Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

In den Bücherkellern des Vatikans (13)

<– zum 12. Teil …

»Das war ein elektroakustisches Abhörgerät aus den alten Beständen des KGB«, stellte er fest. »Taganow, der selbst in den Siebzigern als Agent in Westdeutschland tätig war, hat einen direkten Draht zum Bolshoi Dom, dem ›Großen Haus‹ am Litejny-Prospekt. Die ›Wanze‹ ist eine KS3 aus chinesischer Produktion und sehr empfindlich. Aber jetzt sollten wir uns unbelauscht unterhalten können. Wir müssen das Gerät allerdings später wieder unter den Stuhl kleben, damit der Direktor keinen Verdacht schöpft.«

Staunend lauschte ich den pedantischen Erläuterungen des jungen Mannes. Durfte ich ihn nicht als weiteren Feind, sondern etwa als einen Freund betrachten? Er war noch nicht sehr lange Taganows Sekretär – vielleicht ein oder zwei Monate. Vorher hatte diesen Posten ein kleiner, dicker Weißrusse bekleidet, der von einem Tag zum anderen gekündigt hatte und verschwunden war. Im Nachhinein frage ich mich, ob hier auch die Helfer des Direktors ihre Hände im Spiel gehabt hatten.
Mit Wyschnin selbst hatte ich bislang noch kein einziges Wort gewechselt. An seinem ersten Arbeitstag stellte er sich kurz der versammelten Belegschaft des Kollontai im gemeinsamen Fernsehzimmer vor. Anschließend sah ich ihn nur noch von der Ferne. Immer folgte er seinem Direktor wie ein Schoßhündchen auf dem Fuß, um nur keinen von dessen Befehlen zu verpassen. Er war inzwischen so etwas wie ein unvermeidlicher zweiter Schatten von Taganow geworden. Sehr jung und sehr blass war er, dünn wie Birke. Dazu trug er ein einfältiges, nichtssagendes Gesicht ohne Kinn zur Schau. Seine Augen blieben unter versoffenen Schlupflidern verborgen. Nein, er hatte keinerlei Eindruck bei mir hinterlassen. Aber wahrscheinlich war das ja seine Methode, so unauffällig zu wirken. Aus diesem Grund beschäftigte sich niemand länger als einen Augenblick mit ihm und vergaß ihn sofort, wenn er sich abwendete. Gute Agenten zeichnet genau diese Eigenschaft aus, von der ich ebenfalls reichlich besitze. Das Bemerkenswerteste an ihnen ist, dass sie nicht bemerkenswert sind.

»Du meinst, Taganow hat gerade eben dieses Abhör-Dings hier unter meinem Stuhl versteckt?« Nun, das würde erklären, weshalb er sich die Mühe gemacht hat, mich aufzusuchen und mir die Kündigung nicht einfach über die Heimpost zustellen ließ. ›Убить двух зайцев.‹ – ›Zwei Hasen auf einmal erlegen‹, darin war er schon immer gut gewesen. Wyschnin nickte aufgeregt.

»Und nun hockt der Genosse Direktor bestimmt schon in seinem Geheimversteck unterhalb seines Büros und versucht, uns zu belauschen. Doch außer dem Rauschen der Dusche wird er nichts zu hören bekommen«, sagte er zufrieden. »Allerdings werden wir uns beeilen müssen, bevor er misstrauisch wird und mir auf die Schliche kommt. Schließlich reicht das warme Wasser höchstens für fünf Minuten. Dann wird es merkwürdig, wenn du weiter duschst.«

»Also gut, mein Junge. Dann gib mir mal die Zusammenfassung. Wer bist du wirklich und was willst du hier im Kollontai?«

»Mein Name ist tatsächlich Stepan Wyschnin. Ich hatte nicht die Zeit, mir eine Tarnexistenz aufzubauen. Aber ich bin zum ersten Mal im Einsatz und ein unbeschriebenes Blatt für die ›Hyänen‹. Ich studiere Slawistik an der SPbU und wurde erst im letzten Sommer rekrutiert.«

Ich hatte wieder einmal viele, viele Fragen. Aber ich schwieg und bemühte mich um einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Zudem ahnte ich bereits, wohin uns dieser Zug brachte. Als ich keine Antwort gab, sah sich Wyschnin um. In Ermangelung eines Schreibgerätes tauchte er seinen kleinen Finger in mein Glas auf dem Küchentisch. Anschließend malte er akkurat ein mir wohlbekanntes Symbol in den Staub der Tischplatte. Da die Sonne schräg in den Raum fiel und die Feuchtigkeit zum Glänzen brachte, konnte ich es ohne Probleme erkennen und musste nicht meinen Platz auf dem Bett verlassen. Es war unser Erkennungszeichen.


»Du bist ein Page«, stellte ich fest. Wyschnin warf sich in Positur.

»Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern: Es ist eine Lüge«, zitierte er die erste der ›Fünf Wahrheiten‹, die der Katechismus seiner Gemeinschaft waren.

»Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel«, ergänzte ich abwinkend. »Schon recht. Ich habe das nicht vergessen. Und du studierst, mein Junge? Ich dachte, die ›Buchhandlung‹ rekrutiert ausschließlich Schriftsteller?«

Der junge Mann lächelte zum ersten Mal. »Gibt es einen Russen, der kein Schriftsteller ist?«, fragte er etwas hochnäsig. »Die ›Buchhandlung‹ rekrutiert nur Menschen, denen es auch gelingt, sie zu betreten. Dazu muss man literaturaffin …«

»… und nicht ganz Teil dieser Welt sein. Ich weiß. Aber warum dieses plötzliche Interesse an mir? Ich habe seit gut fünfunddreißig Jahren nichts mehr von der ›Buchhandlung‹ gehört und dachte, ich könnte die paar Jährchen, die mir noch bis zu meinem 100. Geburtstag übrig bleiben, in Ruhe hier im Altersheim verbringen. Aber dann tauchst du hier auf und mit dir die ganze alte Geschichte, dich ich längst vergessen hatte. Weißt du, ›маленький брат‹ – ›kleiner Bruder‹, ein alter Freund von mir hat mir vorhergesagt, dass ich einhundert Jahre alt würde. Ich glaube ihm das, denn er trug schließlich die Seele eines Schamanen in sich, der die Zukunft vorhersehen konnte. Er sagte einmal …« Ich zögerte. Wyschnin sah mich stirnrunzelnd an und roch dabei vielsagend an seinem Finger, den er in den Polenschnaps getaucht hatte.

Hat er am Vormittag schon gesoffen? Diese Alten und ihre endlosen Geschichten. Ich konnte ihm diese Gedanken vom Gesicht ablesen. »Nein, nein!«, wehrte ich mich. »Ich bin zu alt für dieses Pagen-Spiel. Reicht es nicht, wenn ich auf euren Wunsch hin meine Erinnerungen an Antenora aufschreibe? Das wühlt mich mehr auf, als es gut für mein Herz ist. Also, was wollt ihr denn noch von mir?«

Wyschnin spitzte die Lippen und zögerte die Antwort heraus. Ich hatte durchaus Sinn für sein zutiefst russisches Gespür für Melodramatik, aber dieser Gesichtsausdruck, der mich an einen zertretenen Frosch erinnerte, machte vieles kaputt. Trotzdem erschütterte mich seine Antwort zutiefst:

»Das Mädchen ist geboren. Die Zeit der Wanderschaft wird enden«, sagte er schlicht.

Ich starrte Stepan Wyschnin an. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte von meinem Ohr in meinen Kopf hinein wanderten. Mein eingerosteter Verstand machte sich nur schwerfällig an die Arbeit. Das hatte gesessen! Es war fast zu viel für mein altes, schwaches Herz, das damals in Sibirien eine akute Myokarditis überstehen musste, und ebenso vernarbt war wie meine wunde Seele. Als ich endlich begriff, was der Junge gesagt hatte, setzte mein Herzschlag einmal aus und kam dann nur stolpernd wieder in Gang. Ich schnappte nach Luft und das Verlangen nach einem ›Wässerchen‹ ließ mich erschaudern.

»Dann ist es so weit?«, fragte ich krächzend, nachdem ich den Schock ein wenig verdaut hatte. Das Sprechen fiel mir schwer, denn mein Mund war wie ausgetrocknet. »Wastija hat eine Enkelin?«

»Eine Urenkelin, um genau zu sein. Sie wurde Anfang des Jahres geboren und heißt Isabella.«

»Ein schöner Name. Wissen die Hyänen schon davon?«

»Noch nicht – vermuten wir zumindest. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Sie muss auf jeden Fall beschützt werden. Die russische Abteilung der Hyänen hat an diesem Wochenende eine Versammlung in Odessa. Deshalb fliegt Direktor Taganow mit seinem Jet vorgeblich zu einem geriatrischen Kongress am Schwarzen Meer. Mich würde nicht wundern, wenn es dort um Isabella geht. Für uns ist seine Spritztour jedenfalls eine Gelegenheit, die nicht so schnell wieder kommt.«

»Deshalb bist du hier. Ihr braucht den ›Schlüssel‹!«

[Zum 14. Teil …]

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