Aber ein Traum …

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Montag, 20.10.19 – Alles neu macht der … Oktober?

Montag, 20.10.19

Nein, ich bin durchaus nicht der Auffassung, dass der Herbst der Frühling des Winters ist!

Dieser Spruch, der mal Adalbert Stifter und mal Henri de Toulouse-Lautrec und mal einem anderen schlauen Geist zugeschrieben wird und den man in der letzten Zeit immer häufiger hört, klingt zwar höchst hintersinnig, er ist aber nur höherer Blödsinn.  Denn dann müsste doch der Frühling der Herbst des Winters sein? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht ist gar der Herbst der Herbst des Herbstes? A rose is a rose is a rose. Sollte aber doch etwas an dem Spruch dran sein, dann ist kein Wunder, dass ich gerade unter einer gewissen Frühjahrsmüdigkeit leide … oder gibt es kurz vor dem Winterschlaf auch eine Herbstmüdigkeit? Wie dem auch sei. Man könnte das klinische Ergebnis meiner Anamnese auch altmodisch einen schwachen Fall von Ideosynkrasie oder auch neumodisch einen Anflug von Burnout nennen, woran ich in diesen Tagen leide. Und da ich ja recht wehleidig bin (ich bin ein Mann), jammere und klage ich über mein schweres Schicksal und falle allen damit auf die Nerven. Früher hätten die Ärzte in solch einem Fall Bewegung in frischer Luft, Sommerfrische und wegen des Überschusses an schwarzer Galle einen kräftigen Aderlass empfohlen.

Auf jeden Fall fühle ich mich an diesem Montag, an dem sich mal wieder einer meiner „Follower“ von meinem Blog abgemeldet hat – gerade was auch die Sinnhaftigkeit meine literarischen Ergüsse angeht –  wie ein angeschlagener, schwankender Boxer, der sich mit unzureichender Deckung seit zehn Runden gegen einen übermächtigen Gegner behauptet und eigentlich längst das Handtuch hätte werfen sollen; nur noch Starrsinn und Trotz hält ihn auf den Beinen. Sein – mein – Widersacher ist die öffentliche Wahrnehmung, das Publikum, das ich manchmal viel zu verzweifelt zu erreichen suche, obwohl mir mein Verstand sagt, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Deshalb geht auch jeder meiner Konter ins Leere; ich habe z. B. noch keines meiner beiden neuen Bücher verkaufen können und bei niemandem Interesse oder gar Aufmerksamkeit erweckt, nicht einmal bei meinen Freunden und Verwandten. Ich blute längst aus Mundwinkeln und Nase, alles tut mir weh und ich schaffe es kaum mehr, die müden Arme schützend vors Gesicht zu heben. Jeder Schlag lässt mich zurücktaumeln.

Ich ziehe deshalb an dieser Stelle die Reißleine und werde ein wenig Urlaub machen und zwar in einer Gegend, wo zumindest die recht zuverlässige Wettervorhersage von Bergfex für das nächste Wochenende Großes verspricht; nämlich ins Martelltal im Südtiroler Vinschgau. Ich hoffe, dass dort der Herbst noch viel Sommer und Wärme in sich trägt(1). Und falls die Wetterfrösche sich doch irren sollten und es nasskalt und regnerisch wird – na, nicht so schlimm: Das Bergsteigerhotel, in dem Frau Klammerle und ich residieren, hat eine große Sauna- und Wellnesslandschaft. Nur das mit dem Aderlass, das werde ich sein lassen und mir vielleicht stattdessen eine Massage verschreiben. Ich werde also über die kommenden, massiv gehäuften, dunkelschwarzen Feiertage (2) in den Süden zur Sonne und in meine Berge verreisen und dem Blog und mir selbst mal wieder eine kleine Pause gönnen; mein Treibstofftank muss wieder gefüllt werden.

*

Übrigens war ich an diesem Wochenende sehr fleißig, wenn auch nicht gerade literarisch. Ich habe an den Titelbildern meiner „Brautschau“-Romane gearbeitet, dessen nächsten – „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ – ich in den nächsten Wochen zum Abschluss bringen werde, um ihn vielleicht noch in diesem Winter zu veröffentlichen. Da es mir trotz verzweifelter Hilferufe nicht gelungen ist, einen talentierten Gestalter oder Zeichenkünstler für mein Werk zu interessieren, musste ich dann eben doch in den sauren Apfel beißen und diese Arbeit selbst machen. Dies, obwohl ich für das Designen keinerlei Talent besitze, was man meinen anderen Titelbildern ja auch ansieht. Aber mir wurde ja von einigen glaubhaft versichert, die „Brautschau“-Cover seien besonders mies und würden einen potentiellen Käufer nur abschrecken. Auch wenn das sicher nicht der einzige Grund ist, aus dem ich keine Leser finde, ist an diesem Vorwurf sicher etwas dran. Daher habe ich mich an die Arbeit gemacht und die Titel der Serie komplett verändert; sie ein wenig an die Gepflogenheiten der professionellen Genre-Illustratoren angepasst. Und so sehen meine „Brautschau“-Bücher ab der nächsten Auflage aus:

Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein Seemann dort draußen auf dem weiten Meer des Internets, der zufällig auf diesen Text, den ich wie meine anderen als Flaschenpost losgeschickt habe, seine Meinung zu meinen neuen Covern äußern könnte. Herzlichen Dank im Voraus!

Dann lesen wir uns im November wieder! Ich wünsche eine schöne Zeit und hoffe, dass ihr alle gut über die düsteren Feiertage kommt.

Euer Nikolaus.

Psst! Hier ist noch ein Entwurf für ein Brautschau-Geheimprojekt, an dem ich seit geraumer Zeit nebenzu arbeite (Aber nicht weiterverraten, bitte …).

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(1) Ich will ja niemanden neidisch machen:

(2) Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen, Samhain, Halloween, wie man diese Tage der Trübnis und der Beschwichtigungsrituale an die angebetete Todesgottheit auch nennen und begehen will – auf eurer Feier des Beginns der winterlichen Düsternis müsst ihr diesmal auf mich verzichten.

Am letzten Halloweenabend 2018 stand ein kleines, schüchternes Gespenst vor meiner Haustür und hielt mir stumm und fordernd seine noch leere Beutetasche entgegen. „Na, musst du mich nicht ‚Süßes oder Saures‘ sagen?“, fragte ich und er sah mich an, als sei ich komplett irrsinnig geworden. „Nein, nix Saures. Ich will Süßes“, erwiderte er nach einem Moment des Überlegens. Genauso will ich es nächste Woche halten – nix Saures, nur Süßes.

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Vorankündigung: „Noch einmal daran gedacht“

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ steht nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den Startlöchern:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
demnächst als Softcover und als Taschenbuch

 Heute erhielt ich mein Korrekturexemplar vom Verlag und ich bin zuversichtlich, dass der Band in zwei Wochen im Internet und im traditionellen Buchhandel erhältlich sein wird. Wie immer wird es eine Taschenbuch- und eine billige EBookausgabe geben. In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben, Kritiken versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der Band ist üppig illustriert und enthält über 100 Fußnoten(1). Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen, Gedankensplittern hat und Sprache liebt, wird sich hier wohlfühlen. Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt.

Um es noch einmal mit meinem Freund Walter v. d. V. zu sagen:
Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Zwei Brüderbücher – endlich vereint!

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (4)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.4

Der hellsichtige Gauner Escroq wusste freilich, dass er ei­nen jungen Mann wie René durch nichts anderes an sich binden konnte als durch Geld und deshalb begann er – der er seinen Brotherren bislang zwar regelmäßig, aber in ei­nem verantwortbaren Rahmen betrogen hatte – größere Summen zu hinterschlagen, die er gewinnbringend anleg­te und deren Zinsen er in der Form von kleinen, aber durchweg exquisiten Geschenken an René weitergab. Als erstes richtete er ihm in der Nähe der Vareseschen Firma eine hübsche, kleine Wohnung ein und stellte ihm einen seiner abgelegten Diener zur Verfügung. Dann gewöhnte er ihn schnell an den Luxus von weißen, seidenen Hand­schuhen, Theaterbesuchen und, soweit es Renés zarte Ge­sundheit zuließ, an unterhaltsame Abendgesellschaften mit Zeitungsleuten und Soubretten. Dies ging ein knappes Jahr gut, bis der verwöhnte René, der tagsüber den Laufburschen und nächtens den Grafen spielte und bald seine Volljährigkeit erreichte, die Erniedrigungen im Kon­tor nicht mehr ertrug. In Varese, der noch immer glaubte, dass René sein Nachtlager im Kontor hatte, keimte zur gleichen Zeit erstmals ein dunkler, kaum fassbarer Ver­dacht, seine Geschäfte wären nicht ganz in der Ordnung, in der sie hätten sein sollten. Er wusste nichts besseres, als seine Mutmaßungen ausgerechnet seinem treuen Buchhalter anzuvertrauen, der ihn für den Moment beru­higen konnte, sich aber in die Ecke gedrängt fühlte und spürte, dass er eine endgültige Entscheidung zu treffen hatte. Schon in der darauffolgenden Woche erlitt Andoche Varese ein heftige Magenkolik, an der er nach einem schmerzhaften, aber kurzen Todeskampf verstarb. Der ei­gentlich mit einer eiseren Gesundheit ausgestattete Bau­her überraschte alle in seiner Nähe ob seines plötzlichen Hinscheidens. Für Eingeweihte war noch erstaunlicher, dass der in geschäftlichen Dingen oft so törichte Geizhals ein von einem inzwischen leider ebenfalls verstorbenen, aber über jeden Verdacht erhabenen Pariser Notar be­glaubigtes, einwandfreies Testament hinterließ, in dem er ausgerechnet seinen Pflegesohn René zum Erben der Fir­ma und des beweglichen Gutes machte und auch nicht vergaß, Escroq mit einer ordentlichen Rente abzufinden. Obwohl sich bald wie ein summender und lästiger Mü­ckenschwarm entfernte Verwandte von Varese einfanden, die lauthals Ansprüche auf das Erbe erhoben, war dieser letzte Wille nicht anfechtbar. Auch der von den Anwälten der enttäuschten Hinterbliebenen geäußerte Verdacht, vielleicht habe einer der beiden Nutznießer das Testa­ment gefälscht oder gar dem so raschen und unerwarteten Tod des Baumeisters nachgeholfene, ließ sich, selbst als die Staatsanwaltschaft von Amiens direkte Ermittlungen anstellte, nicht erhärten.

René Carols Lage hatte sich also erneut ins Glückhafte gewendet, obgleich nicht Fortuna, sondern ein lüsterner Silen seine Verhältnisse beeinflusst hatte. Er sah sich plötzlich in die Rolle eines nicht unvermögenden Ge­schäftsmannes, der mit Ecroq einen hervorragenden Be­rater hatte, gestellt. Es lag nicht in Carols Charakter, sich von einem solch billigen Erfolg blenden zu lassen; denn die Wechselfälle seines jungen Lebens waren ein zwar bit­terer, aber zu guter Lehrmeister gewesen, um ihn sich si­cher fühlen zu lassen. Der willkommene Besitz der Bau­firma und das kleine Vermögen seines Onkels, die ihm durch den auch ihn überraschenden, aber durchaus will­kommenen Tod des Geizhalses in die Hände gefallen wa­ren, sollten ihm nur die erste Stufe auf seiner Jakobslei­ter in den Himmel seiner ehrgeizigen Ziele sein, nach de­nen sich sein unbeugsamer Wille verzehrte. Er wollte ein Staatsmann werden, der die Geschicke der Nationen prägt und die Millionen an Livres sein eigen nennt, die ihn in die Lage versetzten, sich über der Masse der Men­schen zu erheben und den ihm angemessenen Lebensstil zu führen. Er wusste, dass seine Leiter für ein Waisen­kind aus dem Volk sehr hoch war, begann sie aber sofort und ohne ein Zögern zu beschreiten. Er überließ Escroq, dem er hinlänglich vertrauen konnte, wenn er sich ab und an von ihm liebkosen ließ, die Geschäfte seiner Firma, in der es nun keine Betrügereien mehr gab und deren Rein­gewinne sich bei bleibendem Umsatz verdoppelten, nach­dem sein Verwalter die alten Bürohilfen entließ und neue, ehrlichere anstellte. René selbst ging nach Paris, wo alle Träume – auch die Albgesichte – wahr werden; er wollte sich eine fundierte Ausbildung verschaffen und es gelang ihm, bei Jean-Jaques Vale-Noir, dem neben Grindot und dem jungen Viollet-le-Duc, dessen Stern gerade erst zu leuchten begann, größten Architekten unserer Zeit, in die Lehre zu kommen und bei ihm die Baukunst zu studieren. Gleichzeitig bot ihm seine Lehrzeit die Möglichkeit, sich endlich in einer Gesellschaft zu bewegen, der er sich längst zugehörig fühlte. Da er nie das Maß verlor, ihm sei­ne gesundheitliche Verfassung verbot, eine Affäre mit ei­ner Schauspielerin zu beginnen und sein Verstand, über den üblichen Rahmen hinaus beim Ekarté zu verlieren, reichte ihm die monatliche, übrigens nicht unwesentliche Geldzuweisung Escroqs für seine Auslagen. Er lernte Emile de Rastignac kennen, den zynischen Ziehsohn der beiden Titanen der Macht und des Kapitals, über diesen de Marsay und Nuncingen, der auf dem Sprung stand, Mi­nister zu werden. Der Graf faszinierte ihn und Rastignac fand in René in vielerlei Beziehung sich selbst wieder, nahm ihn behutsam unter seine Fittiche und führte ihn in den Kreisen, in denen er selbst verkehrte, ein. Als René nach drei Jahren mit seinem Patent und einem über­schwenglichen Empfehlungsschreiben Vale-Noirs in die Provinz heimkehrte, um durch seine fundierten Kenntnis­se sein Baugeschäft zu erweitern und zum bedeutendsten im Umkreis von Beauvais und Amiens zu machen, hatte er im Sinn, die erste Gelegenheit zu nützen und zurück nach Paris zu gehen, um dann für immer in der einzigen Stadt zu bleiben, in der es sich zu leben lohnt. Diese Gele­genheit bot sich schnell, denn er hatte mit seinem Buch­halter, den er flugs zu seinem Partner machte und ihn da­mit noch fester an sich schmiedete, einen treuen Berater, der ein Genie war, wenn es darum ging, sich auf Kosten Dritter zu bereichern.

Als er, von Escroq gedrängt, zum ersten Mal an einem warmen Sonntag im Mai den Gottesdienst von St. Jacques besuchte und durch seine stoische Geduld die ausufernde Predigt des von ihm seit seines Aufenthalts im Orphelinat verhassten Abbés Rouge, der ihn häufig und grundlos ge­prügelt hatte, wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe ertrug, wurde er, als wäre es nie anders gewesen, von den anständigen Bürgern, denen der Besitz von Geld auch dem von Moral und Ehre gleichkommt, als einer der ihren behandelt und er kehrte mit Einladungen zu einem Dut­zend Teegesellschaften bei Familien mit unverheirateten Töchtern heim. Sein zärtlicher Mentor machte ihn auf den Fabrikanten d’Arçon aufmerksam, der einen Baugrund in Paris suche, um sich dort niederzulassen. Dessen Vermö­gen wurde auf über eine Million Franc geschätzt und er hatte als angenehme Daraufgabe noch eine schöne, wohl­erzogene und allseits bewunderte Tochter. Dazu war d’Arçon in einem Maß beschränkt, das aus ihm ein ideales Schlachtlamm machte und es Wunder nahm und wohl nur an den wachsamen Augen seiner Frau lag, dass er noch nicht in die Hände von Betrügern, Anwälten und Banki­ers gefallen war. Nachdem Escroq seinem Epheben die dem Leser bereits oben zur Kenntnis gebrachten Tatsa­chen des Papierfabrikanten mitgeteilt hatte, begann die­ser sofort einen fleißigen Briefwechsel mit seinen Pariser Freunden und wurde ein regelmäßiger Gast von Madame d’Arçons Salon, wo er, obgleich er ihre Dummheit durch­schaute, Interesse an der Tochter der Hauses zeigte und sich im übrigen – an die köstlichen Gesellschaften der Ma­dame d’Espard gewöhnt – außerordentlich langweilte. Nach angemessener Frist wurde Hippolyte d’Arçon durch den Anwalt Derville ein Grund im respektablen Viertel d’Enfer so außergewöhnlich günstig angeboten, dass nur ein Narr oder ein sehr kluger Mann Bedenken getragen hätte, es zu erwerben und Arçon, der beides nicht war, griff ohne viel Überlegen zu. Ebenso schnell nahm er auch Carols Entwurf an, der gleichfalls der billigste war. Er for­derte nur einen repräsentativen Balkon zur Straßenseite hin, auf dem er an Festtagen mit seiner Familie den Para­den auf der Rue d’Enfer beizuwohnen gedachte. René beugte sich lächelnd dem Wunsch des Fabrikanten, auch wenn er seinen genial schlichten und klerikalen Fassa­denentwurf durch diesen Alkoven profanisieren musste.

Im Sommer des Jahres 1837 begannen schließlich die Ausschachtungsarbeiten und es zeigte sich dabei schnell, aus welchem Grund das Gelände so geheimnisvoll und günstig zum Verkauf angeboten worden war. Der Pferde­fuß offenbarte sich, als die Arbeiter, die Carol, da sie billi­ger waren, aus Beauvais mitgebracht hatte, in geringer Tiefe im Erdreich auf menschliche Knochen und auf Grab­steine, die hebräische Inschriften trugen, stießen. Als dann prompt einer der Arbeiter beim entsetzten Zurück­weichen vor diesen Überresten stürzte und sich den Fuß brach, verbreitete sich unter den abergläubischen Leuten schnell, dass man in einem aufgegebenen Friedhof grub und es Unglück bedeutete, auf diesem wahrscheinlich von einem Fluch belasteten Gelände weiterzuarbeiten. Die Verwünschungen und Versprechen der Vorarbeiter konn­ten sie ebenso wenig dazu bringen, ihre Schaufeln und Spitzhacken wiederaufzunehmen, wie der eilig herbeige­rufene Carol, der ihnen anhand der jüdischen Jahreszah­len auf den Steinen vorrechnete, dass es es sich hier um die makaberen Reste eines alten jüdischen Friedhofs aus der Regierungszeit Ludwigs des XII. handelte, diese Be­gräbnisstätte also dreihundert Jahre alt und längst ent­weiht war. Obwohl er sich entrüstet gab, beglückwünschte sich Carol doch zu diesem für ihn glücklichen Fund, den er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hatte zwar über seine etwas zwielichtigen Freunde den Grundstückser­werb eingefädelt, war aber über den Friedhofsfund selbst überrascht, wie wahrscheinlich alle außer dem ehemaligen Besitzer, der auch ihm im Verborgenen geblie­ben war. Trotzdem geriet Carol in einige Verlegenheit, als er dem sich die Haare raufenden Ehepaar d’Arçon erklä­ren musste, warum die Arbeit schon nach fünf Tagen ruh­te. Die Dame des Hauses – ruhig neben ihrem Mann auf einer im Kaiserreich modischen Chaiselongue sitzend – hörte sich die Vorbringungen des Architekten aufmerk­sam an, dann sagte sie:

»Ob ihre Leute arbeiten wollen oder nicht, kann nicht un­sere Sorge sein, Monsieur Carol. Wir haben einen Vertrag und drängen auf seine Erfüllung. Sollte es aus welchen Gründen auch immer zu Verzögerungen kommen, sehen wir uns gezwungen, diese leidige Angelegenheit unseren Anwälten zu übergeben. Wir können einen Aufschub, auch im Anbetracht des nahenden Herbstes, nicht dul­den.« Carol verbeugte sich und er erkannte von neuem, mit wem im Hause Arçon er zu verhandeln hatte. Er lä­chelte sehr höflich.

»Selbstverständlich werden die Arbeiten fortgesetzt. Ich sehe mich jedoch gezwungen, neue Arbeiter in Vertrag zu nehmen. Da ich nach diesem Vorfall in Beauvais keine Männer finden werde, muss ich sie mir in der Hauptstadt besorgen. Die Arbeiter in der Stadt sind weniger aber­gläubisch, lassen sich diese weltgewandte Gesinnung al­lerdings teuer bezahlen. In der Folge bin ich außerstande, meinen Voranschlag der Kosten aufrecht zu erhalten. Mein Partner, Monsieur Escroq, wird Ihnen in den nächs­ten Tagen eine neue Schätzung überbringen.« Madame d’Arçon und der schmale Architekt maßen sich. Sie warf ihm einen ihrer gefürchteten Medusenblicke zu, aber Ca­rol hielt ihm gleichgültig stand. Sie wusste, dass der Ar­chitekt seine Rechnung in einem außerhalb seiner Verant­wortung liegenden Fall wie diesem erhöhen konnte und Carol war sicher, die Arçons würden ihn nicht vom Ver­trag entbinden, da sie trotz der unvermeidlichen Aufsto­ckung keinen Bauherren finden konnten, der ihnen billi­ger ein repräsentatives Stadthaus errichtete.

Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, seine Fris­ten einzuhalten, entließ unverzüglich alle Arbeiter, die nicht Willens waren, ihre abergläubische Furcht zu über­winden. Dann suchte er den Oberrabbiner der Pariser Ge­meinde auf. Dort war nichts mehr von einem alten Fried­hof in Enfer bekannt, aber nach einer ordentlichen Spen­de des Architekten, die er Arçon in Rechnung stellte und die die Armen der Gemeinde unterstützen sollte, war man schnell einig, wie man die leidige Sache ohne größere Af­faire aus der Welt bringen konnte. Jüdische Arbeiter gru­ben in Anwesenheit mehrerer Rabbiner die sterblichen Überreste und Grabsteine ihrer vor so langer Zeit verstor­benen Volksgenossen aus und verbrachten sie in den Ge­meindefriedhof im Cementaire de Montparnasse. Dann besorgte Carol neue Arbeiter aus Stadtvierteln, die weit von der Rue d’Enfer entfernt lagen. Damit schien die un­erfreuliche Angelegenheit ausgestanden und die Arbeiten kamen zur Freude der Arçons gut voran. Escroqs neue Schätzung der Kosten belief sich nun auf glatt zweihun­derttausend Franc, dafür hatte er sich von den gewissen­haften Provinzanwälten von Hippolyte d’Arçon einen Ver­tragszusatz abringen lassen, nach dem er diese Zahl um höchstens zehn vom Hundert überschreiten konnte.

Madame Helga war damit zufrieden und ihre Aufmerk­samkeit ließ nach. Vielleicht wäre sie nachdenklich ge­worden, wenn sie geahnt hätte, dass die Partner Carol und Escroq in der nächsten Zeit fleißig seltsame Kontakte knüpften. Der Architekt reiste mehrmals nach Angoulê­me, wo er in bestem Einvernehmen mit dem großen und dem dicken Cointet, jenen hartnäckigsten und böswilligs­ten Konkurrenten der d’Arçons, zusammentraf. Und Es­croq wurde in etwas zweifelhaften Etablissements häufig in Henri Michots Begleitung gesehen. Der Papierfabri­kant und seine Frau ahnten jedoch nicht, dass sich ein Gewitter am Horizont zusammenzog, das den noch wol­kenlosen Himmel ihrer bürgerlichen Existenz bald ver­düstern sollte. Sie wussten nicht, dass sie der Mittelpunkt einer Intrige waren und erst ein leichtes Vorgeplänkel der Schlacht um ihr Vermögen geschlagen hatten.

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Das war die letzte Leseprobe aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans von meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden. Ich will hier noch einmal daran erinnern, dass heute der letzte Tag ist, an dem man meine E-Books zum Sommerrabattpreis von 0,99 € je Buch erwerben kann. Morgen kosten sie wieder mehr.

Nutzlose Menschen
Roman
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