16.02.21 – Der Güter gefährlichstes

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Faschingsdienstag, 16.02.21

Liebe Leserin,

was ist denn nun der Güter gefährlichstes?, wirst du jetzt fragen. Laut Hölderlin ist »der Güter gefährlichstes die Sprache, die dem Menschen gegeben wurde«, damit er mit der Sprache schafft, zerstört und untergeht, und wiederkehrt zur Ewiglebenden, zur Meisterin und Mutter, der allerhaltenden Liebe. Ja, das ist schwülstig formuliert, aber trotzdem nicht falsch. Sprache ist gefährlich, manchmal sogar tödlich – für jene, die reden und auch für jene, die zuhören.

Ich bin inzwischen ein Hansdampf-in-allen-Gassen geworden und treibe mich in einer Vielzahl von sozialen Medien herum (1), um für meine Literatur (und auch für mich) zu werben. Der Erfolg, das weißt du ja auch, ist sehr übersichtlich. Aber es kann doch sein, dass einige hundert fremde Personen lesen, was ich so von mir gebe. Das ist für meine literarischen Texte, hinter denen ich mich gut verstecken kann, eigentlich kein großes Problem. Zwar beurteilen mich manche allein über meine Geschichten und kommen dann zu einem für meine Psyche recht zweifelhaften Ergebnis, aber da sie mich nicht persönlich kennen, kann ich gut damit leben. Doch heute scheint es gerade für den Autor ganz wichtig zu sein, aus seinem Kämmerchen ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und sich mitsamt seinem Werk zu verkaufen. Der anonyme Schöpfer im Hintergrund darf nicht mehr schaffen. Das Publikum fordert seine Präsenz. Das ist ein ganz neues Konzept unserer Zeit.

Dadurch stehe ich vor zwei Herausforderungen: Um Erfolg beim Publikum zu haben, muss ich symphatischer, menschenfreundlicher und kommunikativer erscheinen, als ich tatsächlich bin. Dazu kommt, dass ich mir immer wieder überlegen muss, was ich von mir und damit auch von meinem Umfeld preisgebe und was ich verschweige. Grundsätzlich mache ich einen Unterschied zwischen »persönlich« und »privat«. Ich will es mal an einem Beispiel erklären:

In der letzten Zeit habe ich das Gefühl, dass die Wände meiner Wohnung immer näher auf mich zurücken. Auch der tägliche »Hofgang« ist nicht mehr besonders erquicklich und inzwischen bin ich mit jedem Hundehaufen im Weichbild meines Dorfes per Du. Kürzlich zeigte mir mein grausamer Cloud-Fotospeicher, was für tolle Urlaubstage ich in den Jahren vor den Coronalockdowns erlebt hatte und bekam eine mittlere Lebenskrise (2), bei dem Gedanken, nie wieder in Südtirol Urlaub machen zu können. Das sind zwar Erstweltprobleme, aber deshalb für mich nicht weniger bedeutend. Dann waren am Sonntag Frau Klammerle und ich bei eiskaltem, aber traumhaftem Winterwetter im Unterallgäu unterwegs und wanderten, bis sich Eiszapfen an den Nasenspitzen bildeten. Es war ein perfekter Tag und ich bin wieder aus meiner Depression heraus. Jetzt mag endlich der Frühling kommen!

Frau Klammerle hat sich extra für die Wanderung eine Mütze gestrickt. Sie hat im Lockdown das Stricken wiederentdeckt und inzwischen jeden in meiner Familie mit bunten Socken versorgt.

Das war jetzt ein Beispiel für »persönliche« Nachrichten, die ich gerne teile. Privates jedoch wird immer außen vor bleiben;  wie Frau Klammerles Vorname oder ihr Gesicht, aber auch viel Schwerwiegenderes wie Schicksalsschläge, Krankheiten oder auch mein Brotberuf. Dies geht Fremde nichts an und es steht ihnen auch nicht zu, mich danach zu fragen. Viele sind da mitteilungsfreudiger, aber ich finde, dass es weiterhin Dinge gibt, die ich nicht mit aller Welt und jedem, sondern nur mit meinen Freunden teilen möchte. Solche Dinge auf Instagram oder einem anderen oberflächlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu teilen,  ist falsch und kann gefährlich werden. Der Güter gefährlichstes, das ist die Sprache.

Dein Nikolaus

PS. In der letzten habe ich zu meiner Überraschung im Kalender entdeckt, dass gerade Fasching ist. Das betrifft mich kaum. Der Augs- hat mit dem Hamburger gemeinsam, dass er lieber ein Glas Essiggurkenwasser trinkt, als in Karnevalslaune zu kommen. Ich bin eher auf gutbayerisch »narrisch« als närrisch. Allerdings gibt es ein Ding, auf die ich in den tollen Tagen nicht verzichten kann. Das ist durchaus nicht die Pappnase, sondern Schmalzgebackenes aus Frau Klammerles Produktion. Hurra!  Alle Jahre wieder: Es ist Fasenacht, wenn Frau Klammerle Küchle backt! Und man beachte meine wunderschöne Tasse aus dem Brautschau-Fanshop!

PPS. Ein Rat noch: Bestelle nie zum Valentinstag online einen Blumenstrauß, wenn die Außentemperatur – 16 ° C beträgt. Es sei denn, der Mensch, den du liebst, steht auf schockgefrorene Rosen (Frau Klammerle tut es nicht).


(1) Ist es dir aufgefallen? Ich habe heute nikolaus-klammer.blog ein neuen neuen Look verpasst. Ganz fertig bin ich noch nicht, aber die Site ist nun schlichter und einprägsamer und ich hoffe, sie gefällt dir wie mir.

(2) Dieser Moment fiel auch mit meinem ziemlich einsamen Geburtstag zusammen, den ich in der letzten Woche … naja, feierte. Deshalb war auch mein Tagebucheintrag der letzten Woche so negativ und deprimiert.

04.02.21 »Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«

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Donnerstag, 04.02.21

Liebe Leserin,

Dante Alighieri (1) hatte offenbar prophetische Fähigkeiten: »Ihr, die ihr durch mich eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, kann man in seiner Commedia als Inschrift über dem Tor zur Hölle lesen. Eigentlich sollten diese Zeilen auch erscheinen, wenn man den Browser öffnet und ins Internet geht, um seine sozialen Netzwerke zu pflegen. Denn das Internet und seine hohlen Versprechungen sind zumindest das Purgatorio, in dem ich gequält werde – ohne zu wissen, wann ich in seinen Feuern genug »geläutert« wurde, um es endlich verlassen zu dürfen. Ja, ich weiß, ich bin selbst schuld. Ich mache es für mich (und vielleicht auch für dich) durch mein Gejammere noch schlimmer, das ist mir klar. Aber es ist gerade in dieser Zeit, in der ich den Eindruck habe, ich hocke von Gott, den Menschen und allen guten Geistern verlassen in einer Zeitschleife und in Einzelhaft gefangen in meinen vier Wänden, kaum erträglich. Wie jemand in diesen Tagen Optimismus ausstrahlen kann, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich schleppte mich durch den schier end- und hoffnungslosen Januar, den irgendwie auch der Februar noch nicht beendet hat, funktioniere mehr, als dass ich handle. Meine ohnehin wenigen  Kontakte tendieren gegen 1 (Das ist Frau Klammerle, der ich gerade ein wenig auf die Nerven gehe). Ich esse und trinke viel zu viel und starre gefühlt stundenlang in den Regen hinaus oder in mein Smartphone. Doch weder in meinem Garten, noch im Internet tut sich etwas – überall herrscht nur Leere und Ödnis; es wird früh dunkel und spät hell. Ich werde vom Wetter und vom Internet geghostet. Die Kraft, mich hier aus meinem Fegefeuer herauszuwinden, schwindet mit jedem Tag, den ich gezwungenermaßen im Lockdown verbringen muss.

Und ich bemühe mich wirklich, mich aus diesem Sumpf zu befreien – Zeit habe ich ja. Mein Erzählungsband »Stromausfall« ist beinahe fertig und ich hoffe, ihn nach dem Lektorat im März veröffentlichen zu können. Ich schreibe regelmäßig an meinen neuen Romanen »Die Bücherkeller des Vatikans« und »Mánis Fluch«, die mir beide gut von der Hand gehen. Von ihnen habe ich bereits gut 30.000 Wörter, also fast 150 Seiten geschrieben und wenn ich in diesem Tempo weitermache, beende ich die Romane im Sommer, bzw. im Herbst.

Ich habe für meine Fantasy-Saga »Brautschau« eine WordPress-Site eingerichtet und viel Zeit in ihre Erstellung investiert, Illustrationen und Landkarten gezeichnet, dazu eine Wiki begonnen und Texte und Videos und ein Logo erstellt. Man kann dort Leseproben aus allen Brautschau-Romanen lesen und den kompletten Anfang von »Mánis Fluch«. Ich habe die Site siebenhardt.wordpress.com exzessiv in Facebook, Instagram, Twitter, youtube und bei Freunden und Verwandten beworben. Anzahl der Besucher von siebenhardt.wordpress.com in den letzten zwei Wochen: 0. (2)

Aber ein Traum, den privaten Blog und Schriftsteller-Tagebuch, auf dem du dies gerade liest, führe ich seit Mai 2013 und ich habe in den acht Jahren über 1000 Artikel für ihn geschrieben (und die besten in zwei Bänden als Taschenbuch und als E-Book veröffentlicht). Auch hier habe ich regelmäßig geschrieben und etwa 100 Seiten von dem 4. Geltsamer-Roman »Die Bücherkeller des Vatikans« vorveröffentlicht. Anzahl der Besucher auf dieser Site in den letzten zwei Wochen: 4. (Die Spammer und Suchmaschinenbots sind wieder abgezogen).

Ich habe in den letzten Jahren 13 Bücher von mir im Eigenverlag veröffentlicht und biete sie in allen Buchhandlungen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum an. Sie gibt es als Taschenbuch und als E-Book. Die Preise sind so gestaltet, dass sie gerade so meine Unkosten decken. Ich bewerbe sie täglich auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung stehen und mache regelmäßig Online-Lesungen und stelle sie auf youtube. Anzahl der Käufer meiner Bücher im Januar: 0. Ich lese, rezensiere und bewerte immer wieder auch die Bücher anderer Autoren und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anzahl der Rezensionen oder Sternchen meiner Bücher im Januar: 0. (3)

Ja, ich weiß, ich jammere zu viel in dem Feuerloch, in dem ich gebrutzelt werde. Aber ich finde, ich habe wirklich allen Grund dazu. Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich bin und bleibe vollkommen erfolglos. Als Schriftsteller habe ich vollkommen versagt.

Dein Nikolaus.

PS. Wenigstens hat heute das Wetter ein Einsehen und ist fast frühlingshaft schön. Sollte die Zeitschleife doch noch ein Ende finden und sich die Türen meines Purgatoriums öffnen? Mein lieber Kollege und Freund Jean Paul hat mal gesagt, dass es der Vorteil des Frühlings sei, genau dann zu kommen, wenn man ihn am nötigsten hat. Vielleicht sollte ich hinaustreten und dabei nicht alle Hoffnung fahren lassen. Und ich verspreche hiermit feierlich: Mein nächster Blogartikel wird wieder ein lustiger. Versprochen!

_____________

(1) Ein paar Bücher gibt es, die sind in aller Munde und jeder behauptet, sie zu kennen. Doch mir bleiben sie einfach verschlossen und ich bringe weder die Kraft noch den Mut oder gar die Freizeit auf, sie zu lesen. Die »Göttliche Komödie« habe ich im Gegensatz zur »Menschlichen« von Balzac niemals gelesen, obwohl ich sie inzwischen sogar in zwei verschiedenen Ausgaben im Bücherschrank habe – als reich illustrierte Prosaübersetzung und in den originalen Terzinen. Beides ist für mich fast unlesbar, obwohl ich auch harten Stoff gewöhnt bin und ich wirklich den Wunsch habe, absolut jedes Buch zu lesen. Ähnliche Hürden sind z. B. Proust, Musil oder Joyce, obwohl diese, wenn ich sie mit Dante vergleiche, beinahe Zeitgenossen sind. Oh, Boccaccio, Ariost, Machiavelli und viele andere Renaissanceautoren habe ich mit Vergnügen und Gewinn studiert, ich habe auch Dantes Vorbilder (Homer, Vergil etc.) gelesen, aber Dante selbst … nein, der geht gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Söhnen habe ich nicht einmal das Computerspiel gezockt, das auf der Divina Commedia beruht.

(2) Ausnahme sind natürlich die Drecks-Spammer. Diese Pest überschwemmt mich überall im Netz. Jeden Tag beginne ich damit, den Mist zu löschen, Pornobots und Betrüger zu blockieren. Auf Instagram z. B. werden 3 % aller Zugriffe auf mein Konto von heiratswilligen Frauen von der Elfenbeinküste aus getätigt. Gerade wurde ich beim Schreiben unterbrochen, weil die Meldung aufploppte, dass mir auf Facebook ein Mädel folgen will, das mir irgendwelche »pics« von sich schicken will. Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie mich das nervt!

(3) Anderen geht es noch schlimmer: Eine Autorin, die ich über Instagram kennenlernte, hat 350 Exemplare ihres Romans „Liliensommer“ verschenkt und sich dadurch in erhebliche Unkosten gestürzt. Sie hat eine einzige 3-Sterne-Rezension bei Amazon bekommen. Es ist manchmal unglaublich, wie arrogant Leser mit Autoren umgehen. Sie wollen unsere Werke – wenn es geht, kostenlos – aber mit den Schriftstellern wollen sie nichts zu tun haben. Der Autor ist dem Leser unsympathisch, denn er adoptiert das Werk und argwöhnt, dass dessen Schöpfer ein Konkurrent ist, der den Besitz wieder zurückverlangt. Manchmal habe ich auch das Gefühl, die Leser denken, wir existieren nicht in Wirklichkeit und sind nur Ausgeburten unserer eigenen Fantasie.

26.01. Die Nebenwirkungen des Heimbüros …

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Dienstag, 26.01.21

Liebe Leserin,

Homeoffice (1) ist ja in aller Munde. Auch wenn Frau Klammerle als examinierte Intensiv-Krankenschwester über diese Diskussion nur bitter lächeln kann, wenn sie mal wieder in Schneetreiben und Finsternis zu Frühschicht oder Nachtwache antritt. Aber sie ist ganz im Gegensatz zu mir gesellschaftlich relevant, wurde schon zweimal geimpft und ist aus dem Gröbsten raus. Meine Autorenarbeit jedoch fand schon immer zu 99 % zu Hause statt. Deshalb war der Corona-Lockdown oder, exakter, -Shutdown (wo kommen eigentlich diese Wörter her?) für mich keine große Umgewöhnung. Er entspricht eigentlich meiner natürlichen Lebensweise. Im Gegenteil, mein Schreibtag ist nun sogar wesentlich strukturierter und ertragreicher. Ich setze für gewöhnlich Abends oder Morgens Texte in meinen Notizbüchern auf, tippe sie anschließend mit meinem neuen Schreibprogramm (2) ab, überarbeite sie, verbessere Fehler und recherchiere im Internet. Am Nachmittag – also jetzt – schreibe ich Blogartikel und arbeite fleißig an meiner neuen Website siebenhardt.wordpress.com. (3)

Ich gebe gerne zu, dass es im Weichbild meines Wohnorts sehr schön ist, wenn das Wetter passt.

Regelmäßig zwingt mich auch Frau Klammerle dann auch – mal mit roher und mal mit sanfter Gewalt, meine Balzac’sche Schreibklause zu verlassen und jagt mich in die gerade tiefverschneiten Wälder rings um Diedorf. Schließlich muss ich ja manchmal ausgelüftet, heruntergekühlt und bewegt werden. Dazu haben wir wieder neu entdeckt, wie sehr es Spaß macht, ein Brettspiel zu spielen und wir kochen jetzt jeden Abend gemeinsam und meist auch lecker. Netflix und Amazon Prime beenden dann den Tag, der meist sehr befriedigend war. Über meiner Nachtlektüre schlafe ich dann ein und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Der Verlust der sozialen Kontakte, der mit dem Lockdown einhergeht, macht mir übrigens wenig zu schaffen, denn ich hatte ja noch nie welche. Nur, dass ich meine Söhne höchstens einzeln und dann nur alle zwei Wochen sehen kann, macht mir ein wenig zu schaffen. Mit dem einzigen Freund, der mir inzwischen verblieben ist, treffe ich mich ab und an in einer Videokonferenz und wir spielen übers Internet Schach. (4)

Gut, ganz so rosig ist alles nicht, denn wir bekommen immer wieder einmal einen Lagerkoller, streiten uns aufgrund von Kleinigkeiten. Ich neige – auch aufgrund des Wetters – zu depressiven Momenten und zu Verzweiflungsattacken, wenn wieder einmal ein Tag vergangen ist und niemand auf meinem Blog oder meiner Website gewesen ist und es mir seit Wochen nicht mehr gelungen ist, auch nur ein einziges Buch an die Frau zu bringen. Frau Klammerle geht auf die Nerven, dass sie nur immer mich sieht, keinen Sport treiben, in kein Café darf und keinen Schaufensterbummel machen kann. Und was uns beiden wirklich, wirklich, wirklich fehlt und uns manchmal in Verzweiflung treibt: Das wäre ein Urlaub.  Doch davon kann man wohl in den nächsten Monaten nicht einmal träumen …

Aber ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Frau Klammerle ist modern. Ihre Hobbys waren schon immer am Puls der Zeit. Als es „in“ war, hat sie Makramee geknüpft, dann einen Seidenmal-Rahmen und passende Farben gebraucht. Sie hat merkwürdige Kunststoff-Fensterbilder gemalt, Joghurt gemacht, Seife gekocht und hielt sich sogar kurzzeitig einen Kombucha. Sie experimentierte mit Serviettentechnik, gärtnert eifrig, macht Objekte aus Weidenholz und ist jeder Backidee aufgeschlossen. Nur Schneidern, Häkeln und Stricken versucht sie zwar ab und an, wird allerdings mit ihren Projekten selten fertig und ist noch seltener mit ihnen zufrieden. 

Dies ist keine weitere Fantasy-Map von mir, sondern ein ofenfrisches Ergebnis von Frau Klammerles neuestem Steckenpferd: Dies ist ein Foto von ihrem genial leckeren Roggenbrot. Sie hat sich kürzlich sogar einen Gärkorb und eine Steinplatte für den Backofen beschafft (auf dem auch herrliche Pizzen entstehen). Der (noch namenlose) Sauerteig, der jetzt seit ein paar Monaten im Kühlschrank wohnt, ist inzwischen eine Art zweites Haustier geworden, das wenig Ansprüche stellt und mich nicht wie eine gewisse Katze morgens um 06:00 Uhr weckt, weil es Hunger hat. Ein Löffel Mehl in der Woche reicht ihm.

Und deshalb gibt es als jetzt als Frühstück oder kleinere Zwischenmahlzeit immer noch ein leckeres Marmeladen- oder Käsebrot, bevor ich den Schreibvormittag starte. Ganz ehrlich: Das ist das beste Hobby, das meine Frau jemals pflegte und ich hoffe, dass sie es nicht wie manche andere zur Seite legt und in einer Kiste in ihrem Arbeitszimmer versteckt.

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(1) Homeoffice ist wie Handy übrigens mal wieder einmal ein „denglischer“ Begriff, d. h. niemand außer den Deutschen benutzt ihn. In den USA ist es einfach working at home und ich frage mich, wer den Ausdruck erfunden hat und warum man nicht „Heimarbeit“ oder meinetwegen „Heimbüro“ verwendet kann.

(2) Nach langem Zögern habe ich mich dazu durchgerungen, mir das Schreibprogramm „Papyrus Autor“ zu gönnen, das sich direkt an Schriftsteller wendet. Das Schreiben mit der kostenlosen LibreOffice war nicht unbedingt schlecht, zumindest besser als mit dem grausamen Word. „Papyrus“ hat zwar einigen unnötigen Schnickschnack an Bord, aber auch einige Komfortelemente wie z. B. den Dudenkorrektor oder eine direkte und ordentliche E-Book-Exportfunktion, die ich inzwischen zu Schätzen gelernt habe. Das ideale Schreibprogramm für Autoren gibt es ebenso wenig wie die ideale Kaffeemaschine.

(3) Ich bin dabei, den Prologroman „Mánis Fall“ zu schreiben und noch viel mehr Landkarten für die Site zu erstellen. Ich habe sie inzwischen auch mit einer Wiki verknüpft, auch wenn diese noch keine nennenswerten Einträge hat. Ich glaube, die Online-Brautschau-Enzyklopädie der Jenseitigen und Überlebenden Lande wird eine Aufgabe für meine Rente. Wer trotzdem schon einmal reinschnuppern möchte: Hier ist der Link.

(4) Und, ja, er gewinnt immer, so, wie Frau Klammerle beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“. Er war auch früher in dem Spiel besser als ich, aber heute bin ich mit dem langsamen Nachlassen meiner Gehirnleistung chancenlos. Nebenzu: Warum nennen Politiker und Journalisten im Fernsehen eine Online-Konferenz immer eine „Video-Schalte“? Schalte! Was ist das für ein doofes Preußenwort, das mir jedesmal Kopfschmerz bereitet, wenn ich es höre. Hat es etwa der selbe Mensch erfunden, dem wir auch die Homeoffice und das Handy verdanken?

17.01. Mánis Fall und die Dramen der Natur

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Sonntag, 17.01.21

Liebe Leserin,

ich kann mir gut vorstellen, dass ich dir mit meiner penetranten Werbung für meine neue Internet-Präsenz

Brautschau – Zeit muss enden

inzwischen ein wenig auf die Nerven gehe. Aber ich hoffe eben, dass ich mit meiner Werbung nicht nur dich, chinesische Suchmaschinen-Bots und all die 100.000 Spammer erreiche, die mir mit nervtötender Penetranz Onlinecasinos und Pornographie anpreisen. Vielleicht gelingt es mir ja, auch jemanden anderen von hier auf meine andere Site zu locken. Denn das Angebot dort ist einfach zu gut, um es ablehnen zu können. Gerade erst gestern habe ich dort den Anfang meines neuen Romans „Mánis Fall“(1) vorveröffentlicht. Er ist der Einstieg in meinen Brautschau-Zyklus, von dem ich bereits drei dicke Bücher herausgegeben habe. Obwohl am Anfang einige der Hauptfiguren der Saga auftreten, kann „Mánis Fall“ ohne Vorkenntnisse gelesen werden, da er Ereignisse schildert, die sich fast 6000 Jahre vor der Haupthandlung ereignen. Ich will den Roman, der mehr Science-Fiction als Fantasy ist, noch in diesem Jahr veröffentlichen.

Ich habe den deprimierenden Lockdown der letzten Wochen dazu genutzt, fleißig an meinen Texten zu arbeiten und auch unendlich viel Arbeit in die Brautschau-Site gesteckt. Dass ich überhaupt keine Rückmeldungen oder Kommentare bekomme und die Romane nicht gekauft und nicht gelesen werden, das lässt mich schon ein wenig verzweifeln. J.R.R. Tolkien würde N.M. Klammer lesen. Warum nicht auch du?

In der letzten Woche hat sich mal wieder ein Drama in mehreren Akten ereignet. Im Mittelpunkt stand wie in den meisten Fällen, wenn es im Klammerschen Haushalt dramatisch wird, meine Katze Amy. Als ich am Mittwochmorgen aufstand und mich mit viel Kaffee selbst in den Tag schupsen wollte, bemerkte ich, dass sie schon die ganze Nacht unbeweglich und ausdauernd vor meinem Kaminofen (2) in Lauerstellung war.

Da es regelmäßig geschieht, vermutete ich gleich, dass sich die ältere Katzendame mal wieder etwas zum Spielen und Naschen mit in die Wohnung geholt hatte, das ihr dann entkommen war und sich im Ofen verbarg. Ich entfernte also die untere Abdeckung und fand eine putzmuntere Feldmaus, die sich dort recht behaglich eingerichtet hatte. Halten Feldmäuse eigentlich keinen Winterschlaf? Leider entwischte das putzige Tierchen (Frau Klammerle sieht sie etwas differenzierter als ich) und kletterte höher ins Innenleben des Ofens, wo sie für mich unereichbar war und mir wahrscheinlich eine Nase drehte.

Also stellte ich eine Falle auf. (3) Leider entschied sich die kleine, hübsche Maus in der darauffolgenden Nacht, mein Rettungsangebot zu ignorieren und stattdessen ihre neue Umgebung zu erkunden. Amy war jedoch noch immer auf der Lauer. Es gab kurz nach Mitternacht einen kurzen Krach im Wohnzimmer, dann herrschte Ruhe. Am nächsten Morgen fand ich nur noch eine stolze Katze vor. Die Maus ist seitdem verschollen. Ich habe nicht einmal einen Rest von ihr gefunden.

Und die Lehre daraus? Tja. Lieber in einer Falle gefangen, als in Freiheit gefressen? Gehst du nicht in die Natur, dann kommt sie zu dir? Keine Ahnung. Auf jeden Fall habe ich gerade in meinem Gärtchen ein Denkmal für die beiden Helden meiner kleinen Geschichte aufgestellt.

Ach, ja! Du hast es gesehen. Es schneit. Vier Wochen zu spät, aber immerhin. Und ich kann ihn genießen, da ich momentan das Auto nicht bewegen muss. Und ja, ich habe gerade auch viel Spaß daran, Videos zu machen und zu bearbeiten. (4)

Ich wünsche dir in dieser bewegungslosen, erstarrten Zeit einen schönen und besinnlichen 8. Adventssonntag.

Bis zur nächsten Woche, dein Nikolaus.


(1) Ein wenig Nerd-Wissen, falls du neugierig bist: Máni ist in der nordischen Mythologie der Gott des Mondes. Er findet in der nordischen Dichtung und selbstverständlich auch in der Edda Erwähnung. Während Ragnarök, also am Ende aller Zeiten, wird er von dem Wolf Hatti verschlungen.

(2) Winter, Schneefall, ein bullernder Holzofen, Glühwein, ein fetter Roman, Frau Klammerles selbstgebackene Leckereien … Kann das Leben im Lockdown schöner sein?

(3) Selbstverständlich eine Lebendfalle. Ich bin ja Vegetarier und kein Unmensch. Ich habe in dem Ding schon mehrere Mäuse gefangen (der beste Köder ist Marzipan oder, wie sind ja in Bayern, altbackene Brezelbrocken). Wir hatten Anfang letzten Jahres für drei Wochen eine Maus hinter dem Kühlschrank, die mir die Vorgängerfalle zuverlässig leerfraß, sich aber nie fangen ließ. Ich vermutete zuerst, das Tier sei sehr clever. Aber in Wirklichkeit war die Falle defekt. Die neue hatte ich keine zwei Stunden aufgebaut, als ich die Maus schon gefangen hatte und sie auf dem nächsten Acker aussetzen konnte.

(4) Ich weiß, ich bin lästig mit meiner Werbung. Aber bei der Gelegenheit möchte ich dich noch einmal auf meinen Youtube-Kanal aufmerksam machen, auf dem ich aus meinen Romanen lese.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – VIER

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

<– zum 3. Teil

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war daheim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnachtlichen Kanälen, Ort seiner Aufzucht und der ersten Trottversuche … er war ihm vertraut. Er erschnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefielen. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter seiner Weihnachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meister, der alte Karlnalrumpelstilz, auf die Mission geschickt, den Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der ›gehörnten Raben‹, diesen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkelbaum vor dem Karlnickelkönig zu bewahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den alten aufregenden Tagen, als er noch für die Bescherung der Straßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf dessen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errichtet war.

Sich Rabenhorn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewesen, da sich dieser ja vor großen Hunden fürchtete. Also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäßigen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort geduldig ausgeharrt, bis der Schreiberling auf dem vor Liebe blinden Weg zur Marie-Theres Kienbauer buchstäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die sentimentalen Bücher des Schriftstellers über den tierlieben Zauberlehrling ›Edwin Edgard‹ gelesen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hinterlauf nachziehen und er schon hatte gewonnen: Friederbusch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schichtkohl und seiner Marie-Theres naschte, diktierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Geschichte vom ›Weihnachtshund‹. Friederbusch schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungsfaden wieder vergaß. Er war glückselig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen bescherte. Nie wurde ihm bewusst, wem er die Einflüsterungen in Wirklichkeit verdankte, dass seine Muse ein 200 Pfund schwerer Weihnachtshund war. Er wunderte sich nur jeden Morgen über sein nasses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der naive Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbauer-Verlag und nahm seinen Hund tatsächlich mit zu Rabenhorn, um gemeinsam mit ihm Überzeugungsarbeit zu leisten. Womit Karl-Heinz allerdings nicht gerechnet hatte, war der zweifelhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fieberwahn vom Schreibtisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Rabenhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stoppte Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich ergehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bisher an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, gegen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestrigen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hatten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fängen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüttelte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfäden zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen!

Er lauschte in die sich verzweigenden Gänge und vernahm tatsächlich aus dem Rechten einen fernen, jammernden I-Ah-Gesang, der ihm sehr vertraut war:

»Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!«

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerrte – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Özgür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu folgen. Er schnüffelte durch die farbenfrohe, von Kerzenleuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnallenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen gepackt und sich selbst mitten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abgespreizten Fingern aus dem Schnee.

»Da war wohl jemand schneller als wir. ›Hinfort, du schnöder Gallert‹«, bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt Übelkeit erregendem Inhalt zur Seite. Rabenhorn sah anerkennend zu dem Türken. ›King Lear‹, dachte er, 1. Akt, 7. Szene. ›Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.‹ In diesem Moment wurden seine Gedanken von einem schmelzenden Gesang unterbrochen, der ganz in der Nähe erklang:

»Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.«

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, als er vorwärts stürmte. Rabenhorn, noch immer mit dem Weihnachtshund durch die Leine verbunden, flog hinterher. Ömer folgte den beiden langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den beiden trat er aus dem engen Gang in eine hohe und große Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbesitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es entzog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Schneehügeln waberte. Ömer kannte diese von mächtigen Fackeln erleuchtete Höhle. Erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnalrumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Horden gekämpft und gerade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Marie-Theres, den Esel und den alten Meister dabei im Stich lassend! Irgendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dönerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ur-u-rur-ur-ur-Ahn des Lektors. Er lehnte mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel, der jämmerlich weinte und i-ahte. Karl-Nickel blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Körper und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herab beugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte seinen Nachfahren zu sich heran.

»Nun bist du doch wieder gekommen«, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzurichten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. »Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Ich sehe erfreut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre …« Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläschen bildeten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

»Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Waldes auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewaltiger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwischen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebildet hat, in der wir uns jetzt befinden … Damals erprobte ich in meinem Wahn meine alchemistischen und chymischen Erkenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufällig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wandersmann fraßen. Später dann, als über uns die Stadt Bromberg entstand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schutze der Menschen allhier meine Weihnachtshunde und manchmal auch einen Christmasdonkey …« Das Grautier hinter dem Karlnalrumpelstilz zitterte und seufzte auf.

»Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me«, er tätschelte beruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag. Er wand sich wieder an Rabenhorn, der ihm atemlos lauschte.

»Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karlnickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Bromberg – er blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel vermehrten sich, sammelten sich, verknoteten sich, umwimmelten, verbissen und verbanden sich und wurden zum großen Karlnickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Rabenhorn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wurzeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlnickelkönig die letzten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Himmel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Menschen und das Land. Und das am Heiligen Abend! Das geht doch nicht.«

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nachfahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brannte sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vorfahren mitrufen hören.

»Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschlagen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zerschlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!« Der Kopf des Meisters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

»Aber …«, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karlnalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

»›Aber‹ ist kein Wort, das kein Rabenhorn kennen sollte. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Monsterkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!«

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlossen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Singin’ Sam sang:

»Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …«

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magische Schwert. Es lag nur wenige Schritte entfernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wange.

»Biz gitmek«, sagte der Türke, »lass uns gehen …« Rabenhorn nickte. Der Würfel war gefallen.

»Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum, Bromberg … und die ganze Welt!«

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dichten, beißenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winterwunderwelt des Karlnalrumpelstilzchens lastete. Sie wurden von ihm verschluckt. Nebeneinander, nur durch eine Hundeleine miteinander verbunden, gingen stumm und entschlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch niemand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude ›Traum vom Bosporus‹. Oh, er hielt seinen Dönerspieß wie einen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis gestreckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Daneben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weihnachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubeißen fletschen und schwere Walnüsse aus seinem Sack schleudern konnte und an seiner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zuschlug und dessen Gesang die Reihen des Feindes zum Erzittern bringen konnte. Das Grautier, das trotz seiner Vorliebe für Weihnachtspunsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Rudolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von »Auf in den Kampf, Torero« vor sich hin.

Die drei mutigen Recken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des edlen Geschlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir getauchten Schwertes geklammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mutige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von demselben abgekommen wären, erklangen direkt voraus dumpf klatschende Geräusche. Es waren ein paar farbige Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich endlich etwas lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung annahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Brise die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Helden waren an ihrem Ziel angelangt: An dem Nest des großen Karlnickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllenvulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In seiner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fetten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Ohren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Boden herabhingen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feuer und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ihnen seinen schwarzen, behaarten Rücken zuwandte – diese Grube musste direkt unterhalb des großen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht angeschlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeutung wusste, die Weihnachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermächtigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten seine Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ihnen herüber. Seltsam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlgestank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

›Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahrscheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit gekocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‹, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:

»Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!«

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnupperte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Dönerbude und ein heftiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augenblinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhängeschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürzte zu seiner Verblüffung eine ziemlich derangierte, aber vollkommen unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

›Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‹, dachte Rabenhorn, ›aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‹

Seine Nackenhaare standen plötzlich empor, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Geräusch, als würde sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewalthieb gemacht, hatte die Aufmerksamkeit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug.

Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkelbaum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein verschüttet und die Bratwürste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dünne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstürzen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharfzahnige und zähe Biester, die sich unvermittelt mit einem Aufschrei auf die Helden und die gerettete ›Jungfer‹ stürzten.

»Das wird jetzt übelst derbe, Bro«, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als ›Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen‹ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflichtlektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stelle nicht erneut erzählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Imbissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte.

Er zog eine kleine Pfeife hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Recken von den Massen der Karlnickel aussichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleudernd, genähert hatte. Seltsam – nichts war zu hören … und doch!

»In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …«, zitierte Ömer mal wieder seinen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. »Dass diese Schandtat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestattung ächzt!«

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hatten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Theodor, der Winsler, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Carlos-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbeinige Dackel. All die anderen Weihnachtshunde mit ihren roten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam.

Ihr Kriegsgesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösartigen Karlnickel-Armee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett staunend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem absurden Theaterstück beiwohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Ärmel.

»Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?«, fragte er.

»Du kannst sprechen?« Rabenhorn nickte. »Karlnickelklar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?« Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlassen vor seiner Feuergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Untertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

»Dann komm«, sagte der Held von Bromberg zu seinem treuen Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsame Schwert und trat dem Monster entgegen, »retten wir Weihnachten.«

Tiefe Zuversicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrennte er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in panisch umherirrende, gegeneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

»Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo«, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behandeltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten keine Blutfontänen, sondern unzählige Karlnickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötzlich wieselflink davon flitzenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus seinen fliehenden Untertanen geformt gewesen waren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu trennen.

»Halt ein!«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbissen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wirbelten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karlnickellaus-Rumpelstilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig, auch wenn sie ein heller Lichtschein umgab. Rabenhorst fühlte sich an das Ende von StarWars VI erinnert.

»Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!«, schluchzten die beiden. »Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll …

ENDE

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel‹ zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreibtisch und sah zum Panoramafenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen dämmerte es und in den Häusern unten in der Stadt erstrahlten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es dicke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Friederbuschs neuestem Werk arrangiert hatte und er einsah, dass ein erfolgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hingeschlachtet hatte – wahrscheinlich waren dies die Nachwirkungen der Trennung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden besser; schließlich hatte er persönlich, der große Jan Philipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachtshundes nach Jahren der Schreibblockade selbst verfasst. Aber irgendetwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor seiner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Geschichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hinein schreiben. Es war etwas anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hatte. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Rabenhorn mit seinen geheimnisvollen, tiefen Augen fixierte. Da verstand er:

»Du hast recht, Karl-Heinz«, sagte er zu dem zustimmend nickenden Tier, »jetzt weiß ich, was ich vergaß.«

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Leser, der du mir tatsächlich bis hierher auf die Seite 78 gefolgt bist – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich verzapfte:

»Gesegnete und Glückliche Weihnachten!«

ENDE