Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Sprache”

Die Bücher sind da!

Gestern hat der nette Paketbote von der DHL endlich das ersehnte Paket von meiner Druckerei gebracht und ich bin schließlich doch noch in den Besitz meiner beiden bisher erschienen „Brautschau“-Romane mit den von mir selbst gestalteten neuen Coverbildern gelangt. Ich finde, sie sind mir gut gelungen und machen hoffentlich Lust auf den spannenden Inhalt. Vielleicht locken diese Titelbilder ja ein oder zwei neuer Leser an. Vergesst nicht, in nur 35 (in Worten: fünfunddreißig) Tagen ist Weihnachten! Diese Bücher machen sich perfekt unter dem Gabentisch und kann sich während der Tage zwischen den Jahren in ihren Seiten und Geschichten verlieren. Wie angekündigt, wird noch in diesem Jahr der 2. Band der Karukora-Trilogie erscheinen, dessen erstes Kapitel (120 Seiten) ihr hier lesen könnt. Für Lesestoff ist also gesorgt.

Nebenzu: Ich höre immer wieder die bedauernde Ausrede „Das sind zwar tolle Bücher, aber ich lese eigentlich keine Fantasy.“(1) Ich finde es schade und auch ein wenig verbohrt, einfach ein Genre auszuschließen und sich damit einen großen Lesegenuss zu verschließen. Denn einige Werke, die der deutsche Leser überheblich einem Genre zuordnet und damit den Stempel „minderwertig“ verpasst, sind Weltliteratur (z. B. „Gormenghast“ von Mervyn Peake(2)). Marcel Reich-Ranicki hat zum Beispiel grundsätzlich keine Kriminalromane gelesen und wahrscheinlich auch nie einen SF- oder einen Fantasyroman in der Hand gehalten. Wir arm und karg muss die Lektüre des Kritikerpapstes gewesen sein! Es ist wie mit Loriots Möpsen. Ein Leben ohne Genreliteratur ist möglich, aber sinnlos. Keine Angst. Bei mir gibt es keine Elfen oder Orks und auch keine Zauberei und Fantasy habe ich es nur genannt, weil mir kein adäquater anderer Begriff zur Verfügung stand – Sage oder Märchen würde zwar auch passen, führt aber ebenso in die Irre.

Aber genug geplappert. Lest meine Bücher, verflixt!

______________________

(1) Dabei weiß ich genau, das die Hälfte dieser Leute überhaupt nichts lesen!

(2) Kennst du nicht? Das ist wirklich eine Sünde. „Gormenghast“ zählt zu den zehn besten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe.

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Was bisher geschah …

Wie ich gestern ausführte, werde ich in den nächsten Wochen intensiv an dem 2. Band meines Fantasy-Epos „Der Weg, der in den Tag führt“ arbeiten, damit ich den Roman bis zum Ende des Jahres abschließen kann. Deshalb gibt es heute schon einmal eine kleine Zusammenfassung des 1. Teiles „Karukora“, der auch am Anfang des Buches zu finden sein wird. Ich denke, das ist ein Dienst am Kunden, vor allem, wenn es vielleicht schon ein Jahr oder länger her ist, dass man den Einstiegband gelesen hat. Nur wenige besitzen das Gedächtnis, sich an die Verwicklungen der Handlung und die Namen der Protagonisten zu erinnern.

Eine aktuelle Daguerrotypie des „Elfenbeinernen Palastes“ aus dem Jahr 5875 im 14. Jahr der glorreichen Regierung des „Unterwerfers“

Was bisher geschah

In den Überlebenden Landen herrscht der heiße Sommer des Jahres 5879 nach der Großen Welle, die die alte Welt der Vorgän­ger zerstörte. Der Stadtstaat Karukora ist auf der Höhe seiner Macht. Das Juwel der Wüste, wie die große Stadt auch ge­nannt wird, befindet sich inmitten unwegsamer Wüs­teneinöden und westlich der Ebenen des Ewigen Krie­ges, wo sich seit Jahrtausenden drei Robo­terarmeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern, die keinen Sieger kennt. Aber Karuko­ra liegt auch am Kreuzungspunkt der wichtigsten Han­delsrouten der Überlebenden Lan­de im Mündungsdelta des vielbefahrenen gewaltigen Stromes Ma­rat ins Süd­meer. Die Stadt wird seit ihrer frühesten urkundlichen Erwähnung im Jahr 3126 von einer Ab­folge von Herr­scherfamilien regiert, deren erste, die so­genannte Bingh-Dynastie, sich direkt von dem legendä­ren Grün­der des Stadtstaats herleitete, dessen Name im Dunkel der Zeit verlorengegangen ist. An der Spitze des Staa­tes steht deshalb seit vielen Jahrhunderten der sogenannte Namenlose Herrscher, der, von seinem Diwan und sei­nem Vezir-Bey beraten, vom Falken­thron des Elfenbein-Pa­lasts aus die Geschicke der Stadt und der umliegen­den Wüsten- und Oasenland­schaften bis hinauf zum Helmgebirge und den Gro­ßen Wall lenkt. Dort grenzt das Herrschaftsgebiet der Namenlosen an das Königreich der Lamargue, mit der Karukora jahrhundertelang in Grenzstreitigkeiten und kriegerische Auseinanderset­zungen verwickelt war und sich heutzutage in einem prekären und brüchigen Waffenstillstand befindet.

Der augenblickliche Herrscher, der sich auch der „Unterwerfer“ nennen lässt, entstammt der relativ jungen Bişra-Dynastie. Sein machtgieriger und intriganter Vezir Ómer Sud, mit dessen hochschwangerer Tochter Eóra der Namenlose ver­mählt ist, plant dessen Sturz, um sich selbst zum Re­genten zu machen und seine eigene Sud-Dynastie zu begründen. Ómer hat sich für seinen Putsch mit dem mächtigen General Paşha Ultem verschworen und will auf einem Gastmahl zuschlagen, das er für Regno Raul IV., den Fürsten der Lamargue, ausrichtet. Dieser be­findet sich gerade von seiner Entourage und seinem Geheimdienstchef Idrichson Galves, der die „Schwalbe von Avríl“ genannt wird, zu diplomatischen Beratungen und Handelsgesprächen in Karukora. Auch die oberen Zehntausend Karukoras und Miladí da Hiver, die rät­selhafte Botschafterin des technologisch fortschrittli­chen 5-Städte-Bundes weit im Osten der Überlebenden Lande, sind zu dem Fest eingeladen, das Ómer mit gro­ßem Aufwand geplant hat, um seine Gäste mit der Überlegenheit der Karukorer Kultur zu beeindrucken. Er erhofft sich gleichzeitig ihre Unterstützung bei sei­nem Handstreich, der ihn an die Macht befördern soll. Doch sein Festmahl, dessen Höhepunkt ein Vortrag des berühmten alten Märchenerzählers Alis Dabinghi sein soll, ruft noch andere Verschwörer auf den Plan, von denen Ómer nichts ahnt.

Druşba es Sakr, die geheimnisvolle Anführerin der legendären Karukorer Assassinengilde „Kalte Hand“, plant an diesem Abend ein bezahltes Attentat auf den hühnenhaften Regno, den man auch als den „Bären von Jasir“ bezeichnet. Der Auftraggeber für diese Mordtat bleibt zwar noch im Verborgenen, aber Meister Adelf von Süderbal, der Botschafter des Mönchsstaats Italmar in Karukora, erfährt durch einen Zufall von dem Komplott. Doch bevor er den Regno oder jemanden anderen warnen kann, wird er von der „Kalten Hand“ aus dem Weg geräumt. Allerdings kann er eine Botschaft hinterlassen, die der Mönchsadept Sahar findet, der sich eigentlich in Karukora aufhält, um nach dem abtrünnigen Meister Siebenhardt zu suchen, der von Italmar wegen Ketzerei gesucht wird. Sahar überredet die skeptischen Raul und Galves, dass auch er als ein weiterer Märchenerzähler verkleidet an dem Fest teilnehmen kann, um die Assassinen auf frischer Tat entlarven und ihren Anschlag vereiteln zu können.

Auch der alte Alis Dabinghi hat eigene Pläne für das Fest. Er lebt mit seinem Enkel Selin, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, und mit seiner älteren Tochter Sirtis in ärmlichsten Verhältnissen in den Slums von Karukora, denen er entfliehen möchte. Er will den Abend des Fests dazu nutzen, um mit der Hilfe eines Dieners von Ómer, seinem stummen, alten Freund Muhar, einen wertvollen Schatz aus dem Elfenbein-Palast zu stehlen. Diesen Raub soll für ihn der junge und geschickte Selin durchführen, während Alis selbst auf der Bühne steht und eines seiner Märchen vorträgt. Das Objekt seiner Begierde ist der „Weg, der in den Tag führt“. Dabei handelt es sich der Sage nach um eine Karte oder eine Wegbeschreibung, die eine Möglichkeit aufzeigt, wie man unbeschadet die Ebenen des Ewigen Krieges durchqueren kann, um zu der legendären Stadt des Friedens und des Glücks Pardais zu gelangen, die inmitten des Schlachtfelds liegt. Soweit Alis, der ein direkter Nachfahre der Bingh-Dynastie ist, aus den Familienüberlieferungen weiß, ist „Der Weg, der in den Tag führt“ in einem Geheimfach im Falkenthron direkt im Thronsaal des Elfenbein-Palasts verborgen. Da Selin zwar seinem Großvater gehorsam, aber kein Dieb ist, macht Alis einen Vertrag mit der Diebeszunft von Karukora, ihn bei einem Raub zu unterstützen. Diese schmuggelt zwei ihrer Mitglieder auf das Fest, die Selin unterstützen sollen: Das sind Jalah, die Dienerin von Semira Binsa, die mit ihren reichen Eltern ebenfalls an dem Fest teilnimmt und Selins heimliche Geliebte ist, und der geheimnisumwitterte Meisterdieb Ludo sorriento, der sich als der Kaufmann Juel aus dem 5-Städte-Bund ausgibt und niemand anderer als der von Sahar gesuchte ehemalige Meister Siebenhardt ist.
Schließlich beginnt Ómers Gastmahl und während sich Sahar und Alis vor den hohen Gästen ein Duell liefern, wer von ihnen der beste Märchenerzähler ist, machen sich Selin und Juel heimlich in Richtung Thronsaal auf, um den „Weg, der in den Tag führt“ zu rauben. Auch Jalah schleicht sich davon. Sie wird von der neugierigen und aufmerksam gewordenen Semira verfolgt, die sich fragt, was ihr Freund und ihre Dienerin vorhaben.

Der traditionelle Satz, mit dem ein Märchenerzähler zum Schluss seines Vortrags kommt, lautet: „Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen.“ Ómer hat mit Paşha Ultem verabredet, dass diese Worte, wenn sie Alis ausspricht, das Signal sein sollen, ihre Palastrevolte gegen den Namenlosen zu starten. Doch auch der ehrgeizige General hat seine eigenen Pläne. Er hat den Vezir gemeinsam mit dem Seneschall Radik Emre an den „Unterwerfer“ und an die Elitesoldaten des Namenlosen, die „Treuwacht“, verraten und vereitelt mit seiner Truppe Wüstenkriegern den Putsch. Ómer wird sofort verhaftet und ins Verlies des Palasts gebracht. Das Gastmahl könnte nun weiter-gehen. Doch in diesem Augenblick stürzt der Regno Raul von seinem Stuhl. Er wurde von den Assassinen der Kalten Hand vergiftet.

Ein paar Stunden vor diesen Ereignissen, kurz vor Sonnenuntergang, nähert sich ein Eselsgespann, das von einer dicken Frau auf dem Kutschbock gelenkt wird, der großen Alhaşra-Karawanserei vor den Toren von Karukora …

Ab morgen werde ich als Leseprobe und zum Reinschmecken das über 100 Seiten lange, längst überarbeitete und fertige 1. Kapitel des Romans in Fortsetzungshäppchen veröffentlichen. Dessen Inhalt, eine Geschichte, die am Großen Feuer der Karawanserei erzählt wird, kann auch gut ohne Kenntnisse des ersten Teils gelesen werden. Obwohl ich schon lange nicht mehr daran glauben mag: Vielleicht findet sich ja unter meinen ach so schweigsamen Followern und Blogbegleitern ein Leser, der mich auf dieser Reise begleiten und den einen oder anderen Kommentar abgeben möchte.

 

Kampf um Karukora – ein Werkstattbericht

Bis Ende Dezember, also pünktlich zum Weihnachtsgeschäft und den Tagen zwischen den Jahren, in denen die meisten Literaturbegeisterten viel Zeit zum Lesen haben, wollte ich eigentlich meinen Roman „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ fertigstellen, der der zweite Band der „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie werden soll.

Nun zeigt sich aber immer deutlicher, dass dies ein sehr sportlicher Termin ist, den ich mir da leichtsinnigerweise in den Kalender geschrieben habe. In den letzten Wochen und Monaten habe ich immer wieder erheblich in die Struktur des Buchs eingreifen müssen, weil ich beim endgültigen Überarbeiten des Buchs feststellen musste, dass das Fundament, auf dem die Handlung ruht, insgesamt mehr Breite, Stabilität und Tiefe benötigt. Glaubt einem alten Hasen:

Nichts ist schwieriger für einen Autor, als am Mittelteil einer Trilogie zu schreiben.

Der zweite Band ist wie eine Waage, auf deren Schalen der 400 Seiten lange und damit recht gewichtige, im letzten Jahr erschienene, 1. Band „Karukora“ und der noch zu schreibende Abschlussband „Der Schatten über Paradis“ liegen. Der Mittelteil ist das Zünglein an dieser Waage. Diese ausgleichende Mitte muss den Leser des 1. Teils abholen und seine Erwartungen erfüllen, ihn mit einer spannenden Handlung an der Hand nehmen und ohne größere Umwege vor die Tore des 3. Teils transportieren. Dabei sollte der Plot sinnvoll fortgesetzt und ausgebaut werden, mann muss Dinge erklären und Geheimnisse aufdecken, die bisher noch im Dunkeln verborgen lagen, und den Figuren, die ja noch einen fetten, aktionreichen Schlussroman tragen sollen, mehr Tiefe verleihen. Insgesamt musste ich als Autor mehr Farben und vor allem Zwischentöne auf meine ohnehin schon sehr bunten Palette haben. Das Universum, in dem die Geschichte spielt, muss sich sinnvoll und auch logisch erweitern, neugierig auf mehr machen. Das alles darf aber auch nicht ausarten, wie es z. B. George R. R. Martin(1) oder Patrick Rothfuss(2) geschehen ist, die wohl nie mehr aus dem Labyrinth des Mittelteils ihrer Geschichten herausfinden werden und lieber kleine Nebennovellen oder Prequels schreiben, als ein Ende zu finden. Diese Versuchung kenne ich gut. Ein Autor hat unverschämtes Glück, wenn er Leser findet, die ihm dabei über viele Jahre die Stange halten. Es ist wie mit dem Rauchen: Das Anfangen ist leicht, das Aufhören schwer. Das liegt auch daran, dass viele Autoren – ich nehme mich da nicht aus – zu Beginn gar keinen oder nur einen oberflächlichen Handlungsentwurf haben und während des Schreibens am ersten Teil von ihren eigenen Einfällen wie ein Ast von einem strudelnden und reißenden Bergbach mitgerissen werden und es ihnen im Anschluss kaum mehr gelingt, in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen und zu einem befriedigenden oder auch nur logischen Abschluss zu kommen. Oder glaubt hier jemand, J. K. Rowling hätte das heillose Durcheinander der letzten Potter-Bände am Anfang geplant? Wahrscheinlich hätte sie die Serie nie zuende gebracht, wenn ihr kein Verlag im Nacken gesessen wäre.(3)

»Der Weg, der in den Tag führt«

Gleichzeitig muss im Mittelteil noch viel Luft nach oben bleiben, denn der Höhepunkt ist eindeutig der Schlussband, in dem man „aus allen Rohren feuern“ muss. Für mich hieß dies, dass ich etwa 100 Seiten(4) von „Der Schatten über Paradis“ vom Anfang des Buchs in den 3. Teil verschieben musste, wo sie nun den Prolog bilden. Andere Textteile wurden hin- und hergeschoben, eine große Rückschau als neuen Prolog eingefügt und etliche Handlungslücken, die mir erst beim Überarbeiten auffielen, ergänzt. Einige wichtige Handlungsträger wie z. B. der „Namenlose“, seine Frau Eóra, der Senneschal Radik Emre oder General Ultem, die im ersten Teil noch sehr kursiv eingeführt wurden, benötigten danach eine ausführlichere Beschreibung ihres Charakters und ihrer Beweggründe. Die Bösen müssen ausgefeilter und Vielschichtiger sein als die Helden. Den Schluss des Romans musste ich vollkommen neu schreiben, um den 3. Teil vorzubereiten und auf einen noch gemeineren „Cliffhanger“ als am Ende von „Karukora“ zusteuern. Das ist alles viel Arbeit, doch noch habe ich die Hoffnung, sie in den nächsten beiden Monaten abschließen zu können – auch wenn „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ vielleicht erst Anfang 2020 in den Buchläden auftauchen werden. Nun, ich denke, meine Leser werden sich noch gedulden und vielleicht in der Zwischenzeit noch einmal den 1. Band lesen, damit sie wieder in der Handlung sind.

Deshalb ruhte in diesem Jahr auch meine Arbeit an meinem persönlichen Lieblingsbuch „Dr. Geltsamers erinnerte Memorien“, deren zwei Abschlussbände ich mir endlich im nächsten Jahr vornehmen und zu einem hoffentlich befriedigenden Ende führen werde.

____________________________

(1) Wir hätten das Ende seiner „Game-of-Thrones“-Sage nie erfahren, wenn ihm nicht ein riesiger Konzern in Nacken gesessen hätte, der ihn zwang, die Handlung der nach seinen Romanen gestalteten Fernsehserie zu einem – übrigens äußerst schlampigen, fahrigen und auch unausgegorenen – Ende zu bringen. Ich glaube auch nicht, dass Martin die Serie in Buchform beendet. Wie man hört, schreibt er inzwischen an einem Prequel, das tausend Jahre vorher spielt. Viel Erfolg beim Mittelteil!

(2) Patrick Rothfuss – „Die Königsmörder-Chroniken“. Das kennst du nicht? Das ist wirklich eine Bildungslücke, auch für Leute, die eigentlich keine Fantasy-Romane lesen und mögen. „Der Name des Windes“ und „Die Furcht des Weisen“ sind die beste Fantasy nach „Ghormengast“ von Marvin Peake (oder meinetwegen auch J. R. R. Tolkien, den ich allerdings für vollkommen überschätzt, rassistisch, misogyn und insgesamt britisch-langweilig halte). Der abschließende Band der Trilogie namens „The doors of stone“ ist seit über einem Jahrzehnt angekündigt, aber wird wohl nie mehr erscheinen. Lieber schreibt Herr Rothfuss Novellen zu einen Hauptfiguren.

(3) Von Douglas Adams wird kolportiert, dass sein Verleger bei ihm vor der Haustür kampierte, damit er endlich die „Anhalter“-Romane vollendete.

(4) Jeder Roman der Trilogie soll etwa 400 Seiten, resp. um die 100.000 Wörter, lang werden.  Im Moment existieren etwa 850 Seiten von der „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie. Von der Anschluss-Trilogie „Brautschau“ gibt es noch einmal so viele Seiten. Jemand wie Tad Williams mag darüber lachen, für mich ist das ganz schön viel Holz.

Freitag, 01.11.19 – Was macht man an Allerheiligen?

Freitag, 01.11.19

Heute ist ein düsterer und grauer Tag – November eben und dazu auch noch Allerheiligen. Was macht man nach dem Friedhofsbesuch? Man kann sich natürlich wie ich die groben, frisch imprägnierten Wanderschuhe anziehen, durch das feuchte Laub stapfen und bei jedem Atemzug die klare, bereits nach Schnee und auch ein wenig nach Verwesung duftende, Luft genießen, aber ich kann auch verstehen, wenn man da lieber Zuhause bleibt. Da kann ich nur empfehlen, die Heizung weit aufzudrehen, sich eine Kanne Tee zu kochen, heimlich den ersten Lebkuchen zu naschen, den Lieblings-Lesesessel aufzusuchen und geduldig zu warten, bis sich die Katze zu einem auf den Schoß setzt. Während man sie täumerisch streichelt, kann man ja ein neues Buch anfangen, während draußen vor dem beschlagenen Fenster die letzten Blätter von den Bäumen fallen und bereits mittags die Abenddämmerung einsetzt. Vielleicht ja eines von meinen? Die „Jahrmarkt-in-der Stadt“-Bücher passen sich zumindest farblich gut an den Tag an.

Gerade erst ist mit „Nutzlose Menschen“ der neueste Band der Reihe erschienen …

Man kann die „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe z. B. bei der einzigen Buchhandlung bestellen, die meine Bücher führt (oder schnell als spottbilliges EBook auf den Reader laden).

*

Und weil es so schön zu Allerheiligen und November passt: Nirgendwo habe ich kindlicher und ungelenker gefertigte Schmerzensmänner und Kruzifixe als auf den Almen und an den Wegkreuzungen in den Südtiroler Dolomiten gefunden. Geht man weiter nach Süden, wird das Leiden Christi zwar grausamer, aber wesentlich eleganter und weniger berührend.

Eismanns Wille – Eine Kurzgeschichte

Passend zu Halloween folgt nun die einzige meiner Geschichten, die man mit etwas gutem Willen dem „Horror-Genre“ zuordnen kann.
Ich kann von ihr mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sie niemand, der sie je las, wieder vergessen hat.

Eismanns Wille

Dass ich Eismann traf, liegt nicht an dem sonder­baren Zufall, der mich in diese Stadt geführt hat, um in ihr zu arbeiten. Es liegt an Eismann selbst, dessen aufdringliche Art meine Auf­merksamkeit einforderte. Und nicht zuletzt waren die Kinder schuldig.

Weißt du, ich saß an diesem warmen Nach­mittag spät und erschöpft auf einer Bank im Stadtpark, unschlüssig, was ich an mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich und bevor er et­was sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er be­gann sofort ein Gespräch, das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisen­de Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.

Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen damals ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander wehzutun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lach­te, keines weinte. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt her­überklang. Die Kinder waren vollkommen eins mit ihrem Spiel.

Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte: Glaube mir, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbah­nen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Ich weiß, es war eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckte die Kinder et­was. Sie rannten dort hinunter, an den Birken vorbei zu den Büschen. Ich bemerkte, dass Eismann aufgehört hatte, zu reden. Jetzt, als die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.

Ich sah ihn an. Ich weiß nicht, ob ich in die­sem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch. Eismanns Gesicht ist zer­stört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde, ein, ich weiß nicht… Eismann ist eben er selbst und als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich glaube nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.

So sah ich Eismann und es war sehr still, als wir uns begutachteten.

Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Ar­men rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu dre­hen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du ver­stehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein,  ein Taschen­tuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.

Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, aber ob­wohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.

Eismannillu

Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, ich habe es glaube ich schon gesagt, es war eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber nie­mand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden.

Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöff­net, da ich erst mit dem Morgenzug angekom­men war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.

Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich äch­zend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm da­mit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheu­er zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brech­reiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewe­gungen erst, als er den Brief nahm, ihn zer­knüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.

«Nicht jetzt», sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: «Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief ge­schrieben hat.»

«Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns – wie nennt man das? – auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte», sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Stra­ße beim Brunnen und war erschrocken, wie viel ich Eismann erzählte, der einen bemer­kenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der  wahrscheinlich für Gesellschaften ge­dacht war, aber wir wurden schnell und zu­vorkommen bedient und, ich weiß, es klingt unglaubwürdig, der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm.

Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschich­ten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich wei­ter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. Ge­zwungen, das ist genau das richtige Wort.

«Am meisten leidet unsere Tochter an die­sem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festge­fressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augen­blick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müs­sen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist oft hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich.»

Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauli­gen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn ge­stört hatte, besah er sie sich eine Weile auf­merksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriede­nen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.

«Was soll ich sagen», musste ich antworten, »das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es viel­leicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Be­deutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natür­lich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewe­gungen, die gleichen Worte. Nur… mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören.»

«Sei still», sagte Eismann. Ich schwieg er­leichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete.Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hätte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt und ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war, ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.

Durch die Tür da hinten kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gas­traum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eis­manns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hin­über. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie je­mand mit kaltem Wasser begossen. Sie ver­harrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüt­telnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, wi­derwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezo­gen, sich vorsichtig umsehend.

Diese kurze Störung hatte Eismann geär­gert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen der Wasserspeier in gotischen Kirchen erinnerte. Ich habe auch als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern ge­habt, ich habe sie schon damals als zu über­trieben empfunden. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich sein wahres Gesicht war.

Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie waren in meinem Kof­fer, die Karte in der Innentasche meines Man­tels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzep­tiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler ge­macht. Aber als ich die Zimmertür fest schlie­ßen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich noch in einer anderen Hose hatte. Eismann hatte mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich gehorchte.

Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und zu einen Weinbrand, ich trank Nicht-Alkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüch­tern blieb. Wir waren in Ausschänken, in de­nen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufiger besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Be­gleitung wunderte. In dem billigen Stehaus­schank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark ge­schminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.

Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war lang­samer, er schwitzte jetzt auch und sein San­delholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Fü­ßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren und ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater ent­schuldigte sich stammelnd. Ich schob Eis­mann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, be­wegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehr­mals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis er zu Boden stürzte, dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich ver­harrte  schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so er­ging wie mir. Als der Mann nur noch wim­merte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir wa­ren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind krei­schen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen.

Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, dort wiederholte ich immer und immer wieder von neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person be­wahrte. Und obwohl alles in mir sich nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Um­armung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?

Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett und ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann ge­hört, dass er mich nie im Ungewissen lässt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper und die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ein un­glaublicher Geschmack machte sich breit, ich würgte und jetzt übergab ich mich, die Reak­tionen des Ekels waren endlich stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim hervor­brachte.

Eismann saß auf dem Bett und wartete ge­duldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer und jetzt war ich gleich­gültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.

«Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott.»

Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzäh­len, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezah­len. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist wie er deiner überdrüssig wurde … Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Ver­steck dich besser, denn da kommt eben Eis­mann zurück, und wir werden jetzt Essen ge­hen.

Beitragsnavigation