Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (3. Kapitel – Teil 6)

„Abakoum. Ich glaube es ja nicht!“, stotterte er. Er sah wieder zu Waldescher. „Das ist dein Mitbringsel zu meinem Geburtstag?“ Freudestrahlend hob er beide Hände und Jonas umarmte ihn, sich zum Rollstuhl herabbeugend.

„Alles Gute“, flüsterte er gedankenschnell in Linus Ohr und drückte den Bildhauer fester. „Alles Gute. Wie viele Jahre ist das her?“

Seine Stimme brach fast, viel fehlte nicht und er wäre hier, mitten in dem Fest, unter all den alten Bekannten und Nachbarn von Binderseil in Tränen ausgebrochen. Er löste sich sanft aus der Umarmung des verlorenen Freundes und wollte sich aufrichtend bei Waldescher bedanken, dass er ihn genau an diesem Sonntagabend hierher geführt habe. Aber neben Jonas stand statt des alten Mannes plötzlich eine schöne Frau, die die beiden lächelnd begutachtete. Jonas runzelte die Stirn. War das Edaine? Und wohin in aller Welt war Waldescher so schnell verschwunden? Konnte der alte Zauberer nicht nur Tauben wiederbeleben, sondern sich auch in Luft auflösen?

Die nicht mehr ganz junge, dunkelblonde Frau neben sich kannte er, auch wenn ihm nicht einfiel, woher. Er hatte da ein Problem, das ihm in seinen Geschäftsbeziehungen manchmal sehr schadete: Er war ein wenig gesichtsblind und Menschen, denen er nicht in ihrer normalen Umgebung und Kleidung, sondern zufällig an einem anderen Ort und Gelegenheit begegnete, konnte er nicht so einfach einordnen. Diese abgeschwächte Form einer angeborenen Prosopagnosie entschuldigte er in der Regel mit seiner nicht vorhandenen Kurzsichtigkeit.

Der Name der Frau und damit ihre Identität lagen ihm förmlich auf der Zunge. Er wusste nicht einmal zu sagen, ob sie eine flüchtige Bekannte oder Kundin war oder vielleicht die Bedienung in einem Geschäft. Die Frau nickte ihm zu. Klar: Sie erkannte ihn. Das war Jonas peinlich und er senkte den Blick.

„Er ist wie eine Katze“, hörte er Linus sagen, während er nachdenkend die Straße musterte und kurz einen Blick mit Katharina wechselte, die sich schon halb erhoben hatte, um dazu zu kommen, sich jetzt aber wieder unschlüssig zurück auf die Bierbank setzte. Sie schien sich Sorgen zu machen. „Der Alte kommt und geht, wie es ihm gefällt. Aber er hat mir wirklich eine unglaubliche Freude gemacht, Marion. Darf ich dir Jonas vorstellen? Das ist mein alter Freund Jonas ‚Abakoum‘ Habakuk – Dr. Marion Wächter. Marion – Jonas.“

„Wir kennen uns bereits.“ Jonas wandte sich zu der Frau, die er jetzt endlich als die Stationsärztin im Pflegeheim seines Vaters identifizierte. ‚Endlich ein normaler Name,‘ dachte er erleichtert, bis ihm einfiel, wie gut ‚Wächter‘ zu ihrem Beruf passte. Dass er sie nicht sofort erkannt hatte, lag sicher auch an ihrer Kleidung. Er kannte die Ärztin nur unnahbar und auf förmlichen Abstand bedacht in ihrem weißen Arztkittel, das lange messingfarbene Haar mit Klammern streng nach hinten geflochten. Zu diesem Fest trug sie die Haare offen und war geschminkt. Sie hatte einen kurzen Rock und eine weiße, weit geöffnete Bluse an und schien Jonas gewachsen, weil ihre Füße in hohen Schnür-Sandaletten steckten. Dr. Wächter war eine attraktive Frau und sie musterte Jonas so unverhohlen abschätzend und neugierig, dass er erneut den Blick senkte. Sie wandte sich an Binderseil.

„Herr Habakuk …“

„Nenne ihn Jonas“, unterbrach sie Linus, „wir sind alle Freunde. Ich habe bereits vor dreißig Jahren in meiner Straße das Sie abgeschafft.“

„Das weiß ich. Aber ich wollte nicht von Jonas reden“, sie zwinkerte ihm zu, „sondern von seinem Vater, dem Altertumsforscher Georg Habakuk. Jonas ist ihm ein guter Sohn. Jeden Mittwoch besucht er seinen alten Herrn im Heim.“

„Ach, der alte Drachenbezwinger! Wie geht es ihm?“, fragte der Bildhauer. Marion kam einer Antwort von Jonas zuvor:

„Unverändert. Er lebt in seiner eigenen Welt.“

‚Das ist ja interessant. Binderseil spricht mit der Ärztin über meinen Vater,‘ dachte Jonas. ‚Ich wusste nicht, dass die beiden sich mal getroffen oder gar gekannt haben. Mein strenger, konservativer Vater und der Hippie-Bildhauer, das passt überhaupt nicht zusammen.‘

Offensichtlich gab es vieles, was er nicht wusste. Er war einen verstohlenen Blick auf die wohlgeformten Beine der Ärztin und bekam jetzt wirklich Lust auf diese Party. Wie das Leben so spielte: Eigentlich wollte er mit ein paar älteren Herrschaften Boule spielen, seinen verwilderten Garten mähen und am Abend beim Tatort einschlafen. Jetzt schien sich eine etwas andere Abendgestaltung anzubahnen.

Es war Zeit, die Initiative zu übernehmen, das hatte er früher einmal ganz gut gekonnt. Er und Binderseil waren einmal ein unschlagbares Team gewesen, wenn es darum ging, gemeinsam ein paar Mädchen abzuschleppen. Das war lange her, aber manches verlernt man nicht. Auch wenn er sich vor Kathi etwas schämte, die ihn noch immer besorgt musterte, nahm er die Ärztin höflich am Arm, packte den Frauenheld aus und startete einen wortreichen Flirt.

„Holen wir uns etwas vom Grill, Marion? Du entschuldigst uns, Linus, wir haben Hunger“, sagte er und zog die nur wenig widerstrebende Frau mit sich, sie mit Worten in sein Netz spinnend. Binderseil warf ihm einen überraschten und anerkennende Blick hinterher. Dann zuckte er mit den Schultern und kümmerte sich um seine anderen Gäste.

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Nachdem das Paar sich Getränke und Speisen auf Papptellern besorgt und einen freien Platz an einem der Tische gefunden hatte, endete Jonas Elan so schnell wie er gekommen war und er verstummte. Viel trug auch dazu bei, dass die beiden nebeneinander zum Sitzen kamen, was einem Gespräch ein wenig abträglich war, aber eine körperliche Enge bedingte, die Jonas unruhig empfand. Außerdem fühlte er sich weiter den Blicken von Katharina ausgesetzt. Marion schien da anders zu empfinden: Sie genoss Jonas Aufmerksamkeit, rutschte noch enger an ihn heran. Ihn mit Gesäß und Schultern berührend, brachte sie ihren Kopf an seinen und setzte das Gespräch fort, indem sie einen heiteren Monolog darüber hielt, warum sie nicht mehr Vegetarierin war. Gleichzeitig hielt sie in der Rechten nachlässig ein Hühnerbein, mit dem sie manchmal als Argumentationshilfe unterstreichend dirigierte. Sie brachte ihre fettigen, knallrot geschminkten Lippen ganz nah an sein rechtes Ohr. Ihr Atem kitzelte, während sie sprach:

„Nachdem ich plötzlich feststellte, dass von einem Tag zum anderen praktisch jeder in meinem Freundeskreis kein Fleisch mehr aß und man nur noch von Massenhaltung und dem ökologischen Fußabdruck sprach, manche sogar noch strenger waren als ich, Veganer und Rohköstler – die reinsten Veggie-Savonarolas – als es dann auf einmal nicht bloß im Reformhaus, sondern auch bei Aldi Tofuwürstchen und Grünkernküchlein gab: Da hatte ich doch keinen Grund, Vegetarier zu bleiben.“ Sie riss mit blendend weißen Zähnen demonstrativ an einer Sehne ihres Geflügelstücks und leckte sich fast lasziv über die Lippen. Dabei wurden ihre rauchgrauen mit den goldenen Einsprengseln Augen tatsächlich eine Nuance dunkler und verschleierten, als würde sie gerade nicht an Essen, sondern an Sex denken. Jonas lächelte neutral, obwohl er in diesem Moment begann, sich Hoffnungen zu machen. Er ertappte sich, wie er auf einen seltsamen Anhänger zwischen ihren Brüsten starrte – ein Drudenfuß, der gegen böse Träume half, wenn er sich an Kathis Ausführungen richtig erinnerte. Er richtete sich gerade. „Außerdem schmeckt Fleisch. Und es ist gesund“, fügte die Frau hinzu. Sie klatschte mit der flachen linken Hand einmal auf Jonas Oberschenkel, zog sie aber sofort wieder zurück.

„Aber nenne mich nicht Marion, da komme ich mir so alt vor. Das ist ein Name für eine Tante oder eine alte Jungfer.“ Sie kicherte. „Alle außer Linus sagen ‚Meg‘ zu mir – mit kurzem ‚e‘, nicht mit ‚a’“, ergänzte sie.

‚So viel zu den normalen Namen,‘ ging ihm durch den Kopf. ‚Meg Wächter, nun ja …‘ War das überhaupt ein Name?

„Woher kennst du Linus?“ Es war Zeit, das Thema zu wechseln. Die Ärztin ging ihm etwas zu forsch voran. Sie nickte, legte den abgenagten Knochen zurück auf den Teller und nahm einen Schluck von ihrem billigen Weißwein, während sie überlegte. Sie zögerte, das sah ihr Jonas an und sie sah sich eilig um, bevor sie antwortete.

„Lass uns nicht jetzt darüber reden. Das ist eine dieser Geschichten, die viel Zeit brauchen. Ich kann dich ja später heimfahren.“ Sie sah ihm in die Augen und in Jonas Unterleib breitete sich ein warmes Gefühl aus.

„Das eine gute Idee, Meg. Ich bin nämlich zu Fuß da.“ Hoffentlich klang seine Stimme noch normal. Er erkannte ein Aufblitzen in ihren Augen.

„Sag mal, Jonas! Willst du mich denn den ganzen Abend ignorieren?“, fragte in diesem Augenblick Katharina und setzte sich auf einen eben freigewordenen Platz ihm direkt gegenüber. Obwohl er Kathi nun wirklich keine Rechenschaft mehr schuldig war, zuckte er schuldbewusst zusammen und auch die Ärztin rutschte sofort von ihm ab, aber jetzt lag wieder ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Jonas schob seine Linke darüber. Zwischen ihnen beiden war alles klar. Seine Exfreundin konnte den Kontakt der beiden von ihrem Bankplatz aus nicht sehen.

„Kathi. Ich wusste nicht, ob du überhaupt noch mit mir reden willst“, sagte er und beugte sich über den Tisch. Das war kein gelungener Beginn für ein Gespräch. „Ich meine, ich wusste nicht, dass du noch hier wohnst. Was machst du hier eigentlich?“ Noch schlechter! Für einen Kommunikationsberater, auf dessen Homepage Sätze wie: „Kommunikation ist der synergetische Kickstarter, um emotionale Abilities zu visualisieren und ist elementar für die Bewältigung von Changeprozessen“ oder „In unseren medialisierten sozialen Netzwelten fällt dem kommunikativen Auftritt eine Schlüsselrolle für die Reputation zu. Kommunikationskompetenz wird damit zur individuellen Karrieremotor“ zu lesen waren, machte er heute eine ausgesprochen schlechte Figur. Kathi sah ihn empört an und Marion kicherte in seinem Rücken. Das war auch keine große Hilfe. Er hatte seine sommersprossige Ex-Freundin, die sich kaum verändert hatte, vielleicht etwas schlanker war und die brennendrot gefärbten Haare kürzer trug, tatsächlich schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen; genaugenommen seit dem Tag nicht mehr, an dem sie aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen war, das Jonas nur wegen ihr gekauft hatte. Da hatte ihr schon ihr neuer Freund – Typ weinerlicher Kumpel – beim Umzug geholfen. Erstaunlich, wie schnell manche Frauen von einem Nest ins andere hüpfen. Er selbst hatte über ein Jahr gebraucht, bis er sich wieder in eine Beziehung getraut hatte. Nachdem auch diese bald auseinandergegangen war, pflegte Jonas nurmehr kurzlebige und eher seltene Bekanntschaften mit Frauen und er musste zugeben, dass er damit recht gut fuhr. Ob Kathi noch mit dem Kerl zusammen war?

Marion lachte laut auf und die Miene seiner Ex wurde noch düsterer. Hatte er sie das wirklich laut gefragt? Katharina öffnete den Mund und schloss ihn nicht mehr. Sie wirkte wie versteinert. Nein, sie war es wirklich. Die Zeit war wieder eingefroren. Und von hinten kam plötzlich wieder dieser Schmerz in seinem Rücken zurück. Er war wie ein alter, aufdringlicher Feind.

Der verwahrloste Alte zu seiner Linken wandte sich zu ihm.

„Ich denke, jetzt ist es an der Zeit, zurückzukehren, Abakoum. Linus will seine Geschichte weitererzählen. Und vergiss das Gebäude nicht.“

Jonas drehte den Kopf. Neben ihm saß Alban Waldescher. Bevor er etwas sagen konnte, schlug ihm der bärtige Mann fest auf den Rücken und Jonas erwachte am Nachmittag des nächsten Tages, aus dem Sofa in Binderseils Wohnzimmer hochschreckend.

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