Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – VIER

<– zum 3. Teil

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war daheim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnachtlichen Kanälen, Ort seiner Aufzucht und der ersten Trottversuche … er war ihm vertraut. Er erschnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefielen. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter seiner Weihnachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meister, der alte Karlnalrumpelstilz, auf die Mission geschickt, den Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der ›gehörnten Raben‹, diesen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkelbaum vor dem Karlnickelkönig zu bewahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den alten aufregenden Tagen, als er noch für die Bescherung der Straßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf dessen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errichtet war.

Sich Rabenhorn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewesen, da sich dieser ja vor großen Hunden fürchtete. Also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäßigen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort geduldig ausgeharrt, bis der Schreiberling auf dem vor Liebe blinden Weg zur Marie-Theres Kienbauer buchstäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die sentimentalen Bücher des Schriftstellers über den tierlieben Zauberlehrling ›Edwin Edgard‹ gelesen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hinterlauf nachziehen und er schon hatte gewonnen: Friederbusch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schichtkohl und seiner Marie-Theres naschte, diktierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Geschichte vom ›Weihnachtshund‹. Friederbusch schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungsfaden wieder vergaß. Er war glückselig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen bescherte. Nie wurde ihm bewusst, wem er die Einflüsterungen in Wirklichkeit verdankte, dass seine Muse ein 200 Pfund schwerer Weihnachtshund war. Er wunderte sich nur jeden Morgen über sein nasses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der naive Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbauer-Verlag und nahm seinen Hund tatsächlich mit zu Rabenhorn, um gemeinsam mit ihm Überzeugungsarbeit zu leisten. Womit Karl-Heinz allerdings nicht gerechnet hatte, war der zweifelhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fieberwahn vom Schreibtisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Rabenhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stoppte Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich ergehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bisher an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, gegen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestrigen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hatten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fängen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüttelte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfäden zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen!

Er lauschte in die sich verzweigenden Gänge und vernahm tatsächlich aus dem Rechten einen fernen, jammernden I-Ah-Gesang, der ihm sehr vertraut war:

»Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!«

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerrte – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Özgür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu folgen. Er schnüffelte durch die farbenfrohe, von Kerzenleuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnallenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen gepackt und sich selbst mitten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abgespreizten Fingern aus dem Schnee.

»Da war wohl jemand schneller als wir. ›Hinfort, du schnöder Gallert‹«, bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt Übelkeit erregendem Inhalt zur Seite. Rabenhorn sah anerkennend zu dem Türken. ›King Lear‹, dachte er, 1. Akt, 7. Szene. ›Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.‹ In diesem Moment wurden seine Gedanken von einem schmelzenden Gesang unterbrochen, der ganz in der Nähe erklang:

»Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.«

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, als er vorwärts stürmte. Rabenhorn, noch immer mit dem Weihnachtshund durch die Leine verbunden, flog hinterher. Ömer folgte den beiden langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den beiden trat er aus dem engen Gang in eine hohe und große Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbesitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es entzog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Schneehügeln waberte. Ömer kannte diese von mächtigen Fackeln erleuchtete Höhle. Erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnalrumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Horden gekämpft und gerade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Marie-Theres, den Esel und den alten Meister dabei im Stich lassend! Irgendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dönerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ur-u-rur-ur-ur-Ahn des Lektors. Er lehnte mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel, der jämmerlich weinte und i-ahte. Karl-Nickel blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Körper und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herab beugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte seinen Nachfahren zu sich heran.

»Nun bist du doch wieder gekommen«, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzurichten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. »Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Ich sehe erfreut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre …« Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläschen bildeten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

»Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Waldes auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewaltiger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwischen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebildet hat, in der wir uns jetzt befinden … Damals erprobte ich in meinem Wahn meine alchemistischen und chymischen Erkenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufällig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wandersmann fraßen. Später dann, als über uns die Stadt Bromberg entstand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schutze der Menschen allhier meine Weihnachtshunde und manchmal auch einen Christmasdonkey …« Das Grautier hinter dem Karlnalrumpelstilz zitterte und seufzte auf.

»Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me«, er tätschelte beruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag. Er wand sich wieder an Rabenhorn, der ihm atemlos lauschte.

»Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karlnickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Bromberg – er blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel vermehrten sich, sammelten sich, verknoteten sich, umwimmelten, verbissen und verbanden sich und wurden zum großen Karlnickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Rabenhorn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wurzeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlnickelkönig die letzten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Himmel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Menschen und das Land. Und das am Heiligen Abend! Das geht doch nicht.«

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nachfahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brannte sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vorfahren mitrufen hören.

»Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschlagen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zerschlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!« Der Kopf des Meisters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

»Aber …«, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karlnalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

»›Aber‹ ist kein Wort, das kein Rabenhorn kennen sollte. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Monsterkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!«

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlossen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Singin’ Sam sang:

»Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …«

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magische Schwert. Es lag nur wenige Schritte entfernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wange.

»Biz gitmek«, sagte der Türke, »lass uns gehen …« Rabenhorn nickte. Der Würfel war gefallen.

»Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum, Bromberg … und die ganze Welt!«

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dichten, beißenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winterwunderwelt des Karlnalrumpelstilzchens lastete. Sie wurden von ihm verschluckt. Nebeneinander, nur durch eine Hundeleine miteinander verbunden, gingen stumm und entschlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch niemand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude ›Traum vom Bosporus‹. Oh, er hielt seinen Dönerspieß wie einen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis gestreckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Daneben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weihnachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubeißen fletschen und schwere Walnüsse aus seinem Sack schleudern konnte und an seiner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zuschlug und dessen Gesang die Reihen des Feindes zum Erzittern bringen konnte. Das Grautier, das trotz seiner Vorliebe für Weihnachtspunsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Rudolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von »Auf in den Kampf, Torero« vor sich hin.

Die drei mutigen Recken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des edlen Geschlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir getauchten Schwertes geklammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mutige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von demselben abgekommen wären, erklangen direkt voraus dumpf klatschende Geräusche. Es waren ein paar farbige Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich endlich etwas lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung annahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Brise die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Helden waren an ihrem Ziel angelangt: An dem Nest des großen Karlnickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllenvulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In seiner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fetten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Ohren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Boden herabhingen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feuer und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ihnen seinen schwarzen, behaarten Rücken zuwandte – diese Grube musste direkt unterhalb des großen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht angeschlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeutung wusste, die Weihnachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermächtigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten seine Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ihnen herüber. Seltsam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlgestank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

›Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahrscheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit gekocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‹, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:

»Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!«

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnupperte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Dönerbude und ein heftiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augenblinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhängeschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürzte zu seiner Verblüffung eine ziemlich derangierte, aber vollkommen unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

›Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‹, dachte Rabenhorn, ›aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‹

Seine Nackenhaare standen plötzlich empor, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Geräusch, als würde sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewalthieb gemacht, hatte die Aufmerksamkeit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug.

Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkelbaum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein verschüttet und die Bratwürste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dünne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstürzen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharfzahnige und zähe Biester, die sich unvermittelt mit einem Aufschrei auf die Helden und die gerettete ›Jungfer‹ stürzten.

»Das wird jetzt übelst derbe, Bro«, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als ›Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen‹ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflichtlektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stelle nicht erneut erzählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Imbissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte.

Er zog eine kleine Pfeife hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Recken von den Massen der Karlnickel aussichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleudernd, genähert hatte. Seltsam – nichts war zu hören … und doch!

»In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …«, zitierte Ömer mal wieder seinen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. »Dass diese Schandtat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestattung ächzt!«

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hatten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Theodor, der Winsler, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Carlos-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbeinige Dackel. All die anderen Weihnachtshunde mit ihren roten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam.

Ihr Kriegsgesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösartigen Karlnickel-Armee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett staunend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem absurden Theaterstück beiwohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Ärmel.

»Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?«, fragte er.

»Du kannst sprechen?« Rabenhorn nickte. »Karlnickelklar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?« Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlassen vor seiner Feuergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Untertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

»Dann komm«, sagte der Held von Bromberg zu seinem treuen Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsame Schwert und trat dem Monster entgegen, »retten wir Weihnachten.«

Tiefe Zuversicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrennte er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in panisch umherirrende, gegeneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

»Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo«, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behandeltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten keine Blutfontänen, sondern unzählige Karlnickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötzlich wieselflink davon flitzenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus seinen fliehenden Untertanen geformt gewesen waren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu trennen.

»Halt ein!«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbissen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wirbelten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karlnickellaus-Rumpelstilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig, auch wenn sie ein heller Lichtschein umgab. Rabenhorst fühlte sich an das Ende von StarWars VI erinnert.

»Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!«, schluchzten die beiden. »Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll …

ENDE

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel‹ zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreibtisch und sah zum Panoramafenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen dämmerte es und in den Häusern unten in der Stadt erstrahlten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es dicke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Friederbuschs neuestem Werk arrangiert hatte und er einsah, dass ein erfolgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hingeschlachtet hatte – wahrscheinlich waren dies die Nachwirkungen der Trennung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden besser; schließlich hatte er persönlich, der große Jan Philipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachtshundes nach Jahren der Schreibblockade selbst verfasst. Aber irgendetwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor seiner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Geschichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hinein schreiben. Es war etwas anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hatte. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Rabenhorn mit seinen geheimnisvollen, tiefen Augen fixierte. Da verstand er:

»Du hast recht, Karl-Heinz«, sagte er zu dem zustimmend nickenden Tier, »jetzt weiß ich, was ich vergaß.«

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Leser, der du mir tatsächlich bis hierher auf die Seite 78 gefolgt bist – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich verzapfte:

»Gesegnete und Glückliche Weihnachten!«

ENDE

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