Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Die dicken Bücher und ich

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

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(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.7)

[Zum 1. Teil]

„Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt“, murmelte er. Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet.

„Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird“, sagte sie und holte aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde misstrauisch von dem Mann mit der Pistole, die Karl May als einen „Schießprügel“ bezeichnet hätte, beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

„Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?“, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte und Welkenbaum reichte, bevor sie ihm die eckige Weinflasche wie ein Somelier zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc“, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: „Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.“

„Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine“, kicherte sie und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den er onehin schon vermutet hatte.

„Dieser hier ist aus der privaten Reserve des Papa“, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum po Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in den Leib Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der Alten zum Nachschenken entgegen. Dann konzentrierte er sich auf sein Essen. Schließlich schob er den Teller, den er vollkommen geleert und mit dem Kanten Brot ausgewischt hatte, zur Seite und trank den Rest des Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos dabei zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

Era molto buono!”, sagte er dann und ahmte unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. „Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu süß. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise bayerisches? Schließlich ist doch der papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus übrigens nur einen Katzensprung von meiner Villa entfernt liegt.“ Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

„Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist.“

„Aber nun lassen Sie uns endlich reden!“ Welkenbaum schob den Stuhl etwas zurück. „Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig einer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen eine Einladung zur Papstaudienz, da hätte es doch wunderbar gepasst.“

„Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …“

„… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Aber wo sind unsere Manieren?“

„… wenn wir uns vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir arbeiten offiziell für den Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …“

„… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Es ist eher … privater Natur. Doch kommen wir nun zum Grund Ihres Aufenthaltes.“

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Er entschied sich, das Paar bei sich „Pat und Patachon“ zu nennen, nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

„Sie müssen uns einen Gefallen tun.“ Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Wand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand ein dicker, schwarzer Band darin, den er sofort am Titelblatt erkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memorien!

„Sie haben mich wegen des Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?“, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

„Wer ist Nikolaus Klammer?“, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob die Hände.

„Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.“

„Tatsächlich?“, fragte der Alte. „Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie?“

„Das ist egal“, mischte sich seine Schwester ein. „Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore.“

„Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon eine Droge ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlas? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos aus dem Raphael schleppen und hier in diesen muffigen Keller transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:
„Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.“

„Leider ist es das nicht, sonst hätten wir Ihnen niemals diese Inkommoditäten bereitete. Ich versichere Sie, dass wir Sie auch sogleich freilassen werden, wenn Sie das Buch studiert haben.“

„Uns ist es leider nicht möglich, darin zu lesen.“

[Zum 8. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

Das Spiel – Erzählung (2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

Das Spiel – Erzählung (1)

DER SOLDAT. DER DURCH DEN WALD HASTETE. WAR MEIN VATER

die Hose schlotterte am Bund. da ich keinen Gürtel trug und Hosenträger verachte. blieb mir nichts übrig. als die Hose. regelmäßig. in die Höhe. den Bund über den Nabel und über das Hemd zu schieben. dennoch hatte ich das Gefühl. ständig. mir schlottere der Schritt in den Kniekehlen. ja. das war widerlich. tatsächlich. jedermann musste glauben. ich hätte in die Hose gemacht. zudem ich auch noch sehr breit ging. um ein Rutschen zu verhindern.

es war eine Stoffhose. meine einzige. sie war grau. Fischgrätenmuster. dunkel. Mutter hatte mich angefleht. komm in ordentlichem Zustand ins Krankenhaus. Vater darf sich nicht aufregen.

es war ein Novembertag. kühl. aber freundlich. ich weiß noch. ab und zu traf mich ein Windstoß scharf. verspielt. er zerrte an der Kleidung. mutwillig. und an den Haaren. es war Nachmittag. früh. der Himmel war durchsichtig. die Stadt lag ruhig und klar. glänzte in einer Transparenz. unwirklich. die Bäume erbrachen sich auf die Straßen. bunt. ich ging. versäumte die Straßenbahn. absichtlich. mir lag nichts daran. pünktlich zu sein.

Vater lag im Krankenhaus. man hatte ihn operiert. wieder. zum dritten. nein. vierten Mal hatte man seinen Unterleib aufgeschnitten. dazwischen machte man Tablettenkuren. bestrahlte. bis er ein Loch im Rücken hatte. chemische Keule. aber das war nur Aktionswut der Ärzte. Vater starb trotzdem. mit jedem Tag ein bisschen mehr. ein wenig schneller. sein Kampf gegen die Wucherungen an der Prostata war vergebens. längst. ein Rückzugsgefecht. es fraßen sich Metastasen die Wirbelsäule empor. alle hatten ihn abgeschrieben. für tot erklärt. auch die Ärzte. wir warteten auf das Ende. Aber dieses Warten zog sich hin. lange. Vater war zäh. war es immer gewesen. er war der einzige. der nicht aufgegeben hatte. er vermochte nicht an sein Schicksal zu glauben und so lange er das nicht tat. verzögerte er das Unvermeidliche.

aber jetzt. im November. stand es um ihn schlecht. Mutter hatte am Telefon gesagt. es sei vielleicht ein Abschiedsbesuch. wenn also noch ein Gefühl für die Familie und meinen Vater in mir geblieben war. übrig. dann musste ich kommen. sagte sie. weinend. er wolle mich sehen. das sei sein Wunsch. während ich flüsterte. begütigend. Trostworte. halbherzig. wusste. fügte sie hinzu. aber zieh dich anständig an.

ja. Mutter. ja. ich komme. nein. ich werde ihn nicht reizen.

ich kann nicht sagen. ob ich Angst vor einer Begegnung mit dem Sterbenden hatte. es war Unbehagen wegen dem Krankenhaus. das ich empfand. deshalb ging ich durch den Herbst. langsam.

sie erwarteten mich vor der Eingangstür. ungeduldig. sie hatten sich vorgenommen. nicht ohne mich bei Vater zu erscheinen. Mutter knitterte bereits das Taschentuch. obligat. tränenfeucht in den Händen. Bruder. überlegen und ruhig. in sich selbst ruhend. spielte mit dem Autoschlüssel. lässig. seine Frau trug ein Bündel Mensch. vorsichtig. auf dem Arm. meine Nichte. in jedem Blick war Vorwurf. es hätte nicht viel gefehlt. ich wäre umgekehrt. auf der Stelle. und hätte mich in der Stadt betrunken. wenn mich Mutter nicht am Arm genommen hätte. Fusseln von meinem Mantel streichend.

wir fuhren hinauf in den fünften Stock. in die chirurgische Abteilung. wir schwiegen. waren uns der Nähe. die uns der Aufzug bescherte. bewusst. peinlich. ich las. die Bedienungsanleitung. die in ein Metallschild gestanzt an die Wand des Fahrstuhls geschraubt war. es war keine Besuchszeit. offiziell. nur Personal weiß gekleidet lief auf den Gängen. geschäftig. es waren gut gelaunte Menschen.

ich weiß nicht. ob ich beschreiben kann. was ich empfand. Ich könnte schreiben. ich empfand nichts. das kommt meinem Gefühl nahe. aber es ist nicht die Wahrheit. auf eine Weise. schwer zu erklärend. war da etwas wie Trauer. war mir nicht wohl in meiner Haut. Das erzeugte auch die Atmosphäre des Krankenhauses. der Geruch. steril. abgestanden. in den Gängen. eine Anspannung der Erwartung. flau. war in mir. sie hielt mich gefangen. Unsicherheit. jeder Schritt war gewichtig und zögernd.

mein Vater lag in dem Zimmer. allein. obwohl noch ein zweites Bett drin war. das war ein Privileg für den Sterbenden. wenn ich eine Auswahl an Kranken gehabt hätte. wäre ich ans falsche Bett getreten. Vater war kaum wieder zu erkennen. ich erschrak bei seinem Anblick tief. wann hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. vor einem Monat. gut. dachte ich. ich hatte ihn als Bürger in Erinnerung. zufrieden. vom wohlstand genährt. Die Hände über dem Bauch verschränkt. mit einer Trainingshose bekleidet. saß er in einem Sessel vor dem Fernseher. bequem. eine Flasche Bier war in Greifweite.

der Mann. der hier lag. erschöpft. aufmerksam die Umgebung beobachtend. nicht die Augen. gelb bewegten sich. der Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. dieser Mann. der hatte nichts mit meinem Vater gemein. der Mann war mager. bis auf die Knochen. seine Haut spannte sich über seinen Schädel. dessen Form war deutlich sichtbar. er hatte jetzt eine Hakennase. man konnte durch die Lippen. halb geöffnet. seine Zähne sehen. Die Stirn. die höher war. als ich sie in Erinnerung hatte. glänzte. schweißig. fiebrig. Auf dem Arm. der mit einem Tropf verbunden war. traten Adern hervor. fingerdick. verhornt. sein Adamsapfel. scharf. hart. durch die Lage seines Kopfes. leicht nach hinten geneigt. stach empor. machte heftige Bewegungen. als er uns zum Bett treten sah. dann entdeckte er mich. ich schob mich als letzter heran. im Schutz der anderen.

ja. er war es. jetzt erkannte ich ihn an seinem Blick. meine Schwägerin hielt ihm ihr Kind hin. unruhig. abgelenkt. streichelte er es. ohne den Blickkontakt zu mir zu unterbrechen. Bruder hatte versucht. Vaters Zuneigung mit Kindern zu kaufen. aber Vater war nicht zu haben. so billig. zudem hatte Bruder nur eine Tochter zustande gebracht.

nein. Vater sah mich. kurz verstanden wir uns. begannen wir eine Kommunikation. tastend. stumm. standen nackt voreinander. nur ein Blick hatte genügt. unvorsichtig. unsere Masken herunter zu reißen. In diesem Moment wollte ich Dinge sagen. die mir wichtig schienen. die zwischen uns ungesagt geblieben waren. bisher. es war mir nicht möglich. den Mund zu öffnen. zu beginnen. ich erkannte sofort. er liebte mich. die ganze Zeit hindurch. all diese Jahre. geliebt hatte. er immer nur mich. sein Blick. zärtlich. den er mir schenkte. sprach davon. früher hatte er mir seine Liebe nur zeigen können. in dem er mich quälte. jetzt sah mich. wie ich wirklich war: ein Kind. das sich vor dem Leben zu Tode ängstigt. verunsichert. verwundet.

dann war es vorbei. die Verbindung riss. schnell. brutal. Vater blinzelte krampfhaft. hatte Schmerzen. plötzlich. ich sah sie seinen Körper empor kriechen. fast empfand ich sie selbst. er sah an mir herab. da war sie wieder. die Ironie. hinter der er sich versteckte.

hat dich Mühe gekostet. die Hose anzuziehen. bist sogar jetzt nur halb drin. sagte er. lachte. voll. laut. das war seine Art. die Schmerzen zu bewältigen. er tat mir weh. ich schämte mich. nicht wegen der Hose. wieder herab gerutscht. weil er mich so wehrlos erwischt hatte. ich war hilflos. unfähig. mich zu wehren. gegen seine Krankheit kam ich nicht an. hinter ihr konnte er sich verschanzen. sie nutzen. als Angriffswaffe. um seine Wut loszuwerden. gegen uns Gesunde.

von diesem Augenblick an wollte ich aus dem Zimmer zu kommen. ich hatte kein Verhalten mehr. ich lehnte mich gegen die Fensterbank. halb im Trotz. und sah. hinaus. den Kopf zur Seite gewendet. dort war nichts zu sehen. außer dem flachen Dach eines Gebäudes. vorgelagert. niedrig. Äcker trist. und in der Ferne der Strich eines Waldes. undeutlich. dunkel. er beschloss den Horizont. von dort zog Nebel auf und verdüsterte den Novembernachmittag. ich tat. als beschäftige mich der Ausblick. dieses Land des Nebels und der Kälte.

die Aufmerksamkeit meines Vaters ließ von mir ab. er fand Worte für die anderen sprach mit Mutter. liebevoll. während sie in der Tasche kramte und Lebensmittel zu Tage förderte. die er annahm. gutmütig. spöttelnd. er war nicht gewillt. sie zu essen. er würde sie statt dessen unter den Nachtschwestern verteilen. immer hungrig. aber Mutter hatte Krankheit auf Ernährung reduziert. nahm den Begriff Lebensmittel wörtlich. Sie wollte Vater essen sehen. dabei hoffen. es war ihre Art. das Unfassbare zu bewältigen. den Tod. vielleicht war es nicht die schlechteste.

Bruder sprach dann von Berufserfolgen. und Vorgesetzten. die seiner Karriere im Weg waren. seine Frau nickte dazu. gewichtig. das Kind war eingeschlafen.

eine wunderschöne Familienidylle. dachte ich. sie ist ein Foto wert. das wäre das letzte mit Vater. die Enkelin. schlafend. an seiner Seite. ein Foto zum Erinnern. ein Foto zum weinen.

dann war Leere. ich kann mich nicht erinnern. was geredet wurde. wer wen betrachtete. aber es verging einige Zeit. Bruder legte seine Jacke ab. legte sie über eine Stuhllehne. sorgfältig. ihm wurde warm in dem Krankenzimmer. überheizt. ich hätte es ihm gern nachgemacht. aber ich wollte. den Eindruck erwecken. ich sei auf dem Sprung.

ich schälte eine der Clementinen. die Mutter Vater gebracht hatte. ein Geruch scharf. sauer. stach mir in die Nase. mechanisch aß ich einen Schnitz nach dem anderen. ohne auf den Geschmack zu achten. ich tat es. um mich zu beschäftigen. die Zeit dehnte. wurde mir zu lang. auch das Dach vor dem Fenster Kies geschottert. die Nebelschwaden. träge wandernd. über den Äckern wurden langweilig. da entdeckte mich Vater wieder.

hast du nicht zu sagen. sei nicht so schweigsam. erzähl. wie geht es dir denn. was macht die Arbeit.

vielleicht unterstellte ich ihm die Absicht. böse. aber ich hatte das Gefühl. es interessierte ihn einen Dreck. wie es mir ging. er wollte mir nur deutlich machen. wie unbedeutend mein Wohlergehen neben seinem Zustand war. er erwartete meine Gegenfrage. höflich. wie es ihm denn ginge. um von seinem Los zu berichten.

auch wenn er recht hatte. es gegen sein Leid bedeutungslos war. wie es mir ging. war ich nicht gewillt. darauf einzugehen. ich erzählte von mir. stockend. reihte Belanglosigkeiten aneinander. Bruder hörte zu. ernst. Mutter schüttelte den Kopf. resigniert. Aber Vater lächelte. suchte nach dem Wort. das er aufgreifen. nach der Entgegnung. mit der er mich verletzen konnte. ich hatte mich gut unter Kontrolle. gab ihm keine Gelegenheit. deshalb erlahmte sein Interesse bald. er unterbrach mich. begann vom Klinikalltag zu sprechen. er ermüdete dabei. wir bereiteten uns auf den Abschied vor. den wir insgeheim alle ersehnt hatten.

Bruder benutzte seine Tochter als Grund. die jetzt doch ins Bett müsse. so gesehen. als Ausrede ist ein Kind vorteilhaft. unangenehme Besuche zu kürzen. Mutter küsste Vater. vorsichtig. wir Kinder gaben ihm die Hand. er hielt meine fest. länger und fester. als es nötig gewesen wäre. er sah mich an. stumm. da war es wieder. in seinen Augenwinkeln. ganz kurz nur. das Verstehen. zumindest ein Anflug von Begreifen. Es beengte mein Atmen. ich spürte Trauer bei diesem Abschied. der gerade noch eine Erleichterung war.

ich komme bald wieder. log ich.

wir müssen endlich mal miteinander reden.

sein Kopf zuckte zur Seite. unwillig. dann wieder zu mir. er verstärkte seinen Händedruck.

dann machte er mit ein paar Worten alles wieder kaputt.

dein Händedruck ist schlapp. Michael. sagte er. mutwillig.

ich weiß nicht. warum er das tat. warum er uns keine Chance gab.

ich weiß so vieles nicht von ihm. das wichtig ist. ich floh aus dem Krankenzimmer. eilig hinter den anderen her. ein Abschiedswort murmelnd. draußen standen wir alle im Gang. noch eine Weile verlegen.

einige Stunden später lernte ich Petra in einer Diskothek kennen. ich litt an dem Krankenhausbesuch. die Clementine. verdorben. arbeitete in meinem Magen.

dein Händedruck ist ziemlich schlapp.

es waren die letzten Worte. die ich von ihm hörte.

er starb in der darauf folgenden Woche. qualvoll beendete er das wenige Leben. das ihm noch geblieben war. es verlöschte in einem Schmerzenstaumel. den Morphium nur unwesentlich zu dämpfen vermochte.

Mutter war die ganze Zeit bei ihm. pflichtgetreu. sie wachte bis zum Schluss an seiner Seite. das war tief in der Nacht.

Bruder und ich besuchten den Sterbenden nicht mehr. so fremd wir uns waren. da waren wir uns gleich. obwohl wir uns dessen schämten. hatten wir mit dem Mann. der da starb. nichts mehr zu tun.

wir fühlten uns vaterlos. beide. obwohl ich schon damals wusste. ich belog mich nur selbst. ich habe nicht geweint. als mich Mutter in jener Nacht anrief. trotz ihrer Tränen gefasst und der Verantwortung bewusst. ich war müde. erstaunt. unsicher.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.6)

[Zum 1. Teil]

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hinmoderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem, unaussprechlichem roch. Sein linker Arm konnte diese Bewegung nicht mitmachen, wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste. Sein Handgelenk war mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden. Er landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa – Chaiselongue wäre wohl die bessere Bezeichnung gewesenauf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich dmit der freien Hand die wehe Stelle. Dann steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden hockte und nach etwas suchte, mit dem er um sich schmeißen konnte. Nur die Frontseite des Raums, in dem die Tür war, war anders. Hier standen ein alter, wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeteter Stuhl an der Ziegelwand und über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten, aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Er verstummte und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei „Siamesen“ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte; die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins.

„Himmel hilf!“, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, dass es solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Roman-Klonen und apokalyptischen Netflix-Serien im wahren Leben gab. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente auch noch die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase und überdeckte appetittlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Der wahrscheinlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als er eben noch geschimpft hatte.

„Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …,“, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

„… dann können wir Sie von ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger“, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob die Linke, in der er einen übervollen Ring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurecht kommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

„Gut, dann halten Sie jetzt still.“ Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher und kramte mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herabbeugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

„Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt“, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, „und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen.“ Er deutete auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sektretär. „Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht ausprobieren, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.“

„Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt“, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete „und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore.“

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Die Kugel darin würde ihm wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen, wenn der Alte die Antiquität abfeuerte. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine misszudeutende Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

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