Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 1

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier schon mal als Leseprobe für die ein oder zwei treuen Leser dieses Blogs ein paar Abschnitte des ersten Kapitels dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
erhältlich gebunden und als E-Book

 

 

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung ei­nen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus eu­phemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philoso­phie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der lustvoll hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu genießen.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Aber wie so oft verste­he ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufz­te. »Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich jetzt zugeben: Ich verstehe Ihre Plaudereien eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter an der Behörde und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit … ich weiß nicht, mit jemandem an einem ande­ren Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Ihre Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur …«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem einge­frorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete:

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zuein­ander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzei­hen Sie mir. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter und – im positiven Wortsinn -, ein einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das nun sage, als eines der seltenen lobenden Worte aus meinem verbitterten Mund. Denn Ihre Rasse und Ihresgleichen, die doch den Staat erhalten, sind im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie jedoch sind einer der letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder Computer – von Dingen übrigens, von denen ich eh nichts verstehe.« Klammer wandte seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm nun zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.  »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivi­list – der letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, ein homerisches Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sa­pher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch endlich den ersten Satz des Werks, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eige­nen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: „Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauten, so schnell al­terte und zahnlos wurde, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schälte sich täppisch die ge­beugte Silhouette des letzten Beamten …“«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist dieser Bixiou, von dem Sie eben sprachen?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traum­haften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abs­traktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen -, wehe ihm, wenn irgendein Lärm an sei­ne Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefäng­nis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch. Wahrscheinlich zitierte er wieder einmal einen Autor des 1. Jahrhunderts, in dem er sich besonders wohl fühlte. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell, denn alles, was er irgendwann gelesen oder aufgeschnappt hatte, konnte er lückenlos und fehler­frei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tat­sächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles Weitere sind Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im Übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er legte die Hände vor seinem Mund wie zu einem Gebet zusammen. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr von sich lassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslo­sen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so …, na, so schnell altert … und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle ver­schwendet. Wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben. Es ist Bruchwerk, niedergeschrieben auf einem von der Zeit zerfressenen Pergamentfetzen. Es ist ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Sat­zes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment, das doch Großes hoffen lässt, schenke ich Ihnen. Die­ses bewe­gungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Es ist ein Satz für Sapher.« Atempause. »Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürli­chen und humorvollen Gottheit verdanken Sie ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die So­natine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteratio­n, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: „… geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt.“ Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poe­ten gibt, deren Name allein schon ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, Durs Grünbein. Schrecklich, nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dage­gen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, das Distichon. Benjamin Sa­pher, man muss Ihren Namen laut und mit französischer Akzentuierung aussprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Dr., der mit jedem Atemzug, den er machte, auf ein neues The­ma zu stoßen schien.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem El­sass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Vous appelez un chat un chat! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das un­sere ist er leider denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen – oder wie wäre es mit Schwerdgeburth? Das ist ein beredter, ein wunderba­rer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht ent­sinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den „Spazier­gang nach Syracus“ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde jedoch im Folgenden einen Hauch schärfer und kälter. Es war nur ein ephemerer Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkei­ten, doch als er fortfuhr, genügte jener Hauch, Saphers Selbstzufrie­denheit über seine Schlagfertigkeit wie einen Krümel hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis wieder herzu­stellen:

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum auch nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungs­schwanger, mit Inhalt und Symbolik überfrachtet. Niko­laus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meis­ter, Peter Kien, Stil­ler, Herr Keuner oder Darth Vader; da schwingt viel zu viel mit. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn über­haupt. Sie dürfen mit dem Namen Ihrer Hauptfigur nicht gleich den ganzen Roman verraten. Neh­men Sie etwas opakeres, verschlüsselteres. Oder – noch besser -, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie so viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das merkwürdige Gespräch gerne beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Dr., aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?«, fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits ein paar Minuten danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Krea­tive Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator an­genehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Ge­danken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten. »Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter eh nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten. Es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber indem wir sie warten lassen, schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungedul­dig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Ei­fersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder einen Zettel mit einer niedrigeren Nummer in den Fingern haben, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignie­rendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben die­se Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Warum stricken sie nicht einen Pullover? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch ei­nen Zeitvertreib verkürzen wollen- Denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute, bilden sie sich ein, sind sie nicht schon wieder um­sonst gekommen, sondern sie werden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Das ist wie beim Lotto spielen. Solange die Ziehung der Zahlen noch nicht war, bin ich Millionär. Und gleichzeitig spüren die Leute: Es gibt noch etwas anderes, als wie Estragon  auf den Fluren von Behörden vergeblich auf das Erscheinen von Go­dot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das un­sere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Dr.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschät­zenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zy­nisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie des­halb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhal­ten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, Herr Dr. Klammer, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorge­setzten sprach er einen Gedanken nicht aus. »Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht.

Montag, 01.07.19 – Jandl im Gwandl

Montag, 01. Juli 19
Ich schleppe inzwischen buchstäblich einen
Kasten Bier weniger auf den Berg.

 

*

fauler haufen!

werdenfalls

Ja ronemechs:
wandlig sam verdrohnt,
zwitschelnd par oletanen.

Nie rone melde nex:
pasin ot begrihnt,
gendelnd wer ubilanen.
werdenfalls.

jojo.

*

Manus feste primusquisatoris, aus Zorn geSchmidtet.

Die Mietglieds-Zahlen(den) des for-literat-futur-ums lösen sich wie ein Count-Daunen / in den Pfählen zu Grau-Sammen / gepresst / bettween den Saitenhieben eines dieter-kühnen-dicken Buches das eilends Eises schmelzende in der Sonnen/Wolken/Stein auf.

Und lös ich der texte konserven-vatikan-tiefe Kotz-Mahler-Moral in sauren gestählzten wortlegobauküsten / auch dich nähm ich nicht herr-lich aus/ mein klammernder affe/ mein hoffendmönch medarus / ballsackchagrinkopie le(i)der du/ wunderts micht nichten.

Ess geht kein hahne manisch voran / kain Whisky-Ovid abelt/ kein tträumer griff on/ und gar fraulicht nicht zefürpartyna. Ooch beiden Poetten muß ich lestern / m(u/a)rxst jones und engelts zappaultduster. Und Kyra schwejkt dazu.

Die Königs-Leare daraus ist / hier führen Narren Blinde in züchten Rosenberge/ la(h)ma-tier-ende Gäule spuken Wiedergekäutes / Wo bleibt das versprocheneue?

Verdamenundherrnochmal gilt: Wähnt ihr wirkendlich die Liter-auf-Ruhr in Täuschland verneuern? Düsen ist nun Ldnajs ?Auf-auf? Ruf: Heerfrauschafftän/Strengt euch mehr an!

Isglarerjetz? … und: Kritik / so … da schau her. ja … sagense mal. ach … sagense besser nichts.

Dieser von ein paar lyrischen Versuchen eingerahmte Text  aus dem Jahre 2002 ist mir gerade wieder in die Hände gefallen. Er ist von Jandl und Arno Schmidt beeinflusst, aber ich habe nicht mehr den Hauch einer Ahnung, was ich eigentlich mit ihm aussagen wollte. Dennoch gefällt er mir, wenn er auch keine große Literatur ist, so will er mir doch zu den Gedankensplittern passen. Zum Glück bin ich längst von diesem Irrweg abgekommen, denn Bachmann-Breis-verdächtig, ist das alles nicht.

In diesem Sinne:

Für Ernst

daJnl im lWdane
Jdanl im Wdlane
Jadln im Wadlne
Janld im Wandle
Jandl im Wandel
der Jandl im Gwandl

*

Ach, ja, der Bachmann-Preis 2019. Dann will ich auch mal einen klugen Kommentar abgeben. Der wurde wohl wieder weniger wegen der Qualität, als vielmehr aufgrund der Alliteration vergeben: Birgit Birnbachers Bachmann-Breis. Schade, dass die Bachmann nicht Beate hieß. Ich gratuliere trotzdem ehrlich und nur in normalem Rahmen neidisch. Das ist Literatur von und für Buchhändlerinnen.

*

Und was die Hitze angeht, damit ich auch mitgeredet habe:

Schön, dass meine Söhne vergessen haben, ihre Ventilatoren mitzunehmen, als sie ausgezogen sind.

 

Reflektion – Eine Kurzgeschichte

Karl sieht in den Spiegel. Er sucht sich.

Es fällt ihm schwer, durch die Hülle aus Selbstbewunderung und Eitelkeit hindurchzudringen. Selbst wenn es ihm gelingt, dann doch nur für Augenblicke. Allzu schnell zwinkert er, zieht die Wangen ein. Eine Maske fällt herab.

Doch auch in den Sekunden der Wahrheit blickt er in die Augen eines Unbekannten, sieht fremde Züge. Er fremdet sich an. Nichts, so glaubt Karl, ist ihm unähnlicher als dieses Spiegelbild. Wo findet er sich in dieser Gestalt wieder? Alles ist so anders, als er es für gewöhnlich fühlt. Gut, die Kleidung ist bekannt, der Ausschnitt des Zimmers im Hintergrund, aber er selbst? Wo ist er selbst? Wo ist Karl? Im Spiegel entdeckt er nur eine Hülle, eine Form, etwas Zerfließendes, Amorphes. Es ist etwas, das er nicht greifen, in der Hand halten, schmecken oder riechen kann. Nichts sagt ihm: „He, das bin ich!“

„Bin ich das?“, will Karl rufen. „Ich …“

Er versucht, der Bedeutung seiner Worte nachzuspüren. Dann lächelt er, kneift ein Auge zu. Er hat sich wieder. Karl wendet sich ab. Nein, er versucht es, aber es will ihm nicht gelingen.

Ein plötzlicher Schmerz packt ihn an der Schulter, oben rechts, als würde ihm jemand einen flachen Schlag mit einem Brett verpassen. Der Schreck lässt ihn starr werden. Sein Atem beschleunigt sich. Karls Blick kehrt zurück zum Spiegelbild.

Etwas hat sich verändert, nicht viel: Nur ein Blickwinkel. Vielleicht ist die Couch, die er hinter sich entdecken kann, verrutscht. Er meint sie auch auf eine geheimnisvolle Weise verzerrt, transparenter.

Da sieht Karl: Seine eigene Reflektion im Spiegel ist ebenfalls eine andere. Er steht noch immer vor einem Fremden, das ist es nicht. Es liegt an den Augen, sie sind verschoben, falsch. Sie schielen nicht, haben nicht einmal einen Silberblick, soweit er feststellen kann, trotzdem: Sie sind anders.

Wieder will er sich abwenden, diesmal in wilder Panik. Es misslingt ihm erneut. Der Schmerz an der Schulter wird dumpfer. Es ist nun ein seltsamer Schmerz, einem Unwohlsein ähnlich, wie eine Unregelmäßigkeit, ein Zuspätkommen.

Vorsichtig versucht Karl, die Hand zu heben, sie nur ein wenig nach vorn zu schieben. Seine Rechte rutscht zitternd höher, aber nicht nach vorn. Ihm scheint, sie tauche in zähflüssigen Sirup. Dann wird seine Bewegung plötzlich gebremst, endet. Die gespreizten Finger pressen sich gegen festes Glas.

Erkenntnisse flackern wie Schimären durch Karls Gedanken. Er weiß, aber er versteht nicht. Er kennt alle Tatsachen, aber sie passen nicht zusammen. Es ist eine fremde Sprache, ein unbekannter Code.

Das ist der Grund der Änderung: Was Karl sieht, ist Spiegelbild. Nein, was er sieht, ist richtig. Das heißt, er sieht sich. Er sieht, wie er wirklich ist, direkt, aus dem Spiegelbild heraus sieht er sich.

Er will schreien, doch sein Gegenüber lächelt. Und Karl grinst hilflos aus dem Spiegel zurück.

Vision – Eine Kurzgeschichte

Behäbig. Karl schließt die Haustür auf. Es knirscht. Das Schloss wehrt sich. Vorahnung. Etwas Ähnliches. Es streift ihn kalt. Widerwillig. Er öffnet die Tür.

Es fällt schwer. Langsam. Die Unterseite der Tür scharrt über einen dicken Teppich. Drinnen. Dort wartet Finsternis, saugende Schwärze. Verwaschene Gefahr.

Er steht im Gang. Die Tür schließt sich. Samtweich. Für Augenblicke. Er steht. Er lauscht. In die Dunkelheit. Ein Geheimnis vielleicht? Die Wohnung; er weiß: Sie ist leer. Kein Geräusch. Nicht der Schlag seines Herzens, nicht einmal sein Atmen. Nichts.

Dennoch spürt er etwas. Es ist anders, er möchte es sagen: Es ist falsch.

Er sucht mit der Linken. Da ist ein Schalter. Die Lampe soll seine Furcht besiegen. Hell und warm.

Treibe die Furcht aus diesem Raum in den nächsten. Lampe.

Er betätigt den Schalter. Keine Wärme. Kein Licht. Die Nacht fällt von der Decke. Matte Schwärze. Sie geifert.

Die Glühbirne! Freilich, sagt er sich. Alles geht kaputt. Immer, will er sich einreden. Es gelingt ihm nicht.

Er weiß. Dort, im Aschewirbel der Wohnung wartet etwas. Kein Licht. Alles ist verdunkelt. Herrscht wieder Krieg? Zwei Schritte, er ist im Wohnzimmer. Schlägt die Tür hinter sich zu. Lehnt sich gegen sie. Schutz.

Er will laut schreien. Das hilft oft.

Ein Seufzen. Er selbst hört es kaum. Es wispert. Drängend. Das ist alles, was ihm vom Schrei blieb.

Licht? Auch hier: Ein Schalter. Seine Berührung ist Trost. Nun muss es sich entscheiden. Ungestüm. Er schaltet. Ein. War alles Einbildung?

Der Schalter ist ein Potemkinsches Dorf. Nichts geschieht.

Er hat das gewusst.

Es ist vorbei.

Da. Ein helles, rotes Leuchten. Es strahlt von außen durch das Fenster. Eine Gestalt zeichnet sich ab. Scharf, wie ausgeschnitten. Sie badet in dem roten Licht. Und lacht.

Lacht sie? Oder nein. Sie redet zornig. Es klingt nur so in seinen Ohren. Aber ein Mantel umfließt die Gestalt. Er scheint einen eigenen Willen zu haben. Wie ein lebendes Tier.

In diesem Augenblick fühlt er sich empor gehoben, hinauf. Er will noch immer schreien. Alles kreist jetzt. Schneller. Er stürzt. Hinauf? Hinab? Er weiß es nicht.

Doch am Ende des runden Schlundes, dem Malstrom seiner Einbildung:

Da steht sie. Da steht die Gestalt.

Er hat das gewusst. Und jetzt versteht er auch ein Wort, das diese Gestalt flüstert:

„Verräter.“

vision

Dann steht er wieder im Wohnzimmer. Das war ein Fehler. Dieser Kerl. Gefährlich, aber: Dumm. Jetzt entkommt er ihm doch. Er wendet sich um. Läuft los. Kracht gegen die geschlossene Tür. Er selbst. Narr! Er selbst hat sie geschlossen. Reißt sie auf, durch den Korridor, Haustür, zwei Stufen, ins Freie. Nach rechts führt die Flucht. Links, er erinnert sich, links ist eine Sackgasse. Hier im Freien ist es heller. Der Schatten der Bäume zeichnet ein scharfes Muster auf das Kopfsteinpflaster. Auch hier. Rotes Leuchten am Himmel. Er sieht kurz nach oben.  Lichtstreifen kreuzen geronnene Wolken, weben ein Flammennetz. Eine Sirene schreit. Es fallen kreischende Tropfen durch das Netz, erhellen pulsierend den Himmel. Deutlich sieht er den Stadtturm. Er wirkt wie gemeißelt im Schein des Brands.

Es ist Krieg.

In diesem Augenblick hört er ein Atmen hinter sich. Er spürt es. Es ist ein Hauch in seinem Nacken. Halb wendet er sich. Sein Haus. Es brennt. Aus dem Keller hört er Hilferufe. Eine Gestalt steht vor dem Haus. Ein Mantel wird vom Feuersturm emporgehoben. Greift nach ihm.

Er beginnt zu rennen. Aber seine Fettleibigkeit behindert ihn. Sofort gerät er außer Atem. Vor ihm taucht eine Mauer auf. Er hat sich geirrt. Nicht links, rechts. Die Sackgasse ist rechts.

Es ist vorbei.

Aber Karl erwacht.

„Was für ein Traum“, denkt er. Seine Hand tastet zur Nachttischlampe. Er schaltet. Keine Wärme. Kein Licht.

„Verräter“, flüstert eine Stimme.

Diktion – Eine Kurzgeschichte

sag mir doch: die treppe am rathaus hat ein geländer. das führt in der mitte hinunter. es ist angebracht worden, damit sich fußkranke omas daran hochziehen können. denke ich.

schau doch hin: das geländer hat noch etwas anderes geschafft. jetzt herrscht ordnung. die treppe ist in zwei teile geteilt, in eine abwärts und in eine aufwärts führende hälfte. wer von der unteren in die obere stadt will, muss sich anpassen. rechts gehts hinauf, links hinunter. das mindeste, was den erwartet, der falsch geht und sich dem strom widersetzt, ist missbilligung.

Treppe

glaub mir: ich habe mich immer an verkehrsregeln gehalten. ich bin deutscher und eins mit geschichte und tradition. also gehe ich rechts hoch.

aber höre: ich erzähle aus einem andereren grund von der treppe.

geh noch nicht: der grund ist die begegung zweier menschen. hier fand sie statt.

frage mich nicht: die treppe war kein zufälliger ort. sie wurde bestimmt und absichtsvoll ausgesucht. auf jeden fall wurde der ort nicht von den beiden menschen erwählt, die sich trafen. die glaubten die ganze zeit, es wäre ein zufall.

es geht mir wie dir: das wäre leicht durchschaubar gewesen. schließlich war sommer und gutes wetter, schon leicht gegen abend hin. die szenerie, also die treppe, war geschickt ausgewählt. die lichtverhältnisse: perfekt. niemand wurde geblendet. die farbe der gesichter weich und warm. auch die unbeteiligten im hintergrund, die passanten, die vorbeischlenderten, wurden absichtsvoll plaziert, unaufdringlich, aber präsent.

ich fasse es dir zusammen: nichts war zufall.

du, er hieß gerade karl und er war nur ein kleiner gott: aber alles wurde von ihm arrangiert, obwohl er die ganze zeit kaum in erscheinung trat. er hockte auf der obersten stufe der treppe beim sportgeschäft. nur ein wirklich aufmerksamer beobachter konnte ihn bemerken. karl war diesmal ein alter mann. Er war dick, sein äußeres schmuddlig. das weiß ich. sein linkes augenlid zitterte die ganze zeit. mehr kann ich nicht über ihn sagen. klar, die beschreibung klingt unglaubhaft, gelogen oder zumindest stark übertrieben. aber ich habe das auch alles erzählt bekommen. wie du.

bleibe bitte: ich berichte ja schon von der begegnung. wenn ich noch mehr aushole, versäumen wir sie vielleicht. es trafen sich eine frau und ein mann. er kam von unten aus der altstadt. sie war einkaufen, glaube ich. vielleicht bummelte sie auch nur. sie hatte keine tasche dabei.

du willst wissen, was der mann eben dachte: „ta, ba, ta – mir geht aber auch so und so und was ich sagen werde ein morgendliches lied durch den montag radio immer gut gelaunt, lief werbung, immer wieder nettes lied werbung. immer wenn ichs radio anmach fußpilz sag mal cicero wo endet das leid? die qualität des wetters ist direkt proportional zur qualitität der musik. geht mir die melodie nicht so bescheuert aus dem lied spukt ta, ta, tamm im kopf. wo wollte ich im lokal lukas, vielleicht auch sebastian selten seltsame seltsamkeit. und wieder von vorne waschen treppe hinauf herzschlag – ta, ta, tamm, ba, ba.“

du wolltest sie doch kennen: das waren seine gedanken, als er sich ohne grund, besser gesagt einer eingebung, noch besser gesagt, einer laune, am besten gesagt, dem kleinen karl folgend, der treppe näherte. der mann war jung, fast zu jung für das folgende. obwohl seine gedanken auf keine große tiefe schließen lassen, war er ein ernsthafter mensch. gut, er war ein wenig unausgegoren, aber das wird sich wohl noch legen.

du: er war bekleidet, so, wie man eben bekleidet sein muss. ein wenig unordentlich, aber sauber. sauberkeit hat nichts mit ordnung zu tun. die jeans war natürlich ausgewaschen. er hat sie schon so gekauft. turnschuhe. ein weites, helles sweatshirt. weiß ich noch.

du hast recht: mag sein, dass er etwas belangloses studierte. vielleicht arbeitete er auch. am wochenende jedenfalls verkaufte er immer fischbrötchen in den biergärten. das war ihm peinlich, wenn er bekannte traf. aber er brauchte das geld. er hatte nie genug.

wichtiger ist uns folgendes: der junge mann blieb plötzlich stehen. er hob eine münze vom boden auf. es war nur ein kleines geldstück, aber er freute sich. ein lächeln rutschte über sein gesicht, als er die metallscheibe in die hosentasche schob. kurz sah er sich schuldbewusst um. dann ging er weiter, erreichte die erste treppenstufe. bereitwillig ordnete er sich rechts ein, trotz des revolutionären, sogar philosophischen gedankengutes, das ihn oft und nachdrücklich beschäftigte. er schrieb seine gedanken sogar manchmal auf. natürlich war das alles nicht so wertvoll, wie er dachte. es waren infinitive, die mit ihren genitivformen verschlüsselt waren. diese art des schreibens hatte er bei heidegger gelernt und ich gebe zu, seine texte hatten dadurch einen hauch bedeutung und mystik.

du willst ein beispiel: „die negation der negation ist der reflektierende Widerwurf einer tautologischen gegenstandsätzlichkeit.“

du lachst: ich habe es auch getan, als ich den satz zum ersten mal hörte. aber der junge mann meint ihn ernst. über solche dinge sollte man sich eigentlich nicht lustig machen.

hilf mir, wo war ich: er schritt die treppe hinauf. der kleine oben entdeckte ihn sofort, weil er nach ihm ausschau hielt. er hatte sich durch sein intermezzo mit dem geldstück geringfügig verspätet.

was der kleine gott karl dachte: wer will das sagen? mag sein, ihm fiel ein, wie harmlos der junge mann war. der kleine liebte harmlose menschen, so wie er auch tiere mochte. mitleid hatte er keines. vielleicht dachte er auch an etwas anderes. schließlich war er mit seiner inszenierung beschäftigt. er war nun fast mit der wand hinter sich verwachsen, sogar sein lidzucken hatte aufgehört. jetzt tauchte auch die frau auf, wie aufs stichwort stieg sie die treppe hinab. auch sie war nicht alt, ein wenig älter allerdings als der junge mann, ihr ungeschminktes gesicht wirkte erfahrener.

du hast ja recht: sie kommt zu kurz. ich würde gerne und genau über sie berichten, aber von ihr weiß ich am wenigsten.

ich habe dir ja gesagt: ich war nicht dabei. also gut. für meinen geschmack war sie zu modisch gekleidet. sie roch gut. reicht das?

pass genau auf: jetzt kommt die begegnung. der junge mann bemerkt sie zuerst. er beobachtet ihr entgegenkommen, bewundert ihre beine. gerade als sein blick höhergleitet, voller genuss über ihren körper hoch ihrem gesicht, da sieht auch sie auf, ihn an. ihre blicke treffen sich, verharren den entscheidenden moment ineinander. dann ist er an ihr vorbei. er überlegt kurz, ob er ihr noch hinterhersehen soll. plötzlich hat er es eilig, hinauf in die stadt zu kommen.

was weiter geschah: der kleine gott wartete noch, bis die beiden in der menge der spaziergänger eintauchten, dann begann sein lid wieder zu zucken. er freute sich. mühsam stand er auf. das fiel ihm so schwer, weil er nicht mehr der jüngste war und es ein wenig im kreuz hatte. er war zufrieden. so schön geklappt hat es schon lange nicht mehr. er sah sich um und bereitete sich vor. dann ging karl, oder wie auch immer er sich gerade nannte, schleppend und langsam davon.

so ist mir das erzählt worden.

so erzähle ich es dir.

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