dass niemand zur Spitze des Gy­nashorts vordringt. Wenn ich denke, wie hart­näckig sie uns verfolgen …“ Er verstummte abrupt, denn ihm war Idris eingefallen. Auch das Mädchen schien an ihn zu denken und eine Weile standen die beiden stumm bei­einander, in ihren Gedanken verloren. Obwohl beide nicht beson­ders abergläubisch waren, wollte keiner den ersten Schritt tun.

„Dann schauen wir mal, was wir finden“, sagte Erson schließlich und ließ das Papier mit dem Fluch los. Es flatter­te wie ein aufgeregtes Insekt im Wind davon. Er band sich von dem Seil los, das sie beim Treppenstei­gen nur behindert hätte. Sakket rollte es sorgfältig zu­sammen und steckte es zurück in ihr Felleisen.

„Welche Farbe mein Tod hat, ist mir egal. Der in mei­nem Rücken ist jedenfalls blutrot. Wenn der vor mir silbern ist, dann ist das zumindest ein Hoffnungsstrei­fen“, erklärte sie dabei. Sich in einen grimmigen Hu­mor zu flüchten, war Sak­kets Art, mit gefährlichen Si­tuationen umzugehen. Erson wusste das und lächelte deshalb pflichtschuldig, auch wenn ihm alles andere als zum Spaßen zumute war.

Anfänglich war es schwierig, die überfrorene, schlüpf­rige Treppe zu begehen, aber nach den ersten ein­hundert Fuß hatten sich die beiden an das stupide Aufwärtssteigen gewöhnt und fielen in einen gleichmä­ßigen, kräfteschonen­den Rhythmus. Der Aufstieg wur­de auch leichter, weil der Wind weiter oben stärker blies und der Schnee sich nur an ungünstigen Stellen auf den ausgesetzten Stufen hielt. Sie gewannen schnell an Höhe, aber insgesamt war es wesent­lich an­strengender, die steilen Treppenstufen zu erklimmen, als vorher dem nur gemäßigt aufwärts führenden Pfad zu folgen. Auf jedem der quadratischen, erstaunlicher­weise mit feinen flaschengrünen Fliesen ausgelegten Absätze – jeden zierte ein weiterer der unappetitlichen Speere, an denen ne­ben den warnenden Spruchbän­dern Dinge hingen, die keiner der beiden genauer un­tersuchen wollte – verschnauften sie für ein paar Mi­nuten, um dann den nächsten Abschnitt der Treppe in Angriff zu nehmen. Sie schien sich endlos nach oben fortzusetzen, buchstäblich eine Treppe in den Himmel hinein. Erson fiel unsinnigerweise ein altes Lied ein, das er nicht aus dem Kopf bekam und beim Stufenstei­gen vor sich hinsummte.

An einem Absatz, der durch eine überhängende Fels­kante ei­nigermaßen vor Wind und Schnee geschützt war, rasteten die beiden Schatzsucher etwas länger. Sie kauerten sich eng beieinander in eine Ecke, zitternd in ihre Mäntel vergraben. Erson kramte aus seinem Rucksack, den er neben sich ab­gelegt hatte, hartes Zweibrot und gepökelte Lammfleisch-Streifen hervor. Beides verband sich im Mund zu einem sal­zigen Brei, mit dem man Ziegel hätte verfugen können. Aber es war die erste Mahlzeit des Tages und sie schlangen sie mit Hilfe ihres Wasservorrates gierig hinunter. Erson fühlte Sakkets prüfenden Blick auf sich ruhen.

„Was?“

„Ach, es ist nichts weiter“, erwiderte sie und musterte neu­gierig sein feistes Gesicht, das ihn auf Menschen, die ihn nicht kannten, harmlos und naiv wirken ließ. Das Mädchen wusste, wie sehr dieser erste Eindruck täuschte. „Ich bin nur jedes Mal von neuem verblüfft, wie schnell deine Wunden abheilen. Vorhin war deine linke Wange noch von dem Bol­zenschuss des Tudasgar­da aufgerissen und blutig. Und jetzt kann ich gerade noch ein wenig Schorf entdecken. Das ist schon etwas ganz Besonderes.“

„Das dachten die Brüder im Waisenhaus auch. Sie ha­ben mit Genuss an mir herumexperimentiert. Beson­ders der Adept Seyferd hatte seinen Spaß. Ich weiß nicht, wie oft er mich mit kochendem Wasser verbrüht oder an einer Kerze ver­brannt hat, um anschließend neugierig den ‚Heilungsprozess‘ zu untersuchen, wie er das nannte …“, erinnerte sich Erson grimmig, während er mit einer Hand über seine fast verheil­te Wange strich, deren tiefe Fleischwunde er längst verges­sen hatte. Er wischte dabei den letzten Schorf weg. Die Haut darunter war makellos. Ja, seine Wunden heilten schnell. Deshalb war er auch für die Bruderschaft so interessant gewesen.

„Wie könnte ich ihn vergessen“, nickte Sakket düster. „Er war oft in der Nacht im Schlaflager der Jungen un­terwegs und suchte sich seine Opfer. Wir Mädchen hör­ten ihr Wei­nen durch die Zimmerdecke. Sicherlich hat ihn sich inzwi­schen Inet geschnappt.“

Erson wusste, dass dem so war, dass Seyferd schon lange im eisigen Feuer der Hölle schmorte, aber er be­hielt sein Wissen für sich. Was zwischen ihm und dem Adepten in je­ner Nacht vor bald zehn Jahren gesche­hen war und wie die­ser dabei eines intimen Körperteils und anschließend seines Lebens verlustig ging, bevor Erson mit Sakket und Idris in der Verwirrung des von ihm gelegten Feuers aus der Folter­kammer in die zwei­felhafte Freiheit der Kanäle von Garda floh, hatte er allerdings noch nie jemandem erzählt; selbst der Frau nicht, die er liebte. Manchmal träumte er noch davon. Es gab Wunden, die konnte sein Körper nicht heilen; sie bluteten in seinem Inneren noch nach Jahren.

„Wie spät mag es sein?“, wechselte Sakket zu Ersons Er­leichterung das ihm unbequeme Thema und streckte prü­fend ihre Nase in den Wind. Aber hier, inmitten des dichten Nebels der grauen Schneewolken, die der Sturm weiterhin hartnäckig gegen die Bergflanke trieb, war nicht einmal zu erahnen, in welcher Rich­tung die Sonne stand. Die beiden hatten bei all den Serpentinen und Drehungen ihres Weges vollkommen die Orientierung verloren und Sakket hätte es nicht verwundert, wenn ihr Erson erklärt hätte, dass sie die Erde längst verlassen und in Ariels lichtem Himmels­reich umherstolperten.

Auch Erson schnupperte in den Wind. Seine zuverläs­sige goldene Zwiebel, die er einem reichen betrunkenen Geldsack aus Bedendorf gestohlen hatte, über den er einmal zufällig im Schlamm des Straßengrabens vor der Lahmen Curie ge­stolpert war, war längst stehenge­blieben, weil er bereits vor Tagen vergessen hatte, sie aufzuziehen. Er musste raten.

„Ich denke, es ist inzwischen später Nachmittag. Wüsste ich nicht genau, dass der Gynashort nicht der Berg der Götter ist, würde ich denken, wir klopfen gleich an die Pforten von Arielsgarda.“ Offenbar hing er ähnlichen Gedanken nach wie seine Freundin.

In diesem Augenblick hörten sie es beide: Deutlich er­tönten eilige, aber feste Schritte, die unter ihnen die Treppe empor­stiegen. Auch das gleichmäßige, wenn­gleich angestrengte Keuchen von mehreren Männern klang kurz zu den Rasten­den herauf. Dann war wieder Ruhe. Beide starrten sich be­troffen an.

„Das kann nicht schon …“, begann Sakket panisch. Erson legte ihr sofort einen Finger auf die Lippen. Er rutschte zur Seite und spähte vorsichtig über den Rand des gefliesten Ab­satzes in die Tiefe. Ein ganzes Stück unter ihnen, einige Treppenkehren und drei-, vier­hundert Fuß tiefer, erkannte er die Schemen der grau­samen Krieger der Tudasgarda, die unverdrossen die Stufen zu ihnen emporstiegen. Dass die beiden ihre Verfolger gehört hatten, lag wahrscheinlich an einer Laune des Windes, der nun von unten stramm in die Höhe blies. Nur dieser Glücksfall hatte sie davor be­wahrt, bei ihrer Rast von den brutalen, bis an die Zäh­ne bewaffne­ten Himmelskriegern überfallen zu wer­den. Erson begann zu zählen, dann scheuchte er Sak­ket auf.

„Schnell, wir müssen weiter“, drängte er und half ihr in die Höhe. Sie warfen ihre Felleisen über und hetzten die nächste Treppe empor. „Es sind nur noch drei Ver­folger übrig“, sagte Erson, „Idris hat ganze Arbeit geleistet.“

„Das sind immer noch zu viele. Wir könnten uns nicht ein­mal eines Einzigen von ihnen erwehren. Ich hätte nicht ge­dacht, dass sie so schnell wieder an uns heran­kommen!“

„Wir können es nicht ändern. Deshalb sollten wir auf der Gipfelebene sein, bevor sie uns einholen. Und hof­fen, dass der alte Henne Recht hatte und die Tudasgar­da es nicht wagen, auf den Gynashort zu klettern.“ Er sah nach oben, aber ein Ende der Treppe war immer noch nicht zu erken­nen. Eine steil emporragende Fels­klippe, um die sich die Stufen in einer langgezogenen Wendel aufwärts drehten, verdeckte nun die Sicht.

„Der Weg nach oben ist unsere einzige Chance“, er­gänzte er. Gleichzeitig ertönte von unten ein dreistim­miges Triumph­geschrei. Ihre Verfolger hatten sie eben­falls entdeckt und vervielfachten ihre Bemühungen, ihre Opfer einzuholen, be­vor diese den Gipfel erreich­ten. Doch die langsam schmaler werdende Treppe um die letzte, mächtige Klippe machte es niemandem leicht: Verfolgte und Verfolger rutschten bei fast jedem Schritt aus, rappelten sich wieder auf und kämpften sich weiter empor, Stufe für Stufe, Absatz für Absatz, hinauf in das immer dichter werdende Grau des Him­mels, in dem nadelfeiner Schneegeriesel die größeren Flocken ersetzt hat­te und wie erkaltete Asche in ihre Augen wirbelte. Die bei­den konnten kaum mehr nach vorn sehen. Obwohl Sakket und Erson verzweifelt ihre letzten Reserven mobilisierten, kamen ihnen die Krie­ger immer näher. Das war ein grausa­mes Rennen, das die beiden nicht gewinnen konnten.

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