02.03.21 – Die Leserschaft braucht Sensationen

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Dienstag, 02.03.21

Liebe Leserin,

ich habe vor genau 4 Jahren begonnen, meine Bücher als Selfpublisher und Indieautor zu veröffentlichen. Das machte ich in erster Linie, weil ich meine Werke gerne im Bücherschrank stehen haben wollte. Dann wurde ich etwas ehrgeiziger …

Im März 2017 brachte ich also mit Meister Siebenhardts Geheimnis den ersten Roman meiner Fantasy-Reihe »Brautschau« heraus und praktisch gleichzeitig mit Die Frau, die der Dschungel verschluckte auch den ersten Band der »Geltsamer«-Reihe. Im Mai folgte dann schon Noch einmal davon gekommen mit meinen besten Blogartikeln. Danach habe ich bis heute noch zehn weitere Bücher veröffentlicht und in diesem Monat steht mit Stromausfall mein neuer Band mit Erzählungen in den Startlöchern.

Ich bin sehr naiv an die Sache herangegangen und habe viele Fehler gemacht, die sich noch immer auswirken und Mitschuld tragen, dass ich nur wenige Bücher verkaufe.

Die größten Fehler machte ich bei meiner Fantasy, die wie alte Semmeln in der Auslage verschimmeln:

Ich verwende für alle meine Bücher den gleichen Namen Nikolaus Klammer; egal ob das Werk Genre ist oder  Belletristik. Zumindest für die Fantasy hätte ich mir ein anderes, markantes Pseudonym suchen sollen, das Erwartungen weckt. Es wäre richtig gewesen, meine verschiedenen literarischen Gesichter durch unterschiedliche Namen zu trennen. Die Leserschaft möchte Klarheit – mein Name auf all meinen so unterschiedlichen Werken verirrt nur und stößt ab. Wenn die Leserinnen Milkaschokolade kaufen wollen, haben sie eine gewisse Erwartungshaltung, die erfüllt werden soll. Da darf das Produkt nicht plötzlich bitter oder salzig schmecken. Erek Stronghold wäre z. B. ein toller Fantasyautoren-Name gewesen. Da steckt Ritterlichkeit drin, Mittelalter, Kraft und Pathos! Stronghold statt Klammer – das klingt doch gut und ist leicht zu merken! Nur Amis schreiben gute Highfantasy. Es muss bei SF und Fantasy eh viel mehr englische Sprache auf den Titel, der viel reißerischer sein muss. Nicht »Meister Siebenhardts Geheimnis« und nicht »Brautschau« (1) – viel besser wären »His darkest secret« und »In search for the bride«. Auch sollte unbedingt ein Zitat von Stephen King auf den Titel: Superb Fantasy! Das hat er selbstverständlich nicht über mein Buch, sondern über ein anderes gesagt. Also habe ich nicht gelogen, sondern nur selektiv zitiert. Denn ohne King-Zitat oder einen Vergleich mit dem „Herrn der Ringe“ geht es einfach nicht, wenn man ein Fantasybuch verkaufen will. So müsst ein Cover dann aussehen:

Im Vergleich dazu sind die Titelbilder meiner Romane bieder und langweilig, ja abschreckend. Sie müssten vielmehr eyecatcher sein und dramatisch. Auch wenn sie wie in diesem von mir schnell hingepfuschten Cover (1) nichts mit dem Inhalt zu tun haben. Ich vermute wirklich, wenn meine Fantasyromane Cover wie dieses hätten, dann würden sie von den Leuten eifrig gekauft und gelesen. Aber will ich das?

Was meinst du? Soll ich mir noch ein Pseudonym zulegen und meine Bücher mit melodramatischen Pulp-Covern ausstatten? Vielleicht auch der Belletristik aus meinem »Jahrmarkt in der Stadt«-Zyklus die Titel attraktiver gestalten? Gerade muss ja auf den Titel unbedingt die Rückenansicht einer schönen Frau vor Stadtkulisse oder Lavendelfeld oder etwas Ornamentales. Ich werde mal schauen, ob mir ein Beispiel gelingt.

Ich hatte in einem Februar noch nie so wenige Zugriffe auf meinen Blog wie in diesem Jahr. Das mag auch daran liegen, dass man mir meine Lustlosigkeit anmerkt, für praktisch niemanden zu schreiben. Das ist ein Teufelskreis, ich weiß. In den nächsten Wochen werde ich hier noch ein wenig stummer sein, denn Frau Klammerle und ich sind am Renovieren. Wir lassen uns eine neue, topmoderne Küche einbauen und damit die alten Schränke Platz im Keller haben, wird er nach zwanzig Jahren endlich einmal ausgemistet. Im Moment herrscht also gerade ziemliches Chaos in der Wohnung und wir können nicht mal kochen. Die Lieferdienste freut es und wir haben sogar schon angegrillt.

Bis demnächst, dein Nikolaus

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(1) Ich will nicht nerven, aber warst du schon auf meiner neuen Website für meine Fantasy-Romane? Sie ist mir wirklich gelungen, finde ich. Auf brautschau.blog findest du alles, was du über diese Bücher wissen willst und noch vieles mehr.

(2) Keine Sorge, liebe Bookcover-Verkäufer, die ihr so eifrig bei Instagram eure Instant-Titelbilder anpreist! Ich habe nicht vor, euch Konkurrenz zu machen. Meinen kleinen Entwurf erkläre ich hiermit zur public domain – wer ihn von euch für seinen Fantasyroman verwenden möchte, kann von mir die Datei geschenkt haben.

Stromausfall – kurz vorgestellt

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Mitte März wird mein neues Buch „Stromausfall“ erscheinen.

In dem neuen Band habe ich vier meiner Erzählungen versammelt, von denen die ersten zwei, nämlich die Titelgeschichte „Stromausfall“ und „Eine anderere Art der Liebe“, zu meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus gehören. Auch die beiden anderen, „Tradition“ und „crisis“, die wahrscheinlich die schwerste literarische Kost sind, die ich je meinen Lesern zugemutet habe, gehören ebenfalls zu meiner ersten ernsthaften Schaffensperiode, die ungefähr die Zeit zwischen meinem 20. und meinem 35. Lebensjahr umfasste. Damals habe ich auch vergeblich versucht, mit meiner Literatur einen Verlag oder ein Publikum zu finden.

Anfang der 90er Jahre legte ich dann für fünfzehn lange Jahre meinen Stift zur Seite. Ich kümmerte mich um den Broterwerb und um meine Familie. Erst nachdem die Söhne Nr. 1 und Nr. 2 aus dem Haus und unser Lebensunterhalt gesichert waren, habe ich wieder intensiv mit dem Schreiben begonnen. Der Beginn fällt in etwa mit meinem 50. Lebensjahr und der Eröffnung dieses Blogs zusammen. Das erste Werk, an dem ich arbeitete, war der Roman „Aber ein Traum“.

Wie auch bei meiner Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“, an dessen Design sich „Stromausfall“ orientiert, habe ich ein paar selbstgestaltete Illustrationen erstellt, die im Buch aus Kostengründen leider nur in schwarzweiß abgebildet sein werden. Es sind eigene Fotos, die ich am PC überarbeitet habe. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden, auch wenn sie mir farbig besser gefallen.

Und nun hoffe ich natürlich, dass dieses Buch nicht das Schicksal der anderen ereilt und bei euch nur wenig Interesse weckt. Das haben diese Geschichten, die zum Besten gehören, was ich je geschrieben habe, nicht verdient.

04.02.21 »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«

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Donnerstag, 04.02.21

Liebe Leserin,

Dante Alighieri (1) hatte offenbar prophetische Fähigkeiten: »Ihr, die ihr durch mich eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, kann man in seiner Commedia als Inschrift über dem Tor zur Hölle lesen. Eigentlich sollten diese Zeilen auch erscheinen, wenn man den Browser öffnet und ins Internet geht, um seine sozialen Netzwerke zu pflegen. Denn das Internet und seine hohlen Versprechungen sind zumindest das Purgatorio, in dem ich gequält werde – ohne zu wissen, wann ich in seinen Feuern genug »geläutert« wurde, um es endlich verlassen zu dürfen. Ja, ich weiß, ich bin selbst schuld. Ich mache es für mich (und vielleicht auch für dich) durch mein Gejammere noch schlimmer, das ist mir klar. Aber es ist gerade in dieser Zeit, in der ich den Eindruck habe, ich hocke von Gott, den Menschen und allen guten Geistern verlassen in einer Zeitschleife und in Einzelhaft gefangen in meinen vier Wänden, kaum erträglich. Wie jemand in diesen Tagen Optimismus ausstrahlen kann, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich schleppte mich durch den schier end- und hoffnungslosen Januar, den irgendwie auch der Februar noch nicht beendet hat, funktioniere mehr, als dass ich handle. Meine ohnehin wenigen  Kontakte tendieren gegen 1 (Das ist Frau Klammerle, der ich gerade ein wenig auf die Nerven gehe). Ich esse und trinke viel zu viel und starre gefühlt stundenlang in den Regen hinaus oder in mein Smartphone. Doch weder in meinem Garten, noch im Internet tut sich etwas – überall herrscht nur Leere und Ödnis; es wird früh dunkel und spät hell. Ich werde vom Wetter und vom Internet geghostet. Die Kraft, mich hier aus meinem Fegefeuer herauszuwinden, schwindet mit jedem Tag, den ich gezwungenermaßen im Lockdown verbringen muss.

Und ich bemühe mich wirklich, mich aus diesem Sumpf zu befreien – Zeit habe ich ja. Mein Erzählungsband »Stromausfall« ist beinahe fertig und ich hoffe, ihn nach dem Lektorat im März veröffentlichen zu können. Ich schreibe regelmäßig an meinen neuen Romanen »Die Bücherkeller des Vatikans« und »Mánis Fluch«, die mir beide gut von der Hand gehen. Von ihnen habe ich bereits gut 30.000 Wörter, also fast 150 Seiten geschrieben und wenn ich in diesem Tempo weitermache, beende ich die Romane im Sommer, bzw. im Herbst.

Ich habe für meine Fantasy-Saga »Brautschau« eine WordPress-Site eingerichtet und viel Zeit in ihre Erstellung investiert, Illustrationen und Landkarten gezeichnet, dazu eine Wiki begonnen und Texte und Videos und ein Logo erstellt. Man kann dort Leseproben aus allen Brautschau-Romanen lesen und den kompletten Anfang von »Mánis Fluch«. Ich habe die Site siebenhardt.wordpress.com exzessiv in Facebook, Instagram, Twitter, youtube und bei Freunden und Verwandten beworben. Anzahl der Besucher von siebenhardt.wordpress.com in den letzten zwei Wochen: 0. (2)

Aber ein Traum, den privaten Blog und Schriftsteller-Tagebuch, auf dem du dies gerade liest, führe ich seit Mai 2013 und ich habe in den acht Jahren über 1000 Artikel für ihn geschrieben (und die besten in zwei Bänden als Taschenbuch und als E-Book veröffentlicht). Auch hier habe ich regelmäßig geschrieben und etwa 100 Seiten von dem 4. Geltsamer-Roman »Die Bücherkeller des Vatikans« vorveröffentlicht. Anzahl der Besucher auf dieser Site in den letzten zwei Wochen: 4. (Die Spammer und Suchmaschinenbots sind wieder abgezogen).

Ich habe in den letzten Jahren 13 Bücher von mir im Eigenverlag veröffentlicht und biete sie in allen Buchhandlungen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum an. Sie gibt es als Taschenbuch und als E-Book. Die Preise sind so gestaltet, dass sie gerade so meine Unkosten decken. Ich bewerbe sie täglich auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung stehen und mache regelmäßig Online-Lesungen und stelle sie auf youtube. Anzahl der Käufer meiner Bücher im Januar: 0. Ich lese, rezensiere und bewerte immer wieder auch die Bücher anderer Autoren und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anzahl der Rezensionen oder Sternchen meiner Bücher im Januar: 0. (3)

Ja, ich weiß, ich jammere zu viel in dem Feuerloch, in dem ich gebrutzelt werde. Aber ich finde, ich habe wirklich allen Grund dazu. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich bin und bleibe vollkommen erfolglos. Als Schriftsteller habe ich vollkommen versagt.

Dein Nikolaus.

PS. Wenigstens hat heute das Wetter ein Einsehen und ist fast frühlingshaft schön. Sollte die Zeitschleife doch noch ein Ende finden und sich die Türen meines Purgatoriums öffnen? Mein lieber Kollege und Freund Jean Paul hat mal gesagt, dass es der Vorteil des Frühlings sei, genau dann zu kommen, wenn man ihn am nötigsten hat. Vielleicht sollte ich hinaustreten und dabei nicht alle Hoffnung fahren lassen. Und ich verspreche hiermit feierlich: Mein nächster Blogartikel wird wieder ein lustiger. Versprochen!

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(1) Ein paar Bücher gibt es, die sind in aller Munde und jeder behauptet, sie zu kennen. Doch mir bleiben sie einfach verschlossen und ich bringe weder die Kraft noch den Mut oder gar die Freizeit auf, sie zu lesen. Die »Göttliche Komödie« habe ich im Gegensatz zur »Menschlichen« von Balzac niemals gelesen, obwohl ich sie inzwischen sogar in zwei verschiedenen Ausgaben im Bücherschrank habe – als reich illustrierte Prosaübersetzung und in den originalen Terzinen. Beides ist für mich fast unlesbar, obwohl ich auch harten Stoff gewöhnt bin und ich wirklich den Wunsch habe, absolut jedes Buch zu lesen. Ähnliche Hürden sind z. B. Proust, Musil oder Joyce, obwohl diese, wenn ich sie mit Dante vergleiche, beinahe Zeitgenossen sind. Oh, Boccaccio, Ariost, Machiavelli und viele andere Renaissanceautoren habe ich mit Vergnügen und Gewinn studiert, ich habe auch Dantes Vorbilder (Homer, Vergil etc.) gelesen, aber Dante selbst … nein, der geht gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Söhnen habe ich nicht einmal das Computerspiel gezockt, das auf der Divina Commedia beruht.

(2) Ausnahme sind natürlich die Drecks-Spammer. Diese Pest überschwemmt mich überall im Netz. Jeden Tag beginne ich damit, den Mist zu löschen, Pornobots und Betrüger zu blockieren. Auf Instagram z. B. werden 3 % aller Zugriffe auf mein Konto von heiratswilligen Frauen von der Elfenbeinküste aus getätigt. Gerade wurde ich beim Schreiben unterbrochen, weil die Meldung aufploppte, dass mir auf Facebook ein Mädel folgen will, das mir irgendwelche »pics« von sich schicken will. Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie mich das nervt!

(3) Anderen geht es noch schlimmer: Eine Autorin, die ich über Instagram kennenlernte, hat 350 Exemplare ihres Romans „Liliensommer“ verschenkt und sich dadurch in erhebliche Unkosten gestürzt. Sie hat eine einzige 3-Sterne-Rezension bei Amazon bekommen. Es ist manchmal unglaublich, wie arrogant Leser mit Autoren umgehen. Sie wollen unsere Werke – wenn es geht, kostenlos – aber mit den Schriftstellern wollen sie nichts zu tun haben. Der Autor ist dem Leser unsympathisch, denn er adoptiert das Werk und argwöhnt, dass dessen Schöpfer ein Konkurrent ist, der den Besitz wieder zurückverlangt. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leser denken, wir existieren nicht in Wirklichkeit und sind nur Ausgeburten unserer eigenen Fantasie.

In den Bücherkellern des Vatikans (18)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 17. Teil …

Nachdem er den Toten endlich über den Grubenrand hinausgezogen hatte, rutschte der schlaffe Körper auf dem weichen Matsch problemlos und fast heiter wie ein Kufenschlitten im Schnee den steilen Hang hinunter. Fedor folgte ihm, bis seine Schnur fast vollkommen abgewickelt war. Die beiden landeten wie erhofft eine Ebene tiefer in dem Grabungsquadrat, in dem wir die Mumie der Eiszeitfrau gefunden hatten. Dort lag noch immer die Ausschachtung offen, aus der später ihre Überreste geborgen worden waren, die man hoch zu Krakows Labor transportiert hatte. Das ganze Areal sah im Nebel wie ein vorbereitetes Grab aus. Es war der ideale Ort, um die Leiche des Angreifers vorläufig zu verbergen. Mit einem letzten Kraftakt gab Fedor ihr einen Stoß und einem dumpfen Aufprall fiel sie in das rechteckige Loch hinunter. Mein Freund machte sich nicht einmal die Mühe, den Körper mit Erde zu bedecken oder über ihr ein Gebet zu sprechen. Er zuckte mit den Schultern, wandte sich ab und begann, den Hang wieder emporzusteigen. Inzwischen schmerzte ihn jeder Schritt und die Wunde blutete munter weiter.

In der nächsten Zeit, zumindest so lange, wie der Nebel auf Antenora lag, würde sich bestimmt niemand in die Nähe der verfluchten Ausgrabungsstätte wagen. Wenn man den Toten dann später irgendwann entdeckte, würde man wohl glauben, der Mann hätte sich verirrt, wäre dabei versehentlich in die Ausschachtung gestürzt und so unglücklich gefallen, dass er sich das Genick gebrochen hatte. Solche Unfälle geschahen ja immer wieder im Gulag. Da wurde nicht weiter nachgeforscht, ob jemand nachgeholfen hatte.

Erleichtert und gerade noch rechtzeitig vor den Wachen, die ihn abholen kamen, gelangte Fedor wieder bei seinem Arbeitsabschnitt an. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen, sich an den Wärtern vorbei ins Lager zu schleichen, ohne dass sie seine Verletzung bemerkten. Doch er machte sich unnötige Sorgen, dann oben bei den Baracken war man in heller Aufregung. Niemand interessierte sich für ihn und der dichte Nebel half zusätzlich: Im Lager war die Hölle los.

Denn alles war noch viel schlimmer gekommen: Gegen Mittag hatte ein patrouillierender Wärter in der Nähe von Baracke 14 unter einem Bretterstapel den übel zugerichteten Leichnam der armen Schwester Aljona gefunden. Du erinnerst dich bestimmt. Das war die fette, ältere Pflegekraft, die in der Krankenstation jene Fälle behandelte, bei denen Timofejs Rosskuren nicht anschlugen. Ich habe ihren Vatersnamen nie erfahren. Man stelle sich das Entsetzen vor: Sie war gefesselt, brutal vergewaltigt und anschließend erdrosselt worden. Den Spuren nach zu urteilen, hatten mehrere Männer diese grauenvolle Untat begangen.

Als Fedor und die anderen Grubenarbeiter von unten zurückkehrten, hatte sich das Lager in einen Ameisenhaufen verwandelt, in den jemand einen Stock gesteckt hatte. Er hatte deshalb keine Probleme, sich an allen vorbei in die heimatliche Baracke 6 zu schleichen. Dort vernähte er selbst notdürftig seine Schnittwunde und ließ sich von Väterchen Himbeere versorgen und verbinden. Trotz sofortiger Suche, einer Razzia in allen Baracken und in den Unterkünften der Wachsoldaten und einigen ›hochnotpeinlichen‹ Verhören blieben die Täter übrigens im Verborgenen. Auch ein von Krakow ausgesetzter, hoher Rubelbetrag führte nicht zur Aufklärung dieses und einiger anderer Verbrechen, die in der ›Nebelzeit‹ begangen wurden.

Ich selbst, der ich ja weiterhin in meinem Zimmerchen in Krakows Laborgebäude gefangen gehalten wurde, hatte freilich von all dem wenig bemerkt. Was ich erfuhr, teilte mir Fedor mit, wenn es ihm mal wieder gelungen war, sich davonzuschleichen und über den Lichtschacht in meinem Badezimmerchen Kontakt aufzunehmen. Dies geschah in den ersten zwei Wochen meines Aufenthalts trotz des Nebels selten und musste dann ganz aufhören, als er von dem Angreifer verwundet worden war. Vergeblich verbrachte ich meine Abendstunden auf der Toilette sitzend und machte mir Sorgen. Oh, es gab wirklich schlechtere Orte in Antenora, um sich die Zeit zu vertreiben! Ich war jeden Tag aufs Neue von dem unerhörten Luxus begeistert, ein eigenes Bett und ein Badezimmer zu besitzen, die ich nicht mit einer Hundertschaft ungewaschener und rüpelhafter Proletarier aus allen Winkeln der Sowjetrepubliken teilen musste. Mir wurde es nicht langweilig, an der Seife zu riechen, zärtlich über die sauberen, gestärkten Handtücher, die täglich gewechselt wurden, zu streichen und mir das weiche Toilettenpapier an die Wange zu halten. Dazu hatte mir Krakow mit Wastijas Roman eine wirklich interessante Lektüre befohlen, in der ich fasziniert las.

Doch davon später, Towarischtsch – falls es mir die Zeit und die Muße erlauben, alles aufzuschreiben, was ich noch erlebt habe. Denn der Morgen naht schnell und dann muss ich ja das Kollontai für immer verlassen. Weißt du, wohin mich mein Schicksal führen wird? Ich nicht.

Krakow ließ mich in den ersten Tagen in Ruhe. Wahrscheinlich war er voll und ganz mit seinem Mumienfund ausgelastet. Ich bekam nicht nur nicht mit, was draußen im Nebel vor sich ging, sondern erfuhr auch nichts von den Vorgängen direkt vor meiner Tür und warum er mich überhaupt hier in seiner Nähe wollte. Mein einziger sozialer Kontakt in diesen zwei Wochen war neben den Stippvisiten von Fedor die schweigsame junge Krankenschwester, die mir frische Wäsche und zweimal am Tag Essen und Trinken brachte. Bald schon fieberte ich ihren kurzen Besuchen ebenso entgegen wie Fedors Auftauchen im Luftschacht. Sah man mal von der armen Schwester Aljona ab, dann war sie die erste Frau, der ich seit über einem Jahr begegnet war. Mein Freund, es dauerte nicht lang, und ich war bis über beide Ohren in sie verliebt und ihr rettungslos verfallen. Der gewaltige Altersunterschied, schließlich war sie nur halb so alt wie ich, kam mir dabei gar nicht in den Sinn.

Wie soll ich sie beschreiben, ohne auf irgendwelche Plattitüden zurückzugreifen, die dich langweilen würden? Ihr rundes Gesicht schien nur aus ihren zwei Augen zu bestehen. Dieser Eindruck wurde noch durch die Gläser ihrer Brille verstärkt. Ich habe in meinem ganzen Leben kein weiteres Mal solch einen selbstbewussten, selbstsicheren und dabei abschätzenden Blick in einem weichen Frauengesicht gesehen. Aber was mühe ich mich mit dem Erzählen ab! Ich trage doch immer eine kleine Fotografie von Ksenia Matulowa bei mir, die ich zu diesen Aufzeichnungen legen werde. Ich habe sie nie lächeln sehen und auch auf der Aufnahme, die sie mir auf meinen Wunsch hin schenkte, war sie reserviert und ernst.

Es heißt, man würde härter stürzen, wenn man zum ersten Mal fällt. Aber bei mir war es das zweite Mal, das mich mehr verwundete. Nach dem frühen Tod von Nadja, meiner ersten Liebe, hatte ich längst die Hoffnung aufgegeben, noch einmal einen Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben teilen wollte. Ach, mein Bruder! Wir sind in ein dunkles Jahrhundert hineingeboren, in dem Welt- und Bürgerkriege, Hunger und Gefangenschaft, Seuchen und Revolutionen sich wie Pferde auf einem Karussell abwechseln. Da war einfach kaum Platz mehr für anderes in meinem Leben gewesen.

Es mag nicht glaubhaft klingen. Obwohl ich später in den Sechzigern dann mein ›Vögelchen‹ heiratete und mit ihr bis zu ihrem Tod eine glückliche Ehe führte, bin ich noch heute in Ksenia verliebt. Inzwischen weiß ich, dass es nur die Ausdünstungen der Eiszeitjägerin waren, die diese Leidenschaft für meine Krankenpflegerin erweckten und für die Vorfälle im Lager verantwortlich waren. Aber ich hatte im Gegensatz zu meinen armen Mitgefangenen ein Ziel für meine plötzliche Liebestollheit. Irgendwann war der Duft verflogen und ich erwachte aus dem Rausch. Die lebenslange Liebe ist mir aber geblieben. Und ist es nicht vollkommen gleichgültig, welcher Einfluss sie ausgelöst hat? Hat uns denn nicht die Wissenschaft erklärt, Liebe sei nur eine chemische Reaktion, der wir hilflos ausgeliefert sind? Trotzdem bleibt das eigentliche Geheimnis bewahrt und wir nie offenbart werden. Wir wissen nicht, was das ist: Liebe.

Dies ist erneut einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich könnte weinen. Doch wie kann sich Trauer in eine Seele schleichen, die so wahrhaft lieben darf?

[Zum 19. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod – Lesung (1)

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Willkommen zum 1. Teil meiner Live-Lesung von meiner Kurzgeschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Ich hoffe, die 15 Minuten, die mein kleiner Vortrag dauert, sind nicht dir zu lang. Diese und andere Kurzgeschichten findest du übrigens in meinem Buch „Das Rote Haus“.

 

Ich wünsche viel Vergnügen und würde mich übrigens wirklich über einen Kommentar freuen, ob dir so etwas gefällt und ob ich häufiger auf meinem Blog Lesungen einbinden soll.

Liebe Grüße, Nikolaus