Ein Epos wird geboren (Teil 2) – Die lange Dürre

Ein Epos wird geboren (Teil 2) – Die lange Dürre
1987 und heute – Derselbe Autor und doch ein völlig anderer …

Schließlich erreichte der junge Bauer Half Han­nar Kern die Krater­kante hoch über seinem Hei­matdorf. Er stand vor ei­nem ausgedehnten und dichten Mischwald. Sein Weg führte in ei­nem sanften Bogen unter das zwie­lichtige Dunkel der dicken Äste der jetzt im zeitigen Frühjahr noch blattlosen Bäume und verlor sich dort schnell unter einer dicken Schicht aus feuchtem Herbstlaub. Half atmete den würzigen, noch immer nach Schnee schmeckenden Dunst, der ihm kühl aus dem Wald entgegenwehte, tief ein und anschließend langsam aus. Er tat das nicht, weil ihn der teilweise recht steile Anstieg auf diese Kante er­schöpft hatte. Nein, es war ein genießerischer Seufzer der Erleichterung, ein Gefühl vol­ler er­wartungsvoller Spannung, das ihm den Atem stockte.

Mit diesen Worten begann ich meinen Roman und ließ Half im Folgenden in ein Abenteuer stolpern, bei dem er bald mit noch sehr kursiv gezeichneten Figuren wie z. B. dem „ehrlichen Juel“ oder dem Märchenerzähler Sahar zusammentreffen würde. Ich bastelte mir meine „Überlebenden Lande“ zusammen, die damals noch „Halfs Welt“ hießen und die ich selbstverständlich auch in mehreren handgezeichneten Fantasymaps zum Leben erweckte. (1) Nach viereinhalb Kapiteln und etwa 120 Buchseiten gab ich mein Projekt „Brautschau“ jedoch schon wieder auf. Ich besaß weder das Durchhaltevermögen noch hatte ich den Wunsch, weiterzuschreiben. Meine Fantasy-Saga erwartete ein Schicksal wie viele andere meiner Entwürfe: Die Schublade. Dort lag das Fragment für fünfundzwanzig lange Jahre. Ich hatte es nicht wie andere literarische Fehlstarts vergessen, denn irgendwie blieb es mir wichtig: Alle fünf Jahre nahm ich den begonnenen Roman bedauernd und sentimental erneut in die Hand. Ich digitalisierte ihn und bearbeitete seinen Text immer wieder ein wenig. Allerdings setzte ich die Geschichte außerhalb meiner Phantasie niemals fort – ich blies nur etwas den Staub von den Seiten. Ich wusste, dass ich etwas Gutes begonnen hatte. Aber mir fehlte der Anreiz, weiterzumachen.  In den ersten Jahren, bis etwa Mitte der 90er, arbeitete ich stattdessem fleißig an meinem non genre fiction-Projekt „Jahrmarkt in der Stadt“. Romane wie „Nutzlose Menschen“, „Kleine Lichter“, „Die Wahrheit über Jürgen“, „Das goldene Kalb“ und ein Dutzend dazugehörige Erzählungen und Kurzgeschichten entstanden, die alle in Künstler- und Literatenkreisen in Augsburg spielen und sich nahe an meiner damaligen Lebenswirklichkeit entlangjonglieren. (2) Ich dachte nicht, dass ich ein weiteres Mal in die „Überlebenden Lande“ zurückkehren würde.

Zu der Zeit war ich ein verkrachter Autor. Jeder Versuch, meine Literatur unter die Leute zu bringen, scheiterte. Es war eine eine endlose Kette von Demütigungen, Versagen, Niederlagen, Ablehnungen, vernichtender Kritik, metaphorischen und tatsächlichen Niederschlägen, Mobbing und Interesselosigkeit; eine Kette, die mich fesselte und bewegungslos machte, mir den literarischen Atem und die Phantasie abschnürte. Meine Quelle  versiegte, mein Brunnen war zugeschüttet. Meine heute so zynische, desillusionierte und pessimistische Sicht beruht auf diesen Erfahrungen. Wir lebten weiterhin in der Hauptsache von dem wenigen Geld, das Frau Klammerle verdiente. Ich studierte ein paar Semester Informatik, jobbte als Zusteller bei der Post und hatte plötzlich zwei Kinder, die erzogen und ernährt werden wollten. In einem bewussten Akt entschied ich mich, meine „Schriftstellerkarriere“, die niemals richtig begonnen hatte, zu beenden, schrieb kaum mehr eine Zeile und übernahm Verantwortung für die Familie.  Zeit wurde es! Ich machte eine Ausbildung und arbeite seit 1998 in einem Brotberuf, der mir heute durchaus einige Freiräume lässt – finanziell und zeitlich. Die beiden Jungs sind längst erwachsen und benötigen nur noch selten unsere Unterstützung. Inzwischen kann ich bereits am Horizont den Lichtstreifen „Rente“ erkennen.

In den ersten Jahren der 2000er entdeckte ich für mich das Internet und die literarischen Foren dort, die zum größten Teil heute nicht mehr existieren oder nur noch eine Versammlung von ein paar merkwürdigen Typen sind. Zu der Zeit hatten sie jedoch regen Zuspruch und entwickelten einen Sog, der mich gefangen nahm. Ich moderierte in ein paar Foren und begann wieder zu schreiben, dort zu veröffentlichen. Langsam und vorsichtig wagte ich mich zurück aufs Eis. Prompt setzten wieder die Nackenschläge ein, heftiger denn je. Aber inzwischen bin ich meistens stark genug, sie zu ignorieren und mein Selbstschutz aus Arroganz und Zynismus funktioniert. Ich begann den Roman „Aber ein Traum“, mit dem ich die non genre-Welt verließ und wieder zur Phantastik zurückkehrte, zu jenem wunderbaren Ort, an dem ich mich als Autor heimisch fühle. Es dauerte jedoch noch einmal gut zehn Jahre, bis ich im Sommer 2013 mein „Brautschau“-Fragment erneut in die Hand nahm und es für diesen Blog fortsetzte.

Ich hatte hier gemeinsam mit einem guten Freund aus meinen Forentagen als Fortsetzungsgeschichte den Liebes-Grusel-Krimi-Heimat-Fantasy-Arzt-Roman „Wolfenklau“ unter dem Hashtag „Dienstagsroman“ begonnen, wegen dem es bei uns jedoch sehr bald zu – sagen wir mal – „künstlerischen“ Differenzen kam, weil wir die Geschichte in unterschiedliche Richtungen ziehen wollten. Wir wussten es damals noch nicht, aber in diesem Moment begann ein Zerwürfnis, das unsere Freundschaft zerstörte. Auf jeden Fall weigerte sich HD, weiter mit mir gemeinsam daran zu schreiben und ich hatte eine Lücke in meinem Blog zu füllen.  Deshalb begann ich  im August 2013 damit, in meinem Blog häppchenweise mein „Brautschau“-Fragment zu veröffentlichen und daran weiterzuschreiben, denn die mageren Vorräte würden nicht sehr lange halten.

Das erste Titelbild, das ich im Blog verwendete.

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(1) Auf der Karte sind unter anderem auch bereits das „Juwel der Wüste“, die im Maratdelta liegende Stadt Karukora, und jenseits der Toten Wüste die „Ebenen des ewigen Krieges“ zu finden. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, dass ich einmal über sie schreiben würde.

(2) Man könnte sie auch autobiografisch nennen. Die meisten von ihnen habe ich inzwischen im Eigenverlag veröffentlicht und sie können beim Buchhändler des Vertrauens erworben und gelesen werden.

 

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