04.02.21 »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«

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Donnerstag, 04.02.21

Liebe Leserin,

Dante Alighieri (1) hatte offenbar prophetische Fähigkeiten: »Ihr, die ihr durch mich eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, kann man in seiner Commedia als Inschrift über dem Tor zur Hölle lesen. Eigentlich sollten diese Zeilen auch erscheinen, wenn man den Browser öffnet und ins Internet geht, um seine sozialen Netzwerke zu pflegen. Denn das Internet und seine hohlen Versprechungen sind zumindest das Purgatorio, in dem ich gequält werde – ohne zu wissen, wann ich in seinen Feuern genug »geläutert« wurde, um es endlich verlassen zu dürfen. Ja, ich weiß, ich bin selbst schuld. Ich mache es für mich (und vielleicht auch für dich) durch mein Gejammere noch schlimmer, das ist mir klar. Aber es ist gerade in dieser Zeit, in der ich den Eindruck habe, ich hocke von Gott, den Menschen und allen guten Geistern verlassen in einer Zeitschleife und in Einzelhaft gefangen in meinen vier Wänden, kaum erträglich. Wie jemand in diesen Tagen Optimismus ausstrahlen kann, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich schleppte mich durch den schier end- und hoffnungslosen Januar, den irgendwie auch der Februar noch nicht beendet hat, funktioniere mehr, als dass ich handle. Meine ohnehin wenigen  Kontakte tendieren gegen 1 (Das ist Frau Klammerle, der ich gerade ein wenig auf die Nerven gehe). Ich esse und trinke viel zu viel und starre gefühlt stundenlang in den Regen hinaus oder in mein Smartphone. Doch weder in meinem Garten, noch im Internet tut sich etwas – überall herrscht nur Leere und Ödnis; es wird früh dunkel und spät hell. Ich werde vom Wetter und vom Internet geghostet. Die Kraft, mich hier aus meinem Fegefeuer herauszuwinden, schwindet mit jedem Tag, den ich gezwungenermaßen im Lockdown verbringen muss.

Und ich bemühe mich wirklich, mich aus diesem Sumpf zu befreien – Zeit habe ich ja. Mein Erzählungsband »Stromausfall« ist beinahe fertig und ich hoffe, ihn nach dem Lektorat im März veröffentlichen zu können. Ich schreibe regelmäßig an meinen neuen Romanen »Die Bücherkeller des Vatikans« und »Mánis Fluch«, die mir beide gut von der Hand gehen. Von ihnen habe ich bereits gut 30.000 Wörter, also fast 150 Seiten geschrieben und wenn ich in diesem Tempo weitermache, beende ich die Romane im Sommer, bzw. im Herbst.

Ich habe für meine Fantasy-Saga »Brautschau« eine WordPress-Site eingerichtet und viel Zeit in ihre Erstellung investiert, Illustrationen und Landkarten gezeichnet, dazu eine Wiki begonnen und Texte und Videos und ein Logo erstellt. Man kann dort Leseproben aus allen Brautschau-Romanen lesen und den kompletten Anfang von »Mánis Fluch«. Ich habe die Site siebenhardt.wordpress.com exzessiv in Facebook, Instagram, Twitter, youtube und bei Freunden und Verwandten beworben. Anzahl der Besucher von siebenhardt.wordpress.com in den letzten zwei Wochen: 0. (2)

Aber ein Traum, den privaten Blog und Schriftsteller-Tagebuch, auf dem du dies gerade liest, führe ich seit Mai 2013 und ich habe in den acht Jahren über 1000 Artikel für ihn geschrieben (und die besten in zwei Bänden als Taschenbuch und als E-Book veröffentlicht). Auch hier habe ich regelmäßig geschrieben und etwa 100 Seiten von dem 4. Geltsamer-Roman »Die Bücherkeller des Vatikans« vorveröffentlicht. Anzahl der Besucher auf dieser Site in den letzten zwei Wochen: 4. (Die Spammer und Suchmaschinenbots sind wieder abgezogen).

Ich habe in den letzten Jahren 13 Bücher von mir im Eigenverlag veröffentlicht und biete sie in allen Buchhandlungen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum an. Sie gibt es als Taschenbuch und als E-Book. Die Preise sind so gestaltet, dass sie gerade so meine Unkosten decken. Ich bewerbe sie täglich auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung stehen und mache regelmäßig Online-Lesungen und stelle sie auf youtube. Anzahl der Käufer meiner Bücher im Januar: 0. Ich lese, rezensiere und bewerte immer wieder auch die Bücher anderer Autoren und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anzahl der Rezensionen oder Sternchen meiner Bücher im Januar: 0. (3)

Ja, ich weiß, ich jammere zu viel in dem Feuerloch, in dem ich gebrutzelt werde. Aber ich finde, ich habe wirklich allen Grund dazu. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich bin und bleibe vollkommen erfolglos. Als Schriftsteller habe ich vollkommen versagt.

Dein Nikolaus.

PS. Wenigstens hat heute das Wetter ein Einsehen und ist fast frühlingshaft schön. Sollte die Zeitschleife doch noch ein Ende finden und sich die Türen meines Purgatoriums öffnen? Mein lieber Kollege und Freund Jean Paul hat mal gesagt, dass es der Vorteil des Frühlings sei, genau dann zu kommen, wenn man ihn am nötigsten hat. Vielleicht sollte ich hinaustreten und dabei nicht alle Hoffnung fahren lassen. Und ich verspreche hiermit feierlich: Mein nächster Blogartikel wird wieder ein lustiger. Versprochen!

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(1) Ein paar Bücher gibt es, die sind in aller Munde und jeder behauptet, sie zu kennen. Doch mir bleiben sie einfach verschlossen und ich bringe weder die Kraft noch den Mut oder gar die Freizeit auf, sie zu lesen. Die »Göttliche Komödie« habe ich im Gegensatz zur »Menschlichen« von Balzac niemals gelesen, obwohl ich sie inzwischen sogar in zwei verschiedenen Ausgaben im Bücherschrank habe – als reich illustrierte Prosaübersetzung und in den originalen Terzinen. Beides ist für mich fast unlesbar, obwohl ich auch harten Stoff gewöhnt bin und ich wirklich den Wunsch habe, absolut jedes Buch zu lesen. Ähnliche Hürden sind z. B. Proust, Musil oder Joyce, obwohl diese, wenn ich sie mit Dante vergleiche, beinahe Zeitgenossen sind. Oh, Boccaccio, Ariost, Machiavelli und viele andere Renaissanceautoren habe ich mit Vergnügen und Gewinn studiert, ich habe auch Dantes Vorbilder (Homer, Vergil etc.) gelesen, aber Dante selbst … nein, der geht gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Söhnen habe ich nicht einmal das Computerspiel gezockt, das auf der Divina Commedia beruht.

(2) Ausnahme sind natürlich die Drecks-Spammer. Diese Pest überschwemmt mich überall im Netz. Jeden Tag beginne ich damit, den Mist zu löschen, Pornobots und Betrüger zu blockieren. Auf Instagram z. B. werden 3 % aller Zugriffe auf mein Konto von heiratswilligen Frauen von der Elfenbeinküste aus getätigt. Gerade wurde ich beim Schreiben unterbrochen, weil die Meldung aufploppte, dass mir auf Facebook ein Mädel folgen will, das mir irgendwelche »pics« von sich schicken will. Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie mich das nervt!

(3) Anderen geht es noch schlimmer: Eine Autorin, die ich über Instagram kennenlernte, hat 350 Exemplare ihres Romans „Liliensommer“ verschenkt und sich dadurch in erhebliche Unkosten gestürzt. Sie hat eine einzige 3-Sterne-Rezension bei Amazon bekommen. Es ist manchmal unglaublich, wie arrogant Leser mit Autoren umgehen. Sie wollen unsere Werke – wenn es geht, kostenlos – aber mit den Schriftstellern wollen sie nichts zu tun haben. Der Autor ist dem Leser unsympathisch, denn er adoptiert das Werk und argwöhnt, dass dessen Schöpfer ein Konkurrent ist, der den Besitz wieder zurückverlangt. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leser denken, wir existieren nicht in Wirklichkeit und sind nur Ausgeburten unserer eigenen Fantasie.

Lost in Stream

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Liebe unbekannte Leserin!

Ich habe es getan. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine zwanzigminütige Livestream-Lesung veranstaltet! Ich habe am Sonntagnachmittag auf Instagram über mein Smartphone direkt aus meinem Wohnzimmer gesendet und dabei aus meinem neu erschienenen Roman „Aber ein Traum“ vorgelesen.

Ich hatte dabei mindestens einen Zuhörer – allerdings einen analogen, denn Frau Klammerle war mit im Raum (Jemand musste ja auf den Startknopf drücken). Ob mir draußen in der schönen, weiten Internetwelt jemand zuhörte, weiß ich nicht. Aber ich wage es doch zu bezweifeln. Doch deshalb habe ich aber nicht gelesen. Ich habe ja auch nicht weiter Werbung dafür gemacht, sondern mich relativ spontan hingesetzt und gelesen. Ich wollte einfach mit meinen Möglichkeiten experimentieren, mein „Publikum“ trotz dummen Coronazeiten zu erreichen. Wenn ich es nun nüchtern betrachte, war es ein durchaus gelungener Test. Ich komme weit weniger peinlich rüber, als ich befürchtete. Trotzdem war mir nach den 20 Minuten ordentlich heiß … Aber das sind vielleicht nur die Wechseljahre.

Ich würde für dich – die du verständlicherweise den Medien von Mark Zuckerber abhold bist – gerne das IGTV-Video von meiner Lesung einstellen, aber das lässt mein WordPresskonto leider nicht zu. Deshalb gibt es hier nur ein Standbild von dem weltbewegenden Filmchen. Es gibt aber ganz gut die Stimmung wieder, die ich während der Aktion empfand, die schon ein wenig mit Selbstbefriedigung eingefärbt war. Zumindest aber kann ich hier den Link einfügen, der auf Instagram zu dem Video von meiner Lesung führt:

Lesung vom 22.11.2020 – „Aber ein Traum“

Trotz aller Skepsis habe ich mich entschieden, das Ganze zu einer regelmäßigen Aktion werden zu lassen, denn irgendwie hat es mir auch Spaß gemacht. In den vier Quarantäne-Adventssonntagen, die im Dezember folgen, werde ich versuchen, ein kleines Licht anzuzünden und meine Weihnachtsgeschichte „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ in einem Live-Stream vorzulesen. Ich hoffe, dass ich dir damit eine kleine Freude machen kann. Los geht es am

Sonntag, 1. Advent, 29.11.2020, 16:30 Uhr
Live-Lesung auf Instagram

>>zu meinem Konto<<

 

 

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

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»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

Mein neues Buch – „Aber ein Traum“

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Das Geheimnis der Eulenvilla

»Für manche von uns sind Zeit und Raum ein sich überkreuzendes Flechtwerk von Wegen, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurück­bringt, Ambakoum. Die Eulenvilla ist solch ein Ort.«

Das Leben aber ist ein Traum, ein Traum in einem Traum.

Die Zwillinge Alban und Ruben Waldescher werden bei ihrer Geburt voneinander getrennt. Sie wachsen in verschiedenen Welten auf – in unterschiedlichen Universen. Es gelingt ihnen, Kontakt miteinander aufzunehmen und sie beginnen, zwischen ihren Leben hin- und herzuwechseln. Damit lösen sie eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die die Existenz der verwandten Welten bedroht. Eine Schlüsselfigur im Ringen der verfeindeten Brüder ist der ahnungslose Jonas Habakuk, der von Alban und Ruben in einen tödlichen Strudel aus Zeit und Raum gerissen wird.

Wird es ihm gelingen, die Leben der Menschen zu retten, die er liebt? Und welche Rolle spielt dabei die geheimnisvolle Eulenvilla?

Das Geheimnis der Eulenvilla
320 Seiten
10,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Neuerscheinung!

„Das Rote Haus“ – Eine Rezension von Andreas Milanowski

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Heute hat der sympathische Kölner Autor Andreas Milanowski, den ich auf Instagram kennengelernt habe, bei Amazon eine Rezension meiner „jugendgefährdenden“ Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“ veröffentlicht. Es ist die längste Rezension, die ich je bekommen habe; länger als manche Story, die sich in meinem Band findet. Danke schön!

Übrigens scheint es nun auch bei Büchern bei Amazon möglich zu sein, sie anonym nur mit Sternen zu bewerten, ohne eine kurze Kritik dazu zu schreiben. Dies nennt man dort eine „globale Bewertung“. Obwohl ich beim „Roten Haus“ davon profitiert habe und bei zwei Rezensionen dreimal 5 Sterne erhielt, halte ich dieses System für eine selten blöde Einrichtung, die jedes Ergebnis nur verfälschen kann.

»„Aber du wirst einsehen, wie ich aus dem Zustand des einen auf die Gesamtheit schließen kann. Ich will einen herausgreifen und ihn zeigen wie er scheitert oder sich arrangiert. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht!“ Hier hattest du es eilig, mich zu unterbrechen: „Auch Arrangement ist ein Scheitern. Es ist die alltägliche Form des Scheiterns, die undramatische, die du in deinen Geschichten und Bildern gerne unterschlägst. Auf einem falschen Weg kann man nur wenige Schritte in die richtige Richtung gehen.“

Das ist meine Lieblingsstelle aus Niklas Klammers Kurzgeschichtensammlung „Das rote Haus“. Sie ist aus dem Text „Wanderer“ und sie ist es deswegen, weil er an dieser Stelle, in diesem Abschnitt, exemplarisch sein Programm vorstellt. Das Buch folgt diesem Einen auf einer Zeitreise durch drei Jahrzehnte literarischen Schaffens. Es zeigt zu Beginn einen zornigen, jungen Autoren, der sich mit der braunen Vergangenheit seiner Vätergeneration auseinandersetzt, mit Konzentrationslagern und Gulags. In „Rache“ erzählt er von einem, von paranoiden Fantasien getriebenen, ehemaligen KZ-Aufseher, der einer Jüdin begegnet, die er meinte, ermordet zu haben. Nicht genug damit, versucht sein vermeintliches Opfer auch noch, ihrem Peiniger nach einem Unfall das Leben zu retten. Man folgt in „Palimpsest“ dem Physiker Dr. Renning, dem Erfinder einer Zeitmaschine, mit deren Hilfe er sich ins Jahr 1923 zurückbeamt, um mit einem gezielten Kopfschuss Adolf Hitler zur Strecke zu bringen. Ich darf verraten: es misslingt und zwar auf so groteske Weise, dass, wer den wirklichen Fortgang der Geschichte kennt, sich ein mandelbitteres, verzweifelt verzerrtes Grinsen nicht verkneifen mag. Die zweite von vier Abteilungen des Buches befasst sich mit Futuristischem, einer Welt beispielsweise, in der die Literatur von Computerprogrammen erstellt wird, mit allen katastrophalen Folgen für die Lesbarkeit der Texte. Sie holt Kindheitserinnerungen zurück über die Irritationen, die das Auftauchen des weiblichen Geschlechts in einer Bande halbwüchsiger Jungs schafft und sie entführt uns mehrfach ins toskanische Italien, wie man unschwer erkennen wird, einem der bevorzugten Aufenthaltsorte des Autors Klammer. Die dritte Abteilung befasst sich mit Beziehungsgeschichten im weitesten Sinne des Wortes, die vierte mit, mehr oder weniger, programmatischen Texten, wobei die Sinnhaftigkeit des Auftauchens diesen oder jenen Textes in den jeweiligen Gruppen sich mir nicht immer erschließt. Es gibt Überschneidungen. Das ist aber nur eine Randnotiz und stört nicht, da jede der Geschichten des Buches eine, in sich abgeschlossene erzählerische Einheit darstellt. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Hier kann man, obwohl, oder vielleicht gerade weil es ums Sterben geht, von Herzen über einen Schriftsteller lachen, der sich, soeben unter überaus merkwürdigen Umständen verstorben, zusammen mit seiner ebenfalls just verschiedenen Putzfrau vor einer Kinoleinwand wiederfindet, auf der in diesem Moment ein Film läuft, der die letzten Minuten im Leben der beiden zeigt. Die Geschichte ist, obwohl vom Plot her tragisch, so komisch erzählt, dass der Tod, der am Ende als lässiger Literaturliebhaber erscheint, seinen Schrecken gänzlich verliert.

Niklas Klammer macht den Zugang zu seinen Texten nicht immer einfach und das ist gewollt. Gerade die älteren sind herausfordernd und teilweise, aufgrund der politischen Thematik, schwer verdaulich. Das macht sie jedoch nicht weniger interessant und lesenswert – im Gegenteil. Sie sind schwierig, weil sie den Leser zwingen, sich zu positionieren. Klammer lesen und danach Tagesschau sehen oder ruhig ins Bett legen, das funktioniert nicht. Die späteren Texte sind leichter, humorvoll und mit viel Raffinesse geschrieben. Beeindruckend ist die Genauigkeit der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Niklas Klammers Kurzgeschichten sind nie nett, keine Love Stories, keine pittoresken Bildchen aus dem braven, bürgerlichen Leben. Es sind Traumbilder, manchmal alptraumhaft. Sie wollen eklig sein, komisch, grotesk, gelegentlich absurd, verstörend. Es sind Bilder aus dem Leben eines Einzelnen, der sich exemplarisch nimmt für das Ganze. Wer sein Leben ruhig und beschaulich mag, der ist hier falsch! Für alle anderen, vor allem die, die den Autoren Niklas Klammer kennenlernen wollen, ist „Das rote Haus“ ein must read!«

Andreas Milanwoski