Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 26)

[Zum ersten Teil]

Die Weissensteiner-Literaturtage waren das kulturelle Ereignis des Sommers. Um den eher ermüdenden Lese­maraton der mehr oder meist weniger bedeutenden lite­rarischen Werke der no­minierten Autoren herum hatte der Veranstal­ter – der Weissensteiner-Verein – mit fi­nanzieller Unterstützung einiger Banken und Firmen, die nach dem Follia-Enga­gement nicht zurückstehen wollten, einiges Sehenswer­tes auf die Beine gestellt. Die Li­teraturtage wurden zu einem literarischen Sommer­salon aufgeblasen, bei dem die Preisvergabe an den besten Nachwuchsautor sozu­sagen das Sahnehäub­chen sein sollte. Viele renommierte und namhafte Autoren hatten ihr Erscheinen im Rahmenprog­ramm angekündigt; Siegfried Unselt, Reich-Ra­nicki, Fritz Raddatz und Har­ry Rowohlt wurden erwar­tet, sowie Vertreter von über­regionalen Blättern und selbstverständlich auch das Öffentlich-Rechtliche. Dadurch wurde ich plötzlich mit der verblüffenden und schmeichelhaften Tatsache konfrontiert, in Augsburg für eine Weile fast eine Berühmtheit zu werden. Ob­wohl ich nur eine einzige Geschichte ge­schrieben hatte und diese auch allen außer Klammer absolut unbe­kannt war, fühlte ich mich plötz­lich in die edle Riege der wenigen ansässigen Literaten aufgenommen. Ei­nige von ihnen, wie Markus Wimperle oder Stefan Kappnath, suchten mit einem Mal meine Nähe und redeten mir schön. Vielleicht war es diesmal umge­kehrt und sie wollten auf meinen anfahren­den Zug aufspringen. Ihre Freundlichkeit war mir su­spekt, denn ich wusste von den Eifersüchteleien und klein­lichen Streitigkeiten unter den Autoren des Ortes, die lieber ei­nen Arm opferten, bevor sie zugaben, dass ernstzuneh­mende Konkurrenz für sie existier­te.

Jonas Nix ließ in der verbleibenden Zeit nichts mehr von sich hören, er hatte sich wahrscheinlich wieder in sein Schneckenhaus verkrochen und schmierte be­leidigt Unappetitliches auf Leinwände. Ich denke, ich wäre auch sehr unfreundlich mit ihm umgegangen, wenn er noch einmal versucht hätte, mich zu überreden, ihm meine Lesezeit abzutreten. Ich konnte im Nachhin­ein seine aufgeblasene Ego­zentrik, die man mit einiger Berechtigung Größen­wahn nennen konnte, immer we­niger begreifen. Je­des Mal, wenn ich an Jonas dachte, krampfte sich Är­ger in meinem Magen zusammen. Ich trug aller­dings die berechtigte Hoffnung, dass es ihm ähnlich ging.

Eine Woche vor der Lesung rief mich Theresa an. Sie sei jetzt endlich dazu gekommen, meine Ge­schichte zu le­sen und habe sie interessant gefunden, auch wenn es ei­niges darüber zu sagen und vieles zu kritisieren gäbe. Ich konnte ihrer leisen Stimme an­hören, wie sehr sie sich bemühte, sich freundlich und schonend auszudrü­cken; jedoch verbarg sie hinter dieser Hülle nur unzulänglich, wie sehr ihr mein Text missfallen hatte. Um so höher musste ich es ihr wahrscheinlich an­rechnen, dass sie mein Werk gelesen und mit mir darüber sprechen wollte.

»Müssen wir uns denn am Telefon unterhalten? War­um treffen wir uns nicht?«, schlug ich vor, nicht ohne mich vorher durch einen vorsichtigen Blick zu versi­chern, ob Christine in einem Teil der Wohnung war, in dem sie mich nicht hören konnte. Sie würde nicht eifer­süchtig reagieren, denn das gehörte nicht zu ihrem Cha­rakter. Aber mir war selbst nicht wohl bei dem Gedan­ken, mich in ihrem Rücken mit einer anderen, dabei äu­ßerst attraktiven und intelligenten Frau zu verabreden, von der ich zudem vermute­te, dass ich von ihr mehr Ver­ständnis für meine lite­rarischen und künstlerischen Ver­suche erwarten durfte als von meiner Freundin. Ich will offen zugeben, der Ge­danke, mich mit Theresa zu treffen, hatte etwas sehr Verführeri­sches. Sie gab mir jedoch einen Korb. Sie wirkte aber über die Telefonleitung bedauernd, was mir schmeichelte und eine warmes Gefühl der Zunei­gung bereitete.

»Ich denke, das ist im Moment keine sehr gute Idee, wenn ich mich mit dir treffe. Falls Jürgen etwas davon er­fährt, wird es wieder Streit geben. Ich weiß zwar nicht, warum, aber er ist sehr wütend auf dich. Hast du ihn etwa schon wieder geärgert?«

»Das Gegenteil ist der Fall. Diesmal bin ich der Be­leidigte. Kommst du denn wenigstens zu meiner Le­sung?« Für einen Augenblick war Stille in der Lei­tung.

»Besser nicht …«, sagte sie dann zögernd. Ich hatte den Eindruck, sie verschwieg mir etwas. »Ich hätte zwar wirklich große Lust, auch weil ich gern sehen will, was Jürgen …« Sie beendete den Satz nicht, räusperte sich. »Auf jeden Fall hat er es mir verbo­ten.« Ich hätte einiges darum gegeben, zu erfahren, was The­resa eigentlich hatte sagen wollen. Was sich al­lerdings hinter ihrem letzten Satz verbarg, empörte mich so, dass ich den Fehler beging, nicht nachzuhaken.

»Höre ich richtig? Er kann dir doch nicht einfach ver­bieten …« Mir fehlten die Worte. Ich bemerkte Theresas Verwirrung wegen meiner plötzlichen Lautstärke.

»Aber ja«, erwiderte sie einfach, als wäre eine sol­che Handlungsweise selbstverständlich. Ich antwor­tete nicht und sie bemühte sich nach einer peinlichen Pause, sich zu erklären. »Doch. Zwischen uns beiden funktioniert es gerade nicht so gut. Jürgen macht eben eine schwierige Phase durch. Er hat seinen Erfolg noch nicht ver­daut. Es ist das Beste, wenn ich ihn vorsichtig be­handle. Ich will … deswegen nicht meine Beziehung aufs Spiel setzen«,  sagte sie langsam und nach einer rationalen Erklärung suchend, wo sie nur ein Gefühl hatte, was richtig und was falsch war. Ich wollte ihr gerade ihr mangelndes Über-Ich zum Vorwurf ma­chen, als Christine zu mir ins Zimmer trat und neu­gierig die Augenbrauen hob, stumm die Frage for­mulierend, wer denn am anderen Ende der Leitung sei. Ich schüttelte den Kopf.

»Nun, das musst du wissen.« Ich blieb bewusst all­gemein, um meiner Freundin keinen Anhaltspunkt zu ge­ben, mit wem ich sprach. Hätte ich dieses ver­heimlichende Verhalten erklären müssen, wäre ich in ähnliche Schwierigkeiten geraten wie Theresa bei ihrem Deu­tungsversuch ihrer sklavischen Unter­werfung vor Nix. Ich wusste nur instinktiv, dass es falsch war, Christine mitzuteilen, mit wem ich tele­fonierte.

»Nun sei nicht beleidigt«, erwiderte Theresa. »Es ist nur besser, wenn ich etwas zurückstecke. Er ist ein Künst­ler.« Als würde das etwas erklären! Ich hätte ihr jetzt gerne erzählt, wie Jonas mit der Wir­tin im Annapam umging. Es hätte mir Spaß ge­macht, ihr zu zeigen, dass er alles andere als ein Gott war, dessen Launen un­terstützt oder zumin­dest ertragen werden mussten, weil er doch ein Künstler war. Kunst darf keine Ent­schuldigung für einen miesen und schmarotzerhaft­en Charakter sein. Aber mit meiner Freun­din als Zuhöre­rin war das eben nicht möglich. Zudem ging es mich, vom Verstand her betrachtet, nun wirklich nichts an. Es war Zeit, dieses Gespräch zu beenden.
»Vielleicht sehen wir uns ein andermal«, sagte ich.

»Aber wir wollten uns doch über deine Geschichte un­terhalten …«

»Nicht jetzt. Ich habe keine Zeit mehr. Tschüß.«

»Du bist beleidigt«, hörte ich noch, dann legte ich auf. Natürlich wollte Christine sofort wissen, mit wem ich gesprochen hatte. Ich machte eine vage und weg­werfende Handbewegung und nannte den Na­men eines Freun­des von mir, von dem ich wusste, dass ihn meine Freun­din nicht ausstehen konnte und sie deshalb nicht neu­gierig war, was ich mit ihm zu bereden hatte. Christine erwiderte nichts. Sie setzte sich neben mich auf das Sofa und sah verson­nen und lächelnd auf den Notizblock, in dem ich während meines Telefongesprächs gekritzelt hatte. Ich sah ebenfalls hin und wurde rot. Ich hatte völ­lig unbewusst ein halbwegs anständiges Portrait von Theresa gestrichelt. Es war nur gut, dass Christine ihr noch nie begegnet war und diese Zeichnung kei­nem le­benden Menschen zuordnen konnte.

Am frühen Nachmittag des großen Tages wurden Christine und ich standesgemäß von Dr. Klammer in seinem eleganten roten Mercedescabrio abgeholt. Während der kurzen Fahrt gab der glänzend gelaunte Klammer interessante Anekdoten zum Besten, die meine Freundin entzückten und für ihn einnahmen, denen ich aber nur mit einem Ohr lauschte. Ich verpasste deshalb mehrmals die Poin­te. Denn ich wurde lang­sam nervös. Das äußerte sich zuerst in dem irritie­renden Gefühl, etwas Wichtiges ver­gessen zu haben, dann begann mein Frühstück, in mei­ner Verdauung zu rumoren.

[Zum Teil 27 …]

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