Ein Epos wird geboren (Teil 4) – Der karge Lohn

Ein Epos wird geboren (Teil 4) – Der karge Lohn
Der Geschichtenerzähler Alis erschafft mit seinen Worten Welten.

Ich weiß nicht, ob es mir in meiner verbleibenden Lebenszeit gelingen wird, alle fest projektierten Romane und Erzählungen des „Brautschau“-Zyklus‘ (mindestens 8 Romane) zu schreiben und fertigzustellen. Ich ziehe meine Kreise um „Brautschau“. Ich weiß nicht, wird mir der letzte Kreis gelingen, aber versuchen will ich ihn, um mal Rilke zu zitieren.

Zurückschauend zeigt sich also: An „Brautschau“ zu schreiben (oder es zu lesen), das ist ein wenig, wie auf einem alten Handy Snake zu spielen. Es nimmt kein Ende. Der Schwanz der Schlange wird immer länger. Es gilt, immer noch etwas hinzuzufügen – und wenn es nur die Illustrationen sind, die ich für den „Brautschau“-Podcast mache oder die Musik von Heinz Christian, der die Stimmung der Bücher kongenial einfängt, aber leider viel zu wenig Beachtung findet.

So sind nicht nur meine Jugendsünde „Kampf um Utgard“ und der verlorene Roman „Der Weg, der in den Tag führt“ in die Geschichte eingeflossen, sondern auch  weitere Fantasy- und SF-Projekte, die ich mit achtzehn oder neunzehn entwickelte, aber nie ausführte. So zum Beispiel die „Zauberlehrlingsbücher“, die  bis auf ein einziges, kurzes Einstiegskapitel bislang nur in meinem Kopf existieren und inzwischen ebenfalls Teil von „Brautschau“ sind. Die Handlungsstränge um die unsterblichen As’Teorfan (1) und die „Stäbe der Macht“ stammen aus meinen Entwürfen für diesem Fantasy-Entwurf. Dessen Haupthandlung spielt 10 Jahre vor „Meister Siebenhardts Geheimnis“ und erzählt unter anderem von Juel als Mönch in Italmar und von Sahars Jugend. Sie muss allerdings noch geschrieben werden – irgendwann. Im Moment plane ich, aus dem Anfang ein Computer-RPG zu machen. Vielleicht spreche ich auf diese Weise ein neues Publikum an.

Der geheimnisumwitterte Sahar ist übrigens der erste „diverse“, nicht binäre Charakter, der in meinen Geschichten auftaucht. Dass ich ihn schon vor 35 Jahren so entworfen habe, ist bemerkenswert. Da war ich wohl mal wieder meiner Zeit etwas voraus. In „Brautschau“ ist übrigens Homosexualität „normal“ und die Völker haben sich so durchmischt, dass es kaum mehr blonde Menschen mit „weißer“ Hautfarbe gibt. Hier wollte ich mich bewusst von rassistischen Fantasyepen wie „Der Herr der Ringe“ abheben. Meine „Überlebenden Lande“ sind generell auch keine mittelalterlichen Feudalstaaten. Man lebt in einer Zeit der Aufklärung, in der es seit der Entdeckung des sogenannten Verne-Codex schnelle technische Fortschritte und republikanische Regierungen gibt. Sieht man einmal von der Weltuntergangssekte der Mönche von Italmar ab, spielt Religion eine untergeordnete Rolle. Es wird in mehreren Varianten eine trauernde, weibliche Gottheit angebetet, die allerdings keinerlei Einfluss auf die Welt nimmt. Die Rolle des Teufels hingegen hat Inet, eine Netzwerk-KI, die vor 6800 Jahren für den Absturz von Teilen des Mondes auf die Erde gesorgt hat und noch immer in den Computern lauert. Doch wie Alis sagen würde: „Dies ist eine Geschichte vor der Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden.“ (2)

Doch genug von Genese, Exegese und Hermeneutik meines Fantasy-Zyklus‘, der in erster Linie unterhalten soll. Mein Weg als Autor hat mich also an einen Punkt gebracht, an dem ich „Unterhaltungsliteratur“ produziere. Auch mein zweites Standbein – die bei meinem Publikum fast noch beliebtere, phantastische Trilogie in fünf Bänden „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ (3) – kann grob diesem Genre zugerechnet werden. Aber ist es wirklich das, was ich wollte, als ich mich auf den langen Weg machte, als Geschichtenerzähler mein Leben zu verbringen? Habe ich damit nicht meine „ernsthafte“ Literatur desauviert und sie abgewertet, weil sie nur aus der Feder eines Fantasy-Schreiberlings mit zu viel Einbildungskraft stammt und deshalb gar nicht gut sein kann? Wer will schon von George R. R. Martin et al. einen belletristischen Roman lesen? Habe ich damit nicht eine Leserschaft verschreckt, die nicht glauben mag, dass ein U-Autor auch gelungene E produzieren kann – und umgekehrt? Beide in sich vereinen, das geht wahrscheinlich nur, wenn ich unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichen würde. Das machen einige Autoren, wie z. B. J. K. Rowling, die unter dem Namen Robert Galbraith Krimis schreibt. Letzte Fragen: Habe ich an meinen „literarischen“ Werken gerecht gehandelt und mein schriftstellerisches Talent an Minderwertiges verschenkt, als ich sie beiseiteschob? Hat „Brautschau“ überhaupt eine Raison d‘Être?

Egal, wie die Antworten ausfallen, der Entschluss ist getroffen und an der Wegkreuzung – falls es jemals eine gab – bin ich eben in die Richtung „Phantastik“ abgebogen. Das ist der status quo. Eine bewusste Entscheidung war das nie, sondern eine Charakterfrage – vielleicht auch nur eine Weltflucht.

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(1) „Die Perle vom Roten Turm“, Roman aus der Welt von Brautschau. Der Roman, der zur Zeit der 1. Dynastie von Karukora spielt, erscheint noch in diesem Jahr.

(2) „Mánis Fall“, Roman aus der Welt von Brautschau. Der Prequelroman, der davon berichtet, erscheint noch in diesem Jahr.

(3) Von den 5 Bänden sind 3 bereits veröffentlicht und haben begeisterte Kritiken erhalten. Am 4. Band arbeite ich und denke, dass ich ihn noch in diesem Jahr veröffentlichen kann.

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