Aber ein Traum …

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Eismanns Wille – Eine Kurzgeschichte

Passend zu Halloween folgt nun die einzige meiner Geschichten, die man mit etwas gutem Willen dem „Horror-Genre“ zuordnen kann.
Ich kann von ihr mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sie niemand, der sie je las, wieder vergessen hat.

Eismanns Wille

Dass ich Eismann traf, liegt nicht an dem sonder­baren Zufall, der mich in diese Stadt geführt hat, um in ihr zu arbeiten. Es liegt an Eismann selbst, dessen aufdringliche Art meine Auf­merksamkeit einforderte. Und nicht zuletzt waren die Kinder schuldig.

Weißt du, ich saß an diesem warmen Nach­mittag spät und erschöpft auf einer Bank im Stadtpark, unschlüssig, was ich an mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich und bevor er et­was sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er be­gann sofort ein Gespräch, das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisen­de Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.

Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen damals ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander wehzutun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lach­te, keines weinte. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt her­überklang. Die Kinder waren vollkommen eins mit ihrem Spiel.

Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte: Glaube mir, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbah­nen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Ich weiß, es war eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckte die Kinder et­was. Sie rannten dort hinunter, an den Birken vorbei zu den Büschen. Ich bemerkte, dass Eismann aufgehört hatte, zu reden. Jetzt, als die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.

Ich sah ihn an. Ich weiß nicht, ob ich in die­sem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch. Eismanns Gesicht ist zer­stört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde, ein, ich weiß nicht… Eismann ist eben er selbst und als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich glaube nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.

So sah ich Eismann und es war sehr still, als wir uns begutachteten.

Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Ar­men rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu dre­hen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du ver­stehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein,  ein Taschen­tuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.

Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, aber ob­wohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.

Eismannillu

Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, ich habe es glaube ich schon gesagt, es war eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber nie­mand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden.

Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöff­net, da ich erst mit dem Morgenzug angekom­men war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.

Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich äch­zend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm da­mit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheu­er zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brech­reiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewe­gungen erst, als er den Brief nahm, ihn zer­knüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.

«Nicht jetzt», sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: «Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief ge­schrieben hat.»

«Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns – wie nennt man das? – auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte», sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Stra­ße beim Brunnen und war erschrocken, wie viel ich Eismann erzählte, der einen bemer­kenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der  wahrscheinlich für Gesellschaften ge­dacht war, aber wir wurden schnell und zu­vorkommen bedient und, ich weiß, es klingt unglaubwürdig, der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm.

Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschich­ten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich wei­ter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. Ge­zwungen, das ist genau das richtige Wort.

«Am meisten leidet unsere Tochter an die­sem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festge­fressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augen­blick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müs­sen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist oft hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich.»

Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauli­gen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn ge­stört hatte, besah er sie sich eine Weile auf­merksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriede­nen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.

«Was soll ich sagen», musste ich antworten, »das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es viel­leicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Be­deutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natür­lich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewe­gungen, die gleichen Worte. Nur… mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören.»

«Sei still», sagte Eismann. Ich schwieg er­leichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete.Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hätte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt und ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war, ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.

Durch die Tür da hinten kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gas­traum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eis­manns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hin­über. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie je­mand mit kaltem Wasser begossen. Sie ver­harrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüt­telnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, wi­derwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezo­gen, sich vorsichtig umsehend.

Diese kurze Störung hatte Eismann geär­gert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen der Wasserspeier in gotischen Kirchen erinnerte. Ich habe auch als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern ge­habt, ich habe sie schon damals als zu über­trieben empfunden. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich sein wahres Gesicht war.

Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie waren in meinem Kof­fer, die Karte in der Innentasche meines Man­tels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzep­tiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler ge­macht. Aber als ich die Zimmertür fest schlie­ßen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich noch in einer anderen Hose hatte. Eismann hatte mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich gehorchte.

Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und zu einen Weinbrand, ich trank Nicht-Alkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüch­tern blieb. Wir waren in Ausschänken, in de­nen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufiger besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Be­gleitung wunderte. In dem billigen Stehaus­schank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark ge­schminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.

Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war lang­samer, er schwitzte jetzt auch und sein San­delholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Fü­ßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren und ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater ent­schuldigte sich stammelnd. Ich schob Eis­mann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, be­wegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehr­mals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis er zu Boden stürzte, dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich ver­harrte  schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so er­ging wie mir. Als der Mann nur noch wim­merte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir wa­ren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind krei­schen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen.

Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, dort wiederholte ich immer und immer wieder von neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person be­wahrte. Und obwohl alles in mir sich nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Um­armung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?

Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett und ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann ge­hört, dass er mich nie im Ungewissen lässt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper und die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ein un­glaublicher Geschmack machte sich breit, ich würgte und jetzt übergab ich mich, die Reak­tionen des Ekels waren endlich stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim hervor­brachte.

Eismann saß auf dem Bett und wartete ge­duldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer und jetzt war ich gleich­gültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.

«Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott.»

Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzäh­len, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezah­len. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist wie er deiner überdrüssig wurde … Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Ver­steck dich besser, denn da kommt eben Eis­mann zurück, und wir werden jetzt Essen ge­hen.

Montag, 20.10.19 – Alles neu macht der … Oktober?

Montag, 20.10.19

Nein, ich bin durchaus nicht der Auffassung, dass der Herbst der Frühling des Winters ist!

Dieser Spruch, der mal Adalbert Stifter und mal Henri de Toulouse-Lautrec und mal einem anderen schlauen Geist zugeschrieben wird und den man in der letzten Zeit immer häufiger hört, klingt zwar höchst hintersinnig, er ist aber nur höherer Blödsinn.  Denn dann müsste doch der Frühling der Herbst des Winters sein? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht ist gar der Herbst der Herbst des Herbstes? A rose is a rose is a rose. Sollte aber doch etwas an dem Spruch dran sein, dann ist kein Wunder, dass ich gerade unter einer gewissen Frühjahrsmüdigkeit leide … oder gibt es kurz vor dem Winterschlaf auch eine Herbstmüdigkeit? Wie dem auch sei. Man könnte das klinische Ergebnis meiner Anamnese auch altmodisch einen schwachen Fall von Ideosynkrasie oder auch neumodisch einen Anflug von Burnout nennen, woran ich in diesen Tagen leide. Und da ich ja recht wehleidig bin (ich bin ein Mann), jammere und klage ich über mein schweres Schicksal und falle allen damit auf die Nerven. Früher hätten die Ärzte in solch einem Fall Bewegung in frischer Luft, Sommerfrische und wegen des Überschusses an schwarzer Galle einen kräftigen Aderlass empfohlen.

Auf jeden Fall fühle ich mich an diesem Montag, an dem sich mal wieder einer meiner „Follower“ von meinem Blog abgemeldet hat – gerade was auch die Sinnhaftigkeit meine literarischen Ergüsse angeht –  wie ein angeschlagener, schwankender Boxer, der sich mit unzureichender Deckung seit zehn Runden gegen einen übermächtigen Gegner behauptet und eigentlich längst das Handtuch hätte werfen sollen; nur noch Starrsinn und Trotz hält ihn auf den Beinen. Sein – mein – Widersacher ist die öffentliche Wahrnehmung, das Publikum, das ich manchmal viel zu verzweifelt zu erreichen suche, obwohl mir mein Verstand sagt, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Deshalb geht auch jeder meiner Konter ins Leere; ich habe z. B. noch keines meiner beiden neuen Bücher verkaufen können und bei niemandem Interesse oder gar Aufmerksamkeit erweckt, nicht einmal bei meinen Freunden und Verwandten. Ich blute längst aus Mundwinkeln und Nase, alles tut mir weh und ich schaffe es kaum mehr, die müden Arme schützend vors Gesicht zu heben. Jeder Schlag lässt mich zurücktaumeln.

Ich ziehe deshalb an dieser Stelle die Reißleine und werde ein wenig Urlaub machen und zwar in einer Gegend, wo zumindest die recht zuverlässige Wettervorhersage von Bergfex für das nächste Wochenende Großes verspricht; nämlich ins Martelltal im Südtiroler Vinschgau. Ich hoffe, dass dort der Herbst noch viel Sommer und Wärme in sich trägt(1). Und falls die Wetterfrösche sich doch irren sollten und es nasskalt und regnerisch wird – na, nicht so schlimm: Das Bergsteigerhotel, in dem Frau Klammerle und ich residieren, hat eine große Sauna- und Wellnesslandschaft. Nur das mit dem Aderlass, das werde ich sein lassen und mir vielleicht stattdessen eine Massage verschreiben. Ich werde also über die kommenden, massiv gehäuften, dunkelschwarzen Feiertage (2) in den Süden zur Sonne und in meine Berge verreisen und dem Blog und mir selbst mal wieder eine kleine Pause gönnen; mein Treibstofftank muss wieder gefüllt werden.

*

Übrigens war ich an diesem Wochenende sehr fleißig, wenn auch nicht gerade literarisch. Ich habe an den Titelbildern meiner „Brautschau“-Romane gearbeitet, dessen nächsten – „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ – ich in den nächsten Wochen zum Abschluss bringen werde, um ihn vielleicht noch in diesem Winter zu veröffentlichen. Da es mir trotz verzweifelter Hilferufe nicht gelungen ist, einen talentierten Gestalter oder Zeichenkünstler für mein Werk zu interessieren, musste ich dann eben doch in den sauren Apfel beißen und diese Arbeit selbst machen. Dies, obwohl ich für das Designen keinerlei Talent besitze, was man meinen anderen Titelbildern ja auch ansieht. Aber mir wurde ja von einigen glaubhaft versichert, die „Brautschau“-Cover seien besonders mies und würden einen potentiellen Käufer nur abschrecken. Auch wenn das sicher nicht der einzige Grund ist, aus dem ich keine Leser finde, ist an diesem Vorwurf sicher etwas dran. Daher habe ich mich an die Arbeit gemacht und die Titel der Serie komplett verändert; sie ein wenig an die Gepflogenheiten der professionellen Genre-Illustratoren angepasst. Und so sehen meine „Brautschau“-Bücher ab der nächsten Auflage aus:

Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein Seemann dort draußen auf dem weiten Meer des Internets, der zufällig auf diesen Text, den ich wie meine anderen als Flaschenpost losgeschickt habe, seine Meinung zu meinen neuen Covern äußern könnte. Herzlichen Dank im Voraus!

Dann lesen wir uns im November wieder! Ich wünsche eine schöne Zeit und hoffe, dass ihr alle gut über die düsteren Feiertage kommt.

Euer Nikolaus.

Psst! Hier ist noch ein Entwurf für ein Brautschau-Geheimprojekt, an dem ich seit geraumer Zeit nebenzu arbeite (Aber nicht weiterverraten, bitte …).

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(1) Ich will ja niemanden neidisch machen:

(2) Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen, Samhain, Halloween, wie man diese Tage der Trübnis und der Beschwichtigungsrituale an die angebetete Todesgottheit auch nennen und begehen will – auf eurer Feier des Beginns der winterlichen Düsternis müsst ihr diesmal auf mich verzichten.

Am letzten Halloweenabend 2018 stand ein kleines, schüchternes Gespenst vor meiner Haustür und hielt mir stumm und fordernd seine noch leere Beutetasche entgegen. „Na, musst du mich nicht ‚Süßes oder Saures‘ sagen?“, fragte ich und er sah mich an, als sei ich komplett irrsinnig geworden. „Nein, nix Saures. Ich will Süßes“, erwiderte er nach einem Moment des Überlegens. Genauso will ich es nächste Woche halten – nix Saures, nur Süßes.

Laura zwischen zwölf und vier – Eine Erzählung (Leseprobe)

[Ich habe mich entschlossen, von meinen neueren Erzählungen, aus denen ich demnächst einen Sammelband zusammenstellen werde, hier im Blog nur noch Leseproben zu veröffentlichen.]

Laura zwischen zwölf und vier

Der Lüfter der Klimaanlage pfiff und knarzte wie ein aufgeschreckter Igel. Obwohl ihr das Geräusch auf die Nerven ging, stellte Laura das Gerät nicht ab. Schließlich arbeitete es, von der Lärmbelästigung einmal abgesehen, zuverlässig und blies trockene Kälte in das nur mit dem Nötigesten eingerichtete, billige Pensionszimmer. Der frische Windzug tat ihr wohl auf der nackten Haut, die ein dünner Schweißfilm bedeckte. Sie sah zurück auf das zerwühlte Bett, in dem der Ingegnere Andrea Involti ins dünne, zerknitterte Laken gewickelt schlief. Die beiden hatten gerade einen noch kurzen und klebrigen, mehr geschäftsmäßigen als leidenschaftlichen Sex gehabt. Ohne auf seine Geliebte zu achten, hatte er sich sofort nach seinem peinlich frühen Erguss von ihrem verschwitzen Körper zur Seite gewälzt und war sofort danach ohne ein Wort eingeschlafen. Er schnarchte nun gleichmäßig und ruhig in seinem eigenen Takt, der exakt in die kurzen Ruhepausen des aus dem Gleichgewicht geratenen Gebläses fiel. Erstaunlich, welchen Höllenlärm der schmale, weiße Kasten über dem Bett und der Mann gemeinsam erzeugten. Die schlanke, dunkelhaarige Frau mochte nicht zu entscheiden, welches Geräusch sie im Moment mehr störte: Das an das Instrument eines Zahnarztes mahnende Quietschen und Jammern des in Unwucht geratenen Lüfters oder in dessen kurzen Pausen das feuchte Schnorcheln ihres schlafenden Liebhabers.

Laura sammelte ihre Unterwäsche und das ärmellose, kurze Kleid mit den Spaghetti-Trägern von den mäßig sauberen Terrakotta-Fliesen des Zimmers und ging nach nebenan in das kleine Bad, um sich zu richten. Die Tür zu dem Feuchtraum ließ sich nur mit Mühe hinter ihr schließen, die Frau musste sich mit dem Rücken gegen sie stemmen, um den Riegel ins Schloss schieben zu können. Die Tür schabte nur widerwillig über den Boden und machte dabei ein Geräusch, das die attraktive Frau an das Schlurfen ihres Großvaters erinnerte, wenn er sich mit seinem Gehwagen durch die schmale Gasse hinauf zur Bar schleppte, um mit seinen ebenso hinfälligen alten Freunden einen kleinen Weißen zu trinken. In dem Bad war es zwar stickig heiß, aber bis auf das stete Tropfen aus dem Duschkopf über der Wanne angenehm still. Laura tastete nach dem Lichtschalter, denn das einzige kleine Fenster war durch hölzerne Läden und einen Vorhang nutzlos gemacht. Sie fischte aus ihrer Handtasche, die sie vorher auf dem Wasserkasten der Toilette deponiert hatte, zuerst ihr Smartphone heraus. Sie hatte einige Whats-App-Nachrichten von Freundinnen und einen Anruf ihrer Mutter verpasst. Laura wischte die Benachrichtigungen mit dem Daumen zur Seite und überprüfte die Uhrzeit auf dem Display. Es war erst kurz nach zwei Uhr. Sie würde also noch mindestens eine Stunde in diesen bedrückenden Räumen ausharren müssen, bis sie mit Andrea gemeinsam zur ihrem abseits geparkten, kleinen Fiat aufbrechen konnte, hinter dessen Steuer sie dann allein den Rest des Weges zurück in die Stadt zurücklegen und danach etwas später als ihr Liebhaber im Büro auftauchen würde. Da der Ingegnere ihr Vorgesetzter war, würde er sie wegen ihrer Unpünklichkeit ermahnen. Auch dies war eine der eingeübten Routinen, die sie in jeder Woche wiederholten, wenn sie ihren Ausflug in die Pension in den mückenverseuchten Hügeln machten.

Laura legte ihr Telefonino zur Seite und holte das Schminkset aus der Tasche. Über das kleine Waschbecken gebeugt zog sie den kohleschwarzen Lidstrich nach und malte sich neue Farbe auf die Lippen. Sie sah sich dabei zwar über den Spiegel direkt in die Augen, aber Laura nutzte die Gelegenheit nicht, mit sich selbst Zwiesprache zu halten. Sie versuchte Würde zu bewahren, während sie darüber nachsann, dass es trotz der Werbeversprechen keinen kussechten Lippenstift gab. Sie würde später Andreas Kleidung und seinen Körper nach verräterischen Spuren untersuchen müssen; vor allem sein weißes Hemd. Männer waren ja so unachtsam. Jeder im Büro würde einen Farbfleck an seinem Kragen in exakt dem gleichen Farbton wie das rote Kleid seiner Sekretärin richtig deuten. An die eifersüchtige Frau ihres Liebhabers wollte Laura im Moment überhaupt nicht denken. Die alte kupferhaarige Hexe ahnte etwas. Da war sie sich sicher.

Die schöne Frau zog ihre nackten Schultern in die Höhe. Sollte sie doch, die feine Signora Involti! Dann würde sich Andrea endlich zu Laura bekennen und die beiden mussten sich nicht mehr heimlich während der Mittagspause in diesem kleinen Agritourismo auf den staubigen Hügeln hinter der Stadt treffen, in dem ihr Liebhaber durch ein augenzwinkerndes Arrangement mit dem Besitzer jederzeit für ein paar Stunden eines der Zimmer mieten konnte. Vielleicht sollte Laura einfach einen verschmierten Lippenabdruck auf dem Hemd übersehen. Sie lächelte versonnen über diesen ketzerischen Gedanken. Freilich wusste sie, dass sie ihn nie in die Tat umsetzen würde. Sie trug in ihrer geräumigen Tasche sogar eine Tube Reisewaschmittel spazieren, damit sie ihre und die Kleidung von Andrea von den Spuren der mittäglichen Treffen reinigen konnte.

Laura machte einen Schritt zurück, um den Sitz ihres dünnen Kleides im Spiegel zu überprüfen und klappte dann beiläufig den Deckel auf die Toilettenschüssel. Dabei wurde ihr schwindlig und auch ein wenig übel. Ganz vorne auf der Zungenspitze schmeckte sie einen fischigen, bitteren Geschmack nach halbrohen Sardinen. Ausgerechnet heute hatte sie ihr Zahnputzset und das Mundwasser zu Hause vergessen. Plötzlich war die ohnehin schon stickige Luft in dem Bad zum Schneiden dick und blieb ihr beim Einatmen wie ein zu hastig heruntergeschlungenes Stück Apfel im Hals stecken. Die schlanke Frau schwankte und fiel halb gegen das Fenster. Sie riss es auf und schob in Panik zuerst die engmaschige Gaze zur Seite, die verhindern sollte, dass die Mücken, die jeden Abend in Schwärmen von den Reisfeldern hinauf zu den Hügeln zogen, einen Weg ins Innere der Gebäude fanden. Nun konnte Laura bereits die frische Luft erahnen. Nur noch die schrägen, mit abgeplatzter grüner Farbe gestrichenen Lamellen der hölzernen Fensterläden waren ihr im Weg. Nervös fummelte sie an dem festsitzenden, verrosteten Riegel, den wahrscheinlich schon lange niemand mehr geöffnet hatte. Einer ihrer künstlichen Fingernägel brach ab und fluchend schlug sie mit beiden Fäusten gegen den Verschluss. Gerade noch rechtzeitig klappten die Flügel zur Seite und die Frau konnte ihren Oberkörper gierig über die Fensterbank ins Freie strecken. Das Badezimmerfenster lag im Schatten des Gebäudes über einem kleinen Verandadach im ersten Stock und bot einen Blick hinunter auf eine gelbvertrocknete Wiese und einen größeren Swimmingpool für die Gäste des Agritourismo. Das ölige, lange nicht gereinigte Wasser des Pools glitzerte und funkelte unter der gnadenlosen Sonne. Schwalben stießen hohe, kreischende Laute aus und flogen tollkühne Angriffe auf hilflos im Bassin zappelnde Insekten. Dabei berührten sie beinahe die Wasseroberfläche. Ein paar gelblich ausgebleichte Plastikliegen standen herum. Unter einem Sonnenschirm lag ein älteres Touristenpaar. Sie las in einem Taschenbuch mit deutschem Titel, der Mann hielt träge die Augen geschlossen. Aber er schnarchte nicht.

Laura atmete tief ein und langsam wieder aus. Sie zählte mit: Eins – ein Atemzug. Zwei, drei, vier – ausatmen. Die Luft war zwar nicht so erfrischend, wie sie erhofft hatte – sie war von der Mittagshitze geschwängert und roch penetrant nach Chlor und ranziger Sonnenmilch –, aber Laura ging es sofort besser. Ihre Panik und die sie wie ein Wasserguss überschwemmende Übelkeit hatten keine körperliche Ursache. Es war nur einer der Platzangstschübe gewesen, die sie seit geraumer Zeit immer wieder hinterrücks überfielen. Vielleicht sollte sie sich endlich einmal dazu durchringen, das Ärztehaus in der Stadt aufzusuchen. Einer der gut dreißig Spezialisten dort, deren Namen auf den goldenen Schildern standen, die neben dem Eingang hingen, würde ihr vielleicht helfen können. Diese Panikattacken, deren Grund ihr schleierhaft waren, hatten ihren Körper wahrscheinlich so durcheinander gebracht, dass seit drei Wochen ihre Regel ausgeblieben war. Nein, sie war nicht schwanger, sie hatte einen Test gemacht. Andrea weigerte sich zwar prinzipiell, Kondome zu benutzen, aber ihm zuliebe nahm Laura seit dem Beginn der Affäre vor über einem Jahr wieder gewissenhaft die Pille, auch wenn ihre streng katholische Mutter, die bei ihr wohnte, verzweifelt die Hände gerungen hatte und sofort zur Beichte zum Don Capelli geeilt war, um sich moralische Unterstützung aus dem Schoß der Kirche zu holen. Sie musste lächeln, denn ihr fiel der anschließende Hausbesuch des alten Pfarrers ein, der sie wieder auf den rechten Weg bringen sollte und in der Wohnung großzügig Gebete und Weihwasser versprengte. Es wäre sinnvoller gewesen, dem verbrannten Rasen dort unten mal ein wenig von dem geweihten Nass zu geben.

Da spürte sie, dass sie beobachtet wurde – und dies schon eine ganze Weile lang. Der deutsche Tourist unten am Pool hatte inzwischen die Augen geöffnet und starrte sie an. Und nun erwiderte er plötzlich ihr Lächeln, das überhaupt nicht ihm, sondern dem fast schon jenseitigen Pfarrer galt, der Laura aus dem Taufbecken gezogen und ihr die erste Kommunion überreicht hatte. Nur ein Missverständnis, aber es war ihr zu intim und schuf eine Verbindung, die sie auf keinen Fall wünschte. Eilig zog sie ihren Kopf zurück und schloss das Fenster.

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Leseprobe: Noch einmal daran gedacht – Leonard Cohen

Noch einmal daran gedacht
Essays, Kritiken und Glossen aus meinem Blog
260 Seiten, 8,99 €
Taschenbuch demnächst überall im Buchhandel
und auch als E-Book erhältlich

*

Ein missglückter Nachruf auf Leonard Cohen

Lieber Hans-Dieter Heun, du hast mich zwar darum gebeten, aber ich kann das nicht wirklich. Ich habe mich redlich bemüht, aber ich bin niemand, der einen Nachruf schreiben kann – auch nicht auf Leonard Cohen, dessen Musik dir wesentlich mehr bedeutet hat als mir. Ich bin einfach eine andere Generation. Mancher, der von uns gegangen ist, war mir wichtiger. Zwar habe ich in meinem Testament festgelegt, dass an meiner Feuerbestattung sein „Halleluja“ gespielt werden soll, dies aber in der todtraurigen Fassung von Jeff Buckley, die ich für die gelungenste, weil verzweifeltste halte. Ich will ein Meer von Tränen, das wie ein Wasserfall aus den Augen hinunter und von den Beinen der Trauernden bis zu meiner Urne hinüberschwappt. Frau Klammerle, das aber wirklich nur nebenbei, möchte übrigens „Meet me in the Dark“ von Melissa Etheridge – wer es nicht kennt: Das sind sechs Minuten geballte Depression. No one get’s out here alive.

Doch einen gelungenen Nachruf auf den alten Spielverderber Cohen kann ich einfach nicht aufs Papier bringen; ich kann überhaupt keine Gedächnisreden halten: Schließlich schreibe ich nie über andere, sondern nur über mich selbst. Denn nur von diesem Thema verstehe ich wirklich etwas.

Lass mich das erklären: In den 70er Jahrenn, in denen Cohen seine beste und erfolgreichste Zeit hatte, mit seiner Muse auf einer griechischen Insel lebte und fleißig Songs, Gedichte und Prosa produzierte (ich neide ihm dieses Leben, das ich selbst gerne auf diese Weise meine Zeit verschwenden würde), da nahm ich ihn nicht weiter wahr. Ich hörte vorzugsweise klassische Musik und die Platten meiner älteren Geschwister: Jimmi Hendrix, Eric Burdon, Deep Purple, Jethro Tull und die frühen Pink Floyd. Meine Schwester M. besaß zwar seine zweite Studioaufnahme „Songs from a room“ auf Vinyl, (dessen Coverrückseite übrigens das Intereur seines griechischen Rückzugsorts samt Muse zeigt), aber ich glaube nicht, dass ich die LP jemals auf meinem Plattenspieler rotieren ließ. Ich war unwissend, um nicht zu sagen, arrogant. Noch am Morgen des 9. Dezember 1980 blamierte ich mich, als ein betroffener Klassenkamerad mir vor der Stunde mit atemloser Stimme berichtete, man habe in der Nacht John Lennon ermordet. Ich musste ihn erst fragen, wer das denn eigentlich sei. Cohen war für mich höchstens die Stimme, die von einer knisternden verstaubten LP schlechte Laune und Weltschmerz verbreitete, wenn der Gastgeber seine Party beenden wollte. Sein unsicherer, murmelnder Vortrag, bei dem man ähnlich wie bei Bob Dylan nicht gerade behaupten konnte, Cohen sei ein guter Interpret seiner eigenen Lieder, war der ideale Stimmungstöter und Partymörder. Nach einer Plattenseite „Songs of Love and Hate“ war jeder so weit, dass er sich verzweifelt nach einem stillen Ort umblickte, an dem er sich an einem Hacken an der Decke aufzuhängen konnte. In diese Stimmung bringen einen heutzutage höchstens noch Nick Cave oder die Eeels. Cohen hörte man, wenn die Freundin weg war oder frühmorgens von den Übriggebliebenen bei philosophierendem Gelaber die letzten Alkoholreste gelehrt und gemeinsam der letzte Joint geraucht wurde. Mir erschienen für diesen Zweck damals die alten Blues-Miesepeter (Albert King – „As the years go passing by“) oder gleich ein Rachmaninow-Klavierkonzert geeigneter. Mitte der Achtziger veröffentlichte dann Jennifer Warnes eine Platte mit ihren Versionen von den bekanntesten Cohen-Songs: „Famous Blue Raincoat“. Ich lernte seine Lieder neu kennen und schätzen. Vor allem der geheimnisvolle Text von „First we take Manhattan“ hatte es mir angetan und ich spielte die Platte so oft, dass der damalige Freund meiner Schwester mir Prügel androhte, wenn ich sie noch einmal auflegen würde. Für mich war Cohen immer mehr Dichter als Songwriter und wenn man schon der bescheuerten Entscheidung folgen will, Folksängern den Nobelpreis für Literatur zu verleihen, dann hat ihn nicht Bob Dylan, sondern Leonard Cohen verdient, denn dessen Gedichte stehen meiner Meinung nach haushoch über den Textzeilen von Dylan.

Erst in den letzten Jahren vor seinem Tod, durch seine letzten zwei, drei Platten, lernte ich Cohen richtig zu schätzen und ich ließ mich von ihm durch die eine oder andere laue Sommernacht auf meiner Gartenterrasse begleiten. Seine letzten CD’s sind Rotwein-Musik für alte, weiße Säcke. Die Stimme war mit den Jahren tiefer, wärmer und dunkler geworden, das Geraune eines alternden Orakels, altersweise und milde. Man höre nur „Going home“ von der 2012er CD „Old Ideas“. Da passt alles. Das sind drei Minuten, die mich bei jedem Anhören in eine andere Welt, in ein anderes Leben verfrachten, in eine „Es hätte sein können“-Stimmung:

„I love to speak with Leonard
He’s a sportsman and a shepherd
He’s a lazy bastard
Living in a suit“

Dennoch bleiben Cohens Musik und Texte ein Vergnügen, das ich mir nur in homöopathischen Dosen verschreibe und auf nüchternen Magen Unwohlsein und Weltschmerz auslöst. Und ich hatte Recht: Ein Nachruf, wie du ihn von mir wünschtest, HD, ein echter Nachruf war das nicht. Aber ich habe mich zumindest bemüht …

 

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