Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Die dicken Bücher und ich

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

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(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Ein paar Gedanken zur der Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

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Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor fünfunddreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute viel aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: Was man aus dem Brunnen ißt lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt und von dem ich erst kürzlich ein paar Ausschnitte bloggte. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (nach dem Motto: Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als eine Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: laute und, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt, die immer wieder, wie zuletzt in Hanau, in Mord und Terror mündet. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den social media. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von diesen geistigen und realen Brandstiftern aus der rechtsradikalen Ecke wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sich ihre ekelhaften Demagogen erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen, denn es ist Literatur. Die liest niemand. Die Nazis können lauter schreien als ich, ihre WORTe sind einfache und im Zweifelsfalle werden sie mich eben totschlagen. Darin sind sie ja besonders gut.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest mich hier und deshalb kann ich hier auf diesem Blog schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird man vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meiner Roman Aber ein Traum und Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie deren WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd und hilflos von Neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, Instagram-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

crisis – Eine Erzählung (Teil 3 – Schluss)

[<— zum Anfang]

ein tag ist doch wie der andere, nur ein endloses karussell, erneut kopfschmerz und verfaulendes fleisch auf der zunge. vielleicht fault die zunge selbst. noch eine woche urlaub. nach dem wichsen wartete ich auf das gewitter, das wieder nicht heraufzog. diesmal war es anstrengend, bis es mir kam. keine freude, ich sagte es schon. auch der gedanke an die breiten knie der magd half nicht. für meine aufzeichnungen wollte ich klarheit. deshalb schlug ich im lexikon nach. aber das WORT stand nicht drin, obwohl es ein gutes nachschlagewerk ist. wie hat man ein WORT an die wand schreiben können, das es gar nicht gib? – an diesem tag merkte ich, wie sich alles änderte. noch wusste ich nicht, was es war. es machte mir angst. das war der tag, und ich schrieb vieles auf.

ich ging später in ein gartenlokal, aber es war anders. ich beobachtete meine umgebung genau, das lachen der schüler dort verstärkte meinen kopfschmerz. ich fand nichts ungewöhnlich. trotzdem, es war anders. es lag in der luft, wie ein ungewöhnlicher geruch. ich trank mehr bier, als ich vertrug, aber es half mir nicht. die nadel blieb in meinem hirn stecken, ließ sich nicht entfernen. sie blieb, spaltete mein hirn. ich beschloss, am wehr spazieren zu gehen. dort war es schattig.

vision, ein irritierendes licht fällt von oben herab.

auf die erste leiche stieß ich bald. es war eine frau. sie war nackt, der bauch aufgerissen, zerfleischt, die hände wie in scham über der brust verkrampft. ich blieb stehen und starrte. ich wollte nicht glauben, was ich sah. ein ehepaar kam vorbei, einen kurzbeinigen dackel an einer leine hinter sich her ziehend. der hund hatte etwas helles im maul. es ähnelte einem hingeworfenen handschuh, in den der köter sich verbissen hatte. als das paar näher kam, sah ich, es war eine abgeschlagene hand, die nägel lackiert. ich deutete auf die hand, dann auf die frauenleiche. ich war nicht fähig zu sprechen. das paar sah mich an, es wirkte erstaunt, dann verstört. verzweifelt packte ich den ehemann an der schulter, schüttelte ihn, schrie. ich weiß nicht mehr, was. aber die beiden sahen mich nur an, staunten ängstlich. der hund ließ die hand in den sand fallen, bellte mich wütend aus. ich stieß den mann beiseite. nur weg von hier. die frau schimpfte hinter mir her. ich rannte den kiesweg weiter, stolperte dabei über die nächste tote. es war eine noch ganz junge frau. ihre lider waren weit aufgerissen, doch sie hatte keine augäpfel. fliegen krochen in der blutigen höhlung. auch ihr fehlte keine hand, aber eine war zermatscht, wie von einem lastwagen überfahren. ein würgender geruch kroch in meine nase. ich übergab mich über der leiche, besudelte sie mit meinem erbrochenen. dann kippte ich ohnmächtig zur seite.

eine nadel in meinem hirn, ein lichtstrahl von oben, vom brunnenrand.

das café war voll. nur mit mühe fand ich einen sitzplatz neben ein paar mädchen, die sich über wollwaschmittel unterhielten. es war kein gespräch möglich, sie waren zwar hübsch, aber jung. mir ging es inwischen besser. ich hatte im park beim wehr auf einer bank meinen rausch weggeschlafen, aber schlecht geträumt. trotzdem spürte ich weiterhin, wie sich alles um mich veränderte, anders, neu und fremd wurde. am abend begegnete mir das WORT wieder. ich traf einen arbeitskollegen, der mir den neuesten klatsch aus der firma berichtete. dann wurde unser gespräch persönlicher.

– wie geht es dir?, fragte er, du siehst schlecht aus.

– das erstaunt mich nicht.

– ja, wie der lebende tod. hast du schlafstörungen?

– die habe ich.

– du hast sie also auch, das dachte ich mir schon.

– warum?

– es geht gerade den meisten so. die halbe firma schläft morgens in den büros. mich hat es gottseidank noch nicht erwischt.

– meinst du etwa, das ist ansteckend? ein schlaflosigkeitsvirus? kann es das geben?

– klar. das liegt doch auf der hand. da geht etwas vor. sogar in der zeitung stand es schon. aber sie wiegeln noch ab. angeblich gibt es kein mittel dagegen. zumindest…, er zögerte. mir fiel etwas ein, aber ich wusste nicht, woher diese erinnerung kam.

– aber es gibt doch etwas, oder? – das war ein schuss ins blaue. er saß.

– du hast etwas gehört, stellte er fest. ich nickte, wollte wissend aussehen. er verfolgte meine bewegungen aufmerksam.- du hast etwas gehört!

auch er nickte, sah sich um. – das bleibt unter uns, klar?

er wartete auf eine reaktion von mir, als keine kam, sah er sich wieder um. dann flüsterte er das WORT. ich zuckte zusammen, wie ertappt. ich wusste nicht, was ich sagen sollte. er lächelte.

– was ist das?, fragte ich und beging meinen ersten fehler. sein lächeln verschwand.

– willst du mich verarschen?

– nein. ich bin nur schwer von begriff. ich meine, ich weiß einfach nicht, stotterte ich. er schien mir nicht zu glauben.

– du bist von den anderen, du sauhund!

red doch keinen unsinn. von welchen anderen redest du überhaupt? geht das wieder los! verteidigte ich mich schwach. – mir fiel das seltsame gespräch mit dem alten ein, auch er hatte von den anderen gesprochen. mein freund nahm eine drohende haltung ein. er ballte die fäuste. ein paar mädchen schlenderten in der nähe vorbei und warfen uns bedeutsame blicke zu, das lenkte ihn ab. als ich wieder seine aufmerksamkeit hatte, war er etwas sanfter.

– so dumm kann doch keiner sein, sagte er, du wirst doch wenigstens wissen, wer die anderen sind, wenn du noch nicht einmal das WORT kennst. macht das keinen sinn für dich? mensch, alles ist in bewegung. durch das land geht ein ruck. noch wissen wir nicht, wann ER rettend eingreift, der mann. aber dass ER kommt, fühlen millionen. das musst auch du bemerkt haben.

– nein. mir ist, als hätte ich ein jahr verschlafen. diese welt ist nicht mehr die meine. ich verstehe sie nicht.

– so schlimm ist das ja nicht. vergiss nicht, niemand weiß genaues! im moment warten alle. und wenn es tatsächlich jemand ahnen sollte, dann schweigt er aus angst.

– wovor?

– angst? ist doch klar! überall sind die anderen. für uns gibt es zwei teile: einen, der sich bekennt, einen anderen teil, der zersetzen und zerstören will. er versucht, uns zu sabotieren, zu verhindern, dass wir wieder schlafen können. aber der tag wird kommen.

– ich verstehe nicht. nochmal, ich fühle mich, als wäre ich in einen brunnen gefallen und komme nun nicht mehr raus. meine eigene welt ist nur noch ein kleines, kreisrundes loch weit über mir. das atmen fällt mir schwer, meine lungen füllen sich mit wasser. ich höre stimmen, aber sie sind fern. ich ertrinke und weiß nicht warum. sag mir, warum sabotieren uns die anderen? was haben sie für einen grund?

– mensch! – er flatterte mit seiner hand vor meinem gesicht. das gespräch schien sich nicht so zu entwickeln, wie er es wollte.- ich habe dir vorhin gesagt …

– ja, genaues weiß man nicht. aber es muss doch gerüchte geben.

– es gibt sie. – er musterte mich scharf. – und du bist sicher keiner von den anderen?

ich schwieg vorwurfsvoll.

– gut, ich glaube dir. es passt auch nicht zu dir. du bist so unschuldig. also, du musst wissen, dass ER kommt, hier in unsere stadt.

– leskoff?, platzte ich heraus. mein freund packte mich wütend am kragen.

– höre gut zu. nenne diesen namen nie mehr in meinem beisein, verstanden? der ist tabu, ja?

– ja, ich entschuldige mich. – ich versuchte, mich loszumachen, aber er hielt mich mit festem griff.

– das alles hat nichts mit IHM zu tun. du musst irre sein, die beiden in einem atemzug zu nennen.

– ich dachte …

– du dachtest. wenn du so weiter machst, bist du bald tot.

einen augenblick war ich stumm. dann spürte ich, wie etwas versank. nein, das ist nicht richtig erzählt. es war anders. es war jetzt verschoben, der boden begann sich zu wölben. ich sah mich um.

vision. wo war mein freund? was war mit mir? und ein splitter spaltete mein hirn. ich blickte herab. meine kleidung funkelte. sie funkelte aus sich heraus, als wäre sie mit goldflitter bestreut, wie die reflektion eines tanzenden lichtes, das durch ein weinglas scheint. und gleichzeitig, sagte ich schon, verschob sich die umgebung nach oben, ich begriff, ich war am versinken. unglaublich, dachte ich, unglaublich, das ist nicht möglich, wenn je etwas unmöglich war, dann das: ich versinke, mich in einen funkenregen verwandelnd, im teer. ich löse mich auf, verschmelze mit der erde, werde eins mit dem wissen. endlich.

jemand tappte mir mit zwei fingern auf die schulter. ich bemerkte die berührung erst nach einer ganzen weile. meine abwärtsbewegung stoppte. das ist ER, dachte ich grundlos, das ist ER.

– hinter mir stand ein kleiner mann. seine augen funkelten spöttisch.

– kennen sie napoleon?, fragte er.

– ja, das ist einer der großen schlächter der menschheit, erwiderte ich, denn ich wollte streiten.

– was reden sie da? wissen sie, was sie da reden?

– sie werden mir das sagen. sie scheinen ja alles zu wissen.

– sie reden scheißdreck. sie sind ahnungslos. so ein mist. fragen sie doch die franzosen, die haben ihn im invalidendom begraben. er war ein gott.

– das ist lächerlich. napoleon war ein mensch und einen menschen muss man begraben. er war ein schlächter.

– ein schlächter. wissen sie überhaupt, was die geschichte ist?

– die geschichte ist eine aneinanderreihung von metzeleien.

– sie haben vollkommen recht. die geschichte ist kriegsgeschichte.

– es an der zeit, das zu ändern.

– guter mann, es ist zeit, ja, wir wollen mal sagen, dass das lämmchen beim löwen weidet.

– amen!

– sie sagen es. sie haben eine interessante art, zu diskutieren.

– gut. ich mag zwar als träumer gelten, wenn ich hier ‚scheißdreck’ erzähle, aber ich bin nicht blind. die menschheit hat immer versucht, ihre probleme mit gewalt zu lösen. das hat ihr nichts gebracht. jetzt ist es an der zeit.

– wenn sie christentum predigen, landen sie am kreuz. wenn sie aber politisch etwas erreichen wollen, müssten sie gewalt anwendenn. sie können nur mit dem schwert macht ausüben. wenn es die not gebietet, scheuen wir auch nicht davor zurück, blut zu vergießen. große fragen werden immer durch blut und eisen entschieden.

– es gibt auch einen anderen weg. macht auf möglichst viele menschen verteilen, damit keiner zu viel in den arsch bekommt.

– demokratie? dazu ist es doch längst zu spät. die macht ist seit jahrhunderten verteilt, das kind in den brunnen gefallen. wenn sie die geschichte überblicken, alle perioden, wann, glauben sie, war sie erfolgreich? die demokratie, wissen sie, war es nie. demos heißt nicht volk, sondern pöbel.

– ich bin utopist. demokratie ist möglich, allein schon deshalb, weil sie die einzige staatsform ist, die sich kein bild vom menschen macht.

– nett auswendig gelernt. sie argumentieren schneller als ich denken kann. und ich glaube, sie reden nicht von der demokratie, sondern vom kapitalismus. schauen sie: man kann die geschichte nicht aus der sicht eines kriminalkommisars sehen, immer schuldige suchen. napoleon war ein mann, die die welt verändert hat. ihre schlächter haben uns weit gebracht. wo wären wir ohne sie?

– weiter entfernt vom abgrund.

– aber wir fallen doch längst. bald schlagen wir auf. wärend sie mit mir reden, wird wieder geschichte gemacht. es war an der zeit. ein mann kommt, nur er kann uns retten. die demokratie endet in einem blutigen chaos. je größer dieses chaos, desto sicherer ist ihr untergang und der erfolg von IHM.

– sie verstärken das chaos?

– ja. die masse braucht in ihrer schwerfälligkeit immer eine bestimmte zeit, ehe sie auch nur von einer sache kenntnis zu nehmen bereit ist. und nur einer tausendfachen wiederholung einfachster begriffe wird sie endlich ihr gedächtnis schenken. zu kommunisten spreche ich faschistisch, wenn ich nazis treffe, lobe ich marx, bei ihnen bin ich polemisch. es wirkt. schau dich doch um, sieh die verwirrung.

und ich versank. der blick des kleinen mannes war mitleidig. das hatte mir gerade noch gefehlt. – mit mir nicht, rief ich ihm zu, ich weiß, was ich weiß.

ein milchweißer splitter.

daran hatte ich zu schlucken. ich starrte meinen freund an, der mir langsam die luft abdrückte. ich wäre am liebsten vor ihm im boden versunken.

– tot? ist das dein ernst?, keuchte ich.

– bin ich ein lügner?, fragte mein kollege. – schau mich an! ich würde dich nicht anlügen. ich will dich nur warnen. glaube mir, ich will ehrlich sein. es ist gefährlich, zu viele fragen zu stellen. versuche doch weiter so zu leben, wie bisher. mach dir nicht so viele gedanken.

– alles um mich herum verändert sich und da soll ich weiter einfach so vor mich hin leben? das kann ich nicht.

– bis jetzt habe ich dich eigentlich wegen deiner sorglosigkeit bewundert, stellte er fest und ließ endlich meinen kragen los. ich stolperte einen schritt zurück, rang nach atem. er senkte den kopf.- lass gut sein, sagte er, das leben ist mehr.

er lud mich auf ein bier ein, begierig nahm ich an. aber es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen. wir redeten über alltägliches. in dieser nacht war ich bei einem mädchen, einer bekannten meines freundes, die er zufällig in der pilsbar traf. sie machte es mir ganz einfach, ihr ging es wie mir. sie war ein ordentlicher fick, aber es war heiß. ich verschwitzte mich dabei und mein körper dünstete faulig aus. selbst nach einer dusche fühlte ich mich noch schmutzig. den rest der nacht lagen wir beide schlaflos nebeneinander. die hitze ließ auch in den morgenstunden trotz weit geöffneter fenster nicht nach.

WORTgeklingel.

so kann man sich irren. keine nation wird sich die finger zweimal verbrennen. der trick des rattenfängers von hameln verfängt nur einmal.

ich atme. noch atme ich sieh mich atmen! die luft schmeckt bitter, sie ist endlich kälter geworden. ich bin müde, mein kopf wendet sich zuckend von selbst halb zur seite, auch nach oben, ich beherrsche ihn nicht mehr.

ich atme. noch atme ich. höre mich atmen! meine finger vergraben sich in meinen handflächen zur faust, reißen blutig: ahab. mit dem WORT tropft hass in mein hirn. er erscheint als schweiß auf meiner zerfurchten stirn. ich habe kein morgen mehr. das gestern ist vergessen. das ewige heute bedeutet schaumige qual, die mir den blick für das wahre verklebt.

ich atme. noch atme ich. fühle mich atmen! mein schweiß tränt auf das papier, erbricht sich als sprachlosigkeit, formt sich zu worten, die nichtig sind.

sinnloses WORTgeklingel. das schreibe ich. es wird zeit zu schweigen. ich möchte endlich schlafen lernen.

nach wochen ist es mir wieder in die hände gefallen: mein schwarzes heft. ich sollte doch noch etwas hineinschreiben, zu einem ende kommen. denn ich weiß etwas wichtiges, das ich vergessen hatte. ich bitte einen, der das liest, die folgenden zeilen nicht auszulassen. ein paar wenige wird es geben, die lesen. einer wird in diese wohnung ziehen, in ein paar monaten vielleicht, wenn der herbst kommt und alles vorbei ist. dann wird er dieses schwarze heft neben meinen kleinen cassetten auf dem wohnzimmertisch liegen sehen. vielleicht liest er alles, bevor er es aus angst vernichtet.

inzwischen ist nichts geschehen. in der wirklichkeit passiert nie etwas. die veränderungen merken wir erst, wenn es zu spät ist. ich habe die arbeit nicht wieder aufgenommen und genau so weitergelebt, wie ich es oben beschrieben habe. nun ist mein konto erschöpft. ich bin noch immer nicht hinter die geheimnisse gekommen, aber ich habe sie inzwischen durchschaut. das WORT ist laut auf den straßen zu hören, man schreit es mir hinterher. doch bedeutung des WORTES ist mir inzwischen gleichgültig geworden. mir ist das egal, ehrlich. auch mein telefon läutet nicht mehr. vielleicht ist ganz kaputt, aber das glaube ich nicht. mein verfolger hat es einfach nicht mehr nötig. inzwischen geht er wie ein freund neben mir her, erzählt mir seine geschichten und lässt mich an seinen lebensweisheiten teilnehmen. wenigstens brauche ich nun keine angst mehr vor ihm zu haben. man hat nur angst vor dingen, die man nicht kennt. ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr geschlafen habe. der schlaf ist mittlerweile in den bereich der legende gerückt. manchmal gaukelt mir mein fiebriges hirn visionen von der zukunft und träume vor. vielen geht es wie mir, ich sehe es an den schweißiggrauen gesichtern, denen ich begegne. sie leben in der nacht und verdämmern in ihren wohnungen hinter herabgelassenen jalosien den hitzewallenden tag. alle arbeit liegt darnieder, die stadt ist tagsüber wie ausgestorben. es ist sinnlos, dass die ampeln noch funktionieren. die lebensmittelläden sind ausgeplündert, die anderen werden immer frecher, es wird zeit, dass einer kommt, ihnen das maul zu stopfen.

aber ich wollte von dem wichtigen schreiben. mir ist etwas eingefallen. das ist der sinn meiner täglichen selbstbefriedigung: ich war einmal bei meinen großeltern im dorf zu besuch. ich war vielleicht zehn, oder jünger, älter bestimmt nicht. ich frage mich, warum ich mich noch so gut daran erinnern kann, ich habe wenige eindrücke von meiner kindheit behalten und habe alles, was vor meinem, sagen wir mal, vierzehnten lebensjahr lag, vergessen. ich habe mit dem kind, das ich einmal war, nichts mehr gemein. es war ein dummes, fettes und eingebildetes kind. ich habe, bevor die kopfschmerzen zu stark wurden, in einem buch gelesen, jeder würde sich nach seiner kindheit sehnen. das ist grotesk falsch. ich war froh, älter zu werden, nie mehr möchte ich ein kind sein.

warum erinnere ich mich also, wenn ich wichse und mich über kurz lebendig fühle?

ich war bei meinen großeltern im dorf. ich sah einer magd beim melken zu. ich erinnere mich genau an ihre hände, sie waren fett und knubblig. sie ähnelten den zitzen, an denen sie mit festem griff zogen. der helle milchstrahl spritzte in regelmäßigen intervallen in den blechernen eimer, manchmal, wenn ich nicht genau hinsah, hatte ich den irritierenden eindruck, die milch käme aus den fingern dieser frau. der gedanke gefiel mir, das weiß ich noch ganz genau. die magd hatte eine schürze an. sie saß breitbeinig auf dem melkschemel. ihre fleischigen knie waren sehenswert und imposant, mit ihnen konnten die knie, die ich bisher kennengelernt hatte, nicht konkurrieren. ich stand, aus einem spiel gerissen, nahe bei der kuh und starrte auf die mächtigen schenkel dieser frau. ich hätte ihre haut dort gerne betatscht, nicht aus frühreifen gefühlen, sondern weil mich ihre beschaffenheit interessierte. die schenkel schienen wie ein mit milch gefüllter beutel, dessen hülle mit einem dünnen geäst bläulicher linien verkrakelt war.

dann die folgende situation: sie nahm mich wahr. mit einer lässigen handbewegung spritzte sie scherzhaft mit einer zitze in meine richtung. sie lachte hell, als mich der warme milchschaum ins gesicht traf. ich fand nichts witzig. feuerrote scham brannte auf meinen backen. tränen der wut füllten meine augen. ungerechtigkeit. hilflos, machtlos. kind. sie bemerkte alles. dann sagte sie ernst, und diesen satz kann ich nicht vergessen, ich flüchte zurück zu ihm, wenn ich onaniere. sie sagte:

– so ist das, kleiner. beschissen nicht? sie klatschen es dir ins gesicht und du kannst nichts machen. vergiss es einfach, kleiner.

genau so sagte sie es, mit diesen worten. ich wiederhole, sie sagte es wortwörtlich. es ist seltsam, aber ich habe es wirklich nie vergessen.

ich habe eben zum fenster hinausgesehen, es ist noch immer leer dort unten. bald geht die sonne unter. dann werde ich gehen, den neuen mann hören. IHN.

nein, noch bin ich nicht fertig, noch habe ich nicht alles gesagt.ein paar sätze weiß ich noch, zum beispiel diesen: ich werde sterben.

ich muss ihn erklären. ich werde sterben, weil ich es will. allein das ist entscheidend. wenn ich nicht sterben wollte, würde ich es nicht tun. es gibt alternativen. ich kann die leichen übersehen. so einfach ist das, das habe ich erkannt. man stirbt nicht einfach so. man kann einfach so leben, das geht, das mache ich bisher ja jeden tag, aber es macht mir keinen spaß mehr. gibt es überhaupt etwas langweiligeres.

das ist die reihenfolge, die mir am anfang fehlte, nun kann ich beenden, womit ich begann. erst war langeweile, dann unwohlsein, dann angst, gewöhnung an die angst und wieder nur langeweile, ein teufelskreis. nur einen ausweg gibt es, einen letzten. er löst alle fragen und rätsel und als einziger macht er sinn. es ist der tod. ich werde sterben. was interessiert mich noch das WORT? es ist auch nur wieder etwas neues, das eigentlich etwas altes ist. es hat bereits meinen vater zerstört, und den vater vor ihm. nur klang es damals anders. sie waren selbst schuld. ich werde ihre fehler nicht wiederholen. ich habe lang gebraucht, bis ich erkannt habe, wie alt das WORT ist. es hat mich nicht wirklich überrascht. es war zwangsläufig. damit ging die angst und die langeweile kehrte wieder.

ich werde wohl aus langeweile sterben. ich werde gehen, IHN hören, aufbegehren und sterben, bevor sich das alte wiederholt. ich will das nicht erleben, das nicht. ich werde gehen, diese tür hinter mir schließen, nicht absperren, das macht keinen sinn. aber ordnung muss sein. das sagt auch ER.

der krug wurde lange genug zum brunnen geschleppt.

crisis – Eine Erzählung (Teil 1)

Aus aktuellem Anlass:

Diese nicht ganz einfache Geschichte, die ich Anfang der 90er Jahre schrieb, ist aktueller denn je. Sie beschreibt das Wiedererstarken der faschistischen und nationalsozialistischen Kräfte in einer kalten, gleichgültigen und hasserfüllten Gesellschaft – unserer eigenen. Obwohl sie bereits vor vielen Jahren geschrieben wurde, ist sie leider immer aktueller geworden.

Ich warne nachdrücklich: crisis ist weder leicht zu lesen, noch vollkommen jugendfrei.

crisis

durch sommerhitze dürstete der bock, zum wassertrinken stieg er in den tiefen grund. doch als er getrunken und sich gesättigt hatte und nicht wieder heraussteigen konnte, empfand er tiefe reue, und er suchte nach einem helfer. so erblickte ihn der fuchs und rief ihn an:

du dummkopf, wenn du so viel verstand besäßest, wie du in deinem bart haare hast, so wärst du nicht hinabgestiegen, bevor du den rückweg erkundet.“

mein versuch, die ereignisse in die richtige reihenfolge zu bringen, scheitert.

ich will verständnis, wo ich keines erwarten darf. ich weiß nicht einmal, von wem ich verständnis erwarte. dennoch habe ich mir in einem zeitschriftenladen ein heft gekauft. es hat einen schwarzen einband, dazu rotes buchbinderleinen, din a5, kariert. der kauf war ein bewusster anfang. damit wollte ich beginnen, etwas neues setzen wie die überschrift: crisis. sie war schnell gedacht und geschrieben, der verknitterte zettel mit der alten fabel daruntergeklebt. dann saß ich, wartete bis zum abend. nichts geschah. ich schloss mein heft, warf es zur seite, war besiegt. – erneut hatte ich begonnen, um zu scheitern. und doch war es ein nachmittag, der hoffnung machte, weil er anders war als die anderen. ich tat etwas. ich wartete. während ich gelangweilt in gartenlokalen und cafés saß, mein „savoir vivre“ genoss, geschah nichts. sogar das schwül-heiße wetter hatte sich der gleichförmigkeit ergeben. selten las ich, hielt müßig ausschau. dies war ein urlaub von allen verpflichtungen und dem job -zwei wochen im juli, bevor ich wieder in die tretmühle zurückkehrte.

aber ich irrte mich: obwohl die tage wie ein milchiger, amorpher brei über mich hinweg glitten, änderte sich etwas. dinge geschahen: telefonanrufe, begegnungen. ich brauchte lange, bis ich erkannte, was sich tat, im ganzen acht oder neun tage. dann spürte ich endlich die veränderung, fand aber keinen namen für sie. ich fand keine worte, sie zu beschreiben, dazu war sie zu neu. plötzlich wurde mir klar: ich hatte vor dieser veränderung angst. sie war in mir versteckt.

dinge geschahen: ich war wach, aber nicht vollkommen in der wirklichkeit, herausgezerrt aus einem lebhaften traum, den ich einen augenblick später vergessen hatte. ich saß aufrecht im bett und hielt die augen geschlossen. noch hoffte ich, in meinen traum zurückzufinden. das kaputte telefon auf dem nachtkästchen scharrte kurz und angestrengt. resignierend sah ich auf. durch die verdreckten fenster und die zusammengezogenen vorhänge wirkte der morgen trübe. ich wusste, wie sehr der eindruck täuschte, auch dieser tag würde wieder heiß werden.verbrauchte luft stand im zimmer, sie stank nach alkohol und kaltem zigarettenrauch; gerüche, die meine kleidung über nacht ausgedünstet hatte. ich atmete von mir selbst angewidert durch den mund, sah zum telefon. es war mein feind. schon wähnte ich mich sicher, aber da scharrte es erneut, diesmal waren sogar die metallenen ansätze eines klingeln zu erahnen. der apparat gab sich mühe. ich zählte langsam bis zehn, dann hob ich bedächtig ab, führte den hörer zum ohr. mein atem ging schneller. ich keuchte, ich räusperte mich. dem anderen schien das zu genügen. was ich hörte, waren geräusche, dich nicht nicht einordnen konnte, dahinter ein milchhelles rauschen, das mich an etwas erinnerte, das ich vergessen wollte.

ich darf es als einziges nicht vergessen.

die worte kannte ich schon. ich konnte sie auswendig mitflüstern. und wieder gelang es mir nicht, als erster aufzulegen. ich musste rauh mein dummes – ja? flüstern, – hallo? hinzufügen, angestrengt auf die von sattem knacken unterbrochene stille lauschen. obwohl sich diese anrufe häuften, hatte ich noch keine routine oder taktik entwickelt, ihnen zu begegnen. sie ließen mich jedesmal aufs neue mit der selben fassungslosigkeit zurück.

dinge geschahen. reumütig kehrte ich zu dem schwarzen heft heim. ich begann gehetzte sätze aneinander zu reihen, erzählte von dem leben, das keines mehr war, von den menschen, die ich traf, von den träumen, die mich plagten und die ich so schnell wieder vergaß. ich schrieb von dem verfolger. ich machte den versuch, meine angst zu fassen, der veränderung einen namen zu geben. zeit war zur genüge vorhanden, sie hatte längst ihre macht verloren, lag wie eine schwere, alles erstickende decke auf der stadt. ich meine, ich schlief nachts nicht, auch wegen der schwüle, die die stadt drückte. auch schlief ich nicht, weil ich den begegnungen mit anderen menschen seit kurzem mehr gewicht zumaß. ich dachte über diese begegnungen nach. sie waren wertvoller geworden. – so kann ich aber die angst nicht erklären. das war sie nicht. alles um mich herum veränderte sich. davor fürchtete ich mich. die furcht lag tief. ich spürte sie instinktiv wie ein gejagtes tier, in meinem bau zusammengekauert, hilflos. ergeben.

noch mal: zu anfang konnte ich nicht sagen, was sich änderte. die tage liefen gleichförmig, träge. ich stand spät auf, immer erst zwischen zehn und zwölf uhr, da ich allein in den morgenstunden schlaf fand, in wirre träume tauchte. meist weckte mich das scharren meines telefons. beim erwachen war ich bereits von der hereindringenden hitze verschwitzt, mein schädel war voller schmerzen, ich hatte sodbrennen und einen widerwärtigen geschmack im mund. mit der zahnbürste war er nicht zu überdecken. erst am abend gewöhnte ich mich an ihn, da steckte er gemeinsam mit dem kopfschmerz zurück, verschwand aber nie vollkommen. er lauerte wie eine erinnerung an einen bösen traum, wie ein menetekel weit hinten in meinem kopf. am nächsten morgen kehrte er mit stärke zurück, wie eine schlechte angewohnheit. es lag immer der selbe geschmack nach verwesendem fleisch, erde und moder auf meiner zunge, ein geschmack, der auch roch. ich aß daher wenig, scharfgewürztes, das die fäulnis im mund kurz überdeckte. manchmal hatte ich den eindruck, dass nicht ich, sondern die stadt stank. dann ging es mir besser. mittags onanierte ich, noch bevor ich aufstand. ich machte das aus gewohnheit, es war eine reinigung wie das anschließende waschen im bad, ein hygienischer, mechanischer akt ohne freude. die erinnerung an ein milchweißes knie half mir beim erguss. im schatten der wohnung verborgen wartete ich bis zum abend, bis das pünktlich einsetzende gewitter ein wenig kühle herabgeregnet hatte. dann ging ich aus. ich setzte mich in ein gartenlokal, hielt ein buch in der hand, in dem ich nicht las. ich behandelte meine schmerzen und den üblen geschmack mit hochprozentigem und bier. nach dem dunkelwerden folgte auf den staubigen, hitzestarren gassen und plätzen, in lokalen und diskotheken das spiel: der versuch, bei einem mädchen unterzukommen, in ihrem bett, da meines mit vollgewichsten taschentüchern verklebt war. selten war ich erfolgreich und der heimweg war immer lang.- acht oder neun tage vergingen so, sagte ich. jeder tag war wie der andere. ich dachte, es würde immer so bleiben. es dauerte lang, bis ich aufmerksam wurde. ich hatte angst und alles veränderte sich.

ich schreibe in mein heft über die veränderung:

ich kann mich erinnern. ich saß am spätnachmittag in einem café. auf der suche nach dem entscheidenden augenkontakt war ich systematisch mein revier abgegangen. – einsamkeit lässt sich in gesellschaft leichter tragen. habe ich gehört. aber vor langeweile schützt sie nicht. ich hatte mich zu einem mädchen gesetzt und begann meine tour. sie hatte ebenso sehnsüchtig auf mich gewartet, wie ich gerade sie gesucht hatte. wir sprachen über die hitze, den streik, den gestank der stadt, ihr sternzeichen, über uns selbst am wenigsten. wir wogen unsere seelen.

das WORT fiel, ich hörte es vom nebentisch. das WORT gelangte an mein dankbares ohr, schälte sich kristallklar aus den geräuschen der umgebung. seinen zusammenhang konnte ich nicht hören. daher lehnte ich mich vorsichtig zurück. das WORT hatte mich neugierig gemacht, es passte nicht hierher. mein mädchen lächelte, sagte etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. sie beugte sich vor, ihre lippen öffneten sich, ihre erbeerfarbene zungenspitze tauchte in den milchschaum ihres cappucinos. dabei sah sie mir in die augen. das konnte sie ziemlich gut, sie wirkte natürlich und erotisch, auch wenn ich mir sicher war, die szene schon in einem film gesehen zu haben. auf jeden fall machte dieser moment alles klar. schon jetzt hätte ich ihr meine frage stellen können. aber da blieb noch das WORT. ich brauchte gewissheit. deshalb zwinkerte ich ihr verbindlich zu, lächelte zurück und lauschte weiter zum nebentisch. mit einem schnellen blick vergewisserte ich mich: da saßen zwei männer in meinem alter, elegant und für das wetter zu warm gekleidet. mit den mir eigenen vorurteilen schätzte ich sie als bankangestellte ein, kleine nummern hinter dem schalter, falken auf dem sprung, die waffenruhe des feierabends teilend.

– hast du überhaupt noch etwas anderes zu tun? fragte der eine.

– das geld ist entscheidend. komm, du weißt es doch auch. an jedem sonnabend gibt es etwas neues. und ich bin freundlich. schließlich sind wir verwandt.

– klar. ich würde mich trotzdem nicht so verkaufen. nie! ich habe noch ein wenig selbstwertgefühl.

– mir doch egal, ob das legal ist. jeder tag ist ein neuer tod. aber du kannst ja reden. weißt du noch …

es war zeit, mich um mein mädchen zu kümmern. außerdem war dieses gespräch anders, nicht geeignet für das WORT. hatte ich mich getäuscht, war es von einem anderen tisch gekommen? ich sah mich um. das café war fast leer. in der ecke saß ein türke vor seinem tee, las in einer rosafarbenen zeitung. ein kellner döste gelangweilt, gegen die theke gelehnt, schreckte durch meinen suchenden blick dienerhaft in die höhe. ich schüttelte den kopf. sein gesicht wurde wieder maskenhaft und desinteressiert. das mädchen sagte etwas. ich sah sie verständnislos an, hatte sie verloren. sie lachte, aber sie klang beleidigt. ich musste ihr das gefühl geben, der mittelpunkt zu sein. sie brauchte meine aufmerksamkeit. sie war wichtig, das sollte ich ihr beweisen. deswegen war sie mit mir zusammen. das wollte sie von mir hören. das sollte ich ihr geben. ich erzählte schnell ein gerücht, das ihr schmeichelte. darüber verdrängte ich das WORT, aber vergessen konnte ich es nicht mehr.

war sie es, die ich später am badesee fickte? ich weiß es nicht mehr. oder war das eine andere, die ich am brunnen kennenlernte?

aber das weiß ich noch: in der nacht auf dem heimweg, nahe bei meiner wohnung, hatte die erste seltsame begegnung.

ich hörte ein fettes, schleimiges husten und sah mich um. gelber auswurf klatschte neben mir auf das pflaster. er glänzte milchig im schein der straßenlaterne. ein alter mann stand neben mir, wischte den mund mit dem handrücken ab. seine kleidung war verwahrlost, schmutzig, aber sein zum boden gerichteter blick viel zu gerade, um der eines säufers zu sein. er nickte beschwichtigend.

– was glaubst du? warum hat hermann das getan? fragte er.

– er war zu müde, um noch klar zu denken, antwortete ich. – ich kann zu jedem thema etwas sagen, das zumindest intelligent klingt, auch wenn ich nichts verstehe. ich bin ein poet. der alte nickte erneut, erleichtert. er antwortete, aber er sah mich nicht an.

– mag sein. schon möglich. aber das gibt ihm doch keinen grund.

– hatte er denn eine wahl?

– später nicht mehr. aber er hätte gleich zu anfang …

– als ob er da schon wusste, was ihm blüht, mutmaßte ich aufs geradewohl. das sinnfreie gespräch begann mir freude zu bereiten.

– du hast recht. natürlich nicht. aber ahnen hätte es ruhig können. ein fehler war´s allemal.

– ja, er war zu unvorsichtig.

– ich hab es hermann oft gesagt. erst vor einer woche haben wir uns darüber unterhalten. da habe ich ihm gesagt: hermann, der leskoff versteht keinen spaß. wenn es nicht funktioniert, dann bist du allein schuld. nur du. du kennst den iselmayer, der lacht dich aus. der geht zum leskoff und hängt alles an die große glocke. das habe ich zu ihm gesagt. er wollte nicht hören. taub und blind war er.

– er ist selbst schuld. aber jetzt mal im ernst, weißt du, warum er das getan hat? ich meine, er hat ja schon ein großes geheimnis darum gemacht.

– nicht wahr? aber ich weiß es nicht genau. er beugte sich vor. ein neugieriger, abschätzender blick traf mich, den er aber sofort wieder zum boden richtete.

– aber ich habe einen verdacht. du kennst leskoff …

– wer kennt ihn nicht?

– klar, wer kennt ihn nicht. der hat mehr dreck am kleinen finger …, er zwinkerte mir zu, legte dabei die hand auf den mund.

– du meinst …, sagte ich ins leere, wollte ihn ermuntern. – worauf wollte er hinaus? für einen kurzen moment hatte ich das verunsichernde gefühl, dass der alte durchaus wusste, mit wem er redete.

– ja, das ist doch eindeutig! es ist …

– ja? fragte ich zu begierig. der mann trat eine schritt zurück. erschrocken wirkte er, verwirrt. sein gesicht war schweißig.

– du … bist hier von den anderen, sagte er unsicher.

ich beschwichtigte ihn sofort. die wendung, die das gespräch nahm, gefiel mir nicht.

– ach, nein, spinnst du? sehe ich denn so aus? verteidigte ich mich. wovon sprach er eigentlich? musste ich angst vor ihm haben?

– das hat nichts zu sagen, zögerte er. – unsinn, es hat. natürlich hat es. du hast mich beinahe dazu gebracht, das WORT zu sagen.

– das wort?

das WORT, das konnte nicht sein. das WORT! ich versuchte ihn an der schulter zu fassen, er wich weiter zurück.

– sag es mir, forderte ich, sofort!

er duckte sich, tauchte unter meinen händen. rannte schwankend ein stück, dann blieb er unsicher stehen.

– versuch es nicht, rief er mir zu, denk an hermann! mach nicht seine fehler. – er wand sich endgültig ab, lief in eine seitenstraße.

damals hätte mir schon alles klar sein sollen. aber ich war nur mit mir selbst beschäftigt. das alles war zu unwirklich, um bedeutung in meinem leben zu haben. neugierig war ich, ja. interessiert. da ließ sich etwas draus machen. damit konnte ich als autor etwas anfangen.

in dieser nacht entschloss ich mich, ein diktafon zu kaufen. ab jetzt würde ich meine gespräche mit den anderen aufzeichnen. das konnte interessant sein und ein beweis, dass es das WORT wirklich gab. – diese kleinen cassetten, die hier neben mir liegen, sind der beweis geworden. ich bin nicht verrückt.

so schreibe ich. ich nähere mich schreibend. ich nähere mich dem WORT, nähre mich. ich speise aus dem brunnen. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. drei, vier offene bücher, fragen, antworten, die wie fragen schmecken, WORTgeklingel. so schreibe ich und nähre mich. je größer die werke eines menschen für die zukunft sind, die neue erziehung kehrt diese ordnung geradezu um, die materialistische lehre von der veränderung der umstände und der erziehung vergisst,dass die umstände von den menschen verändert und der erzieher selbst erzogen werden muss, um so weniger vermag sie die gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der kampf und um so seltener der erfolg,

bisher lebte in der mehrheit allein das fleisch, die materie, die natur, durch die neue erziehung soll in der mehrheit, ja gar bald in der allheit, allein der geist leben und dieselbe treiben, sie muss dahier die gesellschaft in zwei teile, von denen der eine über ihr erhaben ist, sondieren, blüht er aber dennoch in jahrhunderten EINEM, dann kann ihn vielleicht in seinen späten tagen schon ein leiser schimmer des kommenden ruhmes umstrahlen, der feste und gewisse geist,

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.

das zusammenfallen des änderns der umstände und der menschlichen tätigkeit oder selbstveränderung kann nur als revolutionäre praxis gefasst und rationell verstanden werden, freilich sind die großen nur die marathonläufer der geschichte, der lorbeerkranz der gegenwart berührt nur mehr die schläfen des sterbenden helden, dass ihr mich gefunden habt, das sage ich tausendmal, ein gespenst, sieg, macht, wille, werden, es ist ein böses ding, wenn man den brunnen dann erst gräbt, wenn schon den schlund der durst ergriffen hat.

so schreibe ich WORTgeklingel und nähre mich. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. man sollte im gegenteil philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

[Zum 2. Teil —>]

Der frühe Morgen und ich – Die Geschichte einer innigen Feindschaft

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens gegen 05:45 Uhr aufzustehen.

„Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschriftsteller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn diese Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und gestehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Angesicht zu Angesicht – denn sonst liest ja diesen Text eh niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so ertragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken (und so riskant). Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Internet-Aktivisten) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibe und froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarforderungen herschenken dürfe. Für Literatur Geld zu verlangen, erachten viele als niederträchtig und einen unfreundlichen Akt.

„Was?,“ werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von meinem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert mir wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein, zweimal in der Woche gegen 05:45 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“ Halt, sage ich, ihr habt ja recht! Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den altersschwachen, rheumageplagten Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr braven Bauern, Arbeiter und Angestelle, Beamte und Köche, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlverdiente (und kostenfreie) Entspannung bei meinen Texten sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch wochenends klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen – ihr habt meinen Respekt. Ich klage mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung geprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Erbarmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Mantel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne hoch oben am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieblingskneipen, nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgendämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grauen Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 604.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen gefühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolkenfinger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikalische Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich einer: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend – wenn nicht gar in der Nacht – zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen.

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:30 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstanden werden; ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidigungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit niemand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Berlin 87-4

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nachtschichten von Neuem über mich herfallen – ich kann bereits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken –, ich weiß, dass ich auf höchstem Niveau jammere. Aber ein-, zweimal in der Woche zwingt mich mein Brotberuf, bereits gegen 05:45 Uhr aufzustehen und ich hasse das. Der Herr hat den Menschen nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen, schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Ich bin kein Langschläfer, aber vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem unbarmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein seelenloser Körper  sich vor dem Spiegel stehend oberflächlich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein noch vom Schlaf verwirrter Geist kommt hinter mir her ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit zahnpastaverschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisierenden Algenextrakten“ und „Hairenergizer“ (wird wahrscheinlich „Här-Einischeißer“ ausgesprochen) entscheide, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und nehme die Zeitung (ja, es gibt Leute, die vor mir wach sind: Danke), trage sie in die Küche und schmeiße den lärmenden Kaffeevollautomaten von Frau Klammerle an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens. Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Frequenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bayern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist, singen meist AC/DC, Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ist es jedoch Rammstein, die sich immer so anhören, als hätten die Nazis den Krieg gewonnen, muss ich passen und schalte wieder aus. Das geschieht in der letzten Zeit leider immer häufiger. Mir ist es vollkommen unverständlich, wie man mit dieser Marschmusik morgens wach werden kann. Ich packe also an allen Nicht-Rammstein-Tagen meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund. Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes gequatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radiomoderatoren – insbesonder Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich darüber gelacht und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch mit einem Trötgeräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbejingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig eine Autofinanzierung ist und welche Nummer die Telefonauskunft hat – dazwischen singen mal wieder Boston What a feeling, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderatoren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wetter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen oder wenigstens in einem der tausend anderen Sender keine klinischen Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich?  Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhysteriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar Informationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Cohen oder The Cure jammern lässt oder ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation gründen: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

„First we take your morning, than we take your day…“

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