Stromausfall – kurz vorgestellt

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Mitte März wird mein neues Buch „Stromausfall“ erscheinen.

In dem neuen Band habe ich vier meiner Erzählungen versammelt, von denen die ersten zwei, nämlich die Titelgeschichte „Stromausfall“ und „Eine anderere Art der Liebe“, zu meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus gehören. Auch die beiden anderen, „Tradition“ und „crisis“, die wahrscheinlich die schwerste literarische Kost sind, die ich je meinen Lesern zugemutet habe, gehören ebenfalls zu meiner ersten ernsthaften Schaffensperiode, die ungefähr die Zeit zwischen meinem 20. und meinem 35. Lebensjahr umfasste. Damals habe ich auch vergeblich versucht, mit meiner Literatur einen Verlag oder ein Publikum zu finden.

Anfang der 90er Jahre legte ich dann für fünfzehn lange Jahre meinen Stift zur Seite. Ich kümmerte mich um den Broterwerb und um meine Familie. Erst nachdem die Söhne Nr. 1 und Nr. 2 aus dem Haus und unser Lebensunterhalt gesichert waren, habe ich wieder intensiv mit dem Schreiben begonnen. Der Beginn fällt in etwa mit meinem 50. Lebensjahr und der Eröffnung dieses Blogs zusammen. Das erste Werk, an dem ich arbeitete, war der Roman „Aber ein Traum“.

Wie auch bei meiner Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“, an dessen Design sich „Stromausfall“ orientiert, habe ich ein paar selbstgestaltete Illustrationen erstellt, die im Buch aus Kostengründen leider nur in schwarzweiß abgebildet sein werden. Es sind eigene Fotos, die ich am PC überarbeitet habe. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden, auch wenn sie mir farbig besser gefallen.

Und nun hoffe ich natürlich, dass dieses Buch nicht das Schicksal der anderen ereilt und bei euch nur wenig Interesse weckt. Das haben diese Geschichten, die zum Besten gehören, was ich je geschrieben habe, nicht verdient.

16.02.21 – Der Güter gefährlichstes

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Faschingsdienstag, 16.02.21

Liebe Leserin,

was ist denn nun der Güter gefährlichstes?, wirst du jetzt fragen. Laut Hölderlin ist »der Güter gefährlichstes die Sprache, die dem Menschen gegeben wurde«, damit er mit der Sprache schafft, zerstört und untergeht, und wiederkehrt zur Ewiglebenden, zur Meisterin und Mutter, der allerhaltenden Liebe. Ja, das ist schwülstig formuliert, aber trotzdem nicht falsch. Sprache ist gefährlich, manchmal sogar tödlich – für jene, die reden und auch für jene, die zuhören.

Ich bin inzwischen ein Hansdampf-in-allen-Gassen geworden und treibe mich in einer Vielzahl von sozialen Medien herum (1), um für meine Literatur (und auch für mich) zu werben. Der Erfolg, das weißt du ja auch, ist sehr übersichtlich. Aber es kann doch sein, dass einige hundert fremde Personen lesen, was ich so von mir gebe. Das ist für meine literarischen Texte, hinter denen ich mich gut verstecken kann, eigentlich kein großes Problem. Zwar beurteilen mich manche allein über meine Geschichten und kommen dann zu einem für meine Psyche recht zweifelhaften Ergebnis, aber da sie mich nicht persönlich kennen, kann ich gut damit leben. Doch heute scheint es gerade für den Autor ganz wichtig zu sein, aus seinem Kämmerchen ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und sich mitsamt seinem Werk zu verkaufen. Der anonyme Schöpfer im Hintergrund darf nicht mehr schaffen. Das Publikum fordert seine Präsenz. Das ist ein ganz neues Konzept unserer Zeit.

Dadurch stehe ich vor zwei Herausforderungen: Um Erfolg beim Publikum zu haben, muss ich symphatischer, menschenfreundlicher und kommunikativer erscheinen, als ich tatsächlich bin. Dazu kommt, dass ich mir immer wieder überlegen muss, was ich von mir und damit auch von meinem Umfeld preisgebe und was ich verschweige. Grundsätzlich mache ich einen Unterschied zwischen »persönlich« und »privat«. Ich will es mal an einem Beispiel erklären:

In der letzten Zeit habe ich das Gefühl, dass die Wände meiner Wohnung immer näher auf mich zurücken. Auch der tägliche »Hofgang« ist nicht mehr besonders erquicklich und inzwischen bin ich mit jedem Hundehaufen im Weichbild meines Dorfes per Du. Kürzlich zeigte mir mein grausamer Cloud-Fotospeicher, was für tolle Urlaubstage ich in den Jahren vor den Coronalockdowns erlebt hatte und bekam eine mittlere Lebenskrise (2), bei dem Gedanken, nie wieder in Südtirol Urlaub machen zu können. Das sind zwar Erstweltprobleme, aber deshalb für mich nicht weniger bedeutend. Dann waren am Sonntag Frau Klammerle und ich bei eiskaltem, aber traumhaftem Winterwetter im Unterallgäu unterwegs und wanderten, bis sich Eiszapfen an den Nasenspitzen bildeten. Es war ein perfekter Tag und ich bin wieder aus meiner Depression heraus. Jetzt mag endlich der Frühling kommen!

Frau Klammerle hat sich extra für die Wanderung eine Mütze gestrickt. Sie hat im Lockdown das Stricken wiederentdeckt und inzwischen jeden in meiner Familie mit bunten Socken versorgt.

Das war jetzt ein Beispiel für »persönliche« Nachrichten, die ich gerne teile. Privates jedoch wird immer außen vor bleiben;  wie Frau Klammerles Vorname oder ihr Gesicht, aber auch viel Schwerwiegenderes wie Schicksalsschläge, Krankheiten oder auch mein Brotberuf. Dies geht Fremde nichts an und es steht ihnen auch nicht zu, mich danach zu fragen. Viele sind da mitteilungsfreudiger, aber ich finde, dass es weiterhin Dinge gibt, die ich nicht mit aller Welt und jedem, sondern nur mit meinen Freunden teilen möchte. Solche Dinge auf Instagram oder einem anderen oberflächlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu teilen,  ist falsch und kann gefährlich werden. Der Güter gefährlichstes, das ist die Sprache.

Dein Nikolaus

PS. In der letzten habe ich zu meiner Überraschung im Kalender entdeckt, dass gerade Fasching ist. Das betrifft mich kaum. Der Augs- hat mit dem Hamburger gemeinsam, dass er lieber ein Glas Essiggurkenwasser trinkt, als in Karnevalslaune zu kommen. Ich bin eher auf gutbayerisch »narrisch« als närrisch. Allerdings gibt es ein Ding, auf die ich in den tollen Tagen nicht verzichten kann. Das ist durchaus nicht die Pappnase, sondern Schmalzgebackenes aus Frau Klammerles Produktion. Hurra!  Alle Jahre wieder: Es ist Fasenacht, wenn Frau Klammerle Küchle backt! Und man beachte meine wunderschöne Tasse aus dem Brautschau-Fanshop!

PPS. Ein Rat noch: Bestelle nie zum Valentinstag online einen Blumenstrauß, wenn die Außentemperatur – 16 ° C beträgt. Es sei denn, der Mensch, den du liebst, steht auf schockgefrorene Rosen (Frau Klammerle tut es nicht).


(1) Ist es dir aufgefallen? Ich habe heute nikolaus-klammer.blog ein neuen neuen Look verpasst. Ganz fertig bin ich noch nicht, aber die Site ist nun schlichter und einprägsamer und ich hoffe, sie gefällt dir wie mir.

(2) Dieser Moment fiel auch mit meinem ziemlich einsamen Geburtstag zusammen, den ich in der letzten Woche … naja, feierte. Deshalb war auch mein Tagebucheintrag der letzten Woche so negativ und deprimiert.

Hl. Abend, 2020 – Die große Erschöpfung …

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Ich werde versuchen, dieses Weihnachten
in mein Herz zu legen und
das ganze Jahr dort aufzubewahren.
Charles Dickens

 

Mittwoch, 24.12.2020

Liebe unbekannte Leserin,

geht es dir wie mir? Mein Zwanzigzwanzig war wie bei vielen eine Katastrophe. Es war grausam, übergriffig, ungesund und verstörend.

Status.

Ich bin froh, dieses furchtbare Jahr in ein paar Tagen nur noch als schlechte Erinnerung im Rückspiegel betrachten zu können. Ich weiß nicht, ob unser Zwanzigeinundzwanzig besser wird, aber ich hoffe es wirklich. Denn noch so ein Jahr will ich nicht überleben. Selbstverständlich waren ein paar meiner Probleme typische Erstwelt-Sorgen, die zu erwähnen ich mich fast schäme. Ich will auch nicht schon wieder mit dem Jammern über meine Erfolglosigkeit als Autor anfangen. Es wäre mir peinlich, diese Unannehmlichkeiten, über die andere mit einem Achselzucken hinweg gehen, hier vor dir auszubreiten. Zusammengefasst wurde ich in diesem Pandemie-Jahr um gefühlte zehn Jahre älter, einige körperliche Beschwerden verstärkten sich, meine Laune war die meiste Zeit bei -2, wenn ich mal eine Skala von 1 bis 10 ansetze. Am stärksten getroffen hat mich der Tod meines Vaters während der ersten Coronawelle im April, der mir meine seelischen Defizite und meine eigene Sterblichkeit deutlich vor Augen führte und sehr viele Auswirkungen auf mein alltägliches Leben hatte. Ich hatte in den leeren, endlosen und einsamen Tagen dieses Jahres viel Gelegenheit, darüber nachzudenken und habe dabei viel zu viel gegessen, getrunken und Netflix geglotzt. Die Ablenkungen über diesen Lebenszeit verschwendenden Konsum hinaus waren rar gesät. Dazu machte mir eine heftige Schreibkrise zu schaffen, an deren Nachwirkungen ich noch immer laboriere. Der Brotberuf wurde zur Last und die Beziehnung zu Frau Klammerle litt unter meinen Zuständen.

Pläne.

Aber nun kommen die in diesem Jahr tatsächlich stillen Tage zwischen den Jahren und ich will sie wie immer nutzen, nach vorne sehen, Neues beginnen, Altes abschließen. Ich hoffe, dass ich sie nicht wie Silvestervorsätze schon im Januar vergesse. Du wirst von mir erst einmal nicht viel hören, denn ich gehe „offline“ und arbeite mit einem konsequenten Plan am 4. Geltsamer-Roman „In den Bücherkellern des Vatikans“, dessen Entwurf ich weiterhin in wöchentlichen Häppchen hier ins Netz stellen möchte (1) und den ich Mitte nächsten Jahres abschließen will.  Dann möchte ich im Frühjahr 2021 einen Band mit meinen Erzählungen herausbringen, der eine Art Zwilling des Kurzgeschichtenbuchs „Das Rote Haus“ werden soll. Als drittes plane ich mit „Mánis Fall“ einen Roman aus meiner „Brautschau“-Sage. Er ist chronologisch der erste der Fantasy-Reihe und ist schon recht weit fortgeschritten.

Die Neuerscheinungen 2021

Auch Online tut sich bei mir etwas. Ich bin dabei, vor meiner Webcam einige meiner Texte als Lesungen einzusprechen und habe einen YouTube-Kanal gegründet, wo ich diese veröffentliche. Das widerspricht zwar dem 8. Gebot für Autoren: „Du sollst keine Lesungen halten“ und ist auch noch dilettantisch und manchmal zum Fremdschämen. Aber wenn du mal Zeit und Lust hast und mich „live“ und in Farbe erleben möchtest, dann klicke doch auf den Link im Bild. Ich würde mich wirklich freuen. Vielleicht willst du mich sogar „abonnieren“ und hinterlässt ein Lebenszeichen.

Fazit.

Du sieht also, ich versuche mal wieder, mich wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen, in dem ich 2020 immer tiefer versunken bin. Mir ist bewusst, dass ich solche Ankündigungen bei jedem Jahreswechsel mache und jedesmal von Neuem denke: „Im nächsten Jahr, dann wird es endlich klappen. Dann finde ich Leser, ein Publikum, Anerkennung, Freunde.“ Trotzdem will und werde ich versuchen, dieses unglückselige Jahr als Sprungbrett zu verwenden, um genau das zu erreichen.

Die Ikone habe ich übrigens von meinem Vater geerbt, der sie nach der Gefangenschaft aus der UdSSR mitbrachte.

Nun bleibt mir eigentlich nur noch, dir und den zufällig Vorbeisurfenden gesunde, besinnliche, glückliche Weihnachtsmomente mit den Menschen, die du liebst, zu wünschen. Wir treffen uns dann irgendwann im Januar in einem hoffentlich besseren Neuen Jahr.

Dein Nikolaus.

 


(1) Ich weiß, dass die Zugriffszahlen meines Blogs seit vielen Monaten gegen 0 tendieren und er sein – statistisch betrachtet – schlechtestes Jahr hinter sich hat. Es kommen mich hier eigentlich nur noch Spammer besuchen. Aber das belastet mich nicht, denn die Hoffnung, mir über ihn ein Publikum aufzubauen, habe ich nicht mehr. Der Blog ist zu dem geworden, was er eigentlich auch sein sollte: Mein Online-Tagebuch. Und eigentlich will ich gar nicht, dass in meinem Tagebuch geschmökert wird.

Sweet Glowwine to go und some other adventliche Troubles

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„Es gibt nichts Behaglicheres,
als einfach zu Hause zu bleiben“

„Ärgern wir uns nicht über die Dinge,
die wir nicht haben, sondern freuen wir uns
über das, was wir besitzen.“

Jane Austen

Tja, so ist das in diesem Jahr. Das große Sodbrennen und die frühmorgendlichen Kopfschmerzen fallen aus. Der Ausschank von Glühweinen ist verboten, die Christkindlesmärkte sind abgesagt und in privatem Rahmen darf ich nicht einmal meine Söhne gleichzeitig treffen. (1) Diese Adventszeit ist spürbar anders als die anderen, melancholischer und weniger farbenfroh. aber vielleicht hat diese Beschränkung auf das Wesentliche auch etwas Gutes und es kömmt tatsächlich ein wenig Besinnlichkeit und Ruhe in die sonst so hektischen dunklen Nächte vor dem Hl. Abend. Die gute Jane Austen ist in diesen Tagen wirklich eine gute Ratgeberin und die Lektüre ihrer Bücher die beste Begleitung, die man sich gerade wünschen kann.

Vergessen wir nicht, wie es noch im letzten Jahr war. Wollen wir eine solche Adventszeit wirklich wiederhaben?

Von allem viel zu viel

Eine Glosse aus dem Jahr 2018

Die Deutschen sterben aus!

Immer weniger Kinder werden geboren, ganze Dörfer veröden zu Geisterstäd­ten. Kirchen und Gasthäuser müssen schließen; es lohnt nicht mehr, Postboten von Tür zu Tür zu schicken, man schickt Drohnen und Roboter auf Rädern. Die wenigen, die überhaupt noch Brie­fe und Päckchen bekommen, sollen sie gefälligst selbst bei den seltenen Post-Service-Schaltern abholen, die sich in den staubi­gen Ecken irgendwelcher  Zeitschriftenläden in der fer­nen Stadt verstecken. In der Lausitz ist wieder Wolfsge­heul über den vereinsamten, aber durch meinen Soli aufgeblühten Landschaften zu hören und die Rudel lauern den vereinzelten Rentnern auf, die sich aufgrund ihrer Al­tersarmut nur noch eine Billigbusreise mit Wärmede­ckenverkaufsvorführung in der Provinz leisten können.

Jeder kennt diese Nachrichten. Immer, wenn den Re­dakteuren dieser Tage nichts mehr einfällt, Trump sei­nen Mund hält – schließlich muss er ja auch mal schla­fen oder Golf spielen -,  irgendein Model einmal nicht mit halb- oder vollkom­men nacktem Hintern in eine Kamera winkt oder uns ausnahmsweise der Bayerische Ministerpräsident mal nicht die Welt erklärt, dann wird die Titelseite der Zeitungen mit der Horrormeldung von der gefährdeten Tierart „Deutscher“ befüllt und uns ein großes, textsparendes Diagramm gezeigt, das einem Pilz ähnelt. Das aber ei­gentlich eine Pyramide sein sollte – oder so ähnlich. Die Renten, die Sorgen … Diese Meldung erscheint seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit und wird ebenso erregt debattiert und kommentiert wie die gerade heutzutage so bedeutende Frage, ob man weiterhin dulden sollte, dass der Hl. Nikolaus zum Weihnachtsmann amerikani­siert wird und immer häufiger keine Mitra, sondern eine rote Mütze trägt. (2) Aber auch das Aussterben der Deutschen ist meiner Meinung nur eine dieser absonderlichen Weltverschwörungs­theorien wie Chemtrails, Hohlwelt-Eidechsenwesen, geimpfte Kontrollchips und die Illuminaten. Warum fällt nur mir allein das auf?

Diese Lüge ist schnell entlarvt. Jeder kann selbst das Ex­periment machen und morgen Nachmittag versuchen, mit einem übervollen öffentlichen Verkehrsmittel in die vorweihnachtlich geschmückte Innenstadt zu fahren –  falls er sich überhaupt in die enge, von Körperdünsten dampfende Straßenbahn hineinquetschen kann – um sich an­schließend durch verstopfte Fußgängerzonen zu schie­ben, damit man im Kaufhaus seiner Wahl endlich einmal frühzeitig ein Geschenk für die Liebsten zu erwerben. In der qualvollen Enge allerorten, dem Gestoße, dem Gerempel und Gedränge, dem Gequetsche und Gequängel, den endlosen Schlangen an den Kassen, wird der Gedanke, der Deutsche sei in seiner Existenz bedroht, zur Groteske. Denn all die agoraphoben Bürger haben sich demons­trierend versammelt und genießen es, ohne Ängste über den übervollen mit Buden und Glühweinständen vollge­stopften Rathausplatz zu wandeln, wenn sie sich zwi­schen den zermalmenden Menschentrauben überhaupt willentlich vorwärtsbewegen können und nicht einfach von der Flut aus schwitzenden Leibern, Einkaufsta­schen und Kinderwägen mitgerissen und an Orte und Örtchen abgetrieben werden, an die sie niemals gelan­gen wollten.

Oder er sollte in diesen Tagen auf einen Christkindels­markt gehen, um dort einen übersüßten, Sodbrennen er­zeugenden Glühwein, eine verkohlte Bratwurst in einer staubtrockenen Semmel oder als Vegetarier eine undefi­nierbare, fetttriefende Masse – die sich aus welchem Grund auch immer „Kartoffelpuffer“ nennt – zu genießen und sich dazu vom Band überlaut schmalzige Weihnachtslieder interpretiert von Wham!, Heino, den Regensburger Domspatzen und Freddy Quinn in die Ohren blasen lassen. „Oh, du fröliche“ (sic!), um den Herrn Friederbusch aus meinem Weihnachtsmärchen „Karl-Heinz, der Weihnachts­hund“ zu zitieren. (3)

Es ist ein Gelüst, das mich – ich gebe es unumwunden zu – zur Adventszeit ebenso suchtartig packt wie das ge­neralstabsmäßige Vernichten aller Plätzchen von Frau Klammerle, die diese gerade in mühe- und liebevoller Kleinarbeit zubereitet hat. Dies ist übrigens eine ab- und suchtartige Ab­hängigkeit, die mich längst nicht mehr glücklich macht (der Glühmarkt, nicht das Vertilgen der „Loibla“), son­dern wie die Qual einer unerwiderten, manischen Liebe in mein Herz sticht. Ich bin in dem Alter, in dem man erkennt, dass früher tatsächlich mehr „Lametta“ war und weniger Menschen, die sich gegenseitig zwischen den Buden zerquetschten, es war noch keine abendfül­lende Beschäftigung, einen Glühpunsch zu ergattern und anschließend einen klebrigen, wackligen Bistrotisch zu finden, auf dem man das dampfende Getränk abstel­len kann.

Es beginnt schon mit dem Problem, dass mein Dorf kei­nen Weihnachtsmarkt hat. Da man in Diedorf nicht ar­beitet oder lebt, sondern nur zum Schlafen aus der Stadt herausfährt, ist das wahrscheinlich auch überflüssig, verlangt aber von mir – der ich ja ein bekennender und begeisterter Anhänger der Sportart Extreme-christkind­lesmarket-going bin – dass ich den Witterungsverhält­nissen zum Trotz ins Auto steigen und fahren muss, wenn ich nicht Frau Klammerle überreden kann, dies zu tun. Wenn ich dann doch einen Parkplatz gefunden habe – meist so weit vom Geschehen entfernt, dass ich gleich hätte laufen können – und mich tatsächlich wie ein Dschungelforscher durch den dampfenden Urwald zum Glühweinstand durchgekämpft habe und bei der Gelegenheit meinen armen studenti­schen Namensvetter St. Nikolaus über den Haufen ge­rannt habe, der dort für einen Hungerlohn von einer gie­rigen Kindertraube umgeben Nuss und Mandelkern ver­teilen muss, kommt das nächste Problem.

„Ich hätte gerne einen Glühwein.“

Verständnislos sieht mich der Verkäufer an, deutet stumm auf das Schild über seinem Haupt und ich merke: Es gibt keinen Glühwein mehr … Es gibt heißes Bier mit „Stich“, kochenden Amaro im Weinglas, Marillen-, Mira­bellen-, Heidelbeer-, Holunder-, Brombeer-, Kirschwein, drei Sorten Kinderpunsch, Eierpunsch, „Eggnog“, war­men Weißwein mit und ohne Zucker, vegan, aus biologi­schem Anbau, fair gehandelt oder einfach aus dem Te­trapack, Jägertee, Tee mit Schuss, mit Rum, mit Whis­ky, mit Absinth, mit Kandis und mit Rahm. Es gibt Grog. Von hinten werde ich gegen die Theke und schmerzhaft an den Topf gepresst, in dem ein Glüh­punsch seit Stunden vor sich hin köchelt und inzwischen außer Alkohol so ziemlich alles enthält, was ungesund ist. Ich deute kurzentschlossen auf das Heizgerät:

„Zweimal“, rufe ich kurzentschlossen, ohne zu ahnen, was dort drinnen vor sich hin blubbert – eh egal, das kos­tet alles dasselbe und es schmeckt auch gleich widerlich. Ich zah­le den Punsch und einen ungeheuerlichen Pfand, den ich nie einlösen werde, da die Schlange vor der Rückgabe, an der ich mich als letzter anstellen würde, länger ist als die vor der Getränkeausgabe, verschütte die Hälfte über einer von einer Rentnerin gezogenen Einkaufstasche auf Rädern und als ich endlich Frau Klammerle im Gewühl wiederentdecke, ist das pappige Gesöff kalt und ungenießbar.

Die Deutschen sterben aus? Ha! Jedenfalls nicht in der Vorweih­nachtszeit. (4)

Ernsthaft? Wollen wir, dass es im nächsten Jahr wieder so ist?

Ich wünsche eine schöne Adventszeit.

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) In meinem Brotberuf treffe ich übrigens werktags 30 Personen aus unterschiedlichen Haushalten und dies in einem kleinen Raum bei schlechter Belüftung und mehrere Stunden lang. Aber das spielt anscheinend keine Rolle. Wenn wir arbeiten, sind wir offenbar immun …

(2) Ich – Nikolaus M. Klammer – trage im Winter übrigens meistens eine schwarze Baskenmütze. Das wollte ich nur mal bemerken.

(3) Ich erinnere an das wundervolle Weihnachtsmärchen, das ich an den Adventssonntagen auf Instagram live vortrage. Aber ich will dafür eigentlich über­haupt keine Werbung machen, denn die Qualität spricht für sich. Doch jetzt mal ehrlich: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ ist wirklich eine tolle Geschichte; wer sie nicht liest, wird sich noch in Jahren Vorwürfe wegen dieses Versäumnis­ses machen!

(4) Diese Glosse und viele, viele weitere findet sich in meinem wunderbaren Buch:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

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»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.