Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

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