Aber ein Traum …

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Lost in Stream

Liebe unbekannte Leserin!

Ich habe es getan. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine zwanzigminütige Livestream-Lesung veranstaltet! Ich habe am Sonntagnachmittag auf Instagram über mein Smartphone direkt aus meinem Wohnzimmer gesendet und dabei aus meinem neu erschienenen Roman „Aber ein Traum“ vorgelesen.

Ich hatte dabei mindestens einen Zuhörer – allerdings einen analogen, denn Frau Klammerle war mit im Raum (Jemand musste ja auf den Startknopf drücken). Ob mir draußen in der schönen, weiten Internetwelt jemand zuhörte, weiß ich nicht. Aber ich wage es doch zu bezweifeln. Doch deshalb habe ich aber nicht gelesen. Ich habe ja auch nicht weiter Werbung dafür gemacht, sondern mich relativ spontan hingesetzt und gelesen. Ich wollte einfach mit meinen Möglichkeiten experimentieren, mein „Publikum“ trotz dummen Coronazeiten zu erreichen. Wenn ich es nun nüchtern betrachte, war es ein durchaus gelungener Test. Ich komme weit weniger peinlich rüber, als ich befürchtete. Trotzdem war mir nach den 20 Minuten ordentlich heiß … Aber das sind vielleicht nur die Wechseljahre.

Ich würde für dich – die du verständlicherweise den Medien von Mark Zuckerber abhold bist – gerne das IGTV-Video von meiner Lesung einstellen, aber das lässt mein WordPresskonto leider nicht zu. Deshalb gibt es hier nur ein Standbild von dem weltbewegenden Filmchen. Es gibt aber ganz gut die Stimmung wieder, die ich während der Aktion empfand, die schon ein wenig mit Selbstbefriedigung eingefärbt war. Zumindest aber kann ich hier den Link einfügen, der auf Instagram zu dem Video von meiner Lesung führt:

Lesung vom 22.11.2020 – „Aber ein Traum“

Trotz aller Skepsis habe ich mich entschieden, das Ganze zu einer regelmäßigen Aktion werden zu lassen, denn irgendwie hat es mir auch Spaß gemacht. In den vier Quarantäne-Adventssonntagen, die im Dezember folgen, werde ich versuchen, ein kleines Licht anzuzünden und meine Weihnachtsgeschichte „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ in einem Live-Stream vorzulesen. Ich hoffe, dass ich dir damit eine kleine Freude machen kann. Los geht es am

Sonntag, 1. Advent, 29.11.2020, 16:30 Uhr
Live-Lesung auf Instagram

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„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

 

»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

Mein neues Buch – „Aber ein Traum“

Das Geheimnis der Eulenvilla

»Für manche von uns sind Zeit und Raum ein sich überkreuzendes Flechtwerk von Wegen, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurück­bringt, Ambakoum. Die Eulenvilla ist solch ein Ort.«

Das Leben aber ist ein Traum, ein Traum in einem Traum.

Die Zwillinge Alban und Ruben Waldescher werden bei ihrer Geburt voneinander getrennt. Sie wachsen in verschiedenen Welten auf – in unterschiedlichen Universen. Es gelingt ihnen, Kontakt miteinander aufzunehmen und sie beginnen, zwischen ihren Leben hin- und herzuwechseln. Damit lösen sie eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die die Existenz der verwandten Welten bedroht. Eine Schlüsselfigur im Ringen der verfeindeten Brüder ist der ahnungslose Jonas Habakuk, der von Alban und Ruben in einen tödlichen Strudel aus Zeit und Raum gerissen wird.

Wird es ihm gelingen, die Leben der Menschen zu retten, die er liebt? Und welche Rolle spielt dabei die geheimnisvolle Eulenvilla?

Das Geheimnis der Eulenvilla
320 Seiten
10,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Neuerscheinung!

„Das Rote Haus“ – Eine Rezension von Andreas Milanowski

Heute hat der sympathische Kölner Autor Andreas Milanowski, den ich auf Instagram kennengelernt habe, bei Amazon eine Rezension meiner „jugendgefährdenden“ Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“ veröffentlicht. Es ist die längste Rezension, die ich je bekommen habe; länger als manche Story, die sich in meinem Band findet. Danke schön!

Übrigens scheint es nun auch bei Büchern bei Amazon möglich zu sein, sie anonym nur mit Sternen zu bewerten, ohne eine kurze Kritik dazu zu schreiben. Dies nennt man dort eine „globale Bewertung“. Obwohl ich beim „Roten Haus“ davon profitiert habe und bei zwei Rezensionen dreimal 5 Sterne erhielt, halte ich dieses System für eine selten blöde Einrichtung, die jedes Ergebnis nur verfälschen kann.

»„Aber du wirst einsehen, wie ich aus dem Zustand des einen auf die Gesamtheit schließen kann. Ich will einen herausgreifen und ihn zeigen wie er scheitert oder sich arrangiert. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht!“ Hier hattest du es eilig, mich zu unterbrechen: „Auch Arrangement ist ein Scheitern. Es ist die alltägliche Form des Scheiterns, die undramatische, die du in deinen Geschichten und Bildern gerne unterschlägst. Auf einem falschen Weg kann man nur wenige Schritte in die richtige Richtung gehen.“

Das ist meine Lieblingsstelle aus Niklas Klammers Kurzgeschichtensammlung „Das rote Haus“. Sie ist aus dem Text „Wanderer“ und sie ist es deswegen, weil er an dieser Stelle, in diesem Abschnitt, exemplarisch sein Programm vorstellt. Das Buch folgt diesem Einen auf einer Zeitreise durch drei Jahrzehnte literarischen Schaffens. Es zeigt zu Beginn einen zornigen, jungen Autoren, der sich mit der braunen Vergangenheit seiner Vätergeneration auseinandersetzt, mit Konzentrationslagern und Gulags. In „Rache“ erzählt er von einem, von paranoiden Fantasien getriebenen, ehemaligen KZ-Aufseher, der einer Jüdin begegnet, die er meinte, ermordet zu haben. Nicht genug damit, versucht sein vermeintliches Opfer auch noch, ihrem Peiniger nach einem Unfall das Leben zu retten. Man folgt in „Palimpsest“ dem Physiker Dr. Renning, dem Erfinder einer Zeitmaschine, mit deren Hilfe er sich ins Jahr 1923 zurückbeamt, um mit einem gezielten Kopfschuss Adolf Hitler zur Strecke zu bringen. Ich darf verraten: es misslingt und zwar auf so groteske Weise, dass, wer den wirklichen Fortgang der Geschichte kennt, sich ein mandelbitteres, verzweifelt verzerrtes Grinsen nicht verkneifen mag. Die zweite von vier Abteilungen des Buches befasst sich mit Futuristischem, einer Welt beispielsweise, in der die Literatur von Computerprogrammen erstellt wird, mit allen katastrophalen Folgen für die Lesbarkeit der Texte. Sie holt Kindheitserinnerungen zurück über die Irritationen, die das Auftauchen des weiblichen Geschlechts in einer Bande halbwüchsiger Jungs schafft und sie entführt uns mehrfach ins toskanische Italien, wie man unschwer erkennen wird, einem der bevorzugten Aufenthaltsorte des Autors Klammer. Die dritte Abteilung befasst sich mit Beziehungsgeschichten im weitesten Sinne des Wortes, die vierte mit, mehr oder weniger, programmatischen Texten, wobei die Sinnhaftigkeit des Auftauchens diesen oder jenen Textes in den jeweiligen Gruppen sich mir nicht immer erschließt. Es gibt Überschneidungen. Das ist aber nur eine Randnotiz und stört nicht, da jede der Geschichten des Buches eine, in sich abgeschlossene erzählerische Einheit darstellt. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Hier kann man, obwohl, oder vielleicht gerade weil es ums Sterben geht, von Herzen über einen Schriftsteller lachen, der sich, soeben unter überaus merkwürdigen Umständen verstorben, zusammen mit seiner ebenfalls just verschiedenen Putzfrau vor einer Kinoleinwand wiederfindet, auf der in diesem Moment ein Film läuft, der die letzten Minuten im Leben der beiden zeigt. Die Geschichte ist, obwohl vom Plot her tragisch, so komisch erzählt, dass der Tod, der am Ende als lässiger Literaturliebhaber erscheint, seinen Schrecken gänzlich verliert.

Niklas Klammer macht den Zugang zu seinen Texten nicht immer einfach und das ist gewollt. Gerade die älteren sind herausfordernd und teilweise, aufgrund der politischen Thematik, schwer verdaulich. Das macht sie jedoch nicht weniger interessant und lesenswert – im Gegenteil. Sie sind schwierig, weil sie den Leser zwingen, sich zu positionieren. Klammer lesen und danach Tagesschau sehen oder ruhig ins Bett legen, das funktioniert nicht. Die späteren Texte sind leichter, humorvoll und mit viel Raffinesse geschrieben. Beeindruckend ist die Genauigkeit der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Niklas Klammers Kurzgeschichten sind nie nett, keine Love Stories, keine pittoresken Bildchen aus dem braven, bürgerlichen Leben. Es sind Traumbilder, manchmal alptraumhaft. Sie wollen eklig sein, komisch, grotesk, gelegentlich absurd, verstörend. Es sind Bilder aus dem Leben eines Einzelnen, der sich exemplarisch nimmt für das Ganze. Wer sein Leben ruhig und beschaulich mag, der ist hier falsch! Für alle anderen, vor allem die, die den Autoren Niklas Klammer kennenlernen wollen, ist „Das rote Haus“ ein must read!«

Andreas Milanwoski

8 Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren – hier sind selbstredend immer auch das Autor und die Autorin gleich welcher geschlechtlichen Vorliebe, Ausprägung und körperliche und seelischer Ausgestaltung und Ausstattung mitgemeint – denn ich werde niemals den un­säglichen Gendergap oder einen anderen semiotischen Unfug in meinen Tex­ten einführen1 -, machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädt­chen der Republik, um ihre Bücher anzupreisen und aus ihnen vorzutragen, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, Werbung für ihr neues Werk oder sich selbst zu machen.

Durchaus jeder Au­tor – der ja, wie allgemein be­kannt -, am liebsten in seinem Dachjuchhe (Das Wort Dachjuche ist wie molestieren2 oder Idiosynkrasie eines von meiner privaten roten Liste der schönen, aber leider beinahe ausgestorbenen Wörter. Ich mag es und habe es gerade wieder bei dem leider schon verstorbenen Dieter Kühn gefunden. Es ist also auch eine Verneigung vor diesem Schriftsteller, wenn ich es in diesem Büchlein ein-, oder zweimal verwenden werde) einsam in sein Moleskine kritzeln oder auf die Tastatur hämmern möchte und alltäglich nach dem Motto »Ich will nichts erleben, denn ich bin Schriftsteller« lebt, hasst es, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und sich dort zu pro­stituieren und vor Publikum zu »lesen«. Es gibt eine große Anzahl von Autoren wie z. B. Patrick Süskind oder Thomas Pynchon, die sich dieser Zumutung komplett entziehen und sich nicht einmal für ein Werbefoto ihres Verlags ablichten lassen. Schließlich sollte doch, auch wenn es heute aus der Mode ist, der Schriftsteller hinter seinem Werk verschwinden und nicht umgekehrt.

Denn solch ein literarischer Abend mit dem Autor geht selten gut. Vor einer äußerst über­schaubaren Gruppe beflissener Zuhörerinnen – in aller Regel sind das liebreizende Buchhändlerinnen, neugierige Leh­rerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Kli­makterium, denn das »Lesen« ist ja heut­zutage eine rein weibliche Beschäftigung –, gibt der Autor mehr oder weniger verschämt Aus­schnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Ein­druck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner ei­genen Texte ist, dass er zu leise oder zu laut spricht, nu­schelt, ohne oder mit viel zu viel melodramatischer Betonung spricht, stottert, blättert, zö­gert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassi­sche Le­sung hat viel Ähnlichkeit mit der Pre­digt in der Kir­che; viele klappen nach ein, zwei Sät­zen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schwe­ben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Ta­lente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Ihnen gilt meine volle Bewunderung. Ich könnte das nicht, denn wie die meisten Schriftsteller bin ich als real-existierende Person anstrengend und überaus langweil­ig – fade, schüchtern, menschenfeindlich. Würde je­mand schreiben und sich hinter sei­nen Werken und einem Pseudonym ver­stecken, wenn er ein offener, freundli­cher und sympa­thischer Zeitge­nosse wäre? Wohl kaum. Wie gesagt: Der kon­servative Schrift­steller ist ein eher widerbors­tiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in ei­nem kleinen, ab­schließbaren Kämmerchen nach­geht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Ma­schine tippt oder gar aufs Pa­pier kritzelt. Er ist voller »promethi­scher Scham«, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimms­te ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der wie der Donner zum Blitz gehörigen und daher oft unver­meidbaren anschließenden Diskussion aussetzen zu müs­sen. Das schlimmste für den Autor: Selten will je­mand über den Inhalt sei­ner Texte sprechen oder sei­ne beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft bewundern, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in die offe­nen Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessie­ren sich ausschließlich für Privates, Intimes, Peinliches, das er ei­gentlich nicht preisgeben will. Auch deshalb schreibt er ja.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, falls Nikolaus M. Klammer dem­nächst in der Buch­handlung deines Vertrauens auf­treten muss und Verwirren­des aus seinen Essays, An­strengendes aus dem »Jahrmarkt in der Stadt« oder gar den »Erinnerten Memoiren des Dr. Geltsa­mers« vor­trägt, dann meide bei der an­schließenden Diskus­sion die folgenden acht Fragen. Du quälst ihn damit. Und da die Qualität der hastigen Antworten in die­sem Fall nicht die Qualität der Fra­gen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen. Denn eigentlich möchte ich den Abend schnell beenden, direkt ins Hotelzimmer gehen, den Minikühlschrank plündern und mich mit der Beute unter der Bettdecke verkriechen.

*

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfra­gen:

I. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Wie fällt Ihnen so etwas nur ein?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er mal wieder viel zu viel gegessen und anschlie­ßend schlecht ge­träumt hat? Dass er das bei Dosto­jewski oder bei Facebook klaute? Mit Absinth experi­mentiert hat? Seine Nachbarn mit einem Nachtsicht­gerät beobachtete und den Nebentisch im Café be­lauschte? Oder dass er schlicht ein psychotis­ches, menschliches Wrack ist, dem so etwas Krankes ein­fach zwischendurch mal so einfällt?

In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

II. Wie kann man nur etwas so etwas abartiges, misogynes, sadistisches, pornografisches oder politisch unkorrektes schreiben?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publi­kum öffnet und das innere Ungeheuer befreit und versucht, sich selbst durch Schreiben zu heilen.> Er­zählt man etwas Monströses, wird man für ein Mons­ter gehalten. Erfindet man einen üblen Rassisten oder Macho, ist man selbst einer. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Mi­nenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen kön­nen; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

III. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest du gerne wissen, liebe Leserin. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist au­tobiografisch. Auch wenn ich reife Jo­hannisbeeren vom Busch pflü­cke und sie mit Gelier­zucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade autobiogra­fisch. Genau wie die Bee­ren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen, Stängel und Ker­ne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzu­cker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, auto­biografisch. Ich ma­che mir nicht die Mühe und arbei­te jahrelang an ei­nem Schlüsselro­man, um anschlie­ßend bei einer Le­sung den Schlüs­sel zu verschenken.

IV. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zuge­traut. Sie sollen auf dem Stand der Forschung ste­hen, sich auf allen geisteswissenschaftli­chen und so­zialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Autoren stehen bei Demonstrationen in der ersten Reihe, lesen auf Wohltätigkeitsveranstal­tungen und schreiben glühende J’accuse…!-Artikel. Man sieht sie als Gutmen­schen und belesene Intel­lektuelle. Doch nicht alle heißen Jean Paul Sartre. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, die über­lassen sie anderen, besseren. Aber sie machen sie manch­mal durch einen Text populär. Auch in Deutschland sollte es sich lang­sam einmal durchspre­chen: Schriftsteller sind Men­schen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, überblättern den Politik- oder Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, um schnell zum täglichen Sudoku-Rät­sel zu gelangen und wissen nichts Vernünf­tiges über AHAL-Regeln, Klimawandel, transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie ha­ben eine Meinung und einen Standpunkt und die finden sich in ihren Wer­ken. Wer sie kennenler­nen will, sollte die Bücher des Schriftstellers lesen. Ist es sinnvoll für Autoren, ihre Weltsicht wie all die Faceboo­ker, Istagramer und Twitterer wütend oder gar hasserfüllt hinauszupo­saunen? Ich denke nicht.

V. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Tatsächlich halte ich die Rechtschreibung für ein Gut, das immer mehr verloren geht und es macht mich verrückt, wenn in einem Buch auf ein »wegen« ein Dativ folgt oder gar die Rede von den »Einzigsten« ist. Trotzdem sträubt sich etwas in mir, »Leid tun«, »platzieren« oder »Frisör« zu schreiben. Denn Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur we­nige haben Germanistik studiert und schlagen bei jedem Wort nach, welche Schreibweise Duden und Wahrig emp­fehlen. Ich behaupte frech, wer Germanistik studiert hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachre­gelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Das gleiche gilt für Kritiker und Lehrer. Heinrich Böll soll der Unterschied zwischen »das« und »dass« nicht be­kannt gewesen sein (Da ist er ja in guter Gesell­schaft). Ich selbst habe mit Konjunktivsätzen und de­ren Verbformen erhebliche Schwierigkeiten und ken­ne zum Beispiel keine Kommare­geln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das Komma dann doch genau an der richtigen Stelle, auch wenn ich viel zu viele mache. Den Rest sollte ein Lektor erledigen3. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meis­ten Leser sehr großzügig über gewisse Rechtschrei­bunsicherheiten hinweggehen, weil sie selbst nicht so genau wissen, was denn nun eigentlich richtig ist.

VI. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Können wir das gleich überspringen? Denk doch noch einmal ernsthaft über diese Frage nach. Da könntest du mich ja gleich fragen: Bei wem ha­ben Sie Ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie ge­habt. Das sind nur Gerüchte. Doofe Frage eigentlich. Kein Autor hat Vorbilder. Vor mir gab es eh nieman­den, der mir das Wasser rei­chen konnte. Außer Balzac vielleicht, oder …

VII. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser Fanboys in mei­ner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt, die man – warum auch immer – »verteidigen« muss. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine einzige Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt oder gar negativ über ihn geredet habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden und nicht über Daniel Glattauer oder den Herrn Kehl­mann. Die können sehr gut für sich selbst einstehen.

Und dann gibt es noch diese letzte, gefürchtete Fra­ge, die ich auf keinen Fall beantwor­ten will:

VIII. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Auch wenn es so klingt: Diese naive Frage ist leider kein geschmackloser Witz, sondern sie wird ernstge­meint und wohlwollend immer und immer wieder ge­stellt. Nicht nur Autoren, sondern jeder Künstler kennt sie, denn sie taucht in geselliger Runde mit der gnadenlosen Unvermeidbarkeit eines Naturgesetzes grundsätzlich nach Lesungen, bei Vernissagen, nach Konzerten, Theateraufführungen auf. Sie rangiert ne­ben der Frage, woher nun eigentlich die Ideen herkä­men, unangefochten auf Platz Eins der dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

*

Diesen und andere Texte findest du, liebe Leserin, in meinem Essayband „Noch einmal daran gedacht“, der überall im Handel als Taschenbuch oder als günstiges E-Book erwerbbar ist.


1 Ich bin wie die meisten Schriftsteller in dieser Hinsicht au­ßerordentlich konservativ. Die Abschaffung des grammatischen Geschlechts, die Vergewaltigung der Schrift und der Sprache, um durch Sternchen oder geschlechtsneu­tralere Formulierungen eine Gendergerechtig­keit zu schaffen, die dann allenfalls auf dem Papier, aber noch lange nicht in Wirklichkeit existiert, ist nicht mehr ein Dummer-Jungen-Streich (oder muss man jetzt Dumme*r-Heran-wachsende_n_s-Streich sagen?).

2 Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von »molestieren« ist »belästigen«. Es kommt von dem lateinischen molestare und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhun­derts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den »Jugenderinne­rungen eines alten Mannes« von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867). Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirk­lich lesens- und empfehlenswerten »Volksbuchs« des Bieder­maiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücher­ramschkiste gezogen habe und an denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen selbst ausdrücken wür­de, immer wieder einmal angeregt delektiere. In den »Erinne­rungen« findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzt wiedergegebener Satz: »[..] mir ward ir­gendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spat­zen mit der Windbüchse zu molestieren.« Ich lie­be solche alt­väterlichen Formulierungen, wie sie insbesonde­re Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt hat. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieb­lingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Ra­senmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen auf meinem Deckchair zu unter­nehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmüll­tonne, während ich mich gerade zu dichteri­schen Höhenflü­gen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter gewor­den sein, aber sie hat eindeutig an Schön­heit verloren. Aber ich will euch nicht ennuieren.

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