Aber ein Traum …

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Archiv für die Kategorie “Leseprobe”

Mánis Fall (Kapitel 1.4)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

„Omicron – medizinischer Bericht“, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer grüner Lichtstrahl aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs ab. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Omicron beendete seine optische Untersuchung und bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus, über dessen nadelfeinen Kanülenfinger er vom ihm entgegengestreckten Oberarm der Studentin flink ein wenig Blut entnahm. Über seinem Haupt tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der sogenannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunderwerke schwebten durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen. Der Omicron der Studentin weit allerdings mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik die fragile Gesundheit von Fabia.

„Der Bluttest ist nicht auffällig“, dozierte Omicron, „auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich jedoch daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 24 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.“

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Sie war seit ihrer frühen Jugend, in der eine langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden war, daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung zu unterziehen; das war eine zwar lästige Prozedur, die allerdings kaum zwei Stunden dauerte und ihr Leben kaum beeinträchtigte. Im Augenblick war es eh viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergiftung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

In Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenen Jahrhundert, in dem die Menschen den Mars und die Jupitermonde besiedelt hatten, zentral gesteuerte Roboter alle niederen Arbeiten erledigten und die 2MC einen neuen Erdtrabanten im Orbit konstruierte – eine gewaltige Dyson-Späre wurde dort oben gebaut, eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner – konnte man durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Praktisch aus Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste, aber es gab doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren. Auch der Tod war noch nicht überwunden; es sei denn, man betrachtete die ausgereifte moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn zu überlisten.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste und hätte sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre Hauptunterstützungsquelle durch den Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders vor drei Jahren versiegt war. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät war übrigens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerichtet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Omicron zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu informieren, auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetzliche Unglück überlebt hatte, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie Omicron an ihre Seite und trat kurzentschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im langgezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerk, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Omicron hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

„Was zum Teufel …?“, murmelte sie fassungslos.

Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden“, mischte sich ihr goLEM ein. „Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.“

„Wir sind im 123. Stockwerk, Omicron! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?“

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung:

„Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …“

„Omicron – Ruhe“, unterbrach Fabia die Kalkulation. „Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?“

„Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.“

„Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?“

[Zur Fortsetzung …]

Was vorher geschah:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Der Schatten von Pardais (1. Kapitel – Teil ZWEI)

Teil III. der großen »Der Weg, der in den Tag führt«-Saga:
Der Schatten von Paradais

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Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen. Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen Juel und Selin die Gunst der Stunde. Sie stehlen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora die Landkarte, die den Weg nach Pardais zeigen soll.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes hinein in die Tote Wüste fliehen und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

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Kapitel Eins
Ein Sturm zieht auf
II.

Selin hob den Kopf. Die geschützte Stelle unter einem zusammengestürzten Gebäude, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelf, Juel und Jalah auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, auf denen ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus –, würde er früher oder später unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks und Jalahs Erfahrung im Umgang mit Dolchen würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, in Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin würde ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen können. Auch wenn sie nach den Maßstäben der Überlebenden Lande hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem–Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Würde sich der „Unterwerfer“ in seiner Wut trotzdem auf eine Auseinandersetzung einlassen, auch wenn sie noch so selbstmörderisch war?

Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dessen höchstem Punkt er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger–Untergrundbahn identifiziert, einer URS, wie er es nannte. Aber wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit natürlich keinerlei Wirkung. Diese Decke hielt seit tausenden von Jahren, da brauchte es schon mehr als die Kraft eines jungen Manns, um die zu zerstören. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte die Sandkörner sorgfältig auch von den Rändern der Fliese weg, bis er ihre vier Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund mit den anderen zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits wie die Zinnen von Begrad vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt.

Er seufzte frustriert. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und TYCHO, den er nur selten und mit äußerster Konzentration überhaupt erreichen konnte, würde ihm hier kaum helfen. Deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste des Meisterdiebs Ludo sorriento zugreifen, aus der ihm der pfiffige Juel für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie anschließend sorgfältig feststampfte. Dann löste er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem merkwürdig metallisch schmeckenden, aber wertvollen Wasser, das sie in einer kleinen Pfütze in einer Kaverne in den Ruinen der Vorgängerstadt gefunden hatten.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte Selin fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen nicht mehr auf eine andere Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Das war eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Soldaten des „Unterwerfers“ entkam – falls sie nicht bald auf eine weitere Quelle stieß, würden sie alle bald verdurstet sein. Nun hing ihr Leben von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche auf den Kopf und schüttete das restliche Wasser sorgfältig auf die Paste, genau so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sogleich mit dem Wasser reagierte, begann zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige, giftige Blasen zu schlagen. Der Glasquader selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Ungeduldig sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter die Dünen im Westen tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde dann im Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das verborgene Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn seine Semira sich beeilte – und davon ging er aus –, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken.

Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf den Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte? Welche Worte konnten den Namenlosen so wütend machten, dass er in so prekären Zeiten, während ein Krieg mit der Lamargue drohte, seine Stadt einfach entblößte und mit einer ganzen Armee hinter ein paar Dieben herjagte?
Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen. Die schwere Glasfliese, die plötzlich ihren Halt verlor, stürzte einfach und lautlos nach innen. Nach einer ganzen Weile schlug sie schwer und mit einem lauten Knall tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorne, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, aber überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Das war sein Fehler.

Alles ging viel zu schnell für ihn, um noch reagieren zu können. Der Grund unter seinen Füßen war nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war mit dem Fehlen ihres Schlusssteins dahin. Das zusätzliche Gewicht von Selin genügte. Mit einem hässlichen Knacken brachen weitere Fliesen ein und stürzten hinab. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch sein Zurückschrecken kam zu spät. Mit einem Mal hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Er schrie.

Dann fiel er durch den entstehenden Einsturz in die bodenlose Tiefe …

[Zur Fortsetzung …]

Was vorher geschah:

Karukora
Buch Eins der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Buch Zwei der »Der Weg, der in den Tag führt«-Trilogie

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Und wer noch nicht genug von den Überlebenden Landen hat:

Die Brautschau-Trilogie

Meister Siebenhardts Geheimnis
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Mánis Fall (Kapitel 1.3)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga
Mánis Fall

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Weil Fabia zu lange geschwiegen hatte, übernahm automatisch die künstliche Intelligenz ihres Kanals für sie und ließ den Avatar aus dem Aphorismenspeicher des echten Philosophen zitieren, damit keine Pause entstand und sich die Follower langweilten. Obwohl die KI dabei vollkommen zufällig vorging, erschien Fabia das Gesagte doch erstaunlich passend.

„Ich bin in eine Welt geworfen, die ich mir nicht ausgesucht habe“, nahm sie den Ball auf, den ihr der Franzose über den Abstand von vielen Jahrhunderten hinweg zugeworfen hatte, „und ich habe lange in dieser WElt gelebt, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine. Doch nun wird sie mir genommen – oder besser gesagt, kaputtgemacht. Das größte Verbrechen ist es nicht, jemanden etwas zu nehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Und dabei bin ich …“ Sie zögerte.

Während Fabia nach den richtigen Worten suchte, mit denen sie ihre verworrenen Gedanken deutlicher formulieren konnte, sah sie, wie die Anzahl ihrer Zuschauer rapide kleiner wurde und dann plötzlich auf 0 fiel. Sie verstummte erstaunt mitten im Satz. Das war ihr noch nie passiert. Selbst wenn sie angetrunken den größten Mist von sich gab, hielten ihr ein paar dort draußen in der weiten Welt standhaft die Treue.

„AUSKUNFT!“, wandte sie sich deshalb direkt an die zentrale Informationsplattform und Suchmaschine des internationalen Computerdienstes I-Net. Erneut musste sie einige Zeit warten und der kreisenden anachronistischen Platine zusehen, bis eine Verbindung zustande kam. Aber das hatte sie bei der Aufregung, die im Moment herrschte, erwarten müssen. I-Net schuftete gerade sicherlich am äußersten Rand seiner Leistungsfähigkeit und alle LAN-Kabel, Router, Server und Knotenrechner auf der Erde liefen heiß. Endlich erschien eine plastische, aber vollkommen geschlechtslose, in eine schlicht, weiße Mönchskutte gehüllte Gestalt auf der Bildschirmfolie von Fabias Augreyes, die wie eine Kontaktlinse auf ihrer Iris klebte. Die Figur sollte zuverlässig und ehrlich wirken, hatte aber auf die Studentin, die der Augenwischerei der heutzutage beliebig gestaltbaren äußeren Form bei Mensch und Maschine misstraute, eher die gegenteilige Wirkung. AUSKUNFT trug einen faltenlosen und entrückten, fast gelangweilt zu nennenden, dabei allen menschlichen Regungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehenden Gesichtsausdruck zur Schau. Fabia kannte diese Miene von den unzähligen kleinen steinernen Engeln und Heiligen, die über den drei großen Portalen der mehrmals niedergebrannten und erst kürzlich rekonstruierten Notre-Dame-Kathedrale in der Innenstadt abgebildet waren und hochmütig und sophisticated auf die wenigen eintretenden Gläubigen herabsahen. Auch die Kleidung des Avatars war der jener Skulpturen aus der Hochgotik ganz ähnlich. Der Studentin wäre es lieber gewesen, wenn AUSKUNFT wie die Wasserspeier auf dem Dach der nach dem antiken Vorbild wieder aufgebauten Kirche ausgesehen hätte. Die spöttischen Fratzen der Gargoyles hätten viel eher zu der KI gepasst, von der Verschwörungstheoretiker munkelten, sie wäre die wahre Macht hinter allen Erd- und Kolonie-Regierungen. Nun, das wusste Fabia besser:

I-Net und seine Personifizierungen, EDY, AUSKUNFT, GOTTSCHALK, DO ASK und wie sie alle hießen, waren nur Facetten einer zwar gewaltigen und höchst entwickelten Rechnerintelligenz, die jedoch keine eigenbestimmte, unabhängige Existenz führte, sondern nach der Pfeife ihrer Programmierer und Admins tanzte. Sartre hätte I-Net wahrscheinlich eine Existenz im Sinne seiner Philosophie zugestanden und die Wissenschaftler stritten sich seit Jahrzehnten, ob der Quanten-Großrechner zwischen seinen elektronischen Schaltkreisen und neuronal-biologischen Netzstrukturen eine Persönlichkeit und ein Ich-Bewusstsein besaß oder diese nur perfekt simulierte. Der alte Turingtest funktionierte bei modernen KI’s längst nicht mehr. Aber damit war aber noch kein abschließendes Urteil gefällt, ob der gigantische Rechnerverbund auch intelligent war. Für Fabia lag der Fall einfach: I-Net war bloß ein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel, hochkomplex zwar, aber eben doch nur ein Werkzeug, das allerdings gleichzeitig Milliarden von Dingen und Anfragen erledigen konnte und Millionen öffentlicher und privater goLEMs, Industrieanlagen und Haushalte steuerte. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die vor unter der spanischen Atlantikküste bis weit ins Meer hinein errichtete, unterseeische Rechneranlage ausfiel, weil ein Stück Mond auf sie und die 4-Milliarden-Einwohner-Megapole Marelona herabstürzte.

„Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,“ sagte AUSKUNFT in seiner sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein seine Aufmerksamkeit. Die Farbe ihrer Iris schillerte wie Bernstein.

„Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich keine Zuschauer mehr?“

„Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat und im weiteren von mir 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraph 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte habe für diese Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld“, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde er nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Die schlimmsten Befürchtungen des alten Verschwörungstheoretikers waren in Erfüllung gegangen.

„Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.“

„Und ob ich noch Fragen habe!“, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. „Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?“ Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar die Regierungsgewalt übernommen.

„Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, der aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.“

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen ähnlich fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

„Omicron … Status“, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

„Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen“, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme, die von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet wurde das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen – der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Faibia aus dem Geschichtsunterricht, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor fast eintausend Jahren angesprochen hatten und die nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors diente. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete halb Europa überdeckten!

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Was vorher geschah:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

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Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Der Schatten von Pardais (1. Kapitel – Teil EINS)

Gut, dann mache ich auch in Karukora weiter:

Teil III. der großen »Der Weg, der in den Tag führt«-Saga:
Der Schatten von Paradais

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Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen. Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen Juel und Selin die Gunst der Stunde. Sie stehlen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora die Landkarte, die den Weg nach Pardais zeigen soll.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes hinein in die Tote Wüste fliehen und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

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Kapitel Eins
Ein Sturm zieht auf


Der junge Selin wischte die dünne Sandschicht beiseite, die der nächtliche Chamsin-Sturm auf das kuppelförmige Gebäude geweht hatte, das sich hier am westlichen Rand der Ebenen wenige Fuß über die Dünen hinaus erhob. Der Boden der Kuppel musste aber viel, viel tiefer unter dem Wüstenstaub begraben sein. Er hustete und schob sich seinen schützenden Schal vor Nase und Mund. Dann sah er zurück zu Semira, die etwas unter ihm kauerte und vergeblich versuchte, ins Innere des uralten Gebäudes zu spähen. Wie auch Selin trug sie die weite, wallende Kleidung der Wüstenwanderer und es war kaum zu erkennen, dass sich unter den Stoffen eine junge, schlanke Frau verbarg. Ihr Geliebter winkte ihr zu und sie kam vorsichtig näher heran, achtete dabei darauf, beim Höhersteigen genau in die Fußstapfen von Selin zu treten, die sich in dem Sand abzeichneten. Der dunkelhäutige Mann reichte ihr seinen Arm und zog sie das letzte Stück zu sich herauf.

»Da, schau, Juel hat sich nicht getäuscht.« Selin deutete auf eine leicht gewölbte Glaskachel, die er gerade vom mehlfeinen Sand befreit hatte. »Das ist wirklich ein Gebäude der Vorgänger und wir stehen oben auf dem Dach. Ich hoffe, es handelt sich hier endlich um den Eingang, über den wir zu den Gängen unter den Ebenen gelangen. Viel Zeit, um weiterzusuchen, haben wir nicht mehr.«

Er beugte sich weiter herab und versuchte ebenfalls, durch das dicke Glas ins Innere zu sehen, doch die Oberseite der Kachel war von den Jahrtausenden, in denen sie ungeschützt der Wüste ausgesetzt war, vom Sand trübe geschliffen und zerkratzt. Auch ihm gelang es nicht, etwas in der Finsternis unter dem Glas zu erkennen. Er zuckte resigniert mit den Schultern und stand auf.

»Ich habe keine Ahnung, woher er das weiß, aber wenn das tatsächlich der uralte Bahnhof ist, von dem Juel sprach und von dem aus laut Lakmis Dschinn TYCHO der URS in Richtung Pardais fährt … Dann frage ich mich, wie wir in ihn hineingelangen können.«

»Vielleicht weiß ja Adelf einen Weg. Der Mönch behauptet doch, er könne durch Wände sehen«, erwiderte Semira und stellte sich eng neben ihren Freund. Die beiden befanden sich fast am höchsten Punkt der im Sand versunkenen und von einer Düne halb begrabenen Kuppel. Sie war im Durchmesser sicherlich fünfhundert Fuß breit und ragte etwa achtzig Fuß über die an dieser Stelle sanften Dünen der Wüste hinaus. Da das Gelände hinter dem Gebäude sofort schroff zu einem Ring von Hügeln und zerklüfteten Felswänden anstieg, konnten sie zwar nicht in die Schlachtfelder des Ewigen Krieges hinunter, aber in die andere Richtung viele Meilen in die Tote Wüste hineinblicken, die sie in der letzten Woche auf ihren schnellen Kamelen durchritten hatten.

Obwohl der Nachmittag schon fortgeschritten war, stand die Sonne noch strahlend im wolkenlosen Südwesten und sandte erbarmungslos ihre Hitze herab, die die Luft über dem Sand zum Flimmern brachte und jeden Atemzug zu einer brennenden Qual werden ließ, jeden Schritt durch den feinen, aufgeheizten Sand zu einem Kampf. Im Rücken der beiden, hinter der Hügelkette, breiteten sich die legendären Ebenen aus, auf denen in jeder Nacht erbittert die Golem–Armeen kämpften, von denen jeder Einwohner Karukoras schon gehört, die aber nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatten. Auch Semira und Selin wussten nicht, wie es hinter dem mächtigen steinernen Wall, der die Sicht in die östliche Richtung versperrte, aussah. Juel hatte ihnen erzählt, die Ebene und auch der sechshundert Meilen lange „Bruch“ im Norden von ihr wären durch einen der gewaltigen Gesteinsbrocken entstanden, die nach der Zerstörung des Máni vor sechstausend Jahren vom Himmel gefallen waren und das Ende der Zeit der Vorgänger einläuteten. Das war der sogenannte „pfeifende“ Tod gewesen, der das Ende der alten Welt einläutete …

»Da, schau!« Semiras scharfe Augen hatten auf den Dünen im Westen eine Bewegung bemerkt und sie machte Selin darauf aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen. Richtig, dort hinten, nicht einmal eine Tagesreise entfernt, war plötzlich eine Staubwolke aufgetaucht, die langsam höher stieg und dabei an ihrem Ursprung immer breiter wurde. Selins Mundhöhle wurde noch trockener, als sie dies durch den vielen Sand schon war, den er bereits geschluckt hatte.

»Was ist das – etwa schon wieder ein Sandsturm?«

»Ich hoffe nicht. Wenn wir nicht Schutz in der Ruinenstadt gefunden hätten, hätte uns der letzte Chamsin bis in die Gelbe Wüste geblasen. Ich glaube, da kommt etwas anderes auf uns zu. Ich hoffe, es ist nicht schon der „Unterwerfer“«, erwiderte Selin und holte ein kleines Fernglas aus seiner ledernen Schultertasche, in der er einige der nützlichen Vorgängergerätschaften aus Juels bei Begrad zurückgelassenen Kaufmannswagen mit sich trug. Er stellte es ein und spähte in die Himmelsrichtung, in der der aufgewirbelte Staub über dem Horizont lag. Die beiden Okulare waren eine Techné aus den Drei Reichen und summten leise, als sich ihre Linsen scharf stellten und die Ferne fast greifbar nah heranholten. Kein zeitgenössischer Linsenschleifer war in der Lage, solch ein präzises Instrument mit einer so starken Vergrößerung herzustellen. Selin fragte sich erneut, wie und vor allem wo das Fernglas und andere Dinge, die Juel während ihrer mühseligen Reise durch die Tote Wüste immer wieder hervorgekramt hatte, in den Besitz des gewitzten Meisterdiebs gelangt waren. Dann erkannte er, was er dort in weiter Ferne sah und sein Mund klappte nach unten, was er sofort bereute, weil ihm eine Böe Staub ins Gesicht wirbelte.

»Unsere Verfolger haben uns eingeholt«, sagte er heiser und ausspuckend, »spätestens morgen in der Frühe werden sie hier sein. Da, schau selbst …« Er reichte das Fernglas an Semira weiter, die beim Hindurchsehen ein nicht gerade mädchenhaftes wendisches Schimpfwort durch die Zähne stieß.

»AsQ‘atak kjet‘Ba! Das müssen ja tausende Soldaten sein!«, stellte sie fassungslos fest.

»Ja, es scheint, Jalah hatte recht und uns jagt die gesamte Armee des Namenlosen hinterher.«

Die fernen Dünen waren nun schwarz von einer riesigen Kolonne Fußsoldaten, Kamelreitern und Streitwägen, die in lockerer Marschformation langsam, aber unaufhaltsam in ihre Richtung marschiert kamen. An der Spitze stapften mehrere Dutzend großer Tiere durch den Sand.

»Der „Unterwerfer“ hat sogar seine Kriegs–Machmouts dabei! Was für ein Aufwand, um eine Handvoll Flüchtlinge zu jagen«, staunte Semira, die fasziniert auf die Ameisenarmee starrte, die die fernen Hügel überschwemmte.

»Unglaublich. Wenn es nicht so furchtbar wäre, müssten wir uns geschmeichelt fühlen. Augenblick …« Selin hatte etwas Beunruhigendes entdeckt und nahm seiner Freundin das Fernglas wieder aus der Hand. Er fixierte einen sich bewegenden Punkt, der der Kuppel viel näher als die Kolonne des Namenlosen war – erschreckend näher! Nun war er es, der einen derben Fluch ausspuckte.

»Beim Thsaq‘r der Allerbarmerin!«, rief er aus und deutete nach vorn. »Dort hinten, gar nicht mehr weit von der alten, zerstörten Stadt entfernt, wo die anderen auf uns warten, treibt sich ein Trupp der Treuwacht herum. Wie haben wir die bisher übersehen können? Das müssen Späher sein und wenn sie sich in ihrer Richtung weiterbewegen, werden sie noch vor Sonnenuntergang auf die Vorgängerruinen und unser Lager stoßen. Das müssen an die zwanzig Soldaten sein. Gegen diese Übermacht hätten wir keine Chance. Wir müssen die anderen auf der Stelle warnen, damit sie fliehen können.«

Semira runzelte die Stirn. »Und was ist mit dieser Kuppel? Wenn wir keinen Eingang in sie hineinfinden, wird das eine kurze Flucht sein. Dann werden wir ihnen nicht entkommen können, denn über das Ringgebirge hinüber schaffen wir es nicht.«

»Du hast recht«, überlegte Selin. »Wir beide werden uns jetzt auftrennen, das wird das Beste sein. Du läufst zurück und warnst unsere Freunde vor dem Spähtrupp. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, sich vor ihnen zu verbergen. Ich werde inzwischen – wie wir ursprünglich vorhatten –, versuchen, ins Innere des Gebäudes zu gelangen und es von dort aus zu öffnen. Dann können wir dort Schutz suchen.«

Das Mädchen nahm die Hand ihres Freundes und drückte sie. »Ist das wirklich eine gute Idee? Du wirst allein sein und du weißt nicht, was dich dort unten erwartet.«

Selin nahm seinen Schal vom Gesicht. »Es ist das einzige, was mir einfällt. Und in der Kuppel sollte es seit dreitausend Jahren nichts Lebendiges mehr geben. Ich habe ja TYCHO dabei. Er wird mich warnen.«

»Es sind nicht die Lebenden, die ich fürchte …«, erwiderte Semira. Ihr fiel Sahars grausame Geschichte von den gefährlichen Golemen und dem unheimlichen Untoten aus der Zeit der Vorgänger ein. Der Märchenerzähler aus Italmar hatte sie an jenem Abend, als sich ihr aller Leben auf den Kopf gestellt hatte, bei dem Fest in Ómers Speisesaal erzählt.

Sie presste sich an Selin. Die verwöhnte Kaufmannstochter hatte für ihren Geliebten ihr altes, komfortables Leben geopfert und die Vorstellung, ihn zu verlieren, war grausam. Am liebsten hätte sie ihn nie mehr losgelassen; ihren Prinzen von Karukora und Infanten von der Lamargue, dem letzten Nachkommen von Ba‘Al, des ersten Namenlosen. Der junge, dunkelhäutige Mann las in ihren tränenfeuchten Augen und schluckte, zog sie dann ungestüm an sich. Seit Semira sich entschlossen hatte, ihre Eltern und Karukora mit ihm zu verlassen, was für ein Mädchen aus gutem Hause den völligen Ruin und für ihre Familie eine nicht wiedergutzumachende Schande und gesellschaftliche Isolation bedeutete, war aus der Verliebtheit ihrer anfänglich eher spielerischen als ernstzunehmenden Zuneigung eine tiefe Liebe geworden, deren Feuer mit jedem Tag und jeder gemeinsam verbrachten Nacht heller und heißer brannte. Die beiden küssten sich und für einen kurzen Moment war alles vergessen: Die Tote Wüste, die Soldaten des Namenlosen, selbst Pardais – von dem die beiden jedoch nicht wie die anderen des Trupps träumten, weil sie ihr persönliches Pardais längst beieinander in den Armen des anderen gefunden hatten.

»Möge die Allerbarmende dir ihren Segen geben und dich begleiten und beschützen, Selin–Naq«, flüsterte Semira nach einer Weile und machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich eile zu unserem Lager und führe dann, so schnell es geht, alle hierher. Ich will dich gesund wiedersehen.«

»Das verspreche ich dir. Weder im Leben noch im Tod werde dir jemals fern sein, Stern meiner Augen! Mein Alles.« Semira lächelte ironisch, aber sie nahm die überschwänglichen Komplimente an.

»Das will ich dir auch geraten haben.«

Selin nickte und lächelte optimistisch und aufmunternd, um sie zu beruhigen. Er hätte sie gerne noch weiter angehimmelt, aber die Zeit war dafür zu knapp. Seine Gesichtszüge wurden auch augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte. Semira rutschte die Kuppel auf dem weißen Sand, der dick auf ihr lastete, mehr hinab, als dass sie sie hinunterstieg. Glücklich unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte. Anschließend folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager in der Ruinenstadt zu dem Vorgängergebäude gegangen waren.

[Zur Fortsetzung …]

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Mánis Fall (Kapitel 1.2)

Der Prolog zur Brautschau-Saga
Mánis Fall

knoten

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„Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen“, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem auf seine Pupillen projizierten Avatar in die Augen, der selbstverständlich korrekt gekleidet war. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal schamlos in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der anderen Seineseite in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als das Babel kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrocknete und sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog. Sie warf sich den ausgewaschenen, ihr viel zu weiten Sweater über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich ankleidete.

„Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!“, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. „Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.“

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In einem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia nun gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense, ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der unter dem Spitznamen EDY bekannt war. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Sie wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand wusste, wie der echte Sprecher aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

„Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …“, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, „16 Stunden und 24 Minuten …“, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, „wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impakt sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und extreme Tsunami-Wellen auslösen wird, die nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell bedrohen; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …“ Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer langgezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impakt und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

Fabia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Eine nie gefühlte Panik schnürte ihr wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen konnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

„Jean Paul, sie haben es wirklich getan“, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach ihm benannten I-Net-Tagebuch-Kanal, dessen von ihr selbst programmierte KI-Software getreu begann, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

„Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen doch unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.“

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean Pauls kleine Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen – eine unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug und kein eher schmuddliger Briefkastenonkel wie ihr Lebensgefährte Sartre – aber die Avatarin der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits so oft an Studentinnen der Genderwissenschaften vergeben, dass Fabia sich für Beauvoirs heutzutage eher unbedeutenden und außerhalb von spezialisierten – den klassischen Existenzialismus erforschenden – Fachkreisen nur äußerst selten als Avatar benutzten Philosophenfreund entschied, als sie vor ein paar Jahren wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Über „Jean Pauls kleine Existenz“ teilte sie sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheim fielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami überstand. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

„Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich“, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest.

[Zur Fortsetzung …]

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