02.03.21 – Die Leserschaft braucht Sensationen

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Dienstag, 02.03.21

Liebe Leserin,

ich habe vor genau 4 Jahren begonnen, meine Bücher als Selfpublisher und Indieautor zu veröffentlichen. Das machte ich in erster Linie, weil ich meine Werke gerne im Bücherschrank stehen haben wollte. Dann wurde ich etwas ehrgeiziger …

Sie machen sich doch gut im Bücherregal, oder?

Im März 2017 brachte ich also mit Meister Siebenhardts Geheimnis den ersten Roman meiner Fantasy-Reihe »Brautschau« heraus und praktisch gleichzeitig mit Die Frau, die der Dschungel verschluckte auch den ersten Band der »Geltsamer«-Reihe. Im Mai folgte dann schon Noch einmal davon gekommen mit meinen besten Blogartikeln. Danach habe ich bis heute noch zehn weitere Bücher veröffentlicht und in diesem Monat steht mit Stromausfall mein neuer Band mit Erzählungen in den Startlöchern.

Ich bin sehr naiv an die Sache herangegangen und habe viele Fehler gemacht, die sich noch immer auswirken und Mitschuld tragen, dass ich nur wenige Bücher verkaufe.

Die größten Fehler machte ich bei meiner Fantasy, die wie alte Semmeln in der Auslage verschimmeln:

Ich verwende für alle meine Bücher den gleichen Namen Nikolaus Klammer; egal ob das Werk Genre ist oder  Belletristik. Zumindest für die Fantasy hätte ich mir ein anderes, markantes Pseudonym suchen sollen, das Erwartungen weckt. Es wäre richtig gewesen, meine verschiedenen literarischen Gesichter durch unterschiedliche Namen zu trennen. Die Leserschaft möchte Klarheit – mein Name auf all meinen so unterschiedlichen Werken verirrt nur und stößt ab. Wenn die Leserinnen Milkaschokolade kaufen wollen, haben sie eine gewisse Erwartungshaltung, die erfüllt werden soll. Da darf das Produkt nicht plötzlich bitter oder salzig schmecken. Erec T. – das steht natürlich für Tiberius – Stronghold wäre z. B. ein toller Fantasyautoren-Name gewesen. Da steckt Ritterlichkeit drin, Mittelalter, Kraft und Pathos! Erec T. Stronghold statt Nikolaus M. Klammer – das klingt doch gut und ist leicht zu merken! Es schreiben ja auch nur Amis gute Highfantasy. Bei SF und Fantasy sollte eh viel mehr englische Sprache auf dem Titel auftauchen, der viel, viel reißerischer sein muss als meine Romantitel. Nicht »Meister Siebenhardts Geheimnis« und nicht »Brautschau« (1) – viel besser wären »His darkest secret« und »The Matchmaker Files«. Auch sollte unbedingt ein Zitat von Stephen King auf den Titel: Superb Fantasy! Das hat er freilich nicht über mein Buch, sondern über ein anderes gesagt. Also habe ich nicht gelogen, sondern nur selektiv zitiert. Denn ohne King-Zitat oder einen Vergleich mit dem „Herrn der Ringe“ geht es einfach nicht, wenn man ein Fantasybuch verkaufen will. Und auf jedes Cover muss ein SPIEGEL-Bestsellerautor-Aufkleber!

Halte ich mich daran, dann müsste mein Cover so aussehen:

Im Vergleich dazu sind die Titelbilder meiner Romane bieder und langweilig, ja abschreckend. Sie müssten vielmehr eyecatcher sein und dramatisch. Auch wenn sie wie in diesem von mir schnell hingepfuschten Cover (2) nichts mit dem Inhalt zu tun haben. Ich vermute wirklich, wenn meine Fantasyromane Cover wie dieses hätten, dann würden sie von den Leuten eifrig gekauft und gelesen. Aber will ich das? Möchte ich für meine Romane Leser, die auf solch ein Augenfutter hereinfallen?

Was meinst du? Soll ich mir noch ein Pseudonym zulegen und meine Bücher mit melodramatischen Pulp-Covern ausstatten? Vielleicht auch der Belletristik aus meinem »Jahrmarkt in der Stadt«-Zyklus die Titel attraktiver gestalten? Ich denke, ich werde eine Kunstaktion starten, die ich Die imaginären Cover nennen werde. Als nächstes mache ich aus »Aber ein Traum« einen Liebesroman von Jeanne Apprêt. Eine schöne Frau von hinten, Lavendelfelder, reife Zitronen, eine toskanische Villa … mir fällt schon etwas ein.

Ich hatte in einem Februar noch nie so wenige Zugriffe auf meinen Blog wie in diesem Jahr. Das mag auch daran liegen, dass man mir meine Lustlosigkeit anmerkt, für praktisch niemanden zu schreiben. Das ist ein Teufelskreis, ich weiß. In den nächsten Wochen werde ich hier noch ein wenig stummer sein, denn Frau Klammerle und ich sind am Renovieren. Wir lassen uns eine neue, topmoderne Küche einbauen und damit die alten Schränke Platz im Keller haben, wird er nach zwanzig Jahren endlich einmal ausgemistet. Im Moment herrscht also gerade ziemliches Chaos in der Wohnung und wir können nicht mal kochen. Die Lieferdienste freut es und wir haben sogar schon angegrillt.

Bis demnächst, dein Nikolaus

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(1) Ich will nicht nerven, aber warst du schon auf meiner neuen Website für meine Fantasy-Romane? Sie ist mir wirklich gelungen, finde ich. Auf brautschau.blog findest du alles, was du über diese Bücher wissen willst und noch vieles mehr.

(2) Keine Sorge, liebe Bookcover-Verkäufer, die ihr so eifrig bei Instagram eure Instant-Titelbilder anpreist! Ich habe nicht vor, euch Konkurrenz zu machen. Meinen kleinen Entwurf erkläre ich hiermit zur public domain – wer ihn von euch für seinen Fantasyroman verwenden möchte, kann von mir die Datei geschenkt haben.

Stromausfall – kurz vorgestellt

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Mitte März wird mein neues Buch „Stromausfall“ erscheinen.

In dem neuen Band habe ich vier meiner Erzählungen versammelt, von denen die ersten zwei, nämlich die Titelgeschichte „Stromausfall“ und „Eine anderere Art der Liebe“, zu meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus gehören. Auch die beiden anderen, „Tradition“ und „crisis“, die wahrscheinlich die schwerste literarische Kost sind, die ich je meinen Lesern zugemutet habe, gehören ebenfalls zu meiner ersten ernsthaften Schaffensperiode, die ungefähr die Zeit zwischen meinem 20. und meinem 35. Lebensjahr umfasste. Damals habe ich auch vergeblich versucht, mit meiner Literatur einen Verlag oder ein Publikum zu finden.

Anfang der 90er Jahre legte ich dann für fünfzehn lange Jahre meinen Stift zur Seite. Ich kümmerte mich um den Broterwerb und um meine Familie. Erst nachdem die Söhne Nr. 1 und Nr. 2 aus dem Haus und unser Lebensunterhalt gesichert waren, habe ich wieder intensiv mit dem Schreiben begonnen. Der Beginn fällt in etwa mit meinem 50. Lebensjahr und der Eröffnung dieses Blogs zusammen. Das erste Werk, an dem ich arbeitete, war der Roman „Aber ein Traum“.

Wie auch bei meiner Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“, an dessen Design sich „Stromausfall“ orientiert, habe ich ein paar selbstgestaltete Illustrationen erstellt, die im Buch aus Kostengründen leider nur in schwarzweiß abgebildet sein werden. Es sind eigene Fotos, die ich am PC überarbeitet habe. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden, auch wenn sie mir farbig besser gefallen.

Und nun hoffe ich natürlich, dass dieses Buch nicht das Schicksal der anderen ereilt und bei euch nur wenig Interesse weckt. Das haben diese Geschichten, die zum Besten gehören, was ich je geschrieben habe, nicht verdient.

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod – Lesung (1)

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Willkommen zum 1. Teil meiner Live-Lesung von meiner Kurzgeschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Ich hoffe, die 15 Minuten, die mein kleiner Vortrag dauert, sind nicht dir zu lang. Diese und andere Kurzgeschichten findest du übrigens in meinem Buch „Das Rote Haus“.

 

Ich wünsche viel Vergnügen und würde mich übrigens wirklich über einen Kommentar freuen, ob dir so etwas gefällt und ob ich häufiger auf meinem Blog Lesungen einbinden soll.

Liebe Grüße, Nikolaus

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – VIER

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<– zum 3. Teil

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war daheim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnachtlichen Kanälen, Ort seiner Aufzucht und der ersten Trottversuche … er war ihm vertraut. Er erschnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefielen. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter seiner Weihnachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meister, der alte Karlnalrumpelstilz, auf die Mission geschickt, den Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der ›gehörnten Raben‹, diesen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkelbaum vor dem Karlnickelkönig zu bewahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den alten aufregenden Tagen, als er noch für die Bescherung der Straßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf dessen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errichtet war.

Sich Rabenhorn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewesen, da sich dieser ja vor großen Hunden fürchtete. Also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäßigen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort geduldig ausgeharrt, bis der Schreiberling auf dem vor Liebe blinden Weg zur Marie-Theres Kienbauer buchstäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die sentimentalen Bücher des Schriftstellers über den tierlieben Zauberlehrling ›Edwin Edgard‹ gelesen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hinterlauf nachziehen und er schon hatte gewonnen: Friederbusch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schichtkohl und seiner Marie-Theres naschte, diktierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Geschichte vom ›Weihnachtshund‹. Friederbusch schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungsfaden wieder vergaß. Er war glückselig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen bescherte. Nie wurde ihm bewusst, wem er die Einflüsterungen in Wirklichkeit verdankte, dass seine Muse ein 200 Pfund schwerer Weihnachtshund war. Er wunderte sich nur jeden Morgen über sein nasses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der naive Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbauer-Verlag und nahm seinen Hund tatsächlich mit zu Rabenhorn, um gemeinsam mit ihm Überzeugungsarbeit zu leisten. Womit Karl-Heinz allerdings nicht gerechnet hatte, war der zweifelhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fieberwahn vom Schreibtisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Rabenhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stoppte Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich ergehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bisher an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, gegen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestrigen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hatten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fängen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüttelte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfäden zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen!

Er lauschte in die sich verzweigenden Gänge und vernahm tatsächlich aus dem Rechten einen fernen, jammernden I-Ah-Gesang, der ihm sehr vertraut war:

»Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!«

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerrte – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Özgür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu folgen. Er schnüffelte durch die farbenfrohe, von Kerzenleuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnallenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen gepackt und sich selbst mitten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abgespreizten Fingern aus dem Schnee.

»Da war wohl jemand schneller als wir. ›Hinfort, du schnöder Gallert‹«, bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt Übelkeit erregendem Inhalt zur Seite. Rabenhorn sah anerkennend zu dem Türken. ›King Lear‹, dachte er, 1. Akt, 7. Szene. ›Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.‹ In diesem Moment wurden seine Gedanken von einem schmelzenden Gesang unterbrochen, der ganz in der Nähe erklang:

»Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.«

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, als er vorwärts stürmte. Rabenhorn, noch immer mit dem Weihnachtshund durch die Leine verbunden, flog hinterher. Ömer folgte den beiden langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den beiden trat er aus dem engen Gang in eine hohe und große Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbesitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es entzog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Schneehügeln waberte. Ömer kannte diese von mächtigen Fackeln erleuchtete Höhle. Erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnalrumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Horden gekämpft und gerade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Marie-Theres, den Esel und den alten Meister dabei im Stich lassend! Irgendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dönerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ur-u-rur-ur-ur-Ahn des Lektors. Er lehnte mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel, der jämmerlich weinte und i-ahte. Karl-Nickel blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Körper und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herab beugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte seinen Nachfahren zu sich heran.

»Nun bist du doch wieder gekommen«, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzurichten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. »Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Ich sehe erfreut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre …« Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläschen bildeten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

»Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Waldes auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewaltiger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwischen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebildet hat, in der wir uns jetzt befinden … Damals erprobte ich in meinem Wahn meine alchemistischen und chymischen Erkenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufällig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wandersmann fraßen. Später dann, als über uns die Stadt Bromberg entstand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schutze der Menschen allhier meine Weihnachtshunde und manchmal auch einen Christmasdonkey …« Das Grautier hinter dem Karlnalrumpelstilz zitterte und seufzte auf.

»Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me«, er tätschelte beruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag. Er wand sich wieder an Rabenhorn, der ihm atemlos lauschte.

»Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karlnickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Bromberg – er blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel vermehrten sich, sammelten sich, verknoteten sich, umwimmelten, verbissen und verbanden sich und wurden zum großen Karlnickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Rabenhorn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wurzeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlnickelkönig die letzten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Himmel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Menschen und das Land. Und das am Heiligen Abend! Das geht doch nicht.«

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nachfahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brannte sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vorfahren mitrufen hören.

»Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschlagen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zerschlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!« Der Kopf des Meisters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

»Aber …«, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karlnalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

»›Aber‹ ist kein Wort, das kein Rabenhorn kennen sollte. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Monsterkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!«

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlossen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Singin’ Sam sang:

»Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …«

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magische Schwert. Es lag nur wenige Schritte entfernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wange.

»Biz gitmek«, sagte der Türke, »lass uns gehen …« Rabenhorn nickte. Der Würfel war gefallen.

»Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum, Bromberg … und die ganze Welt!«

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dichten, beißenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winterwunderwelt des Karlnalrumpelstilzchens lastete. Sie wurden von ihm verschluckt. Nebeneinander, nur durch eine Hundeleine miteinander verbunden, gingen stumm und entschlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch niemand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude ›Traum vom Bosporus‹. Oh, er hielt seinen Dönerspieß wie einen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis gestreckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Daneben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weihnachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubeißen fletschen und schwere Walnüsse aus seinem Sack schleudern konnte und an seiner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zuschlug und dessen Gesang die Reihen des Feindes zum Erzittern bringen konnte. Das Grautier, das trotz seiner Vorliebe für Weihnachtspunsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Rudolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von »Auf in den Kampf, Torero« vor sich hin.

Die drei mutigen Recken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des edlen Geschlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir getauchten Schwertes geklammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mutige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von demselben abgekommen wären, erklangen direkt voraus dumpf klatschende Geräusche. Es waren ein paar farbige Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich endlich etwas lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung annahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Brise die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Helden waren an ihrem Ziel angelangt: An dem Nest des großen Karlnickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllenvulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In seiner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fetten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Ohren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Boden herabhingen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feuer und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ihnen seinen schwarzen, behaarten Rücken zuwandte – diese Grube musste direkt unterhalb des großen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht angeschlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeutung wusste, die Weihnachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermächtigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten seine Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ihnen herüber. Seltsam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlgestank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

›Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahrscheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit gekocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‹, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:

»Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!«

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnupperte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Dönerbude und ein heftiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augenblinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhängeschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürzte zu seiner Verblüffung eine ziemlich derangierte, aber vollkommen unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

›Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‹, dachte Rabenhorn, ›aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‹

Seine Nackenhaare standen plötzlich empor, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Geräusch, als würde sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewalthieb gemacht, hatte die Aufmerksamkeit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug.

Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkelbaum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein verschüttet und die Bratwürste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dünne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstürzen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharfzahnige und zähe Biester, die sich unvermittelt mit einem Aufschrei auf die Helden und die gerettete ›Jungfer‹ stürzten.

»Das wird jetzt übelst derbe, Bro«, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als ›Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen‹ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflichtlektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stelle nicht erneut erzählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Imbissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte.

Er zog eine kleine Pfeife hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Recken von den Massen der Karlnickel aussichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleudernd, genähert hatte. Seltsam – nichts war zu hören … und doch!

»In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …«, zitierte Ömer mal wieder seinen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. »Dass diese Schandtat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestattung ächzt!«

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hatten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Theodor, der Winsler, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Carlos-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbeinige Dackel. All die anderen Weihnachtshunde mit ihren roten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam.

Ihr Kriegsgesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösartigen Karlnickel-Armee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett staunend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem absurden Theaterstück beiwohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Ärmel.

»Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?«, fragte er.

»Du kannst sprechen?« Rabenhorn nickte. »Karlnickelklar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?« Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlassen vor seiner Feuergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Untertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

»Dann komm«, sagte der Held von Bromberg zu seinem treuen Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsame Schwert und trat dem Monster entgegen, »retten wir Weihnachten.«

Tiefe Zuversicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrennte er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in panisch umherirrende, gegeneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

»Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo«, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behandeltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten keine Blutfontänen, sondern unzählige Karlnickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötzlich wieselflink davon flitzenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus seinen fliehenden Untertanen geformt gewesen waren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu trennen.

»Halt ein!«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbissen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wirbelten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karlnickellaus-Rumpelstilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig, auch wenn sie ein heller Lichtschein umgab. Rabenhorst fühlte sich an das Ende von StarWars VI erinnert.

»Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!«, schluchzten die beiden. »Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll …

ENDE

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel‹ zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreibtisch und sah zum Panoramafenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen dämmerte es und in den Häusern unten in der Stadt erstrahlten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es dicke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Friederbuschs neuestem Werk arrangiert hatte und er einsah, dass ein erfolgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hingeschlachtet hatte – wahrscheinlich waren dies die Nachwirkungen der Trennung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden besser; schließlich hatte er persönlich, der große Jan Philipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachtshundes nach Jahren der Schreibblockade selbst verfasst. Aber irgendetwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor seiner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Geschichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hinein schreiben. Es war etwas anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hatte. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Rabenhorn mit seinen geheimnisvollen, tiefen Augen fixierte. Da verstand er:

»Du hast recht, Karl-Heinz«, sagte er zu dem zustimmend nickenden Tier, »jetzt weiß ich, was ich vergaß.«

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Leser, der du mir tatsächlich bis hierher auf die Seite 78 gefolgt bist – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich verzapfte:

»Gesegnete und Glückliche Weihnachten!«

ENDE

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – DREI

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

<– zum 2. Teil

Doch von alldem wusste Jan Philipp Rabenhorn noch nichts. Denn er war weiterhin in seinem Fiebertraum gefangen.

Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brieten: Halleluja! …

Und selbst in den wirren Gedankenlabyrinthen seiner Ohnmacht erledigte Rabenhorn noch zuverlässig seinen Job:

»So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird im 21 Jahrhundert zeitgemäß gedichtet! Ich nenne euch nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: ›Durs Grünbein!‹ Ha! Durs und nicht anders, und ›Friedi‹ wäre ein Großer. Mit einem Weihnachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem absonderlichen Schmuseesel und mit gefährlichen Karlnickeln aus dem Abgrund wird dieser Schreiberling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro ist das sogar wünschenswert!«

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bildern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

»Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Eingeweiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu retten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunderten rumorte wie schwerverdaulicher Schichtkohl. Karl-Nickel, der Karldinalgroßfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karlnalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimgehaltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verborgen gehalten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAHNE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tagschichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölkerung.«

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lektors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter seiner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zugleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpelstilz zum Klingen gebracht hatte. Der echte Karl-Heinz leckte dem Lektor über die schweißnasse Stirn, aber das bemerkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieberwahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halben Nacktheit vom Leuchter herabsinken.

»Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Nickel, der inkarlnalische, der untergründige, er ist aufgefahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!«

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbauer, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim eingebildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hinaus.

Friederbusch und sein Hund blickten ihnen fassungslos hinterher.

Jan Philipp erwachte, rieb sich genüsslich die Augen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und seufzte erleichtert. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Köter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu einem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Marie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Weißeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf einem Drachenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreulichen Trennung vor vier Jahren weiterhin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbequeme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch eigentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittleren Jahre verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemerkenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeistigte Dichternymphe verguckt und geheiratet hatte. Wahrscheinlich hockte Helga im Moment verhuscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in Instagram und in irgendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weihnachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

»Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!«, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er einen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tasse seines Lieblingskaffees vor seinem privaten Internetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heute wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumindest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üblichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fernen Bekannten, neben Preisokkasionen  – was für ein entsetzliches Wort! -, heiratswilligen russischen Damen und Angeboten für blaue Pillen und Krankenversicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Löchern gekrochen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern verkrampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigentlich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstverständnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die unverlangten Manuskripte ausdrucken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Papier damit besudeln müssen!

War das sein persönliches Purgatorium? Musste er wirklich über diese trüben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Heiligabend, da es wieder mal zu kalt war, um überhaupt irgendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer warmen Decke?

Er öffnete die Datei-Anhänge der Autoren-E-Mails. Was war das?

›Die Mamille des Todes – Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedische Kleinstadt terrorisiert!‹ Erbarmen! Nein, danke …

›Eishart und Gwendulina – Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie?‹ Was wird diesem Autor noch alles einfallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

›Aber ein Traum – der aber eigentlich gar kein Traum ist, sondern aber eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der aber von der Wirklichkeit träumt‹? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Klammer? Nein, danke!

›Karl-Heinz, der Weihnachtshund uns der König der Karlnickel‹ – noch eine Hundegeschichte? Bloß nicht! Die Welt war mit dem unsäglichen ›Weihnachtshund‹ von Daniel Glattauer gestraft genug. Zusammen mit dem Philosöphchen Richard David Precht war er der unangefochtene Herrscher über die literarischen Vorhölle! Wie war denn der große Friederbusch ausgerechnet auf solch ein ausgelutschtes Thema gekommen?

All diese E-Mails hatte Rabenhorn erwartet. Sein Zeigefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles verschwand im Orkus des Junk-Ordners. Damit war seine Arbeit für heute getan; für heute und den Rest der Weihnachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freigenommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren.

Rabenhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Arbeitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und einen alten, metallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie abzuschaben. Solch händische Tätigkeit war wenigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freilegen der Struktur. Dieses wohltuende Entfernen des Altangebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altanstrich, der sich nur modern nennt! Hatte er tatsächlich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigentlich nur ein Abbrenner und Lackierer werden wollte?

»Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!«, dachte er euphorisch. »Arbeitet im Schweiße eures Angesichts, Leute, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geiste! Vornehm ist das Handwerk. Sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geisteswerk!«

Und da er das dachte, lächelte er und verbrannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich vor der Tür. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unterschied zwischen der Literatur und dem wahren Leben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer weiter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachtslieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im Index nachschlagen oder ein paar Seiten zurückblättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Namen vergessen hat. Rabenhorn rieb sich über die brennende rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

»Kaltes Wasser«, fiel ihm ein, »eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.« Ah, das war kein vollständiger Satz: »Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.« Jetzt hatte er eine »muss man«-Wiederholung, das war sehr schlechter Stil: »Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.«

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden eines russischen Bauernhauses seine Brandwunden überlebte. Doch es war nur ein schlafender, müffelnder Hund, über den er beinahe stolperte.

Was heißt ›nur‹? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber seine Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er eigentlich noch im Badezimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, der hieß ›Karl-Heinz‹. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit voller Wucht, und er bekam weiche Knie. Rabenhorn trat einen Schritt zurück, setzte sich schwer auf den hölzernen, wohlig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Gedächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küstenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Rechtschreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Friederbusch geradezu vor sich sehen, dann folgten der Fieberanfall und die oben zwischen den Neonröhren schwebende, halbnackte Witwe seines ehemaligen, geliebten Verlegers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Gesicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Rabenhorns fiel ihm wieder ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Herbert Emanuel Kienbauer in seiner Sterbestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kienbauer in höchster Gefahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch niederstreckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch helfen, auch wenn Rabenhorn eigentlich nicht an sie glaubte. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstrebende zum Aufzug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheimliches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Badezimmer? Fehlte nur noch ein singender Esel in seinem Kleiderschrank, der lautstark Felis Navidad! sang! Der Lektor sackte auf der Toilette in sich zusammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervorquetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Gefühl, schlecht geträumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herumfummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüssel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öffnete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauzbart, ein ›Bürger mit Migrationshintergrund‹, wie Rabenhorn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Backwerk in der anderen Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Das war wahrscheinlich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonnement des Readers Digest andrehen wollte. Welch ein entsetzliches Heft, Untergangsliteratur des Abendlandes. Oder das war einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte. Den konnte er jetzt gut brauchen.

»Ja, bitte, was wollen Sie?«, fragte er unhöflich. Sein Gegenüber hob überrascht die Augenbrauen.

»Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?«, fragte der Fremde. »Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Schaitan persönlich gekämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen gegen den Karlnickelkönig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?«

Der Türke erkannte und nickte. »Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließlich hast du mir deinen Schlüssel gegeben.«

Dieses Argument zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüsselbund mit dem kleinen Plastik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzentschlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

»Ich habe schnell Brötchen geholt«, bemerkte er und hob seine Tüte. »Kämpfer brauchen ein gutes Frühstück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwerthand stark.«

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

»Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Hölle. Wir beide, der Esel und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Karnalöffnungen – die entsetzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle waren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.«

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor erzählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träume verfrachtet hatte. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

»Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Gegnern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Verschnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.«

»Wie haben Sie sie denn gefunden?« Der Albtraum setzte sich anscheinend fort.

»Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Bromberg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ›Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?‹ oder ›Ach, der nette Herr Professor Rabenhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.‹ Also kein Problem, deine Wohnung zu finden, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich und bequem. Allerdings müsstest du mal etwas gegen dein Schnarchen unternehmen.«

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Beweis seiner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überraschend, tat seiner verletzlichen Lektorenseele jedoch gut.

»Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Der Frau mit dem Stern. Die fast nackt war. Du weißt schon. Und was ist mit Friederbusch?« Und, nach einem Zögern:

»Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vorfahr?« Erinnerungen stiegen in seinem Gehirn empor wie Kohlenstoffblasen an die Oberfläche eines Weißbiers. (Das war übrigens ein Vergleich, den er jedem Autor gnadenlos gestrichen hätte!)

Ömer lachte verschmitzt. »Wenn wir gefrühstückt haben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Kanal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieberrausch gestern vergessen hast.«

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. »Sprich, was ist mit Marie-Theres?«

Ömer zuckte zusammen. »Der Böse, der Karlnickelkönig, der Fürst von Hölle: Er nahm sie mit, hinab ins Innere der Erde, wo die Feuer brennen, unter die Wurzeln des großen Pinkelbaums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut ernährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!«

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweiflung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake folgen müsste, er würde Marie-Theres retten.

»Los, Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Und mit einer Kaltschnäuzigkeit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

»Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehrbare Weib aus den Fängen des Untiers!« Der Dönerbudenbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

»Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord rufen und des Krieges Hund‘ entfesseln!« Und mit diesem theatralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Szene) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelegenen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Kanäle seiner Heimatstadt eine feuchtklammer-rutschigheunsche Angelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in diesem Weihnachtsmärchen Unaussprechlichem stanken und zappen-zappeldunkel waren, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den speckigen, wie aus Lebkuchen geformten Wänden und es lag ein appetitlicher Geruch nach Weihnachtsstollen und allerlei anderem würzigen Backwerk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinneseindrücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düsteren Abwässer mehr, in denen zwischen Herabgespültem aus zehntausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühweinrote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engelshaarrochen und Weihnachts- kugelfische tummelten.

Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologischen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder andere lektoriert – aber er hatte sich ja vorgenommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotzdem sah er sich staunend um. Die Unterwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklose Weihnachtswunderwelt, ein unterirdisches Rothenburg ob der Tauber.

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