Aber ein Traum …

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Isabella, die Krippenkatze (Teil DREI)

 

[zum ersten Teil …]

Die von der Haustür von Friederbuschs Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht einer billigen LED-Kerze in die Finsternis, die dadurch eher noch dunkler als heller wirkte. Der Esel stapfte tapfer voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was der Hund und der Mensch, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu Karl-Heinz, der in dem engen Abwassergang direkt hinter ihm trottete. Was jedoch aus dem Mund des Schriftstellers kam, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen. Der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll und Friederbusch war dankbar, dass er in der Dunkelheit nicht so genau erkennen konnte, worauf genau seine Fußsohlen traten. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn ein fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Weil er auf die Schnelle keinen der seltenen Advents-Waschbären hatte auftreiben können, benötigte er den Menschen Friederbusch und dessen zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men. Deshalb musste er ihn in der müffelnden Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version der Weihnachtsgeschichte, die ich kenne – der alten, der einzig wahren – kam keine Katze vor; keine einzige. Da schlummerte das Jesuskindlein friedlich im Stall bei Ochs und Esel ganz allein in der Krippe. Irgendjemand hat an der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer rutschte er über etwas Undefinierbarem, Weichen aus, stolperte tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Erschrocken atmete er tief ein und ihm wurde sofort speiübel. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog betreten sein Bein aus der Brühe. Singing Sam kicherte schadenfroh, das gelang ihm auch mit einer Lampe im Maul.  Friederbusch war nicht dabei gewesen, bei dem legendären gewaltigen und apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Hoffentlich gab es hier keine Krokodile. Es herrschte, von dem kleinen Lichtkreis, den die trübe Lampe von Singing Sam schuf, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit dem kitschigen Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte nun, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind also ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? Nun, sie waren ja auf dem besten Wege … „Wie oft soll ich dir das noch erklären, Friedi? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März. Von dort aus haben sie massiv in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März ist nämlich der historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. Wo blieb die action? War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Das eine Fach verstand er nicht, das andere pfuschte ihm ständig mit historischen Wahrheiten ins literarische Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. „Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Weihnachtsmärchen, wäre es meine Aufgabe, an dieser Stelle dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir agathodaimonische Geschöpfe sind, geschaffen von der alchymischen Kraft eines Rumpelstilz im Dolmensteinkreis des mystischen Karlnickelwalds, von dessen Bäumen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz von Brombach steht und dessen Wurzeln hier herunter reichen. Sam und ich, wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm … Guter Stoff für eine Fantasy-Trilogie. Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Karl-Heinz sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Er sammelte sich und Dann hob der uralte Weihnachtshund stolz seinen mächtigen Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und das Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleines, unbedeutendes Menschlein und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Der Pinkelbaum ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, in alle Geschichten, in die Träume und die Fieberfantasien, in alle Räume und Bücher, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viele Orte mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangaea und zu den schleimigen Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und sich gegenseitig fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst. Du gelangst direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbenen Ringe des Enceladus, zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Dimensionslöcher von Telvis und sogar bis in die trüben Keller unter Diedorf. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht – in dieser Dimension oder in einer anderen. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert in alle Richtungen, auch in die vierte Dimension. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

 

 

[Zum 4. Teil]

Isabella, die Krippenkatze (Teil ZWEI)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer

weihnachtsband

[zum ersten Teil …]

„Es ist ein Skandal“, fauchte der alte Perser Murrle mit sich vor Zorn überschlagender Stimme in kaum verständlichem Falsett. Murrle! – ausgerechnet Murrle, das war der grausam höhnische Name, den sein gedankenloser Mensch dem edlen Tier gegeben hatte. Denn eigentlich hieß dieser schon beinahe zwanzig Jahre alte und längst zahnlose Methusalem Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall, war Edler vom Hohen Hohenstein auf Werthersberg und er war der Eine Kater, der gleicher war als alle anderen Katzen. Er war der, dessen Pfotendruck im Katzenrat zu Bromberg an der Fiesel am schwersten wog und der die tiefsten Abdrücke hinterließ. Auch dass man in seinen jungen Jahren an seinen Kronjuwelen herumgeschnitten, sein Miauen deshalb selten gehörte und es in den empfindlichen Ohren der feliden Zuhörer schmerzhaft klirrende Höhen erreichte, änderte nichts daran, dass seine Meinung im Rat der Katzen die bedeutendste und gewichtigste war.

Murrles Fell war mit dem Alter längst räudig geworden und er verlor bei jeder Bewegung büschelweise weiße Haare, die im Lichte der Straßenlaterne wie dicke Schneeflocken herumwirbelten. Manchmal wusste er nicht mehr so genau, wo er war und wie all die jungen Streuner hießen, die ihm ergriffen lauschen, doch heute waren ihm von der Last seiner Jahre und seiner Vergesslichkeit wenig anzumerken. Der greise Erste unter den Katern schnüffelte kurz an dem kleinen Beutel mit getrockneten Baldrianblättern, den er um den Hals trug; ein mildes Aufputschmittel, nach dem er ebenso süchtig war wie sein Mensch nach dem beißenden und stinkenden Qualm seiner Zigaretten.

„Ein Skandal“, wiederholte der Perser mit plötzlich glitzernden, wie brennenden Augen und wartete er dann ungeduldig, bis es im sichtlich erregten Kreis der um ihn versammelten Vertreter der Katzen-Kommune der pfahlbürgerlichen Stadt ruhiger wurde. Dann legte Murrle seine samtige Pfote auf das zerfledderte Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf dem umgedrehten Deckel einer Mülltonne lag. „Seht hier, das ist das große Buch der Menschen! Ich habe es studiert.“

Anerkennendes Schurren glitt wie eine La-Ola-Welle durch den Kreis der Versammelten. Grüne, kreisrunde Augen funkelten in der Nacht. Nur wenige Katzen lasen gerne und wenn sie es taten, dann genügte ihnen ein kurzer Blick auf die verwirrend sinnlosen Schlagzeilen der Menschenzeitungen, auf denen sie so gerne schlummerten.

„Ja, ich habe es gelesen, das heilige Buch – von seinem wüsten und leeren Beginn bis zu den Plagen, die Gott über denjenigen bringen wird, der auch nur ein Wort zu SEINEM Text hinzufügen oder von ihm entfernen wird. Doch diesen Fluch des Herrn will ich gerne über mich kommen lassen, wenn es mir gelingt, das große Unrecht auszumerzen, das ich zu meinem Erschrecken in diesen Zeilen fand: Denn in der Bibel werden über 130 Tierarten erwähnt – allen voran die Menschen, aber auch Schafe, Ziegen, Kamele, Wale, Pferde, Enten, Bienen, Schweine, sogar Mücken  – die Liste ist lang. Selbst die bösartigen Hunde haben einen Platz in dem Buch der Bücher gefunden, auch wenn ihrer nicht das Himmelreich ist. Aber ausgerechnet über uns Katzen, meine lieben jungen Freunde, über Katzen jedoch steht dort nichts! Das ist ein Skandal, nein, das ist noch schlimmer: Das ist Katzenlästerung – blasphemia ailouros! Hat nicht der unfehlbare Gott die Katze erschaffen und den Hund nur der  fehlbare Mensch? Sind wir Katzen nicht SEIN großartigstes Werk, die Vollendung SEINES Schaffens?“, steigerte sich Murrle in seinen heiligen Zorn und von überall her im Rund wurde zustimmend gemaunzt und aufgeregt mit aufgeplusterten Schwänzen gezittert. Auch wenn der älteste Katzenfürst von Bromberg nicht von allen verstanden wurde – er hatte einen recht altertümlichen, von einem Leben mit den Menschen geprägten Dialekt und benutzte Wörter, die den meisten unter ihnen unbekannt waren -, stimmten ihm doch alle aus Prinzip in seiner Schlussfolgerung zu: Es war ein Skandal! Und es war beschämend! Eine Gruppe von Claqueuren, die Murrle vor seiner Rede genau unterwiesen hatte, fauchte und heulte eindrucksvoll. Der uralte Perserkater hob seinen Schwanz und formte ein Fragezeichen mit ihm. Der Beifall verstummte sofort. Atemlos lauschte nun die aufgepeitschte Menge seinen weiteren Worten:

„Ihr glaubt, dass man da einfach nichts machen könne, dass die Dinge seien, wie sie sind? Ihr irrt euch gewaltig! Was für erbärmliche Schmusekatzen seid ihr alle! Keinen Mumm in den Knochen. Einer entschlossenen Katze wird alles gelingen, glaubt mir. Deshalb werde ich – ja, ihr habt richtig gehört: Ich, Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall! – diese unerträgliche Schande ausmerzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt noch tun werde. Beim gestiefelten Kater, bei Mikesch, Karlo und dem edlen Murr! Dreimal schwarzer Kater: Es ist das mindeste, dass auch wir Katzen in der Bibel erwähnt werden. Wir haben ein Recht darauf. Und wir werden es uns holen, wenn die Menschheit es uns nicht gewährt …“

„Und wie willst du das anstellen, Baron Maunzger?“, knurrte eine tiefe Stimme von hinten und unterbrach den von seiner eigenen Sprachgewalt beeindruckten Murrle. Der einäugige Cassius, ein zäher, dürrer, aber großer Kater, Sieger ungezählter Schlachten und Kämpfe und Stammvater ebenso unzähliger Nachkommen im Viertel, schob sich vorsichtig und geduckt nach vorne. „Sollen die Vatikan-Katzen vielleicht den Papst bestechen?“Cassius war über diese vom Altvater Murrle überraschend einberufene vorweihnachtliche Versammlung nicht erfreut, da sie ihm ein Liebesabenteuer versalzt hatte und auch noch ausgerechnet in seinem Viertel stattfand, in dem er als Blockwart das große Wort führte. Der massive Katzenauflauf würde für Wochen alle Mäuse und Ratten, die dem unbemenschten Cassius zur Nahrung dienten, aus der Gegend vertreiben. Er wünschte sich deshalb, dass die Sache schnell erledigt war und er wieder zu seinen selbst bei den nicht allzu moralischen Straßenkatzen doch recht verrufenen Geschäften zurückkehren konnte. Allerdings hatte er auch Respekt vor dem Alten, der den Rat schon geleitet hatte, als Cassius noch ein süßes, kleines Kätzchen war und täppisch hinter einem zufälligen Lichtreflex hinterherjagte. Deshalb duckte er sich auch entschuldigend und eingeschüchtert, als Murrle einmal kurz und beleidigt fauchte.

„Ich danke dir für deinen Einwand, Cassius von der Seuchgasse“, stellte der Älteste trotzdem freundlich fest, auch wenn die sarkastische Betonung der niedrigen Herkunft des Straßenkaters für schadenfrohes Gelächter unter den anderen Katzen sorgte. „Ich hätte euch nicht belästigt und zu dieser Versammlung eingeladen, wenn ich nicht einen Plan hätte. Ich würde es ja alleine machen, doch ich muss es euch gestehen: Mein Alter …“ Obwohl außer den mit Sardinen bestochenen Beifallsjublern niemand einen Einwand machte, hob Murrle abwehrend eine Pfote. Er brachte dadurch ein paar der weißen Haarbüschel, die ihn im Lichte der Straßenlampe hartnäckig umtanzten, in Bewegung.

„Ich weiß, meine lieben Freunde und Miezengesichter, ich weiß das doch. Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Einmal werde ich euch verlassen müssen, ihr Treuen. Der Tag ist nicht mehr fern. Sieben Leben habe ich aufgebraucht, vielleicht auch die neun, die nur den englischen Katzen zustehen – ich habe nicht mitgezählt. Der Katzentod ist in diesen Tagen mein steter Begleiter. Jeden Abend sehe ich sein hohles Grinsen im Silberspiegel meines leer gefressenen Whiskas-Fressnapfs. Die Tage meiner wilden Abenteuer sind lange vorbei. Doch, doch. Für mich wird es langsam Zeit, die Verantwortung in die scharfen Krallen anderer, jüngerer und gesünderer, Katzen zu legen.“ Sein Blick fiel auf Cassius, der gerade das Gerücht Lügen strafte, Katzen könnten nicht rückwärts laufen und der sich eilig in der Menge verbarg, denn er wollte auf keinen Fall dieser jüngere und gesündere sein. „Aber diese empörende Sache mit der Bibel bringe ich noch in Ordnung. Das wird mein Vermächtnis an die Katzenökumene. Doch dazu benötige ich einen Freiwilligen, der mit mir die Ehre der Katzenökumene wieder aufrichtet.” Schweigen. Stille. Nicht einmal ein Pfotenscharren – auch nicht von den Claqueuren. Einige hielten sogar die Luft an.

Ganz weit hinten leckte sich gerade anmutig eine kleine Katze an einer verfilzten Stelle über ihr flauschiges Fell. Da sie plötzlich die lastende Ruhe um sich herum bemerkte, sah sie sich neugierig um. Die hübsche und schwarz-weiß gemusterte Katzendame war zur falschen Zeit am falschen Ort, das war ihr durchaus bewusst. Aber irgendetwas zog sie immer wieder auf geradezu magische Weise fort von ihrem gepflegten, sauberen Zuhause mit Fußbodenheizung und immer gut gefüllter Brekkies-Schale, wo sie verwöhnt und verhätschelt wurde und sogar im Bett ihres Menschen schlafen durfte. Es zog sie hin zu den dunklen, feuchten und schmuddligen Gassen, den Gefahren und dem Gestank der Hinterhöfe und Anlagen – und dort ausgerechnet zu dem zwar glut-, aber einäugigen und geheimnisvollen Cassius, dem so viele Katzen rollig zu den Pfoten lagen. Sie nannte diese Süchte bei sich selbst ihre Mrs-Hide-Phasen, denn die Katzendame war eine der seltenen belesenen Feliden. Oft kauerte sie neugierig auf der Rückenlehne des Lesesessels ihres Menschen, schnurrte und las mit ihm gemeinsam in seinen aufregenden Büchern, die von Abenteuern in fremden Ländern und längst vergangenen Zeiten erzählten. Wenn dann ihr Mensch ermattet über den Seiten einschlief, schlich sie sich manchmal sogar heran und blätterte heimlich um, um zu erfahren, wie es in dem Roman weiterging.

„Ach“, dachte sie, „warum verliebe ich mich immer wieder in den falschen Kerl? Ich bin doch aus gutem Hause. Es gibt so herzenswarme, treue und brave Kater. Doch die interessieren mich nicht. Ich suche mir immer die Nichtsnutze und Hundlinge aus! Und warum war ausgerechnet heute Abend meine Sehnsucht so groß und drängend, dass ich mich durch die Katzenklappe ins kalte Freie zwängte und das Abenteuer in den Abtritten und Seuchgassen suchte? Was tue ich hier bei dieser Versammlung? Ich wollte doch auf den Gartenzäunen singen, im Garagenclub tanzen, vielleicht ein wenig schimmligen Lachs-Tatar aus den Mülltonnen des Zwei-Sterne-Lokals dort hinten naschen und eine nette Herrengesellschaft genießen. Doch jetzt bin ich in eine finstere Verschwörung geraten. Mädchen, sei gescheit und halte dein hübsches Mäulchen. Mach dich klein und grau in der Nacht! Geh zurück zu deinem Menschen!“ Aber genau bei diesen Gedanken blies ihr ein mutwilliger Windhauch einen von Murrles räudigen Haarballen direkt vor ihre Nase, wo er aufreizend auf- und abschwebte. Der Dame kitzelte es im Näschen. Sie nieste und schon zuckte ihre Pfote empor.

„Diese dummen Katzeninstinkte bringen mich noch einmal ins Grab“, kam ihr in den Sinn. Aber da war es bereits zu spät. Sie schlug nach dem Büschel und maunzte dabei zierlich. Da alle im Rund absolute Katzenstille bewahrten, klang der Ruf wie ein Schrei.

„Ha!“, rief der uralte Murrle sofort, „es gibt sie doch noch, die mutigen Katzen! Dass da eine ist, die in dem Fell des Raubtiers steckt, das wir einmal waren, konnte ich schon gar nicht mehr glauben! Auf diese Weise haben wir einst die Welt und die Menschheit erobert!“ Der alte Kater sprang von der Kiste, auf der er gesessen war und knickte dabei mit den rheumatischen Hinterläufen ein. Dann schlich er auf die Dame zu, die sich verwirrt umsah und nicht glauben konnte, dass sie gemeint war. Sie bemerkte, wie Cassius sein sehendes Auge fest zukniff. Murrle baute sich vor ihr auf und seine Helfer schoben sich unauffällig in den Hintergrund, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden.

„Wir haben also eine Freiwillige, die mich in die Vergangenheit begleiten wird. Darf ich deinen Namen erfahren, holde Dame?“ Er stubste sie vorsichtig mit der Schnauze an. Geschmeichelt verbeugte sich das Katzenmädchen, auch wenn sie noch immer nicht begriff, was eigentlich gerade geschehen war.

„Man nennt mich die Immerschöne, Gottes Schwur. Ich bin Isabella.”

 

[Zum 3. Teil]

Isabella, die Krippenkatze (Teil EINS)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer
und die Fortsetzung von

Karl-Heinz, der Weihnachtshund.

(Diesmal ohne die Mitwirkung von Hans-Dieter Heun,
der Katzen verabscheut,
dem Obengenannter Homme de lettres
allerdings zum Plaisir der geneigten Leser
sintemalen die Anregung
zu seinem neuen köstlichen Werk
verdankt.)
Ich wünsche so viel Vergnügen beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte.

weihnachtsband

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, las Egon M. Friederbusch sich selbst laut den Satz vor, den er eben in dem Textverarbeitungsprogramm seines Laptops getippt hatte. Er bekam von den Wörtern einen schlechten, fauligen Geschmack im Mund – ganz, als hätte er eine vergessene alte Fleischfaser zwischen den Zähnen, die er mit Zahnseide nicht entfernen konnte. Stirnrunzelnd hob er seinen rechten Zeigefinger. Er schwebte drohend über der Backspace-Taste der Tastatur – dem Fallbeil eines Scharfrichters gleich.

„Ach“, dachte er mit viel Mitleid mit sich selbst, „ich bin mir doch selbst der ärgste Kritiker. Einer von diesen Hobbydichterlingen, der kein ernsthafter Autor ist, kennt die Qualen des Schreibens und den Kampf mit dem ersten Satz nicht. Aber ist der einmal geschrieben, kommt der Rest ganz von selbst.“

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, war jedoch nicht dieser erste Satz, der wie eine Bombe einschlug. Da musste Friederbusch noch mehr Spreng- und Klebstoff anhäufen, damit der Leser hängen blieb und mit in die Luft flog. Der Schriftsteller seufzte und sein Finger fiel herab wie ein Habicht, der im Gras tief unter sich eine Maus erblickt hat. Kurz darauf war der Monitor des Computers wieder eine weiße, jungfräuliche Fläche und wirkte auf ihn wie der frisch gefallene Schnee auf dem Rasenrechteck hinter seinem Haus. Nichts verriet mehr von diesem ersten, missglückten Versuch, der nun im digitalen Orkus von Friederbuschs verunglückten Romananfängen bei vielen Leidensgenossen lag und sich bitter über einen solch herzlosen Schöpfer beklagte.

Für heute hatte sich Friederbusch, den seine wenigen Freunde liebevoll Friedi nannten, fest vorgenommen, endlich den vierten Teil seiner Romanserie um den heldenhaften Zauberlehrling Edwin Egard zu beginnen. Es war ein bitterkalter, nebliger Sonntagnachmittag Mitte Dezember; der dritte Advent. Bei diesem Wetter jagte man nicht einmal einen Hund vor die Tür, geschweige denn einen erfolgreichen Schriftsteller. Nachdem er also ausgiebig zu Mittag gegessen, ein kleines Verdauungsschläfchen und aufgrund der gestern verputzten Lebkuchenmengen einen bemerkenswerten Stuhlgang genossen hatte, waren ihm einfach die Ausreden ausgegangen, mit denen er sich normalerweise vor seiner Arbeit drückte. Also bereitete er erst einmal sein unordentliches Schreibzimmer vor. Er startete den Computer, legte drei gespitzte Bleistifte und einen Notizblock neben der Tastatur auf die blanke Schreibtischplatte, wählte bei Spotify die Musik, die ihn in die richtige Stimmung brachte – John Williams‘ Harry PotterSoundtrack, von dem er schon lange glaubte, dass er an die Machwerke dieser unverschämten Britin, die Friederbusch so schamlos plagiierte, verschwendet war – und kochte sich anschließend noch vorausschauend einen kräftigen Kamillentee, in dem gehobelter Ingwer schwamm, der nun in einer von ihm selbst getöpferten Tasse auf einem Stövchen thronend in Griffweite köchelte und seinen strengen Duft nach schlecht gelüftetem Krankenzimmer und nassen Windeln verbreitete.

„Oh, nein, der beste Freund des Autors sind durchaus nicht LSD, Absinth, kubanischer Rum oder ein Highball, sondern wärmende und der Verdauung förderliche Kräutertees“, dachte Friederbusch, „besonders wenn mir später an diesem Abend noch ein Schäferstündchen mit meinem geliebten Mariele droht.“

Bei diesem Stelldichein würde Marie-Theres Kienbauer – sein etwas ungeordnetes Verhältnis und seine Verlegerin in Personalunion – ein weiteres Mal völlig talentfrei, aber nicht weniger enthusiastisch demonstrieren, dass aufgrund ihrer abgründigen Kochkünste die Liebe zu ihr eben nicht durch den Magen führte. Im Moment hatte sie die Weihnachtsbäckerei für sich entdeckt und quälte ihren Friedi mit halbverbrannten, unförmigen Plätzchen, die zwar alle unterschiedliche, wohlklingende Namen und leckere Zutaten hatten, aber jedes wie ein zertretender alter Hundehaufen auf einer Oblate aussah und auch entsprechend schmeckte. Dazu war das Kienbauersche Gebäck so hart wie die Kiesel im Fluss Fiesel, der durch das altehrwürdige Brombach – erneut der Schauplatz unserer gar erstaunlichen Geschichte – floss. Friederbusch konnte die Plätzchen nur unzerkaut mit viel Glühpunsch herunterwürgen, wenn er das Amalgan in seiner Zähnen behalten wollte. Anschließend lagen diese granitenen Steinklumpen noch gefühlte achtundvierzig Stunden unverdaut in der Magensäure. Ihnen konnte nicht einmal das hochkochende Sodbrennen etwas anhaben. Friederbusch verbrauchte gerade jede Woche eine Großpackung Bullrich-Salz. Aber was tut man nicht alles für die Liebe?

Über diesen Vorbereitungen und düsteren Gedanken war es draußen langsam dunkel geworden und Friederbusch musste Licht machen, zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an, um sich in die geeignete Stimmung für seinen Zauberlehrling zu bringen. Dabei fröstelte es ihn plötzlich. Erschrocken sah er an sich herunter. Das hatte er doch glattauer vergessen! Er holte eilig seine schäbige und löchrige Schreibjacke und zog sie sich über. In ihrer filzigen, rostfarbenen Wolle heimelig wie in den Armen seiner Mutter geborgen, hatte er die besten seiner Geschichten geschrieben. Das fadenscheinige, mottenzerfressene Kleidungsstück war ihm ein Talisman, den er nicht missen wollte.

Dann setzte er sich ächzend auf seinen bequemen Bürostuhl. Zuerst verschränkte er seine Finger, streckte sie von sich und ließ sie knacken. Jetzt gab es nichts mehr, was Egon M. Friederbusch von einer leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Muse und einem Kuss von ihr abhalten konnte. Selbstverständlich meinte er in diesem Moment Kalliope, die weise, herzerquickende und hervorragendste von allen Musen -, und nicht sein Mariele, die voluminöse, rosenhäuptige und treulose, die nach einer kurzen Affaire mit dem Besitzer einer Dönerbude reumütig zu der Liaison mit ihrem Friedi zurückgekehrt war, obwohl dieser ihre Abwesenheit eigentlich kaum bemerkt und noch weniger vermisst hatte. Doch obwohl er die Olympische Muse sehnsuchtsvoll erwartete, wollte sie sich nicht einstellen. (Kalliope war verhindert, denn ihr Lieblingsautor Nikolaus Xaver Maria Klammer verwöhnte sie gerade an diesem Tag mit einem kleinen privaten Souper. Im Moment ließ sie ein heißes, duftendes Schaumbad für sie beide ein.)

Dafür klingelte es plötzlich an Friederbuschs Haustüre Sturm. Erzürnt schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Es gab nur drei verzeihbare Gründe für eine Störung, wenn er sich zum Schreiben zurückzog – ein Dachbrand, Zombies im Keller oder einen Scheck von seinem Verleger. Schier endloses Geläute gehörte nicht dazu, auch wenn es zu Friederbuschs Erstaunen nicht nach dem normalen Klingelton, sondern nach Jingle Bells klang – mit einem Kinder-Xylophon nicht ganz taktsicher gespielt. Sogar eine sonore Gesangsstimme ertönte dazu:

„Dschungel-Bäh, Dschungel-Bäh,
Handtuch, Handtuch, hey!“

Eiswürfel schmolzen langsam von Friederbuschs Nacken herab. Er kannte den Sänger, auch wenn er verzweifelt den Kopf schüttelte und es nicht wahrhaben wollte. Und richtig: Als er zögernd von seinem Schreibzimmer zur Haustür ging, konnte er bereits im Flur die Ausdünstungen der Besucher riechen. Es stank atemberaubend nach Stall, Dung, Kuhfladen, nassem Hund, das Ganze exquisit vermischt mit Glühwein, Tannennadelschaumbad und Christstollenduft. Der Autor öffnete die Tür und die Ahnung, die ihm eben noch kalt den Rücken hinunter gelaufen war, bestätigte sich.

Auf dem Fußabtreter vor seinem Haus standen Singing Sam, der graue, singende Christmas-Donkey-Kuschelesel, der seinen rechten Vorderhuf auf Friederbuschs Klingel presste, und neben ihm

Karl-Heinz, der Weihnachtshund,

der sofort seinen mächtigen schwarzen Labrador-Körper in Bewegung setzte und sich grußlos an Friederbusch vorbei in dessen Wohnung quetschte, als wäre sie sein Zuhause – was sie ja tatsächlich für eine Weile auch gewesen war. Sein Ziel war das Wohnzimmer, in dem er mit feuchten, schmutzstarren Pfoten auf dem Teppich verharrte. Sam beendete seinen Vortrag auf dem hohen C und schob sich ebenfalls an dem zur Salzsäule erstarrten Schriftsteller vorbei, den er problemlos zur Seite und so fest gegen die Wand drückte, dass diesem der Atem stockte.

„Was …?“, ächzte Friederbusch.

„Hey, Friedi“, sagte Sam kryptisch wie immer, „ist voll stabil die Location hier, Homie. Gib mir eine Fünf auf den Huf, Alter. Yiaah!“

Dann war auch der Esel in der Wohnung. Er bog in die große, offene Küche ab, die der einzige Raum war, der für ein Grautier mit seinen Ausmaßen ausreichend proportioniert war. Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbst­verständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allge­meinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gese­hen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Her­bert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über her­umtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigent­lich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwi­schen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in sei­nem Leben funktionieren und seinen Alltag bewälti­gen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzu­merken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemüh­te. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich sonst meine Geschichten? Manchmal brauche ich die Ein­gebung des Herrn … also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreib­zimmer“, antwortete der Autor und stolperte die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit was Richtiges, nicht diese Kamillentee-Pisse“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit ab­mühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schie­ferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskri­minierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Recht­schreib-Duden und dem Großen Büchmann (geflü­gelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdge­schoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in ei­ner Krippe liegend.‘

Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Er spürte plötzlich wieder sein Al­ter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Hundeknochen. Sam hätte wahr­scheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick. Friederbusch klappte das Buch zu.

„Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hin­ter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkat­zen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kau­fen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

[Zum 2. Teil]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda beruhigend. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Sie hatten sich mit Hilfe seiner vor den Toren stehenden Leibwache gemeinsam vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in deren Gemächer im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben ihn auf die Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige Gipsornamente die vorherrschenden Elemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras zum Tode verurteilt wor­den waren. Wie dem auch war, in den „Abendsonnenge­mächern“ war es immer kühl und dämmrig und die vie­len Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten.

Seit Eóra schwanger war und seinen Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur bei offiziellen Anlässen noch an ihrer Seite gezeigt. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ wurde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie leise in dem altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wundgeschlagen hatten und pustete warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann gleichzeitig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er für den Namenlosen unsichtbar blieb. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich zu ihr zurückgekehrt. Der Verrrat an ihrem Vater hatte sich gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön, aber stumm. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters, in die sie selbst­verständlich eingeweiht gewesen war, hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor und schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Marionette war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Da fiel sein Blick auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun die Spuren seiner Tränen verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau stand, ließ er sich dies nicht anmerken.

»Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich sofort tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss erfahren, was im Palast vor sich geht.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, eine weitere Verbeugung zu machen, dann drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“ beulte nachdenklich seine Wange mit der Zunge aus und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, hatten ihn im Antichambre zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General zu berichten hatte. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus seinem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein Königreich endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Hornissennest. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weiter Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt. Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will morgen Früh als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

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»Der Weg, der in den Tag führt«
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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

»Sicher nicht. Pardais ist so wirklich wie der Sand der Wüste. Glaubt mir, „Der Weg, der in den Tag führt“ ist der größte Schatz, der in Karukora verborgen liegt, und er ist die besondere Würze, mit der ich meine Rache servieren wollte. Ich hatte nie vor, reich werden, son­dern wollte Vergeltung für das einfordern, was meiner unschuldigen Irta einst angetan wurde. Sechs Mörder waren es, die meine Rache spüren sollten: Der machtgierige Ómer Sud, der bösartige Radik Emre, der intrigante Paşha Ultem, der verschlagene Idrichson Galves und verräterische Raul aus der Lamargue und schließlich auch noch der Namenlose selbst, das schlimmste Ungeheuer von allen. Ich habe einen Fluch über diesen Verbrechern ausgesprochen, der sie alle ins Verderben lenken wird – einen nach dem anderen.«

Alis spuckte die Namen aus, als wären sie eine Verwünschung, dann stockte er und sah zärtlich zu dem um Fassung ringenden Stummen auf. »Mein alter, weicher Freund Muhar! Ich wusste, du würdest meinen Plänen niemals zustimmen, wenn ich dir von ihnen erzählt hätte. Deshalb habe ich vor dir davon geschwiegen und dich nur in einen kleinen Teil eingeweiht. Sirtis allein weiß über al­les Bescheid und sie wird mein Werk jetzt fortsetzen müssen. Sie wird hoffentlich been­den, was ich begonnen habe. Fast zwanzig Jahre haben wir gemeinsam gewartet und wie Spinnen in ihren Netzen geduldig unsere Fäden geknüpft, auf unseren Mo­ment gewartet. Und dann hatten wir tatsächlich alle unsere Widersacher bei­sammen, schließlich an einem einzigen Ort beieinander: Jene sechs nieder­trächtigen, bösen Männer, die den Tod meines Augen­sterns verursacht haben, als wäre sie ein Spielzeug, das man wegwirft, nachdem man es mutwillig kaputt gemacht hat. Sie würden sich nach fast zwanzig Jahren wieder in diesem Saal begegnen, zurückkehren zum Ort ihrer Schuld. Mir war klar, dass sich mir in der Lebens­spanne, die mir noch verbleiben wird, solch eine Möglichkeit nicht ein zweites Mal bieten würde. Doch wie konnte ich mich an allen zusammen rächen? Denn schließlich durfte ja keiner von ihnen seinem Schicksal entgehen. Da fiel mir die Sage vom „Weg, der in den Tag führt“ ein und es dauer­te nicht lange, bis ich mei­nen Plan entwickelt hatte. Der Zufall, dass Ómer aus­gerechnet diese Nacht für seinen kleinen, kindischen Putsch erwählt hat, machte alles perfekt.« Alis nickte zufrieden in sich hin­ein.

»Ich begreife langsam.« In Sahars Stimme schwang eine leise Wut mit. »Du hast die Meuchelmörder der „Kalten Hand“ be­zahlt, damit sie den „Bären“ ermor­den und diese Untat an­schließend dem Namenlosen und seinem Vezir in die Schuhe geschoben wird. Der geheimnisvolle Verschwörer, dem Adelf auf die Spur ge­kommen ist, das warst also du?“, fragte Sahar erschüttert. »Jede Untat gebiert ein Ungeheuer, sagt Baruch. Mögen uns die Göt­ter vor den Einflüste­rungen Inets bewahren!«

Sahar traf ein fast mitleidiger Blick von Alis. »Es gibt keine Götter und auch keinen Scheitan. Sie werden nicht gebraucht. Ihre Arbeit erledigen wir Menschen besser, als die Daimonen der eisigen Finsternis dies jemals könnten. Das Gute und das Böse, es ist in uns selbst und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, auf welche von den Stimmen wir hören wol­len, die da da in uns flüstern. Die Liste der Verbrechen dieser sechs Männer ist schier endlos, in ihnen ist längst nur noch Böses. Nur mit ihrem Tod können sie sühnen und ihr Urteil habe ich schon vor langer Zeit gesprochen. Du fragst dich sicherlich, woher das Geld kam, mit dem ich die Assassinenkönigin der „Kalten Hand“ entlohnte, so arm, wie ich bin? Es waren lamar­gische Écu d‘or, die ich von kei­nem anderen als vom späteren Regno selbst erhielt, der sie mir von Idrichson Galves überbringen ließ. Ihn plagte wohl sein schlechtes Gewissen, weil er meine Irta verführt und entehrt hatte. Dass er einen Sohn mit ihr gezeugt hatte, hat er nie erfahren. Ich habe von diesem Blutgeld nie auch nur eine einzige Münze angerührt, sondern es verwahrt, bis ich schließ­lich den passenden Verwendungszweck fand. Der Re­gno hat für seine eigene Ermordung be­zahlt. Ist das nicht ironisch? Die Druşba Es Sakr wollte übrigens nur einen symbolischen Lohn; es lag ihr nichts an dem Geld. Mir scheint, als hätte sie ohnehin vorge­habt, diese Tat auch ohne meinen Auftrag zu begehen. Welch eine Iro­nie …«, wiederholte Alis und lächelte in sich hinein, bis ein plötzlicher Schmerz seine Gesichts­züge verzerrte. Der Sterbende atmete pfeifend ein und aus und wurde dabei immer schwächer. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen:

»Und abgesehen davon, dass nun auch unschuldiges Blut vergossen wird und mich diese dumme Pistolen­kugel mitten in die Brust traf, geht alles den von mir vorausbestimmten und vorhergesehenen Gang. Leider konnten Radik, Ultem und der Namenlose dem Kampf im Saal entfliehen, aber sie kleben längst an den Fäden, die ich gesponnen habe. Ich hoffe nur, der fette Dieb hält sein Wort, das er mir vorhin gegeben hat.« Er hus­tete erneut und war dann offenbar der Meinung, er hätte zu diesem Thema genug gesagt.

»Mich friert, Muhar. So kalt war mir zu­letzt vor dreißig Jahren in den bleigrauen Wäldern des Nordens, als ich unter den ewig weißen Gipfeln des Newtongebirges mitten im tiefsten Winter Bäume für den Landbaron Egelharm schlagen musste und mir dabei drei Zehen abfaulten. Ach, da fällt mir ein: Dort be­gegnete mir eines Tages der Nachtalb Lorin Sigdat. Er kam von Litna über den Eisensteinpass und war auf der Suche nach Hygmir, dem Dolch der fünf Welten, und seiner geliebten Frau Süfsa, die ihm Hasud Loderbend geraubt hatte …, ach, das ist eine uralte Geschichte, die ich nun leider niemandem mehr erzählen werde –, heute nicht und auch an kei­nem anderen Tag.« Er überlegte, sammelte seine Ge­danken, die dabei waren, sich endgültig in sei­nen Erinnerungen zu verlieren. »Aber nun fühle ich mich, als würde ich in diese Wälder zurückkehren. Ich kann die wirbelnden Eiskristalle in meinem Ge­sicht spüren, den gelben Staub der blühenden Kiefern rie­chen und das bittere, metallische Aroma ihres Harzes auf meiner Zunge schme­cken. Sage Selin …« Er stockte und ein dünner Blutfa­den rann aus einem seiner Mundwinkel. Alis Au­gen rutsch­ten nach oben. Sahar rüttelte ihn an der Schulter.

»Bis zum Schluss ein Märchenerzähler, hm? Aber so einfach stiehlst du dich mir nicht davon, Alis Dabinghi. Du hast eine andere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, mein Freund. Wenn du, wie du behauptest, die Schuld an diesem Massaker trägst, dann sage mir, wie du das eingefä­delt hast. Wer verbirgt sich hinter der Maske der Druşba Es Sakr?«

Der alte Mann war schon weit fort und immer tiefer in die rauschenden Wälder geschritten, wo sein Bruder und seine Familie, die sanfte Irta und seine geliebte Frau Jade schon so lange geduldig auf seine Heimkehr warteten, aber er machte noch einmal kehrt und richtete sich in Sahars Armen etwas auf. Er musterte den jungen Mann, als würde er ihn zum ers­ten Mal erblicken. Alis sah durch grüne, mitleidige Augen tief hinein in die Seele des Adep­ten. Die Vergangenheit Sahars und auch seine Zukunft lagen in diesem Augenblick wie zwei geöffnete Bücher vor ihm.

»Ich kenne dein Geheimnis und deine Macht«, sagte er klarsichtig und Sahar errötete unter der Larve aus schwarzer Spitze, die sein weiches Knabengesicht und seine Regungen verbarg. »Oh, das ist der Stoff für ein wundervolles Märchen und ich hätte es gerne aus dei­nem Mund ge­hört und auf dem Bazaar weitererzählt.« Er winkte Sa­har mit einer schwachen Handbewegung näher zu sich heran und flüsterte ihm etwas zu, das der weinende Muhar nicht verstehen konnte. Lauter sagte er und deutete auf den Stummen:

»Jetzt lass mich endlich gehen, Mönch! Lass mich. Fliehe diesen Ort. Trage weiterhin die uralten Ge­schichten hinaus in die Welt, schenke ihr Träume und Hoffnun­gen. Sie braucht es, denn das Ende der Welt ist nah. Vergiss das nicht: Du gehörst zu den wenigen, die es aufhalten kön­nen … Und du, mein treuer Muhar, erzähle meinem Enkel nicht, wie viel Schuld ich mir auf die Seele geladen habe. Richte ihm nur von mir aus, wie sehr ich ihn liebe und passe weiterhin gut auf ihn auf. Denn all diese Taten habe ich für ihn getan, für seine Zukunft. Schließlich muss er eines Tages … eines Tages …«

Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln erschien auf seinen dün­nen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszü­ge, die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber als Gegengabe seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar schloss die Augen des Leichnams, legte ihn vorsichtig neben sich.

»Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
noch des grimmen Winters Drohn;
jetzt dein irdisch Treiben ruht,
heim nun gehst, nahmst deinen Lohn«

,sprach er die ersten Zeilen eines kurzen Gebets. Dann richtete er sich vorsichtig auf und wendete sich ab. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Mu­har, der sein Gesicht in seinen Händen barg. »Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was Alis uns erzählte, aber er hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn schnell ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegent­lich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm jedoch sein Blatt, das er abriss und dem Adepten entgegenstreck­te, nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und spähte nach unten ins Kampfgetümmel. Er suchte nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend die wahre Schuldige am Mord am Regno mitteilen musste. Er hatte des­sen Namen gerade durch den greisen Märchenerzäh­ler erfahren. Vielleicht gelang es ihnen gemein­sam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden, so lange noch ein paar Lamarger am Leben waren. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kann­te, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufan­gen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die Mörderin ihres Herrschers zu präsentie­ren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf ei­nem der langen Tische zwischen den exquisiten Spei­sen ste­hend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entris­sen hat­te, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverach­tung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halb­es Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versucht­en vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzu­dringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß der Schädel gespal­ten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leich­ten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in sei­nem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die einfache Melodie ei­nes Wiegenlieds aus den Büchern des Baruch, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überle­benden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brach­te, auch wenn kaum mehr je­mand die uralte Vorgän­ger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Um alles weitere an diesem Ort werde ich mich nun kümmern, denn Alis hat seine Rache nicht beenden können. Zwar ist der Regno tot und über Ómer und der „Schwalbe“ schwebt schon das Richtschwert, aber noch sind Radik, Ultem und der Namenlo­se am Leben. Ich werde vollenden, was mein alter Meister begonnen hat. Das ist sein Auftrag an mich.«

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