Aber ein Traum …

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crisis – Eine Erzählung (Teil 3 – Schluss)

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ein tag ist doch wie der andere, nur ein endloses karussell, erneut kopfschmerz und verfaulendes fleisch auf der zunge. vielleicht fault die zunge selbst. noch eine woche urlaub. nach dem wichsen wartete ich auf das gewitter, das wieder nicht heraufzog. diesmal war es anstrengend, bis es mir kam. keine freude, ich sagte es schon. auch der gedanke an die breiten knie der magd half nicht. für meine aufzeichnungen wollte ich klarheit. deshalb schlug ich im lexikon nach. aber das WORT stand nicht drin, obwohl es ein gutes nachschlagewerk ist. wie hat man ein WORT an die wand schreiben können, das es gar nicht gib? – an diesem tag merkte ich, wie sich alles änderte. noch wusste ich nicht, was es war. es machte mir angst. das war der tag, und ich schrieb vieles auf.

ich ging später in ein gartenlokal, aber es war anders. ich beobachtete meine umgebung genau, das lachen der schüler dort verstärkte meinen kopfschmerz. ich fand nichts ungewöhnlich. trotzdem, es war anders. es lag in der luft, wie ein ungewöhnlicher geruch. ich trank mehr bier, als ich vertrug, aber es half mir nicht. die nadel blieb in meinem hirn stecken, ließ sich nicht entfernen. sie blieb, spaltete mein hirn. ich beschloss, am wehr spazieren zu gehen. dort war es schattig.

vision, ein irritierendes licht fällt von oben herab.

auf die erste leiche stieß ich bald. es war eine frau. sie war nackt, der bauch aufgerissen, zerfleischt, die hände wie in scham über der brust verkrampft. ich blieb stehen und starrte. ich wollte nicht glauben, was ich sah. ein ehepaar kam vorbei, einen kurzbeinigen dackel an einer leine hinter sich her ziehend. der hund hatte etwas helles im maul. es ähnelte einem hingeworfenen handschuh, in den der köter sich verbissen hatte. als das paar näher kam, sah ich, es war eine abgeschlagene hand, die nägel lackiert. ich deutete auf die hand, dann auf die frauenleiche. ich war nicht fähig zu sprechen. das paar sah mich an, es wirkte erstaunt, dann verstört. verzweifelt packte ich den ehemann an der schulter, schüttelte ihn, schrie. ich weiß nicht mehr, was. aber die beiden sahen mich nur an, staunten ängstlich. der hund ließ die hand in den sand fallen, bellte mich wütend aus. ich stieß den mann beiseite. nur weg von hier. die frau schimpfte hinter mir her. ich rannte den kiesweg weiter, stolperte dabei über die nächste tote. es war eine noch ganz junge frau. ihre lider waren weit aufgerissen, doch sie hatte keine augäpfel. fliegen krochen in der blutigen höhlung. auch ihr fehlte keine hand, aber eine war zermatscht, wie von einem lastwagen überfahren. ein würgender geruch kroch in meine nase. ich übergab mich über der leiche, besudelte sie mit meinem erbrochenen. dann kippte ich ohnmächtig zur seite.

eine nadel in meinem hirn, ein lichtstrahl von oben, vom brunnenrand.

das café war voll. nur mit mühe fand ich einen sitzplatz neben ein paar mädchen, die sich über wollwaschmittel unterhielten. es war kein gespräch möglich, sie waren zwar hübsch, aber jung. mir ging es inwischen besser. ich hatte im park beim wehr auf einer bank meinen rausch weggeschlafen, aber schlecht geträumt. trotzdem spürte ich weiterhin, wie sich alles um mich veränderte, anders, neu und fremd wurde. am abend begegnete mir das WORT wieder. ich traf einen arbeitskollegen, der mir den neuesten klatsch aus der firma berichtete. dann wurde unser gespräch persönlicher.

– wie geht es dir?, fragte er, du siehst schlecht aus.

– das erstaunt mich nicht.

– ja, wie der lebende tod. hast du schlafstörungen?

– die habe ich.

– du hast sie also auch, das dachte ich mir schon.

– warum?

– es geht gerade den meisten so. die halbe firma schläft morgens in den büros. mich hat es gottseidank noch nicht erwischt.

– meinst du etwa, das ist ansteckend? ein schlaflosigkeitsvirus? kann es das geben?

– klar. das liegt doch auf der hand. da geht etwas vor. sogar in der zeitung stand es schon. aber sie wiegeln noch ab. angeblich gibt es kein mittel dagegen. zumindest…, er zögerte. mir fiel etwas ein, aber ich wusste nicht, woher diese erinnerung kam.

– aber es gibt doch etwas, oder? – das war ein schuss ins blaue. er saß.

– du hast etwas gehört, stellte er fest. ich nickte, wollte wissend aussehen. er verfolgte meine bewegungen aufmerksam.- du hast etwas gehört!

auch er nickte, sah sich um. – das bleibt unter uns, klar?

er wartete auf eine reaktion von mir, als keine kam, sah er sich wieder um. dann flüsterte er das WORT. ich zuckte zusammen, wie ertappt. ich wusste nicht, was ich sagen sollte. er lächelte.

– was ist das?, fragte ich und beging meinen ersten fehler. sein lächeln verschwand.

– willst du mich verarschen?

– nein. ich bin nur schwer von begriff. ich meine, ich weiß einfach nicht, stotterte ich. er schien mir nicht zu glauben.

– du bist von den anderen, du sauhund!

red doch keinen unsinn. von welchen anderen redest du überhaupt? geht das wieder los! verteidigte ich mich schwach. – mir fiel das seltsame gespräch mit dem alten ein, auch er hatte von den anderen gesprochen. mein freund nahm eine drohende haltung ein. er ballte die fäuste. ein paar mädchen schlenderten in der nähe vorbei und warfen uns bedeutsame blicke zu, das lenkte ihn ab. als ich wieder seine aufmerksamkeit hatte, war er etwas sanfter.

– so dumm kann doch keiner sein, sagte er, du wirst doch wenigstens wissen, wer die anderen sind, wenn du noch nicht einmal das WORT kennst. macht das keinen sinn für dich? mensch, alles ist in bewegung. durch das land geht ein ruck. noch wissen wir nicht, wann ER rettend eingreift, der mann. aber dass ER kommt, fühlen millionen. das musst auch du bemerkt haben.

– nein. mir ist, als hätte ich ein jahr verschlafen. diese welt ist nicht mehr die meine. ich verstehe sie nicht.

– so schlimm ist das ja nicht. vergiss nicht, niemand weiß genaues! im moment warten alle. und wenn es tatsächlich jemand ahnen sollte, dann schweigt er aus angst.

– wovor?

– angst? ist doch klar! überall sind die anderen. für uns gibt es zwei teile: einen, der sich bekennt, einen anderen teil, der zersetzen und zerstören will. er versucht, uns zu sabotieren, zu verhindern, dass wir wieder schlafen können. aber der tag wird kommen.

– ich verstehe nicht. nochmal, ich fühle mich, als wäre ich in einen brunnen gefallen und komme nun nicht mehr raus. meine eigene welt ist nur noch ein kleines, kreisrundes loch weit über mir. das atmen fällt mir schwer, meine lungen füllen sich mit wasser. ich höre stimmen, aber sie sind fern. ich ertrinke und weiß nicht warum. sag mir, warum sabotieren uns die anderen? was haben sie für einen grund?

– mensch! – er flatterte mit seiner hand vor meinem gesicht. das gespräch schien sich nicht so zu entwickeln, wie er es wollte.- ich habe dir vorhin gesagt …

– ja, genaues weiß man nicht. aber es muss doch gerüchte geben.

– es gibt sie. – er musterte mich scharf. – und du bist sicher keiner von den anderen?

ich schwieg vorwurfsvoll.

– gut, ich glaube dir. es passt auch nicht zu dir. du bist so unschuldig. also, du musst wissen, dass ER kommt, hier in unsere stadt.

– leskoff?, platzte ich heraus. mein freund packte mich wütend am kragen.

– höre gut zu. nenne diesen namen nie mehr in meinem beisein, verstanden? der ist tabu, ja?

– ja, ich entschuldige mich. – ich versuchte, mich loszumachen, aber er hielt mich mit festem griff.

– das alles hat nichts mit IHM zu tun. du musst irre sein, die beiden in einem atemzug zu nennen.

– ich dachte …

– du dachtest. wenn du so weiter machst, bist du bald tot.

einen augenblick war ich stumm. dann spürte ich, wie etwas versank. nein, das ist nicht richtig erzählt. es war anders. es war jetzt verschoben, der boden begann sich zu wölben. ich sah mich um.

vision. wo war mein freund? was war mit mir? und ein splitter spaltete mein hirn. ich blickte herab. meine kleidung funkelte. sie funkelte aus sich heraus, als wäre sie mit goldflitter bestreut, wie die reflektion eines tanzenden lichtes, das durch ein weinglas scheint. und gleichzeitig, sagte ich schon, verschob sich die umgebung nach oben, ich begriff, ich war am versinken. unglaublich, dachte ich, unglaublich, das ist nicht möglich, wenn je etwas unmöglich war, dann das: ich versinke, mich in einen funkenregen verwandelnd, im teer. ich löse mich auf, verschmelze mit der erde, werde eins mit dem wissen. endlich.

jemand tappte mir mit zwei fingern auf die schulter. ich bemerkte die berührung erst nach einer ganzen weile. meine abwärtsbewegung stoppte. das ist ER, dachte ich grundlos, das ist ER.

– hinter mir stand ein kleiner mann. seine augen funkelten spöttisch.

– kennen sie napoleon?, fragte er.

– ja, das ist einer der großen schlächter der menschheit, erwiderte ich, denn ich wollte streiten.

– was reden sie da? wissen sie, was sie da reden?

– sie werden mir das sagen. sie scheinen ja alles zu wissen.

– sie reden scheißdreck. sie sind ahnungslos. so ein mist. fragen sie doch die franzosen, die haben ihn im invalidendom begraben. er war ein gott.

– das ist lächerlich. napoleon war ein mensch und einen menschen muss man begraben. er war ein schlächter.

– ein schlächter. wissen sie überhaupt, was die geschichte ist?

– die geschichte ist eine aneinanderreihung von metzeleien.

– sie haben vollkommen recht. die geschichte ist kriegsgeschichte.

– es an der zeit, das zu ändern.

– guter mann, es ist zeit, ja, wir wollen mal sagen, dass das lämmchen beim löwen weidet.

– amen!

– sie sagen es. sie haben eine interessante art, zu diskutieren.

– gut. ich mag zwar als träumer gelten, wenn ich hier ‚scheißdreck’ erzähle, aber ich bin nicht blind. die menschheit hat immer versucht, ihre probleme mit gewalt zu lösen. das hat ihr nichts gebracht. jetzt ist es an der zeit.

– wenn sie christentum predigen, landen sie am kreuz. wenn sie aber politisch etwas erreichen wollen, müssten sie gewalt anwendenn. sie können nur mit dem schwert macht ausüben. wenn es die not gebietet, scheuen wir auch nicht davor zurück, blut zu vergießen. große fragen werden immer durch blut und eisen entschieden.

– es gibt auch einen anderen weg. macht auf möglichst viele menschen verteilen, damit keiner zu viel in den arsch bekommt.

– demokratie? dazu ist es doch längst zu spät. die macht ist seit jahrhunderten verteilt, das kind in den brunnen gefallen. wenn sie die geschichte überblicken, alle perioden, wann, glauben sie, war sie erfolgreich? die demokratie, wissen sie, war es nie. demos heißt nicht volk, sondern pöbel.

– ich bin utopist. demokratie ist möglich, allein schon deshalb, weil sie die einzige staatsform ist, die sich kein bild vom menschen macht.

– nett auswendig gelernt. sie argumentieren schneller als ich denken kann. und ich glaube, sie reden nicht von der demokratie, sondern vom kapitalismus. schauen sie: man kann die geschichte nicht aus der sicht eines kriminalkommisars sehen, immer schuldige suchen. napoleon war ein mann, die die welt verändert hat. ihre schlächter haben uns weit gebracht. wo wären wir ohne sie?

– weiter entfernt vom abgrund.

– aber wir fallen doch längst. bald schlagen wir auf. wärend sie mit mir reden, wird wieder geschichte gemacht. es war an der zeit. ein mann kommt, nur er kann uns retten. die demokratie endet in einem blutigen chaos. je größer dieses chaos, desto sicherer ist ihr untergang und der erfolg von IHM.

– sie verstärken das chaos?

– ja. die masse braucht in ihrer schwerfälligkeit immer eine bestimmte zeit, ehe sie auch nur von einer sache kenntnis zu nehmen bereit ist. und nur einer tausendfachen wiederholung einfachster begriffe wird sie endlich ihr gedächtnis schenken. zu kommunisten spreche ich faschistisch, wenn ich nazis treffe, lobe ich marx, bei ihnen bin ich polemisch. es wirkt. schau dich doch um, sieh die verwirrung.

und ich versank. der blick des kleinen mannes war mitleidig. das hatte mir gerade noch gefehlt. – mit mir nicht, rief ich ihm zu, ich weiß, was ich weiß.

ein milchweißer splitter.

daran hatte ich zu schlucken. ich starrte meinen freund an, der mir langsam die luft abdrückte. ich wäre am liebsten vor ihm im boden versunken.

– tot? ist das dein ernst?, keuchte ich.

– bin ich ein lügner?, fragte mein kollege. – schau mich an! ich würde dich nicht anlügen. ich will dich nur warnen. glaube mir, ich will ehrlich sein. es ist gefährlich, zu viele fragen zu stellen. versuche doch weiter so zu leben, wie bisher. mach dir nicht so viele gedanken.

– alles um mich herum verändert sich und da soll ich weiter einfach so vor mich hin leben? das kann ich nicht.

– bis jetzt habe ich dich eigentlich wegen deiner sorglosigkeit bewundert, stellte er fest und ließ endlich meinen kragen los. ich stolperte einen schritt zurück, rang nach atem. er senkte den kopf.- lass gut sein, sagte er, das leben ist mehr.

er lud mich auf ein bier ein, begierig nahm ich an. aber es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen. wir redeten über alltägliches. in dieser nacht war ich bei einem mädchen, einer bekannten meines freundes, die er zufällig in der pilsbar traf. sie machte es mir ganz einfach, ihr ging es wie mir. sie war ein ordentlicher fick, aber es war heiß. ich verschwitzte mich dabei und mein körper dünstete faulig aus. selbst nach einer dusche fühlte ich mich noch schmutzig. den rest der nacht lagen wir beide schlaflos nebeneinander. die hitze ließ auch in den morgenstunden trotz weit geöffneter fenster nicht nach.

WORTgeklingel.

so kann man sich irren. keine nation wird sich die finger zweimal verbrennen. der trick des rattenfängers von hameln verfängt nur einmal.

ich atme. noch atme ich sieh mich atmen! die luft schmeckt bitter, sie ist endlich kälter geworden. ich bin müde, mein kopf wendet sich zuckend von selbst halb zur seite, auch nach oben, ich beherrsche ihn nicht mehr.

ich atme. noch atme ich. höre mich atmen! meine finger vergraben sich in meinen handflächen zur faust, reißen blutig: ahab. mit dem WORT tropft hass in mein hirn. er erscheint als schweiß auf meiner zerfurchten stirn. ich habe kein morgen mehr. das gestern ist vergessen. das ewige heute bedeutet schaumige qual, die mir den blick für das wahre verklebt.

ich atme. noch atme ich. fühle mich atmen! mein schweiß tränt auf das papier, erbricht sich als sprachlosigkeit, formt sich zu worten, die nichtig sind.

sinnloses WORTgeklingel. das schreibe ich. es wird zeit zu schweigen. ich möchte endlich schlafen lernen.

nach wochen ist es mir wieder in die hände gefallen: mein schwarzes heft. ich sollte doch noch etwas hineinschreiben, zu einem ende kommen. denn ich weiß etwas wichtiges, das ich vergessen hatte. ich bitte einen, der das liest, die folgenden zeilen nicht auszulassen. ein paar wenige wird es geben, die lesen. einer wird in diese wohnung ziehen, in ein paar monaten vielleicht, wenn der herbst kommt und alles vorbei ist. dann wird er dieses schwarze heft neben meinen kleinen cassetten auf dem wohnzimmertisch liegen sehen. vielleicht liest er alles, bevor er es aus angst vernichtet.

inzwischen ist nichts geschehen. in der wirklichkeit passiert nie etwas. die veränderungen merken wir erst, wenn es zu spät ist. ich habe die arbeit nicht wieder aufgenommen und genau so weitergelebt, wie ich es oben beschrieben habe. nun ist mein konto erschöpft. ich bin noch immer nicht hinter die geheimnisse gekommen, aber ich habe sie inzwischen durchschaut. das WORT ist laut auf den straßen zu hören, man schreit es mir hinterher. doch bedeutung des WORTES ist mir inzwischen gleichgültig geworden. mir ist das egal, ehrlich. auch mein telefon läutet nicht mehr. vielleicht ist ganz kaputt, aber das glaube ich nicht. mein verfolger hat es einfach nicht mehr nötig. inzwischen geht er wie ein freund neben mir her, erzählt mir seine geschichten und lässt mich an seinen lebensweisheiten teilnehmen. wenigstens brauche ich nun keine angst mehr vor ihm zu haben. man hat nur angst vor dingen, die man nicht kennt. ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr geschlafen habe. der schlaf ist mittlerweile in den bereich der legende gerückt. manchmal gaukelt mir mein fiebriges hirn visionen von der zukunft und träume vor. vielen geht es wie mir, ich sehe es an den schweißiggrauen gesichtern, denen ich begegne. sie leben in der nacht und verdämmern in ihren wohnungen hinter herabgelassenen jalosien den hitzewallenden tag. alle arbeit liegt darnieder, die stadt ist tagsüber wie ausgestorben. es ist sinnlos, dass die ampeln noch funktionieren. die lebensmittelläden sind ausgeplündert, die anderen werden immer frecher, es wird zeit, dass einer kommt, ihnen das maul zu stopfen.

aber ich wollte von dem wichtigen schreiben. mir ist etwas eingefallen. das ist der sinn meiner täglichen selbstbefriedigung: ich war einmal bei meinen großeltern im dorf zu besuch. ich war vielleicht zehn, oder jünger, älter bestimmt nicht. ich frage mich, warum ich mich noch so gut daran erinnern kann, ich habe wenige eindrücke von meiner kindheit behalten und habe alles, was vor meinem, sagen wir mal, vierzehnten lebensjahr lag, vergessen. ich habe mit dem kind, das ich einmal war, nichts mehr gemein. es war ein dummes, fettes und eingebildetes kind. ich habe, bevor die kopfschmerzen zu stark wurden, in einem buch gelesen, jeder würde sich nach seiner kindheit sehnen. das ist grotesk falsch. ich war froh, älter zu werden, nie mehr möchte ich ein kind sein.

warum erinnere ich mich also, wenn ich wichse und mich über kurz lebendig fühle?

ich war bei meinen großeltern im dorf. ich sah einer magd beim melken zu. ich erinnere mich genau an ihre hände, sie waren fett und knubblig. sie ähnelten den zitzen, an denen sie mit festem griff zogen. der helle milchstrahl spritzte in regelmäßigen intervallen in den blechernen eimer, manchmal, wenn ich nicht genau hinsah, hatte ich den irritierenden eindruck, die milch käme aus den fingern dieser frau. der gedanke gefiel mir, das weiß ich noch ganz genau. die magd hatte eine schürze an. sie saß breitbeinig auf dem melkschemel. ihre fleischigen knie waren sehenswert und imposant, mit ihnen konnten die knie, die ich bisher kennengelernt hatte, nicht konkurrieren. ich stand, aus einem spiel gerissen, nahe bei der kuh und starrte auf die mächtigen schenkel dieser frau. ich hätte ihre haut dort gerne betatscht, nicht aus frühreifen gefühlen, sondern weil mich ihre beschaffenheit interessierte. die schenkel schienen wie ein mit milch gefüllter beutel, dessen hülle mit einem dünnen geäst bläulicher linien verkrakelt war.

dann die folgende situation: sie nahm mich wahr. mit einer lässigen handbewegung spritzte sie scherzhaft mit einer zitze in meine richtung. sie lachte hell, als mich der warme milchschaum ins gesicht traf. ich fand nichts witzig. feuerrote scham brannte auf meinen backen. tränen der wut füllten meine augen. ungerechtigkeit. hilflos, machtlos. kind. sie bemerkte alles. dann sagte sie ernst, und diesen satz kann ich nicht vergessen, ich flüchte zurück zu ihm, wenn ich onaniere. sie sagte:

– so ist das, kleiner. beschissen nicht? sie klatschen es dir ins gesicht und du kannst nichts machen. vergiss es einfach, kleiner.

genau so sagte sie es, mit diesen worten. ich wiederhole, sie sagte es wortwörtlich. es ist seltsam, aber ich habe es wirklich nie vergessen.

ich habe eben zum fenster hinausgesehen, es ist noch immer leer dort unten. bald geht die sonne unter. dann werde ich gehen, den neuen mann hören. IHN.

nein, noch bin ich nicht fertig, noch habe ich nicht alles gesagt.ein paar sätze weiß ich noch, zum beispiel diesen: ich werde sterben.

ich muss ihn erklären. ich werde sterben, weil ich es will. allein das ist entscheidend. wenn ich nicht sterben wollte, würde ich es nicht tun. es gibt alternativen. ich kann die leichen übersehen. so einfach ist das, das habe ich erkannt. man stirbt nicht einfach so. man kann einfach so leben, das geht, das mache ich bisher ja jeden tag, aber es macht mir keinen spaß mehr. gibt es überhaupt etwas langweiligeres.

das ist die reihenfolge, die mir am anfang fehlte, nun kann ich beenden, womit ich begann. erst war langeweile, dann unwohlsein, dann angst, gewöhnung an die angst und wieder nur langeweile, ein teufelskreis. nur einen ausweg gibt es, einen letzten. er löst alle fragen und rätsel und als einziger macht er sinn. es ist der tod. ich werde sterben. was interessiert mich noch das WORT? es ist auch nur wieder etwas neues, das eigentlich etwas altes ist. es hat bereits meinen vater zerstört, und den vater vor ihm. nur klang es damals anders. sie waren selbst schuld. ich werde ihre fehler nicht wiederholen. ich habe lang gebraucht, bis ich erkannt habe, wie alt das WORT ist. es hat mich nicht wirklich überrascht. es war zwangsläufig. damit ging die angst und die langeweile kehrte wieder.

ich werde wohl aus langeweile sterben. ich werde gehen, IHN hören, aufbegehren und sterben, bevor sich das alte wiederholt. ich will das nicht erleben, das nicht. ich werde gehen, diese tür hinter mir schließen, nicht absperren, das macht keinen sinn. aber ordnung muss sein. das sagt auch ER.

der krug wurde lange genug zum brunnen geschleppt.

crisis – Eine Erzählung (Teil 2)

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der nächste tag traf mich. müde von der endlosen nacht, vom wirren lesen und schreiben, war ich wehrlos gegen seine spitze. zu beginn war er wie die anderen tage, der telefonanruf, die selbstbefriedigung, der geschmack. die milch meiner tage. nur der kopfschmerz war stärker. am abend hatte ich wieder eine verabredung mit einem mädchen, wie immer.

die straßen waren voll, es war sonntag und die leute hatten kein ziel. ich irrte zwischen ihnen, mein diktaphon griffbereit. doch niemand sprach mich an. endlich fiel mir auf, dass ich verfolgt wurde. ich war natürlich daran gewöhnt –  schließlich ist in der stadt jeder hinter jedem her. die komplizierten muster der wege kreuzen sich. es gibt öffentliche gesichter, denen ich jeden tag begegnete. doch dies war nicht mehr die laune eines zufalls. ich war mir sicher: ich spürte einen verfolger. wenn ich mich halb wendete, um einen schnellen blick nach hinten zu werfen, verbarg sich mein schatten zwar, tauchte vorsichtig in einen hauseingang, aber er war immer den kurzen moment zu langsam, zu halbherzig, als wolle er gesehen, jeder zweifel ausgeräumt werden. langsam bekam ich einen eindruck von meinem verfolger. er war groß. ich meinte, ihn lächeln zu sehen, wenn er sich verbarg. ich beschleunigte meinen schritt etwas, erreichte eine haltestelle der u-bahn, ging vorsichtig die wenigen stufen hinab und vorsichtig an den besudelten fliesen vorbei. ich erschrak wie jedesmal, als sich die rolltreppe unter meinen füßen rumpelnd in bewegung setzte. es war ein leiser moment, ein zusammenzucken des unterleibs, ein kurzes gefühl der unsicherheit. meine linke sackte voll genugtuung auf das gummiband, das mit den stufen hinabglitt. jetzt krallten böen in mein haar, blähten mein hemd, kühlten den schweiß meiner haut. gleichzeitig wurden die fahrgeräusche einer bahn laut. der bahnsteig flackerte in der neonstimmung. ich ging ein paar schritte weiter, verharrte unschlüssig, sah mich skeptisch um. wenn ich schnell war und auf der anderen seite wieder herausrannte, konnte ich den verfolger vielleicht abhängen. dennoch blieb ich stehen, denn ich fühlte mich geborgen unter den riesigen zigarettenrauchern. das geräusch eines kurzen, wohlüberlegten fußtritts hallte an mein ohr. eine leere bierflasche.  mein verfolger war nicht so leicht abzuschütteln. ich sah hinüber zum anderen bahnsteig. dort stand im schatten die hohe, zynische gestalt. sie bewegte sich nicht, wartete. ich floh, rannte atemlos hinaus aus dem haltestellenschlauch, hinein in die hitze, die wie eine wand in der straße stand, lief im dauerlauf den weg, den ich eigentlich hatte fahren wollen. ich flüchtete mich in die normalität des cafés, in dem ich mit meinem mädchen verabredet war.

immer und immer wieder trafen wir uns in einem café. unser leben spielte sich in einem café ab, nur dort waren wir eins. in diesem zumindest war die einrichtung teuer.

ich erzählte ihr hastig von meiner begegnung mit dem alten, ohne auf meine mutmaßungen wegen des WORTES oder meinen verfolger einzugehen. sie schien mir nicht dafür geeignet.

– was wollte er?

– wenn ich das wüsste! ich nehme mal an, er hatte zuviel getrunken. sein freund hermann hat probleme und die musste er einfach beim nächstbesten loswerden. mich wundert, dass er keinen betrunkenen eindruck machte.

– vielleicht hatte er einen schaden. – das mädchen tippte mit dem zeigefinger gegen die stirn. in diesem augenblick sah sie roh aus, primitiv. sie war niemand, dem ich erzählen konnte. sie war nur ein fick. das war allerdings genug, ihre dummheit zu übersehen und am ball zu bleiben.

– ich setz‘ mich mal. hallo!

der mann wirkte auf den ersten blick reich, auf den zweiten wie ein zuhälter. bevor ich abwinken konnte, nickte das mädchen. ich sah mich schnell um. nicht alle tische waren besetzt, an einigen saßen frauen, die auf einen märchenprinzen warteten. der mann ließ sich seufzend zwischen uns beiden auf der bank nieder, rückte aber, erstaunlich genug, näher an mich. das gespräch versiegte, aufmerksam musterte ich ihn. er war klein, stämmig, hatte nichts mit meinem verfolger gemein. doch ich hatte noch eine weitere idee, heimlich schaltete ich deshalb mein diktafon ein.

– leskoff. sie sind leskoff. – der mann starrte mich erstaunt an.

– ich heiße karl heller. kennen wir uns? sie müssen mich verwechseln.

– ja. ich dachte nur, sie könnten leskoff sein.

das mädchen kniff ein auge zusammen, legte den kopf schief. sie schien an meinem geisteszustand zu zweifeln.es folgte ein munteres gespräch.

(ich lege die cassette dem heft bei. sie zeigt, wie belanglos, wie naiv unsere gespräche noch waren. wir sprachen über fahrschulen. ich war eifrig dabei.)

vision. – es war mein erster blick in die zukunft und er dauerte nur ein paar sekunden, länger nicht. da bin ich mir sicher, denn in meiner tonbandaufzeichnung ist meine geistige abwesenheit nicht zu bemerken. es war kein traum. war eine vision.

durch hellers sonnenbrille fällt ein lichtstrahl. er ist von dunklen flecken gemasert und schwimmt wie eine hitzeschliere über heißem beton. ich betrachte ihn und höre sein sinken, das regen von leben weit dort unten. der milchige strahl war eben gebündelt, jetzt zerfasert er. er erhellt kaum das dunkel um mich. ich warte. etwas wird geschehen, jetzt, oder doch später, es dehnt sich.

da: die bewegung ist unterbrochen, eine tastende hand gleitet in meinen blick. das könnte meine hand sein, aber sie ist so bleich.von der decke löst sich ein tropfen, quälend langsam stürzt er herab, wie öl in wasser kämpft er sich durch das licht, sich in sich drehend, wendend. dann trifft er die hand. gleichzeitig zerplatzt sie aus sich heraus. alles wird besudelt. ich ekle mich, schließe die augen. das licht verwandelt sich in einen glassplitter, er bohrt sich in meinen kopf, spaltet mein hirn.

– also, die fahrschule ziegler ist billiger und der service ansprechend, sagte heller.

– dafür habe ich beim streng meinen führerschein in einem monat, sagte das mädchen.

– ach? sagte ich.

ich erschrak und sah mich um. dieser tag war anders. es war früh am morgen. ich spürte es, draußen war es bewölkt und kühl. ich lag in einem fremden zimmer in einem fremden bett. die einrichtung war karg, gefängnishaft, aber nicht abweisend. vielleicht war das ein zimmer in einer billigen pension. noch etwas hatte sich verändert. erst nach einer weile wusste ich, was. ich hatte keine kopfschmerzen. ich stand auf, sah zurück. das bett war leer. das passte nicht ins bild. das mädchen hätte drin liegen sollen. ich horchte, vielleicht machte sie frühstück. ich war hungrig und hatte keinen schlechten geschmack im mund. stille lag vor mir, zum greifen nah. ich blickte an mir herab. ich war nackt, meine kleidung lag auf dem boden verstreut. es war nur meine kleidung, glaube ich. ich öffnete einen schrank. muffiger, abgestandener geruch trat aus den leeren fächern. das ist wohl ein hotel, dachte ich, ich hatte recht. wenn ich mich nur erinnern könnte, wie ich hier her gekommen bin. ich zog mich eilig an, trat aus dem schlafzimmer un  erwartete, in einen hotelflur zu gelangen. stattdessen stand ich in einer küche. auch sie war leer, ausgeräumt wie eine musterwohnung, ein unbewohntes appartement. der blick aus dem fenster zeigte die fassade eines miethauses. auf der straße fuhr kein auto, es waren auch keine fußgänger zu entdecken. nervös werdend begann ich zu suchen. es gab noch ein bad und ein wohnzimmer, dazwischen einen kurzen gang. auch hier fand ich keine anzeichen von bewohnung. auf dem wohnzimmertisch lagen zwei briefe. ihre umschläge waren hastig geöffnet, aufgerissen, die absender nicht leserlich. die adresse auf beiden briefen lautete: andreas wert, haffnerweg 12.

wie kam ich in den haffnerweg? der war am anderen ende der stadt. war der eigentümer ausgezogen? hatte er die briefe zufällig vergessen? ich sah mich schuldbewusst um, blöde. natürlich las ich die briefe. der erste war maschinengeschrieben, fehlerlos und fast amtlich.

– wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen, dann hast du dich geirrt. ich kenne dich und ich weiß, du lässt keinen trick aus, mich zu betrügen. und weil ich dich kenne, würde ich auch nie auf dich hereinfallen. wenn helga dir vertraut, ist das ihre sache. aber mit mir geht das nicht. helga kannst du übrigens wieder haben, wenn du sie noch willst. sie interessiert mich nicht mehr. weißt du, sie ist so ein simples gemüt. meinst du, sie kann mich auf dauer interessieren? unsinn. ich habe gleich gemerkt, wie angelernt ihr geschwätz ist. sie war bei dir in der lehre, nicht wahr? hast sie gleich ins theater geschleppt. gleich am ersten tag war mir das klar. so dumm bin ich nicht. selten habe ich so starr auswendig gelernte meinungen gehört. du kannst dich sicher erinnern, denn es sind deine worte: es war eben wieder der versuch, romantisch, aber noch unfertig, da kann was draus werden, aber es braucht noch zeit. der ganze quatsch. sie hatte die volle palette. es war nur nicht ihre eigene. auch im bett war sie einfallslos. da musst du mir schon mehr bieten. sobald ich etwas gebracht habe, hieß es: du, ich mag das nicht. du, ich bin heute müde. du bist nicht zärtlich genug.

nimm sie wieder, ich gebe sie dir gern zurück.

ich habe dich überschätzt. aus ärger ziehst du diese nummer mit mir durch. ich kann es nicht glauben. bin ich denn ein narr?

die unterschrift war sehr schwungvoll, aber unleserlich. unter p.s. stand:

– wir sehen uns am wochenende. bring monica mit. stefan.

den zweiten brief hatte eine frau geschrieben. ihre schrift war zierlich und übertrieben rund, manchmal war die tinte von einem flüchtigen handrücken verschmiert.

– lieber andreas,

es mit hermann aus. egal, das war nichts. ich habe nur länger als du gebraucht, um es zu bemerken. deshalb schreibe dir ich nicht. ich könnte dich anrufen, aber ich sende dir lieber einen brief, der ist irgendwie anonymer und ich traue mich. weißt du, wie viele wochen es her ist? du wirst es kaum glauben: acht! ich bin gut, nicht wahr? ich glaube, wenn alle meine willensstärke hätten, gäbe es keine probleme mehr. acht wochen, das ist eine kleine ewigkeit. vollziehe das einmal nach: jeden tag in die arbeit gehen, abends ein bisschen spaß haben und in der nacht an die decke starren. irgendwann ist dann der punkt erreicht, an dem du deine augenringe nicht mehr mit makeup verdecken kannst. ich habe ihn längst überschritten. ich bin am ende. acht wochen ohne schlaf, liegen und warten. das kannst du nicht verstehen. du hast es gut, denn dich hat es noch nicht so erwischt. bei männern dauert es länger. außerdem: du hast ES ja. ich weiß deine einwände, du hast auch recht. niemand darf es erfahren und ich habe bis jetzt auch geschwiegen. glaube mir, ich habe niemandem etwas erzählt. aber, versteh mich doch, wenn ich nicht bald wieder schlafen kann, bin ich vielleicht zu nervös und verplappere mich. glaube mir, ich will es nicht und das ist auch keine erpressung, ehrlich, das ist eine bitte. ich bin verzweifelt. besorge mir ES zum schlafen. sonst weiß ich nicht, wozu ich fähig bin.

keine unterschrift, das war alles. ich lehnte mich in dem sessel zurück, in den ich mich zum lesen gesetzt hatte, überlegte.

besorge mir ES zum schlafen.

rauschgift.

erpressung.

mir fiel das WORT wieder ein. hier hatte ich nichts mehr verloren. ich warf die briefe auf den tisch. es war zeit, zu gehen. die wohnungstür war nur angelehnt. ich stieg die treppe hinab, trat ins freie. die straße war noch immer leer. niemand außer mir lief den bürgersteig hinab. es fuhren keine autos. eine ampelanlage schaltete sinnloserweise auf rot. hatten sich denn alle in luft aufgelöst? ich ging die straße hinunter. eine uhr schlug, ich zählte mit. es war neun uhr morgens. aber welcher tag war heute? ich gelangte zur hauptstraße, den hohenzollerndamm. hier erwartete mich das gleiche bild. leere, aber aufgeräumt und sauber. die autos waren ordentlich geparkt. das einzige lebewesen schien ich zu sein, nicht einmal insekten gab es. auch keinen wind, keine gerüche, kein geräusch. nur meine schritte hallten. mein atem keuchte. die stille war tief, erschreckend. ich begann zu laufen, zum markt, in die richard-wagner-straße, leer, leer, leer. – endlich, völlig außer atem, erreichte ich mein haus. ich stürzte hinein, ließ die tür hinter mir zuschnappen, schloss fürsorglich zweimal ab. lange lehnte ich gegen das holz der tür, rang um luft und starrte in den hausflur. dann stieg ich hinauf in meine wohnung. ich war müde. nur mit mühe schaffte ich es in mein bett, meine kleidung ließ ich an. ich schlief sofort ein.

und ein splitter spaltet mein hirn. ein tropfen missachtet die schwerkraft und klatscht zurück gegen die decke.

– aber der ziegler ist doch der bessere lehrer. er ist nicht arrogant. er weiß, worauf es ankommt. ich kann von seinem service nur schwärmen, sagte heller neben mir.

ich nickte, stimmte ihm begeistert zu:- da haben sie recht. ich habe schon viel gutes gehört. und er kennt alle prüfer. – die hitze überfiel mich hinterrücks. hatte ich nicht eben noch gefroren, deshalb eine decke über mich gezogen? ich spürte den schweiß, der meinen rücken nässte. heller drehte sich halb sich zu mir, etwas überrascht, wie mir schien. er hatte bislang mit dem mädchen gesprochen.

– nicht wahr? und was meinst du, claudia?

er wusste schon ihren namen. wann hatte sie ihm den verraten? oder kannte er sie schon länger? war, was ich für zufall hielt, eine absichtliche verabredung? ich beschloss, vorsichtig zu sein. – aufmerksam widmete sich heller dem mädchen. er war auf dem besten weg, sie mir auszuspannen. jetzt kümmerte es mich nicht mehr. es war mir gleichgültig. fast hätte ich ihm das gesagt.

– ich schenke sie dir, hätte ich gesagt und fühlte ein dejavu. gelangweilt sah ich mich um. neben uns saßen zwei junge männer, einer der beiden hatte eine glatze und war geschminkt. sie unterhielten sich lautstark. sie machten ein wenig den eindruck, als würden sie ein absurdes theaterstück proben. ich konnte mich zu ihnen lehnen und lauschen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. leider sind nur ein paar fetzen ihres gespräches auf meiner cassette. hellers stimme war zu laut.

– wir haben keine legenden und keine helden. das ist alles mist. was interessieren uns goethe oder dostojewskij, was stuckkard-barre oder hollebeqc, die sind längst tot. wir sind die jungen. wir sind am anfang, punkt null. wir erfinden uns die welt neu. sie ist unser. wie sie früher war, interessiert uns nicht. das haben wir vergessen, ganz und gar. wir sind der sturm, der den gestank vor sich herjagt, jubelte der geschminkte.

– red nicht so geschwollen.

– wir sind die jugend. wir machen schluss mit allem. wir stehen nicht am ende unserer tage, sondern erst am anfang. und ein neues leben verlangt auch eine neue sprache.

– das ist aber eine alte.

 -du verstehst nicht. in mir ist nichts altes. wir haben keine vorbilder in der sprache, ich spreche so, wie ich als neuer mensch sprechen muss. klar? so soll die jugend sein, stark und schön, es darf nichts schwaches und zärtliches an ihr sein, das freie, herrliche raubtier muss wieder aus ihren augen blitzen. so können wir das neue schaffen. das sage wir alle tage. für uns ist alles religion. was wir tun, das leisten wir nicht nur mit unseren händen und hirnen, sondern mit unseren herzen und unserer seele.

– willst du eine ehrliche antwort?

– ja, natürlich. bist du politiker?

– gut. ich kapier‘ nichts. und ich will das auch nicht verstehen. mir graut vor deinen worten.

– du bist der depp. ich glaube manchmal, dein blut ist nicht gesund. sprache ist auch, vor allem, klang, ein sauberes empfinden, der ausdruck der seele eines volkes, wie musik, weißt du. sie berührt dich. kennst du denn ordinäre musik?

– ja.

– lenk jetzt nicht ab! ich lasse mir von dir nicht meine beweisführung kaputtmachen. ich bin die zukunft. ein wille muss uns beherrschen, eine einheit müssen wir bilden, eine disziplin muss uns zusammenschließen; ein gehorsam, eine unterordnung muss uns alle erfüllen.

– wir gehen. du wirst uns ja wohl nicht vermissen.

das kam von meinem tisch. heller und das mädchen standen bereits. sie hatten sich an den händen gefasst, heller grinste anzüglich.

– ich habe für sie bezahlt, sagte er.

– für das mädchen?, fragte ich erstaunt.

– für das bier, erwiderte er und wusste nicht, ob er wütend werden sollte.

– ich wünsch euch einen schönen abend. – ich winkte abgelenkt und drehte mich wieder zu den beiden männern. aber ihr gespräch hatte inzwischen ein völlig anderes thema. plötzlich unterhielten sich die beiden über eine frau und darüber, ob sie einen bh trug. hier gab es nichts mehr für mich zu hören. ich stellte mein diktafon aus.

ich hielt die tür des cafés scharf im auge, nahm die bewegungen im gastraum kaum mehr wahr. deshalb war ich erstaunt, als sich jemand zu mir an den tisch setzte, genau auf den platz, den eben heller besetzt gehalten hatte, direkt neben mir, eng an mich gedrückt. der mann war nicht groß und er betrachtete mich aufmerksam und freundlich. nichts an ihm war zynisch, sein lächeln durchaus interessiert, sein neugieriger blick allerdings nicht zurückhaltend. er nickte mir zu, suchte einen unverfänglichen gesprächsbeginn.

– bist du oft hier?, fragte er, sich noch näher zu mir lehnend.

– oft. manchmal regelmäßig, antwortete ich zögernd, aber ich habe mir die regel nicht zur regel gemacht.

er senkte den blick: – macht es dir spaß? ich meine, leute zu beobachten.

– ja, sicher, erwiderte ich und sah zu den beiden männern am nebentisch, dadurch ist vieles einfacher.

ich machte eine bedeutungsschwangere pause.

– warum rufst du mich immer an?, fragte ich. ich wollte ihn überraschen, für einen kurzen moment schien ihn die frage auch zu verblüffen. hatte ich wirklich ins schwarze getroffen?

– weißt du das denn nicht? -er spitzte vorwurfsvoll die lippen. – ich hatte geglaubt, du würdest es wissen. ich hätte mich doch nicht zu dir gesetzt, wenn… seltsam, so ein fehler ist mir noch nie unterlaufen. du bist so anders. egal, jetzt sitze ich hier. was willst du wissen?

– sie haben meine frage noch nicht beantwortet, beharrte ich.

nicht? ich dachte, doch. du solltest besser zuhören. ach, ich weiß auch nicht. lass dir mal eine geschichte erzählen, wenn ich mehr zeit habe. erinnere mich daran. das wirst du tun, ja? – ich wusste keine entgegnung, blieb stumm. – sei vorsichtig!, flüsterte er mir zu, stand auf, sah noch einmal aufmerksam zu mir herab. er war doch großgewachsen. dann nahm er sein pils und ging, als wäre es das selbstverständlichste auf der welt, mit seinem glas in die toilette.

als sich mein erstaunen gelegt hatte, ging ich dem mann nach. eine tür führte vom klo über eine schmale treppe ins freie, in einen schmutzigen hinterhof. den anrufer, wenn er es tatsächlich gewesen war, vermochte ich nicht mehr zu finden. der himmel war wolkenlos. die hitze stand hier wie eine wand. was sollte ich tun, wohin gehen? wo sollte ich mir später die schlaflose nacht vertreiben? mir war, als müsse ich mich an etwas erinnern, aber es war so fern und verschwommen wie ein traum.- mein blick fiel auf ein garagentor vor mir. dort las ich das WORT, es war mit roter farbe auf die mauer gesprüht, in großen, deutlichen lettern. das WORT klang banal und obszön zugleich. das WORT gab es. hier stand es.

[Zum Schluss —>]

 

Sonntag, 26.01.20 – Ein rotes Haus für alle …

Sonntag, 26.01.20


Ich war fleißig und habe die kleinen Fehler ausgemerzt. Die ersten fertig korrigierten Exemplare meines neuen Buchs „Das rote Haus“ sind heute in einem schweren DHL-Paket bei mir angekommen. Damit ist die, wie ich finde, sehr gelungene Kurzgeschichtensammlung offiziell veröffentlicht und ab heute überall im Buchhandel als Softcover oder als E-Book zum Download erhältlich. Wenn ihr ein persönliches Buch mit Widmung und einer Kunstpostkarte des Titelbilds wollt, dann schreibt mir doch bitte einfach.

Ich freue mich wie ein (vegetarisches) Schnitzel über mein neues Buch. Leider bin ich seit Freitag ein wenig erkältet und huste und schnupfe so vor mich hin. Für heute Abend haben Frau Klammerle ich zwei Karten für ein Mozartkonzert im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg, hoffentlich wirkt der Hustensaft.

*

Übrigens kann man im roten Haus auch die hier auf dem Blog erfolgreichste Geschichte lesen. (1) Es ist eine Ende der 90er geschriebene und leicht aktualisierte, etwas halbgare Satire über Migration und Asyl und wir hier in Deutschland damit umgehen. Warum die Besucher meiner Texte ausgerechnet ihr vor allen anderen Geschichten den Vorzug geben, mag am Titel liegen. Ach, komm, ich veröffentliche sie heute noch einmal als kleine Leseprobe aus meinem neuen Buch „Das rote Haus“. Viel Spaß beim Lesen.

Der Fremde

Tausend Autoren hatten darüber geschrieben, tau­send Filme hatten das Ereignis vorweggenommen. Endlich war es doch geschehen und kein Zweifler konnte die unleugbare Tatsache von sich weisen: Ein Raumschiff tauchte im Orbit unseres Planeten auf. Wobei das Verb auftauchen in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, denn keine Sternwarte hatte das Objekt aus den Tiefen des Alls kommen sehen. Ohne Vorwarnung war es von einer Se­kunde zur anderen erschienen und wurde für einen harmlosen Fernsehsatelliten, der zufällig den Weg des gi­gantischen Schiffes kreuzte, zur Moira: Er explodierte lautlos, verstreute seine metallenen Leichenteile im All und sorgte damit für die Verzweiflungsausbrüche unge­zählter Fernsehzuschauer, die ihre Empfangsschüsseln auf ihn ausgerichtet hatten. Das fremde Raumschiff be­gann davon unbeeindruckt seine Kreise um die Erde zu drehen.

Nun wurde man schnell aufmerksam auf den überra­schenden Besucher in der Umlaufbahn, der seine Gegen­wart ob seiner Größe und Lumineszenz auch nicht ver­heimlichen konnte. In den Nächten der Nordhalbkugel stand das Raumschiff als eine Art kleinerer und dunklerer Bruder des Mondes am Firmament. Bereits mit einem guten Feldstecher war zu erkennen, dass es kein Komet oder sonst irgend ein natürliches Objekt war, das die Schwerkraft der Erde eingefangen hatte, sondern es ein großes, künstliches, einem liegenden Halbmond gleichen­des Schiff, das den Nachthimmel zierte und für scharfe Augen auch am Tage sichtbar war. Es hing geostationär über Mitteleuropa.
Selbstverständlich erregte jenes UFO mehr Aufsehen als ein jedes andere Ereignis in der Geschichte der Mensch­heit. Die Fernsehsender strahlten rund um die Uhr Son­dersendungen aus, das Internet brach unter der Last der Anfragen zusammen. Jede erreichbare, vergrößernde Linse diente den Menschen, hinauf in den Himmel zu dem Objekt ihrer Begierden zu starren und die optische Industrie boomte wie nie zuvor. In vielen Staaten wurde mobil gemacht, die UNO und die NATO tagten pausen­los. Sogar einige Kriege fanden zu einem kurzen, unfrei­willigen Waffenstillstand, weil viele der Soldaten lieber in den Himmel starrten, als auf andere Menschen zu schießen.

Die Meinungen waren schroff in zwei Lager geteilt: Für die einen waren die Besucher aus dem All eine existenti­elle Bedrohung. Die anderen und sie hatten die Mehr­heit, sahen in dem Raumschiff, das uns ganz offen­sichtlich zielgerichtet aus den Tiefen des unendlichen Alls aufgesucht hatte, ein Zeichen der Hoffnung. An Bord mussten weit überlegene, unfassbar intelligente Wesen sein, die gekommen waren, die Menschheit in eine strah­lende interstellare Zukunft zu führen. Sicherlich würden sie uns zuallererst von quälenden Problemen wie Krank­heit, Umweltverseuchung, Überbevölkerung und Krieg befreien. In jenen Tagen, in denen das UFO um die Erde kreiste und auf keinerlei Anruf auf elektronische, digitale, akustische, optische oder sonstige Art reagierte (und was wurde nicht alles von staatlicher oder privater Seite unter­nommen, um Kontakt aufzunehmen), hatten die Kirchen unglaublichen Zulauf, denn nicht wenige mutmaßten, der Stern, der Christi Geburt erleuchtet hatte, sei zurück­gekehrt. Das öffentliche Leben kam für eine Weile fast völlig zum Erliegen und nur wenige gingen in jenen Tagen noch zur Arbeit. Eine angespannte, lauschende Ruhe zog sich über den Erdball; man wartete und es glich dem Warten auf Harmageddon.

Wie bei jedem vermeintlichen Weltuntergang schossen Sekten wie Pilze aus dem Boden, all jene Ufologen, Sterngeborenen oder New-Age-Spintisierer, die es schon immer gewusst hatten, triumphierten: Eilig versammelten sie sich an mystischen Stätten wie Stonehenge oder den Pyramiden von Gizeh, vereinigten sich zu mentalen Krei­sen und suchten auf telepathischem Wege Kontakt. Freu­dig warteten sie auf ihre Verschmelzung mit den Brüdern aus der Unendlichkeit, deren Emanationen sie bereits zu spürten vermeinten. Das Zeitalter des Wassermanns war mit einem wahrhaft strahlenden Zeichen am Himmel her­aufgezogen.

Doch das Warten wurde lang. Eine Woche verging, dann noch eine, nichts geschah. Langsam kam das Leben wieder in Gang, achselzuckend nahmen die Soldaten ihre Kriege auf und eine Ölpest im Golf übernahm den ersten Platz in den Nachrichten. In den USA wurden Überle­gungen angestellt, ob man nicht vielleicht ein Spaceshuttle hinauf zu dem fremden Raumschiff schicken und bei den Besuchern an die Tür klopfen sollte.

Dann, am 26. August, um genau 14.37 Uhr MEZ, wurde in Süddeutschland, genauer gesagt, im Raum Augsburg, auf den UKW-Frequenzen 93,4 und 101,5 die Botschaft der Außerirdischen empfangen. Sie wurde den ganzen Tag über alle acht Minuten wiederholt. Da auf der ersten Frequenz das Programm eines Privatsenders gestört wur­de, hatte die Sendung einiges Publikum, wurde aber an­fangs von den meisten Zuhörern als eine Hörspielein­blendung à la Invasion vom Mars oder für die Werbung eines Autohauses genommen. Die Botschaft wurde von einer metallischen, fremdländisch klingenden, dabei aber kaum akzentuierten Stimme gesprochen. Sie lautete:

… ICH GRÜßE DIE IRDISCHE MENSCHHEIT …
… MEIN NAME IST ASNAM … ICH BIN DER KA­PITÄN DES SIRIANISCHEN RAUMSCHIFFES PFFTAH, DAS SEIT GERAUMER ZEIT IHREN PLANETEN UMKREIST. ICH WERDE MICH AM 30. AUGUST UM 12.00 UHR ORTSZEIT IN DER HAUPTSTADT DES REGIERUNGSBEZIRKES SCHWABEN/AUGSBURG AUF DEM KLEINEN EXERZIERPLATZ MATERIALISIEREN UND MÖCHTE EBENDA KONTAKT ZU DEN VERTRE­TERN IHRES STAATES BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND KNÜPFEN …

Als langsam publik wurde, dass kein Scherz vorlag und diese Botschaft tatsächlich von dem Raumschiff ausge­strahlt wurde, brach über der kleinbürgerlichen Stille der Stadt die Hölle herein. Menschenmassen aus allen Teilen der Welt pilgerten nach Augsburg, das dem Ansturm nicht gewachsen war und in der Not alle Verkehrswege in die Stadt von der Polizei abriegeln ließ. Der Platz, auf dem der Außerirdische sein Erscheinen angekündigt hat­te, wurde sofort von einem Volksfest geräumt und das Viertel drumherum, das aufgrund der unzähligen Som­merbaustellen in Augsburg eh fast vollständig vom Rest der Stadt abgetrennt war, für jeden Verkehr gesperrt.

Schon am nächsten Tag fand sich das gesamte Kabinett mit Bundeskanzlerin und Präsident ein, für den 30. Au­gust selbst hatten sich der UNO-Generalsekretär und die bedeutendsten Staatsoberhäupter der Welt angekündigt. Viel Rätselraten machte die Frage, warum der Außer­irdische ausgerechnet einen Platz in jener provinziellen Ortschaft für seine Materialisation auf der Erde ausge­sucht hatte und er nicht im Central- oder Hydepark, dem Roten oder dem Platz des Himmlischen Friedens erschei­nen würde. Erneut wurden Anstrengungen unter­nommen, mit dem Raumschiff im Orbit in Kontakt zu treten, doch alle Bemühungen waren genauso vergebens wie die gerichtliche Klage des Privatsenders, dessen Pro­gramm durch die Botschaft Asnams gestört worden war. So blieb man auf Spekulationen angewiesen und selbst die Redakteure des SPIEGELs, die doch sonst immer alles wussten, mussten sich dem Mysterium der Platzwahl des Außerirdischen geschlagen geben. Nur die Augs­burger selbst, allen voran ihre Bürgervertretung, die schon immer um die Bedeutung ihrer Stadt für die Welt gewusst hatten und nicht ohne Grund einen Fugger und einen Brecht zu ihren berühmten Söhnen zählten, fühlten sich bestätigt und nahmen ihre gestiegenen Einnahmen durch den überhand nehmenden Fremdenverkehr für ein berechtigtes Geschenk des Himmels, das es indirekt ja auch war. Als schließlich sogar der Papst seinen Besuch ankündigte und Augsburg mit seiner Gegenwart heiligen wollte, wurde der Kleine Exerzierplatz in Platz der Er­scheinung umgetauft.

Dann begann das nägelkauende und ungeduldige Zäh­len der Tage, schließlich der Stunden. Am Morgen des 30. August war Augsburg noch vor Kairo, Mexico City oder Hongkong die volkreichste Stadt des Erdkreises, un­gezähltes Volk drängte auf den Straßen und selbst die Dörfer im Weichbild glichen einem Hexenkessel. Ob­gleich fast jeder Polizist der Republik in Augsburg Dienst tat, gab es Fälle von Massenpanik und nicht wenige Men­schen wurden von der erregten Menge totgetrampelt oder erstickten in ihrer Umarmung. Die Augsburger selbst wagten sich selbstverständlich nicht mehr aus ihren gut verbarrikadierten Wohnungen. Sie verglichen unter­einander die Ereignisse mit der legendären Bombennacht vom 25. Februar des Jahres 1944 und verfolgten die Ge­schehnisse im übrigen fast ausnahmslos an ihren Fern­sehern. Ihnen war auch an normalen Tagen schon zu viel fremdes Volk auf den Straßen.

Die weitere Umgegend des Platzes der Erscheinung glich dem Fegefeuer, in dem es trotz der ungezählten ge­quälten Seelen nicht so drangvoll eng sein konnte wie in den Einfallstraßen, die zum Platz führten. Die Busse der Weltvertreter benötigten für die Strecke zwischen ihrem Übernachtungsort, dem eilig dafür eingerichteten Arbeits­amt der Stadt, und dem Platz, der nur etwa zweihundert Meter entfernt war, drei Stunden.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens achtzehn Men­schen überfahren, die jedoch mit dem Segen des Papstes ihre Reise ins Jenseits antreten durften. Endlich aber stan­den all die Staatsoberhäupter auf dem geräumten Platz, der durch eine fünffache Polizeikordon und mehrere Rei­hen mit Stacheldraht und Panzerketten geschützt wurde. Militär mit schwerer Bewaffnung sicherte die vier Ecken des Platzes.

In vorderster Reihe standen von ihren Leibwächtern umgeben und in gebührendem Abstand zueinander die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands, die Kanzlerin, der Papst, noch vor diesem die hochauf­ragende Gestalt des Bayerischen Ministerpräsidenten und vor allen der Augsburger Oberbürgermeister, der als Be­grüßungsgeschenk für den Abkömmling der Sterne ein Blech Zwetschgendatschi in den Händen hielt. Aus den Stunden bis Mittag waren inzwischen Minuten geworden, jedermann starrte gebannt auf die Uhren, deren Zeiger ihrem Zenit entgegentickten.

Schließlich verrannen die letzten Sekunden, dann läute­ten alle Glocken der Stadt und das unerträgliche Donner­grollen von millionenfachem Gemurmel verstummte für einige Momente. Die ganze Welt, die das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit über Live-Schaltungen am Fernseher verfolgen konnte, hielt den Atem an. In diesen Sekunden wurden keine Verbrechen begangen, niemand liebte sich, niemand starb und niemand wurde geboren. Ein Kind schrie, bald ein zweites.

Aus dem Nichts begann in der Mitte des Platzes die Luft wie unter großer Hitze zu erzittern, in wirbelnde, torna­doartige Bewegung zu geraten. Eine wimmernde, kreis­chende Lichtkugel erschien, sich immer schneller um sich selbst drehend, pulsierte sie in rasenden Amplituden zwischen dunklem Karmin und blendender Grelle, bis sie zerplatzte und, dem Wunder von Fatima gleichend, Lichtfontänen über den Himmel der Stadt ergoss. Ein plötzlicher, heftiger Windstoß heulte über den Platz und der Landwirtschaftsminister musste sein Toupet festhal­ten, weil er Gefahr lief, es in der heftigen Böe zu verlie­ren. Aus ungezählten Kehlen drang ein angestautes Stöh­nen, das gleich dem Grollen einer Flutwelle anschwoll und einige Trommelfelle platzen ließ. Dann hallte ein scharfer Knall wie ein Schuss über den Platz; mehrere Dutzend Leibwächter sprangen schützend vor die Körper ihrer prominenten Schützlinge. Doch kein Terrorist hatte die Gunst der Stunde genutzt, der Knall hatte nur das Ende der übernatürlichen Lichterscheinungen bedeutet.

Dort, wo sie vor einem Wimperzucken noch gewirbelt hatten, stand nun eine unbekleidete Gestalt. Dieser Wechsel war blitzschnell geschehen. Keines der Milliar­den Augenpaare, die live oder übers Fernsehen die Ereig­nisse auf dem Augsburger Platz der Erscheinung begaff­ten, hatte ihn bemerkt. Schließlich schrien die Menschen. Der Papst stieg von der Tribüne, machte einen unsi­cheren Schritt, dann sank er erschüttert in die Knie. Der Bürgermeister kam um einen Schritt weiter, dann folgte er dem Beispiel des Pontifex, das Backblech mit dem Ku­chen wie eine Götzengabe hoch über sein Haupt haltend.

Nur die Kanzlerin, die nicht einmal der Jüngste Tag be­eindruckt hätte, trat zu dem außerirdischen Wesen heran und öffnete, der historischen Bedeutung ihrer Geste be­wusst, die Arme. Dieses Leben, das grob gerechnet einen Weg von dreiundachzig Billionen und dreihundert­neunundvierzig Milliarden (83.349.000.000.000) Kilo­metern gegangen war, um zur der irdischen Menschheit zu gelangen, zu beschreiben, ist selbst der talentiertesten Feder nicht möglich, es müssten dazu neue Wörter, Far­ben und Eigenschaften erfunden werden. Selbst ein Photo kann nicht wiedergeben, welch göttliche und fremdartige Erscheinung den Schmutz der Erde mit ihrer Gegenwart adelte.

Das Wesen trat zur Kanzlerin entgegen und umarmte sie. Die Vertreterin der Menschheit, trotz ihrer staats­männischen Erscheinung nur ein kleines, hässliches Et­was in den Armen dieses Halbgottes, einer Seuche im Pa­radies vergleichbar, sagte etwas; es wird wohl immer sein Geheimnis bleiben, zu welch bedeutenden Worten sie sich emporschwang, um dem Augenblick gerecht zu wer­den, denn es war in dem tobenden Lärm der Menge nicht zu verstehen. Dann hob der Außerirdische seine drei goldenen Augenpaare und seine Stimme klang in den Ohren eines jeden Menschen und jeder verstand sie:

»Ich, Asnam, Chrool von Bruum, Kapitän des siriani­schen Raumschiffes Pfftah, habe diesen Staat Ihres Plane­ten für meine Erscheinung gewählt, weil sich ihn so viele der Ihren als ihre letzte Zuflucht vor den Übergriffen ih­rer geisteskranken Herrscher aussuchen. Hiermit bitte ich vor den Vertretern ihres Staates um politisches Asyl.«

Nachtrag: (Aus der Augsburger Allgemeinen vom 3. März, Vermischtes aus aller Welt)
– Der Umweltminister hat anlässlich seiner Presse­konferenz vom Montag mit Entschiedenheit dementiert, jemals Zuwendungen aus der Automobilindustrie erhal­ten zu haben.
– Der Antrag des Außerirdischen Asnam C. aus Bruum auf Asyl wurde gestern in letzter Instanz als unbegründet abgewiesen, da es in seiner Heimat unter Maßgabe aller Informationen keine politische Verfolgung gibt. Der Wirtschaftsflüchtling aus dem All wurde abgeschoben. Der Friedberger Ableger der Pegida (FRIGIDA) begrüßte diese Entscheidung mit einer spontanen Demonstration aller vier Mitglieder in der Augsburger Innenstadt.
– Die Augsburger Panter haben gegen die Eisbären Ber­lin nach Penalty-Schießen 6:5 gewonnen.

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(1) „Der Fremde“ wird knapp gefolgt von „Ein Unfall auf Madeira“, einem kleinen Artikel über meine Levadawanderung Ostern 2017, bei der ich zu neugierig war und in einen der Wasserkanäle stürzte. Dass er so häufig – vor allem von Portugal aus – besucht wird, liegt wohl an dem schweren Busunglück im letzten Jahr. Vielleicht sollte ich den Titel des Beitrags ändern …

Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

*

Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

*

Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Das rote Haus – Die Illustrationen

Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

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