Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (2. Teil)

 

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Der Engel im Spiegel

Wenn man nun dermaßen über sich selbst nachdenkt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einzusehen, dass derjenige frei handelt, der tun kann, was er will und unterlassen kann, was er will, und dass Freiheit nichts anderes ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.“

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klärungsversuch drei: annäherung.

der reine ich bin versucht zu sagen nackte physikalische vorgang ist keiner der anstrengung oder gar schmerz bereitet bereits als kind hatte ich keine probleme einen oder mehrere schritte zurück zu gehen ich schließe die augen sehe mit dem inneren blick in den spiegel meiner selbst zähle langsam rückwärts von zehn auf null und während dieses zögernden versenkens des rückzugs in den selbstpanzer stelle ich mir die szene um und so plastisch vor wie nur möglich versuche alle umgebung wiederzuerwecken geräusche gerüche licht und das spiegelbild für das es keine worte gibt da sie nur leere abstraktionen für ehrfurcht sind das ist nicht schwerer als joga selbsthypnose autogenes training lange geübt perfektioniert und in neunundneunzig von hundert fällen geht alles glatt ich rutsche zurück:

Irgendwann wird es mich töten und auch die anderen werden totbleiben.

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drängend: In der Mitte Italiens sind Öffnungszeiten nur ein unverbindlicher Rahmen. Dennoch waren der ältere Mann und ich schon etwas spät dran, wenn wir noch auf den Turm steigen wollten. Aber sein bedauernder Blick zurück auf den Tisch, auf dem eine neue Karaffe Brunello stand, war nur kurz. Ich schob ihn über die flimmernde Ziegelröte der Piazza, sanft die Hand auf seine Schulter gelegt, dabei genau den nötigen Druck ausübend. Es tat Not, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick verlor Stimmung, die ich vorher mühsam aufgebaut hatte. Und ich hatte keine Lust, alles noch einmal von vorne zu beginnen. Dies war der letzte Versuch.

Nehmen wir an, wir haben gar keine Möglichkeit“, flüsterte ich ihm daher mephistophelisch schmeichelnd ins Ohr, zum ersten Mal seinen Geruch aufnehmend, „denn wir sind determiniert. Alles ist uns vorbestimmt und unser Leben scheint uns nur voller Alternativen, obwohl sie keine sind.“

Er roch nach Zimt, Rotwein und ein wenig auch nach Schweiß, eine scharfe, appetitliche Mischung. Wie gewünscht blieb er stehen, wandte sich halb zu mir. Der Respekt kehrte zurück und ich konnte mich vorbereiten; atmete die Umgebung ein. Vom Tor her trat eben eine Gruppe Touristen auf den hitzestarren Platz, folgte nur widerwillig der kulturtrunkenen Führerin. Immer häufiger zuckten die Blicke neidisch und ungeduldig hinüber zum Cola-Automaten der paninoteca und zu den staubigen Postkarten vor dem tabaccaio. Dieser Menschenhaufen belastete die perfekt erhaltene Renaissance-Symmetrie der Piazza und brachte sie fast zum Kippen.

„… mit einem Geschlechterturm aus dem trecento, bis hinein ins 16. Jahrhundert mehrmals aufgestockt … die Kaufmannsfamilie hatte … Wappen an der Westfront belegen, beste Kontakte zum Bankhaus ‚Fugger’ … ja, hier ging die Handelsroute über Perugia nach Rom …“, hörte ich Mosaiksteine von Lexikonwissen über der Reisegruppe ausgeschüttet. Ich überlegte, ob eine Korrektur sinnvoll war. Aber nein, der Moment war zu perfekt.

wie zum Beweis: „Das ist doch meine Angst“, erwiderte mein Freund und machte einen Schritt in den Schatten des Turmes, der den Platz inzwischen als dunkler Fluss in zwei Ufer teilte, „auch unsere Taten, auf die wir stolz sind, unsere Entscheidungen und Liebeserklärungen sind möglicherweise nur Wirkung. Versteh’ mich recht!“ Er hob einen mahnenden Zeigefinger, während sich die Hand zur Faust ballte. Mir war, als wolle er diese Gedanken festhalten und nie mehr loslassen. „Alles was wir machen und sagen, hat Ursache. Das ist banal und es beunruhigt mich nicht. Schrecklich ist jedoch die Umkehrung.“ Kopfschütteln. Eine kurze Pause: Etwas bleibt ungesagt. Dann erneutes Kopfschütteln: „Ich glaube, mich für eine Alternative entscheiden zu können – doch das ist Trug, ein Wahnbild. Es war schon vorher festgelegt, was ich mir erwähle. Ich hänge an klebrigen Fäden, die mich ziehen. Ich weiß es nur nicht. Alles was ich bin, ist Wirkung. Freier Wille nur der feuchte Traum einer Marionette.“

Gut: Er hatte sich Gedanken gemacht.

Schlecht: Das war das Gespräch, das ich mit ihm im Torre führen wollte, beim langen, schimmeldunklen Anstieg durch das knarrende Treppenhaus, diesem Gebärmutterkanal hinauf ins Licht. Nur eine kleine Änderung und der ganze Ablauf verändert sich.

Hältst du das für eine gute Idee?“, ließ sich mein Begleiter ablenken und blieb direkt vor der Eingangstür des Turmes stehen. Er deutete eine Gasse hinab, wo verblichene Kunststoffvorhänge und eine „Hausbrandt“-Reklame lockten. „Ich genieße unser Gespräch, aber wollen wir es nicht beim Wein fortsetzen und anschließend in die Bar? Dort gibt es einen Grappa aus der Gegend. Dann fahren wir zur Fattoria. Ich habe dort ein paar interessante Bücher, die ich dir zeigen möchte“, köderte er. Eine Besorgnis zeigte sich als Falte auf seiner Stirn.

wohl abgewogen: „Wir haben zwei Optionen: Zurück in die Welt“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung hinüber zu dem schnatternden und fotografierenden Menschenhaufen, der sich nun wie eine Krankheit langsam auf der Piazza verteilte, „oder wir steigen auf den Turm, auf den man nur einmal steigen kann. Aber vielleicht wurde die Entscheidung schon längst für uns getroffen.“

Er lächelte und griff an seinen Gürtel, holte sein Smartphone heraus und stellte es ab. Nichts sollte ihn ablenken. Er hatte entschieden und stieg in meiner Achtung.

In der muffigen Eingangshalle saßen hinter einem kleinen Tisch zwei ältere, geschnitzt wirkende Frauen. Beide strickten an einem undefinierbaren Kleidungsstück. Im Türrahmen stehend sah ich noch einmal zurück auf den umbriafarbenen Platz. Nein, die Touristen machten keine Anstalten, uns zu folgen. Mein Glück hielt an; es war keine Korrektur nötig. Beide Frauen sahen auf. Es bewegte sich kein Muskel in ihren konzentrierten Gesichtern, ihr Blick war scharf und lauernd, die Pupillen schwarze, abgelutschte Olivenkerne. Sie hätten Zwillinge sein können oder eine das Spiegelbild der anderen. Die Treppe im Hintergrund wirkte wie die Strich-Punkt-Linie der Symmetrieachse, die Piero zu übermalen vergessen hatte.

Signori?“, sagte die eine.

Buona sera!“, sagte die andere.

Die Spiegelung hielt an. Dann endlich riss einer der beiden alternden Engel zwei weinrote Tickets vom Block, der auf dem Tisch stand, und hielt sie mir entgegen. Die andere öffnete eine kleine Kasse und hob die leere Hand.

Quattro E-Uro“, sagte die eine.

Per favore!“, sagte die andere.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und nahm ihr die Abrisse aus der Hand, auf denen die Aufschrift: ‚2000 lit.’ mit ‚€ 2’ überstempelt waren. Ich war stolz, wie sehr sich der reiche Mann bei dieser Trivialität im Hintergrund hielt. Er bewies erneut Geschmack. Die zweite Frau deutete auf die Holztreppe hinter ihr, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Sofort hörten wir für die beiden auf zu existieren. Sie führten ihre Meisterschaft im Synchron-Stricken fort.

endlich: Wir begannen unseren Aufstieg vorbei an vergilbten, kaum leserlichen Texttafeln und historischen Ansichten von Stadt und Turm. Im ersten Stock hingen ein paar speckdunkle, das Kunstlicht spiegelnde Gemälde äußerst zweifelhafter Qualität, die stockhässliche Persönlichkeiten des ehrwürdigen, mit den Fuggern befreundeten Kaufmannsgeschlechts zeigten. Hier im fensterlosen Turm war es angenehm kühl, aber auch drückend, kaltschweißig.

Die Reise beginnt“, sagte ich und meine Stimme klang dumpf, wie erstickt. Der ältere Mann sah mir direkt in die Augen.

„… ein Weg, den wir nur einmal gehen können.“ erwiderte er sehnsüchtig.

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen.“

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klärungsversuch vier: begriffe.

wenn ich einfach einmal setze zeit sei nichts weiter als ortsveränderung a nach b durch den raum dann impliziere ich eine rückkehr aber das ist natürlich falsch damit erklärt sich doch nicht die möglichkeit der rückkehr denn ich steige eben nicht zweimal in den gleichen fluss turm tag leben zeit lebenszeit ist ein weg den ich nur in einer richtung begehen kann denn auch in der umkehr ist zeit vergangen ich besuche einen ort und während ich ihn erkunde vergeht zeit weil ich mich bewege vorwärts rückwärts im kreis auch der ort für mich so still bewegt sich in des tages kurzer reise er altert wie ich ist der witterung ausgesetzt den elementen kurz der zeit kehre ich dann nach zwei stunden tagen jahren zurück egal wie lange es dauerte haben wir uns beide verändert der ort und ich wir sind andere geworden ähneln noch der früheren gestalt aber wir sind es nicht mehr wir sind fremde schattenwürfe des vergangenen wie ein physiker mir erklärt hat bestehe ich nicht einmal mehr aus den gleichen bausteinen wie früher ich denke anders bin anders geprägt also besucht eine neue person einen neuen ort das ist die einmaligkeit der zeit:

Doch es gibt für mich einen Weg.

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Sie taucht hinter ihr Buch, tut, als würde sie völlig eingesogen von ihrer nur vorgeschobenen Camilleri-Lektüre: Sie versucht, die störende Wirklichkeit – und damit auch mich – zu negieren, indem sie die Welt außerhalb ihres Glaskastens ignoriert. Das mag manchmal funktioniert haben; Chiara wirkt, als würde sie nicht zum ersten Mal so handeln, aber bei mir klappt das nicht: Ich habe ein Ziel und sie ist nur eine wenngleich hübsche Barriere.

mein Zeitpunkt: Er ist ein zufälliger, auch wenn er so absichtsvoll gewählt wirkt. Wenn ich nur Wirkung bin, dann wirkt etwas Großes. Dieses Mal hat mich mein Versuch, einen perfekten Tag zu erleben, noch nicht dazu verleitet, ihm ein wenig nachzuhelfen. Manchmal geht es auch ohne Eingriffe in den Gang der Zeit; auch wenn die Versuchung groß ist, in alte Gewohnheiten zu verfallen. Es war einzig der Zufall eines schäbigen, von Schüssen durchlöcherten Wegweisers an einer Straßenkreuzung und die dunkel erinnerte Kunst Pieros, die mich nach Monterchi geführt haben. Es ist mein konsequent geleiteter Ausweg aus den quälend engen, perspektivefremden Bildern der Assisi-Maler, die meinen gestrigen Tag durch die Basilica di San Francesco begleitet hatten.

Gestern erscheint mir jetzt als Ungeheuer, eine lange vergangene, eine mythische Zeit. Ich war erleichtert, Assisi heute Morgen mit meinem Auto auf der staubigen E 75 Richtung Norden verlassen zu können. Eigentlich hatte ich einen Umweg über das weiße Gubbio geplant, jenem großartigen am Berghang gestrandeten Schiff. Aber im Nachhinein betrachtet wäre die Stadt eine falsche Fährte gewesen. Meine Tage bestanden seit geraumer Zeit nur aus Umwegen. Mein Ziel, wenn ich überhaupt eines hatte, war fern und fremd. Es war die Ausrede, Treibgut der Wirkung zu sein. Ich wollte Dinge wiedersehen, die mir bei meinem ersten Besuch fremd geblieben waren. Es stimmt schon: Man kann nur sehen, was man auch verstanden hat.

Damals, noch vor dem vernichtenden Erdbeben von 1997 stand ich in der Basilica di San Francesco von Pilger- und Touristenströmen umflutet, hörte etwas von Giotto und Cimabue, erblickte ein paar bunte, surreale Bildchen an Decken und Wänden – und sah tatsächlich nichts. Gestern war ich nun eine neue Person und endlich bereit.

sah: Auch wenn viel Unersetzliches zerstört ist, denn auch der Ort hat sich gewandelt, nahm ich doch eine Spur von dem auf, das mich nach vielen Umwegen schließlich zur Madonna del parto geführt hat, dem heiligen Tabernakel im Tempel des Herrn. Um es noch einmal zu sagen: Es ist wirklich ein Zufall, der mich in der Mittagshitze in das kleine Museum führt, zu einem Zeitpunkt, an dem das ohnehin ruhige Leben im Dorf endgültig zum Stillstand kommt und selbst die wenigen Touristen in den Baumschatten vor der einzigen Trattoria geflüchtet sind.

Einmal bitte“, spreche ich Chiara voller Absicht auf Deutsch an, denn ich will mich verständnislos geben, falls sie das Museum für geschlossen erklärt, „Ein Eintritt zum paradoxen Wunder einer schwangeren Jungfrau“, und setze ein gewinnendes Lächeln auf. Der Blick der jungen Frau geht kurz nach oben, über den Rand des scheinbar so fesselnden Buches hinweg, ein schwarzer Olivenblick, der mich durchleuchtet. Sie macht allerdings keine Anstalten, den Camilleri zu senken. Ich verschränke die Arme und mustere Chiara, öffnete ein paar geistige Schubladen, krame in den Schablonen.

Jung, die Haare kohleschwarz gefärbt, gutausehend: Studentin mit Semesterjob.

Dezent geschminkt, elegant, aber unauffällig gekleidet, einen Krimi lesend: Studium der Betriebswirtschaftslehre.

Ein dünnes Goldkreuz, das fast im Karschnitt ihrer Brust verschwindet: Religion, aber nicht ernsthaft ausgeübt, mehr Folklore als Empfindung.

Die Frisur nicht ganz ordentlich, Kaugummi kauend: Alles in allem eine fast schon zu typische junge italienische Frau. Wo hat sie ihr cellulare versteckt?

Unnahbar? Vielleicht. Ich mache meinen ersten Versuch.

Ah, Commissario Montalbano“, lächle ich. Nun legt sie endlich das Buch zur Seite. Ihre spöttisch nach oben rutschenden Mundwinkel belegen meinen Fehler.

Nein, es ist die Pirandello-Biografie. Ich lese keine kriminalen Geschichten“, erwiderte sie in ordentlichem Deutsch mit einem entzückenden Akzent. „Das Museum ist bis drei Uhr geschlossen.“

Nun sitze ich in der Falle. Ist es sinnvoll, doch einen neuen Versuch zu starten? Ich habe keine Lust, an diesem Ort die Zeit totzuschlagen. Schließlich will ich bis zum Abend ein gutes Stück weiter in der Kunstgeschichte kommen.

Ich wechsle ins Italienische:

Dann lesen Sie doch bitte weiter … und ich brauche nur zehn Minuten, anschließend bin ich wieder weg. Da drinnen wartet eine Dame auf mich. Es wäre unhöflich, sie länger allein zu lassen.“ Falls ich gehofft hatte, Chiara würde auf meinen Scherz eingehen, sehe ich mich getäuscht. Sie bläst die Wangen auf.

Das geht nicht: Das Museum ist zu“, sie bleibt beim Deutschen, benutzt die Sprache zum Abstandhalten. Ich sehe ein: So ist sie nicht zu beeindrucken, ein neuer Versuch wird nötig. Ich bin sicher, dass ich die Brechstange kenne, mit der sie zu knacken ist. Ich schließe die Augen, atme langsam ein und beginne rückwärts zu zählen. Dabei greife ich vorsichtig nach dem Bild, das ich in meinem inneren Spiegel sehe.

schwierig zu tun, noch schwieriger zu erklären: Ich öffne meine Augen und die Szene hat sich nur wenig verändert. Im Halbdunkel des weißgekalkten Flurs sitzt im Glashäuschen Chiara und liest in ihrem Buch. Ein dunkler Blick trifft mich. Vielleicht hätte ich noch ein, zwei Schritte zurücktreten sollen.

Buon giorno, signorina.” Ich trete näher, werfe einen flüchtigen Blick auf ihr Buch, während ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehe. Diesmal werde ich mich auf keine Diskussion einlassen.

Ah … die Pirandello-Biografie“, sage ich auf italienisch, versuche verzweifelt ein paar Erinnerungen an meine Leseerfahrungen mit dem Nobelpreisträger wachzurufen, „ein weiterer einsamer Mann ohne Vater, dem in der Masse des zwanzigsten Jahrhunderts die Identität verlustig ging.“

War das zuviel? Ein wenig scheint sie sich schon über die Art zu wundern, mit der ich ihr meine Kenntnisse aufdränge. Aber ihr Interesse ist geweckt. Nun muss ich es nur noch erhalten. Denn mein Ziel ist es, an diesem Zerberus vorbei ins Museum vorzudringen. Ich ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Geldbeutel.

Sie antwortet mir in ihrer Muttersprache, muss mir beweisen, dass auch sie Ahnung hat: „Camilleri ist sogar weitläufig mit ihm verwandt, glaube ich.“ Dann wird ihre Stimme härter. „Das Museum ist geschlossen, kommen Sie bitte um drei Uhr wieder.”

… hartnäckig: „Aber es ist doch noch nicht Mittag. Lesen Sie einfach weiter … ich brauche nur zehn Minuten, dann bin ich wieder weg. Ich will die Madonna sehen … sehen und mich lebendig fühlen. Auch ich bin meiner Identität verlustig – aber dort finde ich sie wieder.”

„… ab drei wieder”, bleibt sie fest, aber sie lächelt nun zum ersten Mal.

„Aber was mache ich denn so lange hier in Monterchi? Der Ort ist um diese Uhrzeit tot.”

„Ich an Ihrer Stelle würde einen kühlen Ort aufsuchen, etwas trinken und in einem Buch lesen.” Nun flirtet sie, aber sie will mich noch nicht vorbeilassen.

„So wie du”, wechsle ich die Anrede. Chiara schüttelt den Kopf.

„Leider habe ich nichts zu trinken.”

… das wird wieder nichts: „Und ich kein Buch. Vielleicht könnten wir gemeinsam …”

„Kommen Sie bitte um drei wieder”, unterbricht sie mich.

Ich muss wieder zurück. Aber jetzt habe ich langsam Spaß daran. Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch noch erweiche.

Mein Weg ist in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 3. Teil]

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