Aber ein Traum …

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In den Bücherkellern des Vatikans (2)

<– zum 1. Teil …

Der Verleger fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks füllten den nicht gerade kleinen und fensterlosen Raum. Sie wurden von den knisternden und knackenden Nebengeräuschen begleitet, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt. Welkenbaum lag in der Mitte des Raums auf einer schäbigen, mit ehemals rotem Stoff bezogenen Couch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen. Es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine ganze Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im Voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seiner eigenen Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten und schon lange geöffneten Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine kahle Glühlampe herabhing. Ihr Licht war warm, aber nicht allzu hell. Es gelang ihr nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die unverputzten und zum Großteil mit leeren Regalen verstellten Backsteinwände lagen in den Schatten. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Nadel des Plattenspielers gelangte zu einem Kratzer auf dem Vinyl. Dort blieb sie hängen, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem. Und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebeltem Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und er erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab.

Er hatte auf dem Dach des Hotels Raphael in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und dabei viel zu viel Bier getrunken – im Nachhinein betrachtet, war das in der römischen Hitze keine gute Idee gewesen.

Dem Roman von Nikolaus Klammer, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträflings zu sein, war eine sepiabraune Fotografie beigelegt gewesen, die Welkenbaum beim Lesen in den Schoß gerutscht war. Die Ablichtung hatte eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Die Aufnahme wirkte wie ein Publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was den Verleger jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gut aussehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher … irgendeine KO-Droge. Diese hatte ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt. Das war offenbar guter Stoff gewesen. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Das hatten die beiden Alten getan, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch auf der Dachterrasse des Hotels aus beobachtet hatten.

»Herrgott! Zefix!«, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hin moderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem Unaussprechlichem roch. Wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste, konnte sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen. Das Handgelenk war durch massive Handschellen mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels verbunden. Welkenbaum landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa. ›Chaiselongue wäre wohl die exaktere Bezeichnung‹, fiel ihm ein. Er knallte ungebremst auf die kalten Fliesen Seine Schulter tat höllisch weh. Er nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich mit der freien Hand die schmerzende Stelle.

Anschließend steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit zum Anlass passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin. Er versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurch zu fädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

»Sakrisches Drecksding, verrecktes! Hurasakrament!«, brüllte er, bis die Wände wackelten. Verzweifelt rüttelte er an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit dem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Danach öffnete sich die Tür zu diesem Loch, in dem er gefangen gehalten wurde. Seine beiden Entführer traten zu ihm herein. Wie er schon vermutet hatte, waren es tatsächlich die beiden Alten vom Raphael. Ein zweites und viel helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet. Nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums. In dessen Mitte hockte Welkenbaum an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden. Er suchte nach etwas, mit dem er um sich schmeißen konnte.

Nur die Frontseite des Raums, an der die Tür war, sah anders aus. Hier standen ein alter und wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeter Stuhl an der Ziegelwand. Über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein geraten war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er doch unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er den Augenblick. Es war ein beglückendes Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren. Er umschloss ihn sanft und begleitete ihn wie eine warme Decke den Abgrund hinunter.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler. Er hatte sich von ihm entfremdet. Seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Da zwickte, dort drückte etwas, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln. Dazu kam eine stumpfe Taubheit in den Fingern und den Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin. Trotzdem ließ er sie sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben und schluckte brav die Wässerchen, Pillen und Tabletten, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbilden erst verursachten. Schließlich waren die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh -, oft grausamer als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte.

›Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde‹, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, ›und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90‹, dachte er, ›so alt werde ich bestimmt nicht.‹

Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderen Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und unerfreulich larmoyante Lektüren, bei denen er Erleichterung empfand, wenn er sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte, noch, wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Dabei konnte er sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er über den Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben unter der Via delle Sette Chiese führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte.

›Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon.‹ Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er diesen Moment einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, in jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war.

Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht saß er ja einer optischen Täuschung auf und glitt stattdessen empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genauso anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln.

›Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett‹, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. ›Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle!‹ Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen kurze Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd. Dies erschien ihm aus irgendeinem vergessenen Grund ein wichtiges Indiz zu sein. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinander zwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht erneut in den Traum, sondern jetzt in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie in einer Vision ein Gesicht vor sich auftauchen, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie hatten überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem. Er zählte langsam bis drei. Anschließend versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines schlecht ausgeleuchteten Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

„Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ – Jetzt im Handel!

 

Warum „irgendwas“ lesen, wenn man auch Niklolaus Klammer lesen kann?

NEU – »Die Verliese des elfenbeinernen Palastes« – NEU

DIE VERLIESE DES
ELFENBEINERNEN PALASTES
*
Der Weg, der in den Tag führt – Buch ZWEI
Jetzt überall im Online Buchhandel
als Taschenbuch oder günstiges E-Book erhältlich!

»Herrin der Nacht, du Allessehende und Allerbarmende. Höre mich.
Sechs Männer waren es, die meine Schwester töteten.
Heute Nacht werden sie für die Untat büßen,
die sie vor 20 Jahren begangen haben.
Keiner von ihnen wird seinem Schicksal entkommen!« 

Die Saga um die Suche nach der verlorenen Stadt Pardais geht endlich weiter.

Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen ein paar Diebe die Gunst der Stunde. Sie wollen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers von Karukora eine Landarte stehlen. Sie soll einen Weg aufzeigen, der durch die »Ebenen des Ewigen Krieges« hinein das sagenhafte Pardais führt.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes in die Tote Wüste flüchten und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

DIE VERLIESE DES
ELFENBEINERNEN PALASTES

Neue Abenteuer in den »Überlebenden Landen«
Buch 2 der Trilogie
»Der Weg, der in den Tag führt«

Und hier noch zwei neue, recht schmeichelhafte Besprechungen des 1. Buches der Trilogie »Karukora«. Von beiden Rezensenten erhielt ich 5 Sterne:

Kürzlich fiel mir Karukora – Der Weg, der in den Tag führt (Teil1) von Nikolaus Klammer in die Hände und dazu möchte ich folgendes anmerken:

Im Mittelpunkt stehen der Geschichtenerzähler Alis und sein Neffe Selin, die durch eine List in den Palast des namenlosen Herrschers gelangen, wo sie sich während eines rauschendes Festes einer alten Schatzkarte bemächtigen wollen. Vezir Omer plant zeitgleich einen Putsch, doch dann kommt alles anders …

Nikolaus Klammer steigt ein mit einem spannenden Prolog, der den Leser neugierig macht. Dann beginnt die 379 Seiten umfassende Geschichte, die zunächst als Märchen aus 1000 und einer Nacht daherkommt. Nicht zuletzt durch die sehr detailreiche Beschreibung eines orientalischen Marktes mit all seinen Menschen, Tieren, Gerüchen und Eindrücken. Ebenso werden Gebräuche, Sprachen, Siegel, Gesetze, Rituale und Namen erläutert bzw. beschrieben, ja sogar erklärt, wie man eine Sehschwäche mit Hilfe eines Quarz-Ringes ausgleichen kann. Solche Informationen, egal ob erfunden oder irgendwo abgeleitet, verleihen Geschichten stets eine gewisse Authentizität. Dazu kommen genre-typische Vergleiche wie z.B. „Worte wie einen Teppich zu knüpfen“ oder „Dein Angebot ist bitter wie der Auswurf einer Niga-Echse“. Und nicht zuletzt sind es Titel, Namen und der Palast mit seinen Märchenerzählern und Bauchtänzerinnen, die den Leser Glauben machen, er befinde sich irgendwo im Orient, vielleicht in der Zeit der Umayyaden, so um 700 nach Christus.

Aber spätestens, als die aus den 1950er Jahren stammenden Zeichentrickfiguren „Road Runner“ und „Coyote“ in einem Kaleidoskop auftauchen, zweifelt man an dem Zeitalter, in dem sich unsere Helden befinden. Und tatsächlich, wie schon der Klappentext verrät, befinden wir uns rund 6000 Jahre in der Zukunft. Offensichtlich haben zu irgendeinem Zeitpunkt die Maschinen über die Menschen gesiegt. Erstere befinden sich noch immer im Krieg, während letztere wieder in einer nicht ganz unbekannten vergangenen Welt leben. Informationen darüber, wie es soweit kam, erhält der Leser durch die Geschichten der Märchenerzähler. Und so wird der Leser im letzten Drittel des Buches vom Orient in ein Fantasy-Abenteuer entführt, in dem Computer, Cybertechnik und Androiden auftauchen.

Nikolaus Klammer präsentiert uns hier eine spannende und in sich runde Geschichte, die Laune macht und gleichzeitig fesselt, sodass es einem schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen, bevor die letzte Seite erreicht ist, wo man überrascht feststellen muss. Es ist noch nicht vorbei!

Sabine Schmitt

Dieses Buch hat mich echt begeistert. Ein unerschöpfliches Meer an phantasivollen Geschichten wird zu einem bunten Märchenteppich wie aus „Tausend und eine Nacht“ gekonnt und sprachlich elegant verknüpft. Ein echter Tipp für alle, die sich gerne in das Reich der Phantasie entführen lassen wollen, um neue Welten, beeindruckende Charaktere und spannende Abenteuer zu entdecken. Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil.

Toni Garber (Autor der Lifelinegames)

 

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