Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Teil 1)

VIER

„Lina Brunswick!“ Jonas schreckte in die Höhe, als hätte ihn jemand mit einer Nadel gestochen. Linus unterbrach seine Geschichte und sah den alten Freund verwundert an. Auch Edaine hob amüsiert lächelnd den Kopf. Jonas glaubte, sich entschuldigen zu müssen.

„Ja. Ich dachte für einen Moment, der Name würde mir etwas sagen – aber da habe ich mich wohl getäuscht.“ Damit sagte er die Wahrheit. Kurz hatte er geglaubt, der Frauenname würde eine Erinnerung in ihm wecken. Doch jetzt war ihm das alles wieder entfallen.

„Ich glaube eher, du warst eben am Einschlafen“, lachte Linus und wirkte ein wenig beleidigt. „Meine Geschichte muss ja ganz schön langweilig sein.“ Jonas senkte schuldbewusst den Kopf. Wahrscheinlich war er tatsächlich kurz eingenickt, auch wenn er sich einbildete, nichts von der absonderlichen Geschichte versäumt zu haben.

„Und? Muss noch jemand aufs Klo oder kann ich weitermachen?“ Niemand antwortete ihm. Linus zuckte mit den Schultern und fuhr mit seiner Erzählung fort.

Binderseils Geschichte (Schluss)

„Wenn du glaubst, ich stürzte mich schnell in dieses Abenteuer und befreite Dornröschen wie der Prinz mit einem Kuss, dann muss ich dich enttäuschen. Auch wenn beim Erzählen der Eindruck entstehen mag: Dies ist kein Märchen. Ich starrte auf den Mann, der in meinen Armen langsam wieder zu Kräften kam und mir wurde zum ersten Mal richtig bewusst, wie surreal und absurd meine Situation war. War ich bislang einfach meinem Instinkt gefolgt, ohne nur einmal richtig nachzudenken, wurde mir meine Lage langsam klarer. Ich fühlte mich, als würde ich aus einem tiefen Schlaf erwachen.

Wie lange war ich schon in dieser Kulissenwelt gefangen, in der nur Wind und Wasser und der alte Bärtige und ich hier auf dem gespenstisch leeren Domplatz lebendig schienen? Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, wie die Erinnerung an eine andere Existenz, als mich ein nasser, kalter Februarmorgen ausgespuckt hatte und es war noch lange nicht das Ende dieses Tages erreicht; eines Tages, der endlos war. Das Wort ‚gestern’ war mir zu einer leeren Worthülse verkommen, einem Klang, der keine Bedeutung mehr hatte. Wie Rücklichter in einem dichten Nebel tauchten Erinnerungsfetzen an mein Erwachen am Morgen auf: Matte Regentropfen an meiner kaputten Fensterscheibe, das schamlose Eindringen der Staatsmacht in mein Privatestes, die Hausdurchsuchung, der unnötig grobe Zugriff der Polizisten, die sinnlose Verwüstung meiner Wohnung, mein Sturz die Außentreppe hinab, ein Sturz, der auch ein Stoß sein konnte. Schließlich stand mir der Tod meiner Freundin wieder vor Augen, meine zitternde Hand, die die nebem mir im Bett liegende Nackte berührt, meine Fingerspitzen auf der eisigen, klebrigen Haut, die plötzliche Erkenntnis, dass ich nur eine Hülle berührte, mich die Seele meiner kunst- und jazzbegeisterten Schönheit für immer verlassen hatte – all das drängte sich mir jetzt mit unwiderstehlicher Macht auf. Es war ein mächtiger, alles mit sich reißender Strom an Erinnerungen; Bruchstücke nur, Momentaufnahmen. Bisher hatte ich sie verdrängt, besser gesagt, sie waren beiseite geschoben worden von der Macht der neuen, überwältigenden Eindrücke meiner neuen, sommerlichen Welt, die mir trotz ihrer Leere und Bewegungslosigkeit lebendiger erschien als mein altes Winterdasein. Umso kräftiger kamen sie mir jetzt zurück ins Gedächtnis.

Ich weinte. Zum ersten Mal empfand ich ehrliche Trauer, schmerzte der Verlust wie eine frische Wunde. Er kehrte überraschend zurück, ich war völlig unvorbereitet. Ich hielt den kraftlosen Alten in den Armen, der weiter um meine Hilfe flehte und meine einzige Reaktion waren Jammer und Tränen. Der eingekapselte, durch die Erlebnisse verdrängte Schmerz sprengte sich gewaltsam aus seiner Nussschale, er machte meine Brust eng und mein Atmen zum stoßhaften Schluchzen. Ich schämte mich entsetzlich, denn ich hatte über all den neuen Eindrücken, über diesem Geschenk des Neugeborenseins, der Chance, völlig neu an einem anderen Ort von vorn beginnen zu können – vergessen zu trauern; noch schlimmer, mir war meine Liebe wie etwas vollkommen Unwichtiges, längst hinter mir Gelassenes einfach entfallen. Sie war nur noch eine ferne Erinnerung, ein luzider Traum, den man im Erwachen vergisst. A dream within a dream …

Gib es zu, Jonas, dir ist es doch ebenso ergangen. Du hast über meiner Geschichte längst nicht mehr an das Mädchen gedacht, neben dessen totem Leib ich am Morgen erwacht war und mir war es ebenso gegangen. Meine Jazzlady war Teil meines alten, mir selbst entfremdeten Lebens, in das ich überhaupt nicht mehr zurückkehren wollte. Der lange, heiße Nachmittag war meine Existenz, die ich nicht aufgeben, um die ich kämpfen wollte.

Das ist mir nicht gelungen. Du siehst ja, ich sitze hier und erzähle dir, es gab also einen Weg zurück. Wie das gegangen ist, werde ich dir jetzt berichten. Also schlafe mir nicht wieder ein; es könnte auch für dich wichtig werden.
Der alte Mann, den ich in den Armen hielt, wollte also, dass ich eine gewisse Lina für ihn rettete, weil er selbst nicht mehr dazu in der Lage war. „Kann ich denn nicht zuerst dir etwas helfen? Du scheinst es ebenfalls nötig zu haben“, sagte ich, nachdem ich meinen überraschenden Tränenfluss wieder etwas unter Kontrolle hatte. Erst wollte der Mann Einspruch erheben, dann nickte er.

„Bringe mich aus der Sonne, dann werde ich schon wieder Kräften kommen.“ Ich fasste ihn fester und schob uns gemeinsam in die Höhe. Er war wieder so stark, dass er stehen konnte, ohne mit den Beinen wegzuknicken, zitternd zwar und einen Arm aufstützend auf meine Schulter gelegt.

„Warte“, sagte er, „ich öffne die Tür.“ Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf eine Fähigkeit jenseits meiner Vorstellungswelt. Nahm ich gerade an einem Schöpfungsakt teil?

„Gut, bring mich bitte in den Dom.“ Er empfand wahrscheinlich wie ich, dass dort der einzig richtige Platz für ihn war, für den etwas angeschlagenen Gott dieser Welt, in die ich gefallen war. Ich schleppte den schweren Mann mühsam die Stufen zum Dom empor und öffnete die großen Flügeltüren, indem ich sie, mich mit ihm gemeinsam gegen ihr sprödes Holz lehnend, aufstemmte. Sie schwangen widerstrebend und rostig ächzend nach Innen. Es war nach meinem eigenen Haus der erste Raum, den ich hier betreten konnte, ohne frustriert an einer fest verschlossenen, wie versiegelten Tür zu scheitern. Ich stellte mir nach meinen Erfahrungen mit der Schaufensterscheibe, die mich ins Nichts hatte blicken lassen, die Häuser ähnlich konstruiert vor wie die Gebäude in den berühmten ‚potemkinschen Dörfern’, sie waren eine hübsche Fassade, aber eben nichts dahinter.

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Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator: Ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die irdischen Dinge.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügeln miteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafte und heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Ich wollte ihn schon fragen, was er sich dabei gedacht habe, ob er sich als Apostel oder als Marsyas sah, als er sich von mir losmachte und ein paar unsichere Schritte nach vorn tappte, wo er einen Platz in der hinteren Reihe der Kirchenbänke fand. Er winkte mich zu sich, nun flüsternd, als wäre dies die einzige angemessene Lautstärke in dem Dom.

„Ich weiß, du hast viele Fragen“, kam er mir zuvor, „und ich will dir auch gerne die Antworten sagen, so weit ich sie selbst kenne, aber jetzt müssen wir uns beeilen. Ich kann den Lauf der Dinge nicht mehr lange bremsen, das ist wider die Natur und zerstört mehr als es bewahrt. Dieser Tag wird einmal enden. Vorher musst du hinauf zur Burg und Lina holen. Sie ist der einzige Sinn von dem allen hier und wenn mein Bruder es schafft, sie fortzubringen, wäre mein Spiel verloren. Noch wehrt meine Lina sich gegen seinen Willen.“

„Dein … Bruder?“

„Ja, mein verrückter Bruder, der glaubt, er wäre Linas Mann. Aber jetzt gehe, geh! Ich werde dir jemanden schicken, der dir vielleicht helfen kann – eine Frau, der du vertrauen sollst – und vielleicht noch jemanden weiteren.“ Er lächelte kurz. „Ich habe ihn schon in deinen Gedanken gefunden.“

Ich zögerte, wollte Einwände machen, aber er hob sofort abwehrend die Hand.

„Beeile dich“, drängte er, „jedes Zögern kann Folgen haben, die nicht wieder gut zu machen sind. Ich sage es noch einmal: Wenn mein Bruder es schafft, Lina mit sich zu nehmen, habe ich verloren. Die Welt stirbt – und wir mit ihr. Du bist meine letzte Karte, die eine Chance, die uns geblieben ist. Du bist mein Joker! Mit dir rechnet er nicht, dein freier Wille, der dich wegen meiner Schwäche hierher geführt hat, kann alles noch ins Gute wenden. Du wolltest hier sein. Nun mach auch etwas draus.“ Er sackte in sich zusammen; das Sprechen hatte ihn über Gebühr angestrengt. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen.

„Geh!“ flehte er mich an, „geh endlich und rette das Mädchen. Sei der Held.“ Er schloss die Augen, erstarrte wie die tote Welt, die er beherrschte. Von ihm konnte ich nichts mehr erwarten.

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