Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Die dicken Bücher und ich

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

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Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

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(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Ein paar Gedanken zur der Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

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Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor fünfunddreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute viel aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: Was man aus dem Brunnen ißt lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt und von dem ich erst kürzlich ein paar Ausschnitte bloggte. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (nach dem Motto: Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als eine Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: laute und, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt, die immer wieder, wie zuletzt in Hanau, in Mord und Terror mündet. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den social media. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von diesen geistigen und realen Brandstiftern aus der rechtsradikalen Ecke wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sich ihre ekelhaften Demagogen erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen, denn es ist Literatur. Die liest niemand. Die Nazis können lauter schreien als ich, ihre WORTe sind einfache und im Zweifelsfalle werden sie mich eben totschlagen. Darin sind sie ja besonders gut.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest mich hier und deshalb kann ich hier auf diesem Blog schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird man vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meiner Roman Aber ein Traum und Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie deren WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd und hilflos von Neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, Instagram-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

Das rote Haus – Die Illustrationen

Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

Ein paar Anmerkungen zu meinem Blog „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Vor bald acht Jahren begann mit den folgenden, hier ein wenig erweiterten Artikeln mein persönlicher Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden zu können … Nun, aus diesem Traum bin ich dann doch bald erwacht. Nach all der Zeit fasse muss ich nun nüchtern zusammen: Fast niemand verirrt meinen Blog, meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen, um sie dann für mich persönlich in ansprechender Form binden zu lassen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In der Zeit habe ich über 1000 Einträge erstellt, jede Woche, manchmal sogar jeden Tag, etwas Neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, Kurzgeschichten, „Freitagsaufreger“, „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, Theaterstücke und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, Glossen und Momentaufnahmen, Gedankensplitter, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 800 eigene Fotos eingebunden. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren. Allerdings gefiel mir aber deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum … Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das zweite Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

„Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Ich will ehrlich sein: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – buchstäblich Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

In Aber ein Traum … geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von Aber ein Traum …

Schlussbemerkung:

Am Anfang kommt die Handschrift – das Aufsetzen.

Das hat zwei Gründe:

Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren! Ich schreibe handschriftlich meist nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Manche Tage haben eine Farbe – Neujahrsgedanken

Manche Tage haben eine Farbe.

Wie kann es sein, dass sich ein ganzes Leben in einem kurzen Moment verdichtet, ganz wie das Spektrum der Lichtstrahlen im Brennpunkt einer Linse? Wie ein ruhiger, breiter Strom fließt es manchmal dahin, behäbig und ausgeglichen. Plötzlich, weil zu Beginn unmerklich, nimmt die Strömung zu, beschleunigt sich. Alles strudelt nun rasend schnell auf ein drohend nahes Ziel hin, das Flussbett wird unbequem und schmal. Das Leben ist mehr, aber nun konzentriert es sich in einem Punkt, einer felsigen, bedrohlichen Enge, durch die es schäumend und Wirbel schlagend seinen Weg bricht. Dahinter, nur wenige Augenblicke später, verbreitert sich der Fluss und atmet ruhiger, aber er ist doch nie mehr der, der er vorher war. Es dauert lange, bis sich der aufgewühlte Schlick, der das Wasser schmutzt und dunkelt, wieder setzt.

Diese besonderen Tage der Entscheidung haben in meiner Erinnerung eine Farbe. Ich bin versucht, vom Hochnebelgrau eines Herbsttages zu erzählen, einem nasskalten Grau, das zäh an die Häuserfronten klammert und in mein Gemüt beißt.

Ich würde gerne vom Blau einer hellen Sommernacht sprechen, einem Blau, das Liebe fordert und Trauer findet, berichten vom schmerzhaft hellen Milchton eines Neujahrmorgens, der in der Tat wie eine Wiedergeburt war, von der Prüfung am Tag der braunen Hitzeschlieren, vom hoffenden Ausflug in die rote Stadt, dem Grün eines von Nebelschwaden eingehüllten Alpengipfels.

Obgleich tief und ernst empfunden, wird mir das alles beim Aussprechen schon allzu seicht, die Sprache gleitet mir wie Sand durch die Finger. All das hat erschreckend wenig Belang und ist voller Lüge und falscher Sentimentalität. Deshalb will ich lieber davon schweigen, denn jeder auch nur mit einem Hauch von Empfindsamkeit begabte wird mit ein wenig Mühe in seiner eigenen Erinnerung fündig werden und dabei überrascht feststellen können, dass, je älter das aufgedeckte Gestern ist, er um so weniger von Gesichtern, Daten und Bewegungen behalten hat, es bleiben, unentwirrbar miteinander verwoben, die Gefühle und die Farbe, jene leuchtende Melodie in den Dingen. Ich glaube, dies ist das geheime Raster, nach dem das Gehirn seine Erinnerungen ordnet.

Dieser Tag gestern war gelb und er vermischte sich auf magische Weise mit einem Tag in meiner Vergangenheit, den ich lange vergessen wähnte. Beide hatten sie die Farbe von blühendem Löwenzahn auf einer ungemähten Frühlingswiese, das gallebittere Gelb der endlosen, die Augen überfordernden Rapsfelder, die glitzernden Reflektionen der Sonnenstrahlen auf feuchten Butterblumen – komplementär gespiegelt in den purpunen Wolkenfäusten eines nahenden Gewitters. All das hat sich ins Schwarz meiner Pupillen gebrannt wie ein goldener Glanzfleck.

Das schimmernde, flirrende Gelb dieser Tage wird mich immer frisch und immer neu begleiten. Ich möchte mein Leben gerne beenden, während ich mich an den Gedanken an meinen gelben Tag festklammere; seine Nuancen stetig wieder neu entdeckend, sie mit den zögernden, letzten Atemzügen in den Raum hauchend, in dem ich ein letztes Mal zu liegen komme.

Jenes aggressive und aufdringliche Gelb beherrscht mich, denn es ist mir ein Synonym für ein Glück geworden, das ich einmal kennenlernte und allzu schnell wieder verlor.

(Sozialistische Selbstkritik: So nicht! Sentimentales Geschwurbel, akute Adjektivdiarrhö, schwieriger, verschachtelter Satzbau für einfache, klare Empfindungen; zu viel erlesen, zu wenig selbst entwickelt – viel zu lang. Und nie, nie einen Text mit einer rhetorischen Frage beginnen oder gar mit einem „Als…“. Goldene Regel: Wenn ein Buch mit „Als…“ beginnt, ist es Mist. Solche Bücher will ich selbst nicht lesen – also sollte ich sie auch nicht schreiben.)

Dennoch, beim Schreiben habe ich das tief und echt empfunden. Mein Tag war gelb.

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