Aber ein Traum …

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Archiv für die Kategorie “Weihnachten”

Adventliche Süchte

Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!
Oscar Wilde 

Jetzt naht sie wieder in rasantem Tempo, jene Zeit, die man aus unerfindlichen Gründen in dem südlichen, al­penländischen Raum, den ich bewohne, eine ’staade‘ (für die Nordlichter: ’stille‘) nennt, obwohl sie die mit Ab­stand hektischte im Jahreskreis ist, jedermann und vorallem -frau von Er­ledigung zu Geschenkeeinkauf, von Adventsfeier zu Famili­enfest, von Glühwein- zu Bratwurststand hetzt und alle Werbefritzen und Marktschreier ihre Warenangebo­te mit allerlei Glitzerzeug und Lametta behängt in die winterlich verschneite und frühe Nacht brüllen oder mir aufs Handy schicken. Als würde man sich in einer Zeitschleife befinden, wird gefühlt der Abstand zwischen zwei Hl. Abenden immer kürzer und obzwar die Discounter schon im September mit prallgefüllten Regalen voller Schokoladenweihnachts­männermilitärparaden (so ein Wortwurm geht nur im Deutschen, einfach wundervoll!) vorwarnen, überfällt mich Weihnachten immer wieder überraschend.

„Was, nur noch eine Woche?“ – Kurze, stockende, kopf­schüttelnde Fassungslosigkeit. „Eben war doch noch Herbstanfang.“

Alle Jahre wieder versuche ich die Adventstage zu ent­schleunigen und will als zwar durchaus sentimentaler, aber nichts desto weniger vollkommen, um nicht zu sagen, verstockt Ungläubiger – besonders wenn ich die Haare geschnitten habe -; wohl eher ‚agnostischer‘ Mensch, meine Familie geduldig dazu überreden, dem diesjähri­gen Weihnachtsstress auszuweichen und das Fest irgendwann im Juli zu feiern, stoße aber für mich vollkommen unbegreiflich auf wenig Verständnis.

„In diesem Jahr brauchen wir doch keinen Baum! Ein Gesteck tut es auch!“, versuche ich es trotz besseren Wis­sens.

„Schnickschnack! Zu Weihnachten gehört ein Baum! Aber auf die Geschenke könnten wir vielleicht verzich­ten.“ (1)

„Genau meine Meinung. Am besten sind wir Weihnach­ten überhaupt nicht zuhause.“

„Weihnachten sind wir immer zuhause. Wie in jedem Jahr. Die Söhne kommen und am Sebastianstag auch deine ganze Sippschaft. Ich weiß noch gar nicht, wie wir die alle im Wohnzimmer unterbringen.“

„Wenn wir auf den Baum verzichten würden, hätten wir mehr Platz …“

„Ein Baum muss sein. Punkt. Aber ich werde in diesem Jahr vielleicht ein paar Loibla(2) weniger backen, vielleicht nur die halben Rezepte. Du bist dick genug.“ (3)

Damit bin ich bei meinem Thema angelangt. Und diesmal regt es mich wirklich auf. Ich gestehe es: Ich bin süchtig nach Weihnachtsbackwerk und Süßigkeiten. In jedem Herbst, wenn die ersten Anzeichen für einen nahenden Advent nicht mehr zu übersehen sind, Lebkuchenfirmen mir fürsorglich ihre Prospekte ins Haus schicken, der Teeladen meines Vertrauens sein leicht vergilbtes Schild mit dem einen verheißungsvollen Wort wiederfindet und ins Schaufenster hängt: „Lebkuchenbruch“, ich kompli­zierte Umwege beim Einkaufen mache, um den Süßwa­renauslagen auszuweichen, dann ist es wieder so weit: Dann reift bei mir der Entschluss, auf keinen Fall wie­der in meine seelische und körperliche Abhängigkeit von Spekulatius und den unbeschreiblich leckeren Zimtsternen meiner Frau zu verfal­len. Dich, Gewürzspekulatius, der du so genial mit Tee harmonierst, aber in allen Zahnzwischenräumen kleben bleibst, mit deinen 70 Kalorien pro Stück, der du das rei­ne Fett bist, extrem ungesund und dabei sicher auch noch krebserregend, dich, Teufel, lasse ich in diesem Jahr nicht in meine Nähe! Weiche von mir, du mit schwarzer Scho­kolade überzogener Lebkuchen, saftig, nussig und mit einer Überfülle an Geschmack gesegnet, dass mein Großvater dich sogar in sein Bier eintunkte, du diaboli­sche Erfindung mit deinen 388 Kalorien, zu fast der Hälfte bist du aus ungesundem Zucker! Nicht mit mir, diesmal nicht! Ich werde stark sein und den Versuchungen widerste­hen.

Ein Teil der diesjährigen Auswahl. Dass das Bild etwas unscharf ist, liegt an den Tränen der Rührung, die ich beim Fotografieren in den Augen hatte.

Und tatsächlich gelingt es mir, mich im November noch zurückzuhalten, ich bin ja ein erwachsener, mitten im Leben stehender Mann, der sich und seine unterirdi­schen Gelüste im Griff hat. Ich bin rein, esse Salat, Obst und jetzt gerade in der dunklen Jahreszeit viel Gemüse. Ich bin ein Mönch, ein Gesundheitsapostel. Dann – pünktlich zum ersten Advent – hat Frau Klammerle gebacken. Zimtsterne, Florentiner, Vanillekipferl, Gewürz- und Stollenbollen, Schokoladenbrot, Betmännchen, Ausstecherle, Maronen, und, und, und … aber weniger dieses Jahr, nur die Hälf­te. Behauptet sie zumindest. Aber sie macht Fotos von ihren Werken und verschickt sie über „WhatsApp“ an nei­dische Freundinnen. Plötzlich liegen da auch Spekulati­us und wagenradgroße Lebkuchen beim Vorrat, Schoko-Klammer-Nikoläuse (ja, der Scherz ist alt …) und andere weihnachtliche Leckereien. Habe ich die gekauft? Ich kann mich nicht erinnern, ich war wohl nicht bei Sin­nen, schlafwandelte wahrscheinlich durch den Supermarkt.

Und der Inhalt unseres Adventskalenders wird von Jahr zu Jahr süßer und größer.

Also, eine Sünde kann ja nicht schaden, nur ein „Loib­le“, frisch vom Blech. Ich bin wie ein trockener Alkoholi­ker: Ein einziger Zimtstern stürzt mich zurück in die Sucht. Und ich esse und esse und esse. Und esse. Und nehme heimlich die Batterien aus der Personen­waage im Bad. Die zeigt eh immer zuviel an. Denn auch meine winterlichen sportli­chen Aktivitäten wie extreme-christkindlemarket-going und hot-glowwine-trinking helfen nur bedingt, das Gewicht zu wahren. Ich werde mir ein paar weitere Hosen kaufen müssen und im Frühjahr, versprochen: Da werde ich wieder fasten. Bis Ostern. Dann gibt es Schokoeier, Osterhasenhohlfiguren, Osterzopf …

Ach, wie schwach ist doch der Mensch, wenn er Nikolaus M. Klammer heißt. (4)

Einen schönen Advent wünscht Euch allen

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Achtung, eine Warnung an die Männer, die diese Glosse lesen. Frau Klammerle sagt zwar wie jedes Jahr, dass sie keine Geschenke will, aber sie meint es nicht so.  Mein Rat: Glaube niemals deiner Frau, wenn sie an ihrem Geburtstag oder eben zu Weihnachten ver­kündet, in diesem Jahr brauche sie keine Geschenke! Das ist eine ganz gemeine Falle. Kaufe daher das größte, teuerste und wundervollste Geschenk, das du finden kannst. Überrasche sie, denn sie hat sicher ebenfalls et­was ganz Tolles für dich, wenn es wahrscheinlich auch nicht die neue Playstation ist, die du dir eigentlich wünscht, sondern vielleicht ein Wellness-Gutschein für zwei, da­mit du wieder etwas in Form kommst nach der Weih­nachtsvöllerei.

(2) Loibla, auf Augschburgerisch auch Plätzle genannt. Mein westbayerisch-hochdeutsches Wörterbuch übersetzt unzureichend mit „kleines Weihnachtsgebäck, Plätzchen“. Jedes Jahr ver­fällt Frau Klammerle in der Woche vor dem ersten Ad­vent der Blätzle-Backwahn-Sekte. Das ist ihre Sucht.  Wer tolle Rezepte kennt, darf sie gerne schicken; Frau Klammerle ist stets dem Neuen aufgeschlossen und ich bin gerne bereit, dieses Neue auch zu probieren.

(3) Diese Drohung machte sie tatsächlich im letzten Jahr wahr: Sie hat keine Loibla gebacken und meine Söhne und ich saßen 4 entsetzliche Adventswochen auf dem Trockenen. Die Herren Söhne verfielen in eine Schockstarre und ich in eine solch entsetzliche Depression, dass wir das traurigste Weihnachten ever erlebten. Ein Horror, der in diesem Jahr nicht stattfindet, da Frau Klammerle unser Flehen erhört und wieder gebacken hat.

(4) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel (natürlich auch als Ebook) erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

Isabella, die Krippenkatze (Teil VIER)

 

[zum ersten Teil …]

Der erste Schritt auf dem Weg war getan.

Dargomir von Istafell nickte zufrieden und schob sein blutiges, längst schartig geschlagenes Kurzschwert zurück in die Scheide an seinem Ledergürtel. Dann hängte er sich aufatmend seinen Schild über die Schulter. Er stieg mit entschlossener Miene über den Ringwall aus erschlagenen Eynhiriern, den er während seines langen Kampfes auf der Fallbrücke um sich herum aufgestapelt hatte.

Dargomir ging ein paar Schritte, dann blickte er mit zusammengekniffenen Augen unter zornig herabgezogenen Brauen hinauf zu den Zinnen der finsteren Zitadelle Fynstrdarff. Die Regenschwaden, die ihm dabei entgegenpeitschten, wuschen die Blutflecken seiner Gegener aus seinem edlen Gesicht. Fynstrdarffs unüberwindbare Mauern, die aus fugenlosen und neumondsnachtschwarzen Obsidianquadern errichtet waren, stammten direkt aus den Vulkanschmieden des in der Vorväterzeit vom Himmel gefallenen Dribnisfelsens und galten als das härteste Gestein Hygëas. Die messerscharfen und wie groteske Alpträume ineinanderverschlungenen Wehrtürme dieses Bauwerks des Uralten Erzbösen ragten aus der Grabsteinebene vor dem mächtigen Ytselsgebirge so weit in den düstergrauen Himmel, dass ihre Spitzen die massiven Wolkenmassen aufrissen und es rund um die Heimatfeste des Molochs Dar‘Gyr in Ewigkeit regnete und gewitterte.

Dargomir lächelte grimmig und trat dann mit selbstsicherem, aber vorsichtigem Schritt auf das immer geöffnete Ausfalltor zu, das als einziges in die Zitadelle hinein führte. Es hatte schon viele, viele namenlose Recken und berühmte Helden verschluckt, aber noch nie einen wieder freigegeben. Ihre Körper baumelten für jeden leichtsinnigen Ritter zur Warnung in allen Stadien der Verwesung von den Obsidianmauern. Dem mächtigen Paladin Dargomir von Istafell würde dies nicht passieren! Er war der auserwählte Streiter von Belengar, des Gottes der Freien Lande. Mochte ihm Moloch Dar auch weiterhin all seine grausigen Geschöpfe und Monster entgegenschicken, die er in seinen Mauern züchtete; Dargomir würde sich wie ein Felsen in der Brandung dieser Flut entgegenstemmen, schließlich die Burg betreten und sie mit dem abgeschlagenen Kopf des Erzbösen in der Hand wieder verlassen. So war es ihm vorhergesagt von der legendären Narne Skyd und nichts auf Himmel und Erde würde den Streiter für die Ordnung von seinem Weg abbringen, den das Schicksal für ihn vorgezeichnet hatte. Auch nicht das Gelächter einer gewaltigen, unerträglich lauten Stimme, die ihn von oben herab verspottete:

„Dragomir, der Starke kommt mich besuchen!“, rief sie kichernd und ihr Klang dröhnte in den Ohren des Paladins, der sich nur unzureichend schützen konnte, indem er die Hände an die Ohren presste. Es schien, als entstünde diese Stimme direkt in seinem Gehirn. „Welch eine Ehre!“

„Uralter Erzböser! Siehe, die Zeit ist den Feind! Stelle dich deinem Schicksal!“, brüllte Dragomir und es gelang ihm tatsächlich, die Stimme in seinem Kopf auf diese Weise zum Schweigen zu bringen. Eine kurze Stille senkte sich über das blutige Schlachtfeld auf der Brücke vor dem einladend geöffneten Burgtor. „Schicke mir nur weiterhin deine ekelhaften Kreaturen und die Untoten entgegen, die du ihren Gräbern entrissen und mit deinen schwarzen magischen Künsten wiedererweckt hast, du Vater der Lüge. Sie können mich nicht aufhalten, denn ich habe die Macht Belengars. Du jedoch hast deine widerwärtige Existenz endgültig verwirkt, als du meine Iduna ermorden ließest! Ich bin dein Richter! Ich bin dein Henker!“

„Nun, wir werden sehen, größenwahnsinniger Paladin eines kleinen, unbedeutenden Gottes“, wurde ihm dann voller Ironie geantwortet. „Noch hast du nicht einmal den Burghof von meiner Feste Fynstrdarff betreten. Und ich bezweifle doch, dass es dir gelingen wird …“

Dann … erklang ein furchtbares Gebrüll. Darin war nichts Menschliches. Es war der Urlaut eines entsetzlichen Ungeheuers und der Paladin wusste sogleich, was da vom Inneren der Zitadelle mit donnernden, erderschütternden Schritten direkt auf ihn zustapfte. Und hier auf der engen Brücke gab es keine Möglichkeit, dem Monstrum auszuweichen und für eine Flucht, an die Dragomir eh nicht denken wollte, war es längst zu spät. Dieses Gebrüll war unverkennbar der Schlachtruf von Dar‘Gyrs Schoßtier, dem furcherregenden, feuerspeienden Drache Hymyr, der ganze Landstriche mit einem seiner glühenden Atemzüge vernichten konnte. Wo einmal seine Pratzen mit ihren mannsgroßen Klauen die Erde berührt hatten, dort wuchs in tausend Jahren nichts mehr. Dragomir atmete tief ein und suchte seine innere Mitte. Er fasste sich an seine Brust, wo er das Amulett trug, das ihm Iduna kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es pulsierte und zuckte in seiner Hand wie ein lebendiges Tier und er spürte die Wärme durch seinen Kettenhandschuh. Wie gerne wäre Dragomir nun auf seinem Ross Padra gesessen, um mit ihm gemeinsam dieser Monstrosität entgegenzutreten! Doch sein treues Pferd hatte den grausamen Ritt über die Grabsteinebene nicht überstanden und der Paladin war vollkommen allein und auf sich gestellt.

Doch er zögerte nicht länger. Jetzt entschied sich das Schicksal von Hygëa für die nächsten zehntausend Jahre, da durfte es kein Hadern und Zweifeln mit dem Schicksal mehr geben! Der edle Dragomir, der letzte Beschützer dieser Welt, der alleine noch zwischen ihr und ihrem Untergang stand, zog sein legendäres Zweihänderschwert Windterwynd aus dem Futteral in seinem Rücken. Als er seine Kampfhaltung einnahm, spielten die glänzenden Muskeln seiner Oberarme wie mächtige Schlangen unter seiner Haut. Windterwynd pfiff in dem Regensturm eine heitere Melodie. Der Paladin war bereit. Für diesen Moment war er geboren worden. Und da schob sich ein gigantisches Maul durch das Tor. Es schien nur aus vielen Reihen von spitzen und scharfen Zähnen zu bestehen. Und es roch nach Schwefel und Tod.

„Das hier ist nicht Betlehem, oder?“ Jemand tippte Dragomir von hinten vorsichtig auf die Schulter. Der Paladin fuhr zutiefst erschrocken herum. Hatte er nicht alle getötet, die in seinem Rücken waren? Ein seltsames Trio stand hinter dem Paladin auf der Brücke und sah sich eingeschüchtert um. Sie waren aus einer merkwürdigen Tür aus Licht getreten, aus der es widerwärtig nach Unrat und Schsm stank. Die Gruppe bestand aus einem nassen, müffelnden und großen Hundevieh, einem zottligen Esel mit roter Gnomenmütze zwischen den Langohrohren und einer Laterne im Maul, in der ein magisches Licht flackerte und schließlich aus einem kleinen, unscheinbaren Männlein, das der Gottesstreiter mit einem Atemzug hätte umblasen können. Das mickrige Kerlchen hatte ihn eben angetippt und fuhr nun verschüchtert fort: „Dann wollen wir nicht länger stören. Wir sehen ja, dass sie beschäftigt sind.“

Der aus dem Nichts aufgetauchte Mann – war er vielleicht einer der Zauberer von den fernen Schwürbleranfurten aus der tristen Nordmark? Diese Magier sollten ja recht seltsam sein! Er deutete jedenfalls erschrocken nach hinten. Verflucht und alles Pech der Schwarztümpel! Dragomir hatte vor Erstaunen den Drachen Hymyr vergessen, der sich inzwischen durch das enorme Eingangstor der Fest gequetscht hatte, durch das er gerade so hindurchpasste und der sich nun zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte! Deswegen wurde es ihm im Rücken plötzlich so heiß! Etwas knisterte verbrannt und ein Feuerstoß traf den Paladin wie ein geschleuderter Speer direkt auf sein geschultertes Schild. Der harte Flammenstrahl ließ ihn nach vorne taumeln. Dragomir ächzte und stolperte gegen den kleinen Schwächling, der so unvermutet aufgetaucht war. Friederbusch fiel nach hinten und setzte sich in den blutigen Matsch der Holzbrücke, die von der Hitze qualmte und sofort in Brand geriet.

„Nein, dies ist nicht Bethlehem, bei den schwefelgelben Wasserfällen von Skydaris! Ich weiß überhaupt nicht, wo oder was das sein soll, dieses Beth— Krötenschleim nochmal!“, rief der Paladin und wirbelte auf seinen Füßen herum, ließ dabei seinen Bihänder Windterwynd kreisen. Die gewaltige Klinge, die er von seinem Gott Belengar selbst erhalten hatte, traf den jadeharten Hals des Ungeheuers und brachte ihn wie einen Schrank mit Untertassen zum Klirren und Wanken. Doch vollkommen unbeeindruckt senkte sich das enorme Maul und schnappte nach Dragomir, der sich nur mit einer kühnen Seitwärtsrolle in Sicherheit bringen konnte. „Und ich bin gerade wirklich ziemlich beschäftigt. Verdammnis!“, zischte er in Richtung des Trios. Dann drang er von Neuem auf den Drachen des Erzbösen ein, der ihm für einen Moment seine ungeschützte, vernarbte Flanke zuwandte, wo ihn vor Jahrzehnten der Neunte Herr von Taigard verwundet hatte. Dies war die einzige Stelle, wo Hymyr verletzt werden konnte – und des Paladins einzige Chance!

Der Weihnachtshund nahm Friederbusch am Kragen und zog ihn ein wenig zurück aus der Gefahrenzone.

„Ich gebe zu, das war ein kleiner Irrtum“, räumte Karl-Heinz kleinlaut ein und wirkte ein wenig ärgerlich. Von seinem verbrannten Fell kräuselte sich ein schmutziggrauer Rauchfaden empor. Er stupfte Friederbusch mit der Schnauze an, der mit dem Hintern im dampfenden Schlamm wie in einer Sauna saß und fasziniert den entscheidenden Kampf des mutigen Helden mit dem geflügelten, giftiggrünen Drachen verfolgte, der den Ritter um eine Haushöhe überragte. Sein größter und sehnlichster Wunsch, einmal wirklich in ein Fantasy-Abenteuer zu geraten, war eben spektakulär in Erfüllung gegangen. „Offensichtlich war das die falsche Abzweigung und bestimmt auch die falsche Tür, durch die wir gestolpert sind. Die führte uns wohl geradewegs in die Unwahrscheinlichen Welten. Gut, dann haben wir das jetzt auch gesehen. Aber jetzt gehen wir besser wieder. Kommst du mit oder willst du noch ein wenig zugucken?“

[Zum 5. Teil]

Der Moment, der ändert – Eine Weihnachtsgeschichte für Nachdenkliche

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Oder spielen mir die anderen alle nur etwas vor? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … Schafscheiß! Mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber muss ich bis Silvester noch eine Semesterarbeit schreiben … Wie viele Seiten bleiben noch? Sieben … ohje, und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei! Hat das mit einem Unfall zu …

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, sich am vierundzwanzigsten Dezember nachmittags um drei Uhr in einen geschlossenen Stadtpark zu schleichen, auf einer Holzbank zu sitzen und Giordano Bruno (1) zu lesen.

– Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich ist.Wie in jedem Jahr. Nix mit White Christmas.

Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös unf schmutziggrau gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt! Ich spinn doch nicht!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verwittertes, verschwommenes und hässlich fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im barocken 18. Jahrhundert das Mittelalter vorgestellt hatte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Der Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

– Bisher hat er sich noch nie bewegt. Selbst wenn ich aus dem öffentlichen Bücherschrank einen Band genommen habe, ohne einen zurückzulegen.

Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert – nach der Schule oder wenn seine Oma mit ihm spazierenging.

– Trotzdem hat sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt! Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte. Für sein Philosophiestudium war sie unverzichtbar.

Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns, hat er mal gesagt. Hallelujah! Später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Christbaumkugeln, süßer die Glocken nie klingen … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Tamens movetur! Und er hat sich doch bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges: Das konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, idiosynkratisch, wie er eben gelesen hatte, jenes klugscheißerische Wort des 19. Jahrhunderts für burn-out. Er war ausgeschlafen, satt und sein Geschlechtsleben ausgewogen. Ihm war eher warm im Freien und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen – ganz sicher nicht.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans heute Mittag. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es bestimmt noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steinernen Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte ihm gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren, prohezeihe ich mal, können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und sich nicht einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und nahezu unverständliche Renaissance-Philosophie studierte. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits das Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien, stattdessen ein paar moderne Werke aufzustellen.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen von dem Künstler Johann Wolfgang Schindel verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

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(1) Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Isabella, die Krippenkatze (Teil DREI)

 

[zum ersten Teil …]

Die von der Haustür von Friederbuschs Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht einer billigen LED-Kerze in die Finsternis, die dadurch eher noch dunkler als heller wirkte. Der Esel stapfte tapfer voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was der Hund und der Mensch, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu Karl-Heinz, der in dem engen Abwassergang direkt hinter ihm trottete. Was jedoch aus dem Mund des Schriftstellers kam, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen. Der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll und Friederbusch war dankbar, dass er in der Dunkelheit nicht so genau erkennen konnte, worauf genau seine Fußsohlen traten. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn ein fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Weil er auf die Schnelle keinen der seltenen Advents-Waschbären hatte auftreiben können, benötigte er den Menschen Friederbusch und dessen zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men. Deshalb musste er ihn in der müffelnden Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version der Weihnachtsgeschichte, die ich kenne – der alten, der einzig wahren – kam keine Katze vor; keine einzige. Da schlummerte das Jesuskindlein friedlich im Stall bei Ochs und Esel ganz allein in der Krippe. Irgendjemand hat an der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer rutschte er über etwas Undefinierbarem, Weichen aus, stolperte tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Erschrocken atmete er tief ein und ihm wurde sofort speiübel. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog betreten sein Bein aus der Brühe. Singing Sam kicherte schadenfroh, das gelang ihm auch mit einer Lampe im Maul.  Friederbusch war nicht dabei gewesen, bei dem legendären gewaltigen und apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Hoffentlich gab es hier keine Krokodile. Es herrschte, von dem kleinen Lichtkreis, den die trübe Lampe von Singing Sam schuf, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit dem kitschigen Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte nun, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind also ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? Nun, sie waren ja auf dem besten Wege … „Wie oft soll ich dir das noch erklären, Friedi? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März. Von dort aus haben sie massiv in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März ist nämlich der historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. Wo blieb die action? War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Das eine Fach verstand er nicht, das andere pfuschte ihm ständig mit historischen Wahrheiten ins literarische Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. „Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Weihnachtsmärchen, wäre es meine Aufgabe, an dieser Stelle dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir agathodaimonische Geschöpfe sind, geschaffen von der alchymischen Kraft eines Rumpelstilz im Dolmensteinkreis des mystischen Karlnickelwalds, von dessen Bäumen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz von Brombach steht und dessen Wurzeln hier herunter reichen. Sam und ich, wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm … Guter Stoff für eine Fantasy-Trilogie. Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Karl-Heinz sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Er sammelte sich und Dann hob der uralte Weihnachtshund stolz seinen mächtigen Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und das Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleines, unbedeutendes Menschlein und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Der Pinkelbaum ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, in alle Geschichten, in die Träume und die Fieberfantasien, in alle Räume und Bücher, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viele Orte mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangaea und zu den schleimigen Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und sich gegenseitig fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst. Du gelangst direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbenen Ringe des Enceladus, zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Dimensionslöcher von Telvis und sogar bis in die trüben Keller unter Diedorf. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht – in dieser Dimension oder in einer anderen. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert in alle Richtungen, auch in die vierte Dimension. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

 

 

[Zum 4. Teil]

Isabella, die Krippenkatze (Teil ZWEI)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer

weihnachtsband

[zum ersten Teil …]

„Es ist ein Skandal“, fauchte der alte Perser Murrle mit sich vor Zorn überschlagender Stimme in kaum verständlichem Falsett. Murrle! – ausgerechnet Murrle, das war der grausam höhnische Name, den sein gedankenloser Mensch dem edlen Tier gegeben hatte. Denn eigentlich hieß dieser schon beinahe zwanzig Jahre alte und längst zahnlose Methusalem Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall, war Edler vom Hohen Hohenstein auf Werthersberg und er war der Eine Kater, der gleicher war als alle anderen Katzen. Er war der, dessen Pfotendruck im Katzenrat zu Bromberg an der Fiesel am schwersten wog und der die tiefsten Abdrücke hinterließ. Auch dass man in seinen jungen Jahren an seinen Kronjuwelen herumgeschnitten, sein Miauen deshalb selten gehörte und es in den empfindlichen Ohren der feliden Zuhörer schmerzhaft klirrende Höhen erreichte, änderte nichts daran, dass seine Meinung im Rat der Katzen die bedeutendste und gewichtigste war.

Murrles Fell war mit dem Alter längst räudig geworden und er verlor bei jeder Bewegung büschelweise weiße Haare, die im Lichte der Straßenlaterne wie dicke Schneeflocken herumwirbelten. Manchmal wusste er nicht mehr so genau, wo er war und wie all die jungen Streuner hießen, die ihm ergriffen lauschen, doch heute waren ihm von der Last seiner Jahre und seiner Vergesslichkeit wenig anzumerken. Der greise Erste unter den Katern schnüffelte kurz an dem kleinen Beutel mit getrockneten Baldrianblättern, den er um den Hals trug; ein mildes Aufputschmittel, nach dem er ebenso süchtig war wie sein Mensch nach dem beißenden und stinkenden Qualm seiner Zigaretten.

„Ein Skandal“, wiederholte der Perser mit plötzlich glitzernden, wie brennenden Augen und wartete er dann ungeduldig, bis es im sichtlich erregten Kreis der um ihn versammelten Vertreter der Katzen-Kommune der pfahlbürgerlichen Stadt ruhiger wurde. Dann legte Murrle seine samtige Pfote auf das zerfledderte Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf dem umgedrehten Deckel einer Mülltonne lag. „Seht hier, das ist das große Buch der Menschen! Ich habe es studiert.“

Anerkennendes Schurren glitt wie eine La-Ola-Welle durch den Kreis der Versammelten. Grüne, kreisrunde Augen funkelten in der Nacht. Nur wenige Katzen lasen gerne und wenn sie es taten, dann genügte ihnen ein kurzer Blick auf die verwirrend sinnlosen Schlagzeilen der Menschenzeitungen, auf denen sie so gerne schlummerten.

„Ja, ich habe es gelesen, das heilige Buch – von seinem wüsten und leeren Beginn bis zu den Plagen, die Gott über denjenigen bringen wird, der auch nur ein Wort zu SEINEM Text hinzufügen oder von ihm entfernen wird. Doch diesen Fluch des Herrn will ich gerne über mich kommen lassen, wenn es mir gelingt, das große Unrecht auszumerzen, das ich zu meinem Erschrecken in diesen Zeilen fand: Denn in der Bibel werden über 130 Tierarten erwähnt – allen voran die Menschen, aber auch Schafe, Ziegen, Kamele, Wale, Pferde, Enten, Bienen, Schweine, sogar Mücken  – die Liste ist lang. Selbst die bösartigen Hunde haben einen Platz in dem Buch der Bücher gefunden, auch wenn ihrer nicht das Himmelreich ist. Aber ausgerechnet über uns Katzen, meine lieben jungen Freunde, über Katzen jedoch steht dort nichts! Das ist ein Skandal, nein, das ist noch schlimmer: Das ist Katzenlästerung – blasphemia ailouros! Hat nicht der unfehlbare Gott die Katze erschaffen und den Hund nur der  fehlbare Mensch? Sind wir Katzen nicht SEIN großartigstes Werk, die Vollendung SEINES Schaffens?“, steigerte sich Murrle in seinen heiligen Zorn und von überall her im Rund wurde zustimmend gemaunzt und aufgeregt mit aufgeplusterten Schwänzen gezittert. Auch wenn der älteste Katzenfürst von Bromberg nicht von allen verstanden wurde – er hatte einen recht altertümlichen, von einem Leben mit den Menschen geprägten Dialekt und benutzte Wörter, die den meisten unter ihnen unbekannt waren -, stimmten ihm doch alle aus Prinzip in seiner Schlussfolgerung zu: Es war ein Skandal! Und es war beschämend! Eine Gruppe von Claqueuren, die Murrle vor seiner Rede genau unterwiesen hatte, fauchte und heulte eindrucksvoll. Der uralte Perserkater hob seinen Schwanz und formte ein Fragezeichen mit ihm. Der Beifall verstummte sofort. Atemlos lauschte nun die aufgepeitschte Menge seinen weiteren Worten:

„Ihr glaubt, dass man da einfach nichts machen könne, dass die Dinge seien, wie sie sind? Ihr irrt euch gewaltig! Was für erbärmliche Schmusekatzen seid ihr alle! Keinen Mumm in den Knochen. Einer entschlossenen Katze wird alles gelingen, glaubt mir. Deshalb werde ich – ja, ihr habt richtig gehört: Ich, Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall! – diese unerträgliche Schande ausmerzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt noch tun werde. Beim gestiefelten Kater, bei Mikesch, Karlo und dem edlen Murr! Dreimal schwarzer Kater: Es ist das mindeste, dass auch wir Katzen in der Bibel erwähnt werden. Wir haben ein Recht darauf. Und wir werden es uns holen, wenn die Menschheit es uns nicht gewährt …“

„Und wie willst du das anstellen, Baron Maunzger?“, knurrte eine tiefe Stimme von hinten und unterbrach den von seiner eigenen Sprachgewalt beeindruckten Murrle. Der einäugige Cassius, ein zäher, dürrer, aber großer Kater, Sieger ungezählter Schlachten und Kämpfe und Stammvater ebenso unzähliger Nachkommen im Viertel, schob sich vorsichtig und geduckt nach vorne. „Sollen die Vatikan-Katzen vielleicht den Papst bestechen?“Cassius war über diese vom Altvater Murrle überraschend einberufene vorweihnachtliche Versammlung nicht erfreut, da sie ihm ein Liebesabenteuer versalzt hatte und auch noch ausgerechnet in seinem Viertel stattfand, in dem er als Blockwart das große Wort führte. Der massive Katzenauflauf würde für Wochen alle Mäuse und Ratten, die dem unbemenschten Cassius zur Nahrung dienten, aus der Gegend vertreiben. Er wünschte sich deshalb, dass die Sache schnell erledigt war und er wieder zu seinen selbst bei den nicht allzu moralischen Straßenkatzen doch recht verrufenen Geschäften zurückkehren konnte. Allerdings hatte er auch Respekt vor dem Alten, der den Rat schon geleitet hatte, als Cassius noch ein süßes, kleines Kätzchen war und täppisch hinter einem zufälligen Lichtreflex hinterherjagte. Deshalb duckte er sich auch entschuldigend und eingeschüchtert, als Murrle einmal kurz und beleidigt fauchte.

„Ich danke dir für deinen Einwand, Cassius von der Seuchgasse“, stellte der Älteste trotzdem freundlich fest, auch wenn die sarkastische Betonung der niedrigen Herkunft des Straßenkaters für schadenfrohes Gelächter unter den anderen Katzen sorgte. „Ich hätte euch nicht belästigt und zu dieser Versammlung eingeladen, wenn ich nicht einen Plan hätte. Ich würde es ja alleine machen, doch ich muss es euch gestehen: Mein Alter …“ Obwohl außer den mit Sardinen bestochenen Beifallsjublern niemand einen Einwand machte, hob Murrle abwehrend eine Pfote. Er brachte dadurch ein paar der weißen Haarbüschel, die ihn im Lichte der Straßenlampe hartnäckig umtanzten, in Bewegung.

„Ich weiß, meine lieben Freunde und Miezengesichter, ich weiß das doch. Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Einmal werde ich euch verlassen müssen, ihr Treuen. Der Tag ist nicht mehr fern. Sieben Leben habe ich aufgebraucht, vielleicht auch die neun, die nur den englischen Katzen zustehen – ich habe nicht mitgezählt. Der Katzentod ist in diesen Tagen mein steter Begleiter. Jeden Abend sehe ich sein hohles Grinsen im Silberspiegel meines leer gefressenen Whiskas-Fressnapfs. Die Tage meiner wilden Abenteuer sind lange vorbei. Doch, doch. Für mich wird es langsam Zeit, die Verantwortung in die scharfen Krallen anderer, jüngerer und gesünderer, Katzen zu legen.“ Sein Blick fiel auf Cassius, der gerade das Gerücht Lügen strafte, Katzen könnten nicht rückwärts laufen und der sich eilig in der Menge verbarg, denn er wollte auf keinen Fall dieser jüngere und gesündere sein. „Aber diese empörende Sache mit der Bibel bringe ich noch in Ordnung. Das wird mein Vermächtnis an die Katzenökumene. Doch dazu benötige ich einen Freiwilligen, der mit mir die Ehre der Katzenökumene wieder aufrichtet.” Schweigen. Stille. Nicht einmal ein Pfotenscharren – auch nicht von den Claqueuren. Einige hielten sogar die Luft an.

Ganz weit hinten leckte sich gerade anmutig eine kleine Katze an einer verfilzten Stelle über ihr flauschiges Fell. Da sie plötzlich die lastende Ruhe um sich herum bemerkte, sah sie sich neugierig um. Die hübsche und schwarz-weiß gemusterte Katzendame war zur falschen Zeit am falschen Ort, das war ihr durchaus bewusst. Aber irgendetwas zog sie immer wieder auf geradezu magische Weise fort von ihrem gepflegten, sauberen Zuhause mit Fußbodenheizung und immer gut gefüllter Brekkies-Schale, wo sie verwöhnt und verhätschelt wurde und sogar im Bett ihres Menschen schlafen durfte. Es zog sie hin zu den dunklen, feuchten und schmuddligen Gassen, den Gefahren und dem Gestank der Hinterhöfe und Anlagen – und dort ausgerechnet zu dem zwar glut-, aber einäugigen und geheimnisvollen Cassius, dem so viele Katzen rollig zu den Pfoten lagen. Sie nannte diese Süchte bei sich selbst ihre Mrs-Hide-Phasen, denn die Katzendame war eine der seltenen belesenen Feliden. Oft kauerte sie neugierig auf der Rückenlehne des Lesesessels ihres Menschen, schnurrte und las mit ihm gemeinsam in seinen aufregenden Büchern, die von Abenteuern in fremden Ländern und längst vergangenen Zeiten erzählten. Wenn dann ihr Mensch ermattet über den Seiten einschlief, schlich sie sich manchmal sogar heran und blätterte heimlich um, um zu erfahren, wie es in dem Roman weiterging.

„Ach“, dachte sie, „warum verliebe ich mich immer wieder in den falschen Kerl? Ich bin doch aus gutem Hause. Es gibt so herzenswarme, treue und brave Kater. Doch die interessieren mich nicht. Ich suche mir immer die Nichtsnutze und Hundlinge aus! Und warum war ausgerechnet heute Abend meine Sehnsucht so groß und drängend, dass ich mich durch die Katzenklappe ins kalte Freie zwängte und das Abenteuer in den Abtritten und Seuchgassen suchte? Was tue ich hier bei dieser Versammlung? Ich wollte doch auf den Gartenzäunen singen, im Garagenclub tanzen, vielleicht ein wenig schimmligen Lachs-Tatar aus den Mülltonnen des Zwei-Sterne-Lokals dort hinten naschen und eine nette Herrengesellschaft genießen. Doch jetzt bin ich in eine finstere Verschwörung geraten. Mädchen, sei gescheit und halte dein hübsches Mäulchen. Mach dich klein und grau in der Nacht! Geh zurück zu deinem Menschen!“ Aber genau bei diesen Gedanken blies ihr ein mutwilliger Windhauch einen von Murrles räudigen Haarballen direkt vor ihre Nase, wo er aufreizend auf- und abschwebte. Der Dame kitzelte es im Näschen. Sie nieste und schon zuckte ihre Pfote empor.

„Diese dummen Katzeninstinkte bringen mich noch einmal ins Grab“, kam ihr in den Sinn. Aber da war es bereits zu spät. Sie schlug nach dem Büschel und maunzte dabei zierlich. Da alle im Rund absolute Katzenstille bewahrten, klang der Ruf wie ein Schrei.

„Ha!“, rief der uralte Murrle sofort, „es gibt sie doch noch, die mutigen Katzen! Dass da eine ist, die in dem Fell des Raubtiers steckt, das wir einmal waren, konnte ich schon gar nicht mehr glauben! Auf diese Weise haben wir einst die Welt und die Menschheit erobert!“ Der alte Kater sprang von der Kiste, auf der er gesessen war und knickte dabei mit den rheumatischen Hinterläufen ein. Dann schlich er auf die Dame zu, die sich verwirrt umsah und nicht glauben konnte, dass sie gemeint war. Sie bemerkte, wie Cassius sein sehendes Auge fest zukniff. Murrle baute sich vor ihr auf und seine Helfer schoben sich unauffällig in den Hintergrund, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden.

„Wir haben also eine Freiwillige, die mich in die Vergangenheit begleiten wird. Darf ich deinen Namen erfahren, holde Dame?“ Er stupste sie vorsichtig mit der Schnauze an. Geschmeichelt verbeugte sich das Katzenmädchen, auch wenn sie noch immer nicht begriff, was eigentlich gerade geschehen war.

„Man nennt mich die Immerschöne, Gottes Schwur. Ich bin Isabella.”

 

[Zum 3. Teil]

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