Aber ein Traum …

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Mein neues Buch – „Aber ein Traum“

Das Geheimnis der Eulenvilla

»Für manche von uns sind Zeit und Raum ein sich überkreuzendes Flechtwerk von Wegen, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurück­bringt, Ambakoum. Die Eulenvilla ist solch ein Ort.«

Das Leben aber ist ein Traum, ein Traum in einem Traum.

Die Zwillinge Alban und Ruben Waldescher werden bei ihrer Geburt voneinander getrennt. Sie wachsen in verschiedenen Welten auf – in unterschiedlichen Universen. Es gelingt ihnen, Kontakt miteinander aufzunehmen und sie beginnen, zwischen ihren Leben hin- und herzuwechseln. Damit lösen sie eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die die Existenz der verwandten Welten bedroht. Eine Schlüsselfigur im Ringen der verfeindeten Brüder ist der ahnungslose Jonas Habakuk, der von Alban und Ruben in einen tödlichen Strudel aus Zeit und Raum gerissen wird.

Wird es ihm gelingen, die Leben der Menschen zu retten, die er liebt? Und welche Rolle spielt dabei die geheimnisvolle Eulenvilla?

Das Geheimnis der Eulenvilla
320 Seiten
10,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Neuerscheinung!

Diese Sommerlektüren (2) – Cesare Pavese

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabdrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

Mánis Fall (Kapitel 1.11)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

[<- Zum Anfang]

»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.«

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Meter Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er flog in einem sanften Bogen heran und stieg dabei etwas in die Höhe, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räümung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Auf­stand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unter­warfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und im All an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologi­sche und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas über­trafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durch­schnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei einge­schlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets be­schränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte üb­rigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

»Teile mir jetzt die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Omicron aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen sofort, sich über ihre Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung über Funk mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte. Sie wusste nur nicht, was und hätte gerne in der VR seiner Zentraleinheit einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Omicron.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Omicron an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Un­tersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, re­agieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklabo­ren der Pariser Universität den ersten komplett men­schenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem „Sommernachtstraum“ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genopti­mierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fa­bias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiter zu entwi­ckeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr inti­mes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom sich sehr langsam entwickelnden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. »Begebe dich sofort zur Behandlungslie­ge. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informierte er jetzt nicht die Behörden. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit komplizier­tem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Omicron rollte ihm wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltun­tergang hin, Armageddon her –, doch sicher die evaku­ierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuch­ten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle stand­rechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Fabia lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekann vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kanne zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin des atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia durch den Kopf. »Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

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Mánis Fall (Kapitel 1.10)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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[<- Zum Anfang]

»Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Stand­by«, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLEM blieb sofort stehen und blinkte stumm. Obwohl er sich nicht mehr bewegte, machte er einen vorwurfsvollen Eindruck.

»Na, Mädchen?«, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, »doch nicht so stark und mu­tig?«

»Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.« Sie sah sich um und deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an ei­nem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. »Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.«

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

»Ich helfe dir«, bot sich Leon an. »Die Ärzte sind sicherlich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glau­be nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.«

Fabia richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne fremde Hilfe schaffen.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein«, lehnte sie Le­ons Angebot ab. »Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn aber doch schon abgezogen haben sollten, kann mich auch mein Omi­kron unterstützen. Er hat ein komplettes Medizin-Update.«

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle aufbrechen und nicht in irgendwelche Bunker, sondern zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schwe­ber habt ihr eine echte Chance.«

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er seufzte.

»Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns eben nicht zufällig abgepasst haben? Die Polizeischweber haben auf uns gewartet. Du bist verraten wor­den und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur un­gern alleine.«

Ja, es war Fabia bewusst, dass man sie verraten hatte. Es war nicht schön, damit konfrontiert zu werden, denn sie hätte die Überlegungen, wer das getan hatte, gerne verdrängt.

»Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge«, winkte sie ab. »Von Babel aus kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …«

Leon beulte mit der Zunge seine linke Wange aus.

»Da gibt es noch etwas, das ich für dich tun kann. Wenn du willst, kann ich deine Augreyes komplett ausschalten und anschließend fliegst du unter dem Radar der 2MC.« Er holte aus seiner Hosentasche ein handgroßes Gerät, das wie eine kleine Pistole aussah, und zeigte es Fabia.

»Dieses Spielzeug hat mich auf dem Untergrund-Schwarzmarkt Unsummen gekostet, aber es ist sein Geld wert. Es ist ein sogenannter Jailbreaker und er ist kinderleicht zu bedienen. Aber wahrscheinlich hast du mehr Ahnung von solchen Dingen als ich. Keine Sorge, es tut nicht weh. Du wirst dich danach nur ein wenig … verlassen vorkommen.«

»Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe«, erwiderte Fabia. Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber das würde schnell vergehen.

»So, das war es schon. Deine Augreyes sind heruntergefahren«, sagte er. »Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug.

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du es denn nicht selbst?«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hat­te. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahen­den Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit sei­nen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantik­küste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Kata­strophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union auf­geflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerrei­ben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude er­reicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm heruntergekühle Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Be­vor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste, die von Milliarden von Menschen überschwemmt wurden, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbro­chen. Sie wandte sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt war. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte von einem langgezogenen Tresen heran. Die medizi­nischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volks­mund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medi­zinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à und ein paar der überall anzufinden­den, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Fabia hatte großes Glück, dass man sie noch nicht geschlossen hatte.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

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