Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Am Wegesrand (XVIII) – Kurz in Tübingen

Frau Klammerle und ich waren über das Wochenende im tiefsten Schwaben, um unserem Sohn Nr. 1, der im provinziellen und leicht muffigen Tübingen seinen Master in Mikrobiologie machte und allhier seine erste Stelle antrat, ein Carepaket zu überbringen, da ihn seine erste Woche im echten Arbeitsleben doch recht mitgenommen hat. Das pfahlbürgerliche Städtchen zeigte sich dabei zumindest vom Wetter her betrachtet von seiner besten Seite.

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Frau Klammerle hat ein Händchen für Postkartenmotive, die sie begeistert mit ihrem Smartphone einfängt und über WhatsApp mit aller Welt teilt. Seit jedoch ein hartnäckiger Fettfleck auf der Linse ihrer Kamera klebt, geraten sie ihr immer etwas kitschig und sehen ein wenig nach Standbildern aus dem Film Bilitis aus. Im Hintergrund, hinter Stocherkahn und Neckararm, ist übrigens der kleine Turm zu erkennen, in dem Hölderlin bis zu seinem Tod 35 Jahre lange Jahre in geistiger Umnachtung  hauste.

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Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
    Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
        Auch da mein Neckar nicht mit seinen
            Lieblichen Wiesen und Uferweiden.
(aus: Hölderlin, Neckar)

Im Übrigen gelingt es mir nur selten, Frau Klammerle davon zu überzeugen, ihre Landschaftsaufnahmen im Querformat zu machen, sie knipst in aller Regel hochkant.

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Da die Nächte schon empfindlich kalt sind und die japanischen Touristen längst in ihren Hotels, die Erstis sich noch nicht aus ihren WG’s trauen und die älteren Semester sich in den wenigen Altstadtkneipen frierend aneinander kuscheln und übereinander stapeln, ist Tübingen nach Sonnenuntergang geradezu gespenstisch leer. Viel Fachwerk gibt es dann ganz unverstellt von Menschentrauben zu bestaunen – ganz putzig, wenn man das mag – und man hat ständig das Gefühl, Ludwig Uhland und Wilhelm Hauff treten gleich Arm in Arm aus der nächsten Weinstube.

Wer nicht auf Studenten-Fastfood, Maultäschle oder Linsen mit Spätzle steht, der tut sich in der kulinarisch etwas zurück gebliebenen Region übrigens recht schwer, besonders, wenn er wie ich Vegetarier ist. Auch die Unterkünfte haben den etwas schimmlig-eichenrustikale Flair der Achtziger Jahre, in denen sie entstanden und seitdem nicht mehr renoviert wurden.

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Im Übrigen entsteht doch trotz schöner Buchhandlungen der Eindruck, dass Trollinger und „Schwäbischer Whisky“ nicht gerade zur Rechtschreibsicherheit der Tübinger Händler beitragen.

Ich glaube, ich werde in der nächsten Zeit noch häufiger nach Tübingen fahren …

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