02.03.21 – Die Leserschaft braucht Sensationen

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Dienstag, 02.03.21

Liebe Leserin,

ich habe vor genau 4 Jahren begonnen, meine Bücher als Selfpublisher und Indieautor zu veröffentlichen. Das machte ich in erster Linie, weil ich meine Werke gerne im Bücherschrank stehen haben wollte. Dann wurde ich etwas ehrgeiziger …

Sie machen sich doch gut im Bücherregal, oder?

Im März 2017 brachte ich also mit Meister Siebenhardts Geheimnis den ersten Roman meiner Fantasy-Reihe »Brautschau« heraus und praktisch gleichzeitig mit Die Frau, die der Dschungel verschluckte auch den ersten Band der »Geltsamer«-Reihe. Im Mai folgte dann schon Noch einmal davon gekommen mit meinen besten Blogartikeln. Danach habe ich bis heute noch zehn weitere Bücher veröffentlicht und in diesem Monat steht mit Stromausfall mein neuer Band mit Erzählungen in den Startlöchern.

Ich bin sehr naiv an die Sache herangegangen und habe viele Fehler gemacht, die sich noch immer auswirken und Mitschuld tragen, dass ich nur wenige Bücher verkaufe.

Die größten Fehler machte ich bei meiner Fantasy, die wie alte Semmeln in der Auslage verschimmeln:

Ich verwende für alle meine Bücher den gleichen Namen Nikolaus Klammer; egal ob das Werk Genre ist oder  Belletristik. Zumindest für die Fantasy hätte ich mir ein anderes, markantes Pseudonym suchen sollen, das Erwartungen weckt. Es wäre richtig gewesen, meine verschiedenen literarischen Gesichter durch unterschiedliche Namen zu trennen. Die Leserschaft möchte Klarheit – mein Name auf all meinen so unterschiedlichen Werken verirrt nur und stößt ab. Wenn die Leserinnen Milkaschokolade kaufen wollen, haben sie eine gewisse Erwartungshaltung, die erfüllt werden soll. Da darf das Produkt nicht plötzlich bitter oder salzig schmecken. Erec T. – das steht natürlich für Tiberius – Stronghold wäre z. B. ein toller Fantasyautoren-Name gewesen. Da steckt Ritterlichkeit drin, Mittelalter, Kraft und Pathos! Erec T. Stronghold statt Nikolaus M. Klammer – das klingt doch gut und ist leicht zu merken! Es schreiben ja auch nur Amis gute Highfantasy. Bei SF und Fantasy sollte eh viel mehr englische Sprache auf dem Titel auftauchen, der viel, viel reißerischer sein muss als meine Romantitel. Nicht »Meister Siebenhardts Geheimnis« und nicht »Brautschau« (1) – viel besser wären »His darkest secret« und »The Matchmaker Files«. Auch sollte unbedingt ein Zitat von Stephen King auf den Titel: Superb Fantasy! Das hat er freilich nicht über mein Buch, sondern über ein anderes gesagt. Also habe ich nicht gelogen, sondern nur selektiv zitiert. Denn ohne King-Zitat oder einen Vergleich mit dem „Herrn der Ringe“ geht es einfach nicht, wenn man ein Fantasybuch verkaufen will. Und auf jedes Cover muss ein SPIEGEL-Bestsellerautor-Aufkleber!

Halte ich mich daran, dann müsste mein Cover so aussehen:

Im Vergleich dazu sind die Titelbilder meiner Romane bieder und langweilig, ja abschreckend. Sie müssten vielmehr eyecatcher sein und dramatisch. Auch wenn sie wie in diesem von mir schnell hingepfuschten Cover (2) nichts mit dem Inhalt zu tun haben. Ich vermute wirklich, wenn meine Fantasyromane Cover wie dieses hätten, dann würden sie von den Leuten eifrig gekauft und gelesen. Aber will ich das? Möchte ich für meine Romane Leser, die auf solch ein Augenfutter hereinfallen?

Was meinst du? Soll ich mir noch ein Pseudonym zulegen und meine Bücher mit melodramatischen Pulp-Covern ausstatten? Vielleicht auch der Belletristik aus meinem »Jahrmarkt in der Stadt«-Zyklus die Titel attraktiver gestalten? Ich denke, ich werde eine Kunstaktion starten, die ich Die imaginären Cover nennen werde. Als nächstes mache ich aus »Aber ein Traum« einen Liebesroman von Jeanne Apprêt. Eine schöne Frau von hinten, Lavendelfelder, reife Zitronen, eine toskanische Villa … mir fällt schon etwas ein.

Ich hatte in einem Februar noch nie so wenige Zugriffe auf meinen Blog wie in diesem Jahr. Das mag auch daran liegen, dass man mir meine Lustlosigkeit anmerkt, für praktisch niemanden zu schreiben. Das ist ein Teufelskreis, ich weiß. In den nächsten Wochen werde ich hier noch ein wenig stummer sein, denn Frau Klammerle und ich sind am Renovieren. Wir lassen uns eine neue, topmoderne Küche einbauen und damit die alten Schränke Platz im Keller haben, wird er nach zwanzig Jahren endlich einmal ausgemistet. Im Moment herrscht also gerade ziemliches Chaos in der Wohnung und wir können nicht mal kochen. Die Lieferdienste freut es und wir haben sogar schon angegrillt.

Bis demnächst, dein Nikolaus

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(1) Ich will nicht nerven, aber warst du schon auf meiner neuen Website für meine Fantasy-Romane? Sie ist mir wirklich gelungen, finde ich. Auf brautschau.blog findest du alles, was du über diese Bücher wissen willst und noch vieles mehr.

(2) Keine Sorge, liebe Bookcover-Verkäufer, die ihr so eifrig bei Instagram eure Instant-Titelbilder anpreist! Ich habe nicht vor, euch Konkurrenz zu machen. Meinen kleinen Entwurf erkläre ich hiermit zur public domain – wer ihn von euch für seinen Fantasyroman verwenden möchte, kann von mir die Datei geschenkt haben.

22.02.21 – Ich … ein weißer Mann, ein Rassist?

Alltägliches, Aufreger, Der Autor, Fragen, Gedankensplitter, Geschichte, Gesellschaft, Kolumne, Leben, Literatur, Sprache

Montag, 22.02.21

Liebe Leserin,

wie wir alle, werde auch ich ohne mein Zutun immer wieder in eine neue Gruppe eingeteilt. Was oder wer letztlich bestimmt, zu welcher Menschengruppe ich gehöre, bleibt dabei recht diffus und es ist für mich meist nicht durchschaubar. Dies wird in einem gesellschaftlichen Dialog entschieden, der nur allzu oft ein Monolog ist, der über meinen Kopf hinweg bestimmt, was oder wer ich bin – oder gefälligst zu sein habe. Oft sind es äußere Faktoren, die mich definieren und auf die ich wenig oder überhaupt keinen Einfluss habe; z. B. mein inzwischen bibliesches Alter von 58 Jahren, das mich automatisch der Personengruppe der Boomer zuordnet und mir gewisse Eigenschaften unterstellt. Diese Eingruppierung konnte ich mir nicht aussuchen. Es ist ein Anzug, der mir nicht passt, aber ich muss ihn tragen. Und dann bin ich nicht einmal LSBTIQ* – ich hoffe, ich habe niemanden vergessen und beleidigt -, sondern nur ein unaufälliger, heterosexueller Mann, dessen Hautfarbe aufgrund seiner Ahnenreihe zwischen schweinchenfarben rosig und käsig weiß diffundiert und im Hochsommer an ungeschützten Körperteilen auch mal ins Hellbraune geht. Als Kind verkleidete ich mich u. a. als Cowboy oder Indianer und habe Huckleberry Finn und Jim Knopf gelesen. Ich gendere weder beim Schreiben meiner Literatur, noch beim Sprechen und sehe auch keinen Grund, dies zu tun. (1)

Ich hatte nie eine Chance: Aufgrund alldessen bin ich ein Rassist. Punkt.

Dies unterstellt mir zumindest die Erzählung, die die gesellschaftliche Diskussion in den Medien, der Politik und in den Universitäten dominiert. Es scheint mir jedoch die aus den USA herübergeschwappte Erzählung einer sehr übersichtlichen Anzahl von Personen zu sein, einer studentischen Avantgarde, der es trotzdem gelungen ist, kulturelle Dominanz zu erreichen und ihre Forderungen vielerorts durchzusetzen. Eine Diskussion ist nicht erwünscht und ich wüsste auch nicht, mit wem ich sie führen sollte. Inzwischen ähneln die schlimmsten Auswüchse wie shitstorms und die cancel culture Buchverbrennungen und Hexenverfolgungen (2) und führen in Extremfällen zur Vernichtung ganzer Karrieren.

Doch zurück zum Thema. Zweifelsohne gibt es in meiner Generation zuhauf Rassisten. Die Anzahl der Deppen stagniert auf hohem Niveau. Wer sonst würde die AfD wählen? Aber mich ohne Kenntnis meiner Person nur aufgrund meiner Lebensumstände zu den Rassisten zählen, ist eine Unverschämtheit. Diese ist zwar nicht –  wie manche argumentieren – „rassistisch“, aber zumindest ein Vorurteil, das mir entgegengebracht wird. Denn ich werde nicht über meine Person, sondern über meinen gesellschaftlichen Status eingeordnet.

Zwischen Vorurteilen und Rassismus ist ein gerne vergessener Unterschied. In meiner Familie gab und gibt es unverbesserliche Rassisten. Ich kann den Unterschied durchaus erkennen. Vorurteile kann man im Gegensatz zu Rassismus überprüfen und korrigieren. Aber „Ausrotten“ (LTI!) kann man sie beide nicht. Das Schubladendenken ist Teil der menschlichen Existenz, gehört zur Überlebensstrategie und wird übrigens auch oft mit der festen Meinung einer Person verwechselt. Ich habe Vorurteile – ja – wie alle anderen auch. Es gibt keinen vorurteillosen Menschen und es wird auch nie einen geben. Manche meiner Vorureile sind kleinlich, manche lächerlich, die meisten halten einer Überprüfung nicht stand. Aber im Gegensatz zum Rassisten setze ich mich mit meinen Vorurteilen auseinander und schere nicht alle aufgrund einer zufälligen Äußerlichkeit über einen Kamm.

Aber ich bin kein Rassist. Wir sind alle homo sapiens sapiens und stammen wahrscheinlich alle von einer einzigen „Eva“ ab, die vor 200.000 Jahren in Botswana lebte. Ihrer Hautfarbe war klimabedingt schwarz. Der Begriff „Rasse“ ist also höherer Blödsinn. Wir bald 8 Milliarden Menschen sind alle Familie und der Coronavirus macht keine Unterschiede. Warum dann wir? Das einmal als Erstes. Nun wird mir natürlich trotz dieser Aussage unterstellt, ich wäre zumindest unterschwellig und unterbewusst „Rassist“. Ich habe auf diesen Vorwurf hin meine Literatur untersucht. Freilich kommen in den meisten meiner Erzählungen und Romanen ausschließlich „Weiße“ vor. Sie spiegeln die gesellschaftliche Realität wider, in der ich existiere. In meinen Fantasy-Romanen sind übrigens nahezu alle „Nicht-Weiß“. Aber dies nur am Rande. Wie gehe ich nun mit den Personen, die in meinen Texten auftauchen und ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angehören, um? Obwohl selbstverständlich das eine oder andere Stereotyp und Vorurteil durchschimmern mögen, kann ich keinen Rassismus entdecken, ich entwürdige niemanden aufgrund einer Äußerlichkeit. Ich überprüfe immer wieder meine Texte darauf. Das gleiche gilt auch für mein alltägliches Leben, in dem ich wegen meines Brotberufs mit sehr vielen Angehörigen von gesellschaftlichen Minderheiten begegne. Sehr bewusst versuche ich, die Einzelperson zu „beurteilen“ und nicht ihr Umfeld oder ihre Herkunft.


(1) Ich habe Lingua Tertii Imperii, 1984, Babel-17  und Die Kriegssprachen von Pao gelesen. Ich weiß, dass Sprache das Denken einer ganzen Gesellschaft und Generation beeinflusst, ja, manchmal mittels Sprache gezielt gesteuert wird. Wer auch immer die Sprache der Menschen diktiert, beherrscht sie, denn was nicht sagbar ist, ist auch nicht denkbar. Das Experiment, die deutsche Sprache durchzugendern und nicht nur Frau und Mann, sondern jede noch so winzige geschlechtliche Minderheit dabei mitaus- und anzusprechen, ist grotesk und muss meiner Meinung nach scheitern. Denn gerecht wäre Sprache nur dann, wenn ich tatsächlich jeden einzelnen von uns 81 Millionen persönlich ansprechen würde. Nur in diesem – unmöglichen – Fall könnte ich wirklich sicherstellen, dass alle mitgemeint sind und ich niemanden übersehen habe. Zumindest müsste sich eine gerechte Sprache nicht nur an Geschlechtsidentitäten, sondern auch an alle gesellschaftlichen Gruppen wenden, denn viele Menschen definieren sich nicht über ihr Geschlecht, sondern z. B. über ihren akademischen Grad. Wären die Sprachgenderapologethen konsequent, so müssten sie bei einer allgemeinen Anrede auch immer alle Doktortitel, die es gibt, alle Berufe, alle Heimatorte etc. aufzählen. Das kann höchstens ein Computer leisten. Diese babylonische Sprachverwirrung wird im schlimmsten Fall genau auf die Minderheiten zurückfallen, die man eigentlich einbeziehen wollte. Selbstverständlich ist Sprache eine scharfe Klinge ohne Griff, die man vorsichtig verwenden sollte, denn sie kann die Sprechenden wie die Hörenden verletzen. Aber wie weit soll dies gehen? Schon jetzt wird mancher brav ausgegenderte Zeitungsartikel unverständlich  – und wie ich finde anbiedernd.

(2) Ich werfe hier nur einmal nebenzu ein, dass es weniger die katholische Kirche war, die den Hexenwahn in Gang brachte, sondern die „modernen“ Kirchenreformer um Luther und Calvin. Im Mittelalter eher die Ausnahme, wurde die Hexenverfolgung erst mit der Neuzeit en vouge. Die meisten Scheiterhaufen brannten in protestantischen Gegenden. Warum ich dies erwähne und die Fußnoten mal wieder länger als den Haupttext mache? Selbstverständlich will ich auch beweisen, dass ich ein belesenes, schlaues Kerlchen bin. Aber dazu denke ich, dass die heutigen Sprachreformer den gleichen Fehler wie die Kirchenreformer machen und mit den Boomern eine Gruppe verteufeln, in die sie auch mich eingereiht haben. Versteh mich richtig: Ich betrachte ich mich nicht als ein Opfer von Verfolgung und würde auch nie die Unverschämtheit besitzen, mich einem zu vergleichen. Aber ich sehe auch, wohin solch ein radikaler Reformeifer führen kann.

Stromausfall – kurz vorgestellt

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Mitte März wird mein neues Buch „Stromausfall“ erscheinen.

In dem neuen Band habe ich vier meiner Erzählungen versammelt, von denen die ersten zwei, nämlich die Titelgeschichte „Stromausfall“ und „Eine anderere Art der Liebe“, zu meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus gehören. Auch die beiden anderen, „Tradition“ und „crisis“, die wahrscheinlich die schwerste literarische Kost sind, die ich je meinen Lesern zugemutet habe, gehören ebenfalls zu meiner ersten ernsthaften Schaffensperiode, die ungefähr die Zeit zwischen meinem 20. und meinem 35. Lebensjahr umfasste. Damals habe ich auch vergeblich versucht, mit meiner Literatur einen Verlag oder ein Publikum zu finden.

Anfang der 90er Jahre legte ich dann für fünfzehn lange Jahre meinen Stift zur Seite. Ich kümmerte mich um den Broterwerb und um meine Familie. Erst nachdem die Söhne Nr. 1 und Nr. 2 aus dem Haus und unser Lebensunterhalt gesichert waren, habe ich wieder intensiv mit dem Schreiben begonnen. Der Beginn fällt in etwa mit meinem 50. Lebensjahr und der Eröffnung dieses Blogs zusammen. Das erste Werk, an dem ich arbeitete, war der Roman „Aber ein Traum“.

Wie auch bei meiner Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“, an dessen Design sich „Stromausfall“ orientiert, habe ich ein paar selbstgestaltete Illustrationen erstellt, die im Buch aus Kostengründen leider nur in schwarzweiß abgebildet sein werden. Es sind eigene Fotos, die ich am PC überarbeitet habe. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden, auch wenn sie mir farbig besser gefallen.

Und nun hoffe ich natürlich, dass dieses Buch nicht das Schicksal der anderen ereilt und bei euch nur wenig Interesse weckt. Das haben diese Geschichten, die zum Besten gehören, was ich je geschrieben habe, nicht verdient.

16.02.21 – Der Güter gefährlichstes

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Faschingsdienstag, 16.02.21

Liebe Leserin,

was ist denn nun der Güter gefährlichstes?, wirst du jetzt fragen. Laut Hölderlin ist »der Güter gefährlichstes die Sprache, die dem Menschen gegeben wurde«, damit er mit der Sprache schafft, zerstört und untergeht, und wiederkehrt zur Ewiglebenden, zur Meisterin und Mutter, der allerhaltenden Liebe. Ja, das ist schwülstig formuliert, aber trotzdem nicht falsch. Sprache ist gefährlich, manchmal sogar tödlich – für jene, die reden und auch für jene, die zuhören.

Ich bin inzwischen ein Hansdampf-in-allen-Gassen geworden und treibe mich in einer Vielzahl von sozialen Medien herum (1), um für meine Literatur (und auch für mich) zu werben. Der Erfolg, das weißt du ja auch, ist sehr übersichtlich. Aber es kann doch sein, dass einige hundert fremde Personen lesen, was ich so von mir gebe. Das ist für meine literarischen Texte, hinter denen ich mich gut verstecken kann, eigentlich kein großes Problem. Zwar beurteilen mich manche allein über meine Geschichten und kommen dann zu einem für meine Psyche recht zweifelhaften Ergebnis, aber da sie mich nicht persönlich kennen, kann ich gut damit leben. Doch heute scheint es gerade für den Autor ganz wichtig zu sein, aus seinem Kämmerchen ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und sich mitsamt seinem Werk zu verkaufen. Der anonyme Schöpfer im Hintergrund darf nicht mehr schaffen. Das Publikum fordert seine Präsenz. Das ist ein ganz neues Konzept unserer Zeit.

Dadurch stehe ich vor zwei Herausforderungen: Um Erfolg beim Publikum zu haben, muss ich symphatischer, menschenfreundlicher und kommunikativer erscheinen, als ich tatsächlich bin. Dazu kommt, dass ich mir immer wieder überlegen muss, was ich von mir und damit auch von meinem Umfeld preisgebe und was ich verschweige. Grundsätzlich mache ich einen Unterschied zwischen »persönlich« und »privat«. Ich will es mal an einem Beispiel erklären:

In der letzten Zeit habe ich das Gefühl, dass die Wände meiner Wohnung immer näher auf mich zurücken. Auch der tägliche »Hofgang« ist nicht mehr besonders erquicklich und inzwischen bin ich mit jedem Hundehaufen im Weichbild meines Dorfes per Du. Kürzlich zeigte mir mein grausamer Cloud-Fotospeicher, was für tolle Urlaubstage ich in den Jahren vor den Coronalockdowns erlebt hatte und bekam eine mittlere Lebenskrise (2), bei dem Gedanken, nie wieder in Südtirol Urlaub machen zu können. Das sind zwar Erstweltprobleme, aber deshalb für mich nicht weniger bedeutend. Dann waren am Sonntag Frau Klammerle und ich bei eiskaltem, aber traumhaftem Winterwetter im Unterallgäu unterwegs und wanderten, bis sich Eiszapfen an den Nasenspitzen bildeten. Es war ein perfekter Tag und ich bin wieder aus meiner Depression heraus. Jetzt mag endlich der Frühling kommen!

Frau Klammerle hat sich extra für die Wanderung eine Mütze gestrickt. Sie hat im Lockdown das Stricken wiederentdeckt und inzwischen jeden in meiner Familie mit bunten Socken versorgt.

Das war jetzt ein Beispiel für »persönliche« Nachrichten, die ich gerne teile. Privates jedoch wird immer außen vor bleiben;  wie Frau Klammerles Vorname oder ihr Gesicht, aber auch viel Schwerwiegenderes wie Schicksalsschläge, Krankheiten oder auch mein Brotberuf. Dies geht Fremde nichts an und es steht ihnen auch nicht zu, mich danach zu fragen. Viele sind da mitteilungsfreudiger, aber ich finde, dass es weiterhin Dinge gibt, die ich nicht mit aller Welt und jedem, sondern nur mit meinen Freunden teilen möchte. Solche Dinge auf Instagram oder einem anderen oberflächlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu teilen,  ist falsch und kann gefährlich werden. Der Güter gefährlichstes, das ist die Sprache.

Dein Nikolaus

PS. In der letzten habe ich zu meiner Überraschung im Kalender entdeckt, dass gerade Fasching ist. Das betrifft mich kaum. Der Augs- hat mit dem Hamburger gemeinsam, dass er lieber ein Glas Essiggurkenwasser trinkt, als in Karnevalslaune zu kommen. Ich bin eher auf gutbayerisch »narrisch« als närrisch. Allerdings gibt es ein Ding, auf die ich in den tollen Tagen nicht verzichten kann. Das ist durchaus nicht die Pappnase, sondern Schmalzgebackenes aus Frau Klammerles Produktion. Hurra!  Alle Jahre wieder: Es ist Fasenacht, wenn Frau Klammerle Küchle backt! Und man beachte meine wunderschöne Tasse aus dem Brautschau-Fanshop!

PPS. Ein Rat noch: Bestelle nie zum Valentinstag online einen Blumenstrauß, wenn die Außentemperatur – 16 ° C beträgt. Es sei denn, der Mensch, den du liebst, steht auf schockgefrorene Rosen (Frau Klammerle tut es nicht).


(1) Ist es dir aufgefallen? Ich habe heute nikolaus-klammer.blog ein neuen neuen Look verpasst. Ganz fertig bin ich noch nicht, aber die Site ist nun schlichter und einprägsamer und ich hoffe, sie gefällt dir wie mir.

(2) Dieser Moment fiel auch mit meinem ziemlich einsamen Geburtstag zusammen, den ich in der letzten Woche … naja, feierte. Deshalb war auch mein Tagebucheintrag der letzten Woche so negativ und deprimiert.

04.02.21 »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«

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Donnerstag, 04.02.21

Liebe Leserin,

Dante Alighieri (1) hatte offenbar prophetische Fähigkeiten: »Ihr, die ihr durch mich eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, kann man in seiner Commedia als Inschrift über dem Tor zur Hölle lesen. Eigentlich sollten diese Zeilen auch erscheinen, wenn man den Browser öffnet und ins Internet geht, um seine sozialen Netzwerke zu pflegen. Denn das Internet und seine hohlen Versprechungen sind zumindest das Purgatorio, in dem ich gequält werde – ohne zu wissen, wann ich in seinen Feuern genug »geläutert« wurde, um es endlich verlassen zu dürfen. Ja, ich weiß, ich bin selbst schuld. Ich mache es für mich (und vielleicht auch für dich) durch mein Gejammere noch schlimmer, das ist mir klar. Aber es ist gerade in dieser Zeit, in der ich den Eindruck habe, ich hocke von Gott, den Menschen und allen guten Geistern verlassen in einer Zeitschleife und in Einzelhaft gefangen in meinen vier Wänden, kaum erträglich. Wie jemand in diesen Tagen Optimismus ausstrahlen kann, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich schleppte mich durch den schier end- und hoffnungslosen Januar, den irgendwie auch der Februar noch nicht beendet hat, funktioniere mehr, als dass ich handle. Meine ohnehin wenigen  Kontakte tendieren gegen 1 (Das ist Frau Klammerle, der ich gerade ein wenig auf die Nerven gehe). Ich esse und trinke viel zu viel und starre gefühlt stundenlang in den Regen hinaus oder in mein Smartphone. Doch weder in meinem Garten, noch im Internet tut sich etwas – überall herrscht nur Leere und Ödnis; es wird früh dunkel und spät hell. Ich werde vom Wetter und vom Internet geghostet. Die Kraft, mich hier aus meinem Fegefeuer herauszuwinden, schwindet mit jedem Tag, den ich gezwungenermaßen im Lockdown verbringen muss.

Und ich bemühe mich wirklich, mich aus diesem Sumpf zu befreien – Zeit habe ich ja. Mein Erzählungsband »Stromausfall« ist beinahe fertig und ich hoffe, ihn nach dem Lektorat im März veröffentlichen zu können. Ich schreibe regelmäßig an meinen neuen Romanen »Die Bücherkeller des Vatikans« und »Mánis Fluch«, die mir beide gut von der Hand gehen. Von ihnen habe ich bereits gut 30.000 Wörter, also fast 150 Seiten geschrieben und wenn ich in diesem Tempo weitermache, beende ich die Romane im Sommer, bzw. im Herbst.

Ich habe für meine Fantasy-Saga »Brautschau« eine WordPress-Site eingerichtet und viel Zeit in ihre Erstellung investiert, Illustrationen und Landkarten gezeichnet, dazu eine Wiki begonnen und Texte und Videos und ein Logo erstellt. Man kann dort Leseproben aus allen Brautschau-Romanen lesen und den kompletten Anfang von »Mánis Fluch«. Ich habe die Site siebenhardt.wordpress.com exzessiv in Facebook, Instagram, Twitter, youtube und bei Freunden und Verwandten beworben. Anzahl der Besucher von siebenhardt.wordpress.com in den letzten zwei Wochen: 0. (2)

Aber ein Traum, den privaten Blog und Schriftsteller-Tagebuch, auf dem du dies gerade liest, führe ich seit Mai 2013 und ich habe in den acht Jahren über 1000 Artikel für ihn geschrieben (und die besten in zwei Bänden als Taschenbuch und als E-Book veröffentlicht). Auch hier habe ich regelmäßig geschrieben und etwa 100 Seiten von dem 4. Geltsamer-Roman »Die Bücherkeller des Vatikans« vorveröffentlicht. Anzahl der Besucher auf dieser Site in den letzten zwei Wochen: 4. (Die Spammer und Suchmaschinenbots sind wieder abgezogen).

Ich habe in den letzten Jahren 13 Bücher von mir im Eigenverlag veröffentlicht und biete sie in allen Buchhandlungen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum an. Sie gibt es als Taschenbuch und als E-Book. Die Preise sind so gestaltet, dass sie gerade so meine Unkosten decken. Ich bewerbe sie täglich auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung stehen und mache regelmäßig Online-Lesungen und stelle sie auf youtube. Anzahl der Käufer meiner Bücher im Januar: 0. Ich lese, rezensiere und bewerte immer wieder auch die Bücher anderer Autoren und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anzahl der Rezensionen oder Sternchen meiner Bücher im Januar: 0. (3)

Ja, ich weiß, ich jammere zu viel in dem Feuerloch, in dem ich gebrutzelt werde. Aber ich finde, ich habe wirklich allen Grund dazu. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich bin und bleibe vollkommen erfolglos. Als Schriftsteller habe ich vollkommen versagt.

Dein Nikolaus.

PS. Wenigstens hat heute das Wetter ein Einsehen und ist fast frühlingshaft schön. Sollte die Zeitschleife doch noch ein Ende finden und sich die Türen meines Purgatoriums öffnen? Mein lieber Kollege und Freund Jean Paul hat mal gesagt, dass es der Vorteil des Frühlings sei, genau dann zu kommen, wenn man ihn am nötigsten hat. Vielleicht sollte ich hinaustreten und dabei nicht alle Hoffnung fahren lassen. Und ich verspreche hiermit feierlich: Mein nächster Blogartikel wird wieder ein lustiger. Versprochen!

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(1) Ein paar Bücher gibt es, die sind in aller Munde und jeder behauptet, sie zu kennen. Doch mir bleiben sie einfach verschlossen und ich bringe weder die Kraft noch den Mut oder gar die Freizeit auf, sie zu lesen. Die »Göttliche Komödie« habe ich im Gegensatz zur »Menschlichen« von Balzac niemals gelesen, obwohl ich sie inzwischen sogar in zwei verschiedenen Ausgaben im Bücherschrank habe – als reich illustrierte Prosaübersetzung und in den originalen Terzinen. Beides ist für mich fast unlesbar, obwohl ich auch harten Stoff gewöhnt bin und ich wirklich den Wunsch habe, absolut jedes Buch zu lesen. Ähnliche Hürden sind z. B. Proust, Musil oder Joyce, obwohl diese, wenn ich sie mit Dante vergleiche, beinahe Zeitgenossen sind. Oh, Boccaccio, Ariost, Machiavelli und viele andere Renaissanceautoren habe ich mit Vergnügen und Gewinn studiert, ich habe auch Dantes Vorbilder (Homer, Vergil etc.) gelesen, aber Dante selbst … nein, der geht gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Söhnen habe ich nicht einmal das Computerspiel gezockt, das auf der Divina Commedia beruht.

(2) Ausnahme sind natürlich die Drecks-Spammer. Diese Pest überschwemmt mich überall im Netz. Jeden Tag beginne ich damit, den Mist zu löschen, Pornobots und Betrüger zu blockieren. Auf Instagram z. B. werden 3 % aller Zugriffe auf mein Konto von heiratswilligen Frauen von der Elfenbeinküste aus getätigt. Gerade wurde ich beim Schreiben unterbrochen, weil die Meldung aufploppte, dass mir auf Facebook ein Mädel folgen will, das mir irgendwelche »pics« von sich schicken will. Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie mich das nervt!

(3) Anderen geht es noch schlimmer: Eine Autorin, die ich über Instagram kennenlernte, hat 350 Exemplare ihres Romans „Liliensommer“ verschenkt und sich dadurch in erhebliche Unkosten gestürzt. Sie hat eine einzige 3-Sterne-Rezension bei Amazon bekommen. Es ist manchmal unglaublich, wie arrogant Leser mit Autoren umgehen. Sie wollen unsere Werke – wenn es geht, kostenlos – aber mit den Schriftstellern wollen sie nichts zu tun haben. Der Autor ist dem Leser unsympathisch, denn er adoptiert das Werk und argwöhnt, dass dessen Schöpfer ein Konkurrent ist, der den Besitz wieder zurückverlangt. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leser denken, wir existieren nicht in Wirklichkeit und sind nur Ausgeburten unserer eigenen Fantasie.