24.o8.22 – Sind Autoren intelligenter als Mäuse?

Ich würde nicht fragen, wenn ich nicht ernsthafte Zweifel hätte. Die Maus jedenfalls, die Amy, die Katze, gestern Nacht in meinem Schlafzimmer „vergaß“, ist ziemlich schlau und noch immer nicht eingefangen, sondern hat sich als Pensionsgast bei uns eingenistet. Tagsüber hat sie (die Maus, nicht Amy) sich hinter dem gewaltigen, vierflügligen Kleiderschrank verborgen, den ich unmöglich verrutschen kann, ohne mir das Rückgrat auszurenken.

Frau Klammerle übernachtete deshalb sicherheitshalber im Gästezimmer unter dem Dach, denn die Vorstellung, dass um Mitternacht eine kleine braune Feldmaus mit schwarzen Knopfaugen zu ihr ins Ehebett kommt, um sich unter ihrer Decke zu wärmen, lässt ihr die Haare zu Berge stehen. Da wir kein Rentner-Boxspring-Bett besitzen, sondern immer noch in unserem alten, sehr niedrigen und schmalen Futonbett schlafen(1), ist diese Albtraum-Vorstellung durchaus realistisch. Also lag ich allein im Klammer’schen Schlafgemach, bis lange nach Mitternacht Amy von ihrem „Freigang“ heimkehrte, sich meiner erbarmte und sich wie ein treuer Wachhund neben mir auf den Bettvorleger legte und mich bis zum Morgen vor der gefährlichen Monstermaus beschützte. Diese ließ sich natürlich nicht mehr blicken, nachdem die Katze in Raum war. Während sie mich vorher immer wieder weckte, weil sie mit flinken Beinchen übers Laminat huschte und ihr neues Wohngebiet erkundete, blieb nun alles ruhig. Die kleine, clevere Maus hatte ihren nächtlichen Erkundungsgang längst beendet und schlummerte friedlich und satt auf einer Leinenhose im Schrank, dessen Rückwand hinten einen Spalt offensteht (Ich fand ihre Mäusekotspuren heute Morgen). Die beiden Lebendfallen, die ich liebevoll mit Marzipan bestückt und unter dem Bett ausgelegt hatte, waren von ihr leergefressen, aber nicht ausgelöst worden. Was für ein geschicktes kleines Tierchen! Also zurück auf Anfang. Ich habe ein ernstes Wort mit Amy gewechselt – der Hausfrieden zwischen uns hängt gerade etwas schief -, meine Hosen in die Wäsche geworfen, die Fallen neu bestückt und diesmal eine von ihnen in den Schrank gelegt. Heute Nacht werde ich wohl noch einmal allein schlafen müssen und hoffen, dass ich die Maus diesmal erwische. Ich befürchte allerdings, dass der IQ der Maus den meinen (und den meiner Katze) übertrifft und das Tier bei uns einzieht.

Update 25.o8.22: Erwischt! Der Autor ist doch cleverer als die Maus – meistens. Vielleicht hat sich das putzige Tierchen, das Frau Klammerle am liebsten behalten hätte, heute Nacht auch absichtlich fangen und bequem von mir in die Freiheit transportieren lassen.

Apropos IQ: In den letzten beiden Pandemie-Jahren hat sich mal wieder deutlich herauskristallisiert, dass Autoren allgemein nicht besonders reichlich mit Intelligenz bestückt sind. Sie wollen jedoch nicht wahrhaben, dass sie so dämlich wie die meinsten von uns sind, sondern machen diesen Mangel durch ein gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung wett und drängen dem Publikum Meinungen auf, die mich vor Fremdscham und Zorn wechselweise erblassen und erröten lassen. Merkwürdigerweise sind es gerade die dummen Menschen, die laut brüllen und jeden an ihren haltlosen Meinungen teilhaben lassen, von denen sie auch kein Argument der Welt abbringen kann. Die Klugen sind leise, haben Selbstzweifel und wägen ihre Worte ab. Leider wird ihr Lied vom Chor der Dummen übertönt.(2)

Da ich mir durchaus bewusst bin, dass ich selbst höchst durchschnittlich schlau bin, halte ich mich in der Öffentlichkeit mit meinen Meinungen zurück und kommentiere dort nichts Tagespolitisches, selbst wenn es mich manchmal zerreißt. Denn das kann nur in die Hose gehen. Autoren haben keine neuen Ideen, sie machen sie nur populär – leider auch die schlechten. Die Sprüche und Weisheiten von manchen Autoren ekeln mich ebenso an wie „Querdenker“ mit mangelhaften Deutschkenntnissen und die rechten Provokateure, die überall ihren Mist wie Mäusedreck hinterlassen. Leider sind viele meiner Kollegen von der schreibenden Zunft der Auffassung, dass die Welt nicht auf ihre schlauen Anmerkungen verzichten kann; z. B. Tellkamp (erst gestern wieder), Handke oder Kehlmann. Die Namensliste lässt sich leider noch lange fortsetzen. Anstatt sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren und zu versuchen, gute Bücher (3) zu schreiben und zu veröffentlichen – und sich auf ihre emotionale Intelligenz zu verlassen -, plappern sie unverdrossen wie Wellensittiche und käuen die absurdesten Verschwörungstheorien wieder, anstatt die 11. Regel für Autoren zu beachten:

Si tacuisses, philosophus mansisses.

PS. Was den Kampf mit der Maus betrifft: Ich werde euch auf dem Laufenden halten.


(1) Auch wenn zumindest ich langsam in das Alter komme, wo es morgens in den Gelenken knirscht und knackt, sie steif und unbeweglich werden und ich mich bei manchem Erwachen frage, ob es mir gelingen wird, mich ein weiteres Mal aus meiner allzu niedrigen Ruhestätte zu erheben.

(2) Die Lautesten sind die, die – wohlbemerkt in einer funktionierenden Demokratie – schreien, dass man heutzutage nicht mehr seine Meinung sagen dürfe und dabei so laut sind, dass die Meinung anderer überbrüllt und nicht gehört wird. Widerlich!

(3) Seit gestern ist die Longlist für den Preis des Deutschen Buchhandels öffentlich. Es ist bemerkenswert: Obwohl ich etwa 100 Bücher im Jahr lese und mich im Verlauf meines Lebens durch die gesamte Weltliteratur und die deutschsprachige im Speziellen geschmöckert habe, kenne ich keinen einzigen der 2022 auserwählten Autoren, geschweige denn eines ihrer Bücher. Alles, was der Feuilleton rezensiert und liebt, geht an mir spurlos vorbei. Ich befinde mich literarisch in einer Parallelwelt und ich kann mir kaum vorstellen, dass mich eines der Longlist-Bücher interessiert. Auf der anderen Seite kennen diese Autor*Innen auch nicht meine Werke. Achselzucken.

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