22.04.21 – Ich werde wieder ich

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Mittwoch, 22.04.21

Liebe Leserin,

ich will zuerst einmal ein Loblied auf das Fasten singen. Dessen Vorteile sind nicht nur, dass die zehn Kilo, die ich mir im Lockdown während der letzten 12 Monate zulegte, langsam wieder verschwinden (leider sehr langsam), sondern in erster Linie ist es auch ein geistiger, mentaler. Wenn man auf feste Speise, Alkohol und Kaffee und andere ungesunde Dinge verzichtet, sind die ersten drei Tage durchaus die Hölle. Aber dann ist plötzlich der Hunger weg, die Kopfschmerzen wegen des Koffeinentzugs schwinden und der Geist wird klarer, leistungsfähiger. Er erweitert sich. Das Fasten ist wie ein Durchlüften des Gehirns. Plötzlich öffenen sich in den Windungen der Neuronen wieder Türen, die vorher verschlossen waren. Es ist ganz erstaunlich. Kein Wunder, dass das das Fasten seit Jahrtausenden in allen Religionen und vielen Philosophien eine bedeutende Rolle spielt. Heute ist mein zehnter Fastentag. Ich fast habe gemeinsam mit den gläubigen Muslimen begonnen (ein reiner Zufall) und plane, bis zum Zuckerfest (das fällt in diesem Jahr auf Christi Himmelfahrt) weiterzumachen. Ich bin voller Tatendrang und das erste Ergebnis meines wiederaufgefrischten ICHs ist die nagelneue Erzählung „Mein Frühjahr in Stillblüten“, von der du den ersten Abschnitt gestern hier auf meinem Blog lesen konntest.

BannerStillblüten

Diese Geschichte wird in etwa 20 E-Mails erzählt, hat also beinahe den Umfang eines Romans, wenn sie fertig ist. Sie beginnt in der Woche nach Ostern 2021. Du begleitest darin ein paar Monate lange einen Autor, den sein Verleger in eine Schreibklause in ein Chalet oberhalb des Schweizer Bergdorfs Stillblüten geschickt hat. Dort soll er seine Schreibkrise überwinden, die ein Trauerfall in der engen Familie ausgelöst hat. In den E-Mails, die der Autor von dort verschickt, berichtet er von seinen Versuchen, wieder auf die Beine zu kommen und seinen angefangenen Roman zu beenden. Doch die scheinbare Idylle in dem abgeschiedenen Hochtal ist trügerisch. Die Menschen in Stillblüten haben ein Geheimnis und auch der Schriftsteller verbirgt etwas … Er ist ein unzuverlässiger Berichterstatter, dem man nicht trauen darf.

Ich plane, die E-Mails, auf denen die Erzählung aufbaut und in denen langsam die Geheimnisse enthüllt werden, regelmäßig auf meinem Blog zu veröffentlichen. Morgen folgt bereits die 2. Fortsetzung. Ursprünglich war angedacht, sie interessierten Lesern direkt und tatsächlich über die elektronische Post zukommen zu lassen. Das ist ein hübscher und wie ich denke, auch origineller Gedanke. Aber nicht zuletzt mangels Interesse nicht durchführbar. Ich kann ja froh sein, wenn sich überhaupt drei oder vier Leserinnen auf meinen Blog verirren. Falls du aber doch Interesse hast, sende ich dir die E-Mails gerne regelmäßig zu.

moi-verletzt

Ich bin also wieder aus meinem Schlaf erwacht. Verletzt, aber ungebrochen … Du hast es sicher bemerkt: Nun habe ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr bei dir gemeldet. Und ich war nicht ohne Grund oder aus Faulheit verstummt.

Die letzten Monate waren für mich wie ein schier endloser Sturz in einem düsteren Schacht Richtung Erdmittelpunkt. Ich war antriebslos, frustriert, ausgelaugt. Ich trank und aß viel zu viel, konnte mich kaum zum Arbeiten oder Schreiben aufraffen, habe praktisch nichts gelesen. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich durch Corona verdummt bin. Meine sozialen Kontakte, die schon immer recht eingeschränkt waren, tendierten gegen Null. Ich war also (mal wieder) in einer veritablen Krise. Ich existierte, aber ich lebte nicht. Ende März/Anfang April schlug ich dann am Boden meines Schachts auf und blieb zerschlagen und zerstört liegen. Das grausame Wetter, das mich in mein Heim fesselte, tat den Rest. Manchmal ist mir, als würde ich mein Leben in Spiralen leben, die sich um die Dinge ziehen. Ich komme regelmäßig wieder an den gleichen Punkt, aber immerhin gelingt es mir mit jeder Drehung, mich ein wenig höher hinaufzuschwingen. Ein Psychologe würde allerdings etwas von boarderline murmeln …

Was ist für eine Zeit, in der wir uns da befinden und an der wir leiden! Ich muss Frau Klammerle danken, die mich trotz meiner üblen Launen und meiner Niedergeschlagenheit tapfer ertrug und immer stützte. Ihr allein ist es zu verdanken, dass ich mich in meiner Verzweiflung nicht aus dem Kellerfenster stürzte. Doch ich war nahe dran und deshalb musste eine Änderung her. Es benötigte einige Anläufe, aber dann sprang mein Motor wieder an. Auch wenn er noch immer rumpelt und ab und an aussetzt. Ich faste, ich lese und ich schreibe.

Mein Blog, der in diesen Tagen 8 Jahre alt wird – ich habe ihn am 1. Mai 2013 gestartet – , soll wieder lebendiger werden. Ich habe schon einige Ideen. Ich hoffe, du bleibst neugierig und bist in »Stillblüten« dabei. Ich würde mich sehr freuen.

Bis bald, dein Nikolaus

 
 

16.02.21 – Der Güter gefährlichstes

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Faschingsdienstag, 16.02.21

Liebe Leserin,

was ist denn nun der Güter gefährlichstes?, wirst du jetzt fragen. Laut Hölderlin ist »der Güter gefährlichstes die Sprache, die dem Menschen gegeben wurde«, damit er mit der Sprache schafft, zerstört und untergeht, und wiederkehrt zur Ewiglebenden, zur Meisterin und Mutter, der allerhaltenden Liebe. Ja, das ist schwülstig formuliert, aber trotzdem nicht falsch. Sprache ist gefährlich, manchmal sogar tödlich – für jene, die reden und auch für jene, die zuhören.

Ich bin inzwischen ein Hansdampf-in-allen-Gassen geworden und treibe mich in einer Vielzahl von sozialen Medien herum (1), um für meine Literatur (und auch für mich) zu werben. Der Erfolg, das weißt du ja auch, ist sehr übersichtlich. Aber es kann doch sein, dass einige hundert fremde Personen lesen, was ich so von mir gebe. Das ist für meine literarischen Texte, hinter denen ich mich gut verstecken kann, eigentlich kein großes Problem. Zwar beurteilen mich manche allein über meine Geschichten und kommen dann zu einem für meine Psyche recht zweifelhaften Ergebnis, aber da sie mich nicht persönlich kennen, kann ich gut damit leben. Doch heute scheint es gerade für den Autor ganz wichtig zu sein, aus seinem Kämmerchen ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und sich mitsamt seinem Werk zu verkaufen. Der anonyme Schöpfer im Hintergrund darf nicht mehr schaffen. Das Publikum fordert seine Präsenz. Das ist ein ganz neues Konzept unserer Zeit.

Dadurch stehe ich vor zwei Herausforderungen: Um Erfolg beim Publikum zu haben, muss ich symphatischer, menschenfreundlicher und kommunikativer erscheinen, als ich tatsächlich bin. Dazu kommt, dass ich mir immer wieder überlegen muss, was ich von mir und damit auch von meinem Umfeld preisgebe und was ich verschweige. Grundsätzlich mache ich einen Unterschied zwischen »persönlich« und »privat«. Ich will es mal an einem Beispiel erklären:

In der letzten Zeit habe ich das Gefühl, dass die Wände meiner Wohnung immer näher auf mich zurücken. Auch der tägliche »Hofgang« ist nicht mehr besonders erquicklich und inzwischen bin ich mit jedem Hundehaufen im Weichbild meines Dorfes per Du. Kürzlich zeigte mir mein grausamer Cloud-Fotospeicher, was für tolle Urlaubstage ich in den Jahren vor den Coronalockdowns erlebt hatte und bekam eine mittlere Lebenskrise (2), bei dem Gedanken, nie wieder in Südtirol Urlaub machen zu können. Das sind zwar Erstweltprobleme, aber deshalb für mich nicht weniger bedeutend. Dann waren am Sonntag Frau Klammerle und ich bei eiskaltem, aber traumhaftem Winterwetter im Unterallgäu unterwegs und wanderten, bis sich Eiszapfen an den Nasenspitzen bildeten. Es war ein perfekter Tag und ich bin wieder aus meiner Depression heraus. Jetzt mag endlich der Frühling kommen!

Frau Klammerle hat sich extra für die Wanderung eine Mütze gestrickt. Sie hat im Lockdown das Stricken wiederentdeckt und inzwischen jeden in meiner Familie mit bunten Socken versorgt.

Das war jetzt ein Beispiel für »persönliche« Nachrichten, die ich gerne teile. Privates jedoch wird immer außen vor bleiben;  wie Frau Klammerles Vorname oder ihr Gesicht, aber auch viel Schwerwiegenderes wie Schicksalsschläge, Krankheiten oder auch mein Brotberuf. Dies geht Fremde nichts an und es steht ihnen auch nicht zu, mich danach zu fragen. Viele sind da mitteilungsfreudiger, aber ich finde, dass es weiterhin Dinge gibt, die ich nicht mit aller Welt und jedem, sondern nur mit meinen Freunden teilen möchte. Solche Dinge auf Instagram oder einem anderen oberflächlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu teilen,  ist falsch und kann gefährlich werden. Der Güter gefährlichstes, das ist die Sprache.

Dein Nikolaus

PS. In der letzten habe ich zu meiner Überraschung im Kalender entdeckt, dass gerade Fasching ist. Das betrifft mich kaum. Der Augs- hat mit dem Hamburger gemeinsam, dass er lieber ein Glas Essiggurkenwasser trinkt, als in Karnevalslaune zu kommen. Ich bin eher auf gutbayerisch »narrisch« als närrisch. Allerdings gibt es ein Ding, auf die ich in den tollen Tagen nicht verzichten kann. Das ist durchaus nicht die Pappnase, sondern Schmalzgebackenes aus Frau Klammerles Produktion. Hurra!  Alle Jahre wieder: Es ist Fasenacht, wenn Frau Klammerle Küchle backt! Und man beachte meine wunderschöne Tasse aus dem Brautschau-Fanshop!

PPS. Ein Rat noch: Bestelle nie zum Valentinstag online einen Blumenstrauß, wenn die Außentemperatur – 16 ° C beträgt. Es sei denn, der Mensch, den du liebst, steht auf schockgefrorene Rosen (Frau Klammerle tut es nicht).


(1) Ist es dir aufgefallen? Ich habe heute nikolaus-klammer.blog ein neuen neuen Look verpasst. Ganz fertig bin ich noch nicht, aber die Site ist nun schlichter und einprägsamer und ich hoffe, sie gefällt dir wie mir.

(2) Dieser Moment fiel auch mit meinem ziemlich einsamen Geburtstag zusammen, den ich in der letzten Woche … naja, feierte. Deshalb war auch mein Tagebucheintrag der letzten Woche so negativ und deprimiert.

26.01. Die Nebenwirkungen des Heimbüros …

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Dienstag, 26.01.21

Liebe Leserin,

Homeoffice (1) ist ja in aller Munde. Auch wenn Frau Klammerle als examinierte Intensiv-Krankenschwester über diese Diskussion nur bitter lächeln kann, wenn sie mal wieder in Schneetreiben und Finsternis zu Frühschicht oder Nachtwache antritt. Aber sie ist ganz im Gegensatz zu mir gesellschaftlich relevant, wurde schon zweimal geimpft und ist aus dem Gröbsten raus. Meine Autorenarbeit jedoch fand schon immer zu 99 % zu Hause statt. Deshalb war der Corona-Lockdown oder, exakter, -Shutdown (wo kommen eigentlich diese Wörter her?) für mich keine große Umgewöhnung. Er entspricht eigentlich meiner natürlichen Lebensweise. Im Gegenteil, mein Schreibtag ist nun sogar wesentlich strukturierter und ertragreicher. Ich setze für gewöhnlich Abends oder Morgens Texte in meinen Notizbüchern auf, tippe sie anschließend mit meinem neuen Schreibprogramm (2) ab, überarbeite sie, verbessere Fehler und recherchiere im Internet. Am Nachmittag – also jetzt – schreibe ich Blogartikel und arbeite fleißig an meiner neuen Website siebenhardt.wordpress.com. (3)

Ich gebe gerne zu, dass es im Weichbild meines Wohnorts sehr schön ist, wenn das Wetter passt.

Regelmäßig zwingt mich auch Frau Klammerle dann auch – mal mit roher und mal mit sanfter Gewalt, meine Balzac’sche Schreibklause zu verlassen und jagt mich in die gerade tiefverschneiten Wälder rings um Diedorf. Schließlich muss ich ja manchmal ausgelüftet, heruntergekühlt und bewegt werden. Dazu haben wir wieder neu entdeckt, wie sehr es Spaß macht, ein Brettspiel zu spielen und wir kochen jetzt jeden Abend gemeinsam und meist auch lecker. Netflix und Amazon Prime beenden dann den Tag, der meist sehr befriedigend war. Über meiner Nachtlektüre schlafe ich dann ein und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Der Verlust der sozialen Kontakte, der mit dem Lockdown einhergeht, macht mir übrigens wenig zu schaffen, denn ich hatte ja noch nie welche. Nur, dass ich meine Söhne höchstens einzeln und dann nur alle zwei Wochen sehen kann, macht mir ein wenig zu schaffen. Mit dem einzigen Freund, der mir inzwischen verblieben ist, treffe ich mich ab und an in einer Videokonferenz und wir spielen übers Internet Schach. (4)

Gut, ganz so rosig ist alles nicht, denn wir bekommen immer wieder einmal einen Lagerkoller, streiten uns aufgrund von Kleinigkeiten. Ich neige – auch aufgrund des Wetters – zu depressiven Momenten und zu Verzweiflungsattacken, wenn wieder einmal ein Tag vergangen ist und niemand auf meinem Blog oder meiner Website gewesen ist und es mir seit Wochen nicht mehr gelungen ist, auch nur ein einziges Buch an die Frau zu bringen. Frau Klammerle geht auf die Nerven, dass sie nur immer mich sieht, keinen Sport treiben, in kein Café darf und keinen Schaufensterbummel machen kann. Und was uns beiden wirklich, wirklich, wirklich fehlt und uns manchmal in Verzweiflung treibt: Das wäre ein Urlaub.  Doch davon kann man wohl in den nächsten Monaten nicht einmal träumen …

Aber ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Frau Klammerle ist modern. Ihre Hobbys waren schon immer am Puls der Zeit. Als es „in“ war, hat sie Makramee geknüpft, dann einen Seidenmal-Rahmen und passende Farben gebraucht. Sie hat merkwürdige Kunststoff-Fensterbilder gemalt, Joghurt gemacht, Seife gekocht und hielt sich sogar kurzzeitig einen Kombucha. Sie experimentierte mit Serviettentechnik, gärtnert eifrig, macht Objekte aus Weidenholz und ist jeder Backidee aufgeschlossen. Nur Schneidern, Häkeln und Stricken versucht sie zwar ab und an, wird allerdings mit ihren Projekten selten fertig und ist noch seltener mit ihnen zufrieden. 

Dies ist keine weitere Fantasy-Map von mir, sondern ein ofenfrisches Ergebnis von Frau Klammerles neuestem Steckenpferd: Dies ist ein Foto von ihrem genial leckeren Roggenbrot. Sie hat sich kürzlich sogar einen Gärkorb und eine Steinplatte für den Backofen beschafft (auf dem auch herrliche Pizzen entstehen). Der (noch namenlose) Sauerteig, der jetzt seit ein paar Monaten im Kühlschrank wohnt, ist inzwischen eine Art zweites Haustier geworden, das wenig Ansprüche stellt und mich nicht wie eine gewisse Katze morgens um 06:00 Uhr weckt, weil es Hunger hat. Ein Löffel Mehl in der Woche reicht ihm.

Und deshalb gibt es als jetzt als Frühstück oder kleinere Zwischenmahlzeit immer noch ein leckeres Marmeladen- oder Käsebrot, bevor ich den Schreibvormittag starte. Ganz ehrlich: Das ist das beste Hobby, das meine Frau jemals pflegte und ich hoffe, dass sie es nicht wie manche andere zur Seite legt und in einer Kiste in ihrem Arbeitszimmer versteckt.

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(1) Homeoffice ist wie Handy übrigens mal wieder einmal ein „denglischer“ Begriff, d. h. niemand außer den Deutschen benutzt ihn. In den USA ist es einfach working at home und ich frage mich, wer den Ausdruck erfunden hat und warum man nicht „Heimarbeit“ oder meinetwegen „Heimbüro“ verwendet kann.

(2) Nach langem Zögern habe ich mich dazu durchgerungen, mir das Schreibprogramm „Papyrus Autor“ zu gönnen, das sich direkt an Schriftsteller wendet. Das Schreiben mit der kostenlosen LibreOffice war nicht unbedingt schlecht, zumindest besser als mit dem grausamen Word. „Papyrus“ hat zwar einigen unnötigen Schnickschnack an Bord, aber auch einige Komfortelemente wie z. B. den Dudenkorrektor oder eine direkte und ordentliche E-Book-Exportfunktion, die ich inzwischen zu Schätzen gelernt habe. Das ideale Schreibprogramm für Autoren gibt es ebenso wenig wie die ideale Kaffeemaschine.

(3) Ich bin dabei, den Prologroman „Mánis Fall“ zu schreiben und noch viel mehr Landkarten für die Site zu erstellen. Ich habe sie inzwischen auch mit einer Wiki verknüpft, auch wenn diese noch keine nennenswerten Einträge hat. Ich glaube, die Online-Brautschau-Enzyklopädie der Jenseitigen und Überlebenden Lande wird eine Aufgabe für meine Rente. Wer trotzdem schon einmal reinschnuppern möchte: Hier ist der Link.

(4) Und, ja, er gewinnt immer, so, wie Frau Klammerle beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“. Er war auch früher in dem Spiel besser als ich, aber heute bin ich mit dem langsamen Nachlassen meiner Gehirnleistung chancenlos. Nebenzu: Warum nennen Politiker und Journalisten im Fernsehen eine Online-Konferenz immer eine „Video-Schalte“? Schalte! Was ist das für ein doofes Preußenwort, das mir jedesmal Kopfschmerz bereitet, wenn ich es höre. Hat es etwa der selbe Mensch erfunden, dem wir auch die Homeoffice und das Handy verdanken?

Samstag, 19.09.20 – Feuer im Herzen und ein Traum

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Samstag, 19.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

hast du auch ein paar Lieblingswörter, deren Klang dir wie ein gelungener Löffel bei „The Taste“ auf der Zunge zergeht? Natürlich muss auch die Bedeutung mit dem Klang harmonieren. Sie ist der Duft, der die Leckerei spielerisch umschmeichelt – um bei meinem mehr als schrägen Beispiel aus der Küche zu bleiben. Bei mir sind das zum Beispiel die Wörter „Socke“, „Weichbild“ oder „Aequinoctium“. Letzteres – nämlich die herbstliche Tagundnachtgleiche – bedroht uns ja in diesen Tagen und macht mich Sommersonnenanbeter bange. Mir kann es nie hell und warm genug sein und nun ist es längst wieder dunkel, wenn ich morgens zur Arbeit aufbreche und bald wird es auch finster sein, wenn ich abgekämpft von ihr heimkehre. Das hinterlässt einen bittersüßen Geschmack nach Federweißem, Zwiebelkuchen, Steinpilzen und Kürbissuppe auf meinen Lippen, leider ist er vermischt mit feuchter Verwesung, Abschied und Tod. Dieses Jahr ist für mich im Privaten und für uns alle auch im Öffentlichen bislang ein furchtbares und niederschmetterndes gewesen und nun setzt es vehement zum Endspurt an. Keine Ahnung, was es noch für uns alle vorbereitet hat. Der Blick in die Nachrichten lässt mich erschaudern und das Schlimmste ahnen. (1)

Die hitzigen Spätsommertage in der letzten Woche jedoch habe ich durchaus als ein Geschenk empfunden und wirklich genossen. Aber sollte man ein Geschenk nicht eigentlich behalten dürfen? (2) Zumindest wäre es schon einmal schön, wenn man einen dieser letzten Sommerabendmomente, wie wir einen gestern auf unserer Gartenterrasse erleben durften, ein wenig in die Länge ziehen könnte oder wie einen alten Speicherpunkt in einem Computerspiel wieder starten dürfte. Obwohl es nach Untergang der Sonne rasch empfindlich kühl und klamm wurde, als vom sternenklaren Nachthimmel die Feuchtigkeit herabfiel, gelang es Frau Klammerle und mir, mit Hilfe unseres kleinen, aber tapfer brennenden und wärmenden Azteken-Ofens und eines fruchtschweren Muskatellerweins noch einmal den Sommer heraufzubeschwören und wenn es auch nur für zwei Stunden war.

Dies war übrigens wieder eine der Wochen, die ich auf diesem Blog fast allein mit mir selbst verbrachte und allein durch die großen Hallen meiner Literatur wandelte. Das ist zwar durchaus eine angenehme Gesellschaft, aber eigentlich wollte ich doch etwas anderes. Entschuldige bitte meine harten Worte: Aber hier Selbstgespräche zu führen, das hat schon etwas von Selbstbefriedigung. Würden sich nicht ab und an die fleißigen Bots der chinesischen Suchmaschine baidu.com meiner erbarmen und überaus neugierig auf meinem Blog herumschnüffeln (Ja, ich finde auch, dass Xi Jinping wie Winnie der Puuh aussieht!), dann hätte ich in der letzten Woche überhaupt keine Zugriffe auf meiner Site gehabt. Angeblich folgen lt. Statistik 150 Personen diesem Blog. Ich habe deshalb etwas aufgeräumt und mich von den Dateileichen befreit. Jetzt sind dann noch  15 „Follower“ übriggeblieben. Für diese fünfzehn und für dich, liebe unbekannte Leserin, schreibe ich das hier.

Auf der anderen Seite steht mir Einsamkeit gut an und ich genieße die viel zu seltenen Phasen, in denen ich allein mit mir bin. Deshalb bin ich ein begeisterter Bergwanderer. Da lodert wirklich ein Feuer in meinem Herzen. Gäbe es jemanden, der mir diese Leidenschaft bezahlen würde, dann würde ich frohen Mutes und glücklich jeden Morgen aus dem Tal hinauf in die Freiheit der Berggipfel steigen. Leider bot 2020 mir kaum Möglichkeiten, dieser Passion nachzugehen, denn mir ist in diesem Jahr immer unwohl, wenn ich mit Mundschutz my home and castle verlasse und unter Menschen gehe. Österreich und Südtirol mied ich aufgrund der Pandemie. Und dann machten mir die Allgäuer, deren Berge eigentlich mein Hauptziel sind, sehr deutlich, dass ich bei ihnen unerwünscht bin. Seit sie ihre Gastronomie und Hotels wieder geöffnet hatte, jammerten und klagten sie über den stotternd wieder einsetzenden Tourismus und verglichen ihre Gäste mit Heuschreckenschwärmen. Ich gewann den Eindruck, dass sie zwar mein Geld, aber nicht meine Anwesenheit wollen. Dann eben nicht … Am Freitag nun gelang es Frau Klammerle und mir, uns für einen Tag freizumachen und wir nahmen unseren ganzen Mut zusammen und fuhren am frühen, nebligen Morgen von Augsburg aus – nicht ins Allgäu, aber strikt nach Süden auf der B17 und der B23 in die uns nächsten Ausläufer des Ammergebirges. Wie bestellt, lichtete sich der dichte und kompakte Nebel, der als grauer Bettbezug über dem Lechtal hing, am Ortseingang von Oberammergau und wir begannen einen wunderbar sonnigen und tatsächlich recht einsamen Bergwandertag, der uns über die Kofelspitze in einer weiten Runde um den Herrgottsschnitzer- und Passionsspielort herumführte. Der Kofel selbst, der so dominant und wie unbezwingbar über Oberammergau in den Himmel ragt, ist übrigens ein nur 1342 m hoher Scheinriese, der in ca. eineinhalb Stunden ohne Schwierigkeiten ersteigbar ist, wenn man man mal von einer harmlosen Klettereinlage direkt unterhalb des Gipfels absieht, bei der erfahrene Wanderer nicht einmal die linke Hand aus der Hosentasche nehmen). Doch die karge Felsspitze mit ihrem überdimensionierten Gipfelkreuz bietet in der klaren Septemberluft einen lohnenden und weiten Rundumblick. Diese erste richtige Bergtour in diesem Jahr war für uns ein wenig wie ein Nachhausekommen nach langer Zeit. Wir zehren noch immer von den Eindrücken des Tages, den wir traditionell in der Ettaler Schaukäserei mit dem besten Käsekuchen der Welt (ungelogen!) beschlossen. Das Feuer brennt!

Und jetzt wirst du dich fragen, liebe unbekannte Leserin, wo denn nach all diesen Worten eigentlich die Literatur geblieben ist? Sie tröpfelt gerade, anstatt zu fließen. Der Strom meiner Imagination ist in diesem heißen Sommer ein wenig ausgetrocknet. Doch demnächst kommen die Herbststürme und dann wird er wieder mehr Wasser tragen, versprochen. Ich werde übrigens in der nächsten Woche meine Arbeiten an meinem neuen Roman „Aber ein Traum“ abschließen und für meine fleißigen Lektorinnen Korrekturexemplare machen lassen. Dann wird mein Kind in die Welt entlassen. Hoffentlich wird es dort ein wenig besser bestehen können, als seine zwölf Brüder vor ihm. Hier noch ein Textschnipsel aus dem Buch. (3)

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(1) Und hier muss ich voller Schrecken ergänzen, dass diese momentane Jahreszeit, in der die Natur langsam ihre Kraft und Fülle verliert, exakt den Zeitpunkt wiederspiegelt, in dem ich mich nach Jahren gerechnet befinde: Im Herbst meines Lebens. Auch wenn ich mich nicht so fühle: Statistisch betrachtet hat längst mein letztes Daseinsdrittel begonnen, wahrscheinlich eher schon das letzte Viertel. (Wenn ich nicht schon morgen von einem Auto überrollt werde).

(2) Kürzlich wollte mir eines der vielen, aufgrund der Pandemie verzweifelten Hotels in Südtirol mit einer Werbemail Appetit auf einen Herbsturlaub mit einem Zitat machen, das angeblich von Henri de Toulouse-Lautrec stammt:

Der Herbst ist der Frühling des Winters!

Klingt erst einmal gut. Ist aber höherer Blödsinn. Tatsächlich hat dieser Nonsene-Satz gerade Konjunktur und man kann ihn häufig – den verschiedensten Leuten untergeschoben – im Internet finden. Das macht ihn nicht weniger unsinnig. Ich bin im 2. Frühling meines Lebens? Quatsch! Wenn der Herbst der Frühling des Winters ist, ist dann der Frühling der Herbst des Winters? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht gar der Herbst der Herbst des Herbstes? Auf jeden Fall ist es kein Wunder, dass Frau Klammerle, ich und meine Katze gerade unter gewaltiger Frühjahrs-Herbstmüdigkeit leiden …

(3) So etwas lieben besonders die Instragramer, die viel zu faul sind, sich auf einen längeren Text einzulassen. Literatur muss dort auf eine kleine Seite Toilettenpapier passen und wird auf ähnliche Weise konsumiert – abreißen, benutzen, wegspülen. #textschnipsel

Samstag, 12.09.20 – Von Lesebändchen, Attila und diesem Sommer

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Samstag, 12.09.2020

Die liebe N., die meine Schwiegertochter in spe ist(1), arbeitet seit Anfang dieses Jahres als fertig ausgebildete Buchhändlerin in der Filiale einer Buchkette in Neuburg a. D. (2). Wie ich erfahren musste, ist sie noch skrupulöser und vorsichtiger im Umgang mit ihren Büchern als ich – und das will schon etwas heißen. Für N. sind Bücher ein sakrosanktes Heiligtum, das mit Ehrfurcht und Demut betreten werden muss und sie wohl auch ungern weiterverleiht. Ihre Bücher sehen noch ungelesener als meine aus. Da gibt es keinen umgebogenen Rücken, der Schutzumschlag ist nicht zerknittert, keine Seite wird durch einen Fettfleck verunziert – sie könnte ihre Bücher wieder zurück in die Buchhandlung stellen und noch einmal als neu verkaufen. Kürzlich lieh sie mir einen fetten Fantasyroman (3) und an ihm beging ich ein Verbrechen, das sie mir noch nicht ganz verziehen hat. Der Band besitzt als Service des Verlags ein eingenähtes Lesebändchen und wie immer begann dieses bereits, sich unten zu zerfleddern. Es war die einzige Stelle, an der erkennbar war, dass N. das Buch bereits vor mir gelesen hatte. Nun habe ich die Eigenart, dieser Entropie des geflochtenen Stoffbands dadurch entgegenzuwirken, indem ich es ganz unten mit einem Knoten versehe und es anschließend zwischen der letzten Seite und dem Einband deponiere. Denn ich finde Lesebänder, mit denen ich dann ununterbrochen zwanghaft neurotisch spielen muss, unpraktisch und benutze lieber Einmerker (4), die ich beim Lesen zur Seite legen kann. Vollkommen gedankenlos machte ich nun auch beim entliehenen Buch diesen Knoten, den ich so festzog, dass er sich nicht mehr auflösen lässt. Damit beschwor ich ein gewaltiges Donnerwetter über meinem Haupt zusammen. Schließlich würde das Buch im Regal auf diesem Knoten stehen und einen Abdruck in den Seiten erzeugen, wie mir N. erklärte. Ich weiß nicht, ob sie mir noch einmal ein Buch ausleihen wird.

Entschuldige, N.! Es wird nie mehr passieren; ich passe auf. Und um so mehr bewundere ich dich, dass du dich auf das Abenteuer einer Ehe mit Sohn Nr. 2 einlassen willst, dessen unbekümmerte, destruktive Art, die er schon als Kleinkind kultivierte und als Jugendlicher perfektionierte, viele, auch liebgewonnene Teile unserer Einrichtung und unsere Nerven schwer in Mitleidenschaft gezogen hat und mich vorzeitig ergrauen ließ, so dass Frau Klammerle schon vorgeschlagen wurde, doch ein Tagebuch wie die Mutter von Michel aus Lönneberga zu schreiben. Ich witzelte damals, die Klammers würden von den Hunnen abstammen und der Zweitname von Sohn Nr. 2 wäre „Attila“. Nun, du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Das ist meiner Frau mit mir auch gelungen. Und meine Eskapaden waren teilweise noch zerstörerischer (5).

*

Apropos „Attila“! Gestern stellte jemand auf der Ratgeberseite des SZ-Magazins die Frage, wie man die veganen, inzwischen peinlichen Kochbücher von Hildmann am Besten entsorgen könne; weil man ihn nicht weiter unterstützen wolle. Zum Glück besitze ich keine Werke dieses von manchen Leuten als Avocadolf titulierten Herrn, der wohl inzwischen alle Murmeln aus seinem löchrigen Säcklein verloren hat, sich im Bürgerkrieg mit Kinderblut saufenden Echenswesen des Deep State wähnt und feuchte Träume von Politikerhinrichtungen und einer Militärdiktatur hat. Eigentlich gibt es Einrichtungen für solche Menschen, aber aus mir unerfindlichen Gründen rennt Attila noch immer in der Gegend herum und verbreitet seinen Nazi-Irrsinn über das Internet. Mir war er schon vor seinen aktuellen Aussetzern suspekt, als er vor einigen Jahren in einer Folge des „Perfekten Dinners“ (Frau Klammerle liebt diese Sendung!) darüber schwadronierte, ob Veganer Oralsex haben könnten. Aber darf man deswegen seine Kochbücher ins Altpapier schmeißen oder sie gar verbrennen? Schließlich mache ich nicht einmal einen Knoten in das Lesebändchen eines Buchs. Hat man in Deutschland nicht schon genug Bücher vernichtet? Es ist ja nicht so, dass Attilas gebundene Tofuschnitzel-Rezepte (die nicht einmal urheberrechtlich geschützt sind) und Fitnessempfehlungen mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder mit „Mein Kampf“ vergleichbar sind. (6) Dass man den Avocadolf nicht finanziell unterstützen will, verstehe ich. Aber ist es so schlimm, seine Rezepte aus Büchern, die man vor Jahren erworben hat, nachzukochen? Vielleicht ist es das Beste, diese „unwürdige Lektüre“ im Keller zu vergraben und es der Nachwelt zu überlassen, was mit ihr zu geschehen hat.

Ich werde mich hüten, Attila mit Autoren der Weltliteratur zu vergleichen, aber wohin führt das, wenn ich das Werk nicht von seinem Schöpfer trenne? Viele Künstler waren misogyne, rassistische und unsympathische Schweinehunde, manche von ihnen waren Betrüger, sogar Mörder. Wahrscheinlich müsste ich die Hälfte der Weltliteratur verbrennen, wenn ich die Schöpfung für den Schöpfer verantwortlich mache und sie in Sippenhaft nehme. Wollen wir wirklich in solch einer schönen, neuen Welt leben?

*

Wie der letztjährige ist auch dieser Sommer wie ein alternder Rock’n’Roller, der immer wieder auf Tournee geht und einfach nicht in den Ruhestand will. Es ist jetzt Mitte September, aber die Blätter der Bäume sind alle noch grün (6) und die Rosen blühen. Morgens liegt zwar schon ein warmer, feuchter Nebel über den Schmutterwiesen, aber er löst sich rasch auf und das Thermometer nähert sich am Nachmittag der 30°-Marke an und soll sie nächste Woche auch überschreiten. Von Herbst ist noch wenig zu sehen, wenn man mal vom Federweißen in den Kühlregalen der Supermärkte und der Tatsache, dass es später hell und früher dunkel wird, absieht. Es herrscht geniales Wanderwetter! Von mir aus kann das noch bis Mitte Dezember so weitergehen. Trotzdem haben Frau Klammerle und ich gestern Abend gemeinsam beschlossen, dass es Zeit wird, den gefühlt endlosen Corona-Sommer langsam zu verabschieden, damit dieses entsetzliche, quälende Jahr voller privater und öffentlicher Katastrophen endlich zum Abschluss kommen kann. Wir erzwingen das jetzt und leben im Herbst (Das passt auch inzwischen zu unserem biblischen Alter!) Vielleicht kommt ja doch einmal etwas besseres nach. Deshalb genossen wir gestern unsere erste Kürbiscreme-Suppe und ich werde mir jetzt meine Herbstlektüren oben auf den SUB legen. Demnächst mehr davon!

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe unbekannte Leserin. Bis bald.


Oh, ja, heute gebe ich wieder fröhlich meiner zwang- und fetischhaften Obsession für Fußnoten nach!

(1) Sie und Sohn Nr. 2 haben sich kürzlich verlobt und werden im Frühsommer 2021 endlich auch heiraten. Die jungen Leute von heute sind merkwürdigerweise wieder so romantisch und machen um die ganze Heiratssache einen Riesenaufstand. Frau Klammerle und ich haben uns 1987, nachdem wir einige Jahre zusammengelebt hatten, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen (Naja, meistens zumindest …), gemeinsam beschlossen, dass wir jetzt heiraten. Zeit wurde es ja und die finanziellen Vorteile lagen auf der Hand. Da gab es keine Verlobungszeit, keinen Verlobungsring, keinen Kniefall im Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs, sondern nur einen einfachen Behördengang mit Eltern und Trauzeugen. Wir haben übrigens nach unserer standesamtlichen Vermählung im April später im Jahr für die liebe Verwandtschaft auch noch größer und kirchlich geheiratet (In der Woche darauf bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten). Das war am 12. September – also genau heute vor 33 Jahren und dies war dann schon eher eine traditionelle Veranstaltung mit weißem Brautkleid und großer Feier. In der Folgezeit erwachte ich mehrmals schweißgebadet aus dem Alptraum, ich müsse noch ein drittes Mal heiraten. Und, ja, weil du es bist, meine neugierige, unbekannte Leserin, gibt es hier ein kleines Foto vom 12. September 1987. Es sieht aus, als würde Frau Klammerle vor Glück schweben.

(2) Neuburg an der Donau ist ein sehenswertes Residenzstädtchen mit einer hübschen Altstadt und einem Renaissanceschloss, um das herum alle zwei Jahre ein schönes historisches Fest gefeiert wird. Der Ort liegt am Donauradweg. Das musst du einfach mal besuchen und dabei in der Rosengasse die Buchhandlung aufsuchen, in der N. arbeitet. Sie wird dich fachkundig und freundlich beraten. Da das Sortiment dort recht übersichtlich ist, kann man leider keines von meinen Büchern erwerben, was wirklich, wirklich schade ist.

(3) Es war „Im Sturm der Echos“, der vierte und abschließende (?) Band der „Spiegelreisenden“ von Christelle Dabos. Das Buch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Autorin ihre wirklich hübsch begonnene Fantasy-Saga komplett an die Wand fahren kann. Hätte sie doch besser wie George R. R. Martin auf einen Schlussband verzichtet. Der unübersichtliche, auf 600 Seiten zerdehnte Roman – immerhin ein Buch, das für jugendliche Leser gedacht ist – geht übertrieben brutal, ja geradezu sadistisch mit seinen Protagonisten um, deren Handeln und Denken vollkommen unverständlich und nie nachvollziehbar ist. Figuren und Erzählfäden, die in den Vorbänden sorgsam aufgebaut wurden, werden beiseite gewischt und spielen plötzlich keinerlei Rolle mehr. Die sogenannte „Auflösung“ ist makaber und unverständlich, vollkommen wirr, kryptisch und ließ mich fassungslos zurück. Erzähle mir niemand, er hätte den Plot auch nur ansatzweise verstanden. Nein, es war kein Vergnügen, das Buch zu lesen – es war wirklich eine Qual.

(4) Sowohl Frau Klammerle wie auch ich vertrauen eher schmalen Karton- oder Metallstreifen als dem geflochtenen Lesebändchen, das ja auch nicht in alle Buchbindungen eingenäht ist. Haben wir keinen zur Hand, behelfen wir uns mit einer Postkarte. Unser Problem ist nur, dass diese immer wieder auf magische Weise zu verschwinden scheinen, weil wir sie am Tatort unserer Lesereisen liegenlassen, sie in den ins Regal zurückgestellten, gelesenen Büchern vergessen, sie sich einfach in Luft auflösen oder von kleinen Bücherwürmern gefressen oder von Aliens entführt werden. Wir müssen also ständig für Nachschub sorgen.

(5) So habe ich einmal einen Küchentisch in die Luft gejagt, als ich mit Wunderkerzen experimentierte, mit einem Säbel mehrere Wohnzimmerstuhl-Lehnen zerhackt und Tintenflecken (ich jagte mit dem Füller eine Fliege) in den Vorhängen entfernt, indem ich sie kurzerhand aus ihm herausschnitt.

(6) Zumindest südlich der Donau, wo es in den letzten Monaten immer wieder ausreichend regnete. Sogar mein Kirschbaum, der normalerweise im September schon fast kahl ist, hat kaum verfärbte Blätter. Aber je weiter man nach Norden fährt, um so ausgetrockneter und verdörrter wird die Landschaft. Im Spreewald, in dem Frau Klammerle und ich letzthin Urlaub machten, ist das Wasser so knapp geworden, dass man alle Schleusen zwischen den labyrinthischen Wasserläufen gesperrt hat und wir unser Paddelboot mehrmals mühsam über Land ziehen mussten. Allerdings gab es dort auch kaum Mücken, während sie einem hier in Diedorf jeden der herrlichen Spätsommerabende vermiesen.