Aber ein Traum …

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Ein paar Anmerkungen zu meinem Blog „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Vor bald acht Jahren begann mit den folgenden, hier ein wenig erweiterten Artikeln mein persönlicher Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden zu können … Nun, aus diesem Traum bin ich dann doch bald erwacht. Nach all der Zeit fasse muss ich nun nüchtern zusammen: Fast niemand verirrt meinen Blog, meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen, um sie dann für mich persönlich in ansprechender Form binden zu lassen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In der Zeit habe ich über 1000 Einträge erstellt, jede Woche, manchmal sogar jeden Tag, etwas Neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, Kurzgeschichten, „Freitagsaufreger“, „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, Theaterstücke und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, Glossen und Momentaufnahmen, Gedankensplitter, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 800 eigene Fotos eingebunden. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren. Allerdings gefiel mir aber deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum … Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das zweite Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

„Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Ich will ehrlich sein: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – buchstäblich Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

In Aber ein Traum … geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von Aber ein Traum …

Schlussbemerkung:

Am Anfang kommt die Handschrift – das Aufsetzen.

Das hat zwei Gründe:

Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren! Ich schreibe handschriftlich meist nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Nutzlose Menschen – Mein neues Buch

Demnächst überall im Buchhandel
und bereits jetzt bei epubli bestellbar:

Mein neuer Roman aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus

Softcover-Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN: 9783748586067
7,99 €

*

Nutzlose Menschen
Ein Roman von Nikolaus Klammer

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer
wieder …“


Eine Stadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz. Es ist ein heißer Sommer. Der gescheiterte Schriftsteller Nikolaus Klammer, der sich in seinem Brotberuf als Beamter langweilt, beginnt mit den Menschen in seinem Umfeld wie mit Schachfiguren zu spielen. Ohne deren Wissen stellt er zu seinem Zeitvertreib mit ihnen Szenen aus der „Comédie humaine“ von Honoré de Balzac nach.

Sein auserwähltes Opfer in dieser Nacht ist Benjamin Sapher, der sich hilflos in dem Spinnennetz seines Vorgesetzten verfängt. Als seine Frau Gitta ahnt, was Klammer mit ihrem Mann vorhat, ist es beinahe schon zu spät, um eine Katastrophe zu verhindern. Aber ist das alles wirklich nur ein makaberes Spiel oder hat Klammer noch einen anderen Plan?

Übrigens sind meine E-Books – auch die ersten beiden Bände meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus – noch bis zum 9. September überall für 0,99 € erhältlich.

 

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Wie es beinahe schon Tradition ist, sind auch in diesem Sommer während meiner Blogpause die E-Book-Ausgaben meiner 8 Bücher in der Zeit vom

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Das sollte auch den geizigsten, ärmsten oder vorsichtigsten meiner Freunde und Follower überzeugen, sich einmal auch an die Werke von mir zu wagen; schließlich ist schon ein Eis am Stil, das man in drei Minuten geschleckt hat, viel, viel teurer. Selbstverständlich verdiene ich da überhaupt nichts mehr – ich verschenke mich und hoffe, jemand nimmt dieses Geschenk an.

Liebe Grüße aus meinem Urlaub,

Nikolaus

PS. Und wenn euch vielleicht meine Literatur nicht interessiert, dann teilt doch bitte diesen Beitrag mit euren Freunden. Danke.

PPS. Und wenn einer von euch erkennt, an welchem Ort Frau Klammerle und ich uns gerade aufhalten, dann schenke ich ihm eine gebundene Ausgabe eines von meinen Büchern.

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 7)

Ich wusste: Ich hatte nur diese eine Chance. René war mir körperlich überlegen und hatte inzwischen auch bewiesen, dass er skrupelloser und grausamer als ich sein konnte. Aber er war von den Mordgedanken, die ich in seinen Augen erkannte, abgelenkt. Wenn ich ihn los werden wollte, dann musste ich jetzt handeln. Der Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Ich legte meine ganze Kraft und mein Körpergewicht in den Fausthieb. Mein ungeschickte Schlag traf René seitlich an der Wange und hob ihn von den Füßen. Etwas knackte hässlich. René kippte mit aufgerissenen, erstaunten Augen nach hinten. Sein Fahrtenmesser flog durch die Luft. Fast hätte mich die Wucht meines Boxhiebs mitgerissen, aber ich stolperte nur einen Schritt nach vorn und noch während mein Widersacher schwer auf den Rücken fiel und sich einmal um sich selbst drehte, wandte ich mich herum und rannte den Fahrweg hinunter, der nach einer sanften Kehre in den dämmrigen Bergwald führte.

René war vor Überraschung über meinen plötzlichen Angriff stumm geblieben und hatte nur gegrunzt, als er hinfiel. Nun aber hörte ich ein nahezu unmenschliches Gebrüll hinter mir – völlig entmenscht, wie von einem Tier. Ich sah zurück. Da ich den Hügel hinunter rannte, hatte ich bereits gut zwanzig Meter Abstand zwischen uns gebracht und die ersten Fichten erreicht. Aber jetzt rappelte sich René hoch, griff nach seinem Messer und nahm wie ein gereizter Stier die Verfolgung auf. Seine Beine flogen förmlich über den Weg auf mich zu. Er hörte keinen Augenblick mit dem Schreien auf, das als Echo von allen Seiten zurück geworfen wurde. Er holte auf!

In dem Moment geschah es. Mein Blick nach hinten war ein Fehler gewesen, denn ich hatte nicht mehr auf den Weg vor mir geachtet. Ich schlitterte über eine feuchte Stelle, rutschte auf dem glitschigen Kies aus und stürzte in das dichte Unterholz des Straßengrabens, rutschte durch große Pestwurzstauden, Brombeerranken,  und Strauchwerk und kugelte gut zehn Meter den steil abschüssigen Hang hinab, bis ich an einem bemoosten Baumstumpf hängen blieb.

Wäre mir das an einem anderen Tag passiert, wäre ich erst einmal für eine Weile außer Gefecht gesetzt gewesen und jammernd liegen geblieben. Ich war jedoch so ängstlich und von Adrenalin abgefüllt, dass ich beinahe sofort wieder auf die Beine sprang und mich an dem Steilhang ausbalancierte. Ich musste einen schrecklichen Anblick bieten: Ich blutete aus ungezählten Kratz- und Schürfwunden und aus der Nase, mit der ich gegen einen Stein gerutscht war, die Kleidung war schmutzig und zerrissen, der eine Fuß verstaucht und der Ringfinger der rechten Hand, mit der ich René geschlagen hatte, gebrochen. Das hatte ich übrigens in diesem Moment überhaupt noch nicht bemerkt. Ich spürte keine Schmerzen, war nur ein waidwundes Tier auf der Flucht vor dem Jäger und handelte ohne Kontrolle meines Verstands. Deshalb ist mir auch vieles von meiner Flucht nicht im Gedächtnis geblieben.

Wieder hinauf zum Weg zu klettern kam nicht in Frage, denn inzwischen hatte René bereits die Stelle erreicht, an der mein Sturz begonnen hatte. Also suchte ich mein Heil den in der beginnenden Dämmerung schwarz unter mir liegenden Hang abwärts, wo in der Tiefe ein Wildbach rauschte, den ich aber von meinem Standort aus nicht sehen konnte. Ich war noch nicht so weit, um über meinen Fluchtweg nachdenken zu können, aber ich spürte instinktiv, dass es für mich nur einen einzigen gab, nämlich dort hinunter und dann dem Bachbett folgen, mich irgendwo in der Finsternis zusammenkauern und verbergen. Auch René, der noch einige Höhenmeter über mir stand, hatte das erkannt und machte sich vorsichtig an den Abstieg zu mir herab, während ich bereits in hohem Tempo mehr abwärts rutschte als lief. Spätestens wenn ich in dem schmalen Bergeinschnitt, in dem wohl gerade einmal dieser rauschende Wasserlauf Platz fand, angekommen war und eine Klettertour über glitschige Steine beginnen würde, würde ich diesen Vorsprung sehr schnell wieder einbüßen.

Ich konnte in der aufziehenden Dunkelheit kaum die Bodenbeschaffenheit erkennen. Ich stolperte erneut, krallte mich mit meiner heilen Hand verzweifelt an einigen Grasbüscheln fest und verhinderte so einen Sturz in die Tiefe. Der Abstieg war selbstmörderisch. Beim nächsten Ausrutscher hatte ich vielleicht nicht mehr so viel Glück und würde die fünfzig Höhenmeter bis zum Bach hinunterfallen. Jetzt begannen auch die Schmerzen und sie waren so stark, dass mir schwindlig und schlecht wurde. Vor allem der gebrochene Finger fühlte sich an, als hätte er sich in ein glühendes Kohlestück verwandelt. Mein Herz raste und ich hätte mich beinahe übergeben. Von weiter oben konnte ich René triumphierend lachen hören. Obwohl er mit Bedacht abstieg und den Hand in längeren, flachen Serpentinen querte, kam er näher. Er wusste, er hatte gewonnen. Ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Er würde mich gleich einholen und dann würde er mir mit dem großen Fahrtenmesser, das er trotz der Gefahr, sich selbst aufzuschlitzen, in der Hand hielt, den Rest geben.

Doch gleichzeitig wurde mir klar, dass er mich niemals erreichen konnte, wenn ich das nicht wollte. Dies war Rubens Welt und nicht meine. Hier war ich ein gottgleiches Wesen, dessen Willen die Berge, die Erde und alles Leben auf ihr unterworfen waren. Ich konnte sie mit einem Fingerschnippen auslöschen oder unter meinen Befehl bringen. Das galt zwar nicht für meinen Verfolger, denn ich hatte ihn ja aus meiner Welt mitgebracht, aber ich konnte doch zum Beispiel den Grund unter seinen Füßen beeinflussen und dann war er es, der haltlos in die Tiefe stürzte. Nein, Gewissensbisse hatte ich nicht, mir ging es nur ums Überleben. Ich atmete tief ein und versuchte meinen jagenden Puls zu beruhigen, dann konzentrierte ich mich, versuchte in meiner Vorstellung ein Bild davon zu malen, wie ich meine Umgebung verändern wollte. Ich war nicht in der Lage, mich so tief in mich selbst zu versenken, um wie im vorigen Sommer Großes zu bewirken und ganze Landschaften zu formen, aber der plötzlich unter Renés Füßen auftauchende kleine Spalt im aufsplitternden Gestein genügte vollkommen. Er stolperte im vollen Lauf und vollkommen überrascht in ihn hinein, fand keinen Halt, weil sich plötzlich alle Äste der Lärchen zur Seite bogen und kugelte anschließend rechts von mir den Steilhang hinunter. Die Erde unter seinem Körper hatte sich in eine matschige Rutschbahn verwandelt, auf der es für ihn kein Bremsen gab. René spuckte und fluchte, als er vorn über auf dem Bauch liegend an mir vorbei schlitterte und tief unten vom Unterholz und der Nacht verschluckt wurde.

Das war das letzte Mal für lange Zeit, dass ich René sah. Er verschwand auf diese groteske Weise aus meinem Leben und tauchte erst viel später wieder auf, als ich kaum mehr an ihn dachte. Lange war ich der Meinung, der von mir verursachte Sturz hätte ihn getötet, aber das stellte sich als Irrtum heraus. Doch diese Geschichte will ich dir heute nicht erzählen, Abakoum. Die habe ich für den anderen Tag aufgehoben. Ich will dir berichten, was mir weiter geschah.

Der Einsatz meiner Kräfte hatte noch etwas bewirkt, eine Veränderung, die ich nicht bezweckt hatte, die mir aber das Leben rettete. Plötzlich flirrte die Luft um mich und zum ersten Mal konnte ich es wie treibende Spinnenfäden im Licht glitzern sehen: Es waren die Bande, die die Welten miteinander verschnürten. Es waren wirklich nur schmale Fädchen, wie zufällig von einer Rolle Nähgarn abgerollt und im wie willkürlich im Wind tanzend. Sie tauchten auf und verschwanden mit einem Blinzeln, als wären sie der durchsichtige Staub in der Tränenflüssigkeit meiner Augen. Aber ich spürte mein Ziel. Es war links von mir im Wald. Dort manifestierte sich mein Wunsch, gerettet zu werden und nach Hause zurück zu finden in einem Übergang von Rubens Welt in eine andere. Damals hoffte ich noch, es wäre meine eigene, doch es sollte sehr viele Jahre dauern, bis ich wieder zu ihr zurück fand. Da ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, Renés Schicksal zu teilen, formte ich mit meinem Willen einen bequemen Wanderweg, der den Steilhang kreuzte. Auf ihm humpelte ich der Stelle zwischen zwei Bäumen entgegen, durch die ich diesen grauenvollen Ort verlassen konnte.

Wohin würde er mich führen?

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