Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Kriminalroman”

Abenteuerurlaub – Eine SF-Kurzgeschichte

Abenteuerurlaub
Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte

 

Unterlagen nur für den dienstlichen Gebrauch:

I. Auszug aus der Aussage von Chiefinspector Saul Harrow, New Scotland Yard, Sektion Kapitalverbrechen:

»Ich hob die schwarze Plastikplane mit zwei Fingern in die Höhe. Ein kurzer Blick genügte vollkommen. Ich wandte den Kopf voller Ekel beiseite. Obwohl ich auf nahezu dreißig Jahre Berufserfahrung blicken kann und mich der kreidebleiche Gerichtsmediziner Eddie „Carnage“ Ffloyd gewarnt hatte, war ich auf den Anblick, der sich mir bot, nicht vorbereitet. Es stand fest, dass es sich bei dem zerfetzten Leichnam um die sterblichen Überreste des Industriemanagers Paul H. Cowley handelte. Das war gut so, denn nur anhand seiner kleinteiligen Überbleibsel wäre es schwierig, wenn nicht unmöglich gewesen, ihn zu identifizieren. Der Mörder hatte die Leiche nicht in einem Stück zurückgelassen und diese Puzzleteile sahen so aus, als wäre das Innere nach außen gestülpt worden.

Ich ließ die Plane eilig fallen und überließ die zusammengesammelten Reste den Sanitätern, die sie vorsichtig balancierend auf einer Trage wegschafften. Dann sah ich mich ein letztes Mal in dem Büro um. Das Zimmer sah entsetzlich aus: Die Wände, die Fenster, die Möbel, alles war mit Blut beschmiert, überall klebten noch kleinere Knochensplitter, Fleisch- und Gedärmeteile. Ich hatte Mitleid mit dem Personal von der Spurensuche, das sich auch mit sichtlichem Widerwillen an seine Arbeit machten. Wie hatte es der mutmaßliche Täter in einer so kurzen Zeitspanne fertiggebracht, Cowley auf solch eine bestialische Weise zu schlachten? Denn nach der zusammenhanglosen, immer wieder von haltlosen Schluchzernn unterbrochenen Aussage der völlig hysterischen Sekretärin des Ermordeten hatte der Mörder sich höchstens zwei Minuten bei seinem Opfer aufgehalten. Zudem war offenbar noch die Zeit geblieben, die Waffe verschwinden zu lassen; wohin, das war bislang ein Rätsel. Wenn es nicht unmöglich gewesen wäre, hätte ich vermutet, der Täter hätte Cowley gezwungen, eine Bombe zu schlucken, die ihn dann von innen heraus zerrissen hatte. Keine der Spuren wies jedoch auf Sprengstoff hin.

Ich verließ den Raum eilig. Im Vorzimmer rekapitulierte ich. Der absurde Fall stellte sich mir bislang folgendermaßen dar:

Gegen 02:00 Uhr PM betrat ein bislang noch nicht identifizierter und unauffällig gekleideter Mann Ende Vierzig das Vorzimmer, in dem ich gerade stand. Er verlangte von der Sekretärin ohne Angabe von Gründen den Aufsichtsratsvorsitzenden der EPIX-Waschmaschinenwerke, Dr. Paul H. Cowley, zu sprechen. Der Mann hatte keinen Termin. Wie er bis hierher vordringen konnte, war noch nicht geklärt. Der Pförtner schwor Eide auf die Bibel, er habe niemanden durchgelassen und wäre die ganze Zeit auf seinem Posten verblieben.

Jener Mann war auch niemandem in dem Großraumbüro aufgefallen, in dem sich zur Tatzeit annähernd fünfzig Personen aufhielten. Er hätte es durchqueren müssen, wenn er zu Cowley wollte. Die Person, die ihn als erste sah, war die Vorzimmerdame des Managers, die ihm ein weiteres Vordringen untersagen wollte. Der Mann zuckte als einzige Antwort mit den Schultern und betrat – ohne sich weiter um die Sekretärin zu kümmern – an ihrem Schreibtisch vorbei Cowleys Büro. Sie wollte ihm nacheilen, aber der Fremde hatte die Tür hinter sich verschlossen. Ihr war nicht bekannt, woher er einen Schlüssel zum Büro besaß. Beunruhigt versuchte sie zuerst, den Chef über die Gegensprechanlage zu erreichen. Als er auf ihren Anruf nicht reagierte, verständigte sie den Sicherheitsdienst der Firma. Bereits eine Minute später kamen drei Wachleute, die sich nach vergeblichem Klopfen gegen die Tür entschieden, diese aufzubrechen. Sie kamen zu spät: Inmitten der im Raum verstreuten Überreste von Paul Cowley stand lächelnd der Täter, der sich widerstandslos bis zum Eintreffen der Polizei festhalten ließ.

Das war alles und es war nicht viel; jedoch in einem entscheidenden Punkt mehr als bei inzwischen vier ähnlich gelagerten Fällen, die im Großraum London in den letzten Wochen geschehen waren und die Schlagzeilen der Nachrichtenblätter dominierten: Diesmal hatten wir den Täter!

Ich verzichtete auf eine weitere Befragung der Angestellten, von der ich mir weiter nichts erwartete, und entschied mich, zurück zum Yard zu fahren, um den Verdächtigen einem ausgiebigen Verhör zu unterziehen. Ich warf zuerst einen Blick zurück, um meinen Assistenten, Inspektor Jacob Waterstone, zu informieren, als ich auf dem Boden des Vorzimmers ein Stück Papier liegen sah. Warum es mein Interesse erregte, kann ich nicht sagen. Man kann es den Instinkt eines alten Spürhundes nennen. Es war ein Reiseprospekt. Ich konnte mit einem kurzen Blick feststellen, dass das Papier dem Täter gehörte, der es hier offensichtlich zufällig verloren hatte, als er sich an der Sekretärin vorbeidrängte. Meine Hände zitterten. Hier hielt ich den Schlüssel zu all den unaufgeklärten Mordfällen dieses Jahrhunderts in meinen Händen. Ich hatte es plötzlich sehr eilig. Ich musste unverzüglich zurück zum Yard. Aber ich kam zu spät. Der Täter war wenige Minuten vor meiner Ankunft aus einer streng bewachten Zelle im Untersuchungstrakt ausgebrochen. Einer der Wachhabenden sagte später aus, der Verdächtige habe sich buchstäblich in Luft aufgelöst.«

II. Vorgebliche Abschrift des spurlos verschwundenen Beweisstückes B4/2018/Cowley; niedergeschrieben von Chiefinspector S. Harrow.

Großformatiger, einbögiger Glanzpapierprospekt:

Ist Ihnen die Cote d´Azur seit dem Klimawandel zu heiß, sind die Algarve oder das Große Barriereriff zu überlaufen und verschmutzt?
Ist Ihnen ein Tauchurlaub zu den Überresten von Venedig zu anstrengend?
Ist Ihnen ein Ausflug zu den Astereoiden oder ein Sexurlaub in der Renaissance zu langweilig?
Sind Ihnen Pauschalreisen zu den Großen Schlachten der Weltgeschichte mit zuviel Bildung befrachtet?

SEGERTOURS-ZEITREISEN bietet Ihnen als einziges Reiseunternehmen der Welt eine Alternative, die Individualität, Abenteuer und erregendes Nervenkitzel garantiert:

SEGERTOURS-ZEITREISEN macht Sie zum Mörder!

Sie haben richtig gelesen: In Begleitung eines erfahrenen Reiseleiters bietet Ihnen SEGERTOURS-ZEITREISEN einen Trip ins frühe 21. Jahrhundert, in dem Sie, ohne eine Strafe oder gar Verfolgung befürchten zu müssen, einen der geheimnisvollen Morde begehen werden, die nie jemand aufgeklärt hat. Nur Sie und Ihr Reiseleiter, der sich selbstverständlich zu absoluter Diskretion verpflichtet hat, wissen um den Täter: Sie selbst!

Schlagen Sie ein Handbuch der Kriminalistik auf. Das 21. Jahrhundert ist voll von niemals aufgeklärten Morden. Wir laden Sie ein, eine dieser Untaten zu begehen! Das ist selbstverständlich nicht ungesetzlich, da diese Morde auch dann geschehen würden, wenn Sie sie nicht begehen. (Zeitparadox VI. § 2.1)

SEGERTOURS-ZEITREISEN bringt Sie hin! Holen Sie sich noch heute Ihr ausführliches Informationsmaterial in Ihrem Reisebüro.

Alexander Steven Seger

Ihr Reiseunternehmer

(Unsere Reiseunternehmung ist seit 2045 für Zeitfahrten lizensiert und befindet sich unter ständiger Aufsicht eines vereidigten Achseningenieurs des Touristikbüros der ZK (Zeitkontrolle). Die ZK weist darauf hin, dass SEGERTOURS-ZEITREISEN alle Auflagen beachtet. Ein Eingriff in oder eine Veränderung der Vergangenheit ist nach menschlichem Ermessen auszuschließen.)

[Es folgt eine Seite mit den Allgemeinen Reise- und Geschäftsbedingungen, Informationen über Versicherungsschutz und ein Anmeldeformular.]

III. Auszug aus der Aussage von Chiefinspector Saul Harrow, New Scotland Yard, Sektion Kapitalverbrechen:

»Nachdem dann auch noch der Prospekt aus meiner Tasche verschwunden war, stand ich mit leeren Händen da. Aber ich hatte mir Notizen gemacht. Ich zögerte deshalb nicht länger. Da ich die Mutter telefonisch nicht erreichte, wies ich Inspector Waterstone an, die Kindergärten und Schulen in der Nähe der Wohnung abzuklappern. Er hatte schon nach dem fünften Versuch den gewünschten Erfolg. Der Kindergarten lag in der Bethnal Green Road in einem schmucklosen, niedrigen Ziegelbau direkt gegenüber der Shoreditch High Street-Overgroundstation. Ich fuhr noch an diesem Vormittag hin. Den Haftbefehl hatte ich ohne Schwierigkeiten bekommen. Der Richter war müde und hatte zu meinem Glück nur einen oberflächlichen Blick auf die Personendaten geworfen.

Die Kindergärtnerin führte mich durch das Gebäude auf einen rückwärtigen Spielplatz. Sie deutete auf einen etwa vierjährigen Jungen, der in der Sandkiste ein Loch gegraben hatte und Spielzeugautos hineinfallen ließ. Sie rief ihn. Der Knirps gab sein Spiel auf und kam heran, stellte sich schüchtern von uns auf.

„Alexander Steven Seger?“, fragte ich. Das Kind starrte mich an und ich fühlte mich wie ein Idiot. Dennoch holte ich den Haftbefehl hervor. „Alexander Steven Seger, hiermit verhafte ich Sie wegen der Gründung einer verbrecherischen Organisation zum Zwecke der Förderung und der Anstiftung zu Morden in mehreren Fällen. Folgen Sie mir.“

Die Kindergärtnerin lachte. Das Kind fragte, ob es seine Spielzeugautos mitnehmen könne.«

IV. Anmerkung

Chiefinspector Harrow wurde auf Anraten der psychiatrischen Abteilung der Gerichtsmedizin zur weiteren Untersuchung in die Obhut der Newlay-Klinik verbracht; das Kind auf schnellstem Wege der Mutter zurückgegeben.

Der Fall Dr. Paul H. Cowley bleibt ungeklärt.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3 (Leseprobe)

Heute ist der Todestag des Weimarer Geheimrats, dessen Haus am Frauenplan auf dem Foto zu sehen ist. Aus diesem Anlass gibt es einen Ausschnitt aus dem 3. Teil meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, in dem E. A. Poe und sein Freund C. Auguste Du­pin versuchen, Goethes Ermordung zu verhindern. Viel Vergnügen!

 


Mit solchem Rätselkram verschone mich!
Und kurz und gut: was solls? Erkläre dich!’
Goethe, Faust II

Die Zufalls-Theorie oder, wie die Mathemati­ker sie exakter benennen, die Wahrschein­lichkeits-Rechnung, hat eine bemerkenswert­e Eigenthümlichkeit an sich: Ihre Richtigkeit im Allgemeinen steht in direkter Proporti­on zu ih­rer Unrichtigkeit im Besonderen. Und was an Ge­heimnisvollem auch den ruhigsten Denker gele­gentlich mit einem vagen, den Schrecken weckenden Halbglauben an das Übernatürliche durchschauert, ist trotz offensichtlichem Wundercharakter oft nicht mehr als ein Zusammenkommen bloszer Zu­fälle, die im Kleinen doch Beweis sind für das vom Herrn Ber­noulli formulierte Theorem der groszen Zahlen. Des­halb muss ein präziser, mit klarem Ver­stande begabter Mann namentlich in den Dingen der Logik immer auch das Unwahrscheinlichste und Absurdeste in Rechnung stellen und den gröszten Teil der Wahrheit wird er aus dem scheinbar Irre­levanten gewinnen.

An einem recht sturmwindigen Abend Anfangs März des Jahres 1832 kehrte ich im Auftrage des New Yor­ker Mercury nach Paris zurück, um dem amerikani­schen Publikum in einer Artikelserie von dem neuen Frankreich unter Louis Philippe Mittei­lung zu ma­chen. Freilich führte mich mein erster Weg nicht zur Dependance der Wochenzeitung in der Rue de Vermi­celle, sondern zu meinem alten Freund C. Auguste Du­pin, den ich, wie ich erwartet hatte, in seiner kleinen, nach hinten hinaus gelege­nen Bibliothek, au troisiè­me, No. 33, Rue Dunôt, Fau­bourg St. Germain antraf. Da ich ihn von meiner Ankunft nicht benachrichtigt hatte, erwartete ich, ihn beim zwiefachen Genusse ei­ner Meditation und einer Meerschaumpfeife zu über­raschen.

Zu meinem nicht geringen Verstaunen traf ich ihn jedoch bei den Vorbereitungen zu einer Reise an, die ihn, nach der Grösze des Schrankkoffers zu urteilen, in dem er seine Bücher verstaute, mindestens bis zur In­sel Sumatra führen musste. „Ah, Edgar, da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ankunft schon für heute Nach­mittag erwartet. Die Post wurde wohl aufgrund des Wetters aufgehalten?“, rief Dupin seltsam erregt aus und umarmte mich so flüchtig, als hätten wir uns nicht vor Jahren, sondern erst vor Stunden getrennt.

„Aber Dupin“, erwiderte ich ernstlich verstaunt, „dies geht über mein Begreifen. Ich stehe nicht an zu sagen, dass ich bestürzt bin, und mag meinen Sinnen kaum trauen. Wie war es möglich – wie konnten Sie von meiner Ankunft wissen?“ Hier hielt ich inne und musterte ihn scharf. Erneut war es ihm gelungen, mich mit seiner analytischen Begabung zu überra­schen. Er lächelte mich freundlich an; er schien wie früher ein ausgesprochenes Vergnügen an ihrer Übung – wenn nicht gar ihrer pomphaften Zurschaustellung – zu finden.

„Nicht jetzt“, hob er abwehrend die Hand, „wir wer­den in den nächsten Tagen zur Genüge Gelegenheiten finden, uns auszutauschen. Und ich will nicht zurück­stehen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Aber nun drängt uns Wichtigeres!“ Er griff in seine weinrote Hausjacke. Obgleich Dupin durch die Affaire um den stibitzten königlichen Brief zu einigem Wohlstand gelangt war, hatte er sich noch immer nicht von diesem fadenscheinigen und häszlichen Kleidungsstück trennen können, in dessen unergründ­lichen Taschen er den gröszten Teil seines Hausrates aufbewahrte. Und wirklich beförderte er nach kurzer Suche einen Brief zu Tage, den er mir überreichte. „Es steht mir fern, dramatisch klingen zu wollen, aber es geht für dieses Mal wohl um Leben und Tod. Deshalb finden Sie mich auch in einer aufgelösten und Ihnen noch nicht angemessen erscheinenden Eile. Aber lesen Sie selbst, mein lieber Edgar, lesen und urteilen Sie“, drängte er mich. Ich öffnete den Brief, der nur aus ei­nem einzigen Blatt bestand und erstaunte mich über den Absender:

‚treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Febru­ar 1832 – J. W. v. Goethe’, las ich auf Deutsch am Ende der Seite in einer unruhigen, aber gut leserlichen Handschrift.

„Goethe? Dupin, Sie überraschen mich aufs Neue. Sie befinden sich im Briefwechsel mit dem Deutschen Dichterfürsten!“

„Nun, der alte monsieur conseiller ist ein fleißiger Briefeschreiber“, erwiderte Dupin ruhig, während er erneut das Kofferpacken aufnahm. “Zumalen er seine correspondence schon seit Jahren seinem Sekretär John diktiert. Obgleich meine Wenigkeit ebenfalls eine dichterische Ader pochen fühlt, ist es doch eher die ge­meinsame Liebe zur Wissenschaft, die unseren Gedan­kenaustausch förderte.“ Ich nickte verwirrt. Wie we­nig wusste ich von diesem Menschen, mit dem ich während meines ersten Parisaufenthalts die Wohnung geteilt hatte und der zu den wenigen Freunden zählte, die ich auf der Welt hatte. Umso mehr interessierte mich daher, welcher Natur der Briefwechsel zwischen Dupin und Goethe war. Ich öffnete also erneut das Blatt und las:

‚Nach einer langen unwillkürlichen Pause habe ich auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Teuerster, wahr­haftest zu erwidern, dass ich in unsrer gemeinsamen Sache einige Fortschritte getan.

Wir sind einig, Dupin, es war nicht Schillers Sache, mit einer gewissen Bewusstlosigkeit und gleichsam in­stinktmäßig zu verfahren, vielmehr musste er mit mir über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, dass er über seine Ideen nicht unterlassen konn­te, sehr viel hin und her zu reden, so dass er alle seine Stücke mit mir durchgesprochen hat. Dies gilt auch für die von Ihnen in Erwähnung gebrachte abge­brochne Erzählung, die in der Tat, wesgleichen Sie in­sistierten, auf einem Zeitungsbericht beruhte, der Schillern in Jena um 1790 begegnete.

Es ist ein eignes Ding mit der Erinnerung, sie erwei­set sich wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es fassen und zu besitzen glauben, unseren Ar­men doch wieder entschlüpft. Ich teilte Ihnen noch in meinem letzten Briefe mit, ich hätte kein Gedächtnis von der Geschichte und ihrer Fortsetzung, so wenig als ich vom Abschluss der Geisterseher wüsste – habe mich jedoch geirrt. Tatsächlich ist mir bei einer Durchsicht meiner grenzenlosen Papiere der Name der Gräfin wieder eingefallen und ich weiß plötzlich auch erneut ob der Mutmaszungen, die Schiller um den ge­waltsamen Tod ihrer Ehegatten angestellt und wen er dieser ruchlosen Taten verdächtig machte.

Verzeihen Sie, Dupin, einem alten Manne, wenn sei­ne Erinnerungen ein wenig sprunghaft erscheinen; verzeihen Sie ihm abermalen, wenn er einer Grille, die ihm durchs Gehirn lief, nachging und in seinen Akten ein wenig Polizeicommissar spielte; denn der Mensch will immer tätig sein und kann und soll seine Eigen­schaften weder ablegen noch verleugnen. Gar selten tut er sich selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben:

Daher darf ich Ihnen die Mitteilung weiterreichen, die verwitwete Gräfin Bianca von Hohenlohe – da steht nun endlich ihr Name –, lebe noch und erfreue sich guter Gesundheit. Sie habe sich nach dem so tragischen wie rätselhaften Tode ihres vierten Gatten nicht mehr verheiratet und lebe von der Welt geschie­den auf dem Gute ihres sel. Vaters, des Grafen Lu­dewig von Metzenstein, im Thüringischen. Bei einem unserer wöchentlichen Treffen gelang es mir nun, die Groszherzogin Maria Pawlowna zu bereden, die Grä­fin zum Frühlingsfest an den Hof zu laden. Ich bin überzeugt, aus dem Munde der Hauptperson Näheres über unseren Fall und darüber zu erfahren, ob denn Schillern mit seiner Verdächtigung betreffs der Morde recht dachte oder ob es ihm an den Kräften fehlte, die eigenthümlichen und wahren Motive zu finden.

Verzeihung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stun­de, wo man sich die Geheimnisse des Lebens vergegen­wärtigen mag.

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’

Ich legte das wertvolle Papier vorsichtig auf den Bü­chertisch. „Ein interessanter Brief, Dupin, in der Tat! Auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstan­den zu haben. Aber aus welchem Grund meinen Sie denn, es ginge hier um Leben und Tod? Und weshalb packen Sie? Sie fahren doch wohl nicht nach Deutsch­land -“

„- direkten Wegs ins Groszherzogtum von Sachsen-Weimar-Eisenach, an den Frauenplan zu Weimar, zu dem Herrn Geheimen Rat Goethe, um explizit zu sein. Ich habe eine Privatpost abonniert, die uns noch heu­te Nacht gen Frankfurt befördert. Ach, was gäbe ich für eine Personenbahn, wie sie eben zwischen Man­chester und Liverpool eröffnet wurde. Die Zeit läuft uns davon! Wenn ich den Brief nur eher bekommen hätte!“ Mit diesen zornigen Worten warf mein Freund ein letztes Buch in seinen Koffer und schloss ihn mit Nachdruck. Nun erst sah er auf und mein Erstaunen. Er seufzte leise und kramte aus der abgründigen Ja­ckentasche seine Uhr hervor. Dann setzte er sich in seinen Ohrensessel und wies auf meinen Platz ihm ge­genüber, der mir nicht danach aussah, als habe ihn Dupin in den Jahren, in denen ich ihn nicht mehr beansprucht hatte, jemals verrutscht. Und während ich mich ebenfalls setzte, war mir, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen zu jenen Abenden, an denen wir hier nur mit der Hilfe der Verstandeskraft – Dupins, versteht sich – die rätselhaftesten Verbrechen aufzu­klären vermochten. „Einige Minuten werden uns noch bleiben, teurer Edgar. Sie haben doch, wie ich vermu­te, Ihr Gepäck noch bei sich“, sagte Dupin und führte mich zurück in die Gegenwart dieses unfreundlichen Märzabends. Wie immer blätterte er in meinen Ge­danken wie in einem geöffneten Buche.

„Da ich direkten Weges von der Kutsche zu Ihnen eilte – ließ ich die Koffer unten bei der Concierge un­terstellen – hoffte ich doch wieder bei Ihnen Wohnung und Logis zu finden. Aber ist denn der Herr von Goe­the krank? Sein Brief rechtfertigt ein solches Vermu­ten nicht.“

„Nach dem plötzlichen Tode seines Sohnes August vor zwei Jahren in Rom schien es schon mit ihm zu Ende zu gehen, aber nun erfreut sich der Geheimrat – soweit mir bekannt – wieder einer für sein hohes Al­ter ordentlichen Gesundheit; wenngleich mir sein Herz angegriffen erscheint. Er meidet Tod und Leiden jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Nach seinem Brief muss ich allerdings besorgen, dass er sich eben jenen ins Haus geholt hat.“

„Sie sprechen von der Witwe, Dupin, jener Gräfin zu Hohenloh“, vermutete ich.

„Oder von ihrem Umfeld – wir wollen da keine vorei­ligen Schlüsse ziehen. Die objektive Tatsache ist nun: Diese wahrhaft ‚schwarze Witwe‘ hat alle ihre Ehe­männer überlebt und jeder von ihnen wurde aufs Grausamste ermordet.“ Dupin legte wie in einem Ge­bet die Finger aneinander und hob sie an seine Lip­pen. Er genoss diese dramatischen Pausen. „Ja, ich fürchte auf das Schlimmste“, folgerte er dann besorgt und schien gewillt, weitere Mitteilungen zu machen. In diesem Moment wurde er jedoch in seinen interes­santen Ausführungen von der Concierge gestört, die an die Tür der Lesestube klopfte und die Ankunft der bestellten Extrapost meldete. Dupin sprang auf.

„Die Gräfin wird zum Frühlingsfest in Weimar er­wartet. Folglich müssen wir unbedingt vor ihr beim alten Goethen sein“, rief er. „Helfen Sie mir mit mei­nem Koffer, Edgar? Was stehen Sie denn da herum? So kommen Sie, jede Minute ist kostbar. Hätten Sie sich nicht verspätet, könnten wir morgen früh schon in Reims sein.“ Gehorsam trat ich vor.

„Aber, Dupin, denken Sie an meine Arbeit. Ich kann doch nicht einfach –“, fiel mir ein. Ich liesz den Koffer wieder fallen. Dupin stolperte mit seinem Gewicht nach vorn.

„Mache Sie sich keine Gedanken, dafür ist längst eine Lösung gefunden. Ich habe kürzlich die Bekannt­schaft eines jungen Deutschen gemacht, der gleich Ih­nen vor Ort ist, für seine Zeitung über die Französi­schen Zustände zu berichten. Er wird Ihnen seinen Artikel für den März überlassen; sie brauchen ihn dann nur mehr ins Amerikanische zu übertragen. Und seien Sie versichert, dieser Herr Henri Heine denkt so republikanisch wie Ihr Publikum in den Staaten.“ Was konnte ich noch sagen, welche Ausflüchte vor­bringen? Bin ich doch immer leicht formbares Wachs in den Händen meines Freundes gewesen und – ich ge­stehs! – nur allzu leicht zu solch einem formidablen Abenteuer zu überreden, das mich zudem der Be­kanntschaft eines bewunderten Dichters nahebrachte –, spielte ich doch nach meiner unglücklichen Militär­zeit ernsthaft mit dem Gedanken, ebenfalls Schrift­steller und berühmt zu werden. So darf es nicht Wun­der machen, dass ich entschlossen Dupins Schrankkof­fer wieder aufnahm und uns der Dämmer eines windigen und regnerischen Märzmorgens bereits etliche Meilen hinter Paris über aufgeweichte und holprige Landstraszen eilend fand, mit dem Ziel, das Leben des Herrn von Goethe zu retten.

Schauerliche Stunden lagen hinter uns, in denen ich keinen Moment Ruhe gefunden hatte. Doch obgleich der mutige Kutscher die Gefahren solch einer Reise in den schwärzesten Farben ausgemalt und allein durch ein beträchtliches Zugeld überredbar war, die Nacht hindurchzufahren, hatte er die Miet-Chaise treulich durch Sturm und düsterste Finsternis gebracht. Allein durch das unsichere Licht der beiden Sturmlaternen beschienen ging die Fahrt über verwirrende Waldwege und Wiesenstrecken. Mehr als einmal näherten sich die Räder gefährlich dem Straßengraben und schlit­terten in Kurven schmatzend zur Seite. Aber die Pfer­de griffen tüchtig aus, angefeuert von den mal schmei­chelnden, mal drohenden Schimpfwörtern des Kut­schers. Dupin schlief bereits, bevor wir die Pariser Vororte hinter uns gelassen, lehnte gegen sein kleines Felleisen, des einzigen Gepäckstücks, das er neben dem Bücherkoffer mit sich führte und sah so geborgen aus wie in seinem Sessel in der Rue Dunôt, wenn ihn der Schlaf über einer Lektüre überrascht hatte. Na­türlich brannte ich auf weitere Informationen, aber ich liesz ihn ruhen. Da wir in Etwa fünf bis acht Tage bis Weimar unterwegs waren, hatte ein klärendes Ge­spräch keine Eile.

Mit dem trüben Licht des Morgens ging dem Sturm die Wut verlustig, aber es regnete nach dem ersten Pferdewechsel noch immer fleiszig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen des Nachmittags unaufhaltsam spinnen: Die Räder der engen Chaise schnurrten, die Tropfen klatschten an die Fenster, es war aschgraues, französisches Wetter. In solch schmutzigem Reiter­mantel lagen die brachen Felder der Ile de France auf dem Wege; da tat ich ebenfalls die Augen zu und reka­pitulierte mein ganzes Leben, wie ich das immer ma­che, wenn ich auf Reisen gehe. Erschöpft von meinem Leben und von Frankreich, schlief auch ich und hatte einen gar seltsamen Traum:

Mir war, ich stünde im engen Hof eines brennenden Schlosses. Die Flammen brüllten im ersten Stock, ein heiszer Wind trieb mir glühende Funken ins Gesicht. Voller Angst suchte ich inmitten des wirbelnden Cha­os dieses sturmverworrenen Feuers nach einem Aus­gang, nach dem rettenden Tor. Da war es! – und es barst auseinander. Blutige Flammengarben stoben in alle Richtungen – und in der Mitte erblickte ich ein Ross und auf ihm, barhäuptig und wüst zugerichtet, einen Reiter. Es war Dupin! Er vermochte dem Ga­lopp keinen Einhalt zu gebieten. Seine schmerzver­zerrten Züge, seine ganze, krampfhaft zuckende, kämpfende Gestalt erweckten mein Mitleiden. Er öff­nete die zerrissenen Lippen, welche im Entsetzen durchgebissen waren, rief ein Wort. Es war deutsch, aber ich vermochte ihn nicht zu verstehen. Das Häm­mern der Hufe erscholl scharf auf dem Pflaster. Das Ross bäumte sich auf und sprengte über mich hinweg.

Ich schrie und erwachte – blickte in Dupins lächeln­des Gesicht, das keineswegs ruszverschmiert und ver­brannt war. Die Hufe donnerten noch immer, aber sie gehörten den Pferden, die unsere kleine Post eilig durch Regen und Wind gen Teutschland trugen.
„Das war ja wahrlich ein Teufelspferd, das ich da ritt, Edgar“, sagte Dupin spöttisch und reichte mir ein Glas mit Wein, den er während meines unruhigen Schlafes geöffnet hatte. Ich nahm es noch zitternd in die Hand, verschüttete ein paar Tropfen, als ich es zum Munde führte. Erst dabei wurde mir bewusst, was Dupin gesagt hatte.

„Woher, zum Teufel! – wussten Sie jetzt, was ich träumte? Es reicht mir mit Ihren sybillinischen Offen­barungen, legen Sie endlich die Quellen ihrer Weissa­gungen blosz. Oder können Sie meine Gedanken lesen? Mein Gott, Dupin, ich bin es leid“, redete ich mich in eine Rage, die durch die Tatsache, dass ich meinen Reiserock mit wertvollem süszem Bordeaux ruinierte, noch wuchs.

Mein Freund lachte auf und prostete mir zu. „So ist es recht! Garde! Dabei war es nachgerade die Einfach­heit der Sache, die Ihnen den Blick verstellte, Edgar. Ihre romantische Ader und Ihre Beschäftigung mit Mesmerismus und Magnetismus führt Sie schnur­stracks von dem Pfad der Wahrscheinlichkeit in den Sumpf der Spekulation. Das Wunderbare ist Ihnen überzeugender als das Offensichtliche. Sie erwarten je­derzeit von mir nichts geringeres als den Beweis mei­nes sagenhaften analytischen Vermögens. Ein Mirakel ist Ihnen dabei lieber als eine langweilige und einfache Begründung, die auf schlichter Beobachtung beruht. Sehen Sie, mein lieber amerikanischer Freund, auch deshalb liebe ich Schiller: Er hält nichts von Flüchen, die Adelshäuser vernichten, von teuflischen Mächten und finstren Gestalten in düstrer Nacht, von mesmer­schen Offenbarungen und von Geistererscheinungen, dieser ganzen Seuche, mit der Mr Walpoles ‚Schloß Ortranto’ die Literatur infizierte …“

„Ich erinnere Sie jedoch an Schillers unvollendeten Roman, die ‚Geisterseher’, ein Buch, das ich gerne und oft gelesen habe“, warf ich ein.

„Eben – ich betrachte den Prinzen von …d… als ein Vorbild. Erinnern Sie sich, Edgar: Der Prinz erklärt die geheimnisvolle Seance auf einfachste Weise als das, was sie war – nur ein gerissener Taschenspieler­trick eines Gauners.“

„Und Ihre Weissagungen, sind das auch nur ge­schickte Gaunereien?“ Dupin nickte und lachte er­neut.

„In gewisser Weise … Sie sprachen im Schlaf, Edgar. ‚Oh, was für ein schreckliches Ross. Oh, Dupin! Schnell – steigen Sie herab! Reiten Sie nicht in den Feuerschlund!’ Die letzten Wörter habe ich allerdings nicht verstanden. Sie klangen deutsch, so ähnlich wie ‚Metzger‘ und ‚Stein‘.“ Er tippte sich an die Nase. „Ich frage mich manchmal, was solche Traumgesich­ter zu bedeuten haben, welches Band sie an die Wirk­lichkeit fesselt. Vieles bleibt uns Heutigen in der Psy­che des Menschen verborgen. Es ist an der Zeit, dass auch die Seele ihren Napoleon findet und einen Linné, um sie zu katalogisieren.“

„Das beiseite – weshalb Sie mich gestern des Abends bereits erwarteten –, ist die Erklärung ebenso ein­fach?“

„In der Tat. Mich wundert, dass Sie nicht selbst dar­auf stieszen. Ich lese doch Zeitungen, fürwahr die loh­nendste Lektüre in dieser Zeit. Ich bin auch auf den Mercury abonniert, der es sich nicht nehmen liesz, Ihre Europafahrt in zwei Spalten anzukündigen. Die Zeitung wurde mit dem gleichen Schiff wie Sie über den Atlantik gebracht. Ich hielt das Blatt allerdings bereits am Morgen in Händen, da es nicht gleich Ih­nen über Nacht in Calais verblieb. Also brauchte ich nur mehr einige kleinere Erkundigungen einzuziehen und wusste, wann sie planmäszig eintreffen würden – das Pariser Büro von Lloyd`s ist sehr zuverlässig. Es hat mir schon häufig gute Dienste erwiesen. Ich er­hoffte Sie allerdings schon etwas früher …“

„Die Post wurde bedauerlicherweise durch den Sturm aufgehalten.“

„Um wieviel mehr freut mich deshalb Ihre rasche Bereitschaft, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten, Edgar. Es ist nun aber wohl an der Zeit, Ihnen ein wenig mehr über den düst­ren Fall mitzuteilen. Lesen Sie zuerst diesen Balla­denentwurf und dann diese Dichtung von Schiller und sagen Sie mir, was Sie davon halten.“ Dupin griff in seine abgründige Weste und reichte mir zwei Bögen, auf die er mit seiner eigenartig nach links geneigten Handschrift einen kurzen deutschen Text und auf das andere ein Gedicht abgeschrieben hatte. Wie ge­wünscht las ich zuerst den abgebrochnen Plan Schil­lers für eine Ballade:

„Bianca, eine reiche und edle Gräfin von …, war dreimal vermählt worden, und allemal hatte man den Bräutigam getötet am anderen Morgen gefunden. Die allgemeine Sage ging, dass ein Geist, der in der Burg hause und dem nicht zu entfliehen sei, dieses getan. Kein Freier wollte sich mehr zeigen, so schön, reich und edel auch die Gräfin war und so geneigt auch ihr Vater gewesen sein würde, seine Einwilligung zu ge­ben. Sie hatte von ihren Männern keinen geliebt und blosz den Willen ihres Vaters vollzogen. Ein junger Edelmann, mutig und verliebt, hörte von dieser Ge­schichte. Er sah die Braut, sie bezauberte ihn, und er beschloss, sein Glück zu versuchen. Man will ihn ab­schrecken, er spottet über den Aberglauben und trägt sich ihrem Vater an. Diesem gefällt er auszerordent­lich, aber eben darum will der Vater die Heirat nicht zugeben. Don Leira wendet sich an die Schöne selbst, die für ihn die erste Liebe empfindet, aber eben darum davor schaudert, ihm ihre Hand zu geben, weil sie ihn für unrettbar verloren hält. Er bringt es aber doch zu­letzt dahin, dass in die Vermählung gewilligt wird, er führt sie zum Altar und fühlt sich als den glücklichs­ten Menschen im Besitz s. schönen Geliebten.

Die Nacht kommt heran …“ Kopfschüttelnd legte ich das erste Blatt zur Seite und beschäftigte mich mit dem Gedicht auf dem zweiten:

„Der Gräfin von H.
W.o du bist und wo dich hingewendet,
wie dein flücht’ger Schatten mir entschwebt?
Hast du nicht beschlossen und geendet,
hast du nicht geliebt, gelebt?
da werd ich dich wiederfinden,
wenn mein Leben unserm Lieben gleicht;
dort ist auch der Vater, frei von allen Sünden,
dorT ihn blut’ger Mord nie mehr erreicht.
ächzend stöhnt, dass ihn ein Wahn betrogen,
stumm er aufwärts zu den Sternen sah,
sieh, wie jeder wiegt, wird ihm gewogen.
Herr! – du glaubst, so ist der Morgen nah.“

Ich legte auch den zweiten Bogen zur Seite und geri­et in starke Versuchung, mit meinen Schultern zu zu­cken. Was war mir entgangen, das Dupin in den bei­den Texten gefunden haben mochte und ihm so aus­zerordendlich erschien? – Auf mich wirkten sie doch höchst gewöhnlich und – frisch und ehrlich gesagt – hielt ich sie auch nicht von allzu hoher dichterischer Qualität. Mein Freund betrachtete mich mit wachsen­der Spannung.

„Und …? Was sagen Sie dazu, Edgar?“, fragte er schließlich, da ihm mein Schweigen nun doch zu lang wurde. Beteiligt beugte er sich zu mir und legte eine Hand auf die Blätter.

„Nun, gut“, entschied ich mich, „ich kann mit Ver­laub nicht erkennen, was daran Ihr professionelles In­teresse und Ihren Verdacht erweckt haben mag, Du­pin. Der Einfall für die Ballade erscheint ein wenig schauerlich und sehr deutsch – ich habe ihm die Ein­wände entgegenzubringen, die Sie gegen mein eigenes Denken aussprachen; zu romantisch sei es – falls ich mich recht erinnere. Zu schade jedoch, dass dieses Bruchstück endete, als es mir spannend zu werden schien. Aber vielleicht mag Schiller die Fehler selbst bemerkt und deshalb abgebrochen haben. Was die Verse betrifft: Zu ihnen möcht ich mich nicht gerne äußern. Mein Deutsch ist doch zu schlecht, mich an ihnen zu delektieren. Jedoch schien mir der Reimfluss ein wenig holpernd – als wäre Schiller beim Schreiben mit uns hier in der Chaise gesessen und dabei ordent­lich durchgeschüttelt worden, da er sie niederschrieb. Darf ich vermuten, beide, die Lyrik und das Balladen­konzept wären eher frühe Werke des Meisters?“

„Weit gefehlt, wenn auch gut bemerkt“, erwiderte Dupin und wirkte enttäuscht. Offenbar hatte er sich eine andere Antwort von mir erhofft. „Beide Blätter sind nicht der ungelenken und unerfahrenen Feder der Jugend entflossen, sondern der zitternden, fiebrigen Hand des Kranken, der weisz, dass seine Tage gezählt sind. Sagen Sie mir! – Ist Ihnen denn auszer den ver­unglückten Alexandrinern nichts weiters mehr aufge­fallen? Ich dachte, Sie sind ein Liebhaber von gehei­men Nachrichten und Codetexten. Versuchen Sie ihr Glück und finden Sie das Verborgene; es ist nicht schwer.“ Bei meinem Stolz ergriffen nahm ich den Bo­gen, auf dem sich das Gedicht befand, erneut zur Hand.

„Beide, das Gedicht und der Entwurf … sie gehören zusammen. Das sehe ich. Sodann fällt mir bei zwei Wörtern in der ersten und in der dritten Strophe die Merkwürdigkeit ihrer Schreibweise ins Auge. – Der Punkt hinter dem „W“ am Anfang und das groszge­schriebene „T“, hingegen ein kleingeschriebendes „d“ zu Beginn der zweiten Strophe. Da ich vermuten will, es handle sich dabei nicht um einen Flüchtigkeitsfeh­ler, der Ihnen beim Kopieren unterlief … was Ihrer sonstigen Art vollkommen entgegenstünde, Dupin …, dann stammen diese Markierungen aus der Hand des Dichters.“

„Sie sind auf der richtigen Spur. Das Geheimnis liegt offen vor Ihnen, Edgar. Sie müssen nur verstehen, es zu lesen und zu deuten“, munterte mich mein kluger Freund auf und da sah ich des Rätsels Lösung deut­lich vor mir! – Es war eine recht simple Geheimschrift, die Schiller sich da ausgedacht hatte und gerade ihre Einfachheit hatte mich für sie blind gemacht. Las man von oben nach unten jeweils den ersten, dann den zweiten, den dritten und schließlich den vierten Buchstaben und dies in jeder der drei Strophen, dann ergab sich folgende Botschaft:

„W. ist der Täter!“

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 5)

[Zum 1. Teil]

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon  beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Befürchtung. Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und glich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären alle Schwierigkeiten überwunden und die Rätsel würden ein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt und stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger Welkenbaum hatte seinen bequemen Sitzplatz auf der Dachterrasse verlassen und war mitsamt dem wertvollen Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurden, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte blicklos an die Decke. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie tatsächlich erklang, half ihm, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute deshalb auf etwas säuerlichem und abgestandenen herum und gab sich ganz den Harmonien hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten schon lange Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herab hing, die es nicht schaffte, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten Wände lagen im Dunklen. Mit seinem Wahrnehmen seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal … Doch in Welkenbaums Gehirn passierte genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Hotels in Klammers Buch gelesen und viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der eine aberwitzige Geschichte über einen sowjetischen Gulagsträfling erzählte, war eine sepiafarbene Fotografie beigelegt gewesen. Auf ihr war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was ihm fast den Verstand geraubt hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, irgendeine KO-Droge. Und er wusste genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über beobachtet hatten.

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vermoderte. Dabei musste er auf recht schmerzhafte Weise feststellen, dass sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen konnte, da sein Handgelenk mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden war. Er landete äußerst unsanft auf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub am Boden, jammerte kurz auf, um sich dann in einen bemerkenswerten Wutanfall zu steigern. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Ohne eine Pause zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln, aber das Möbel gehörte anscheinend zum Inventar und war für ihn unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden saß. Nur die Seite mit der Tür war anders. Hier stand ein alter, wertvoll aussehender Sekretär an der Ziegelwand und darüber hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte – wahrscheinlich einen Kardinal, der mit finsterem Blick unter buschigen Augenbrauen hervor missbilligend auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörter ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Fortsetzung nächste Woche …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Wie der Jahrmarkt weitergeht oder: Pläne fürs nächste Jahr

Lieber neugieriger Besucher meines Blogs,

 nach dem Buch ist vor dem Buch!,

 – um mal ein Zitat von Sepp Herberger abzuwandeln. Seit dem 8. November kannst du im Buchhandel meinen neuerschienenen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ als E-Book (2,49 €) oder als Softcover (8,99 €) erwerben.(1) Er ist der zweiten Band meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe. Obwohl einige seiner Figuren auch in den weiteren Geschichten der Reihe vorkommen, kann er selbstverständlich auch ohne Kenntnis der anderen Bände gelesen werden. Wie fast alle anderen Erzählungen und Romane der Reihe ist „Die Wahrheit über Jürgen“ in meiner ersten „Schaffensphase“ entstanden, bevor ich Verantwortung für meine Familie übernahm und für über 15 Jahre mit dem Schreiben pausierte. Manche der Texte aus dieser Zeit blieben Fragment, von einigen gibt es nur einen Entwurf (oder einen Titel), alle müssen und mussten vor einer Veröffentlichung kritisch und akribisch überarbeitet werden.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 1 und 2, bereits erschienen

Ich habe bereits mit der Arbeit am nächsten Band mit dem Titel „Stromausfall“ begonnen, den ich Mitte bis Ende 2019 veröffentlichen will. In ihm sind drei (vielleicht auch vier) Erzählungen aus der „Jahrmarkt“-Reihe versammelt. Der 4. Band soll dann der Kriminalroman „Das Goldene Kalb“ sein, der dann 2020 erscheint. Anschließend möchte ich die zwei Hauptstücke des Zyklus‘ fertigstellen, „Nutzlose Menschen“ und „Die fürsorgliche Schuld“, zwei umfangreiche Romanfragmente mit bisher jeweils etwa 400, bzw. 300 Seiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. In der nächsten Woche jedenfalls werde ich mit der Vorveröffentlichung der überarbeiteten Version von „Eine andere Art der Liebe“ beginnen, einer etwa 75 Seiten langen Erzählung, die ich stark verändern will. Mit ihr wird „Stromausfall“, der Band 3 meiner Reihe, eröffnet werden.

Jahrmarkt in der Stadt, Band 3 und 4

Dabei quält mich eine Frage: Sollte ich vielleicht doch vor den nicht einfachen und anspruchsvollen Erzählungen den fertigen und unterhaltsameren Kriminalroman „Das goldene Kalb“ veröffentlichen und ihn ins nächste Jahr vorziehen? Was meinst du? (2)

Dein Nikolaus


(1) Sag, was ist los? Warum ist es so schwer für dich, ein Buch von mir zu kaufen? Was riskierst du dabei? Meine Taschenbücher kosten so viel wie eine billige Pizza bei deinem Lieblingsitaliener und meine E-Books wie der kleine Espresso hinterher. Am Geld kann es also nicht liegen. Woran dann?

(2) Glaube mir,  mir wäre wirklich lieber, wenn du an meiner Abstimmung teilnimmst oder sogar einen Kommentar schreibst, als mir ein unnützes und nichtssagendes „Gefällt mir“ zu geben, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. Ist das denn zuviel verlangt?

 

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 4)

[Zum 1. Teil]

Klammer hörte ein Geräusch hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war ihnen gegen ihre Anweisung gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er die Tür gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam ihrer Gefolgsleute – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Ich meinte aber, es wäre doch besser, wenn ich auch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. „Überlege doch mal, Elena: Drei sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei  – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte – und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Außerdem sind deine Kenntnisse über Rom ein wenig veraltet, oder?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“ Sie lächelte wissend, aber Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Vicolo della Volpe, Rom

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang und die Gasse, die eigentlich allein für Fußgänger zugelassen war, war nur einige hundert Meter lang und die Gasse, war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich wie auf ein geheimes Signal hin einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen.

Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, diese Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien im alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine am Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende immer ferner wurde. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als wären Jahre und nicht nur Augenblicke vergangen. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte.

Kommen hier denn  immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten transitiert. Es ist, als würde sie in ihrer näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

„Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den Vespas und dem Glockengeläut.

„Ich weiß nicht warum, aber Elena schien weniger Probleme mit diesen Erscheinungen zu haben“, sagte Marini nachdenklich. „Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr.. Vielleicht liegt es an ihrem merkwürdigen Metabolismus.“

Klammer schüttelte nur den Kopf. Metabolismus! Er hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich sprach und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife an Déjà-vu‘s gefangen war! Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgewacht und hätte das Leben fortgesetzt, das er bis vorgestern geführt hatte.

Als hätte ihn eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei, endete das Vesperläuten und es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Menter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini zufrieden fest und ließ den Arm des Autors wieder los.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Beitragsnavigation