Aber ein Traum …

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Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Noch einmal daran gedacht – Ein Buch nimmt Form an

Vor zwei Jahren habe ich den Glossen- und Essayband „Noch einmal davon gekommen“(1) veröffentlicht, von dem ich als einziges von meinen veröffentlichten Büchern ab und an mal ein Exemplar verkaufe und das bei allen seinen Lesern durchweg gute Kritiken bekommen hat. In dem Band habe ich die heitersten und unterhaltsamsten Texte aus fünf Jahren „Aber ein Traum“ versammelt. Das sind etwa dreißig von annähernd tausend Artikeln, die ich hier im Lauf der Zeit veröffentlichte.

Für den Herbst plane ich nun einen weiteren Band. Er wird „Noch einmal daran gedacht“ heißen und etwas ehrgeizigere Blogtexte beinhalten. Im Allgemeinen sind das Essays zur Literatur und der eine oder andere lyrische Moment. Dazu kommen im Speziellen autobiografische Erinnerungen und belletristische Texte, die sich direkt auf diese wahrgelogenen Memoiren beziehen. Ihr Überarbeiten und Ergänzen nimmt mich gerade stark in Anspruch und schiebt sich vor alle anderen literarischen Projekte, an denen ich in meiner Werkstatt auch noch feile. Gerade die Texte, die sich mit dem Wahrlügen beschäftigen und – wie der Titel schon sagt -, halb biografisch, halb fiktiv sind, jedoch exemplarisch deutlich machen, aus welchem tiefen Brunnen ich meine Literatur schöpfe, verlangen meine volle Aufmerksamkeit.

Um noch einmal deutlich zu machen, worum es mir dabei geht, hole ich heute den (überarbeiteten) einleitenden Text zum Thema aus den Blogarchiven wieder nach oben und werde in den nächsten Wochen weitere wahrgelogene Erinnerungen aus den Tiefen des Blogs und auch ein paar weitere, die neu für das Buch entstanden, an dieser Stelle vorveröffentlichen. Ich hoffe, es gibt den einen oder anderen Leser, der mir auf diesem Weg folgen möchte.

Das Wahr-Lügen
und
das Wahre lügen

Es klingt nach einer Binsenweisheit: Autoren sind Geschichtenerzähler; aber wir lieben die Geschichten von Schriftstellern für ihre Lügen, nicht für ihre Tat­sachen.

Gerade, wenn sie behaupten, sie würden die Wirklich­keit nun wiedergeben oder jetzt endlich die ungeschminkte Wahrheit erzählen, ist äußerste Vorsicht geboten. Freilich hat jeder Text ganz zwangsläufig einen autobiografischen Anteil, wie sich auch etwas von mir in meiner überaus köstlichen Stachelbeer-Marillen-Marmelade befindet, die ich gekocht habe.

Aber der Autor versteckt und verbirgt sich und leugnet, spielt Vexierspiele und Scharaden. Was er ausgewählt und für erzäh­lenswert betrachtet, presst er durch das engmaschige Netz seiner Persönlichkeit und Meinungen. Nur manchmal ist ihm das bewusst, häufiger arbeitet beim Schreiben fleißig sein Unterbewusstes für ihn: Er lügt, ohne sich der Lüge bewusst zu sein. Oft weiß sein Pu­blikum das und fordert es auch von ihm. Ein schönes Beispiel dafür sind die „Papillon“-Bücher von Henri Charrière. Sobald der autobiografische Protagonist in seinen Erinnerungen nach unzähligen Abenteuern und Fluchtversuchen die Teu­felsinsel verlassen hat (auffallenderweise enden die beiden Verfilmungen an dieser Stelle) und der französische Autor von einer überprüfbaren, näher am Jetzt liegenden Zeit erzählen muss, wird alles merkwürdig langwei­lig, was er noch zu berichten weiß und erlebt hat. Wir lieben dieses Buch für seine Lügen, nicht für seine Tatsachen.(2)

Es darf dem Autor aber nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn er hat gar keine andere Wahl. Selbst wenn er sich müht, die Dinge so abzubilden, wie sie sind, sind sie doch in seinen Erinnerungen nur die Schattenbilder, die ein flackerndes Lagerfeuer an die unregelmäßigen Wände der Höhle wirft. Ohne weiter Platon bemühen zu wollen: Er­zähltes ist die Abstraktion einer Abstraktion; sozusagen eine Idee 2. Grades. Der Le­ser kann nie das sehen, was der Autor erblickte – und wer weiß schon, ob die Augen des Schriftstellers wirklich die gleichen Dinge wie sein Publikum sehen. Viel­leicht ist seine Welt so weit von der seiner Leser ent­fernt, dass nur mehr die Sprache eine unzulängliche, wacklige Brücke zwischen ihm und ihnen bilden kann. Das ist ein wenig wie die Kluft zwischen Mann und Frau; die ist genauso tief und nur durch Worte oder Liebe kurzfristig überbrückbar.

Trotzdem ist die Erzählung des Autors auf einer an­deren Ebene ebenso wahr, wie sie – objektiv! – falsch ist. Wahrheit kann auch durch Lügen entstehen; zum Beispiel, wenn es darum geht, über die eigene Kind­heit zu berichten. Zu unzulänglich sind die Erinne­rungen, zu groß die Lücken. Zu oft täuschen uns auch die Berichte älterer Menschen, die ebenfalls wahrlügen, Zeiten und Orte vermischen sich, wichtige Personen verlieren sich zu undeutlichen Konturen und jeder Befragte erinnert sich anders. Manche unserer Erinnerungen bilden wir uns nur ein, wie die Gehirnforscher heute wissen. Sie können gemacht werden, wenn man sie nur oft genug eingeredet bekommt.

Ein Beispiel: Der – von mir mal abgesehen – einzige Künstler in meiner nahen und auch ferneren Ver­wandtschaft war ein äußerst erfolgloser Kunstmaler, der Werner Nebler hieß und dessen Atelierwohnung in der Annastraße in Augsburg ich als Fünf- oder Sechsjähriger gegen Ende der 60er Jahre – näher lässt sich das nicht mehr einschränken – mit meiner heute schwer de­menzkranken Mutter besuchte. Es ist außer dem einen oder anderen Familienfest das einzige nähere Zu­sammentreffen mit ihm, an das ich mich erinnere. Er ist nur wenige Jahre später verstorben.

Ich musste den dürren, kleinen und kahlen Mann mit den spitzen, rosigen Ohren „Onkel Nebler“ nen­nen, obwohl ich sein Großcousin 2. Grades war und ihn sonst nur zum Geburtstag meines Vaters sah, zu dem er immer eingeladen wurde. Der „Onkel Nebler“ eben. Das wurde nicht hinterfragt. Die abgehakten, dabei ausufernden Bewe­gungen des kleinen Mannes erinnerten mich an einen Kakadu, den ich aus dem Vogelhaus des Augsburger Zoos kannte. Überhaupt war er eine heitere, flaumige und vollbär­tige Persönlichkeit, der Haarbüschel aus den Ohren, aber nur wenige auf dem Kopf wuch­sen. Nebler war ein klassischer Hungerkünstler, der zu Familienfeiern kleine See- und Waldstücke ver­schenkte, die er zu diesem Zweck eigens anfertigte. Jeder in meiner Familie hat noch den einen oder an­deren „echten Nebler“ in der Wohnung hängen oder verschämt hinter Kisten auf dem Dachboden verbor­gen. Wertvoll werden diese Bilder allerdings nie mehr; sie sind nicht einmal besonders geschickt ge­malt.

Eine Zeitlang pinselte unser Familienkünstler für das Capitol-Kino hinter dem Merkurbrunnen großformatige Filmplakate auf Sperrholzgrund, die über dem Kinoeingang in einem eigenen Rahmen weithin sichtbar Werbung für den gezeigten Streifen machten. Obwohl das Capitol in­zwischen den Multiplexkinos gewichen und zuerst in eine Tanzbar, dann in ein gutbürgerliches Lokal um­gewandelt wurde, gibt es diesen von steinernen Grazien eingefassten Rahmen über den Türen noch immer, auch wenn inzwischen ein Fenster in ihn eingepasst wurde. Nebler benutzte für seine Plakate die Standfotos aus den Filmen, ergänzte sie durch exotische Hintergründe eigenen Entwurfs, den Film­titel, die Hauptdarsteller und die Vorführzeiten. Of­fenbar machte er jedoch Mitte der Fünfziger den Feh­ler, Gordon Scott als Tarzan nur mit einem Lenden­schurz bekleidet darzustellen. Die Moralvorstellun­gen der Augsburger ließen das damals nicht zu und so verlor er diesen Beruf als Kinomaler. Also dilettierte er weiter seine röhrenden Hirsche, seine schönen Zigeunerinnen, die Bergidyllen und seine heimlich trinkenden Mönche, die sich allesamt kaum verkauften.

Onkel Nebler, den die Erwachsenen grundsätzlich „der Nebler, Werner“ nannten, mit einer kurzen Pau­se nach dem Familiennamen und das „Werner“ wie eine Frage formuliert, wohnte während des Krieges im Haus meiner Großeltern väterlicherseits. Als Opa als Soldat an der Front war, gebar meine fröhliche und überaus lebenslustige Großmutter nach zehn Monaten meinen Onkel Rolf, der 17 Jahre jün­ger ist als mein Vater. Onkel Rolf sieht ihm und auch dem Großvater nicht ähnlich …

Die Atelierwohnung war im Dachjuchhe und eng und niedrig; angefangene Bilder lehnten gegen die Dachschrägen. Für mich als Kind war das Beein­druckendste in dem Atelier eine H0-Dampflock mit drei Waggons, die auf ihren Schienen direkt auf dem schmutzigen Parkett eine große Ellipse um die Staffe­lei zog.  Das Werk, an dem er im Brennpunkt der Gleise malte, war eine Ansicht des Hamburger Ha­fens. Ich wurde eine Weile mit ihm im staubigen Ate­lier allein gelassen, während meine Mutter mit seiner Frau in der Nähe ins Café Bertele ging. Große, hohe Fenster ge­währten einen wunderschönen Blick über die bunten Dächer der Innenstadt und auf die strenge evangelische Moritzkirche. Das war ein Ausblick, den er merkwürdigerweise nie gemalt hat, der mich aber mehr faszinierte als die flachen Ölgemälde, die penetrant nach Petroleum und Ölfarben stanken, ein Geruch, der auch an Onkel Nebler hing, als wäre er ein Teil von ihm. Ich setzte mich zu ihm an einen über und über mit Farbresten bekleckerten Tisch, machte mich dabei ordentlich schmutzig und sah ihm beim Malen  und der Dampflok beim Rundenziehen zu oder folgte mit meinen Blicken den Schwalben, die draußen vor dem Atelier pfeifend ihre kühnen Runden drehten. Mir war langweilig, aber ich blieb still, denn ich wollte nicht stören. Irgend­wann drehte er sich zu mir, mich gleichsam wieder entdeckend, legte seine Palette und den Pinsel zur Seite und wühlte in den Taschen sei­nes grauen Malermantels. Lange kramte er, förderte Kreide­stückchen, Radierer, Kohlestummel zu Tage. Schließlich drückte er mir ein kleines Geldstück in die Hand und vergaß mich wieder. Er wandte sich zurück zu dem winzigen Kirch­turm im Hintergrund seines Bildes, den er mit ein paar flüchtigen Farbpunkten skizzierte. Ich fand es erstaunlich, wie es ihm gelang, diesem Turm mit so wenigen Stri­chen eine glaubwürdige Existenz zu ge­ben.

Als wir später die enge Holztreppe hinunterstiegen, die ebenfalls nach dem Atelier und dazu noch nach Bohnerwachs stank, fragte meine Mutter, was der Onkel Nebler mir denn geschenkt hätte. Erst jetzt öffnete ich meine schwitzige Kinderfaust, in der sich ein silb­riges 50-Pfennig-Stück befand. Meine Mutter sagte: „Das musst du in Ehren halten, für den Onkel Nebler ist das sehr viel Geld. Er ist so ein armer Mann. Das kann er sich als Künstler eigentlich überhaupt nicht leis­ten.“ Ich war beeindruckt und schloss meine Faust wieder. Ich entschied mich, auf keinen Fall Künstler zu werden. Und am nächsten Tag kaufte ich mir für die 50 Pfennig fünf Päckchen mit Klebebildern für mein Tiersammel-Album. Die meisten hatte ich leider schon.

*

Diese Geschichte aus meiner Kindheit habe ich noch nie jemandem erzählt. Aber ist sie auch wahr?

Nun, der Onkel, der bereits 1974 verstarb, hieß nicht Werner Nebler, so, wie ich selbstredend nicht Nikolaus M. Klammer heiße. Er war zwar Kunst­maler und er hatte auch ein Atelier in Augsburg in der Annastraße, aber ich kann mich nicht an den Be­such erinnern, von dem mir einmal meine Mutter be­richtet hat. Sie trank übrigens niemals Kaffee. Ich kann sie leider auch nicht mehr fragen, denn sie wird mir ja nicht mehr antworten. Das mit der Eisenbahn auf dem Boden hat mir meine äl­tere Schwester M. erzählt. Was ich mit dem Geldstück machte? Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich wur­de es in meinem rosa Plastiksparschwein für später verwahrt und landete am Weltspartag auf meinem Konto. Nebler und seine Frau, die putzen ging, waren arm, nahe am Bettelstab und mein Vater hat tatsächlich noch ein paar der unsäglich öden Ölschinken von ihm auf dem Dachboden aufbewahrt, die er ihm aus Mitleid abgekauft hat. Wie der Maler aussah? Ich habe keine Vorstellung, denn ich habe kein Foto von ihm gefun­den. Die anderen Geschichten? Mein Onkel, das Kino, Tarzan? Das waren Familiensagen, teilweise nur leise hinter vorgehaltener Hand geraunt. Die habe ich ir­gendwann gehört, ich habe sie nicht erlebt. Ob sie wahr sind? Ob ich jetzt die Wahrheit erzählt habe? Wer weiß … Denn schließlich gilt ja:

Dennoch, trotz all der Ungenauigkeiten und Vereinfachungen, ist die obige Geschichte aus meiner Jugend nicht einfach nur gelogen und damit nichts weiter als Literatur: Sie spiegelt die Zeit, das Denken und nicht zuletzt mich selbst als das Kind, das ich einmal war, wieder. Und sie erzählt viel über mich, warum ich so bin, wie ich heute bin.

Es ent­stand ein Wahrlü­gen.

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(1) Ich weiß durchaus, dass man davonkommen in der Regel zusammenschreibt. Aber der – wenn er alleine steht – ein wenig missglückte Titel sollte ein Wortspiel und bewusst zweideutig sein; er sollte auch ausdrücken, ich sei noch einmal von den Blogtexten her gekommen. Das ist leider nicht ganz deutlich geworden. Vielleicht schafft ja der Titel des neuen Blogsammelbandes hier etwas Klarheit.

(2) Selbstverständlich gibt es hier auch Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Wenn sich z. B. Autoren, wie sich das unlängst ein paar angemaßt haben, selbst zum Holocaust-Opfer zu stilisieren, obwohl sie nie eines waren, nur um das Interesse und den Verkauf des Buches zu befördern, dann pervertiert dies das Ziel, durch Lügen Wahrheit entstehen zu lassen, und ist eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer.

Dienstag, 09.04.19

Dienstag, 09.04.19

Am Wochenende, das – rein von Wetter her betrachtet – besser war als angekündigt und mich weniger zum Schreiben und dafür mehr zur Gartenarbeit (1) und zum Lesen animierte, habe ich ein neues Wort gelernt. Nein, nicht „kärchern“, sondern „molestieren“. „Molestieren“, das ist fast so schön wie „Dachjuhe“ oder „Ideosynkrasie“, „Socke“ oder „Expropriation“. Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von „molestieren“ ist „belästigen“. Es kommt von dem lateinischen „molestare“ und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867), die es bei mobileread.com auch gratis als E-Book zum Lesen gibt. Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirklich lesens- und empfehlenswerten „Volksbuchs“ des Biedermaiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücherramschkiste gezogen habe und mit denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen ausdrücken würde, seit ein paar Wochen angeregt delektiere.(2) In den „Erinnerungen“ findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzter Satz: „[..] mir ward irgendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spatzen mit der Windbüchse zu molestieren.“ Ich liebe solche altväterlichen Formulierungen, wie sie insbesondere Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt habt. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieblingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Rasenmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen(3) auf meinem frischgestrichenen Deckchair zu unternehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmülltonne, während ich mich gerade zu dichterischen Höhenflügen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter geworden sein, aber sie hat eindeutig an Schönheit verloren.

Aber ich will euch nicht ennuieren.

Amy molestiert mich, weil sie mir mal wieder meinen Platz auf den Deckchair weggeschnappt hat.

*

Ach ja, es ist wieder einmal soweit. Übermorgen brechen Frau Klammerle und ich unsere Zelte in Diedorf ab und verreisen in den hoffentlich sonnigen Süden. Unser alljährlicher Osterurlaub steht an, der uns bei in den nächsten Wochen zum Wandern, Genießen, Radfahren und Entspannen zuerst an den Kalterer See in Südtirol und dann ins Altmühltal führen wird. Dort will ich dann auch die Hauptarbeit am 2. Teil meiner Fantasysaga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, der im Frühsommer in den Buchhandel kommen soll. Mein Blog ruht deshalb bis Anfang Mai. Ich hoffe, ihr werdet mir bis dahin treu bleiben.

Urlaub (Symbolbild)

Aber jetzt will ich euch nicht länger molestieren. Ich wünsche allen Lesern, Followern, Freunden und zufällig Hereinschneienden eine wunderbare, friedliche und genussvolle Osterzeit, fette Schokoladeneier und anregende Begegnungen.

Euer Nikolaus

Dieser leider bereits leicht lädierte Hase ist unverkäuflich und ein frühes Meisterwerk von Sohn Nr. 2.

 

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(1) Unter anderem habe ich meine über den Winter doch arg verschmutzten Sandsteinfliesen meiner kleinen Gartenterrasse „gekärchert“, also mit Hilfe eines Wasserstrahls gereinigt. Es ist ein seltsam befriedigendes Gefühl, eine Fliese nach der anderen mit dem Kärchergerät abzuspritzen, sie von Dreck, grünem Moosbelag und einem hartnäckigen Grauschleier zu befreien. Nun habe ich zwar von der vibrierenden Spritze einen Muskelkater in der linken Hand, aber die Terrasse leuchtet in der milden Frühlingssonne wieder wie neu.

(2) Kügelgen – übrigens ein wundervoller Name, wenn man ihn sächsisch ausspricht – soll im Gegensatz zu seinem Vater Gerhard ein eher mittelmäßiger, pietistischer Maler gewesen sein, aber in seinem Buch macht er Geschichte und das Leben der Menschen während und kurz nach den Napoleonischen Kriegen so lebendig, als wäre  das alles – trotz der antiquierten Sprache – erst gestern geschehen. Zusätzlich erfährt man die interessantesten Dinge: Caspar David Friedrich, ein Freund der Kügelgenschen Familie, malte nackt, Goethe konnte sich vor den Zugriffen seiner Groupies kaum retten und die Kohle von verbrannten Elstern wurde erfolgreich gegen Epilepsie eingenommen.

(3) Ich habe gehört, „Nickerchen“ sei politisch nicht mehr korrekt. Frau Klammerle, die darin ungeschlagene Meisterin ist, meint, man sage jetzt „Powernapping“ und ich habe noch ein weiteres neues Wort dazu gelernt, das ich allerdings wohl eher selten in meiner Literatur verwenden werde.

Donnerstag, 14.03.19

Donnerstag, 14.03.19

TALENTSUCHE!

Okay. Diese Überschrift ist zweideutig. ‚Talent‘ ist nicht unbedingt etwas, das ich dringend benötige. Ein Mangel daran lässt sich gut durch Fleiß und Geduld kompensieren. Und fleißig und geduldig, das bin ich ja, vielleicht auch ein wenig talentiert. Ich weiß allerdings sehr genau, was ich kann und was nicht.

Und malen und zeichnen gehört leider nicht gerade zu meinen Premiumtalenten. Ich präzisiere also:

Gerade wurde mir bei einer Rezension von „Der Weg, der in den Tag führt“ ein ganzer Stern abgezogen, weil das Titelbild so hässlich sei. Schlechter als ich kann es offenbar kaum jemand machen. Meine künstlerischen Versuche auf diesem Gebiet sind – nun ja – zweifelhaft bis erbärmlich. Auch deshalb suche ich verzweifelt eine mehr oder weniger begabte Illustratorin oder meinetwegen auch einen Illustrator für meine „Brautschau“-Geschichten und für ein neues Cover dieser Bücher. Schließlich isst das Auge mit.  Ich kann zwar außer ewigem Ruhm und meiner Dankbarkeit, meiner lobenden Anerkennung und einer Flasche Brunello keine Entlohnung versprechen, aber vielleicht fühlt sich der eine oder andere durstige Künstler davon angesprochen.

Meine E-Mailadresse lautet:
klammer(at)email.de

Übrigens würde ich mich freuen, wenn auch einer der SF-, Fantasy- oder Irgendwas-Schriftsteller dort draußen im Universum mir eine seiner literarischen Schweißperlen als Gastbeitrag zukommen lassen würde. Ich würde mich geehrt fühlen, sie hier glitzern zu lassen.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (3. Teil)

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Der Engel im Spiegel

„Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

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klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

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… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

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„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

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klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

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…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

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