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Liebe Grüße, Euer Nikolaus

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (4-2)

Der Autor, Erzählung, Erzählung, Fortsetzungsroman, Gesellschaft, Künstlerroman, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Sprache

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Endlich war dann auch diese schier endlose Viertelstunde vorbei. Sie erscheint mir im Nachhinein wie der Griesbreirand ums Schlaraffenland, durch den man sich zuerst hindurchfressen muss, um ins Paradies zu gelangen. Hasse übrigens Griesbrei – und Schnelltests. Nachdem die Ärztin mithilfe einer kleinen Taschenlampe eingehend meinen Teststreifen begutachtet hatte, durfte ich endlich aussteigen. Ich nahm meine restlichen Sachen aus dem Auto mit, denn ich hatte nicht vor, es noch einmal zu öffnen. Merkwürdig! Für ein paar Stunden war es meine Heimat gewesen, aber mit jedem Schritt, mit dem ich mich durch den Schnee von ihm entfernte, wurde es mir fremder – ja, es erschien mir fast absurd, dass ich eben noch in dem wuchtigen schwarzen Wagen gesessen war. Es fühlte sich einfach endgültig an, als ich es, ohne es abzusperren, hinter mir schloss. In den nächsten Tagen würde den SUV jemand hinunter ins Tal fahren. Es blieb allerdings auch das Gefühl, als hätte ich mir damit meinen letzten Fluchtweg verbaut. Nun bin ich bis voraussichtlich Mitte oder Ende Juni Teil dieser seltsamen Dorfgemeinschaft. Auf Gedeih und Verderb!

Kurze Zeit später saß ich schon an einem Tischchen in einer großen, modern eingerichteten Stube in dem Gemeindezentrum, das auch als Tourismuszentrum dient – nicht, dass sich außer versprengten Bergwanderern jemals jemand nach Stillblüten verirrte! Auch Dr. Wanner, die übrigens auch der Gemeindeversammlung dieses winzigen Dorfes als ›Präsidentin‹ vorsteht und damit eine Art von Bürgermeisterin ist, hat hier ihre Praxis. Wie sie es schafft, in Stillblüten über die Runden zu kommen, weiß ich nicht. Was ich jedenfalls im ersten Eindruck für ärmlich gehalten hatte, war typisch Schweizer Understatement und Bewahrung der historischen Bausubstanz. Auch in Stillblüten war längst die Moderne eingekehrt und hatte die archaischen Dorfstrukturen durcheinandergewirbelt. Dachte ich zumindest. Den Großvater von Heidi und Uli, den Knecht, würde ich ebenso wenig hier vorfinden wie die ›Vuivra‹ oder den ›Zug der armen Seelen‹. Aber ein wenig lugten sie noch hinter den freundlich glänzenden Augen der Brändlis hervor.

In meinen eiskalten Händen hielt ich eine Tasse mit fetter, heißer Schokolade, auf der sich bereits eine dicke Milchhaut gebildet hatte. Sie zerknitterte, wenn ich auf sie blies. Ich weiß, du findest das eklig. Mir erschien es verheißungsvoll. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert. Nun lernte ich auch Andrin Brändli und seine Frau Anneli kennen und schwatze ein wenig mit ihnen. Ihre freundliche Einladung zu einer kleinen Vesper lehnte ich in Anbetracht der Uhrzeit ab. Die beiden trugen wie die Ärztin keine Masken mehr. Es war heimelig, wieder einmal in die bloßen Gesichter von anderen Menschen zu blicken. Ich fühlte mich willkommen. Die Brändlis sehen sich wie viele Ehepaare, die schon Jahrzehnte miteinander verheiratet sind, sehr ähnlich. Bei ihnen sind es schon vierzig Jahre, wie ich erfuhr. Also mögen sie Mitte sechzig sein. Wirkten aber alterslos. Hätten sie mir gesagt, sie wären 40 oder 80, hätte ich es ihnen auch abgekauft. Ihre furchigen Gesichter sind trotz des ungewöhnlich langen Winters dunkel, wie gegerbtes Leder. Sie haben die gleichen buschigen Augenbrauen und eine Hakennase, dazu dunkelbraune Augen und schütteres, aber noch dunkles Haar, das Annelie halb unter einem Kopftuch verbirgt. Sie sind sehr schlank, wirken fast ausgezehrt. Die Frau ist einen Kopf kleiner als ihr Mann, den nur ein Napoleon wie Welkenbauch als ›mittelgroß‹ beschreiben würde. Es ist, als würden sich die beiden untereinander in einer, nur den Eheleuten verständlichen Sprache austauschen. Mag sein, dass sie das wirklich tun. Auch wenn sie mit mir reden und sich um Hochdeutsch bemühen, was ihnen auf eine wirklich charmante Weise misslingt, fällt es schwer, ihren Worten zu folgen.

Welch einen Gegensatz dazu bot die Ärztin, die sich zu uns setzte, nachdem sie ihre Schutzkleidung abgelegt hatte. Sie entpuppte sich als eine sehr attraktive und gepflegte Vierzigjährige mit tiefbraunem Lockenkopf und feurigen, schwarzen Augen. Die Assoziation mit ›Heidi‹ war naheliegend. Genau so stelle ich mir Johanna Spyris Romanfigur als Erwachsene vor. Mit der improvisierten Schutzkleidung hatte sie auch ihren bemutternden Arztton abgelegt und plauderte vergnügt und humorvoll über das scheußliche Wetter. In den Erinnerungen der älteren Stillblütener sei dies der längste und hartnäckigste Winter seit Anfang der Achtzigerjahre. Man habe auch schon lange nicht mehr gesehen, dass der Schnee bis nach Ostern nicht zu schmelzen beginnt. Vera war übrigens der Auffassung, die Wetterlage würde sich bis Mai kaum ändern, wahrscheinlich bis zur ›kalten Sophie‹ andauern.

»Oben beim Chalet liegt der Schnee noch meterhoch!«, sagte sie. Langsam forderte die anstrengende Autofahrt ihren Zoll und ich gähnte ausdauernd. Dann erst wurde mir die Bedeutung ihrer Worte klar.

»Wohne ich denn nicht hier im Ort?«

»Aber nein! Wissen Sie denn das nicht? Das › ›Aegäschtä‹-Nest liegt gut fünfhundert Höhenmeter über uns auf einem flachen Vorgipfel des Lislihorns.«

»Das höre ich wirklich zum ersten Mal. Davon hat mir Herr Welkenbaum nichts erzählt. Aber wie komme ich jetzt da hinauf? Muss ich etwa noch einmal mit dem Auto …?«

»Aber, nein! Wo denken Sie hin, Frau Rainer? Da geht doch keine Straße hin«, lachte Vera. »Sie bringt die Seilbahn hoch.«

»Der Reto macht sie gerade startklar«, mischte sich Andrin ein. »Es ist bei diesem Wetter nicht ganz einfach, eine Nachtfahrt zu machen, aber der Reto beherrscht sein ›Glump‹. Glauben Sie mir.«

Wie aufs Stichwort ertönte ein tiefes Brummen. Es hörte sich wie ein zorniger Bär an, den man zu früh aus dem Winterschlaf geweckt hat. Die Milchhaut auf meinem Kakao vibrierte.

»Die Bahn befindet sich gleich an der Rückfront des Gebäudes«, erklärte Vera. »Wenn es ihnen recht ist, wird sie Reto jetzt dann nach oben bringen, bevor es noch später wird. Der Andrin kommt noch mit. Er hat die Schlüssel vom Chalet und zeigt Ihnen schnell noch alles. Ich werde Sie dann morgen am späten Nachmittag wegen des Impfscheins besuchen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ihr Gepäck ist schon in der Kabine«, ergänzte Andrin und stand auf. Hinten öffnete sich eine Tür. Der Lärm des Dieselgenerators schwoll an. Ein junger Mann trat ein. Er trug einen ölfleckigen Blaumann.

»Ich wäre dann so weit …«, murmelte er und blickte über unsere Köpfe hinweg. Offenbar traute er sich nicht, mir in die Augen zu sehen. Du weißt, wie unangenehm es mir ist, mit einer Bergbahn zu fahren. Besonders Sessellifte bereiten mir großes Unbehagen und – ja!, auch Angst. Doch ich war viel zu müde und erschöpft, um noch eine Panik zu entwickeln. Außerdem machte der junge Mann, den mir Andrin im Vorbeigehen als ›Reto Wyss‹ vorstellte, trotz oder gerade wegen seiner Schüchternheit einen hervorragenden Eindruck auf mich. Hervorragender Eindruck! Wie das klingt. So alt bin ich nun auch wieder nicht, dass ich solche Wörter benutzen darf. Versuche es anders. Zwischen Reto und mir, da war sofort ein Bund. Es war fast greifbar real. Er trat vor mich, lächelte nun spitzbübisch und reichte mir über den Tisch hinweg seinen schmutzigen Ellenbogen zum Coronagruß. Obwohl ich diese Geste noch merkwürdige finde als die alte Unart, sich küssend zu umarmen, stand ich auch auf und ging ungeschickt darauf ein. Ein heftiger Schmerz stach in mein Knie. Hoffe, er deutete mein verzerrtes Gesicht nicht falsch. Mein Gott, ich glaube, dass ich trotzdem gekichert habe.

»Grüezi«, sagte ich und versuchte, wie Marlene Dietrich zu klingen. »Ich bin die Bernadette.« Wie jedes Mal, wenn ich meinen Vornamen nenne, errötete ich gleich darauf. Kam mir wie eine Hochstaplerin vor. ›Bernadette Rainer‹. Ich werde mich niemals vollkommen an diesen Künstlernamen gewöhnen, den Jochen Engold erfunden hat, als er meinen 1. Roman lektorierte.

»Die Geschichte ist so zart und poetisch«, hatte er erklärt. »Sie brauchen unbedingt einen Namen, den man auch in Frankreich und England aussprechen kann!«

Da geschah es. Reto nickte und er lachte so dabei so breit, dass seine makellos weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht funkelten.

»Grüezi, Bernadette. Ich habe Ihre Bücher gelesen«, stellte er fest und machte dabei eine einladende Geste zur Tür hin. In meiner Seele ging eine warme, helle Sonne auf.

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (4-1)

Der Autor, Erzählung, Erzählung, Fortsetzungsroman, Gesellschaft, Künstlerroman, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Sprache

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»Da haben Sie aber Glück gehabt, Frau Rainer«, sagte Andrin. Zumindest vermute ich, dass er diese Worte gesagt hatte. Er spricht ein grausames Schwyzerdütsch. Es hört sich so an, als würde er beim Reden den Erstickungstod erleiden. Das meiste von seiner Ansprache musste ich mir zusammenreimen und erahnen. »Kurz nachdem Sie den Pass passiert hatten, wurde er für die nächsten vierundzwanzig Stunden gesperrt.«

Es schneite heftig, als ich mit großer Verspätung endlich in dem lausigen, düsteren Bergdorf ankam. Die Nacht war längst hereingebrochen. War todmüde und ausgelaugt von der schwierigen Fahrt. Und das alles mit meinem wehen Knie! Die endlosen, engen Serpentinen auf den letzten zehn Kilometern hatte ich im Schritttempo zurücklegen müssen. Ich möchte dir jetzt nicht weiter von der grauenvollen Anfahrt erzählen, in der ich mehrmals knapp davor war, in den Straßengraben oder in einen Abgrund den Berghang hinab zu schlittern. Es ist ja alles gut gegangen. Aber ich wäre am Liebsten weinend über meinem Lenkrad zusammengebrochen. Fast hätte ich an einer Ausweichstelle der engen Straße irgendwo zwischen Himmel und Hölle übernachtet, weil ich mir für ein paar Augenblicke nicht mehr vorstellen konnte, auch nur einen einzigen Meter auf dem spiegelglatten Grund weiterzufahren. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, als der Scheinwerfer des SUVs nach einer letzten Haarnadelkurve im dichten Schneetreiben das Ortsschild von Stillblüten erfasste und ich auf dem kleinen Platz vor dem Gemeindehaus meinen Motor ausstellen konnte. An dieser Stelle endet übrigens auch die Straße. Hinter Stillblüten ist offenbar die Welt zu Ende. Eine steile Felswand bildet den hinteren Abschluss des kleinen Hochplateaus, auf dem sich die wenigen Häuser des Dorfs festhalten und teilweise seit Jahrhunderten den Naturgewalten trotzen. Ich war gespannt darauf, welches der aus schweren Granitsteinen errichteten Gebäude mein Chalet war, in dem ich die nächsten Monate verbringen werde. Doch mich erwartete noch eine Überraschung. Der Abend hatte noch ein Abenteuer für mich in petto.

In den wenigsten der niedrigen Häuser brannte übrigens ein Licht hinter den kleinen Fenstern. Ich parkte unter der einzigen Straßenlaterne des erbärmlichen Weilers neben der Denkmalbüste eines sehr bärtigen Mannes. Hier lag überall alter Schnee auf den Dächern und war am Rand zu säuberlichsten Häufen aufgeschichtet. Die Lampe konnte sich kaum gegen den dichten Schneefall durchsetzen. Nur ein funzliger Schein fiel auf meine nähere Umgebung. Ich konnte nicht entziffern, wer auf die Denkmalssäule gehievt würden war. Nichts rührte sich. Hatten sich hier alle kollektiv in den Abgrund gestürzt? Ich hupte. Zuerst geschah nichts. Ich starrte angestrengt aus der Frontscheibe des SUV und versuchte, eine Bewegung auszumachen. Doch außer dem Schneetreiben rührte sich nichts. Da die Heizung meines Wagens weiterhin mit fauchendem Schnauben angenehm warme Luft gegen das Glas blies, hatten die dicken Flocken keine Chance, sich langer als für ein Lidzucken auf der Scheibe zu halten. Sie blühten auf und verwandelten sich in glitzernde Edelsteine, aus denen plötzlich Quecksilberstreifen wurden, die über das Glas tränten. Dadurch war mein Sichtfeld ziemlich eingeschränkt. Doch ich konnte sehen, wie im Erdgeschoss des Gebäudes vor mir ein paar Lichter angingen. Endlich. Offenbar schien hier am Ar*** der Welt der Strom noch zu funktionieren.

Ich hupte erneut. Meine Geduld war erschöpft. Wo war dieser Andrin? Als ich ihn am Nachmittag unten aus dem Tal anrief, war ich zwar nicht durchgekommen. Aber die SMS, in der ich ihn über meine verspätete Ankunft informierte, hatte er doch erhalten! Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als mich zu überwinden und durch den gut knöcheltiefen Schnee auf dem Platz zum Haus hinüber zu stapfen. Doch endlich öffnete sich eine Tür: Eine Gestalt trat ins Freie und kam dann schwankend näher. Zumindest sah es so aus. Zuckte zusammen, denn was dort auf mich zukam, war ein Außerirdischer. Er trug eine Art von Raumanzug und hatte einen ausladenden, leuchtend roten Pilzkopf, unter dem riesige, schwarze Augenkreise starrten. Entsetzt drehte ich am Zündschlüssel, um den Motor zu starten und panisch zurückzusetzen, da wurde er direkt vom Licht meiner Scheinwerfer erfasst. Ich war auf eine groteske Sinnestäuschung hereingefallen!

Selbstverständlich war dies kein Marsmännchen, das mich entführen wollte, sondern eine Person in weiter Schutzkleidung, die gegen den Schneefall einen großen Regenschirm in der Hand hielt. Sie kam heran und klopfte gegen die Seitenscheibe. Mein Herzschlag war fast noch lauter als das Klopfen, als ich sie herunter ließ. Die Gestalt beugte sich zu mir herab und schob ihren Kopf halb herein. Sie trug eine eng anliegende Maske, die über Nase und Mund wie eine Schweineschnauze geformt war. Darüber eine verblendete Skibrille und über dem Haar eine blaue Zellophanmütze. Es sah so aus, als hatte sich die Erscheinung die Obsttüte vom Migros über den Kopf gestülpt.

»Frau Rainer, wie ich vermute«, zitierte die Gestalt den Entdecker Stanley, als er im afrikanischen Busch auf Livingstone stieß. Denke aber, dass es nicht Absicht war. Sieh mal an, in der Horrorkluft aus einer miesen Pandemie-Dystopie steckte eine Frau. Sie sprach ein kratziges Hochdeutsch. »Wir hatten Sie schon früher erwartet. Aber nun sind Sie ja glücklich angekommen. Willkommen in Stillblüten.«

Ich nickte nur, weil mich die Situation überforderte und noch immer ängstigte. War hier Ebola ausgebrochen? Schneeflocken und Kälte drangen in das Auto und vertrieben die mollige Wärme, die bisher in ihm geherrscht hatte. Mich fröstelte und das nicht nur wegen des geöffneten Fensters. Am Liebsten hätte ich auf der Stelle die Scheibe wieder hochgelassen und wäre zurückgefahren.

»Ich bin Dr. Verena Wanner. Aber nennen sie mich Vera. Entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug. Ich kann mir gut vorstellen, wie ich auf Sie wirken muss, Frau Rainer. Aber in diesen Zeiten sind wir leider gezwungen, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Bisher hat Covid einen Bogen um Stillblüten gemacht und wir wollen doch, dass es so bleibt, oder?« Hätte sich Vera nicht als Ärztin vorgestellt, hätte sie ihr salbungsvoller und leicht überheblicher Tonfall verraten.

»Sicher …«

»Deshalb möchte ich sie zuallererst bitten, noch eine Viertelstunde im Automobil zu bleiben und einen Corona-Test zu machen.« Sie reichte mir ein Test-Kit durch das Fenster, das ich überrumpelt annahm. »Wenn Sie schon Ihren Kofferraum öffnen, kann ich in der Zwischenzeit schon einmal Ihr Gepäck reinbringen lassen. Sie wissen, wie solch ein Schnelltest funktioniert?«

»Ja, natürlich. Aber ist das wirklich nötig? Ich meine, ich habe erst heute Morgen im Hotel in Zürich …«, setze ich zu einer hilflosen Lüge an. »Und ich bin tatsächlich auch schon geimpft.«

»Ich muss leider darauf bestehen. So sind die Bestimmungen hier. Ohne einen aktuellen negativen Schnelltest kann ich Sie leider nicht hereinbitten – Impfung hin oder her. Sie verstehen das sicher, oder? Wenn Sie Ihren Impfpass dabeihaben, auf dem die Impfungen bestätigt sind, können wir vielleicht auf einen PCR-Test verzichten. Eigentlich wollte ich Sie nämlich morgen im ›Aegäschtä‹-Nest besuchen kommen, um einen mit ihnen durchzuführen.«

»Im … wo?«

»Im ›Aegäschtä‹-Nest«, lachte Vera. »So bezeichnen wir in Stillblüten Ihre Unterkunft. Das heißt ›Elsternnest‹. Sie werden morgen im Hellen schon sehen, warum sie hier so genannt wird. Es tut mir wirklich leid, dass wir Ihnen so viele Umstände machen müssen.«

»Aber …«

Die Ärztin zog ihren Kopf zurück. Ich sah ein, dass eine weitere Diskussion sinnlos war. Also schloss ich wieder mein Seitenfenster und machte im Licht der Innenbeleuchtung den doofen Test. Bohrte mit dem Stäbchen ausgiebig in der Nase, löste dann die Popel in einer Flüssigkeit und träufelte diese Lösung dann auf den Teststreifen. Starrte dann auf das Ergebnisfensterchen, in dem sich meine Probe langsam vorwärts bewegte und sich, wie erwartet, nur der linke Kontrollstreifen unter dem eingestanzten ›C‹ rot färbte. Natürlich bin ich negativ! Verdammt! Schließlich habe ich mich schon seit Monaten nicht mehr aus dem Haus gewagt und meine wenigen sozialen Kontakte nur noch über die Medien am Leben gehalten. Die einzige Person aus Fleisch und Blut, die in meiner Nähe war, bist du. Du bist schon seit Januar geimpft und ich seit den letzten Wochen ebenfalls. Ich weiß nicht, welche Beziehungen Welkenbaum spielen ließ, aber ich bekam zu Hause überraschend Besuch von einem Impfteam, als wäre ich ein Promi. Kam mir zwar wie ein Impfdrängler vor, habe aber nichts gesagt. Ich habe erleichtert meine beiden Portionen Biontech genossen, obwohl ich längst noch nicht dran war. Hatte nicht einmal besondere Beschwerden danach.

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (3)

Der Autor, Erzählung, Erzählung, Fortsetzungsroman, Gesellschaft, Künstlerroman, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Sprache

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Es ist gerade zwölf Uhr vorbei. Ich sitze in meinem Leihwagen auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte. Das Lokal selbst hat selbstverständlich geschlossen. Es steht nur ein Kaffeeautomat vor der versperrten Tür. Aber zum Glück sind die Toiletten auf. Das kostenlose W-Lan-Signal ist hier so gut, dass ich dir eine kurze Zwischen-E-Mail direkt in den Laptop schreiben kann. Meine Notizbücher befinden sich hinten im Kofferraum des Diesels.

Ich bin seit heute Morgen, von einem kurzen Tankstopp bei Luzern abgesehen, drei Stunden durchgefahren. Brauchte einfach eine kleine Pause, bevor ein paar Kilometer weiter vorne die Schweizer A8 am Thuner See endet und ich südöstlich in Richtung Walliser Alpen weiterfahre. Laut Bordnavi werde ich nicht vor 19:00 Uhr in Stillblüten ankommen. Zum Glück ist es dann ja noch hell. Ich werde später bei diesem Urs oder Anders, oder wie auch immer er heißt, anrufen und ihm meine Ankunftszeit durchgeben. Die Fahrt war bisher sehr entspannend, weil die Schweizer Autofahrer auf dieser Mautstrecke diszipliniert und entspannt fahren und sich tatsächlich an das Tempolimit halten. Dadurch läuft der Verkehr reibungslos und flüssig und staut sich nicht einmal an den vielen Baustellen. Wenn ich diese A8 mit ihrem deutschen Pendant zwischen München und Augsburg vergleiche, stellen sich mir die Nackenhaare hoch.

Ich merke es selbst! Ich leide gerade wieder unter meiner Autorenkrankheit ›Geschwätzigkeit‹. Ich dachte, die letzten Monate hätten mich davon geheilt. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum berührten meine Finger die Tasten des Laptops, tippten sie sich auch schon in einen Schreibrausch, den ich nur fassungslos beobachten kann. Ich sehe meinen flinken Fingern, die über die Tastatur huschen, zu und kann es nicht begreifen, was in diesem Moment mit mir vor sich geht. Ich schreibe gerade schneller, als ich denken kann, ohne Rücksicht auf Tippfehler und Satzzeichen. Meine Finger eilen mir sozusagen als Vorhut voraus. Ist es das, was die Surrealisten um André Breton und Philippe Soupaul das ›automatische Schreiben‹ nannten? Das ist mir unheimlich, denn von früher kenne ich solche Schreiborgien von mir nicht. Da war ich froh, wenn ich an einem Schreibvormittag 200 oder 500, oder meinetwegen auch mal 1000 einigermaßen treffende Wörter aufs Papier brachte. Doch heute bin ich wie im Fieber. Gibt es da nicht eine Krankheit? Ich bin zu faul, es zu googlen.

Ich werde bei der nächsten E-Mail lieber wieder vorher in meinem blauen Notizbuch aufsetzen und dann abtippen, was ich dir senden will. Da habe ich das richtige Schreibtempo. Schreibe dir ja eigentlich nur von diesem Rastplatz, um dich zu beruhigen. Ich möchte nicht, dass du meine letzte Mail von gestern Nacht in den falschen Hals bekommst. Du darfst dich wegen mir nicht sorgen. Meine Panikattacke von gestern ist vergessen und vorbei. Mir geht es wieder hervorragend. Wirklich. Ich erwachte heute Morgen schon gegen 6:00 Uhr, weil ich vor Aufregung nicht mehr schlafen konnte. Aber ich war da schon voller Tatendrang und gut gelaunt. Hatte zwar leider am Abend doch nicht mehr an meinem Roman schreiben können; doch das englische Frühstück, das ich auf meinem Zimmer einnahm, und eine Dusche vertrieben den Rest Wehmut über mein erneutes Versagen. Da mein Leihwagen noch nicht bereitstand, zog ich nach dem Frühstück meine Joggingklamotten an und lief trotz des unangenehmen Nieselregens eine Runde an der Limmat entlang. Du weißt ja, es gibt kaum etwas, das meine Lebensgeister schneller in Schwung bringt, als ein halbstündiger morgendlicher Lauf. Habe keine Ahnung, wie ich mein halbes Leben darauf verzichten konnte.

Wenn man aus dem Vordereingang des Steinbock in die Fußgängerzone des Rennwegs tritt und nach links läuft, kann man nach etwa 100 Metern in einen von Häusern umschlossenen kleinen Park abbiegen, der Lindenhof heißt. Die Bäume zeigen hier nur einen Hauch von dem üppigen Grün, das sie in zwei, drei Wochen zieren wird. Dort war ich zu dieser frühen Uhrzeit praktisch allein. Ich hatte das Gefühl, eine andere Zeit zu betreten. Ein Zürich vor vielleicht 30 Jahren. Wie es war, als ich als junge Frau zum ersten Mal in die Stadt kam. Nutzte die Gelegenheit, machte ein paar Dehn- und Aufwärmübungen. Auf der Rückseite des Parks gelangt man dann durch eine Tordurchfahrt direkt auf die Uferpromenade. Die Limmat ist an dieser Stelle ordentlich breit und ein behäbig dahinfließender Fluss. Sie führte viel Wasser und hatte heute Morgen eine merkwürdig schlammig-graue Färbung. Wie eine Pfütze, die man mit dem Fuß aufwirbelt. Die Farbe des Flusswassers passte hervorragend zu diesem düsteren Morgen, an dem es nicht hell werden wollte. Zürich schien mir nur aus zerfließenden Grautönen zu bestehen.

Wie hieß noch einmal dieses merkwürdige Buch, von dem du unbedingt wolltest, dass ich es lese? Das ich nach 25 Seiten zornig zur Seite schleuderte? Obwohl ich dir gegenüber behauptet habe, ich würde es lesen? Fifty Shades of grey, genau. Bei machen Büchern ist der Titel das Einzige, was an ihnen gut ist. ›50 Grautöne‹. Das passt wunderbar zu meinem Lauf. Doch es waren nicht fünfzig, sondern hundert, nein, tausend graue Schattierungen um mich herum. Tauchte in sie hinein. Verschwamm mit ihnen. Wurde von ihnen verschluckt. Mein Geist wurde ganz leer, während ich schneller lief als sonst. Ich genoss die trügerische Wärme, die sich, vom Sonnengeflecht ausgehend, in meinem Körper ausdehnte. Die gleichmäßigen Bewegungen, der Rhythmus der Platschgeräusche, die meine Joggingschuhe auf den Zement erzeugten, mein dampfender Körper. Auch auf der Promenade war ich beinahe allein. Ab und an wich ich Spaziergängern aus, die ihren Hund oder einen Kinderwagen bewegten. Der eine oder andere Radfahrer überholte mich. Schneller, als ich vermutete, gab meine Smartwatch Signal. Ich war so in mir und in dem Grau verschlossen, dass ich die Zeit aus den Augen verloren hatte. Die Hälfte meiner Trainingsrunde war geschafft. Hätte noch Stunden so weiterlaufen können. Mir ging es glänzend. Ich spürte nicht wie üblich mein Seitenstechen und auch keinen Schmerz in der Brustgegend. Die Bänder und Gelenke protestierten nicht. Fühlte mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Trotzdem blieb ich vernünftig; ich schnaufte auf meine Oberschenkel gebeugt keuchend aus, band mir meine Schuhe neu. Dann ging es auf dem gleichen Weg zurück. Ich konnte nun die anerkennenden Blicke der Leute sehen, die ich gerade überholt hatte. Es regnete nun stärker und es war wirklich an der Zeit, zurück in die Wärme zu kommen und erneut zu duschen. Bevor ich mir hier unten am Fluss den Tod holte.

Der Rückweg war deutlich anstrengender als der Hinweg. Er kam mir endlos vor, bis ich endlich wieder die Torausfahrt fand, durch die ich durch den Park zurück zur Fußgängerzone kam. Nun hatte ich es nicht mehr weit bis zum Hotel. Ich verlangsamte mein Tempo. Gleichzeitig begannen die Beschwerden. Mir war ein wenig übel und ein dünner, nadelfeiner Schmerz stach mir ins linke Knie. Spüre ihn noch immer. Er taucht jedes Mal auf, wenn ich das Kupplungspedal benutze. Ich humpelte durch den heftigen Regenguss zurück in den Steinbock. Dort teilte mir der überraschte, sogar ein wenig entsetzt wirkende Concierge an der Rezeption mit, dass mein Leihwagen hinten im Hof für mich bereitgestellt sei. Falls ich seinen von der Maske halb verborgenen Gesichtsausdruck richtig gedeutet habe. Auch diesmal zwang mich mein Sportlerstolz dazu, die Treppe und nicht den Aufzug zu nehmen. Gebe es aber zu: Ich schaffte es nur mit größter Willensanstrengung bis in mein Zimmer hinauf. Fast wäre ich auf einem der Sessel im Aufenthaltsbereich auf der 1. Etage sitzen geblieben. Nach dem Duschen ging es mir viel besser. Wie gesagt, der Knieschmerz war noch da. Aber sonst fühlte ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Packte schnell meine Sachen zusammen, checkte aus und ließ mich vom Navi meines Leihwagens sicher durch den starken Autoverkehr der Stadt leiten. Bald schon lag Zürich nördlich hinter mir.

Und nun sitze ich hier auf dem Parkplatz eines geschlossenen Rastplatzes und berichte dir von meinem Vormittag. Du siehst, es flutscht wieder und bei mir ist alles in Ordnung. Hoffe, ich kann dir schon morgen aus Stillblüten schreiben. Im Moment fühle ich mich, als würde meine Reise gerade jetzt erst beginnen. Mit jedem Kilometer, den ich mich von zu Hause entferne, nimmt die Vorfreude zu. Es fühlt sich gut an.

Bis morgen.

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (2)

Der Autor, Erzählung, Erzählung, Fortsetzungsroman, Gesellschaft, Künstlerroman, Leben, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Sprache

Mail2Ab Stuttgart verlief der Rest meiner Zugfahrt reibungslos – und langweilig. Zuerst tippte ich meinen Text ab und sendete ihn ich dir als mein erstes E-Mail-Lebenszeichen. Ich schlief ein bisschen, versuchte vergeblich, ein wenig zu lesen. Ich habe ja den gesammelten Thomas Mann auf dem Reader und versuchte mich am ›Tod in Venedig‹. Vergebliche Mühe. Ich kam nicht über die ersten Seiten hinaus. Ehrlich gesagt: Seine Literatur ist mir einfach zu langweilig und verlogen. Wenn ich daran denke, dass ich in der Schweiz endlich einmal den ›Zauberberg‹ lesen will. Meine Güte!

Immerhin funktionierte in diesem ICE die Heizung. Mir wurde endlich wieder warm. Die meiste Zeit starrte ich einfach zum Fenster hinaus. Ließ die abwechslungsreiche Landschaft an mir vorüberziehen. Sah sie aber nicht bewusst. Ich fiel mal wieder in meine trüben Grübeleien hinein wie in eine offene Grube. Dort unten warteten im Schlamm bereits die Trauer, die Furcht und mein doofes Selbstmitleid auf mich. Was soll ich da erzählen, was du nicht schon weißt? Seit nun bald einem halben Jahr suhle ich mich bereits in meinen Quartalsdepressionen. Ich könnte dir sogar die Tage nennen, die vergangen sind, seit sie begonnen haben. Nein, ich möchte die Zahl einfach nicht hinschreiben! Zu Anfang waren es ganze Wochen, die von diesen trüben Gemütszuständen durchtränkt waren. Nun sind es nur noch ein paar Stunden an jedem einzelnen Tag, mit dem ich morgens erwache. Ich hoffe sehr, die Idee von Welkenbaum, mich ›landzuverschicken‹, ist so gut, wie ihr beide denkt. Denn ich bin jetzt schon einsam und verloren ohne dich. Wie werde ich mich da erst fühlen, wenn ich allein in dem Chalet in Stillblüten bin? Ich fürchte, ich werde dort nur um mich selbst und um meinen Kummer kreisen.

Der Zug nach Zürich war übrigens fast pünktlich. Er wurde nur ein wenig an der Grenze aufgehalten, wo die Gendarmen unsere Einreisepapiere bestätigten und die Pässe kontrollierten. Von Baden-Württemberg aus benötigt man zum Glück noch keinen frischen PCR-Test für die Schweiz oder muss gar 14 Tage in Quarantäne. Hinter dem Schlagbaum war übrigens alles anders. Offener, freier. Zumindest fühlte es sich genau so an. Ich atmete sogar leichter durch meine Maske, nachdem ich die triste, so eingeengte Heimat hinter mir gelassen hatte. Und meine Laune lichtete sich wie der Himmel über dem Bodensee, der einmal kurz in der Ferne zu sehen war. Sogar das Wetter hatte offenbar ein Einsehen. Es regnete nicht mehr. Mittags tauchten schließlich zwischen den löchriger werdenden, dunkelgrauen Wolken schneebedeckte Alpengipfel am Horizont auf. Ich kann dir nicht sagen, wie sie heißen, denn für mich sieht ja ein Berg wie der andere aus. Bisher habe ich das Gebirge nur als Hindernis empfunden, das mich von meinem Italien trennt. Auch wenn das Wort sehr platt ist und für eine Autorin wie mich eigentlich unwürdig: Die Alpen sind schon majestätisch. Ja. Das erkenne ich jetzt. Vielleicht gewöhne ich mir oben in dem Schweizer Hochtal das Bergwandern an. Mal sehen. Was meinst du? Ich fand es bisher langweilig, irgendwelche Hänge emporzusteigen und auf Gipfeln herumzukraxeln. Ich hätte mir vor der Reise bei Amazon festes Schuhwerk kaufen sollen. Mit meinen Stiefeletten mit Keilabsatz komme ich auf einem Bergpfad sicher nicht sehr weit. Aber wahrscheinlich bleibe ich beim Joggen. Das geht sicher auch dort oben. Wenn nicht noch zu viel Schnee liegt.

Ich sitze übrigens inzwischen in meinem Hotelzimmer im Steinbock. Der IC kam pünktlich um 14:36 am Hauptbahnhof Zürich an. Meine von Welkenbaum reservierte 5-Sterne-Unterkunft ist von ihm nur ein paar Minuten entfernt. Deshalb nahm ich mir auch kein Taxi, sondern ging zu Fuß. Auch hier ist es kalt, aber trocken. Ich zog meinen Rollkoffer durch die Fußgängerzone im Rennweg, in der nicht allzu viel los war. Zwar trägt man auch hier Masken, aber ein paar Leute saßen tatsächlich in Decken gehüllt gemeinsam vor den Restaurants und Cafés. Das ist ein Anblick, den ich seit dem letzten Sommer nicht mehr gesehen habe. Eigentlich nicht mehr, seit wir im September im Bayerischen Wald waren. Es fühlt sich gut und richtig an, die Menschen dort zu sehen. Ich kann kaum glauben, dass ich das einmal über die Züricher sagen würde. Aber es ist hier im Moment weniger kleinbürgerlich und miefig als in München.

Ich habe eine Pause gemacht. Habe aus dem Fenster hinunter auf den Rennweg gesehen, wo jetzt am Abend sehr viele Personen auf der Straße sind. Da ist es mir erst aufgefallen. Jetzt habe ich schon so viel geplappert. Dabei habe ich fast vergessen, dich zu fragen, wie es dir eigentlich geht. Deshalb habe ich doch diese ganze Sache mit den E-Mails angefangen. Um dir nahe zu sein. Wie war das, heute Morgen aufzustehen und eine leere Wohnung vorzufinden? Ich stelle mir deine Einsamkeit überwältigend vor. Sie hat sich sicherlich noch verschärft, als du durch die Räume gegangen und überall auf mich gestoßen bist. Ich meine, auf Gegenstände, die mir gehören. Lege sie einfach alle in einen Schrank und verschließe ihn gut. Mein Gott, ich habe es heute Morgen nicht einmal fertiggebracht, die Überreste meines schnellen Frühstücks in die Spüle zu räumen. Der Müsliteller und die Kaffeetasse stehen benutzt auf dem Küchentisch. Mein Handtuch im Bad liegt auf dem Boden, neben meinem Pyjama. Ich habe die Duschkabine nicht abgezogen, das müsstest du noch machen. Das wird dich wahrscheinlich alles furchtbar quälen. Du weißt, ich bin auch sonst sehr schlampig. Wenn mich meine Gedanken quälen und ich mich in meinem Kopf eingesperrt fühle, dann nehme ich meine Umwelt nicht mehr wichtig und kaum mehr wahr. Ich kann eben nicht aus meiner Haut. Ich hatte es am Morgen so furchtbar eilig, damit ich den Zug nicht verpasste. Dann stand ich dumm eine halbe Stunde im Schneeregen auf Gleis 8 und fror. Ich bin selbst schuld! Ich bin nicht einmal dazu gekommen, mich von dir zu verabschieden. Plötzlich war die Zeit weg und ich konnte keine Sekunde mehr warten. Aber du wirst mich verstehen. Das war diesmal kein Aufbruch zu einer Reise. Es war eine Flucht. Ich bin ein schrecklicher und egoistischer Mensch.

*

Ich komme eben vom Restaurant, wo ich allein an einem Vierertisch mit viel Abstand zu den wenigen anderen Hotelgästen mein Abendessen einnehmen wollte. Zumindest habe ich es versucht. Hotels haben in der Schweiz eine Ausnahmegenehmigung und ihre Innengastronomie ist unter strengen Hygieneauflagen geöffnet. Wie gesagt, es waren außer mir nicht viele in dem Lokal und jeder hatte einen eigenen schlanken und jungen Kellner, der niemals seine braune Maske mit dem Hotellogo abnahm und einen osteuropäischen Akzent sprach. Da der Service auch identisch gekleidet war, war es fast, als würde man von Robotern der gleichen Baureihe bedient. Obwohl ich mich wirklich darauf gefreut hatte, zum ersten Mal seit Oktober wieder einmal in einem Restaurant speisen zu können und die Küche im Steinbock übrigens sternemäßig ist, verflog meine gute Laune schnell. Das schummrige Kerzenlicht, das Stimmung verbreiten wollte, aber die aseptische Tristesse des Gastraums noch verstärkte, verschlimmerte meinen Panikschub. Er überrannte mich hinterrücks, als ich gerade die Weinkarte studierte, die leicht nach Desinfektionsmittel roch. Mir war, als würde mir jemand von hinten die Luft abwürgen. Verzweifelt bemühte ich mich um Haltung. Ich würgte ein wenig von der Vorspeise hinunter und nippte ein paar Mal an dem exzellenten Weißwein. Doch dann bestellte ich eilig bei meinem Kellner den Rest des Menüs ab und flüchtete. Alle Blicke im Raum folgten mir. Sollen die Leute denken, was sie wollen. Ich vermied den Aufzug und rannte die Treppe in den 3. Stock. Hastete den leeren, verwinkelten Gang bis zu meinem Zimmer. An meinem Hals pochte eine Schlagader wie ein Ravebeat. Erst als ich oben die Tür hinter mir abgeschlossen und mich verzweifelt ins Bett geworfen hatte, wurde mein Herzschlag langsam wieder ruhiger. Ich nahm schnell ein paar Ibos aus meiner Reiseapotheke zu mir, weil ich befürchtete, Kopfschmerzen zu bekommen. Dann legte ich mich wieder hin. Ich zog mich nicht einmal aus. Gerade rechtzeitig. Aber ich konnte lange keinen zusammenhängenden Gedanken fassen. Es sind gefühlt Stunden vergangen, in denen ich hilflos auf der Überdecke meines Betts lag und gegen meine Panik kämpfte. Tatsächlich aber nicht einmal eine halbe Stunde. Ich kam wieder zu mir, als die hereinbrechende Dämmerung durch die Fenster zu mir trat und das Schummerlicht des Tages zunehmend einer wohltuenden Finsternis wich. Das Hotelzimmer fühlte sich mit einem Mal viel weiter an. Nach einer Weile konnte ich mich auf den Bauch drehen und die Nachttischlampe einschalten. Ich öffnete mein blaues Notizbuch und begann zu schreiben.

Glaubst du, das wird noch einmal besser mit mir? Früher waren mir doch solche Anfälle von Agoraphobie vollkommen fremd. Doch, du und Welkenbaum, ihr hattet recht. Diese Klause dort oben am Berg ist genau der Ort, an den ich jetzt gehöre. Ich muss nur noch hinkommen. Jetzt werde ich vor dem Zubettgehen meinen Laptop öffnen und mich durch die Anmeldung ans Internet quälen. Dann tippe ich meine Notizen dieses Tages gleich ab und schicke sie dir wieder als E-Mail zu. Danach werde ich vielleicht noch ein wenig schreiben. Mir ist nämlich vorhin, auf dem Bett liegend und leidend, kurz eine Idee gekommen, wie ich den Plot-Knoten in meinem blöden Roman zumindest ein wenig lockern könnte.

Liebe Grüße, deine Mutter.

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