Aber ein Traum …

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Donnerstag, 13.06.19 – Auf gepackten Koffern

Donnerstag, 13.06.19
?. Fastentag, ich zähle nicht mehr mit

 

Nachdem wir gestern wieder aus dem Lechtal zurückgekehrt sind, ziehe ich mal eine kleine Zwischenbilanz. Bis jetzt ist dieser Urlaub so entspannend wie schon lange keiner mehr. Das Wetter war größtenteils schön und die Wanderungen inspirierend. Ich fühle mich wie schon lange nicht mehr im Einklang mit mir selbst und das Leben ist schön. Heute ist ein Zwischentag, um zuhause Blumen zu gießen, den Rasen zu mähen, die Räder herzurichten, ein paar Einkäufe zu erledigen und die benutzte Wäsche zu waschen und die Koffer neu zu packen, um dann morgen in aller Frühe mit einem kleinen Zwischenstopp in Rüdesheim am Rhein in die niederländische Provinz Limburg zu fahren, wo wir die nächste Woche mit Radfahren, Wandern und Städtetouren verbringen wollen. Wir haben es uns inzwischen angewöhnt, größere Strecken nie in einem Rutsch durchzufahren, sondern etwa bei der Hälfte eine Pause von ein-, zwei Tagen einzulegen, damit die Seele hinterherkommen kann und wir nicht als bleiche Zombies an unserem Ziel ankommen. Am Rheinsteig waren wir noch nie. Diese „Rhythmisierung“ hat sich inzwischen bewährt. Am nächsten Sonntag geht es dann auf ähnliche Weise wieder zurück ins heimatliche Augsburg, wobei noch nicht genau feststeht, wo wir pausieren werden.

Außer einigen Büchern(1) werde ich mir auch ein wenig Arbeit in den so fernen Norden mitnehmen. Da ist zum einen der 2. Teil von „Der Weg, der in den Tag führt“, an dessen letztem Kapitel ich arbeite (Ich veröffentliche hier trotz Pause an jedem Sonntag ein Stück von dem Roman – inzwischen kann man etwa 300 Seiten dieses Romans hier lesen) und werde mein Korrekturexemplar von „Nutzlose Menschen“ nach Fehlern durchgehen. Dieses Buch aus meinem „Jahrmarkt-in-der-Stadt“-Zyklus will ich Ende Juli in meinem kleinen, exklusiven Eigenverlag veröffentlichen (Hier kann man ein wenig reinlesen). Ich habe zwar inzwischen keinerlei Hoffnungen mehr, aber vielleicht interessiert sich ja doch jemand für meine Texte.

Der Weg ist das Ziel

Grüße, Nikolaus

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(1) Da ich mich mit meinen Urlaubslektüren immer dem Land anpasse, das ich besuche, habe ich diesmal den „Psalmenstreit“ von Maarten ‚t Hart und „Kriegslicht“ von Michael Ondaatje dabei – wobei letzterer etwas gemogelt ist, da er eigentlich ein kanadischer Schriftsteller niederländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft ist.

Mittwoch, 29.05.19 – Teepause

Mittwoch, 29.05.19
19 (-1). Fastentag

Warum kühlt Kaffee in einer Tasse eigentlich schneller aus als Tee? Und warum geht mir diese Frage gerade nicht mehr aus dem Kopf? Es ist ein amöbenhaftes, geistig recht begrenztes Leben, das ich gerade führe – eigentlich nur eine Existenz. Die Tage plätschern ohne Höhe- und Tiefpunkte dahin und meine Laune ist wie das Maiwetter – unbeständig, wechselhaft, zu kühl. Der Brotberuf nimmt mich gerade ziemlich ran und besetzt den Großteil des Tages; leiden müssen meine Literatur, mit der ich auf der Stelle trete und nicht vorwärts komme und dieser Blog, auf den ich im Moment wenig Lust habe. Was man, glaube ich, bemerken kann. Es ist jetzt nicht gerade eine Schreibblockade oder eine Krise, aber ich habe einfach wenig Lust (Was natürlich auch daran liegt, dass ich in den letzen Monaten kein einziges Buch verkauft habe und alle meine Versuche, Leser zu finden an einer für mich nicht übersteigbaren Mauer zerschellen). Ich brauche einfach dringend eine Auszeit, Urlaub, Lektüre, Anregungen, Gespräche. Dann hat der Stumpfsinn und damit auch mein Amöbenleben wahrscheinlich wieder ein Ende und die Karawane zieht weiter. Hoffentlich.

Heute ist ja auch schon mein neunzehnter Fastentag; genauer gesagt, der achtzehnte, da ich inzwischen wie angekündigt mit dem Intervallfasten begonnen habe und gestern ein Knäckebrot mit Hüttenkäse zum Frühstück, einen Apfel zum Mittag und einen Spargelsalat zum Abendessen genossen habe, um meinen vom mehrwöchigen Fasten in den Winterschlaf geschickten Magen nicht zu überlasten. Morgens hatte ich zum ersten Mal wieder einen kleinen Kaffee und Abends zum Spargel ein halbes Glas Pinot Blanc. Heute ist nun wieder ein Nulldiät-Tag, also gibt es Tee, Wasser und sonst – nix. Das klingt jetzt irgendwie selbstmitleidig und larmoyant oder auch angeberisch, je nach Sichtweise. Doch ich habe dabei ungefähr zehn Kilo abgenommen und es geht mir so gut, dass ich noch eine ganze Weile so weitermachen könnte. Ich bin inzwischen laut BMI-Tabelle nicht mehr adipös, sondern „nur“ noch übergewichtig.

Der Apfel gestern war übrigens gefühlt der beste, den ich in meinem ganzen Leben gegessen habe; auch wenn ich nur die Hälfte von ihm schaffte, weil ich sofort pappsatt war. Also, die Diät läuft und beeinflusst meine Stimmung wenig. Ich fühle mich fit, obwohl ich schon meine Beinmuskulatur schmerzhaft spürte, wenn ich eine Treppe in den ersten Stock hinauflaufe. Seit zwei Tagen kommt auch mal wieder unser Fitness-Crosstrainer zu Ehren, den ich vor 15 Jahren leichtfertig beim Discounter erworben habe und der seitdem in unterschiedlichen Räumen und immer im Weg still und leise vor sich hin verstaubte. Wer mich kennt und das liest, wird vor Erstaunen erstarren, denn Klammer und Sport sind zwei Wörter, die normalerweise nicht in einem Satz (nicht einmal in einem Roman) vorkommen. Und tatsächlich ist mir noch nicht ganz klar, warum ich diese Qual auf mich nehme und auf dem Folterinstrument täglich ein paar Kilometer bergauf laufe. Aber schließlich will ich ja morgen für ein paar Tage in die Berge und mich nicht vor Frau Klammerle schämen, wenn wir die paar hundert Höhenmeter auf den Falken steigen. Mal sehen, wie es wird …

Über Pfingsten sind Frau Klammerle mit Sohn 1 und 2 im Lechtal und gleich anschließend fahren wir für zehn Tage ins niederländische Arcen, wo wir radfahren, Tourismus betreiben und die Tage genießen wollen. Den Höhepunkt dieser Reise wird am Samstag auf der deutschen Seite der Grenze die große „Nacht der Gaukler“ in Geldern sein, ein internationales Zauberertreffen, das unser Freund Hajo Bier und seine Frau Conny alle zwei Jahre organisieren.

Deshalb werde ich bis Ende Juni diesen Blog ruhen lassen und eine schöpferische Pause machen. Ich hoffe, wir lesen uns danach wieder.

Grüße, Nikolaus

Mittwoch, 01.05.19 – Maimarkt

Mittwoch, 01.05.19

Tja, da bin ich wieder, nachdem der Blog drei Wochen Dornröschenschlaf hielt und ich in Südtirol und im bayerischen Altmühltal wanderte, mit dem Rad unterwegs war und – ich gebe es freimütig zu – durchaus Gar- und überhaupt nichts machte. Doch nun hat mich mein Alltag wieder eingeholt und es ist an der Zeit, die schlafende Schönheit mit ein paar kleinen Gedankensplittern zu wecken. Noch immer bin ich mental halb im Urlaub und da kömmt mir dieser freie Mittwoch, der meine erste Arbeitswoche in zwei homöophatische und damit leichterträgliche Häppchen trennt, durchaus gelegen. Zudem verspricht er, ein wolkenloser und warmer Tag zu werden, der mit der Familie auf der Terrasse verbracht werden kann. Die bienenfleißige Frau Klammerle hat zu diesem Zwecke bereits einen Rhabarberkuchen gebacken. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Auf dem Weg nach Beilngries: So muss ein Radweg sein, wenn man kein E-Bike (über diese Erfindung des Teufels schreibe ich ein andermal) besitzt.

Der Urlaub insgesamt war herrlich – danke der Nachfrage. Ich bin auf Berge und zu mittelalterlichen und römischen Burgruinen gestiegen, schwitzend den Limes entlanggeradelt, dicke Bücher gelesen und habe tausend neue Eindrücke, Ideen und auch Wörter gesammelt; doch ich möchte niemanden mit ausführlichen Beschreibungen dieser sonnigen Apriltage molestieren.

Einige verwirrende Fragen sind im Urlaub aufgetaucht, die mich nachhaltig beschäftigen. Was bedeutet das Wort „enteisent“ auf Mineralwasserflaschen, warum ist das Wetter immer am Wochenende schlecht, wer kam als erster auf die absurde Idee, Krebse zu kochen und zu essen und warum liest niemand meinen Blog? Tausend offene Fragen. Offenbar weiß jeder außer mir die Antworten – oder sie tun alle nur so …

Und das ist das neue Wort, das ich gelernt habe: „kollaudiert“. Das gibt es anscheinend sogar im Italienischen; in meinem Wortschatz war es bislang nicht vorhanden.

Eines der großen Rätsel in meiner Kindheit und frühen Jugend war der 1. Mai; neben Fronleichnam(1) war er für mich der geheimnisvollste und seltsamste Feiertag. Nicht, dass ich mich nicht über den überraschend auftauchenden und schulfreien Tag freute. Aber ich fragte mich Jahr für Jahr, warum es da einen Tag gibt, an dem man ausgerechnet die Arbeit feiert. Und weshalb hat man an ihm auch als Schüler frei? Schließlich hatte ich doch im Religionsunterricht gelernt, dass Arbeit ein Fluch Gottes sei („Im Schweiße deines Angesichts, bla bla, …“) und ich las in den „Klassischen Götter- und Heldensagen“ von Gustav Schwab, die Arbeit sei eine der Plagen gewesen, die neben Seuchen und Hungersnöten aus Pandoras Büchse entwichen ist(2). Ein Grund zum Feiern? Warum muss man stattdessen ausgerechnet am „Frei-Tag“ arbeiten? Warum heißt Bier plötzlich „Bock“? Und was ist das für ein seltsamer Brauch mit diesen Maibäumen, die in jedem Dorf wie Mobilfunkmasten in den Himmel wachsen? Läutet das die Spargelzeit ein?

Gut, einige Demonstranten tauchten rote Fahnen schwenkend in den 20:00 Uhr-Nachrichten auf, forderten die 35-Stundenwoche und Samstags frei. Ein paar vereinzelte Punker und Randalierer warfen mit Pflastersteinen und zündeten Autos an, aber das war alles weit weg von meiner provinziellen Heimat und ich wusste nicht, ob die Leute für oder gegen die Arbeit auf die Straße gingen. Fragte ich meinen Vater, machte er ein säuerliches Gesicht, schimpfte über die Gewerkschaften und die Kommunisten und erklärte mir dann ausführlich, dass der Führer diesen Feiertag eingeführt hätte und man ab dem 1. Mai nicht mehr über die Felder der Bauern laufen dürfe. Das war eine Erklärung, die mir die ganze Feiertagssache noch suspekter machte. Bei uns zu Hause wurde auch nicht demonstriert;  aber am Abend des 30. April wurde  alles nicht niet- und nagelfeste verräumt, weil es sonst in der sog. Freinacht verzogen wurde. Am Feiertag selbst spielten meine Eltern  mit Onkel und Tante den ganzen Tag „Schafkopf“, während ich gelangweilt vor der Glotze saß.

In späteren Jahren zog ich am 1. Mai mit einer katholischen Jugendgruppe traditionell singend und betend durch die westlichen Wälder  nach Maria Vesperbild (3). Das ist ein reichlich obskurer Marienwallfahrtsort mit seiner wunderwirkenden Fatima-Grotte, wo radikale Pfaffen in der Kirche gegen die Sittenlosigkeit der Jugend und allerlei Frauenfeindliches predigen und auf dem Parkplatz auch bei strömendem Regen mit einer Art Klobürste Autos und Motorräder gesegnet werden.  Wahrscheinlich wollten unsere Gruppenleiter räumlichen Abstand zur Stadt und zur Gewerkschaftsjugend schaffen, damit wir nicht auf dumme Gedanken kamen.

Maimarkt1

Und wie verbringe ich heute diesen „freien“ Tag? Wie alle Diedorfer: Es ist – wie immer – am 1. Mai schönstes Wetter. Die Hauptstraße hat sich in eine „Dult“ voller Verkaufsstände und Fressbuden verwandelt und ich schlendere entspannt durch die Menschenmassen über diesen Maimarkt, esse „Steckerlfisch“(4), versuche mein Glück am Rot-Kreuz-Losstand, kaufe ein paar nutzlose Sachen, Socken und Kuchen beim Musikverein und lande irgendwann im Bücherbasar der Gemeindebücherei, wo ich für wenig Geld dicke, ausgemusterte Romane erwerbe, die meine ohnehin schon überfüllten Regale noch voller machen. Später kommt dann  die Verwandschaft und wir genießen den Nachmittag und den hoffentlich lauen Frühlingsabend auf der Terrasse. Wer in der Nähe ist und Lust und Zeit hat, ist hiermit herzlich eingeladen, an unserem kleinen Fest teilzunehmen.

Maimarkt2O-Ton Diedorfer: „Jetz bin i durch, s Geld is weg. I geh wieder hoim.“

Update, 14:00 Uhr

Aus mir unerfindlichen Gründen scheint es in diesem Jahr keinen Steckerlfisch-Stand zu geben. Das stürzt mich in eine schwere Krise.

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(1) Welcher Leichnam ist da froh? (Happy Cadaver?) Und warum feiert die Kirche das mit Prozessionen?

(2) Die Heldensagen sind eines der Bücher meiner Kindheit; ein fetter, hübsch illustrierter Wälzer in einer für junge Leser bearbeiteten Fassung war das, der von meinen älteren Geschwistern irgendwann vertrauensvoll in meine Hände weitergereicht wurde und in der Wirkung auf mein Gemüt nur noch von den „5 Freunden“ und von „Winnetou“ übertroffen wurde. Der Text von Schwab (1972 – 1850) ist längst gemeinfrei und kann z. B. hier als Ebook gelesen werden.

(3) Ja, auch ich war einmal vom „Christusfieber“ angesteckt – zum meinem Glück ist diese gefährliche Geisteskrankheit wie das „Gedichteschreiben“ und die Pickel auf meiner Stirn inzwischen rückstandslos ausgeheilt. Die Erzählung „Die Lichtung“ aus meinem Buch Kleine Lichter, spielt großteils im vom katholischen „Engelswerk“ betriebenen Vesperbild, das dort Marienhaupt heißt. Übrigens gibt es das barocke Kirchlein des Wallfahrtsdirektors Erwin Reichart (der zum Thema Missbrauch und Frauenrechte bemerkte, „die Kirche könne sich nicht versündigen“) im Günzburger Legoland in Miniatur nachgebaut zu bewundern. Wer heutzutage nach fundamentalistischen und sektiererischen Christen sucht, wird in Vesperbild ohne Probleme fündig. Reicharts Vorgänger im Amt war der noch radikalere Prälat Wilhelm Imkamp, seines Zeichens „Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“(!).

[4] Das ist fettige Makrele über Holzkohle gegrillt; Steckerlfisch ist eigentlich nur durch großzügige Ouzo-Beigaben einigermaßen unfallfrei verdaubar; aber man hat trotzdem die ganze Nacht etwas von ihr.

Sonntag, 21.04.19 – Ostergrüße

Sonntag, 20.04.19

Ich unterbreche kurz mein „Blogfasten“ und sende aus meinem wohlverdienten (1) Urlaub allen meinen Lesern und auch denen, die es erst noch werden wollen (auch wenn sie es vielleicht nicht wissen), herzliche Ostergrüße. Ich hoffe, ihr verbringt diese Tage wie ich bei traumhaftem Wetter in Gemeinschaft mit euren liebsten Menschen, findet die dicksten Schokoladeneier und findet die Gelegenheit, mit einem Buch (am besten einem von mir) in der Hand zu euch selbst zu finden. Mögen all unsere Begegnungen und glücklichen Momente bleibende Eindrücke hinterlassen.

Und ich wünsche euch einen Partner, der so wundervolle Kuchen backen kann wie Frau Klammerle (2). Und jetzt weg vom Bildschirm und hinaus ins Freie mit euch! Bis bald …

Euer Nikolaus

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(1) „Wohlverdient?“ Ich weiß, ich bin der einzige, der das so sieht; aber das allein zählt doch, oder? Nach einer Wanderwoche in Südtirol befinde ich mich in der nächsten Woche übrigens nicht direkt im Zentrum der Welt, aber doch genau am geografischen Mittelpunkt Bayerns – was für viel das gleiche ist.

(2) Wir feiern in zwei Tagen – am „Tag des Buches“, wann auch sonst? – bereits unseren 32. Hochzeitstag. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich euch schon einmal erzählt habe:

Es gab einmal eine Zeit in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts – die Älteren unter meinen Lesern erinnern sich vielleicht noch – da war der 23. April weder der Tag des Buches noch der Tag des Bieres. Damals waren Tage einfach nur Tage und political correctness ein Wort, das in keinem Lexikon auftauchte. Die Mauer stand auf felsenfestem Grund zwischen den beiden deutschen Staaten. Helmut Kohl würde noch weitere 11 Jahre Kanzler bleiben. Der junge Mann, der nicht Soldat werden wollte, musste den „Kriegsdienst“ verweigern und vor einem aus alten Nazis bestehenden Ausschuss begründen, warum er nicht auf böse Russen schießen wollte, die gerade seine Familie vergewaltigen. Die Musik und die Frisuren waren grausam – eine ferne Zeit, wie auf einem fremden Planeten – endlos weit von Heute entfernt.

Damals – ich spreche von 1987 – fiel der 23. April auf einen Donnerstag. Es gab es in Augsburg ein am Freitag erscheinendes Käseblatt, das sich „Neue Presse“ nannte. Wenn auf der letzten Seite zwischen Kleinanzeigen und Vereinsnachrichten noch Platz war, lungerte ein Fotoreporter dieser „Zeitung“ vor dem Standesamt in der Maxstraße herum, um vom sog. Brautpaar der Woche ein Foto vor dem Hintergrund des Herkulesbrunnens (daran kommt niemand vorbei, der in Augsburg heiratet) zu schießen und es zu interviewen. Er erwischte ausgerechnet Frau Klammerle, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz anders hieß und mich, die wir just an jenem Donnerstag den Bund fürs Leben eingehen wollten. Ich war erkältet, trug einen schlecht sitzenden, grau-melierten Anzug (meinen ersten), eine hässliche Fliege unter einem ausgefransten Gewächs, das ich für einen Vollbart hielt – und, wenn ich die schwarzweißen Fotos, die er von uns machte, genauer betrachte, wahrscheinlich irgendein ein totes, haariges Tier auf dem Kopf. Die nachmalige Frau Klammerle wirkte dagegen wie aus einem Modeheft der Achtziger ausgeschnitten: Man beachte die Dauerwelle in ihren blonden Haaren und die kleinkarierte Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln und Schulterpolstern. Manchmal denke ich, Mode wurde nur erfunden, damit man sich später zu Tode schämt.

Hochzeit

„Als sich die Kinderkrankenschwester (23) und der EDV-Profi Nikolaus Klamme (sic!) (24) beim Wochenendtreff der Pfarrjugend von St. Josef tief in die Augen blickten, da war’s um die beiden geschehen. Jetzt, nach fünf Jahren, wurde im Augsburger Standesamt die Sache perfekt gemacht. Nachdem nun der frischgebackene Ehemann seine Traumfrau gefunden hat, habe er nur noch einen Wunsch: Einen Verleger, der sein literarisches Talent erkennt und seine Erzählungen auch druckt … fau/Foto: Müller (Originaltext)“

Ich erlaube mir mal ein, zwei sentimentale, vielleicht abgeschmackte Bemerkungen über den Gang der Dinge. Wie man dem Text zum Bild entnehmen kann, war der damalige „Nikolaus Klamme“ – nicht einmal meinen Namen haben die von der „Neuen Presse“ richtig geschrieben – von seiner Weltbedeutung als Autor überzeugt und wartete jeden Tag darauf, dass ein Verleger an seiner Tür klingeln und ihm einen lukrativen Vertrag unter die Nase halten würde. Tatsächlich hatte ich erst das erste Kapitel von Meister Siebenhardts Geheimnis (das ich eben erst beendet habe), einige kürzere Geschichten und den Roman Die Wahrheit über Jürgen begonnen. Das hinderte mich nicht, unverdrossen an meine Zukunft als gefeierter Schriftsteller zu glauben. Wie hier allgemein bekannt, kam es anders. Ich bin niemals einem Verleger begegnet.

Zwei mir fremde Menschen sehen leicht gequält aus diesem Bild heraus auf eine ungewisse Zukunft. Es fällt mir schwer, in ihrem noch so unglaublich jungen Blick die Frau und den Mann zu erkennen, die wir heute sind. Wenn wir uns heute Abend in dem Lokal, in dem wir unsere Seifenhochzeit (wieder etwas gelernt) feiern wollen, zufällig begegnen würden – das „frischgebackene“ Paar von 1987 und wir, wie wir heute sind – würden wir uns mögen? Hätten wir uns etwas zu sagen, würden wir uns verstehen? Viele Jahresringe sind um unser Selbst von damals gewachsen, so viel ist geschehen. Doch die zwei vom Foto sind noch in uns, aber ganz tief verborgen. Wenn noch einmal 32 Jahre vergangen sind, am 23. April 2051 – dann sind wir fast Neunzig – was werden wir über die Menschen sagen, die wir heute sind?

Der Brautstrauß war übrigens sehr schön und hat mich, wie ich mich erinnere, ein Vermögen gekostet. Meine Frau hat ihn getrocknet und viele Jahre aufbewahrt, bis sie den von Milben befallenen Staubfänger endlich im Sondermüll entsorgte.

Da fällt mir ein: Ich muss noch Blumen für Frau Klammerle besorgen …

 

Freitag, 05.04.19

Freitag, 05.04.19

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie sehr ich diese doofen Aufkleber, die sich nie restlos vom Cover entfernen lassen, auf neuen Büchern hasse? Als ob ich ein Buch kaufen würde, nur weil es ein „Spiegelbestseller“ ist, neu verfilmtwurde oder angeblich von Stephen King empfohlen wurde!

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Mir ist vor meinem Bücherkauf (1) übrigens etwas für mich ganz Ungewöhnliches passiert. Wahrscheinlich werde ich langsam alt und dement. Wer meine Gedankensplitter regelmäßig liest, wird vielleicht wissen, dass ich ab und an zu diesen Caféhaus-Schreibern gehöre, die sich in eine Ecke des Lokals setzen, eine Lesebrille mit dicken Gläsern aufsetzen, ihr Moleskine und ihren bevorzugten Stift zücken und ihre Kopfgeburten unter indignierten (2) Aufsicht eines Publikums entwerfen. Schließlich ist Schreiben die einsamste Beschäftigung von der Welt und im Café ist man dann wenigstens nicht alleine dabei. Angesprochen wird man übrigens äußerst selten. Die Leute haben eine gewisse Scheu und Respekt vor Schreibenden und halten, auch wenn sie neugierig herübersehen, Abstand. Ein weiterer Vorteil ist: Sucht man eine Inspiration, dann zieht man die Brille von den Augen, sieht sich um und lauscht auf das Gespräch am Nebentisch. Schon sprudeln die Ideen.

Heute war ich nun im Stadtcafé in Augsburgs Bücherei, wo ich zuerst vergebens nach einem Wander- und Radtourführer für das Altmühltal suchte. Ich setzte mich ans Fenster mit Blick auf den geschäftigen Stadtmarkt, bestellte einen Milchkaffee und wollte weiter am 4. Teil des Geltsamer schreiben, dessen nächstes Kapitel ich schon vollständig im Kopf, aber noch nicht zu Papier gebracht habe und inzwischen damit etwas in Verzug geraten bin. Doch ich hatte meine Stiftebox vergessen – ausgerechnet! Das ist mir noch nie passiert. Weder in meiner Umhängetasche, noch in meiner Jacke war ein Schreibwerkzeug. Das ist für mich, als würde ich ohne Schuhe aus dem Haus gehen. Also stürzte ich den Café au lait brühendheiß hinunter, zahlte beim freundlichen, aber ob meiner unbotmäßigen Eile etwas konsternierten syrischen Kellner und raste auf direktem Weg ins nächstgelegene Schreibwarengeschäft, um mir meinen einhunderttausendsten Bleistift zu kaufen. Ist es jetzt auszeichnungspflichtige Werbung und bin ich ein Influenzer, wenn ich hier erwähne, dass mein Lieblingsstift der „Grip Matic 0.7“ von Faber-Castell ist, den man nie spitzen muss? Der liegt auch wesentlich besser als die anderen in der Hand. Von dem habe ich ungefähr fünf oder sechs verschiedene Exemplare griffbereit zuhause herumliegen. Der Härtegrad der Mine ist übrigens von der Qualität des Notizbuchs abhängig. Je besser das Papier, umso härter die Mine, die ich benutze.

Schuld war übrigens mal wieder Amy, die Katze, die eine putzmuntere Feldmaus in die Küche schleppte und sie dort entkommen ließ. Durch die – bisher erfolglose – Jagd auf den flinken Eindringling habe ich meine Arbeitsutensilien vergessen, als ich noch aufgewühlt in die Stadt aufbrach. Aber die Falle ist aufgestellt!

Erschöpft von der Jagd. Betrachtet man die Fotos von meiner Katze auf diesem Blog, kann man den Eindruck bekommen, sie würde fast immer schlafen. Dieser Eindruck ist richtig.

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(1) Leonardo Padura, Joel Dicker und Pierre Bost; die drei sind meine Osterurlaubslektüre – falls Frau Klammerle nicht schneller ist und mir diese Bücher vor der Nase wegschnappt.

(2) Laut Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1905 ist Indignation der „ gerechte Unwille über eine unwürdige, vom sittlichen Gefühl verurteilte Handlung.“ Das wollte ich nur mal anmerken.

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