Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 2

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird voraussichtlich mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier noch eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
demnächst erhältlich gebunden und als E-Book

*

 

Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei. Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klam­mer, Dr. der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer ab­schätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfund­fünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewor­denen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Ver­mutungen darüber angestellt, ob Klammer sie wohl färbte.  Ob­gleich er Saphers direkter Vorgesetzter war und sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür sa­ßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charak­ter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von des­sen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum be­merkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachfor­schungen überrascht festgestellt, dass der belesene Klammer über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächt­nis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpas­sagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Dr. be­gegnete, weder geglaubt, dass es Menschen geben könnte, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch hatte er jeman­den außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsa­me, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anzie­hende Weise über nahezu jedes Thema zu räsonieren verstand. Sapher nahm an, der unverheiratete Dr. hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutun­gen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klam­mers wusste; er konnte ebenso gut auch wie ein Mönch le­ben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer ir­gendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vor­gesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ih­nen ging er nur selten über die Belange der Behörde hin­aus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Dr. ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halb mythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit muss­te es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direk­tor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sa­pher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oje!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klam­mer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sa­pher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuch­te er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiund­dreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Am­tes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuord­nen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Le­benslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gym­nasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten ge­führt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorge­setzten und dessen unergründlichen Launen auseinander­setzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem flei­ßigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stür­men freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskolle­gen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abwei­send. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichge­stellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher er­wartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Dr. einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rü­cken befand. Er wandte sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau nä­herkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übri­gens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdres­sed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung un­terstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe ge­riet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Dr. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier fin­den könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Grie­chenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig und beugte sich halb zu ihm über die Tischplatte zu ihm hin.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang be­schäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein eng geschnittenes, grauka­riertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Ge­ruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erin­nerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehe­mann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten be­wusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen sei­ner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig ge­wordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaf­fees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die bei­den seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstan­tin Papadopoulos Kata … tasakinthoki … kiakis«, entzif­ferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vor­wurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstver­ständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum küm­mern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name fran­kophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.

»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu ei­gen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib be­scherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Na­men des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klam­mer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in mei­nem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländi­schen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmen­den Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasa­kinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Ge­duld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesen­heit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand nä­her an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsäch­lich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gese­hen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 1

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier schon mal als Leseprobe für die ein oder zwei treuen Leser dieses Blogs ein paar Abschnitte des ersten Kapitels dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
erhältlich gebunden und als E-Book

 

 

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung ei­nen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus eu­phemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philoso­phie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der lustvoll hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu genießen.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Aber wie so oft verste­he ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufz­te. »Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich jetzt zugeben: Ich verstehe Ihre Plaudereien eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter an der Behörde und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit … ich weiß nicht, mit jemandem an einem ande­ren Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Ihre Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur …«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem einge­frorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete:

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zuein­ander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzei­hen Sie mir. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter und – im positiven Wortsinn -, ein einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das nun sage, als eines der seltenen lobenden Worte aus meinem verbitterten Mund. Denn Ihre Rasse und Ihresgleichen, die doch den Staat erhalten, sind im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie jedoch sind einer der letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder Computer – von Dingen übrigens, von denen ich eh nichts verstehe.« Klammer wandte seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm nun zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.  »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivi­list – der letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, ein homerisches Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sa­pher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch endlich den ersten Satz des Werks, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eige­nen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: „Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauten, so schnell al­terte und zahnlos wurde, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schälte sich täppisch die ge­beugte Silhouette des letzten Beamten …“«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist dieser Bixiou, von dem Sie eben sprachen?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traum­haften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abs­traktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen -, wehe ihm, wenn irgendein Lärm an sei­ne Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefäng­nis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch. Wahrscheinlich zitierte er wieder einmal einen Autor des 1. Jahrhunderts, in dem er sich besonders wohl fühlte. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell, denn alles, was er irgendwann gelesen oder aufgeschnappt hatte, konnte er lückenlos und fehler­frei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tat­sächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles Weitere sind Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im Übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er legte die Hände vor seinem Mund wie zu einem Gebet zusammen. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr von sich lassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslo­sen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so …, na, so schnell altert … und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle ver­schwendet. Wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben. Es ist Bruchwerk, niedergeschrieben auf einem von der Zeit zerfressenen Pergamentfetzen. Es ist ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Sat­zes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment, das doch Großes hoffen lässt, schenke ich Ihnen. Die­ses bewe­gungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Es ist ein Satz für Sapher.« Atempause. »Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürli­chen und humorvollen Gottheit verdanken Sie ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die So­natine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteratio­n, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: „… geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt.“ Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poe­ten gibt, deren Name allein schon ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, Durs Grünbein. Schrecklich, nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dage­gen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, das Distichon. Benjamin Sa­pher, man muss Ihren Namen laut und mit französischer Akzentuierung aussprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Dr., der mit jedem Atemzug, den er machte, auf ein neues The­ma zu stoßen schien.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem El­sass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Vous appelez un chat un chat! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das un­sere ist er leider denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen – oder wie wäre es mit Schwerdgeburth? Das ist ein beredter, ein wunderba­rer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht ent­sinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den „Spazier­gang nach Syracus“ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde jedoch im Folgenden einen Hauch schärfer und kälter. Es war nur ein ephemerer Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkei­ten, doch als er fortfuhr, genügte jener Hauch, Saphers Selbstzufrie­denheit über seine Schlagfertigkeit wie einen Krümel hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis wieder herzu­stellen:

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum auch nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungs­schwanger, mit Inhalt und Symbolik überfrachtet. Niko­laus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meis­ter, Peter Kien, Stil­ler, Herr Keuner oder Darth Vader; da schwingt viel zu viel mit. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn über­haupt. Sie dürfen mit dem Namen Ihrer Hauptfigur nicht gleich den ganzen Roman verraten. Neh­men Sie etwas opakeres, verschlüsselteres. Oder – noch besser -, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie so viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das merkwürdige Gespräch gerne beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Dr., aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?«, fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits ein paar Minuten danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Krea­tive Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator an­genehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Ge­danken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten. »Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter eh nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten. Es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber indem wir sie warten lassen, schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungedul­dig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Ei­fersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder einen Zettel mit einer niedrigeren Nummer in den Fingern haben, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignie­rendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben die­se Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Warum stricken sie nicht einen Pullover? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch ei­nen Zeitvertreib verkürzen wollen- Denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute, bilden sie sich ein, sind sie nicht schon wieder um­sonst gekommen, sondern sie werden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Das ist wie beim Lotto spielen. Solange die Ziehung der Zahlen noch nicht war, bin ich Millionär. Und gleichzeitig spüren die Leute: Es gibt noch etwas anderes, als wie Estragon  auf den Fluren von Behörden vergeblich auf das Erscheinen von Go­dot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das un­sere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Dr.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschät­zenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zy­nisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie des­halb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhal­ten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, Herr Dr. Klammer, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorge­setzten sprach er einen Gedanken nicht aus. »Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht.

Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

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(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Donnerstag, 13.06.19 – Auf gepackten Koffern

Donnerstag, 13.06.19
?. Fastentag, ich zähle nicht mehr mit

 

Nachdem wir gestern wieder aus dem Lechtal zurückgekehrt sind, ziehe ich mal eine kleine Zwischenbilanz. Bis jetzt ist dieser Urlaub so entspannend wie schon lange keiner mehr. Das Wetter war größtenteils schön und die Wanderungen inspirierend. Ich fühle mich wie schon lange nicht mehr im Einklang mit mir selbst und das Leben ist schön. Heute ist ein Zwischentag, um zuhause Blumen zu gießen, den Rasen zu mähen, die Räder herzurichten, ein paar Einkäufe zu erledigen und die benutzte Wäsche zu waschen und die Koffer neu zu packen, um dann morgen in aller Frühe mit einem kleinen Zwischenstopp in Rüdesheim am Rhein in die niederländische Provinz Limburg zu fahren, wo wir die nächste Woche mit Radfahren, Wandern und Städtetouren verbringen wollen. Wir haben es uns inzwischen angewöhnt, größere Strecken nie in einem Rutsch durchzufahren, sondern etwa bei der Hälfte eine Pause von ein-, zwei Tagen einzulegen, damit die Seele hinterherkommen kann und wir nicht als bleiche Zombies an unserem Ziel ankommen. Am Rheinsteig waren wir noch nie. Diese „Rhythmisierung“ hat sich inzwischen bewährt. Am nächsten Sonntag geht es dann auf ähnliche Weise wieder zurück ins heimatliche Augsburg, wobei noch nicht genau feststeht, wo wir pausieren werden.

Außer einigen Büchern(1) werde ich mir auch ein wenig Arbeit in den so fernen Norden mitnehmen. Da ist zum einen der 2. Teil von „Der Weg, der in den Tag führt“, an dessen letztem Kapitel ich arbeite (Ich veröffentliche hier trotz Pause an jedem Sonntag ein Stück von dem Roman – inzwischen kann man etwa 300 Seiten dieses Romans hier lesen) und werde mein Korrekturexemplar von „Nutzlose Menschen“ nach Fehlern durchgehen. Dieses Buch aus meinem „Jahrmarkt-in-der-Stadt“-Zyklus will ich Ende Juli in meinem kleinen, exklusiven Eigenverlag veröffentlichen (Hier kann man ein wenig reinlesen). Ich habe zwar inzwischen keinerlei Hoffnungen mehr, aber vielleicht interessiert sich ja doch jemand für meine Texte.

Der Weg ist das Ziel

Grüße, Nikolaus

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(1) Da ich mich mit meinen Urlaubslektüren immer dem Land anpasse, das ich besuche, habe ich diesmal den „Psalmenstreit“ von Maarten ‚t Hart und „Kriegslicht“ von Michael Ondaatje dabei – wobei letzterer etwas gemogelt ist, da er eigentlich ein kanadischer Schriftsteller niederländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft ist.

Vorankündigung: Jahrmarkt in der Stadt – Band 2

Ja, der Sommer war groß. Aber jetzt ist wirklich es an der Zeit. Auch wenn dieser Oktober noch immer ein wenig nach Juni riecht, schlendere ich nun in meinen persönlichen Bücherherbst hinein, in jene zum Lesen und Schreiben prädestinierte dunkle Jahreszeit, in der man vor dem offenen Kamin am Buchenfeuer in seinem Lehnstuhl sitzt, Lebkuchen isst, am schwarzen Tee mit Wildkirscharoma nippt und über sein Leben und die verlorenen Chancen des vergangenen Sommers nachsinnt.

Wie heißt es doch so schön am Ende von Rilkes berühmten „Herbsttag“:

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Mitte November (den genauen Termin erfahrt ihr noch) werde ich mit „Die Wahrheit über Jürgen“ den 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlichen. Meine Helfer und ich arbeiten gerade am  Endlektorat.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 2
Die Wahrheit über Jürgen
Ein Künstlerroman von
Nikolaus Klammer
(270 Seiten, als Softcover oder E-Book bald überall im Buchhandel erhältlich)

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter … oder die Kunst.

Eine Stadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt der Erfolg wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Stadtrat?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

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