Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil VIER)

Zweites Kapitel
Evastöchter

Gitta wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Dabei sah sie ärgerlich über die Spüle hinweg aus dem Küchenfenster, durch das sie ihren Mann im Garten sitzen sah. Er war nur mit Bermuda-Shorts bekleidet und hatte sich einen Liegestuhl in den Schatten einer Konifere geschoben. Lässig studierte er ein paar Bögen Papier, die er heute aus dem Büro mitgebracht hatte. Neben ihm im dürren, ungepflegten Gras stand eine fast leere Bierflasche. Sie bemerkte, dass er ab und an nickte und zufrieden lächelte. Was auch immer er las, es war offenbar die Ursache seiner guten Laune. Gitta spürte es mit dem sicheren Instinkt einer Ehefrau. Benjamin beschäftigte sich mit einem Geheimnis und hing Gedanken nach, die er nicht mit ihr teilen wollte.

Sie hatte vor einer Stunde beim gemeinsamen Einkauf vorsichtig versucht, ihn über die außergewöhnliche, fast euphorische Stimmung, die er aus der Arbeit in den Feierabend mitgebracht hatte, auszuforschen. Aber Sapher war ihr lachend ins Wort gefallen und hatte nach einer schwammigen Andeutung, mit der sie nichts anzufangen wusste, beharrlich geschwiegen. Auf ihre weiteren Fragen reagierte er plötzlich unfreundlich und gereizt. Gitta, die wusste, wann es im Gespräch mit ihrem Mann besser war, das Thema zu wechseln, hatte mit den Schultern gezuckt und begonnen, von dem arroganten Verhalten einer Arbeitskollegin zu erzählen. Sie hatte dabei nicht den Eindruck, dass Benjamin ihr zuhörte. Trotzdem hätte sie gern gewusst, warum er sich so seltsam benahm und was ihn veranlasst hatte, ein paar Flaschen teuren Champagner zu kaufen, was er sonst nur tat, wenn eine Feierlichkeit ins Haus stand.

Benjamin lachte laut. Gitta konnte ihn durch das geöffnete Fenster hören. Kopfschüttelnd machte sie sich wieder an den Abwasch der sperrigen Geschirrstücke, die gestern Abend nicht in der Spülmaschine Platz gefunden hatten. Wie häufig ärgerte sie sich, als sie ihre mit Gummihandschuhen geschützten Hände in das heiße, fettige Wasser tauchte. Sie als Frau hielt den Schwarzen Peter in der Hand und machte in der Schwüle der Wohnung Hausarbeiten, während ihr Mann seine Freizeit mit einem kühlen Getränk im Schatten eines Baumes genießen konnte. Freilich war sie ein wenig unfair. Es war nicht Benjamin, der sie dazu zwang, jetzt abzuspülen, sondern sie selbst. Obwohl sie vieles wichtiger nahm als die Staubschicht auf den Möbeln und häufig etwas liegen ließ, gab es Dinge und Orte in der Wohnung, bei denen Gitta Wert auf Sauberkeit legte. Die Küche gehörte zu ihnen. Sie hatte eine weitaus niedrigere Toleranzschwelle gegen Unordnung als ihr Mann, der, falls er auf sich allein gestellt wäre, wahrscheinlich völlig verwahrlosen und verhungern würde. Er war der typische faule Sohn einer fleißigen Mutter, die seine ganze Jugend lang ausdauernd und märtyerinnenhaft hinter ihm her räumte. Am Beginn der Ehe hatte sich Benjamin noch überwunden und häufig mitgeholfen, die Wohnung in Ordnung zu halten, aber dann war stufenweise und langsam – von Gitta selbst kaum bemerkt – die Sitte eingekehrt, ihr die täglichen Arbeiten des Haushalts zu überlassen. Die Gewöhnung ist der Feind der Emanzipation, dachte sie. Doch der heutige Tag war viel zu heiß für einen Streit. Es lohnte sich nicht, deshalb erneut in Rage zu geraten.

Gitta Mammensohn-Sapher war über zwei Jahre jünger als ihr Mann. Sie war nicht sehr groß und hatte, obwohl sie keinesfalls dick oder auch nur rundlich war, die Angewohnheit vieler Frauen, immer ein Auge auf ihrem Gewicht zu haben und tausend Diäten zu beginnen – was sie allerdings nicht daran hinderte, ohne schlechtes Gewissen einem regelmäßigen Heißhunger auf Schokolade zu erliegen. Wenn ein Autor sie mit Eva Rothschädl hätte vergleichen wollen, so standen die beiden in einem Gegensatz wie die Frauenhauptrollen einer Mozart-Oper; die eine war wie die Heldin dunkelhaarig, geheimnisvoll und von einer sanften, nicht beschreibbaren Tragik umgeben, Gitta hingegen, die Buffo-Rolle, war ein blondes, freundliches Pendant zu Saphers Kollegin, nicht so unnahbar schön wie diese, aber auf ihre Art attraktiv, dabei fraulicher, sympathisch und offen.

Bekannte der Eheleute stellten immer wieder staunend fest, wie perfekt Gitta und Benjamin zueinander zu passen schienen. Diese Meinung hatte ihre Ursache in Äußerlichem, dem fast identischen Rotblond beider Haare und einer Ähnlichkeit in Bewegungen und Ausdrucksweise, wie sie häufig bei seit langer Zeit in engem Kontakt stehenden Personen zu bemerken sind. Dennoch war das Paar, das sich während der Schulzeit bei einem Tanzkurs kennengelernt hatte, charakterlich so verschieden, wie zwei Menschen es nur sein können. Gitta war ein kontaktfreudiger, offenherziger und warmer, dabei leicht beeinflussbarer Mensch, den das tragische Ende eines Fernsehfilms auch dann noch zum Weinen brachte, wenn sie ihn zum dritten Mal sah. Sie war überall beliebt und willkommener Gast, konnte sich vor der Vielzahl ihrer Freundinnen und Bekannten kaum retten und verbrachte viele Nachmittage am Telefon, um sich – wie es ihr Mann einschätzte – über Belanglosigkeiten auszutauschen. Weitaus selbständiger und wahrscheinlich auch intelligenter als Benjamin, der keinerlei nähere Freunde hatte, hatte sie ihn völlig in der Hand, bestimmte alle Aktivitäten des täglichen Lebens der beiden und riss ihn immer wieder hartnäckig aus seinen häufigen, lethargischen Stimmungen. Er ließ sich dieses Gängelband willig gefallen, da er ihr aufrichtig zugeneigt war und selbst ideenlos zur Passivität neigte. Der einzige, allerdings bereits pathologisch zu nennende Ehrgeiz, den er besaß, war sein Fortkommen in seiner beruflichen Karriere.

Gitta hatte sich nie mit dem Hausfrauendasein zufrieden gegeben und auch dann noch regelmäßig gearbeitet, als Sapher seine Ausbildung beendet hatte, die beiden heirateten und er mit seinem Gehalt ausreichend für die Familie sorgen konnte. Sie hatte eine komplette Lehre als Handelskauffrau in der Tasche, suchte sich aber meist ihrem erlernten Beruf wesensfremde und möglichst kurzfristige Jobs. Sie bescherten ihr die Abwechslungen und die neuen Bekanntschaften, die sie sich wünschte und brachten ihr zudem ein Taschengeld für ihre Hobbys ein. Denn neben diesen in der Regel Halbtagsjobs und ihren häufigen Treffen mit Freundinnen verzettelte sie sich auch noch hoffnungslos in einer Vielzahl von handwerklichen Steckenpferden, die die Ein-Familien-Haushälfte der beiden oft genug in ein kreatives Chaos stürzten. Gitta töpferte, nähte Puppenkleider und Teddybären, schnitt Fensterbilder, malte leidenschaftlich in Öl und Aquarell, dilettierte am Klavier und züchtete Tomaten im Gartenanteil, besuchte in der Volkshochschule Kurse über Ikebana oder Teppichknüpfen. Ihr neuestes Hobby war es, im Laientheater von Waldkirch, das zumeist bäuerliche Lustspiele zur Aufführung brachte, an den Bühnenbildern und den Kostümen mitzuwirken und kleinere Rollen zu übernehmen.

Sapher hatte für all diese, wie er dachte, nutzlosen und teilweise recht teuren Beschäftigungen wenig Verständnis, ließ seine Frau aber frei gewähren, da sie alles mit ihrem eigenen Geld finanzierte und offensichtlich genau auf diese Weise glücklich war. Oft dachte er, dass sie ihre Kinderlosigkeit zu all diesen Hobbys trieb; aber obwohl die beiden seit geraumer Zeit ohne Schutz miteinander Verkehr hatten, bekam Gitta ihre Regel pünktlich und wurde nicht schwanger. Noch wollten sie nicht an die aus dieser Tatsache resultierenden Konsequenzen oder gar an einen Arztbesuch denken.

Die Vielzahl ihrer Beschäftigungen war vielleicht nur eine Ablenkung von ihren Problemen war, dessen war sich auch Gitta durchaus bewusst. Aber nach ihrer Meinung war der Grund nicht darin zu suchen, dass sie nicht schwanger wurde; denn sie war unschlüssig, ob sie es überhaupt werden wollte. Sie war nämlich zu der Auffassung gelangt, für Kinder sei auch eine gute Ehe erforderlich und ihrer konnte sie – nüchtern betrachtet – unmöglich dieses Prädikat geben. Benjamin sah es vielleicht anders. Aber die beiden tauschten sich über solche Dinge niemals aus, wie sie überhaupt nur selten über das Alltägliche hinaus mit einander sprachen. Die anfängliche Zuneigung, möglicherweise auch Liebe, die Gitta zu ihrem unauffälligen Mann noch in der Zeit, als sie heirateten, empfunden hatte, hatte sich immer mehr abgeschwächt und sich in eine durch den alltäglichen Umgang entstandene Gleichgültigkeit gewandelt. Seit die beiden durch die Aufnahme einer großen Schuldenlast ihre Haushälfte, die einmal ein gemeinsamer Traum gewesen war, gekauft hatten und Beständigkeit in ihre Beziehung eingekehrt war, war Gitta immer deutlicher geworden, wie sehr ihr Mann sie langweilte und sie mit seinem Verhalten ärgerte. Es war noch keine Abneigung, die Gitta ihm gegenüber fühlte – in ihr war nur Leere, wenn sie an ihn dachte. Aber sie fragte sich manchmal erschrocken, was sie überhaupt noch mit ihm verband und wie lange es noch dauern würde, bis sie begänne, ihn abzulehnen, gar zu hassen.

Was ihre Emotionen für Benjamin in der Hauptsache hatte abkühlen lassen, war zum Einen die Tatsache, dass er sich nicht mehr wie früher um sie bemühte. Er zeigte nicht einmal Eifersucht, wenn sie, um ihn zu ärgern, bei einer Feier mit einem gemeinsamen Bekannten flirtete. Schlimmer noch war ihr, dass er kein einziges ihrer kunsthandwerklichen Interessen teilte oder doch zumindest Anteilnahme vortäuschte. Er bemerkte nicht einmal, wenn sie neue Vorhänge für das Wohnzimmer schneiderte oder in ihrer persönlichen Gemäldegalerie im Flur die Bilder austauschte. Sie hatte oft den deprimierenden Eindruck, sie sei für ihn ein zwar lebendiger, aber nicht weiter ernst zu nehmender Einrichtungsgegenstand, einem äußerst vielseitigen Haushaltsgerät vergleichbar, mit dem er auch noch Sex haben konnte. Solch eine Ehe war entschieden nicht das, was sie sich ausgemalt hatte, als sie als Siebzehnjährige mit ihrer Freundin Clara Szczesny Pläne für ihr Leben geschmiedet hatte.

Seit geraumer Zeit dachte Gitta über die Konsequenzen ihrer Erkenntnisse nach. Immer wieder fiel ihr die Scheidung ein. Oft stand dieser Gedanke im Hintergrund ihrer Handlungen und ihrem Verhalten gegenüber Benjamin. Er wurde aber nie so bestimmend, um bei Gesprächen mit ihrem Mann oder einer Freundin auch nur den Schatten einer Andeutung fallen zu lassen. Ihr Charakter zwang sie, zuerst die Schuld bei sich zu suchen. Ihr Leben mit Benjamin war deshalb von Selbstvorwürfen geprägt.

So dachte sie immer, wenn er sie wieder vor den Kopf gestoßen hatte, sie nicht an seinem Leben teilnehmen ließ und den Fernseher einer Unterhaltung vorzog, dass sie ihm vielleicht Unrecht tat. Er arbeitete viel, um die Schulden abzahlen zu können und hatte zudem Probleme mit seiner ihm so wichtigen Karriere im Amt, die nicht in den Bahnen, die er sich als Ziel gesetzt hatte, verlief. Selbstverständlich war er deshalb oft unzufrieden und gereizt, am Abend abgespannt und interesselos. Da verlangte sie von ihm, zu ihr liebenswürdig zu sein und fragte sich gleichzeitig, wann sie ihm zuletzt ein freundliches Wort gesagt hatte? Sie beklagte sich, dass er für ihre Hobbys kein Interesse zeigte, brachte aber selbst seiner Arbeit keine entgegen. Noch während sie solche Gedankengänge entwickelte, erkannte sie mit fast schmerzender Deutlichkeit: Es lag allein an ihm, dass aus ihrer Ehe innerhalb weniger Jahre ein unverbindliches, fades Nebeneinander, manchmal sogar ein Gegeneinander geworden war. Wie oft stieß er sie zurück, wenn sie sich ihm näherte!

Gitta zog die engen Handschuhe aus und nahm gerade ein Geschirrtuch in die Hand, um die gespülten Töpfe abzutrocknen, als energisch an der Haustür geläutet wurde. Sie sah überrascht auf die Küchenuhr. Es war inzwischen zehn vor acht und noch zu früh für Clara, mit der sie am Abend Musik machen wollte. Clara war erst zu erwarten, wenn sie ihre kleinen Kinder ins Bett gebracht hatte, also frühestens gegen halb neun. Gitta sah zu Benjamin hinaus, er hatte sich nicht bewegt und das Klingeln wahrscheinlich überhört. Deshalb ging sie selbst öffnen und prallte einen Schritt zurück in den Hausgang.

Dass ausgerechnet der Doktor Klammer, Benjamins zynischer Vorgesetzter, in aufgeräumter Stimmung vor ihr stand, hatte sie erschreckt. Sein graues, immer staubfrei glänzendes BMW-Cabrio stand schlecht geparkt hinter ihm halb auf dem Gehweg. Sie war Klammer schon bei ein paar Gelegenheiten begegnet und Sapher hatte ihn auch schon einmal zum Essen mit nach Hause gebracht. Der Mann war ihr aber von Grund auf unsympathisch. Hätte sie die Ursache ihrer Abneigung in Worte fassen müssen, hätte sie sich freilich schwer getan, denn der Doktor verhielt sich ihr gegenüber immer vollendet korrekt, zuvorkommend und freundlich, wenn auch übertrieben geschwätzig. Seine exzentrischen Unarten, seine Überheblichkeiten und seine böswillige Menschenverachtung kannte sie nur aus Benjamins Erzählungen. Trotzdem war etwas in seiner Art und vor allem seinem Blick, mit dem er sie abschätzte und, die Lippen gespitzt, halb lächelnd begutachtete, das sie instinktiv abstieß. Seine Nähe verunsicherte sie, machte ihr sogar ein wenig Angst. Sie traute Klammer jede sexuelle Perversion zu, obwohl sie wusste, dass das wahrscheinlich ein kindisches Vorurteil war.

In unbewusster Abwehr wich Gitta noch einen Schritt in den Gang zurück, als Klammer ihr freundlich zunickte und einen nicht allzu frischen, in knisterndes Zellophan gewickelten Blumenstrauß überreichte. Sein Händedruck war fest und trocken.

»Guten Abend, Frau Mammensohn-Sapher«, sagte er, ihren Doppelnamen mit Nachdruck betonend, als wolle er eine nur ihm verständliche Beweisführung abschließen. »Ich habe meine kleine Verspätung zu entschuldigen, aber ich konnte mich nicht zeitiger freimachen. Eine Besprechung mit dem Herrn Direktor Hesz dauerte leider doch länger als erhofft. Bei diesem extremen Wetter war das kein Vergnügen, das können Sie mir glauben. Ich komme direkt aus der Arbeit.« Er deutete auf die hässliche, graue Aktentasche, die er unter den linken Arm geklemmt hielt. »Ich hoffe, Ihr Mann ist nicht ungeduldig geworden.«

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