Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.4)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Omicron – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus ei­nem der vielen Okulare des langsam heran­rollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Or­gan den Schmerz ausgelöst hatte. Omicron beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Ku­gelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfin­ger entnahm er vom ihm entge­gengestreckten Oberarm der Stu­dentin flink ein wenig Blut. Über seinem Haupt tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin ge­zaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der soge­nannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunder­werke schwebten durch energetische Gravitationsfel­der frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia we­gen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärm­chen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Dia­gnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu kompli­zierten Operationen und aufgrund ihrer beeindrucken­den künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufga­ben übernehmen. Der Omicron der Studentin war al­lerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor al­lem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rech­nern der Universitätsklinik die fragile Ge­sundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Omicron, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blut­druck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln ver­abreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringen daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Ju­gend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Ver­schlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt wor­den. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterzie­hen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stun­den und beeinträchtig­te ihren Alltag kaum. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergif­tung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch ei­nen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

In Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortge­schrittenen Jahrhundert, in dem die Menschen den Mars und die Jupitermonde besiedelt hatten, zentral gesteuerte Roboter alle niederen Arbeiten erledigten und die 2MC einen neuen Erdtrabanten im Orbit kon­struierte – eine gewaltige Dyson-Späre wurde dort oben gebaut, eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner –, schien alles möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hun­gern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und ei­ner Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumin­dest für die wenigen Unsterblichkeit verprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moder­ne Kryotechnik als eine Möglich­keit, ihn lange hinaus­zuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krank­heiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem sel­tenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die re­gelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtund­dreißig Milliarden Menschen auf der Erde si­cherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Stu­dentin stand weit unten auf der Empfän­gerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nach­dem ihre finanziellen Quellen durch den Unfall­tod ihrer Eltern vor drei Jahren nahe­zu ver­siegt waren. Die Gelder von der Pflichtkranken­kasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Me­dikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge wa­ren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeu­tendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studie­ren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übri­gens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerich­tet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmer­zen nachließen. Die Injektionen von Omicron zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu in­formieren, auch einen Stimmungsaufheller verab­reicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterun­gen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hat­ten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch et­was in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fo­tografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Strai­fer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetz­liche Unglück überlebt hatte, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hat­te, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Pri­vatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studen­tenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie Omicron an ihre Seite und trat kurzentschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im langgezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flü­gel des Stockwerk, aber sie war mit ihrem goLEM völ­lig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutz­räumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Omicron hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhl­türen blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Ge­bäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu ei­nem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT emp­fiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussi­cherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Omicron! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdge­schoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemer­ken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch ge­meint war. Brav machte er sich an die Beantwortung:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit bei­behältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekun­den benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Au­ßerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiter­kommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Omicron – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funkti­on.«

[Zur Fortsetzung …]

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