Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 23)

[Zum ersten Teil]

»Ich bin gebührend neidisch und beeindruckt«, er­widerte ich, seinen indignierten Tonfall nachah­mend. »Auch wenn ich nicht so ganz verstehe, war­um du nicht gerade begeistert klingst. Hast du dir etwa nicht wie wir alle Ruhm und Reichtum ge­wünscht?« Nix zog verächtlich einen Mundwinkel in die Höhe und sog pfeifend Luft durch die Nase ein.

»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich wünsche. Wir leben in einem Land, in dem es mir körperlich gar nicht schlecht gehen kann. Wo ich so­gar mit einer tödlichen Krankheit ganz gut leben kann. Das hat aber doch wohl mit dem Kunstmachen nichts zu tun, oder? Es schließt einander beinahe aus. Das ist ein innerer Zwang, eine entnervende Qual in mir und kein beliebiger Broterwerb. Das ist ein schrecklicher Ge­danke. Im Gegenteil, wenn ich es mir ernsthaft überlege: Die Vorstellung, von meiner Kunst wirklich leben zu müssen, macht mich krank«, stellte er fest und sah mich dabei tatsächlich erstaunt an, als wäre dieser Gedanke für ihn selbst eine Neuigkeit. Ich fragte mich, wovon er dann lebte, wenn nicht von seinen Bildern. Hielten ihn seine reichen Verwandten aus? »Das wollte mein Vater immer«, ergänzte er. »Künstler zu sein, sagte er oft, sei die sicherste Art zu verhungern, nicht die schnellste, aber die sichers­te. Für ihn war nur ein reicher Künstler ein guter Künstler.« Er lachte bitter. »Kaufleute! Alles muss sich rechnen.«

»Du hast in deinem Artikel, den du mir vor einiger Zeit zum Lesen gegeben hast, kaum von deinen El­tern ge­sprochen; das habe ich vermisst. Dabei beein­flussen sie doch im Positiven wie im Negativen wie kaum je­mand anderes in den frü­hen Jahren deine Entwicklung. Ob nun mit ihren Genen oder ihrer Er­ziehung, das sei dahinge­stellt. Das sollen die Entwicklungspsychologen unter sich ausmachen. Was für ein Mensch ist denn zum Beispiel dein Vater?«, fragte ich und klang, ich weiß, schrecklich nach Reporter. Ich muss auch zugeben, mich bewog dazu ein profes­sionelles, – ein halb journalistisches und halb literarisches – Interes­se dazu bewog: Vielleicht schenkte er mir noch einmal den Stoff für eine Geschichte. Doch diesen Gefal­len tat er mir nicht.

»Mein Vater ist seit drei Jahren tot«, antwortete Nix fest und trank von seinem Wein. Eine Pause entstand. »Das ist das Beste, was ich von ihm sagen will und auch das Einzige. Im Übrigen glaube ich nicht an die Delega­tionsthese von Stierlin«, fuhr er fort, da mir anzumerken war, dass ich doch noch ein wenig mehr hören wollte.

»Und deine Mutter?«, hakte ich nach. Ein weiteres Mal verstand ich nicht, was er mir eigentlich sagen wollte.

»Gott! Mutter!«, entrüstete er sich. »Wollen wir aus­gerechnet über meine Mutter reden? Als ob es nichts Inter­essanteres gäbe. Sind wir heute deswegen hier? Hätte ich der Öffentlichkeit etwas über meine El­tern sagen wollen, dann hätte ich das in meinem Aufsatz getan, der im Übrigen noch nicht einmal veröffentlicht ist, weil der Chefredakteur bei Metro­polis schon nach der ersten Aus­gabe gewechselt hat. Glaube mir, Georg, ich habe nicht vor, den Leuten die langweilige Wahrheit zu erzählen. Die wollen sie nicht von mir haben. Sie sehen meine Kunst und wollen dazu passende, spannende Geschich­ten hö­ren. Wichtig ist das Bild, das sie von mir gewin­nen, die Mystifikation ist ein unverzichtbarer Teil des Kunstwerks.« Er stockte, kaute nachdenklich an einem Fingernagel. Dabei sah er abgelenkt im Raum herum. Ich blieb stumm, denn ich musste das Gehörte ver­dauen. »Ich glaube auch: Jeder weiß, dass das zum Spiel ge­hört«, sagte er nach einer Weile, aufmerksam ein Plakat an der Wand begutach­tend und dabei meinen neugierigen Blick ausweichend. Dann schüttelte er den Kopf. »Meine Mutter; ausgerech­net.«

»Dann … dann hast du in deinem Aufsatz gelogen? Dei­ne Kindheit war überhaupt nicht so, wie du sie be­schrieben hast? Das war nur ein … ein Märchen?«, fragte ich erstaunt und zweifelnd. Nix wandte mir seine Auf­merksamkeit wieder zu und betrachtete mich interes­siert.
»Du klingst entsetzt. Hast du tatsächlich geglaubt, mei­ne Jugend wäre so grauenvoll verlaufen? Du bist naiver, als ich dachte.« Er lachte erneut, diesmal spöttisch. »Weißt du denn nicht, dass jede autobio­grafische Auf­zeichnung gelogen ist und das nicht einmal bewusst? Unser Gehirn betrügt uns ständig, es ist gezwungen, zu interpretieren und fügt deshalb andauernd die Bilder unser Vergangen­heit auf Kosten der Wahrheit zu einem einigerma­ßen sinnvoll erscheinenden Puzzle zusam­men. Des­halb stimmen Erinnerungen nur selten mit dem wirklich Erlebten überein. Das nennt man Kryptomn­esie.« Nix erzählte mir noch einiges zu diesem Thema, er schien gerade einen Zeitungsartikel darüber gelesen zu haben. Aber ich hörte ihm kaum zu. In diesem Moment war ich wirklich beleidigt und böse auf ihn. Dann aber fiel mir ein, dass es für mich vielleicht das Beste war, wenn er seine Jugendgeschichte erlo­gen hatte. Wenn dies so war, was ich allerdings be­zweifelte, konnte er mir nicht böse sein, dass ich mich mit meiner Erzählung an seinen erfundenen Geständnissen orientiert hatte.

»Aber ich kann dich beruhigen«, fuhr er abschlie­ßend fort, »ein wahrer Kern bleibt bestehen. Ist das Ganze auch nicht wahr, habe doch ich es erfunden: Das Gefühl zumindest ist echt, es ist der faule Kern der schönen Frucht. Um es mit Augustinus zu sa­gen, ist dies alles eben auf eine Weise wahr, weil es auf eine andere Weise falsch ist.«

»Du wolltest mich sprechen«, erwiderte ich, kühl das Thema wechselnd. Er ging sofort darauf ein und nickte nachdenklich.

»In der Tat. Weißt du, wer alles in der Jury der Weis­sensteinerlesungen sitzt? Ich meine, außer dem Klammer na­türlich, dessen Protegé du bist«, fragte er. Mir wurde et­was unbehaglich zumute. Die Na­men der  Jurymitglie­der waren im Gegensatz zu de­nen der lesenden Auto­ren noch nicht öffentlich be­kannt gegeben worden. Das war Tra­dition und sollte Ein­flussnahmen vor Beginn ausschlie­ßen. Ich sagte ihm dies. Ob Theresa ihr Versprechen ge­brochen und er meinen Text wohl doch gelesen hatte? Nix zuckte mit der Schulter.

»Da zeigt es sich, dass sich eine Verwandtschaft mit dem Kulturreferenten lohnt. Ich kenne die Jury«, er­widerte er gelassen. »Mein Onkel hat mich in die Liste ih­rer Mitglieder und der anderen Teilnehmer sehen las­sen. Ich war sehr überrascht. Du hast also noch keine Ahnung?« Ich verneinte.

»Neugierig?« Ich nickte unwillig und schürzte die Lippen. Muss­te er mir eigentlich immer wieder demonstrieren, wie überle­gen er war? So schafft man sich keine Freunde. »Weißt du, wer Karl Maria Pauli ist?« fragte er und lehnte sich bequem zurück.

»Du hast mir von ihm erzählt. Er ist dein Großva­ter.«

»… und einer der reichsten Männer der Stadt, ge­nau. Er ist der Vertreter der Wirtschaft in der Jury.«

»Versteht er denn etwas von Literatur?«, fragte ich, denn ich hatte den Namen dieses Mannes in Zusam­menhang mit Kunst noch nie gehört. »Oder ist es nur die übliche Augsburger Klüngelei?«

»Beides. Die Follia-Werke, deren Vorsitzender mein Opa war, haben in diesem Jahr aus Reklamegrün­den vor, bei den Weissensteiner-Lesungen einen ei­genen Preis auszusetzen, fünftausend Mark, um ge­nau zu sein. Das ist nicht überwältigend, aber um sich einen Ruf als Kunstförderer zu besorgen, reicht es aus. Kein Image ist billiger zu haben. Natürlich muss deshalb jemand aus dieser Firma dabei sein. Da mein Opa ein sehr distin­guierter, älterer Herr ist, zudem nicht zur Gänze unbe­rührt von Literatur­kenntnissen, ist er der ideale Mann, seine Firma zu repräsentieren«, führte Nix aus. Ich schnalzte er­freut mit der Zunge.

»Dann lohnt es sich diesmal also auch finanziell, an den Lesungen teilzunehmen«, stellte ich fest und er­freute mich an dem Wunschtraum, von den ausge­setzten Gel­dern einen Anteil in die Hände zu bekom­men. Na­türlich war diese Vorstellung nur eine Schi­märe, denn je­mand, der zum ersten Mal teilnahm, konnte nicht ge­winnen, selbst wenn das Werk, aus dem er las, besser war als das der anderen und nobelpreisverdächtig. Ich habe es schon erwähnt: So funktioniert das hier nicht, nicht in der Musik, nicht in der Malerei und vor al­lem nicht in der Literatur. Ich konnte mich nur zu gut an die Ausführungen Favelkas zu diesem Thema erinnern. Und Nix zerstörte auch so­fort meine Hoff­nungen:

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

[Zum 24. Teil …]

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