Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Werkstattbericht”

In den Bücherkellern des Vatikans (8)

<– zum 7. Teil …

Er humpelte eilig auf Isa zu, fiel ihr in die Arme und umarmte sie dabei so fest, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Und das wollte er eigentlich auch nicht mehr. Die Tränen flossen ihm reichlich über seine Wangen und tropften von seinem Kinn. Er wusste nicht, ob seine Rührung der Grund war oder der stechende Schmerz in seinem Knie, der diesen nicht enden wollenden Fluss verursachte – wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Tatsächlich hielt der Autor seine Tochter nicht nur deshalb so lange und fest umklammert, weil er sie endlich in Sicherheit und geborgen in seinen Armen wusste. Er hatte noch einen anderen, eigennützigeren Hintergedanken. Er bekam dadurch die Gelegenheit, sich nach den Ereignissen ein wenig zu fassen und zu beruhigen. Allzu viel war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt, hatte sein Leben auf den Kopf gestellt und ihn fast um den Verstand gebracht, hatte ihn verwirrt und verängstigt. Sicherheiten und Weltbilder waren erschüttert worden, er war von unheimlichen Verfolgern gejagt worden und das Leben seiner Familie und sein eigenes wurden bedroht. Klammer war erschöpft, übermüdet, ausgehungert und nun schmerzte auch noch sein Knie nach dem unglücklichen Sturz eben. Er musste schon eine jämmerliche Figur abgeben!

Die Umarmung seiner Tochter gab ihm seine Kraft zurück und langsam ging es ihm wieder besser. Auch der Schmerz im Beingelenk ließ nach. Wenn seine Erlebnisse der letzten Tage ein Roman gewesen wären, den er selbst geschrieben hatte, dann wäre nun eine gute Gelegenheit gewesen, das Wort ENDE unter seine Geschichte zu setzen. Doch solch einen Kniff konnte man sich nur als Schriftsteller leisten. Denn in der Wirklichkeit endete eine Geschichte für den Hauptdarsteller – ihn selbst, Nikolaus M. Klammer – niemals, auch wenn sich die Wirklichkeit, die er in den letzten Tagen erlebt hatte, nicht gerade real anfühlte, sondern eher aus einem Albtraum zu stammen schien. War nun wirklich alles gut?

Er hob den Blick von Isas Schulter, in deren Halsbeuge er bislang seinen Kopf vergraben gehalten hatte. Er fand den geduldigen, aber auch etwas peinlich berührten Augenaufschlag von Marini; während dessen Frau Mercedes kaugummikauend neben ihm stand und sich ganz offensichtlich langweilte. Sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte abgelenkt und flink mit dem Daumen über das Display. Ein Räuspern in seinem Rücken brachte Klammer endlich dazu, zögernd seine Tochter loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Isa lächelte verlegen. Unter ihrer Urlaubsbräune war sie errötet und sie nickte ihrem Vater liebevoll zu.

„Deine Entführer …“, stammelte Klammer mit einem dicken Kloß im Hals, „… haben sie dir nichts getan? Ich hatte solche Sorgen.“

„Mich hat niemand entführt. Haben die Hyänen das behauptet? Nein, nein, das war eine Lüge. Es war zwar ziemlich knapp, als sie mich in dem Lokal in Brasília aufgespürt haben, aber ich konnte ihnen entwischen“, erwiderte sie kopfschüttelnd.

Klammer seufzte erleichtert. Wie er schon vermutet hatte, hatte überhaupt keine Entführung stattgefunden. Die Verbrecherorganisation der Hyänen, die offenbar nicht nur in dem Berlinroman seines Großvaters Sebastian Kerr, sondern nun auch in seinem eigenen Leben eine Rolle spielte, hatte ihm ihr Verbrechen nur vorgegaukelt, um an das Geltsamer-Buch zu kommen. Warum sie dann diese Scharade nicht aufrecht erhalten hatten, konnte er sich nicht erklären und übrigens auch nicht, wie es Isa geschafft hatte, innerhalb von 36 Stunden von der Hauptstadt Brasiliens – was hatte sie eigentlich dort verloren? Sie hätte eigentlich in Lima sein müssen! – nach Rom in die Vicolo della Volpe zu gelangen. Ein Flug allein dauerte schon mindestens fünfzehn Stunden.

Vielleicht geht es den Hyänen ja wie mir und es passiert ihnen alles viel zu schnell, dachte er. Ich habe sie einfach mit meiner Abreise überrascht. Sie mussten ihren Plan mit der fingierten Entführung aufgeben, sich umorganisieren und mir den mörderischen Avvocato auf den Hals hetzen.

„Es ist ja alles gut gegangen, Papa“, unterbrach Isa seine Gedanken. „Aber sag, wie geht es Mama?“

„Gut, nehme ich an. Ich habe ihr irgendeinen Bären aufgebunden, weshalb ich unbedingt nach Rom fahren müsse. Ich glaube, das war auch in deinem Interesse, sie erst einmal aus der Sache herauszuhalten, oder?“

„Ja, das hätte alles noch viel komplizierter gemacht. Mama ist zuhause am Sichersten und am besten aufgehoben. Aber du musst doch hundert Fragen haben …“

„Nur hundert? Ich habe tausend Fragen! Ich weiß überhaupt nicht, mit welcher von ihnen ich anfangen soll. Vielleicht erklärst du mir …“

„Das wird leider noch etwas warten müssen“, wurde Klammer von Verena unterbrochen. Sie war es gewesen, die sich eben geräuspert hatte. Nun stellte sie sich zwischen Vater und Tochter. Die große, blonde Frau drehte ihren Kopf hin und her und musterte die beiden nachdenklich.

„Isa, wie ich erfahren habe, hat dein Vater unser Buch nicht mehr. Er hat es ausgerechnet meinem Welki gegeben und der scheint auch schon eifrig darin gelesen zu haben.“

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick mit den immer neuen Geschichten, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war sicher ja ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zu Ende. Weiterhin vollkommen in ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Wenn alles gut gegangen ist, sitzt Welki im Moment noch immer auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben und in Sicherheit“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt vorhin es für das Beste, ihn dort mit seinem Bier sitzen zu lassen. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“

[Zum 8. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (7)

<– zum 6. Teil …

Nachdem er es sich auf dem Sofa so bequem wie möglich und die Brille aufgesetzt hatte, untersuchte er das Buch genauer. Dabei flatterte eine dunkelbraune Vogelfeder in seinen Schoß. Konsterniert nahm er sie zwischen drei Finger und drehte sie. Welkenbaum hatte keine Kenntnisse in Ornithologie. Er konnte die etwa fünfzehn Zentimeter lange Feder keinem Vogel zuordnen, den er kannte. Wie war sie in das Buch gelangt? Achselzuckend legte er sich vorsichtig neben sich auf das Polster und musterte misstrauisch den Titel der Memoiren. Ihm kam es so vor, als hätten sich die Farben des bunten Titelbildes und auch des Schriftzugs ein wenig verändert, aber dieser Eindruck konnte auch durch die Beleuchtung entstehen. Der Verleger drehte das Buch herum und rückte überrascht die Brille zurecht. Hinten war nicht mehr der Aphorismus von Dostojewski aufgedruckt, der dazu aufforderte, dem Trank der Wahrheit einen kräftigen Schuss Lüge beizumengen, um ihn genießbarer zu machen. Stattdessen las er dort einen Satz von Papst Pius XII.:

»Vielleicht besteht die größte Sünde der heutigen Zeit darin, dass die Menschen angefangen haben, das Sündenbewusstsein zu verlieren.«

Das war schon sehr seltsam. Aber Welkenbaum fand schnell eine einleuchtendere Erklärung für die Veränderungen als die Behauptung der beiden Alten, das Buch würde sich seinen Lesern anpassen. Dies hier war einfach ein anderes Buch! Es ähnelte nur jenem, in dem er im Hotel gelesen hatte.

Ich bin euch auf die Schliche gekommen, dachte er und öffnete endlich schmunzelnd die Memoiren, um in ihnen zu lesen. Gleich auf Seite Eins wurde er in seiner Vermutung bestätigt, denn dort fand er nicht mehr Klammers hübschen Exlibris-Stempel vor, sondern einen handschriftlich unterschriebenen Warnhinweis des Pontifex, dessen Sinnspruch er eben hinten gelesen hatte. Wieder einmal nützte ihm das große Latinum, das er in den späten Sechzigern am Erdinger Gymnasium erwarb, das heute Anne Frank gewidmet ist.

»Höchst geheim! Niemals öffnen!«, übersetzte er die Schreibmaschinenschrift, die unter dem Stempel des ›apostolisch-vatikanischen Geheimarchivs‹ zu lesen war. Das klang ja wie ein Fluch. Geltsamers Memoiren standen auf dem Index der Inquisition und dies war offenbar von keinem geringeren als Pius XII. festgelegt worden, dessen bürgerlicher Name Eugenio Pacelli gelautet hatte. Welkenbaum tastete mit seinem Zeigefinger über die schwungvolle Signatur des Papstes. Er spürte die leichte Erhebung, die die eingetrocknete Tusche hinterlassen hatte.

»Von wegen E-Book«, murmelte er, »diese Unterschrift ist echt …« Ein Rätsel blieb allerdings. Das Pontifikat von heutzutage von Historikern höchst umstrittenen Papstes hatte von 1939 bis 1958 gedauert. Da war der Autor Nikolaus M. Klammer, den der Verleger kannte, noch nicht geboren. Wenn Welkenbaum konsequent war und weiterhin Ockhams ›Rasiermesser‹ verwendete und die wahrscheinlichste Lösung seines Problems für die richtige annahm, dann war dieses Buch nicht von dem Augsburger, sondern von einem anderen, ihm unbekannten Autor geschrieben worden, der ebenfalls dieses sehr österreichisch klingende Pseudonym verwendet hatte. Vielleicht hatte sich ja der Russe so getauft, als er seine Gulagerlebnisse veröffentlichte. Das kam zeitlich eher hin. Ein Unbehagen blieb – denn schließlich spielten die Altersheimabschnitte in den späten Achtzigern. Dies war trotzdem die vernünftigste These, fand Welkenbaum.

Er blätterte zum Anfang und stellte zufrieden fest, dass die Memoiren aus dem Besitz von Pat & Patachon die direkte Fortsetzung der Abenteuer in Antenora enthielt, die er vorher gelesen hatte. Kurz überlegte er noch, was wohl der Nikolaus Klammer, den er kannte, gerade so trieb. Dann nahm er noch einmal einen großen Schluck aus der Bierflasche und begann zu lesen.

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein unglücklicher Sturz war jedoch wesentlich kürzer als der seines Verlegers und das Ergebnis noch schmerzhafter. Klammer stolperte in die kühle, abgedunkelte Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild schließen, das jemand mit einer Fernbedienung ausschaltet. Dann machte er auch schon Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an.

„Aua“, jammerte er und drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und nach Mitleid ausschauhaltenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte.

Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrach. Sie verstummten wie ertappt. Der Mann, der zwischen den Frauen stand, war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur steil zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass sein Gesichtsausdruck wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der angebliche Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht gestern Engold bei ihrem Telefongespräch erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die Einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen in dem Knie, auf das er gefallen war. Seine Suche hatte ein Ende:

Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich; schließlich hatte er sie doch gefunden. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Aber sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch streng geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Abgeklärtheit und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm herab und half ihm zurück in die Senkrechte. Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für Klammer nur noch die Freude des Wiedersehens.

[Zum 8. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Lost in Stream

Liebe unbekannte Leserin!

Ich habe es getan. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine zwanzigminütige Livestream-Lesung veranstaltet! Ich habe am Sonntagnachmittag auf Instagram über mein Smartphone direkt aus meinem Wohnzimmer gesendet und dabei aus meinem neu erschienenen Roman „Aber ein Traum“ vorgelesen.

Ich hatte dabei mindestens einen Zuhörer – allerdings einen analogen, denn Frau Klammerle war mit im Raum (Jemand musste ja auf den Startknopf drücken). Ob mir draußen in der schönen, weiten Internetwelt jemand zuhörte, weiß ich nicht. Aber ich wage es doch zu bezweifeln. Doch deshalb habe ich aber nicht gelesen. Ich habe ja auch nicht weiter Werbung dafür gemacht, sondern mich relativ spontan hingesetzt und gelesen. Ich wollte einfach mit meinen Möglichkeiten experimentieren, mein „Publikum“ trotz dummen Coronazeiten zu erreichen. Wenn ich es nun nüchtern betrachte, war es ein durchaus gelungener Test. Ich komme weit weniger peinlich rüber, als ich befürchtete. Trotzdem war mir nach den 20 Minuten ordentlich heiß … Aber das sind vielleicht nur die Wechseljahre.

Ich würde für dich – die du verständlicherweise den Medien von Mark Zuckerber abhold bist – gerne das IGTV-Video von meiner Lesung einstellen, aber das lässt mein WordPresskonto leider nicht zu. Deshalb gibt es hier nur ein Standbild von dem weltbewegenden Filmchen. Es gibt aber ganz gut die Stimmung wieder, die ich während der Aktion empfand, die schon ein wenig mit Selbstbefriedigung eingefärbt war. Zumindest aber kann ich hier den Link einfügen, der auf Instagram zu dem Video von meiner Lesung führt:

Lesung vom 22.11.2020 – „Aber ein Traum“

Trotz aller Skepsis habe ich mich entschieden, das Ganze zu einer regelmäßigen Aktion werden zu lassen, denn irgendwie hat es mir auch Spaß gemacht. In den vier Quarantäne-Adventssonntagen, die im Dezember folgen, werde ich versuchen, ein kleines Licht anzuzünden und meine Weihnachtsgeschichte „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ in einem Live-Stream vorzulesen. Ich hoffe, dass ich dir damit eine kleine Freude machen kann. Los geht es am

Sonntag, 1. Advent, 29.11.2020, 16:30 Uhr
Live-Lesung auf Instagram

>>zu meinem Konto<<

 

 

In den Bücherkellern des Vatikans (6)

<– zum 5. Teil …

Der Grund, den die Alten vorgebracht hatten, aus dem sie seine Hilfe benötigten, hatte zwar verrückt, aber in sich logisch geklungen. Wie Welkenbaum jedoch aus Roman Gaitanias Werk über Geheimgesellschaften und Verschwörungsmythen wusste, klang jede noch so irre Theorie einleuchtend, wenn man einmal die Tür zur Vernunft hinter sich verschlossen hatte und die durchgeknallten Prämissen nicht anzweifelte. Das Internet war voll von solchen Leuten. Aber – und dieses ›Aber‹ war ein großes:

Weshalb haben sie mich überhaupt entführt? Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Schließlich hätten sie auch geduldig am Nebentisch warten können, bis ich den Roman fertigstudiert habe und mich anschließend einfach befragen können. Die dramatische Aktion, mich in aller Öffentlichkeit auf der Hotelterrasse unter Drogen zu setzen und hierher zu verschleppen, war doch vollkommen unnötig. Oder? Oder …

Der Verleger schreckte aus seinen Gedankengängen in die Höhe und saß alarmiert auf dem Sofa. Es war ein Zusammenzucken seines ganzen Körpers gewesen; ganz so, als hätte er den Kuhdraht berührt, der das Grundstück hinter seiner Villa zum schweigsamen Nachbarbauern abgrenzte. Adrenalin jagte den Blutdruck in die Höhe; der ganze Brustkorb vibrierte durch die kräftigen, schnellen Schläge seines Herzens.

Jetzt noch ein Infarkt, das wäre das Tüpfelchen auf dem I meines Ausflugs in die Ewige Stadt. Rom sehen und sterben, dachte er und fürchtete sich. Ich habe meine Betablocker zuletzt am Morgen genommen, bevor ich mit Verena ›shoppen‹ ging. Wie lange ist das her?

Er hatte an diesem fensterlosen Ort längst jedes Zeitgefühl verloren. Wie lange hatte sein Drogenrausch angedauert? War es noch Samstag oder schon Sonntag; Tag oder Nacht? Auf jeden Fall war es längst an der Zeit, nach seinem Verdauungsschläfchen endlich etwas zu unternehmen.

Ich bin höchstens eine Minute eingenickt, redete Welkenbaum sich selbst ein und zwang sich zur Ruhe. Einatmen … langsam ausatmen! Das wird wieder.
Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf seinen Herzschlag, der tatsächlich langsam wieder ruhiger und gleichmäßiger wurde. Es funktioniert! Obwohl ich schon wieder ein wenig hungrig bin.

Was hatte ihn geweckt? Er sah sich um und entdeckte auf der Schreibtischfläche des Nussbaum-Sekretärs bei der Eingangstür drei gedrungene braune Flaschen ohne Etikett. Der arrogante Blick des Kardinaldekans im Bilderrahmen darüber schien sie missbilligend zu mustern. Diese Bierflaschen hatten vorhin noch nicht dort gestanden. Ein selbstzufriedenes Lächeln huschte über Welkenbaums Lippen, die er in froher Erwartung mit den Lippen anfeuchtete. Seine Drohung, erst dann den Geltsamer aufzuschlagen und in ihm zu lesen, wenn seine Wärter ihn mit seinem Lieblingsgetränk versorgen würden, hatte zum gewünschten Ergebnis geführt. Pat oder Patachon mussten ihm gerade eben jene Flaschen gebracht und ihn dabei unabsichtlich geweckt haben. Doch nun war er wieder allein in dem großen Kellergewölbe – sah er einmal von dem pikierten Geistlichen im Gemälde ab, der mit Welkenbaums Anwesenheit und Person durchaus nicht einverstanden schien.

Der übergewichtige Verleger stand ächzend auf. Das heftige Grummeln, mit dem vorhin sein Magen nach Nahrung verlangt hatte, hatte sich in die Tiefe seines Unterleibs bewegt und zwickte ihn dort nun schmerzhaft. Noch eine dieser dummen Beschwerden, die das Älterwerden so mit sich bringt, dachte er grimmig, meine Prostata geht langsam zum Teufel. Funktioniert eigentlich noch irgendetwas in meinem Körper?

Er benötigte dringend und wenn möglich sofort eine Toilette. Gab es hier so etwas überhaupt? Oder musste er in eine dunkle Ecke? Er musste sein Gefängnis einer näheren Untersuchung unterziehen, denn im Moment sah es ganz so aus, als würde er noch eine ganze Weile hier verbringen müssen. Den vorderen Teil des tonnenförmigen, fensterlosen Gewölbes mit der Chaiselongue, den leeren Bücherregalen und dem Schreibschrank hinter dem vergoldeten Stuhl kannte er ja bereits. Doch den rückwärtigen, schlecht ausgeleuchteten Bereich hatte er noch nicht genauer erkunden können. Dort musste sich noch mehr befinden als eine dunkle Regalwand. Was er brauchte, war ein wenig mehr Licht. Vorhin hatte Pat beim Eintreten an einer Tasterleiste neben der Tür eine hellere Deckenlampe eingeschaltet. Dort gab es noch zwei weitere Schalter. Er trat näher und betätigte sie. Dabei warf er einen begehrlichen Blick auf die mit Kronkorken fest versiegelten Flaschen. Doch er hatte sich im Griff. Sein Durst musste noch ein wenig Geduld haben.

Tatsächlich ging nun auch im hinteren Bereich seines Gefängnisses die Deckenbeleuchtung an und der ganze Raum wurde in ein freudloses, kaltes Neonlicht getaucht. Die hinterste der Lichtröhren brummte und flackerte, aber Welkenbaum konnte nun erkennen, dass sich an der gut zwanzig Meter von ihm entfernten Rückwand seitlich eine unscheinbare Tür befand. Die Regale waren hier auch nicht vollkommen leer. Wie er beim Nähertreten feststellte, standen in dem einen in Kopfhöhe zwei Lautsprecher, aus denen bei seinem Erwachen die barocke Musik erklungen war. Zwischen ihnen war eine neunundzwanzigbändige Cambridge-Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 eingeordnet. Welkenbaum erkannte sie an ihren prägnanten rotbraunen Rücken. Er hätte an diesem Ort eher ein paar zerlese, graue Codices Iuris Canonici erwartet.

Obwohl der Verleger immer von alten Büchern fasziniert war und viel Geld in Antiquariate trug, nahm er sich nicht die Zeit, die alten Bände näher zu untersuchen. Zu seinem Glück erwies sich die Tür an der Rückwand tatsächlich als Eingang zu einer weißgefliesten und erstaunlich modernen Toilettenanlage. Sie war wohl erst vor sehr kurzer Zeit eingebaut worden und roch nach Desinfektionsmittel und Sauberkeit – zumindest anfänglich. Es gab zu Welkenbaums Überraschung sogar ein Bidet. Hier fiel übrigens diffuses Tageslicht durch zwei schmale Milchglasfenster hoch unter der Decke herab. Das Gewölbe, in dem man ihn gefangen hielt, war offenbar nicht so tief unter der Erde, wie er vermutet hatte. Selbst wenn er auf die Toilettenschüssel steigen würde, waren diese Luken viel zu weit oben angebracht, um sie untersuchen zu können. Immerhin: Der Verleger wusste nun, dass es helllichter Tag war – auch wenn ihm noch immer nicht bekannt war, welcher. Er wusch sich aufmerksam die Hände und trocknete sie am Gebläse, bevor er das WC wieder verließ.

Nun gab es keinen Grund mehr für ihn, die Lektüre von Dr. Geltsamers erinnerten Memoiren weiter hinauszuschieben. Aber zuerst war noch etwas anderes zu erledigen. Er ging zum Sekretär zurück und stöberte in dessen leeren Schubladen. Eigentlich suchte er einen Flaschenöffner, doch er fand keinen. Immerhin entdeckte er dabei eine Lesebrille in seiner Stärke. Sie war rechteckig, hatte ein schmales, angelaufenes Metallgestell und lange, um die ganzen Ohren herumlaufende elastische Bügel. Der Geistliche auf dem Gemälde trug solch eine Brille. Vielleicht war es auch seine. Auf jeden Fall diese Antiquität gute Dienste erweisen. Da er in den anderen Abteilungen des Schreibschranks nichts entdeckte, schlug er den Kronkorken einer der Bierflaschen kurzerhand gegen die Tischkante und brach dabei mitleidlos ein Stück vom Furnier des sicherlich wertvollen Sekretärs ab. Im Stehen trank er und leerte die Flasche, ohne sie einmal abzusetzen. Es war ein süffiges, braunes Kellerbier und hatte wohl vorher in einem Kühlschrank gestanden, denn es hatte genau die richtige Temperatur. Ob der Papa emeritus den Verlust bemerken würde?

Welkenbaum ging es nun auf jeden Fall viel, viel besser. Er bemerkte, wie sein Tatendrang zurückkehrte. Er entsiegelte lächelnd auf dieselbe rohe Weise wie gerade eine zweite Flasche und stellte sie sich in Griffweite neben die Chaiselongue. Erst danach ging er hinüber zum Regal, um sich seine Zwangslektüre zu holen. Das dicke, schwarze Buch schien sich nicht verändert zu haben. Aber warum hätte es das auch tun sollen? Egal, was Pat & Patachon sagten, es war nur ein Buch.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

 

»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

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